Finde deine Schwester, mein Kind.
Luise, schau mal. Das ist doch unsere Steffi Sofie riss erschrocken die Augen auf, hob die Hand mit gestrecktem Zeigefinger und blieb so, eingefroren mit offenem Mund, stehen.
Wo denn? suchte Ludmila mit ihren Augen die Reihen von Kindern in roten Halstüchern ab, die in mehreren Reihen standen, konnte aber nicht ausmachen, worauf Sofie zeigte. Welche Steffi?
Sofie antwortete nicht. Sie starrte gebannt auf die Gruppe, die beiseite getreten war, und fürchtete, das Mädchen aus den Augen zu verlieren, das soeben ein Gedicht aufgesagt hatte, das sie eingefangen hatte und das sie jetzt nicht mehr loslassen wollte.
Stumm begann Sofie, sich seitlich durch die Menge in der großen Turnhalle vorzuschieben, auf die Stelle zu, wo die Gruppe weggegangen war. Es fiel ihr nicht leicht. Sie war von Kindheit an behindert und von kleiner Statur doch sie war erstaunlich flink und entschlossen.
Hier waren Kinder aus Heimen, Schulen, Kinderdörfern der ganzen Region versammelt. Das bundesweite Treffen für kreative Jugend zog sich in diesen Tagen durch die Bundesrepublik und auch das Heim in dem kleinen Ort Rackenberg, das Kinderheim Nummer 129, wurde nicht ausgelassen. Seit vielen Jahren war Sofie Nikolai schon dessen Leiterin.
Vor dem Krieg hatte sie als Lehrerin in einer Schule bei Hamburg gearbeitet. Als die Bomben fielen, flohen sie mit den Kindern in die Evakuierung. Danach wurden sie nach Kassel geschickt, doch der Transport kehrte zurück und sie landeten hier, in Niedersachsen.
Sie hatten zahlreiche Unterkünfte und Heime hinter sich gebracht, Schreckliches erlebt tote Kinder, die sie selbst zum Massengrab brachte, Mütter, die vor Schmerz zusammenbrachen. Sie erinnerte sich an ihre damaligen Hände. Oft betrachtete sie ihre Hände und dachte an die Zeit zurück. Einmal war der Gutsherr vorbeigekommen, reichte ihr die Hand und zog sie schnell zurück, erschrocken über die Arbeiterhände der Erzieherin.
Aber diese Hände hatten Kinder gestreichelt, hart gearbeitet, Tag und Nacht, damit ihre Schützlinge überleben konnten. Sofie wusste gar nicht mehr, wie viele Kinder durch ihre Hände gegangen waren, wie viele verwaiste Kinderköpfe sie sanft berührt hatte.
Mehr als zehn Jahre sind seit Kriegsende vergangen, doch noch immer schmerzte ihr Herz und sie mochte sich an vieles nicht mehr erinnern. Nur abends, wenn sie im Bett lag, überrollten sie die Bilder mit all ihren Details: verendende, verhungernde Kleinkinder, eine junge Mutter, die mit dem Kopf gegen die Wand schlug
Und Steffi, eigentlich Stefanie, hatte sie nie vergessen. Sie erinnerte sich oft an sie. Sie war das Sinnbild von Glück und Zukunft für Sofie. Doch wie kam sie nur in diese Halle? Steffi war doch seit über fünf Jahren mit ihrem Vater, einem Ausländer, ins Ausland gegangen
Gemalt von: Künstler Valerij Schulz.
So begann es damals.
Im Frühling 1945 wurden die größeren Jungen in ein Nachbarheim verlegt, nur die Kinder unter sieben blieben zurück, darunter eine Gruppe Säuglinge. Damals wurden die Kinder häufig hin und her geschoben. Man brachte ihnen ein etwa zweimonatiges Mädchen gefunden auf dem Wochenmarkt. Straßenkinder hatten sie ausgesetzt.
Sofie wusste noch, wie sie über die hübsche Aussteuer staunte. Noch nie hatten sie so ein gestepptes, strahlend weißes Deckchen gesehen, in dessen jeder Quadrat ein zartblauer Blümchenstick war. Nach dem Deckchen schlug jemand den Namen Stefanie, Steffi, vor. Den Nachnamen bekam sie wie viele andere Kinder von Sofie selbst: Komarowski.
