Drei neue Schlüssel

Drei neue Schlüssel

Warum siehst du denn so blass aus? Oder ist das wieder eine von deinen Diäten? Die Stimme meiner Schwiegermutter hallte durch den Flur, ohne dass sie Guten Tag gesagt hatte.

Ich stand am Herd, im alten Bademantel, rührte im Haferbrei und hatte bis eben noch gedacht: Endlich mal ein Samstag, der mir ganz allein gehört. Von morgens bis abends. Klaus war seit acht Uhr mit seinem Angelfreund Rainer am See, hatte versprochen, zum Abendessen zurück zu sein. Im Kopf hatte ich den Tag längst verplant: entspanntes Frühstück in Ruhe, ein Spaziergang am Rhein, dann ein gutes Buch, einfach mal nichts müssen. Solche Tage, ganz ehrlich die waren selten. Eher nie.

Und jetzt das.

Ich drehte mich um. Ursula Müller, meine Schwiegermutter, trat schon in die Küche, schälte ihr Mantel von den Schultern und warf ihn wie immer über die Stuhllehne. Der Mantel glitt runter auf den Boden. Sie merkte es natürlich nicht.

Guten Morgen, Ursula, sagte ich, so freundlich wie nötig. Das konnte ich inzwischen aus dem Effeff.

Ja, morgen. Wo ist denn Klaus?

Angeln.

Sie blieb mitten in der Küche stehen, sah mich an, als hätte ich gerade verkündet, Klaus gehe jetzt ins Kloster.

Angeln? Hat er mir gar nicht erzählt.

Hat er bestimmt vergessen, gab ich zurück und wandte mich wieder dem Topf zu.

Haferbrei blubberte leise. Ich drehte die Hitze runter. Draußen war Oktober trübes, stilles Wetter, aber Mild. Ich hatte eine halbe Stunde vor Ursulas Ankunft vor, rauszugehen, die Luft roch nach feuchtem Laub. Jetzt starrte ich auf den Brei und wusste schon: Dieser Tag gehört mir nicht.

Ursula hob ihren Mantel auf, hängte ihn an die Garderobe und setzte sich an den Küchentisch. Sie zog einen großen Plastikbeutel aus ihrer Einkaufstasche und stellte ihn auf die Wachstischdecke.

Ich hab Frikadellen gemacht. Mit Weißkohl. Klaus mag die am liebsten.

Danke.

Probier wenigstens einen, bevor du schon das Gesicht verziehst.

Ich verzog allerdings gar nichts. Ich stand einfach nur mit dem Rücken zu ihr und servierte den Haferbrei. Meine Hände ruhig, ganz professionell. Innen spannte sich was an, aber außen jahrelange Übung.

Setz dich, iss mit mir rutschte mir ganz automatisch raus.

Ich hab schon gegessen. Tee reicht.

Ich setzte den Wasserkocher an, setzte mich, aß. Ursula beobachtete meine Müslischale.

Ist das dein ganzes Frühstück? Nur Brei?

Mit Milch.

Sieht trotzdem karg aus. Hat Klaus wenigstens vorher was Vernünftiges gegessen?

Keine Ahnung. Er war schon um sechs weg, da hab ich noch geschlafen.

Sie schüttelte den Kopf. Ein typischer Was bist du für eine Ehefrau?-Blick, den ich mittlerweile auswendig kannte.

Ich tat so, als beobachtete ich lieber die Tauben draußen auf dem Dachvorsprung. Irgendwie passte das Bild zum Tag.

Willst du nicht mal neue Gardinen? Ursula schaute abfällig durch die Küche, Die sehen schon ganz grau aus.

Mir gefallen sie.

Du vielleicht. Klaus meinte auch, man könnte mal neue nehmen.

Klaus hat das nie gesagt. Jedenfalls nicht zu mir. Vielleicht zu ihr, in einem dieser Gespräche, bei denen ich immer außen vor war.

Wasser kochte. Ich bereitete Ursula einen Tee. Sie nahm ihn wortlos an, begann im Zucker zu rühren.

Kannst du Klaus bitte anrufen, ihm sagen, dass ich hier bin?

