Der Hausgeist

Hausgeist

Lukas, warst du das, der den Hof so ordentlich gemacht hat? fragte Helga ihren Sohn, während sie ihm leicht die Schulter berührte.

Der Junge zuckte zusammen und zog sich die Kopfhörer ab. Die Monster auf dem Bildschirm prügelten sich weiterhin, aber Lukas schenkte ihnen schon keine Beachtung mehr.

Was ist, Mama?

Ich frage, bist du schon lange aus der Schule zurück?

Gerade eben erst.

Und wer hat draußen sauber gemacht?

Woher soll ich das wissen? Vielleicht Johanna?

Helga lächelte. Ihre dreijährige Tochter war zwar ein echtes Energiebündel, aber solch große Taten konnte sie noch nicht vollbringen.

Witzbold!

Dann war es bestimmt der Hausgeist!

Natürlich! Ganz bestimmt! Redest viel zu viel. Geh lieber mal zu Oma und bring Johanna nach Hause. Sie ist schon lange weg. Ich bereite inzwischen das Abendessen vor. Hast du Hunger?

Ja, etwas! Wir haben mit den Jungs Brötchen in der Mensa gegessen, aber das war noch nach der zweiten Stunde. Mama, wann bekommen wir eigentlich endlich die Frühschicht?

Weiß ich nicht, mein Junge. Darüber schweigt die Schulleitung noch. Die Schule ist einfach zu voll.

Naja, dafür kann man morgens ausschlafen. Lukas fand, wie so oft, etwas Positives an der Sache.

Helga küsste ihrem Sohn auf den Kopf, zupfte ihm am Ohr, als er versuchte, ihrer Zärtlichkeit zu entgehen, und ging dann Richtung Küche.

Diese Jugendlichen

Dreizehn Jahre. Hält sich schon für erwachsen, aber eigentlich Jedes Mal erstarrt er, wenn Helgas Lippen seine dunklen, störrischen Haare berühren ganz wie die seines Vaters.

Die Kinder waren beide so unterschiedlich geraten. Lukas, dunkelhaarig, blauäugig, groß, glich seinem Vater Matthias wie ein Ei dem anderen. Nicht nur äußerlich. Auch der Charakter zeigte bereits Ähnlichkeiten stur, verantwortungsvoll, herzlich Vielleicht hatte Lukas den Hof nicht aufgeräumt, aber das Geschirr hatte er sicher gemacht. Sogar der Küchenboden glänzte noch feucht. Wo findet man heute noch so einen Helfer? Vielleicht, wenn Johanna älter ist.

Johanna war Helgas Wunder. Fast zehn Jahre habe sie auf sie gewartet, mit kaum noch Hoffnung. Komplikationen nach der ersten Geburt drohten ihr alles zu nehmen. Doch selbst diese kleine Hoffnung genügte, damit sie mit Matthias noch eine Tochter bekam. So hell wie eine Margerite auf der Wiese. Blonde Locken wie Flachs, dieselben blauen Augen wie Lukas. Die Kleine kam ganz nach Helga sanft wie ein Kätzchen. Sie kam leise heran, kuschelte sich an Mutter oder Bruder, und stand dann einfach da.

Johannchen, was ist los?

Und das Zimmer wurde von ihrem Lächeln erhellt. So wie sie, konnte niemand sonst auf der Welt lächeln, das wusste Helga. Nun niemand mehr.

Dieses Lächeln tröstete Helga und schmerzte zugleich. Das war ja das Lächeln ihres Vaters, von Matthias. Und er war fort

Helga hätte vor Schmerz heulen können, aber das ging nicht. Die Kinder waren ja da.

Ihr Mann arbeitete als Feuerwehrmann. Er rettete Menschen so wie neulich die Familie aus dem Bauernhof Vater, Mutter, drei Kinder. Er kehrte für die Großmutter zurück. Sie wollte nicht gehen, wollte die Tiere retten, und dann war es zu spät. Die Feuersbrunst ließ ihnen keinen Ausweg.

Helga wusste es als Erste, dass Matthias nicht zurückkam. Ihr Herz zog zusammen, schmerzte, kündigte Unheil an. Sie riss sich Johanna, die brüllte, von der Brust, rief ihrer Schwiegermutter, die extra für ein paar Wochen gekommen war, um mit dem Säugling zu helfen:

Mama, nehmen Sie sie bitte, ich muss telefonieren!

Danach raste sie, die Milch durchtränkte ihr TShirt, die Hände verkrampft, Richtung nächstes Städtchen, zur Feuerwehrwache.

