Schenk mir doch ein Kind …
Die Menschen drängten sich vor dem Schalterfenster es wurde endlich geöffnet, und man begann, Fahrkarten auszugeben. Die Schlange verlor augenblicklich ihre Struktur, das Volk erhitzte sich, jeder wollte wissen, wer vor wem angestanden hatte.
Johann blieb ruhig. Menschenmengen mochte er nicht und reihte sich daher von Neuem hinten ein. Sein Durchgangszug kam erst in einer Stunde genug Zeit. Er war bereits am Schalter, als ihn jemand von der Seite heftig anstieß und grob beiseiteschob.
Es war eine junge Frau, das Kopftuch halb von den Schultern gerutscht, ein zerzauster Haarknoten und Einkaufsnetze, die sie kunstvoll zusammengebunden und über die Schulter geworfen hatte. Mit ihren Ellbogen bahnte sie sich den Weg zum Schalter. Empörung machte sich in der Menge breit, viele schimpften und trotzdem war sie im Nu vorne, reichte mit kräftiger Hand ihren Ausweis ins Fenster.
Einmal nach Würzburg, bitte.
Dann schwebte die Hand mit dem Ticket über die Köpfe der aufgebrachten Wartenden hinweg.
Was für ein Biest!
Unser Zug geht früher, und dennoch stehen wir an. Unverschämtes Jungvolk!
Du ungezogene Gans! Wamst dich durch die Masse!
Doch sie schien das Getöse nicht zu kümmern. Sie trat zu der Anzeigentafel, verglich das Ticket mit dem Fahrplan, dann verschwand sie in der Kassenhalle. Johann hatte sich mittlerweile auch sein Ticket besorgt und die Frau aus den Augen verloren.
Er war auf dem Heimweg von seinen Eltern. Die Mutter und den Vater hatte er im Dorf besucht es war lange her, dass er diese Gegend gesehen hatte, und es tat ihm im Herzen weh, wie wenig sich hier verändert hatte. Nehmen wir nur das Gedränge im Bahnhof, dieses ewige Durcheinander alles wie früher.
Seit Jahren wohnte Johann bereits in Nürnberg, von wo er über Frankfurt nach Hause wollte. Er arbeitete als Tierarzt in einer großen Hühnerfarm. Der Betrieb war angesehen, die Stelle verantwortungsvoll, so dass es selten möglich war, für längere Zeit zu verreisen.
Die Mutter, klein geworden, gebeugt, sichtlich gealtert, empfing ihn mit Tränen. Sie umarmte ihn fest in der Tür.
Mein Sohn ist daheim, mein Junge ist wieder da …
Und wie wohl sich Johann zu Hause fühlte! Dasselbe Gefühl von Heimat und Geborgenheit.
Die Mutter eilte wie ein Weber zwischen Herd und Tisch, redete unaufhörlich von Träumen, von Omen …
Iss, mein Kind, iss! Du bist so dünn geworden, ganz ausgemergelt …
Später kam Vater, erschöpft von der Arbeit, und wieder saßen sie einträchtig beim Abendbrot die Freude, sich wiederzusehen, lag über allem. Die Gespräche wurden ernster: Übers Dorf, über die Politik, über das Leben über das Einzelne und das Allgemeine.
Wie immer kam das Thema darauf, dass viele seiner Altersgenossen Familie hatten, Enkel die Eltern besuchten. Für die lange währende Junggesellenzeit Johanns klang das stets wie ein leiser Vorwurf.
Johann nahm es mit Humor, aber er hatte Mitleid mit seinen Eltern. Ja, es wäre wohl schön gewesen, käme er mit Frau und Kind hierher. Es wäre … immerhin war er knapp vierzig.
In diesen Stunden erinnerte er sich an seine letzte langjährige Beziehung mit Gudula. Drei Jahre hatte er mit ihr verbracht, doch inzwischen lag die Trennung schon einige Monate zurück. Er versuchte sich vorzustellen, mit ihr gekommen zu sein, aber diese Vorstellung wollte sich nicht fügen Gudula hätte nicht gepasst, nicht in dieses warme, heimelige Haus, das Johanns Auge so liebte. Sie war zu direkt, stolz, oft hochtrabend im Tonfall.
