Sein eigenes Plätzchen
Mama, bist du verrückt? Was machst du da? Hanna war den Tränen nah, als sie zusah, wie ihre Mutter ihre paar Habseligkeiten aus dem Schrank warf. Das rote Kleid mit weißen Punkten, ihr Lieblingskleid, landete achtlos auf dem Boden und wurde natürlich sofort von ihrem kleinen Bruder Paul entdeckt, der ebenfalls auf dem Fußboden saß. Paul griff nach dem Gürtel und steckte ihn in den Mund. Lass das, Paulchen! Gib es her!
Ach, jetzt heult sie wegen Lumpen! warf Marion, Hannas Mutter, die Jeans ihrer Tochter zu den anderen Sachen und knallte den Schrank zu. Raus hier!
Wohin soll ich denn jetzt gehen, Mama? Und dann auch noch nachts? Was tust du da überhaupt?!
Was ich will! Das hier ist MEIN Haus! Und für dich ist hier kein Platz mehr!
Aber… Ich? Ist das nicht auch mein Zuhause?
Nein, mein Mädchen! Für dich gibt es hier gar nichts mehr! Marion nahm Paul auf den Arm, wischte ihm mit dem Rocksaum von Hannas Kleid die Nase und fuhr genervt fort: Und jetzt hör auf, mir auf die Nerven zu gehen! Kaum habe ich meine Leben wieder einigermaßen auf der Reihe, und schon willst du mir alles ruinieren! Das läuft jetzt nicht mehr so!
Mama, was ruiniere ich denn?!
Für wessen Aufmerksamkeit windet sich denn unser Volker so? Na? Für dich etwa nicht?
Mutter! Hanna schrie so laut, dass Paul vor Schreck aufschluchzte und gleich lauthals zu weinen anfing. Hörst du dir eigentlich selbst zu?!
Sehr wohl! Es reicht jetzt! In fünf Minuten will ich dich hier nicht mehr sehen!
Marion trat mit dem Fuß die Tür auf und rauschte hinaus, während Hanna wie angewurzelt stehen blieb, völlig überfordert von dem Geschehen. Offenbar hatte ihre Mutter sie gerade rausgeworfen… Ihr Kopf wollte partout nicht klar denken. Sie versuchte, sich an irgendetwas zu klammern, das ihr einen Plan für den nächsten Schritt geben könnte, aber ihre Gedanken flatterten wirr umher, sodass sie sich nicht konzentrieren konnte. Von draußen hörte sie Pauls herzzerreißendes Gebrüll Hanna stürzte zur Tür. Es war immer an ihr, Paul zu trösten, ihn abzulenken, ihn einfach irgendwie zum Schweigen zu bringen. Marions neuer Mann konnte es gar nicht ertragen, wenn sein Sohn zu weinen begann. Überhaupt ging ihm alles auf die Nerven, was mit dem kleinen Jungen zu tun hatte. Hanna, die einst Geborgenheit und Liebe aus ihrer Familie kannte, verstand nicht, was gerade aus ihrer Mutter wurde. Früher nahm sie Paul auf den Arm, jetzt drückte sie ihn nur noch Hanna in die Hand und verschwand zu ihrem Herzensmann.
Jetzt kümmerst du dich mal! Du bist doch alt genug!
Gestern noch war Hanna das verwöhnte Töchterchen von Mama und Papa, heute aber ausgemustert wie altbackenes Brot so nannte ihre Mama sie inzwischen. In den vergangenen zwei Jahren war alles aus dem Ruder gelaufen, Ereignisse überstürzten sich, und Hanna kam kaum mehr mit.
Zuerst starb ihr Vater an einem Herzinfarkt. Komplett sinnlos! Er hätte gerettet werden können, hätten sich die Leute an der Bushaltestelle einen Funken mehr gekümmert. Da lag er keine fünfzig, tadellos gekleidet, und sah nicht im Entferntesten nach einem Obdachlosen aus. Und mehr als eine Stunde ging jeder vorbei; zu wichtig waren wohl die eigenen Termine. Niemand fragte, ob er Hilfe brauchte. Vielleicht dachten sie, er sei betrunken, wenn er so im November auf der Straße schlief. Erst als eine Frau wagte, ihn anzufassen, war es schon zu spät.