Sie freundeten sich mit allen Kindern an, doch Steffi wurde zu einer Liebling: Hell, weißblond und blauäugig, mit leisen Tönen und sanft. Sie kam wie zu einer Mutter ins Büro und schenkte Sofie ein vorsichtiges Lächeln.
Aber sie blieb nicht einmal bis fünf. Damals war es ein Schrecken und eine Freude zugleich.
Eines Tages kam die Pflegerin Valentina aus dem Dorf angelaufen: Ein Anruf aus der Landesregierung, es gehe um das im März 1945 eingewiesene Mädchen. Das Mädchen wurde gesucht und sie schickten eigens eine Delegation.
So große Gäste empfing das Heim noch nie. Die Vorbereitungen begannen, die Behörden halfen, sogar mit Geld und Arbeitskräften. An einem Abend wurde aus dem tristen Hof ein Schmuckstück.
Der Grund: Ausländer.
Dann war der Tag da. Die politische Delegation stieg aus den beiden dunklen Autos: Männer in kantigen Jacken, ein Herr und eine Dame ganz offensichtlich nicht-deutscher Herkunft. Der Herr trug einen gemusterten, offenen Mantel und bunte Hosenträger, die Dame erinnerte an eine Schauspielerin des Kinos sorgfältig frisierte Haare, ein eleganter Pillbox-Hut mit Schleier, ein grauer Mantel, zierliche Lackpumps und eine leuchtend rote Tasche, auf der Sofie wie gebannt hängen blieb.
Dazu eine ältere Dolmetscherin im blauen Kostüm, müde und distanziert.
Mit Kinderchor wurde draußen gesungen, das Lied der demokratischen Jugend. Steffi wurde ganz nach vorne gestellt und sang still mit. Die weißen Schleifen in ihren Zöpfen verschmolzen mit dem Haar. Sie hatte keine Ahnung, dass all dies um sie kreiste. Sie war nicht mal fünf.
Die Delegierten waren nervös alles sollte stimmig wirken. Der fremde Herr beobachtete Steffi unverwandt. Sogar ohne ihren Platz vorn hätte er sie gefunden. Man brauchte kein Genetiker sein: Vater und Tochter das war offensichtlich. Blaue Augen, das markante Kinn, die Gesichtszüge, die Haltung.
Er wartete geduldig, sprach nach der Hymne mit allen Pflegerinnen und probierte das Begrüßungsbrot. Es folgten Reden über die große Politik, das Deutschland der Nachkriegszeit, die Bundesrepublik und gegenseitige Verständigung. Die Dolmetscherin übersetzte, aber es klang, als hielte sie sich zurück.
Die Dame im Pillbox-Hut stand etwas abseits, die rote Tasche fest an sich gedrückt, Tränen liefen über ihre Wangen.
Die Kinder waren es gewohnt, sich Mühe zu geben. Sie standen still, ohne zu verstehen, worum es ging. Schließlich wurden sie weggebracht, Steffi blieb mit ihrer Erzieherin Olga zurück und weiteren Angestellten. Ein Kind dieser Herkunft hatte es im Heim noch nie gegeben.
Die Offiziellen hielten Abstand, der Herr und die Dame kamen mit der Übersetzerin zu dem Mädchen. Die Dame kniete sich hin und nahm Steffis Hand.
Die Mutter? fragte Sofie leise.
Die Tante, flüsterte die Dolmetscherin zurück. Klar, sie waren Geschwister Bruder und Schwester aus dem Ausland.
Die Frau sprach mit Steffi, fragte nach ihrem Namen, dem Alter, nach ihrem Bett, den Spielsachen. Steffi taute auf, erzählte mehr. Alle gingen mit in den Schlafraum. Sofie war aufgeregt und befürchtete das Schlimmste: Ärger, Vorwürfe, Misstrauen.
Doch die Ausländer lächelten, interessierten sich fürs Kinderzimmer, bestaunten die Spielsachen. Sogar die Dolmetscherin taute auf.
Wo sind denn die anderen Kinder?
Hektik brach aus, ein Beamter lief los, um die Kinder zu holen. Nun unterhielten sich die Gäste mit allen. Die vierjährige Liesel kramte sofort an der roten Handtasche. Die Fremde kicherte, holte etwas hinaus, gab ihrem Bruder einen Teil, reichte die Tasche dann Liesel. Die Angestellten waren etwas irritiert, aber Sofie war erleichtert.