In Gedanken sah er sogar vor sich, wie die Mutter verschämt wegschaute, der Vater im Hof besorgt eine Zigarette anzündete. Es war besser so, dass sie getrennte Wege gegangen waren. Die Jahre mit Gudula waren von Unruhe und Nervosität geprägt. Schade drum …
Jetzt war er wieder allein. Die Eltern ahnten nichts von seinen Beziehungen, hielten ihn immer für einen Einzelgänger.
Ich heirate schon noch, Mutter. Irgendwann kommt meine Zeit lachte Johann.
Da bist du jetzt aber im Verzug, mein Junge. Jungs haben wir zu wenige, und bei euch in Nürnberg, was ist da? Sind die Mädchen alle aus? murrte der Vater.
Für die Eltern war das Thema ernst.
Johann ging durch den Tunnel hinüber auf Gleis zwei. Da entdeckte er sie wieder die Frau vom Schalter, die sich mit den Ellbogen durchgesetzt hatte. Sie stand am Bahnsteig, zupfte ihr geblümtes Kleid zurecht hinten kürzer als vorn , das Jackett offen, die Schuhe abgelaufen, zu ihren Füßen die Netze voll mit Bündeln aller Art. Das Kopftuch lag weiterhin schief auf den Schultern für Außen war es warm genug.
Ein Hund kam zu ihren Netzen gelaufen, wedelte schwanzwedelnd, schleckte an den Taschen. Johann wartete eigentlich nur darauf, dass sie das Tier verscheuchte. Nach der Szene am Schalter hätte man diese Reaktion erwarten können, aber sie drehte sich ruhig um, beugte sich zu den Netzen, zog etwas Essbares hervor und hielt es dem Hund hin. Sofort schnappte das Tier danach, zog sich zurück, legte sich zufrieden daran und begann zu fressen.
Wäre da nicht eine gewisse Nachlässigkeit im Umgang mit sich selbst gewesen, eine frühe Fülle, und der Mangel an Feingefühl, mit dem sie die Leute beiseitegeschoben hatte sie hätte eine hübsche junge Frau sein können. Doch es schien, als legte sie wenig Wert auf die Meinung der Anderen.
Der Zug rauschte ein, pfiff heftig und bremste ab. Die Frau griff sich schnell ihre Netze, wurde geschäftig. Sie ging zum fünften Wagen wie sich herausstellte, war es auch Johanns Abteil. Er stellte seinen Koffer ab und half ihr beim Einsteigen.
Es war ein Abteil mit Schlafwagenkomfort. Eine ältere Dame lag bereits unten, das andere untere Bett war frei, ihre beiden Plätze waren oben.
Johann machte sich ohne große Worte auf sein oberes Bett und schlief bald ein. Das Rütteln und Rattern des Zuges weckte ihn.
Draußen dämmerte es bereits. Seine Nachbarinnen unten führten ein leises Gespräch am Tisch, auf dem Proviant stand. Der Zug fuhr durch einen Wald, die Dunkelheit vertiefte sich. Johann drehte sich um, wollte noch einmal einschlafen, da hörte er plötzlich:
Sie wollten mir einen Witwer mit Kindern andrehen, aber ich wünsche mir keinen Mann, ich wünsche mir nur ein eigenes Kind. Ein Sohn oder ein Töchterchen, das wärs. Dann brauchte ich nichts weiter. Wozu eigentlich die Männer?
Das eiserne Dröhnen und das Seufzen der Lok versteckte sich im Weiten des Landes.