Der ist ohne Empfang am See, Ursula. Hat er gesagt.

Wie, kein Empfang? Wo ist der See denn?

Tja, irgendwo am Rhein, war sein Plan…

Sie schnürte den Mund zusammen. Schlürfte Tee. Mustert den Frikadellenbeutel.

Hol mal einen Teller, damit ich sie ordentlich drauf legen kann.

Ich holte einen, stellte ihn hin. Ursula legte Frikadellen darauf, ganz ordentlich, eine nach der anderen. Die rochen gut (Weißkohl, Gewürze), aber mir reichte der Anblick schon.

Ursula räumte, ich schaute stumm zu. Und Ursula fing an:

Sag mal Sabine, redet ihr und Klaus eigentlich noch miteinander, oder lebt ihr nur so nebeneinander?

Doch, wir reden.

Er ruft mich jeden Tag an und erzählt, wie er sich fühlt. Von dir höre ich nie etwas.

Und was erzählt er so?

Sie stockte kurz, dann weiter:

Na, das er müde ist. Dass es zu Hause angespannt ist.

Ich legte den Löffel weg.

Angespannt, wiederholte ich sachlich.

Das siehst du doch auch. Ihr harmoniert nicht so richtig. Das spüre ich sofort, auch wenn ich nur selten hier bin.

Sie spüre das, auch wenn sie allerhöchstens alle zwei Wochen da ist, dachte ich. Mütterliches Gespür eben.

Ich stand auf, stellte meine Schale ab. Schaute kurz in den Hinterhof: Ein Mann führte seinen kleinen, roten Dackel Gassi, blieb an Büschen schnüffeln, Hände in den Taschen. Friedlich.

Sabine, rief Ursula.

Ja?

Bist du jetzt böse auf mich?

Ich drehte mich um, musterte sie. Typischer Ursula-Blick: Sie erwartet, dass ich sage Nein, alles gut, damit es gleich weitergehen kann.

Nein, sagte ich. Bin nicht böse.

Sie nickte zufrieden. Fröstelte leicht, griff zur Tasse.

Siehst du. Ich will doch, dass alles klappt bei euch.

Ich weiß.

Ich war achtundvierzig, Klaus einundfünfzig, Ursula dreiundsiebzig. Sieben Jahre Ehe, unser beider zweite Ehe. Man glaubt, im zweiten Anlauf wäre man weiser. Man weiß, was man braucht und was nicht mehr geht.

Stellt sich raus: Es ist immer eine Frage der Menschen.

Ursula trank aus, stand auf.

Was hast du denn im Kühlschrank?

Warum?

Sie zog schon die Tür auf.

Guck mal, was ich zum Abendessen machen könnte. Klaus kommt hungrig zurück, Angeln macht immer hungrig.

Ursula, ich kriege das auch selbst hin.

Sie drehte sich erstaunt nach mir um, hatte die Kühlschranktür schon halb offen.

Sabine, ich will doch helfen.

Ich weiß. Aber ich koche.

Das sagst du immer. Aber ich sehe ja, wie ihr esst. Klaus ist mager geworden.

Klaus kann selbst entscheiden, was er isst.

Aber Männer kochen für sich doch nicht selbst.

Er lebt nicht allein.

Wir starrten uns an. Zwischen uns zwei Meter Küchenboden, hellbrauner Linoleum. Den Linoleum hatten wir sogar mal gemeinsam ausgesucht vor der Hochzeit, kleines Projekt damals. Ich suchte, Klaus stimmte zu. Jetzt wollte Ursula den bald ersetzen, meinte, die Ecken wellen sich schon hoch.

Gut, gab sie irgendwann nach und packte wieder ihre Tasche. Ich dachte, gleich geht sie, schon entspannte sich in mir was.

Ich bleibe hier und warte auf Klaus, sagte sie dann.

Das Gefühl war sofort wieder weg.

Er kommt erst am Abend.

Egal. Ich hab Zeit.

Sie zog ihr Strickzeug hervor: ein Knäuel Wolle, Nadeln. Machte es sich gemütlich.