Wie hat sie sich damals gehalten, wie nicht den Verstand verloren?

Die Kinder halfen. Lukas wich ihr nicht von der Seite.

Lukas, komm, ich bring dich ins Bett! Helgas Schwiegermutter, Margarete, war schon alt und schwach, aber ließ Helga nicht im Stich. Sie zwang sie wortwörtlich zu essen und zu trinken, trug Johanna zum Stillen heran.

Ich bleibe bei Mama! Lukas schüttelte nur den Kopf und drückte Helgas Hand an seine Wange. Oma, warum sind ihre Hände so kalt?

Die Erinnerung an jene Zeit verschwamm. Sie erinnerte sich nur bruchstückhaft. Ebenso wenig an das Zusammenpacken der Sachen, Spielzeuge, Kinderkleidung alles wurde hastig in Taschen gestopft.

Ich halte es hier nicht mehr aus. Immer denke ich, Matthias kommt gleich durch die Tür und ruft wie sonst: Ich bin daheim!

Ist schon gut, Helga! Kommt zu mir. Ihr lebt erst mal bei mir und dann sehen wir weiter.

Nein. Auch bei Ihnen will ich nicht Verzeihung. Auch dort erinnert mich alles an ihn. Es tut zu sehr weh Ich gehe ins Haus meiner Großmutter.

Aber Helga! Da war doch jahrelang keiner mehr! Mit zwei Kindern kannst du da unmöglich leben!

Ich mache alles sauber, das reicht. Und Sie sind ja nicht weit. Ohne Sie schaff ichs nicht.

Ich bin doch da. Ihr seid alles, was ich noch habe

Nein, Mama Ich halts nicht mehr aus Sonst fangen wir beide wieder an zu weinen. Dabei gibt’s so viel zu tun. Passen Sie bitte auf Johanna auf. Ich pack dann weiter. Und Lukas sollte auch endlich was essen. Der hat ja ganz aufgehört zu essen. Nur mit mir am Tisch, und ich habe gar keinen Hunger.

Das geht nicht! In Margaretes Stimme blitzte Strenge auf. Du bist die Mutter! Geht es dir gut, geht es den Kindern auch gut. Wenn du dich kaputt machst, was wird dann aus ihnen? Helga, ich schaffe das bald nicht mehr. Schon wegen meines Alters und der Gesundheit. Pass gut auf dich auf!

Helga ergriff die Hände ihrer Schwiegermutter, küsste sie schnell, dann packte sie weiter. Weg von hier! So weit wie möglich! Das Glück, das in dieser kleinen Wohnung geherrscht hatte, war nicht wiederzubringen in diesen Räumen noch zu bleiben, die so voller Erinnerungen waren, war unerträglich

Das Haus der Großmutter empfing sie schroff. Sie war selbst schuld. Sie hatte es verlassen, nicht gepflegt, nie besucht.

Helga ging von Raum zu Raum, strich mit den Fingern über die Wände, wischte Staub von Omas Kommode, das Deckchen war noch da, öffnete breit die Fenster, und ließ die kalte Herbstluft herein.

Mama, nimm die Kinder jetzt mal. Ich komme nachher, um Johanna zu stillen.

Alles klar. Schaffst du das alleine?

Sicher

Allein blieb Helga dann doch nicht. Eine halbe Stunde später klopfte es im Flur, und Sabine stand auf der Schwelle. Sabine, Helgas Jugendfreundin.

Hättest ruhig sagen können, dass du wieder auftauchst. Zu stolz etwa? Wo sind die Putzlappen?

Sabine war immer organisationsstark gewesen. Eine Quasselstrippe, stundenlang zum Lachen, aber für ihre Leute ging sie durchs Feuer.

Helga schüttelte das Seifenwasser ab und umarmte die Freundin etwas unbeholfen.

Hallo

Hallo! Wo sind die Kinder?

Bei Mama.

So, was stehst du da? Auf jetzt! Oder schläfst du heute bei ihr?

Nein. Ich will hierbleiben.

Na also! Worauf wartest du dann?

Sabine löste sich aus der Umarmung, schaute sich nach einer Schüssel um.

Sabine! Helga schnappte nach Luft.

Was ist? Ach so Ja, so ist das!

Wann denn?

Im Februar. Warum bist du so nervös? Schwanger, nicht krank.

Von wem?

Stell dich nicht so an! Sabine griff zum nassen Lappen, wischte das Fensterbrett ab. Pfui, was für ein Dreck!