Ein Kind zu bekommen, ist doch nicht schwer …
Das sagen Sie so leicht. Für mich muss das ehrlich und anständig geschehen. Betrug will ich nicht. Verheiratete schickte ich mit Stock und Steinen fort ich muss das Kind doch großziehen, wie könnte ich den Frauen dann je in die Augen schauen? Nein … und bei uns im Dorf kennt jeder jeden. Es gibt junge Männer, aber die will ich nicht. Die bauen doch gerade erst ihre eigenen Familien auf.
Und wenn du irgendwo auf dem Bau anheuerst? Der Mensch läuft dir doch dort sicher über den Weg.
Mag schon sein, aber ich habe die Großmutter, für die ich sorge. Meine Mutter ist früh gestorben, und ich versorge Großmutter. Wer soll sie sonst hegen? Ich habe sie für den Moment ins Krankenhaus gegeben. Oh, da habe ich die Ärzte auf Trab gehalten niemand hat auf das Pflegepersonal ein Auge. Da haben sie um Großmutter herum das Tanzen angefangen. Wenn ich zurück bin, hole ich sie wieder heim. Vielleicht haben diese Schlawiner sie ja ein wenig aufgepäppelt. Sonst nützt alles Schimpfen nichts.
Vielleicht ist es mittlerweile auch besser geworden im Dorf. Viele ziehen doch hinaus aufs Land, bauen überall neue Häuser.
Wir haben Platz und ein schönes Haus. Hätte ich ein Kind, gäbe es keinen Grund, fortzugehen. Leben wie ich will. Die Schule ist nah im Nachbardorf. Doch für das Kind braucht es zwei. Wer hat sich das nur ausgedacht?
Bald darauf verabschiedeten sie sich. Die Frau stieg aus, und als der Zug anfuhr, beschloss Johann, dass es Zeit sei, aufzustehen, um sich die Beine zu vertreten und einen Tee zu trinken.
Probieren Sie mein Sauerkraut, selbst eingelegt.
Nein danke, heute nicht. Ich möchte nur etwas Tee.
Wie Sie meinen. Sie sind ja arg dünn, ein Strich in der Landschaft sagte sie mit denselben Worten wie seine Mutter.
Das ist nicht vom Hunger, das ist Konstitution ganz wie mein Vater, lachte Johann, um das Gespräch in Gang zu halten.
Ich habe auch Kuchen zum Tee! Schauen Sie, greifen Sie zu …
Dann dürfen Sie meine kosten, Johann zog ein Päckchen hausgemachter Kuchen vom oberen Bett.
Eigentlich hatte Johann keinen Hunger, aber er gab nach, damit sie sich freute.
Echt lecker lobte er.
Das weiß ich, meine Backkunst ist legendär. Nach Omas Rezept sie biss von seinem Kuchen ab, die sind aber auch gut. Ihre sind süß, meine herzhaft. Ich mag beides. Durch die Backerei habe ich auch meine Figur eingebüßt. Oma hat alles gebacken und mir das Handwerk beigebracht. Beim Backen muss ich genau arbeiten, sie schaut mir auf die Finger: Ein falscher Schritt und sie schimpft wie ein Rohrspatz!
Ganz schön streng, Ihre Oma. Leben Sie mit ihr zusammen?
Johann wollte nicht zugeben, das Gespräch vorhin belauscht zu haben, aber sie störte das kein bisschen.
Mit ihr. Und mit wem sonst? Sie sieht noch gut, aber gehen kann sie fast nicht mehr, hören tut sie auch schlecht. Deswegen habe ich sie jetzt mal zur Kur geschickt. Und Sie? Wo kommen Sie her, wohin fahren Sie?
Ich war meine Eltern in Schönau besuchen. Auch nicht mehr die Jüngsten.
Ach, aus Schönau? Ich komme aus Lindenfeld. Kennen Sie das?
Sicher, als Kind war ich mal da vorbeigekommen.
Damals war das Dorf viel größer, heute sind fast alle fortgezogen. Die Molkerei hat man auch dichtgemacht. Ich arbeite jetzt in einer Käserei. Und Sie?
Ich arbeite auch in der Lebensmittel-Branche als Tierarzt im Betrieb.