Hanna erinnerte sich bis heute genau daran, wie ihre Mutter damals darauf reagiert hatte. Sie war wie erstarrt, reglos, schweigend. Hanna schluchzte und versuchte, sie zu erreichen, doch es gelang ihr nicht. Marion verabschiedete ihren Mann ohne eine Träne, verschloss sich anschließend in ihrem Zimmer und vergaß dabei völlig, dass sie eine Tochter hatte, die jetzt ganz allein war.
Sie hatten keine Verwandten die alten Freunde der Familie waren inzwischen kaum mehr als Bekannte, die ab und zu an Weihnachten auftauchten und dann wieder monatelang im Off verschwanden. Hanna wusste noch, wie stolz ihre Eltern immer auf ihre enge Familie waren; wie sie sagten: Wir brauchen niemanden außer uns! Lange glaubte Hanna das auch und war wenig begeistert, wenn jemand zu Besuch kam.
Das änderte sich erst, als sie in die erste Klasse kam. Die Mädchen waren in der Überzahl und so landete sie an einem Tisch mit der quirligsten Schülerin Greta. Ihre dicken, schwarzen Zöpfe waren so schwer, dass sie stets mit aufrechtem Rücken umherlief. Hannas eigenes helles, lockiges Haar war ein Alptraum für alle Zöpfe Löwenzahn war entsprechend ihr Spitzname seit dem ersten Tag.
Erst nach zwei Tagen traute sich Hanna an Gretas Zopf und als Greta irgendwann wütend knurrte: Ich schneid die ab, egal, ob meine Mutter schimpft , streichelte Hanna ehrfürchtig das glänzend schwarze Haar und flüsterte: Bist du verrückt? So schön ist das!
So begann ihre Freundschaft. Greta war das vierte Kind einer Großfamilie Dillmann. Als Hanna das erste Mal das riesige, wild zusammengebaute Haus der Dillmanns betrat, war sie völlig überwältigt Menschen aller Generationen auf jedem Quadratmeter. Sie versuchte, einen Stammbaum zu entschlüsseln, gab aber schnell auf. Aber sie kannte Gretas Mutter: Kaum war man zur Tür herein, wurde man an den Tisch manövriert und bekam so viele selbstgemachte Streuselschnecken vorgesetzt, dass man sich anschließend nur noch kugeln konnte. Gretas ältere Geschwister halfen immer; ob Mathe-Nachhilfe oder Kochtipps. Selbst Gretas kleine Cousinen kneteten Teig wie die Profis, während Hanna von ihrer Mutter niemals in die Nähe des Herdes gelassen wurde noch zu früh.
In Gretas Familie verstand Hanna plötzlich, dass Verwandtschaft und Freunde gar nicht so übel waren. Später erlebte sie noch das Gegenteil. Das kam später… Bis dahin staunte Hanna über die ganzen Geschenke, die Greta zu jedem erdenklichen Anlass bekam selbst an Omas Namenstag und Opa Heinrichs Rente flogen Süßigkeiten und bunte Haarbänder herum.
Wieso? Du hast doch gar nicht Geburtstag?! fragte Hanna verwundert, während ihre Freundin sich vorm Spiegel drehte.
Na und? Muss ich auf ein Fest warten, um jemanden zu beschenken, den ich mag? Warte nur bis Weihnachten, dann wirds erst richtig wild! Greta gluckste los und Hanna musste lachen.
Marion mochte diese Freundschaft überhaupt nicht. Die Dillmanns, vor allem die chaotischen Familienfest-Eskapaden, hätten dafür gesorgt, dass Hanna für immer Hausarrest bekommen hätte. Gut für Hanna, dass ihre Mutter eh dauernd arbeitete. Sie musste nur flott nach Hause, um Suppe zu löffeln sonst wäre Marion skeptisch und war dann wieder weg zu den Dillmanns, wo sie mit Kosenamen überschüttet und mit Streuselschnecken abgefüllt wurde.