Gregor? Aber er

Ist weg, ja. Ich werde alleinerziehende Mutter. Helga, können wir später darüber reden? Ich erzähle dir alles, nur nicht jetzt.

Kommt er zurück?

Gregor? Nein. Er meint, Freiheit sei wichtiger. So ist das. Aber ich bekomme ein Kind, Helga Einen Sohn Oder eine Tochter

Weißt du es noch nicht?

Versteckt sich noch. Und ehrlich, es ist doch egal. Ist ja mein Kind, Helga. Stell dir vor! Mein eigenes!

Helga kannte die Bedeutung dieser Worte für Sabine. Mit ihrem ersten Mann ging Sabine auseinander, weil sie angeblich keine Kinder bekommen könne. Die Schwiegerfamilie machte ihr das Leben schwer, bemitleidete nur Oskar, Sabines Mann.

Schade, Oskar. Hübsche Frau, aber die Falsche.

Am Anfang weinte Sabine sich aus, hoffte. Dann reichte es ihr, sie trennte sich.

Lieber keinen Mann als einen, der nicht zu einem steht.

Oskar heiratete rasch neu, und da stellte sich heraus: Nicht Sabine war das Problem, sondern er. Nach einer Behandlung kamen erst ein Sohn, dann eine Tochter.

Sabine gönnte Oskar das Glück. Sie hatte längst verziehen, war sogar dankbar, denn hätte sie sich nicht getrennt, hätte sie nie wieder lieben können und hätte jetzt kein Kind unter dem Herzen. Dass Gregor gleich nach der frohen Botschaft gegangen war, tat ihr nicht mehr weh. Sie war nicht mehr das schüchterne Mädchen von früher.

Mit Putzen und Aufräumen verbrachten sie den ganzen Abend. Es lohnte sich. Das Haus atmete wieder, blinzelte, murmelte und wachte langsam auf.

Sabine ließ sich ermattet am Tisch nieder und beobachtete Helga dabei, wie sie Tee aufgoss.

Wie schnell das alles geht

War es wirklich schon so lange her, dass sie heimlich von Omas Blech die noch warmen Apfelküchlein stahlen und ans Wasser liefen, während Helgas Großmutter hinterher schimpfte:

Ihr Lümmel! Ihr könnt auch mal ordentlich essen!

Sie winkten zurück:

In einer Stunde!

Diese Stunde zog sich bis zum Abend. Wenn sie dann Oma im Gemüsegarten vorfanden, wenn die Hitze langsam nachließ, griffen sie zu den Hacken und halfen. Wie sollte eine Frau solchen Hof allein bewältigen, dazu noch im Stall arbeiten? Oma war Melkerin auf dem Hof.

Der Hof war groß, es blieb ihr nichts anderes übrig. Die Enkelin musste auf die Beine gestellt werden. Ihrem Sohn, der schon längst mit neuer Familie in der Stadt wohnte, half sie auch noch. Helga war die älteste Enkelin. Ihre Mutter starb bei der Geburt, das Kind blieb alleine. Der Vater fuhr, voller Trauer, in die Stadt Omas Herz entschied, sie nahm sich des Mädchens an. Als später noch ein Enkel geboren wurde, zog Oma mit Helga zurück in ihr Dorf. Lange blieben sie nicht in der Stadt. Helga verstand als kleines Mädchen gar nicht, warum Oma plötzlich heim wollte, und weinte leise im Zug, während Oma sie wortlos am Kopf streichelte.

Oma starb, als Helga gerade 18 wurde. Da hatte sie sich gerade erst in Matthias verliebt, ganz eingenommen von ihren Gefühlen, merkte sie kaum, wie schwach Oma plötzlich geworden war. Begreifen tat sie es erst, als sie in einer Nacht einen leisen Stöhner hörte.

Oma, ist alles gut?

Drei Monate waren ihnen nur vergönnt. Nur drei Monate, um noch alles zu sagen Es war zu wenig

Aber Oma hatte eine Sache noch klären können, für die Helga ihr jetzt jeden Tag dankte. Sie ließ Matthias’ Mutter zu sich bestellen, als sie schon ans Bett gefesselt war, und sprach lange mit ihr, während Helga draußen warten musste. Was sie damals sagte, blieb Helga verborgen, doch ab diesem Moment hatte Helga eine Mutter.

Sie nannte ihre Schwiegermutter schon vor der Hochzeit Mama.

Darf ich? Ihre zaghafte Frage, und das Nicken von Margarete entspannte sie sofort.