Hab ich mir gedacht, dass Sie kein einfacher Arbeiter sind. Das merkt man.
Woran denn das? fragte Johann lachend.
Er trug eine Sporthose und ein kariertes Hemd ganz einfach, wie zu Hause.
Das merkt man einfach, auch an Ihren Gesprächen. Unsere Männer hätten längst herumgeflachst Sie sind … anders, einfach anders.
Johann erinnerte sich an das vorhin belauschte Gespräch. Seltsam: Erst wird über den Mangel an männlicher Zuwendung geklagt, dann “herumgeflachst”.
Kommt das oft vor, dass Sie sich wehren müssen? lächelte er.
Früher als ich jünger war, klar. Jetzt eigentlich weniger, sie fuhr sich durch die Haare.
Aber Sie sind doch noch jung.
Ach, denken Sie! Mit dreiunddreißig zählt man auf dem Land als reife Frucht.
Aus der Ferne schien die Frau älter, jetzt sah Johann, dass sie gerade mal Anfang dreißig war.
Sie sind jung, passen Sie gut auf sich auf, sagte er und stand auf. Ich hol uns noch einen Tee.
Als Johann zurückkam, waren ihre Haare wieder zusammengebunden und sie räumte neue Leckereien auf den Tisch.
Immer, wenn ich aufgeregt bin, muss ich essen. Das ist wie ein Tick.
Plötzlich spürte Johann selbst Hunger. Er holte Schinken und Eier hervor. Seine Mutter hatte zu viel eingepackt.
Machen wir ein nächtliches Festmahl.
Sie lachte leise, die Spannung wich. Ob es daran lag, dass sie ihm so offen ihr Herzensanliegen anvertraut hatte, oder er einfach die Situation auflockern wollte er berichtete offen über seine jahrzehntelange, komplizierte Beziehung mit Gudula.
Sie aß und hörte zu, runzelte die Stirn und schimpfte gelegentlich auf Gudula, seine ehemalige Partnerin.
So eine listige Katze!
Diese Schlange! schüttelte sie den Kopf, während sie Tomaten schnitt.
Frauen sind zu allem fähig … murmelte sie, während sie ein Keks abbiss.
Johann fühlte sich leicht und zufrieden bei diesem Gespräch. Er hatte lange mit niemandem mehr so offen gesprochen.
Es war das einzig Richtige, dass Sie sich getrennt haben. So eine Frau taugt nicht für Hausstand und Kinder, das spürt man doch.
Und dieser simple Satz war der Wahrheit sehr nah.
Zwei Stunden vergingen rasch. An der Station rumorte es, ein samtiger Männerbass, Lachsalven der Schaffnerin. Die Tür ging auf, ein Mann um die vierzig mit auffälligem Schnauzer, muskulösem Oberkörper und lachenden Augen stand am Eingang.
Oha! Ihr schlaft gar nicht gebt zu, ihr seid ein Paar! Und das da ist mein Platz, grinste er.
Kein Problem, ich rücke.
Doch ehe sie aufstehen konnte, ließ er sich schon neben sie fallen.
Mir solls recht sein, mit solch einem hübschen Fräulein zusammen zu liegen, bis nach Berlin, wenns sein muss! Er zwinkerte frech.
Na, du bist ja drauf! Katharina wirkte verunsichert.
Sie machte das Bett unter Johanns Platz. Johann ging in den Gang, während der neue, laute Nachbar sich ausbreitete.
Na, dann, wir stellen uns vor ich bin Peter!
Sie tauschten Namen. Peter reichte die Hand, bot nochmal Tee an.
Man mag schon längst keinen Tee mehr wollen, aber es war unangenehm, abzulehnen. Peter war der geborene Stimmungsmacher, erzählte Witze, redete in Wortspielen, zwinkerte Katharina ständig an. Die lachte, errötete, war aber gelegentlich verlegen und suchte Johanns Blick. Peters Scherze waren oft grenzwertig, doch er wusste geschickt den Bogen zu spannen.