Als Hannas Vater starb und Marion sich vollkommen ausklinkte, stand am ersten Abend prompt Gretas großer Bruder mit fünfzig Euro vor der Tür und half, alles zu regeln. Marion wollte gar nicht aus dem Schlafzimmer kommen, machte aber, was die Dillmann-Jungs sagten. Greta versuchte Hanna zu trösten, und weil das kaum ging, heulten sie irgendwann einfach beide zusammen beim Streuschuletig kneten. Es wurde so viel gebacken, dass der Kühlschrank kapitulierte und die Nachbarin aushalf.
Am nächsten Tag waren die Dillmann-Jungs dauerpräsent, klärten Formulare und Ämterkram, schirmten Hanna ab. Ihrer Mutter war das alles egal Hanna aber vergaß es nie.
Auf die Frage, warum sie das taten, meinte Greta lakonisch: Weil du zu uns gehörst jetzt. Außerdem gibts bei euch keinen Mann mehr im Haus. Da hilft man halt.
Ein halbes Jahr später wurde Greta verheiratet. Hanna war entsetzt und bestürmt sie:
Sag mal, bist du noch bei Trost? Heiraten? Du wolltest doch Ärztin werden!
Immer noch, Greta knüllte ihren Schleier zusammen und lächelte. Mein Vater und der Bräutigam haben sich schon geeinigt.
Versteh ich nicht. Und was, wenn du ihn gar nicht liebst?
Greta guckte nur erstaunt: Liebe kommt später. So läuft das bei uns. Die Eltern wissen, was gut ist.
Irgendwie wusste Hanna da nichts mehr zu erwidern. Sie heulte beinahe auf Gretas Hochzeit, hielt sich aber tapfer. Doch als Greta verkündete, sie würde nach Berlin zum Studium ziehen, heulte Hanna dann doch.
Wie soll ich denn ohne dich auskommen?
Wenns schlimm wird komm vorbei!
Inzwischen hatte Marion längst ihren Volker angelacht und Greta sah besorgt, wie Hanna abends auf dem Heimweg bummelte.
Wohin hätte sie auch gehen sollen? Marion und Volker beobachteten sie mit Argusaugen. Nach Pauls Geburt war ihre Mutter unausstehlich geworden, ständig patzig und kontrollierend. Hanna musste ihre Zimmertür abschließen, ansonsten wurde ihr einfach Paul aufs Auge gedrückt Du kannst morgen doch eh ausschlafen. Klar, sie half gern, aber die schlaflosen Nächte zehrten an ihr, und sie war schon zweimal im Krankenhaus auf dem Flur umgekippt der Klatsch lief wie Lauffeuer durchs Haus.
Noch vor dem Abschluss fing Hanna in der Klinik an, rettete sich in Nachtschichten und war immer seltener zu Hause, was Marion zunehmend egal war.
Nachdem Greta nach Berlin gezogen war, kehrte Hanna einmal nach Hause zurück und diesmal kam es zum großen Knall mit ihrer Mutter. Das ganze brodelte schon lange, und Hanna wusste nicht mehr weiter.
Marion hatte nie ein Ohr für andere. Als dann noch Frau Schneider, die Nachbarin, meinte: Was für tolle Kinder du hast, Marion! Hanna ist aber eine schöne Tochter! Der Vater wäre bestimmt stolz! Hat sie eigentlich einen Freund? Zu sehen ist sie ja nie immer auf Achse…, da riss Marion endgültig der Geduldsfaden. Bereits am nächsten Tag flog Hanna raus.
Also saß sie nun da, stopfte hektisch ihre Sachen in die Reisetasche und überlegte, wohin. Konnte sie Greta anrufen? Die stand vor der Entbindung und sollte sich vor Aufregung ja nicht stressen. Was hatte Hanna schon zu bieten? Nicht mal mit ihrer eigenen Mutter konnte sie reden.
Sie blickte noch mal in ihr Zimmer, schnappte sich das Foto ihres Vaters vom Schreibtisch, packte es weg und wischte sich die Tränen ab. Sollte Marion doch ihr neues Glück aufbauen Hanna war längst eine Fremde in diesem Haus.