Sie hätte nie sagen können, wie sie sich danach sehnte, endlich jemandem dieses Wort zu sagen Offen über Gefühle reden konnte sie eigentlich nur mit Oma. Jetzt war da aber noch jemand für sie da fast wie Oma.

Streiten mit der Schwiegermutter? Der Gedanke kam ihr nie. Margarete war in allem nur fürsorglich. Gaben ihre Ratschläge immer voller Ruhe und Respekt. Warum sich streiten? Wie viele Glückspilze gibt es schon, die Familie im Herzen finden? Helga wusste das sehr zu schätzen.

Und was es heißt, dass Verwandte nicht immer das sind, was der Name verspricht, lernte Helga am eigenen Leib. Kurz nach Omas Tod kam ein ganzer Tross aus der Stadt. Der Vater, die Stiefmutter, deren Mutter.

Schönes Haus. Solide Bausubstanz. Kann man gewinnbringend verkaufen.

Die große, laute Frau, die Helga noch nie gesehen hatte, schüttelte mit Unverständnis den Kopf.

Alles so verwahrlost! Man hätte aufräumen sollen! Käufer mögen Sauberkeit.

Welche Käufer? Helga fuhr plötzlich hoch, zitterte mittlerweile.

Die ganze Woche seit der Beerdigung, war sie wie betäubt. Spielte den Tag über irgendetwas nach, wenn Margarete sie zwang, etwas zu essen, blieb an jeder Ecke stehen, lauschte: Vielleicht ist alles nur ein Albtraum und Oma kommt gleich aus der Sommerküche, winkt mit dem Tuch und ruft grantelnd:

Genug getollt. Komm, hilf die Gläser spülen. Wir müssen für den Winter Marmelade einkochen!

Welche Käufer? Die Schwiegermutter des Vaters zuckte bloß die sonnengebräunten Schultern. Das dünne Trägerkleid rutschte runter, ließ helle Haut blitzen, Helga wurde schlecht. Die, die das Haus kaufen wollen!

Helga antwortete nicht. Sie rannte hinter den Schuppen und musste sich erbrechen, als sie wiederkam, stand Margarete schon im Hof.

Gehen Sie. Sofort!

Wer sind Sie eigentlich, dass Sie hier bestimmen wollen?

Das Haus gehört Helga. Mit Schenkungsvertrag.

Was für ein Vertrag?

Ganz normal. Das Sparbuch-Testament ist auch auf ihren Namen. Ich habe beim Aufsetzen geholfen. Für euch gibt es hier nichts mehr zu holen. Denkt ihr, ihr könnt eine Waise ausnehmen!

Das Unwetter, das frisch durch den Hof zog, ging an Helga vorbei. Margarete nahm sie am Arm, zog sie in ihr Schlafzimmer, streifte das schmutzige TShirt ab.

Weine nicht! Ich lasse dich nicht im Stich. Dass hab ich deiner Oma versprochen. Hier, nimm meinen Morgenmantel. Und leg dich hin. Ich bring dir Tee. Ruh dich aus, und dann bereden wir alles.

Der Vater tauchte nach dieser Szene nur noch einmal auf zu Helgas Hochzeit.

Eine Einladung hatte sie ihm nicht geschickt. Er kam einfach.

Die Gäste hatten ihren Spaß, lachten über Matthias, der ein Babypüppchen zu wickeln versuchte. Plötzlich tippte jemand Helga an der Schulter an, sie drehte sich noch lachend um.

Hallo, meine Tochter

Sie war so perplex, dass sie nichts sagen konnte. Ihr Vater drückte ihr stumm Schlüssel in die Hand.

Vergib mir. Die Papiere sind bei Margarete. Sie erklärt dir alles. Werde glücklich!

Noch ehe sie antworten konnte, war er gegangen.

Die kleine Wohnung, die er ihr schenkte, war zwar eng, aber heimelig zwei Zimmer, große Wohnküche. Helga wusste erst gar nicht, warum sie aus Omas Haus wegziehen sollte.

Helga, es ist bequemer für euch. Die Stadt ist klein, aber bietet mehr Möglichkeiten. Du musst studieren.

Margarete war zufrieden, als sie die Wohnung besichtigt hatte. Sie hatte selbst die Versöhnung mit dem Vater eingefädelt. Hatte ihm klargemacht, dass er, auch wenn er seine Tochter nicht großgezogen hatte, wenigstens jetzt helfen sollte.