Ich schaute ihr zu. Auf das ruhige Klick-Klack der Nadeln, das Knäuel, ihre Jacke überm Stuhl, den Teller mit Frikadellen. Alles so selbstverständlich, als ob es kein Zuhause außer hier für sie gäbe.

Ich nahm meine Tasse, schenkte Tee nach und verzog mich ins Wohnzimmer.

Da setzte ich mich aufs Sofa, zog die Beine unter mich und starrte an die Wand. Da hing ein kleiner Druck: eine Rheinlandschaft, Wiese, alte Weide, die ich vor drei Jahren auf dem Markt gekauft hatte. Beruhigendes Bild, mochte ich sehr.

Aus der Küche klang das Stricken.

Ich schrieb meiner Freundin Heike: Sie ist wieder da. Sie schrieb gleich zurück: Ohne Vorwarnung? Ich: Hat ja nen eigenen Schlüssel. Heike schickte ein Smiley mit weit aufgerissenen Augen und dann: Sabine! Willst du nicht endlich mal Tacheles mit Klaus reden?

Ich legte das Handy weg.

Geredet hatte ich schon viele Male. Das erste Mal knapp zwei Jahre nach der Hochzeit, da erst wurde mir klar: Ursula kommt nicht zu uns, sie kommt zu Klaus und in ihre alte Wohnung. Damals sagte ich: Klaus, du musst bitte vorher Bescheid sagen. Er meinte: Sie ist halt meine Mutter. Ich: Das ist unser Zuhause. Er: Sie meint es nicht böse. Ich: Ohne Anruf geht das nicht. Er: Du übertreibst.

Dann kam der Tag, an dem sie alle Gewürzdosen umgesetzt hatte alles praktischer. Ich stand fünf Minuten verwirrt in der Küche und dann wurde mir klar: Das war MEIN Regal. Ursulas Ordnung, nicht meine.

Klaus: Du kannst sie ja wieder umstellen. Ich: Da geht es doch nicht drum. Er: Worum dann? Ich konnte es nicht erklären. Oder wollte nicht.

Drittes Mal war als Ursula putzte, als ich nicht da war, wirklich alles. Wer beschwert sich, wenn die Wohnung picobello ist? Aber ich fand es übergriffig. Sie war in unserem Schlafzimmer gewesen, hat meine Sachen gesehen. Das meinte ich. Da war eine Grenze, die sie nicht sah.

Klaus: Sie wollte helfen. Ich: Ich weiß. Er: Was ist dann das Problem? Dass sie einen Schlüssel hat. Das ist meine Wohnung. Ich wohne aber auch hier. Ich verstehe nicht, was du willst.

Das hatte ich mir gemerkt. Ich verstehe nicht, was du willst. Nach sieben Jahren Ehe.

Aus der Küche klapperte es Ursula wusch irgendwas ab, der Kühlschrank ging auf, Tüten raschelten.

Ich steckte das Handy weg und ging in die Küche.

Sie stand am Brett, schnitt Zwiebeln.

Was machen Sie? fragte ich.

Ich koche Kohlrouladen. Klaus liebt die doch.

Ursula, ich wollte Sie bitten, das nicht zu machen.

Komm, es sind Kohlrouladen. Was ist daran schlimm?

ICH bestimme, was bei mir in der Küche gekocht wird.

Sie legte das Messer ab, sah mich lange an.

In deiner Küche?

Ja.

Ach, weißt du was, dann halt nicht.

Sie zog weiter Zwiebeln durch, als hätte ich nichts gesagt. Ich nahm ihr das Brett weg.

Bitte, nicht.

Wir standen ganz nah beieinander. Ich sah die Falten, den ärgerlichen Zug um den Mund und so einen scharfen Abschied in ihren Augen.

Du verbietest mir zu kochen?

Ich bitte Sie, mein Zuhause zu respektieren.

Ach, das habt ihr aus dem Fernsehen, dieses Gerede von Privatsphäre.

Ich trat zurück ans Fenster. Die Taube war verschwunden, der Hundespaziergang vorbei. Nasser Hof, gelbe Blätter auf dem Pflaster.

Sabine, sagte Ursula, dieses Mal weicher. Sei nicht böse. Ich wills doch nur gut machen.