Aus der Küche dröhnte der Fernseher, Marion klapperte mit Töpfen. Hanna wollte kurz zum Abschied in die Küche gehen, blieb dann aber im Flur stehen. Was sollte sie noch sagen? Alles war doch längst gesagt. Konnte sie das überhaupt verzeihen? Nein jetzt reichte es ihr! Früher war es schön gewesen, klar… Aber das zählte nicht mehr.
Draußen war es dunkel, und Hanna zog sich den Wollschal tief über die Nase. Der Herbst war dieses Jahr spät dran, aber als er kam, dann mit Macht. Tagsüber lachte sie noch darüber, wie Münchens Fußgängerzonen voll von Menschen in Shorts neben Leuten mit Daunenjacke waren typisch! Ihren Schal, ein Geschenk von Greta vom letzten Neujahrfest, hatte sie schon seit Tagen in der Tasche sie war schließlich eine Frostbeule. Gut, dass sie nicht noch mal zurückmusste, um was Warmes zu holen. Der Ärger über ihre Mutter nagte wie ein kleines gefräßiges Eichhörnchen an ihrer Seele, aber Hanna schob die Gedanken beiseite keine Zeit für Sentimentalitäten. Sie musste unbedingt eine Lösung finden…
Die Bushaltestelle war abends fast leer, nur zwei Passanten und ein großer, struppiger Hund. Hanna stellte die Tasche ab und steckte ihre kalten Hände tief in die Taschen.
Als ein Auto neben ihr hielt, zuckte sie erschrocken man weiß ja nie. Noch war es zwar nicht spät aber so richtig sicher fühlte sie sich nicht.
Hanna?
Armin?
Ein Stein fiel ihr vom Herzen es war Armin, Gretas großer Bruder. Derjenige, der ihr in Mathe geholfen und später ihren Vater beerdigt hatte.
Was machst du denn hier so spät? Musst du in die Klinik?
Ja…eher… Ähm, in die Klinik. Genau. Da soll ich hin.
Aha, das klingt ja SUSPEKT! Sag ehrlich, was ist los? Warum hast du die ganze Tasche dabei?
Armin schaute sie so mitfühlend an, dass Hanna alles auspackte: Von Marion, über Volker, bis hin dazu, dass sie nun quasi obdachlos war.
Na, dann steig ein! Armin war nie der große Redenschwinger und Hanna stieg ein. Sie dachte, er würde sie bis zur Klinik bringen.
Sie fuhren durch das nächtliche München und schwiegen. Die Stille im Wagen tat Hanna gut. Vielleicht gerade, weil sie wusste, dass sie nur kurz währen würde, wollte sie diese Ruhe festhalten. Sie starrte aus dem Fenster, versuchte zu überlegen, wie sie weitermachen sollte, aber immer wieder erklangen Marions Worte in ihren Ohren:
Für dich ist hier kein Platz mehr!
Erst als sie merkte, dass sie nicht Richtung Klinik fuhren, kam sie wieder zu sich.
Armin? Wo fahren wir hin? Ich muss doch zur Arbeit!
Willst du da etwa übernachten?
Schon…
Und danach? Heute hältst du dich über Wasser, aber dann? Was machst du dann?
Weiß ich nicht…
Ich schon. Wir fahren jetzt woanders hin.
Wo denn?
Lass dich überraschen.
Der Altbau im ruhigen Schwabing hatte einen schmiedeeisernen Zaun, Armins Auto wurde vom Pförtner freundlich durchgewinkt. Drinnen stapften sie in den dritten Stock, Armin klingelte und erst nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete eine beachtlich große Frau die Tür.
Oma!
Arminchen warum ohne Anruf?
Im Morgenrock wirkte Oma Minna fast einschüchternd, doch dann erkannte Hanna, dass eher ihre Statur, nicht etwa ihre Strenge überwältigend war.
Und wer bist du denn? Oh halt, dich kenn ich! Du bist doch Gretas Freundin! Bei der Hochzeit warst du dabei. Mensch Kind, nun komm herein! Nicht so schüchtern. Du bist doch keine Fremde! Mach mir das Herz nicht schwer!