Ja, das müsste ich Aber wann soll das gehen? Ein leichtes Lächeln glitt über Helgas Gesicht.

Ist dein Zustand noch frisch? Hast du es Matthias schon gesagt?

Nein, ich wollte erst sicher sein.

Ich helfe so viel ich kann. Geh studieren. Du bist so klug das darf nicht ungenutzt bleiben.

Das Studium in der kleinen Uni-Filiale schloss Helga ab. Es war schwer, aber Margarete unterstützte sie, wie sie konnte. Betreute Lukas, füllte den Kühlschrank.

Alle atmeten auf, als Helga wieder arbeitete und Lukas in die Kita kam.

Wir fahren an die Ostsee! Matthias lachte, als seine Mädels vor Freude quietschten.

Das war ihre einzige Reise ans Meer. Helga und Matthias schwammen stundenlang Lukas buddelte im Sand, bewacht von Oma. Abends spazierten sie zu dritt am Pier, bis das Himmelszelt leuchtete.

Einmal blieb Matthias am Karussell bei Lukas, während Helga mit Margarete langsam den Pier entlang schlenderte.

Ganz am Ende stritten sich ein Mann und eine Frau, schrien, stießen sich weg, warfen sich Vorwürfe an den Kopf. Sie gingen wütend davon.

Margarete blickte ihnen nach und seufzte.

Warum bloß? Sehen die nicht, wie sie sich Lebenszeit rauben? Sie versöhnen sich bestimmt, aber dieser Abend, dieser Tag, ist ihnen verloren Wegen Ärger, wegen Stolz Warum?

Und wenn sie nie mehr zusammenfinden? fragte Helga nachdenklich.

So heftig streitet man nur aus Schmerz, weil einem etwas am anderen liegt. Siehst du, wie sie ihm nachgelaufen ist, weinend? Sie wird ihm vergeben. Und er ihr er hat sich fünfmal umgedreht bis zum Ende des Stegs. Aber diesen Abend, diesen Morgen, den bringt nichts zurück. Vielleicht versöhnt sie die Nacht Ihr wart noch nicht lang genug zusammen, du und Matthias. Aber erinnere dich später an dieses Paar bist du bereit, wertvolle Zeit mit Streit zu verschwenden? Sie ist so kurz, Helga So kurz

Wie dankbar war Helga heute noch für diesen Rat. Sie wusste: Die Zeit mit Matthias wurde nie vergeudet.

Plötzlich fiel Helga fast der Teekessel aus der Hand. Im Küchenfenster huschte ein Schatten vorbei, erschrocken stieß sie einen Schrei aus. Das war nicht Lukas. Draußen schlich in der Dämmerung ein Mann durch den Hof.

Erster Impuls: Abschließen, sich verstecken, nach Hilfe rufen. Doch gleich kam ihr Sinn zur Vernunft. Die Kinder kommen gleich mit Margarete die wird sie nie allein losschicken. Und da ist ein Fremder im Hof!

Der alte Teekesselgriff brannte in ihrer Hand. Helga blickte von der dampfenden Tülle zum Fenster, dann trat sie entschlossen zur Tür.

Licht brannte keins, sie hatte es vorhin vergessen.

Wer ist da?!

Die Holztür der Scheune quietschte, unfreiwillig zuckte Helga zusammen. Die Angst drückte ihr die Kehle zu.

Was wollen Sie?! Sonst schreie ich!

Der Schatten trat auf die Veranda, Helga wich zurück.

Kein Grund zum Schreien, Helga. Ich bin’s, Michael.

Helga stellte erleichtert den Kessel ab, fluchte, als sie sich am heißen Metall das Knie verbrannte, und setzte den Kessel auf den Tisch der Veranda.

Was schleichst du hier im Hof herum, Michael? Warum bist du nicht hereingekommen?

Der kräftige Mann vor ihr schlug die Augen nieder genau wie Lukas, wenn mal wieder ein Ball ein Fenster zertrümmerte.

Ich Sei mir nicht böse Die Scheunentür hing schief. Wollte sie noch richten, bevor ich morgen auf den Bienenhof fahre. Weiß nicht, wann ich wiederkomme. Dachte, ich schaff das noch.

Helga war verwirrt.

Die Tür? In der Scheune?

Da wurde ihr manches klar. Die Aufräumaktion im Hof, der Zaun war repariert die neuen Bretter am Badhaus

Also DU bist mein Hausgeist! Helga lächelte.

Was?