Erstaunlicherweise war die Decke, in der Steffi einst ins Heim kam, noch da sie war zwar verblichen und abgenutzt, aber Ole brachte sie in Ordnung und zeigte sie noch einmal den Gästen. Der Herr starrte wie gebannt auf die Blümchen.
Steffi sollte mitgenommen werden. Beim Abschied standen alle draußen. Ein Delegierter trug die rote Tasche stolz heraus. Die Dame wollte sie erst ablehnen, nahm sie dann traurig doch.
Sofie blickte ihnen nach und dachte nur: Steffi wird glücklich sein. Warum nur, fragte sie sich, können nicht alle Kinder aus ihrem Heim so ein Glück haben?
Mit wackligen Knien ging sie zurück in den schmalen Flur, half Liesel und den anderen Kindern, setzte sich zu den Mitarbeiterinnen und redete über diesen unglaublichen Tag.
Und es passierte nichts. Kein Ärger. Später wurde sie in die Bezirksregierung gerufen, gelobt und mit einer Urkunde ausgezeichnet. Sie bekamen neue Bettwäsche und Spielzeug die Gäste aus dem Ausland hatten sich erkenntlich gezeigt.
***
Und jetzt, fast fünf Jahre später Steffi ist wieder hier. Nicht in der DDR, nicht irgendwo im Osten, sondern hier, bei uns, beim bundesweiten Wettbewerb. Es ist wirklich sie, auch wenn sie älter geworden ist. Sofie kann sich nicht irren.
Sofie drängt sich durch die Menge, stößt auch Lehrer beiseite, legt vorsichtig ihre Hand auf Steffis Schulter.
Steffi, Steffi!
Das Mädchen dreht sich verwundert um.
Steffi, erinnerst du dich an mich?
Da fasst jemanden Sofie von hinten an den Arm.
Guten Tag, was machen Sie da? fragt eine junge Frau, offenbar eine Lehrerin.
Guten Tag, ich bin die Leiterin des Heimes 129. Das hier ist doch unsere ehemalige Schülerin. Ich war mir sicher und wollte nachschauen.
Welche Schülerin? Das ist Nina.
Nein, das kann nicht sein. Sie heißt Steffi. Ich weiß, sie wurde damals abgeholt ich verstehe nicht.
Das Mädchen sah zwischen Lehrerin und Sofie hin und her.
Sie müssen sich irren. Das ist Nina. Sie war nie im Heim. Sie hat eine Mutter Nicht wahr, Nina?
Und einen Vater, bestätigt Nina.
Sehen Sie, Sie verwechseln da etwas.
Sofie sieht zu, wie ihre Heimgruppe die Bühne betritt. Sie schaut, aber sie ist in Gedanken ganz woanders.
Das ist Steffi! Der Kinn, das charakteristische, helle Gesicht, das weiße Haar sie irrt sich nicht. Das ist Stefanie.
Sie lehnt sich an die hohe, rot gestrichene Heizung, die angenehm Wärme abgibt. Und plötzlich erinnert sie sich an ein Gespräch mit der Dolmetscherin damals.
Als sie weggingen, fragte Sofie:
Wie hieß Steffi denn wirklich damals?
Das wissen sie selbst nicht genau, meinte die Übersetzerin und schaute zu den glücklichen Fremden, die mit Steffi im Auto saßen vielleicht Naela, vielleicht Iveta.
Wie das?
Sein Frau verschwand mit ihren Zwillingsmädchen. Seit dem Krieg suchte er sie. Man fand erst neulich das Grab der Frau. Wahrscheinlich starb ein Kind mit ihr, das andere kam ins Heim. Sie waren Antifaschisten, lebten damals im Baltikum, die Frau im Lager, die Mädchen dort geboren. Jetzt wohnt er in Ostdeutschland. Eine lange Geschichte, viele schwere Jahre.
Dieses Gespräch war lange vergessen. Die Mühe, der Alltag all das hatte es überschwemmt. Erst jetzt fällt es ihr wieder ein.
***
Kathrin! Kathrin! Kommst du mit auf den Marktplatz? ruft Liesel der Nachbarin zu. Das ganze Dorf feiert heute im Maienglanz.
Nein, Liesel. Ich muss kochen, Kathrin schiebt die Geranien zur Seite, lehnt sich aus dem Fenster, Komm später vorbei.