Kaum trat Hanna ein, hüllte sie eine angenehme Wärme ein. Der Flur war mit glänzenden Fliesen ausgelegt, und über ihnen prangte eine Kristalllampe wie aus Sissis Schloss. Während Hanna sich noch umschaute, brummte Armin leise mit Oma Minna, bekam einen Nicken und verschwand. Hanna blieb mit Oma Minna zurück.
Na, zieh dich aus, geh rein. Wir machen uns einen schönen Kaffee und dann erzählst du mir, warum so ein hübsches Mädchen wie du abends alleine auf der Straße rumlungert. Hast du kein Zuhause? Keine Mama?
Ich … wohl eher nicht mehr. Hannas Tränen überrollten sie und sie sank auf den nächstbesten Hocker.
Minna stand erst wie angewurzelt da, dann nahm sie Hanna in ihre kräftigen Arme und wiegte sie sanft, strich ihr übers Haar.
Ach, du junges Ding! Was lässt der Himmel manchmal für Narreteien zu…? Nicht weinen, mein Schatz! Am Ende wird doch alles gut. Hörst du? Das sag ich nicht zum ersten Mal und ich weiß, wovon ich rede! Da kommt viel Schlimmes im Leben, aber du… dir lass ich nichts mehr passieren.
Sie wiegte Hanna weiter, streichelte sie und ihre warme Stimme fühlte sich an wie ein Schutzmantel.
So, jetzt auf mit dir. Ich koch dir einen richtigen Kaffee so einen, den man nie vergisst! Du trinkst eine Tasse und deine Sorgen sind erst mal weg. Nicht für immer, natürlich, aber lang genug, um wieder durchatmen zu können. Los, komm!
Wenig später saß Hanna in der gemütlichen Küche, trank bitteren türkischen Kaffee aus Minna Winzers fingerhutkleinen Tassen Das brennt die Sorgen schon ein bisschen weg meinte Minna augenzwinkernd. Hanna hörte gebannt zu.
Sag ruhig Minna zu mir. So haben mich alle genannt, als ich noch ein Kind war. Damals lebte ich mit meiner Familie am Rhein, hab meine kleinen Geschwister gehütet. Unser Haus, das war unser Zuhause. Dort, wo unsere Vorfahren in der Erde liegen. Ich war schon ewig nicht mehr dort… Werd es auch wohl nicht mehr sehen. Das tut weh, aber…
Und was ist schlimmer? platzte es aus Hanna heraus.
Weißt du, Minna setzte sich breitbeinig hin und wurde sofort zum Granitfelsen: Am schlimmsten ist, dass meine Eltern kein Grab bekommen haben. Dass ich meine große Schwester nicht bestatten konnte.
Und warum?
Kennst du das, wenn Menschen dir sagen, du hast hier keinen Platz mehr? Dass deine Sprache, deine Art nicht mehr erwünscht sind? Hanna schüttelte den Kopf. Hoffentlich bleibt dir das für immer fremd.
Minna erzählte, wie sie im Krieg ihr Zuhause verlor, und wie es ihre Liebe zu ihrem jüngeren Bruder, ihren Cousinen und Cousins war, die ihr die Kraft gaben, weiterzumachen. Sie sprach von Verwandten, Freunden, Nachbarn.
Die Energie, die uns hält, ist immer eine, die geteilt wurde. So, wie ich jetzt an dich weitergebe, was mich getragen hat. Ab heute ist dies hier dein Platz, bis ich dich dem Mann deiner Wahl übergebe! Fürchten kannst du dich schon mal ich werde dich ordentlich schulen, junge Frau! Kochen, backen, nähen und ein bisschen Schwäbisch lernts auch noch!
Minna lachte und Hanna wusste: Sie meint es ernst.
Und Minna hielt Wort. Zwei Jahre später kochte Hanna besser als die meisten in der Dillmann-Familie. Greta, die zu Besuch kam, schnappte sich Mini-Piroschki und murmelte: Deine sind wirklich besser! Was ist dein Geheimnis?
