Eine Frau blickte in ihre Tasche und erschrak zutiefst über das, was darin lag!
Der Junge stand am Fenster und quengelte:
Oma, wann gehen wir endlich raus?
Heute ist es zu kalt, mein Schatz, ein andermal, antwortete die Frau. Außerdem habe ich viel zu tun keine Zeit für einen Spaziergang.
Gertrud Schmidt verdiente sich etwas dazu, indem sie zu Hause Mützen und Schals strickte. Gerne hatte sie einen Auftrag: ein Set aus Mütze, Handschuhen und Schal. Doch ihr Enkel ließ nicht locker.
Na gut, na gut, du hast gewonnen, gab sie nach. Aber nur kurz! Es ist kalt, und ich muss noch stricken.
Draußen war es menschenleer bei dem Wetter blieb jeder vernünftige Mensch lieber drinnen. Natürlich tobte der Enkel herum, während Gertrud langsam durchfror.
So, komm jetzt, Lukas, sonst erkälten wir uns noch. Heute reichts.
Doch der Junge war nicht zu bremsen. Er jagte über den Spielplatz, verschwand im Klettergerüst und wurde plötzlich still. Gertrud rief ihn, doch er antwortete nicht. Schließlich ging sie hin und rief noch einmal. Da meldete er sich:
Oma, hier liegt eine Puppe! Die nehmen wir mit.
Gertrud stieg ins Gerüst und entdeckte eine Tasche aus der ein leises Wimmern drang. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Als sie die Tasche öffnete, fand sie ein winziges Baby, nur in ein dünnes Tuch gewickelt. Das kleine Gesichtchen war schon blau vor Kälte. Sie riss es hoch, drückte es an sich und wärmte es, während ihre Hände zitterten. Hastig rief sie den Notruf.
Sanitäter und Polizisten kamen. Das Baby wurde ins Krankenhaus gebracht, Gertrud und Lukas blieben für die Befragung.
Wie sind Sie auf das Kind gestoßen?, fragte ein Beamter. Gertrud erklärte, dass ihr Enkel es entdeckt hatte.
Toll gemacht, junger Mann! Weiter so!, lobte der Polizist.
Gertrud konnte es nicht fassen. Wie kann man sein eigenes Fleisch und Blut einfach wegwerfen? Hat die Mutter kein Herz?
Der Beamte zuckte müde mit den Schultern. Ach, da gibts alles. Manche werfens in den Müll, andere legens irgendwo ab. Wir wundern uns über nichts mehr.
Gertrud bat darum, nach dem Kind zu fragen. Die Ärzte bestätigten: Das Baby hatte leicht unterkühlt, aber es ging ihm gut. Ein bisschen länger, und es hätte nicht überlebt, sagte der Beamte.
Zu Hause war an Stricken nicht mehr zu denken. Am nächsten Morgen rief Gertrud im Krankenhaus an.
Warum interessieren Sie sich für das Kind?, wurde sie gefragt.
Ich bin niemand nur die Frau, die es gestern mit meinem Enkel gefunden hat.
Ach, Sie sind die Retterin! Es ist ein Mädchen. Ihr geht es gut. Danke, dass Sie sie gerettet haben.
Können wir sie besuchen? Braucht sie etwas?, fragte Gertrud.
Eigentlich geht das nicht aber für Sie machen wir eine Ausnahme. Bringen Sie Windeln und Säuglingsmilch mit.
Am nächsten Tag kauften Gertrud und Lukas ein und fuhren ins Krankenhaus. Das Mädchen war so winzig und süß, dass Gertrud Tränen in den Augen hatte. Sie hatte einen breiten Schal dabei, aus weicher grauer Wolle, mit einem Muster am Rand irgendwann hatte sie ihn einfach so gestrickt, ohne Grund. Jetzt breitete sie ihn über das Baby und wünschte ihm Glück.
Sie erkundigten sich weiter nach dem Mädchen. Es hieß Sophie. Die leibliche Mutter wurde gefunden und verlor das Sorgerecht. Bald adoptierte ein kinderloses Paar das Baby sie hatten sich sofort in es verliebt.
Achtzehn Jahre später. Gertrud, inzwischen gealtert, aber noch quicklebendig, buk Lukas seinen Lieblingskuchen er hatte einen Überraschungsbesuch angekündigt.
Die Tür ging auf, und Lukas betrat mit einer jungen Frau die Küche:
Oma, das ist Sophie, meine Freundin. Wir heiraten! Es ist, als wären wir füreinander gemacht ich habe sie gesehen und wusste sofort: Sie ist die Richtige.
Das ist ja wunderbar!, rief Gertrud. Willkommen in der Familie, Sophie! Und wer weiß vielleicht erlebe ich noch Urenkel! Kommt, setzt euch!
Sophie lächelte schüchtern und löste ihren Schal. Gertrud starrte darauf und erstarrte.
Was für ein hübsches Muster, sagte sie mit leicht zitternder Stimme.
Ja, den Schal habe ich schon ewig. Ich trage ihn selten, aber ich könnte mich nie von ihm trennen.
Gertrud erkannte ihn sofort. Es war der Schal, den sie einst dem kleinen Mädchen geschenkt hatte. Das Leben schreibt die seltsamsten Geschichten: Lukas hatte seine zukünftige Frau gerettet. Als wäre es Schicksal gewesen, das ihn an jenem Tag zu ihr geführt hatte.