Ich weiß.

Klaus braucht Hausmannskost.

Ich kriege das hin.

Okay, dann lass mich wenigstens helfen.

Sie hörte einfach, was sie hören wollte. Für den Rest hatte sie Taubfilter.

Ich verließ die Küche, ging ins Schlafzimmer, schloss die Tür. Ich lag auf dem Bett, hörte aus der Küche, wie sie schmorte, klapperte, dann tatsächlich Rouladen vorbereitete.

Ich versuchte zu lesen, aber die Zeilen blieben bedeutungslos.

Ich rief Heike an.

Sie kocht Kohlrouladen, sagte ich.

In deiner Küche.

Genau.

Du musst heute noch mit Klaus reden, Sabine. Sonst wirds nie was.

Habs versucht.

Versucht oder klar gesagt? Ist nicht dasselbe.

Sie hatte recht. Heike kannte mich zwanzig Jahre und wusste, dass ich immer um den heißen Brei rede, bloß keinen offenen Streit. Aber manchmal, da geht es nicht anders. Nur ehrlich gesagt: Ich hatte Angst davor, nicht vor Klaus, sondern was dieses Gespräch bedeuten konnte. Er war kein böser Mensch, nur konfliktmeidend und sehr auf seine Routine bedacht.

Das ist passiv, meinte Heike trocken. Ich brauchte lange, bis ich das so akzeptieren konnte.

Ich rede mit ihm, versprochen.

Bis später.

Irgendwann zwei Stunden später ging ich duschen, kämmte mich, schaute ins Spiegelbild. Nichts Blasses nur ein bisschen müde.

Ursula hatte inzwischen den Tisch gedeckt: drei Teller, Brot, Frikadellen, Rouladen dampfend. Ich lehnte ab: Danke, ich esse später.

Kalt schmeckt das nicht!

Ich wärme es nachher auf.

In ihrem Blick lag Empörung, fast beleidigt.

Sabine, was ist denn so schlimm?

Nichts.

Doch. Du sitzt seit Stunden im Zimmer, redest kaum mit mir. Was habe ich dir getan?

Ich holte Wasser, atmete durch.

Ursula, können wir bitte offen reden?

Von mir aus.

Sie kommen unangemeldet. Immer, weil Sie einen Schlüssel haben. Ich fühle mich immer wie auf dem Sprung vielleicht waren Sie schon hier, vielleicht kommen Sie noch.

Ich bin doch Familie.

Sie sind Klaus Mutter. Ich seine Frau. Das ist etwas anderes.

Sie richtete sich auf.

Und ich muss Sie jetzt um Erlaubnis bitten?

Da war es, das Schlüsselwort: Erlaubnis. Gab es immer.

Anrufen heißt Respekt, Ursula. Nicht Demütigung.

Ich komme zu meinem Sohn!

Und ich wohne auch hier.

Das war schon immer meine Wohnung.

Sie wohnen aber nicht mehr hier.

Sie packte ihre Tasche. Ihre Hände zitterten leicht, aus Wut.

Gut, sagte sie. Gut.

Ursula, ich will keinen Streit.

Hör ich.

Sie schloss leise die Tür. Das war fast schlimmer als ein Knall.

Ich war allein. Ich schöpfte mir etwas von ihrem Rouladen. Sie waren wirklich gut, war nicht abzustreiten.

Dann schrieb ich Heike: Hab geredet. Und? Sie ist beleidigt gegangen. Ihr gutes Recht. Du hast alles richtig gemacht.

Ich räumte auf, setzte mich dann mit einem Buch auf das Sofa. Klaus kam um sieben von der Angeltour, bepackt wie immer. Oh, Rouladen! rief er und schaute zum Tisch. war sie da?

Ja. Ich wärme dir auf.

Er setzte sich, freute sich an Frikadellen und Rouladen.

Hat sie sich geärgert? fragte er zwischen zwei Bissen.

Ein bisschen.

Ihr habt geredet?

Ja. Klaus, wir müssen reden.

Sein Gesicht wurde sofort verschlossener.

Über was?

Die Schlüssel.

Er verstummte.