Und die Kinder?
Anna und Viktor sind schon weg, und Nina ist mit der Schule beim Wettbewerb
Echt? Sie haben sie also genommen?
Ja! Stell dir vor sie, die so ruhig ist, so schüchtern! Rede niemals viel, und doch spricht sie Gedichte besser als alle anderen.
Der Stolz war ihr deutlich anzusehen. Liesel freute sich ehrlich. Sie hatte keine eigenen Kinder und war immer wie eine Tante für Kathrins Kinder. Besonders Nina Ob sie einem Blutsverwandten jetzt wohl fehlt? Bei einem Gläschen Sekt zu Feiertagen kam das Thema mal auf, verbunden mit leisen Tränen.
Nun liefen die älteren Kinder zum Marktplatz, Annas Verlobter Kalle holt sie zum Kino ab, Viktor drängt auf die Wiese am Fluss: Lagerfeuer, Gitarre und Kartoffeln im Feuer, das ganze Clique ist dabei.
Kathrin ist ein wenig enttäuscht, als sie ihren Kuchen aus dem Ofen nimmt. Dafür hatte sie schon in der Nacht den Hefeteig geknetet und jetzt ist keins der Kinder da. Tochter Nina ist mit der Schule in Hannover, der älteste Sohn lebt schon lange mit Frau und Kind in Bayern.
Nur Liesel und Ehemann Leo sind zuhause. Sie setzen sich mit Kathrin in geselliger Runde zusammen, später vielleicht bei einem Kaffee. Nina kommt spät, Anna mit ihrem Schwarm und Viktor irgendwo im Wald.
Doch während Festtagsmusik aus den offenen Fenstern klingt, packt Kathrin Erlebnisse aus vergangenen Jahren ein. Parade in Berlin im Radio, vor dem Fenster flattert die Deutschlandflagge. Und sie fühlt: Auch sie hat ihre eigene Schlacht gewonnen alle Kinder leben.
Sie erinnert sich wieder, wie damals, als Nina ins Haus kam. Wie schwer ihr das gefallen war, inmitten vom Hunger, als sie mit drei Kindern allein war und vom Mann nur die Sterbenachricht bekommen hatte. Wie empört sie war, als ihre Kinder heimlich die letzte Kartoffelküchlein vertilgten
Just in diesem Moment trat der Dorfvorsteher Semmel auf den Plan, in den Armen einen Säugling, im Schlepptau eine große, blonde, fremdländisch wirkende Frau Therese. Es waren die Nachkriegstage, überall Hunger und Not.
Semmel wusste: Kathrin bekam kaum etwas, aber nur sie und Oma Nikola lebten noch im Dorf. Die Ausländerin musste aufgenommen werden, das fremde Kind versorgt werden.
Therese sprach kaum Deutsch, war kraftlos, alles, was Kathrin aus ihrem Kauderwelsch verstand, war, dass sie aus dem Lager kam, zwei Mädchen hatte Naela und Iveta. Und eine, Iveta, war nach der Befreiung verschwunden. Mehr verstand niemand.
Nach wenigen Tagen starb Therese im Krankenhaus zurück blieb nur das Baby, Naela, inzwischen spärlich versorgt, gestärkt mit Milch von der Dorfkuh. Ließe Liesel sich nicht zur Arbeit verpflichten, hätte sie das Mädchen gern adoptiert. Die Zeitrechnung und neue Papiere machten aus Naela Petersen schließlich Nina, Tochter von Kathrin und ihrem gefallenen Mann.
Niemand fragte, wie das gehen konnte der Dorfschullehrer war tot, die Verwaltung neu. Nach einem Jahr wurde eine Geburtsurkunde ausgestellt. Der Name Nina sollte nicht auffallen.
Kathrins Kinder überlebten trotz Not und Bohnenkaffee, und nach drei Jahren kam Leo aus der Verbannung zu ihr zurück ein Mann mit ruppigem Charme, mit dem sie seitdem eine Patchworkfamilie führte.
Heute, zum Feiertag, ist das Haus leer, aber das Herz voll und aus dem Radio ertönt sie, die Stimme des neuen Deutschlands.
Kathrin weiß: Ihre Kinder leben. Das allein ist der größte Sieg ein echter Tag des Friedens.