Och, alles dank Oma Minna! Ohne sie…
Nun reiß dich zusammen, Kind, sonst werd ich noch stolz und dann nimmt mich niemand mehr ernst! Minna lachte, während sie Tee aufbrühte.
Sag ich denn was Falsches?
Hannas Tonfall erinnerte dermaßen an Minna, dass Greta vor Lachen fast vom Stuhl fiel.
Ha! Jetzt hast du dein Ebenbild, Minna! Nicht schlecht!
Nicht ganz… Minna wurde ernst und schaute Hanna an.
Greta wurde hellhörig.
Was ist los? Irgendwas passiert?
Erzähl du selbst. Ich geh mal ruhen, meine Knochen brauchen Mittagsruhe.
Als Minna rausging, blieb Greta unruhig sitzen.
Na, Hanna? Was ist los?
Hanna wollte eigentlich nichts erzählen, aber als Greta sie so ansah, seufzte sie.
Mama ist krank.
Ernsthaft?
Ja, sehr. Es ist keine Zeit mehr.
Und hast du sie gesehen? Greta starrte sie an.
Nein… Ich kann nicht…
Hanna! Wenn sie nicht mehr da ist, gibt es niemanden mehr, dem du vergeben oder dich versöhnen kannst! Willst du das?
Schrei nicht, Greta. Ich weiß es ja… Aber… wie sie mich damals behandelt hat… Und wenn Armin nicht gekommen wäre? Oder Minna? Wo wäre ich jetzt? Und sie, hat sie etwa viel an mich gedacht? Ihr Macker hat sie verlassen, kaum dass sie krank war! Und Paul hat er auch im Stich gelassen!
Greta keuchte und sank wieder aufs Polster.
Und Paul?
Im Heim. Ich krieg ihn nicht Job hab ich, aber keine Wohnung. Die Miete könnt ich mir alleine nicht leisten, nicht mal mit Nebenjob.
Und zurück in die elterliche Wohnung?
Sie hat mich abgemeldet. Ohne Unterlagen kann ich Paul nicht vom Jugendamt holen. Ich weiß nicht weiter… Hanna vergrub den Kopf in den Händen. Ich kann nicht mehr schlafen. Ich grüble nur noch.
Wenn du wirklich an ihn denkst, dann bleibst du jetzt nicht sitzen, entschied Greta und sprang auf. Los, wir fahren!
Wohin?
Krankenhaus!
Wieso?
Wo ist deine Mutter? Da?
Nein, sie ist schon entlassen.
Na dann zu euch. Du musst nicht gut Wetter machen, aber denk mal an Paul!
Letztlich versöhnten sich Mutter und Tochter fast in letzter Minute zwei Tage, bevor Marion, vom Leben gezeichnet, sich bei Hanna entschuldigte, während Hanna sie pflegte und alle Unterlagen organisierte, Paul im Hinterkopf. Und als Hanna ihrer Mutter in die schmerzverzerrten Augen blickte, erinnerte sie sich nicht mehr an den Tag des Bruchs, sondern an ein entferntes Glück: Sommer, sie war fünf, ihre junge Mutter setzte sie auf den Schoß und fütterte sie mit sonnengelber Süßkirsche aus Bayern. Und in diesem Moment war alles andere vergessen nur Glück und Vergebung.
Hanna flüsterte: Ich verzeih dir, Mama…
Jetzt verstand sie endlich, was Minna ihr damals sagte:
Lass die Verletzung los wie einen bissigen Dackel, sonst zerfrisst sie dein Herz! Nicht wegen des anderen sondern deinetwegen. Nur so kannst du wieder Licht sehen.
Eine Woche später ging Paul an Hannas Hand wieder zu Hause durch die Tür, blickte sie an und fragte:
Bin ich jetzt für immer daheim?
Ja, mein Kleiner. Jetzt wirklich. Hier ist unser Platz, verstehst du?
Der Junge nickte so ernst, dass Hanna wusste jetzt stimmte alles. Endlich war alles am rechten Platz.