Sabine…

Ich bitte dich, ihr die Schlüssel wegzunehmen.

Das ist meine Mutter.

Ja. Und genau deshalb sollte sie vorher anrufen aus Respekt.

Sie war immer willkommen.

Sie kommt aber einfach herein, macht Sachen, räumt um, kocht ungefragt.

Sie hat doch nur helfen wollen.

Klaus, hör zu: Ich fühle mich so nicht wie zu Hause. Ich habe nie die Gewissheit, dass sie nicht auf einmal hier steht. Das ist nicht normal.

Er lehnte sich zurück.

Das siehst du zu eng.

Ich schloss die Augen, zählte innerlich bis drei.

Das sagst du immer.

Sie meint es doch gut.

Aber das ändert nichts daran.

Was willst du denn? Da soll ich zu ihr sagen: Kommt nicht mehr?

Sag ihr: Ruf bitte vorher an.

Sie ist älter. Die wird sich nicht mehr ändern.

Sie ist dreiundsiebzig, nicht neunzig.

Du verlangst, dass ich ihr den Schlüssel abnehme.

Ich bitte darum.

Er stand auf und schaute raus in den Oktoberabend.

Sie ist so allein… nach Papas Tod. Das mit den Schlüsseln ist für sie ein Stück Sicherheit.

Sie kann jederzeit anrufen. Schlüssel sind Kontrolle, keine Fürsorge.

Kontrolle… das war immer auch meine Wohnung.

Unsere.

Das war sein Joker, sein Rückzugsargument in Krisenzeiten: meine Wohnung.

Deine, meinte ich leise.

Wir schwiegen.

Ich werde ihr den Schlüssel lassen.

Gut.

Gut? Er war sichtlich irritiert.

Ja, dann weiß ich jetzt Bescheid.

Sabine, so ist das unfair.

Wirklich?

Sie meint es doch nur gut. Da gibts schlimmere Schwiegermütter.

Ich weiß.

Er sah mich an, so hilflos, wie er immer wirkte, wenn es um Mutter ging.

Willst du etwa… na ja… gehen?

Er sagte das so locker, wie eine Nebensache. Vielleicht in der Hoffnung, ich sag sofort Nein, nein, natürlich nicht!

Ich schwieg.

Na? fragte er.

Ich antworte nicht auf Drohungen.

Das ist keine Drohung.

Doch, ist es. Damit das Gespräch schnell endet, so wie du es immer machst.

Er schluckte. Du bist immer so kompliziert.

Vielleicht.

Ich stand auf, nahm meine Tasse.

Ich geh ein bisschen raus.

Sabine…

Ich muss frische Luft schnappen.

Im Treppenhaus rochs nach Braten vom Mittag. Draußen: nasse Blätter, kalte Luft, Laternen. Ich schlenderte Richtung Park, tief in Gedanken. Es ging nicht um Klaus, nicht Ursula sondern mich. Zum ersten Mal dachte ich: Ich will eigentlich gar nicht mehr nach Hause. Nicht in diese Wohnung.

Ich schrieb Heike: Er hat ihr gesagt, sie kann immer kommen. Sie rief gleich durch, ich erzählte ihr alles, sie hörte nur zu.

Sabine, du wohnst immer noch in seiner Wohnung, sagte sie langsam. Solange das so ist, wirst du gefühlt immer Gast bleiben.

Ich weiß.

Überleg dir, wie du weiter machen willst.

Ich schlenderte zurück, ging aber nicht direkt nach Hause. Kam am Baumarkt vorbei, trat rein und landete vor einem Regal mit Türschlössern. Ich hielt einen Zylinder in der Hand, drei Schlüssel. Gutes Modell, stand auf dem Etikett. Preis war okay.

Ich kaufte es.

Zuhause saß Klaus vor dem Fernseher.

Warst du Einkaufen?

Ja, paar Kleinigkeiten.

Ich brachte das Schloss unter der Spüle unter.

Klaus kam nach kurzer Zeit in die Küche.

Was hast du gekauft?

Ein paar Sachen.

Okay.