Bald saß er allzu dicht bei Katharina, benahm sich zudringlich.
Da kam Johann der Gedanke, dass Peter wohl genau der richtige für ihre Suche wäre. Der würde ein solches Angebot gewiss nicht ablehnen.
Zwischen zwei Bahnhöfen fand Johann ein leeres Abteil. Er wandte sich zu Katharina, und als Peter den Gang hinunter verschwand, eilte er zu ihr und flüsterte:
Katharina, ich wechsle das Abteil. Ich sage, ich bin müde.
Warum? Ihre Augen wirkten erschrocken.
Es scheint mir, dass du genau das gefunden hast, was du gesucht hast. Du möchtest doch ein Kind, und … Peter wäre bereit.
Na ja, er ist sehr lustig Katharina wirkte hin- und hergerissen.
Johann nahm seine Matratze und kehrte ins leere Abteil zurück. Peter begegnete ihm:
Wohin des Wegs?
Ich bin müde, halb im Stehen schon eingeschlafen. Hier sind ja genug freie Abteile.
Schlaf dich aus! Ich bring dir noch den Koffer rüber.
Katharina blieb allein im Abteil, starrte aus dem Fenster.
Johann wünschte beiden eine gute Nacht, dann legte er sich doch Ruhe kam nicht. Zu viele Gedanken brummten in seinem Kopf Katharinas Kinderwunsch, seine Eltern, das Leben an sich.
In der letzten Zeit war das Thema Nachwuchs unüberhörbar. Die Mutter redete von Enkeln, der Vater bat ihn, sich endlich um Nachkommen zu kümmern, und nun auch Katharina, deren Sehnsucht nach einem Kind alles überschattete.
Ein Kind anschaffen wie seltsam. Als ginge es um einen Hund oder eine Katze: Ich schaffe mir mal ein Kind an!
Doch ein Kind wird nicht zur Belustigung geboren. Es ist ein Mensch, wird ins Leben gerufen, um eigene Aufgaben zu erfüllen. Und seine Zukunft hängt davon ab, ob es aus Liebe entsteht oder nur als Lückenfüller das wäre verkehrt. Vielleicht sind Muttergefühle aber wirklich einzigartig?
Und jetzt flirtet sie mit diesem oberflächlichen Mann, nur, damit endlich ein Kind geboren wird ganz ohne Vater, ohne Wurzeln, nur aus dem brennenden Wunsch der Mutter.
Johann war aufgebracht.
Unerwartet, fast erschrak er, da wurde seine Tür aufgestoßen und gleich wieder zugezogen. Im Flur war Bewegung. Ein Stück von Katharinas Kleid tauchte auf. Er öffnete die Tür einen Spalt Katharina stand da, Peter presste sie mit dem Oberkörper an sich. Sie riss sich los, trat hinter Johann, atmete schwer. Ihr Kleid war am Ausschnitt aufgeknöpft, Haarsträhnen hingen im Gesicht.
Was ist hier los? fragte Johann streng.
Peter ignorierte ihn.
Komm, Katharina, entspann dich. Ich will dich nicht mehr nerven …
Nein, bitte nicht, Peter … Lass es gut sein …
Johann stellte sich zu ihr. Tränen schossen in Katharinas Augen, sie verdeckte das Gesicht und schluchzte.
Du Dummchen, Katharina! knurrte Peter, drehte sich um und trollte sich.
Katharina setzte sich im Abteil nieder, weinte bitterlich. Johann brachte schweigend ihre Sachen herüber.
Peter war gereizt:
Sag mal, was war denn los? Du bist doch selbst schuld. Ich hätte nie Gewalt angewandt! Aber auf einmal fängt sie an zu zicken.
Gute Nacht, sagte Johann nur.
Er setzte sich zu Katharina, schenkte Tee ein. Er fragte nichts.
Sie hob den traurig-rotgeweinten Blick.