Mein Hausgeist! Einer treibt sich hier rum, hilft im Haushalt, nimmt kein Milchschälchen. Lukas meint schon, wir brauchen dringend eine Katze. Dem Geist ist so langweilig, ganz allein. Stimmts?

Bei Schein vom Küchenfenster sah Helga, wie Michael errötete.

Tut mir leid, hätte dir eher was sagen sollen.

Danke! Nur warum, Michael?

Michael schwieg. Er winkte nur ab und kletterte über den Zaun, an Margarete und den Kindern vorbei, die an der Gartentür standen wie Statuen.

Da kommt er also endlich! Margarete grinste und drückte Helga einen Liter Milch in die Hand. Bring sie in den Kühlschrank.

Wie, da kommt er? Mama, du wusstest das?!

Was denkst du denn? Das ganze Dorf weiß es. Tolle Geheimniskrämerei! Michael war schon in dich verliebt, als du noch mit meinem Matthias zusammen warst. Hast du wirklich nie gemerkt, wie er dich ansieht?

Nein

Wirklich? Margarete war verblüfft. Du machst doch keinen Witz?

Wozu? Ich schwöre, ich wusste es nicht

Jetzt komm, wir sprechen mal. Aber erst bringen wir die Kinder ins Bett. Das wird ein langes Gespräch.

Die ganze Nacht hindurch redeten sie. Helga goss immer neuen Tee in Margaretes Becher und hörte mit offenem Mund zu.

Er kam vor einem Jahr zu mir. Erbat offiziell deine Hand. Sagt, du hast niemanden mehr außer mir also muss er mich bitten. Schlaumeier! Wusste wie er mir schmeicheln kann!

Und Sie haben zugestimmt?!

Warum nicht? Helga, du bist jung. Das Leben liegt vor dir! Die Kinder gehen irgendwann, dann bleibst du mit mir, altem Pilz, zurück. Ist das gut? Nein! Genieße dein Leben! Ich weiß, wie sehr du Matthias geliebt hast! Sag jetzt nichts! Solche Liebe, die passiert vielleicht nur einmal. Aber es gibt Glückspilze, denen das Schicksal erlaubt, noch einmal zu lieben, nach dem Schmerz. Nimm das als Geschenk. Vielleicht liebst du Michael niemals so wie Matthias. Aber wenn du ruhige, warme Geborgenheit mit ihm findest, freut mich das nur! Auch Lukas braucht ein männliches Vorbild. Wir lieben ihn beide, aber es genügt eben nicht. Und Michael ist längst sein Freund. Wusstest du, dass er ihm Autofahren beibringt?

Nein

Er hat wohl Angst, dass du böse bist.

Wieso?

Weiß nicht. Vielleicht fürchtet er, du hältst es für Verrat am Vater?

Unsinn!

Dann sprich mit Lukas. Er sucht Michaels Nähe, hat aber Hemmungen. Johanna ist noch zu klein, hat keine Erinnerungen an Matthias. Bei Lukas ist es schwieriger. Aber du

Ich? Helga errötete, sah zu Boden.

Nichts. Margarete lächelte, schob den Becher zu sich Schenk mir nochmal auf, ja? Ich bin so durstig.

Ein Jahr später heirateten Helga und Michael. Und noch ein Jahr, dann kam ihr zweiter Sohn zur Welt.

Schau ihn dir an, Mama, was für ein Strubbelkopf! Helga nahm zuhause nach der Entlassung die Mütze ab und strich das lustige, lange, blonde Haar glatt.

Ein echter kleiner Heinzel! Margarete wickelte ihn rasch, nahm ihn auf den Arm. Na, willkommen, neues Enkelkind! Du darfst mich Oma Gretel nennen.

Mama

Na, nur für später! Jetzt still mal, ich gehe in die Küche! Was möchtest du essen?

Der große rote Kater, ein Geschenk von Michael an Lukas, schlich durch die Tür, sprang aufs Fensterbrett und spähte auf das schlafende Baby neben Helga. Die Stille gesellte sich zum Kater und betrachtete selig Mutter und Kind. Da war es das Glück So zart, so zerbrechlich Man muss es sorgsam hüten.

Irgendwo klimperte eine Teelöffel, helles Kinderlachen klang durch die Küche, und der Kater fuhr sich mit der Zunge übers Ohr, als die Stille ihm im Vorbeigehen liebevoll darüberstrich. Der Kater schüttelte sich, machte sich frisch: Zeit, das neue Familienmitglied zu begrüßen.

Los, geh schon! Die Hüter warten schon auf dich.

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Homy
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