Das Familienerbstück
Nein! Diskutiere nicht mit mir, Mama! Ich werde es trotzdem tun!
Mariechen, warum denn bloß? Kannst du mir bitte erklären, warum du das willst?
Deshalb, weil er jedes Mal eine Minute vor mir ins Zimmer kommt! Weil ich mich im Spiegel nicht ertragen kann! Weil ich mein Leben so nie auf die Reihe kriege! Ohne Mann, ohne Kinder! Verstehst du das wirklich nicht, Mama?! Maria brach in Tränen aus und warf ihre Haarbürste nach dem verdutzten Karlo.
Das Kissen, das Karlo gerade energisch mit seinen Krallen bearbeitete, war einst von Maria eigenhändig bestickt worden. Eigentlich war es als Geschenk für die Oma gedacht gewesen, doch ein großer Streit hatte die Familie Berg in zwei unversöhnliche Lager gespalten seitdem blieb das bestickte Kissen bei Maria, wurde aber oft zum Spielzeug ihres ungestümen Katers.
Der dicke Kater war durch Maria ins Haus gekommen sie hatte ihn einmal aus den Händen einiger wilder Jungen aus dem Hof gerettet, die dem Tier allerlei angetan hätten. Mit ihrem Notenordner unterm Arm hatte sie sich ihnen entgegengestellt, und tatsächlich: Trotz ihrer Zartheit und ihrer Musikbegeisterung wie die Mutter es sich wünschte war Maria, ganz wie ihr Vater es wollte, Trägerin eines schwarzen Gürtels in Karate. Die Trophäen im Regal erinnerten sie immer wieder daran, wie wenig sie Ordnung halten mochte, während ihre Mutter die Pokale als Quelle von Marias Selbstbewusstsein betrachtete.
An jenem Tag war Maria besonders aufgebracht, als sie Karlo nach Hause brachte. Ihr Herz war schwer, denn jedes Mal, wenn sie bei Proben auf Alexander traf ihren Studienfreund aus Kindheitstagen, den sie seit der Grundschule kannte verlor sie völlig den Faden. Sie hatten sich den Sommer über nicht gesehen und nach seiner Rückkehr war da diese neue, verwirrende Nähe. Als Alexander sie aus Gewohnheit umarmte, hätte sie ihn früher einfach weggestoßen diesmal aber blieb sie ruhig, still und genoss sein warmes Lächeln und seine Hand auf ihrer Schulter. Nie zuvor hatte Maria so etwas empfunden: gleichzeitig Glück und tiefe Unsicherheit.
Sie traute sich nicht, ihrer Mutter davon zu erzählen. Das Verhältnis zwischen Maria und ihrer Mutter war kompliziert: Sie liebten sich zwar innig, doch beide hatten einen starken Willen. Ihre Streitereien waren von einer kühlen Stille geprägt, in der sich jede in ihr Zimmer zurückzog und das Haus plötzlich ganz ruhig wurde.
Kultureller Kleinkrieg, pflegte Marias Oma zu sagen, bevor der große Streit der Familie alle Bande zerschnitt. Phänomenale Dummheit! und Maria stimmte ihr insgeheim zu, schaffte es aber selbst nicht, aus den alten Mustern auszubrechen. Meist ging Maria als erste wieder auf ihre Mutter zu, um die Stimmung zu retten.
Maria wusste, wie sehr ihre Mutter Albina sie liebte mit einer Kontrolle, die an Besessenheit grenzte. Deshalb durfte Maria kaum ohne Eltern verreisen, nie ins Ferienlager, und Freundschaften sollte sie nur mit ausgewählten Kindern aus dem Bekanntenkreis ihrer Mutter schließen. Doch diese Freundinnen waren ihr fremd die eine neckte sie ständig, der andere zerstörte ihr Plüschtier. Wenn Oma und Mutter darüber stritten und die Oma der Mutter ins Gewissen redete, prägte sich Maria einen Satz ganz besonders ein: Mama! Ich bin nicht dein Eigentum! Das brachte Albina regelmäßig aus der Fassung.
Seit dem großen Streit durfte Maria keinen Kontakt mehr zur Oma haben nach dem Tod eines nachgeborenen Geschwisterchens war die Familie vollends auseinandergebrochen. Wer Recht hatte, war Maria gleich, sie wusste nur, dass sie beide vermisste. Oma Margarete zog in ein Haus am Bodensee, verkaufte ihre Wohnung in München und ließ der Familie Raum zum Atmen. Der Vater besuchte sie regelmäßig, Maria aber durfte nie mit.