Ich habe es einfach nicht gekonnt, zuckte sie die Schultern, Dann bleibe ich wohl ohne Kind. Einmal lasse ich alles hinter mir und dann bleibt mir wieder nichts …
Ein Kind ist ein Kind der Liebe, Katharina. Vielleicht ist es gut so. Irgendwann triffst du deine Liebe. Glaub bitte nicht, du seist niemandem wichtig oder zu spät dran. Hör auf, dich fortzujagen. Dein Kind wird seinen Vater haben ein Vater ist eine große Verantwortung. Nicht weinen, Johann tippte leicht grinsend an ihre Nase, Schlaf jetzt ein wenig. Morgen musst du ja aussteigen.
Katharina ließ sich führen und legte sich hin, leise schniefend, den Rücken zur Wand. Nun war sie nicht mehr die schonungslose Frau vom Bahnhof, sondern ein verletztes, unsicheres Mädchen. Ihr ungezwungenes Wesen war nur Schutz.
Am nächsten Morgen stiegen sie gemeinsam aus. Johann half ihr, die Taschen auf die Schultern zu nehmen. Ihre Augen waren traurig.
Machs gut, Johann … wie ist dein voller Name eigentlich?
Mein vollständiger Name ist Johann Friedrich, und du?
Katharina Egger. Katharina Egger klingt so hübsch.
Alles Gute, Katharina, dieses Abschied fiel schwer. In dieser einen Nacht waren sie sich näher gekommen, als sie je hätten ahnen können, und diese Offenheit machte nun verlegen.
Ihnen auch alles Gute. Mögen Sie Ihre Frau fürs Leben finden.
Und du auch. Es wird sich für dich ergeben, Johann trat einen Schritt zu ihr, küsste ihre Stirn und schmeckte die salzigen Tränen.
Sie ging am Bahnsteig entlang, festen Schrittes, das Kleid hinten kürzer als vorne, die Schuhe leicht nach innen abgelaufen, die Netze über der Schulter.
Der Zug fuhr an, kaum gehalten. Johann sprang auf die Stufen und blickte zurück. Sie blieb stehen, sah ihm nach.
Das Mädchen ist ganz schön betrübt, meinte die Schaffnerin und zog die Tür zu.
Der Zug rollte ins Land hinein. Am Himmel hingen schwere Wolken. Regentropfen perlten am beschlagenen Fenster.
Johann war innerlich aufgewühlt. Er fühlte sich rau und leer, so sehr, dass er auf dem nächsten Bahnhof tatsächlich eine Schachtel Zigaretten kaufte das erste Mal seit Jahren. Er paffte, hustete, lachte plötzlich in sich hinein denn er erinnerte sich: Er kannte ja ihre Adresse.
Bald nach seiner Rückkehr ging ein Brief von Nürnberg nach Lindenfeld adressiert an: Frau Katharina Egger. Und kurze Zeit darauf kam Antwort aus Lindenfeld. Man schrieb über Wetter, Natur, Arbeit, und bald auch darüber, dass ihre Großmutter gestorben war.
Im Frühling war Johann wieder bei seinen Eltern in Schönau zu Besuch.
Die Mutter, klein und gebeugt, empfing ihn mit Tränen. Sie umarmte ihn innig.
Mein Sohn ist da, mein Junge …
Ich bin nicht allein, Mutter, im Flur zeigte sich Katharina. Schlank, erholt, mit gelocktem, langem Haar.
Ach du meine Güte! Mutter griff sich ans Herz, Was für eine Freude! Kommt herein, tretet ein …
Wie gut es doch war, daheim zu sein. Gott, wie gut!
Vater war von der Arbeit zurück, Mutter und Katharina standen wie die Weberin zwischen Herd und Tisch, redeten unaufhörlich von Träumen, von Omen … Katharina war direkt, aber ohne Stolz. Sie gefiel den Eltern auf Anhieb.
Sie passte einfach in das Haus.
Iss, mein Junge, iss! Du bist so dünn!
Das holen wir schon nach, Katharina schwang lachend das Küchentuch, und wartet nur, wie ich Kuchen backe …