Am nächsten Morgen fuhr Klaus wieder Richtung See, Rainer abholen. Ich machte mir Kaffee, frühstückte, dann griff ich nach dem Schloss, holte mein Handy und schrieb unserem Hausmeister, Herrn Dietrich, der gerne für solche Arbeiten einsprang.

Herr Dietrich, hätten Sie heute kurz Zeit? Ich bräuchte ein neues Türschloss.

Er schrieb: Gegen Mittag, wenn es Ihnen passt? Material haben Sie?

Habe ich.

Gegen zwölf kam er: Groß, immer freundlich.

Guten Tag, Frau Brandt. Wo ist das gute Stück?

Ich zeigte ihm das Schloss.

Sehr solide. Dauert 20 Minuten.

Ich setzte Tee auf, hörte, wie er am Schloss werkelte. Schließlich war er fertig.

So, drei Schlüssel, sagte er. Bitte probieren.

Herrlicher, sanfter Dreh.

Funktioniert. Danke.

Ich zahlte, bedankte mich. Drei neue Schlüssel.

Ich rief Heike.

Schloss neu. Drei Schlüssel. Nur meine.

Weiß Klaus Bescheid?

Nein.

Wann kommt er?

Am Abend.

Sabine, das wird jetzt ernst. Willst du das wirklich?

Ich will nicht mehr, dass irgendjemand jederzeit reinkommen kann.

Es ist aber auch seine Wohnung.

Ja. Ich weiß. Aber jetzt überlege ich mir, wies weitergeht.

Heike war still am Telefon. Dann ruf mich, falls du Unterstützung brauchst. Ich habe einen Anwalt für dich.

Am frühen Abend hörte ich Klaus auf der Treppe, Schlüsselklappern, dann die Türklinke nichts.

Noch mal.

Dann das Klingeln.

Ich wartete einen Moment.

Sabine? Das Schloss geht nicht.

Ich weiß. Ist das neue.

Er war fassungslos.

Was heißt das?

Was es bedeutet.

Ich öffnete ihm.

Du hast das Schloss gewechselt.

Ja.

Ohne mich.

Ja.

Er war ganz blass.

Das ist meine Wohnung.

Ja.

Wir gingen in die Küche, schwiegen kurz. Dann sagte ich:

Ich will nicht mehr, dass jemand ohne mein Wissen in meine Privatsphäre eindringt.

Sabine, willst du dich jetzt trennen?

Ja.

Wegen eines Schlüssels?

Wegen allem, was hinter diesen sieben Jahren steckt.

Er sah mich an. Ich glaube, da wurde ihm endlich klar.

Das ist dein Ernst?

Ja.

Wir besprachen alles Notwendige. Seine Wohnung, keine Ansprüche, ich werde bald ausziehen.

Er telefonierte mit Ursula, erklärte alles. Ich packte langsam ein paar Sachen, ließ mir Zeit.

Draußen war es dunkel, der Oktoberwind wehte, das Leben ging draußen weiter. Drinnen: Ruhe.

Ich blickte auf meine drei neuen Schlüssel auf der Kommode in der Diele.

Heike schrieb: Und wie gehts dir?

Ich schrieb zurück: Ruhig.

Sie: Ruhig ist ein Anfang.

Vielleicht. Morgen der Rechtsanwalt. Neue Wohnung suchen. Ganz viel zu erledigen.

Jetzt war es ruhig.

Klaus kam noch einmal in die Küche.

Sabine… bist du dir sicher?

Ich schaute auf ihn ein bisschen traurig, vor allem, weil ich wusste: Es ist vorbei.

Ja, Klaus.

Er trat zurück, fast erleichtert:

Gut.

Dieses Gut” hing in der Luft zwischen uns, bei den neuen Schlüsseln, und ich wusste nicht, ob es Akzeptanz war, Resignation oder einfach Leere.

Ich nahm meine Tasche.

Ich übernachte bei Heike.

Okay.

Ich schloss die Tür. Der neue Schlossmechanismus klickte leise. Echt gute Qualität, hatte Herr Dietrich gesagt.

Sabine, rief er mir nach.

Ich drehte mich noch mal um.

Rufst du an?

Ja, sagte ich.

Dann ging ich die Treppe hinunter.

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Homy
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