Die einzige Erinnerung an die Großmutter blieb ein Foto, das Maria zwischen den Seiten ihres Lieblingsromans versteckt hielt. Sie betrachtete oft das Portrait und jedes Mal stach ihr ihre markante Nase ins Auge. In der Familie Berg sprach man von der bemerkenswerten Schönheit dieser Familiennase, Maria jedoch hätte am liebsten darauf verzichtet.
Deine Nase ist ja riesig! rief damals ihre alte Bekannte Lara, als hätte sie einen seltenen Fund gemacht. Wie willst du denn so einen Freund finden? Hattest du denn schon mal einen Kuss? Maria wusste selbst nicht, wie sie sich beherrschte, Lara nicht die Meinung zu sagen. Die Begegnung, von ihrer Mutter Albina arrangiert, festigte nur ihren Entschluss: Ich lasse meine Nase operieren!
Nein! Das kommt überhaupt nicht infrage, erwiderte Albina schockiert. Aber Maria hatte bereits den Segen ihres Vaters und blieb standhaft.
Später rief Albina mitten in der Nacht noch Oma Margarete an und bald darauf flog Maria zu ihr an den Bodensee. Albina begleitete sie zum Flughafen und flüsterte beim Abschied: Wir machen alle Fehler, Marie. Aber verliere nicht dich selbst! Ich liebe dich, mehr als alles in dieser Welt.
Die Tage bei der Großmutter waren eine kleine Offenbarung. Erst nach zwei Tagen, als das erste Stürmen abklang, setzten sie sich zusammen. Warum willst du deine Nase verkleinern? Du bist eine wunderschöne Frau, Maria!
Aber Oma, alle sagen, ich sehe aus wie Pinocchio!
Margarete schüttelte entschieden den Kopf: Wer solche Dinge sagt, soll lieber lernen, still zu sein. Es gibt keine perfekten Menschen schon gar nicht unter Frauen. Und wer seine Einzigartigkeit nicht schätzt, wird nie glücklich. Willst du wirklich ein Schmuckstück umgestalten, das Geschichte hat? Die kleinen Lilienohrringe, die ich dir hier vererbe, hat unser Großvater für seine Frau gemacht. Würdest du sie umarbeiten lassen?
Maria ballte die Faust um das zarte Schmuckstück. Natürlich nicht! Das wäre falsch.
Siehst du? Gott weiß, was er tut. Dein Aussehen, dein Wesen alles hat seinen Sinn! Mag sein, dass es schwer ist, sich das selbst einzugestehen, aber glaube mir: Es macht dich besonders. Erzähle mir lieber von dem Jungen, der dir das Herz gestohlen hat
Maria errötete, doch es tat ihr gut, das Herz auszuschütten. Sie sprachen bis tief in die Nacht, und Maria fühlte sich endlich frei. Am nächsten Morgen packte Oma Margarete ihren Koffer. Es wird Zeit, dass ich mich mit deiner Mutter versöhne, sagte sie nur und Maria half, ohne zu widersprechen.
Am Abend saß Maria in München wieder daheim, Karlo zusammengekuschelt in ihrem Arm. Von der Küche drangen leise Stimmen herüber, und Maria spürte, dass sich etwas verändert hatte. Vielleicht war die Versöhnung noch nicht vollständig, aber es war ein Anfang.
Rund ein Jahr später, am Morgen ihrer Hochzeit, stand Albina auf, strich über ihren runden Bauch und befestigte eine Lilie an Marias Ohr. Sanft legte sie die Schleppe an und fragte: Bereit?
Gleich ich pudere nur noch kurz unser Familienerbstück!
Als sie sich im Spiegel betrachtete, lächelte Maria. Sie erinnerte sich, wie sie Alexander einmal schüchtern gefragt hatte, ob ihn ihre Nase störe. Er hatte gelacht und sie an sich gezogen: Du bist vollkommen. Es gibt nichts, das ich ändern würde.
Maria lächelte, spürte die Freude tief in sich. Sie hatte gelernt, dass Schönheit keine Frage der Form, sondern der Geschichte ist. Wirklicher Reichtum entsteht, wenn wir das schätzen, was wir sind mit allen Besonderheiten, die uns zu uns machen. Nur wer zu sich selbst steht, kann die Liebe wirklich erleben. Und das ist das wertvollste Erbstück von allen.




