Recht auf Ruhe
8. April, Berlin
Kaum habe ich das kleine Café in Kreuzberg betreten, fällt mir sofort auf, wie schlecht Elsa heute aussieht. Sie sitzt am Fenster, blass, mit eingefallenen Schultern weit entfernt von der strahlenden Freundin, die sie sonst ist. Ich lasse Begrüßungen weg und setze mich direkt zu ihr.
Lässt diese Verrückte dich immer noch nicht in Ruhe?, frage ich, die Sorge kaum verbergend.
Elsa zuckt leicht zusammen, nestelt nervös an einer Haarsträhne, die ihr immer wieder ins Gesicht fällt und atmet tief durch, als müsse sie Kraft sammeln: Sie war heute Morgen wieder vor dem Büro. Stand einfach da, hat ins Fenster gestarrt Sie ist nicht reingekommen, einfach nur da, bewegungslos wie eine Statue. Und das macht mir fast noch mehr Angst. Was kommt als Nächstes?
Ihre Stimme ist leiser als sonst, als fürchtete sie, jemand könnte unser Gespräch mithören. Die Resignation ist greifbar als hätte sie akzeptiert, dass das so weitergeht.
Empört stelle ich meine Kaffeetasse etwas zu energisch auf den Tisch. Einige Gäste schauen zu uns, doch das ist mir egal. Elsa, das ist nicht mehr witzig. Wie lange soll das noch gehen? Meine Stimme zittert vor echter Sorge. Hast du mit Florian gesprochen? Unternimmt er überhaupt etwas dagegen?
Ich verstehe nicht, wie man sowas über so einen Zeitraum dulden kann. Wäre ich an ihrer Stelle, hätte ich längst alles unternommen, dass diese Frau professionelle Hilfe bekommt. Wie oft habe ich Elsa schon angeboten, mitzukommen und sie zu unterstützen?
Elsa sitzt da, ballt unter dem Tisch so fest die Fäuste, dass die Knöchel weiß hervortreten. Sie wirkt gehetzt und erschöpft, spricht dennoch gefasst: Florian meint, sie könne einfach nicht loslassen. Es sei eine schwierige Zeit für sie. Aber ich? Muss ich das einfach hinnehmen? Seit zwei Monaten macht sie mein Leben zur Hölle!
Der Druck, die Angst und die Ungewissheit bündeln sich in ihrer zitternden Stimme.
Zwei Monate? Elsa, von Anfang an war die komisch!, entfährt es mir etwas zu laut. Die Servicekraft, die vorbeigeht, schaut neugierig herüber, ich senke instinktiv meine Stimme. Weißt du noch, was sie dir damals schrieb? ‘Er hat mich geschlagen, dich belogen Du kennst Florian nicht, lauf solange du kannst!’ und Florian? Der höflichste Mensch überhaupt!
Elsa nickt gequält und schaut ängstlich Richtung Tür, als könnte Sabine, so heißt die Ex, jeden Moment wieder auftauchen.
Genau das. Er war immer fürsorglich, aufmerksam, nie ein böses Wort. Und sie schreibt, sie kommt, sie macht Rabatz. Letztens ist sie im Büro aufgetaucht, hat geschrien, ich hätte ihr Glück gestohlen. Die Security hat sie gerade noch so rausbekommen!
Elsas Stimme bebt vor Bitterkeit. Es ist unbegreiflich, was manche Menschen sich erlauben schamlose Lügen, öffentliche Szenen, alles nur aus verletztem Stolz.
Ich tippe nachdenklich mit den Fingern auf den Tisch, ringe um hilfreiche Worte aber was soll man da sagen? Zu ernst die Situation für billigen Trost.
Und dann die Fotos in den sozialen Netzwerken…, murmele ich kopfschüttelnd. Hast du sie Florian überhaupt gezeigt?
Elsa senkt den Blick auf die weißen Knöchel ihrer geballten Hände. Es tut ihr sichtbar weh, darüber zu sprechen: Natürlich, aber er sagt nur, man sieht doch sofort, dass das alles Fake ist. Alles Photoshop. Aber sie zerstört meinen Ruf! Mischt echte und gefälschte Bilder, schreibt Männern aus meinem Namen, verschickt Unanständiges ohne Gesicht Ich weiß nicht mal mehr, wem ich noch vertrauen kann.
Ihr kommen fast die Tränen. Sie wollte einfach nur in Frieden leben stattdessen muss sie jeden Tag um ihren guten Namen kämpfen. Schon zwei Mal wurde sie auf offener Straße von fremden Männern angesprochen und das mitten in Berlin! Wie lange, bis sie sich nicht einmal mehr aus dem Haus traut?
Gedankenverloren rühre ich meinen kalten Cappuccino um. Florian redet jedes Mal alles klein, meint, Sabine habe ein Trauma nach ihrer Trennung aber warum muss Elsa darunter leiden? Und beruhigen tut sich Sabine ohnehin nicht.
Und die Polizei?, frage ich leise. Hast du Anzeige erstattet?
Elsa braucht einen Moment, bevor sie antwortet. Sie blickt starr ins Leere und lächelt bitter: Es gibt keinen Tatbestand, sagen sie. Anzeige? Wird abgewiesen. Dass sie die Eingangshalle demoliert und den Sicherheitsmann gekratzt hat? Ordnungswidrigkeit. Sie hat ne Geldstrafe bekommen und das wars.
So viel Müdigkeit schwingt in ihren Worten, dass ich das Tischset fast zerknülle. Wie hält man es aus, jeden Tag auf den nächsten Angriff zu warten, niemals zur Ruhe zu kommen? Es muss Konsequenzen geben! Notfalls gehen wir zur nächsten Instanz.
Oder… vielleicht ist es der einfachere Weg.
Hast du mal überlegt dich von Florian zu trennen?, wage ich vorsichtig, wie auf dünnem Eis. Keine Beziehung, kein Problem oder?
Das will ich nicht! Ich liebe ihn doch!, platzt es aus Elsa heraus. Aber jeden Tag dieser Stress, die Angst beim Verlassen der Wohnung Und Florian? Er kapiert einfach nicht, wie schlimm es ist. Sagt, Sabine gäbe irgendwann auf. Kannst du das glauben?
Ihr Schmerz ist spürbar Verzweiflung und Enttäuschung schwingen in ihrer Stimme. Sie will, dass Florian versteht, was sie durchmacht und er reagiert nur abwartend.
Ein Seufzer von mir. Vielleicht kapiert er es wirklich nicht, sage ich ruhig. Aber du musst eine Linie ziehen. Entweder er wird aktiv, oder du
Elsa schaut mich an, Tränen stehen ihr in den Augen, diesmal aber aus purer Erschöpfung: Oder was? Ich will ihn doch nicht verlieren. Aber so kann ich auch nicht mehr leben.
In dem Moment bimmelt die Tür, und Florian tritt ein sichtbar müde, aber mit dem gewohnten, warmen Lächeln, das Elsa sonst immer aufbaut. Er kommt zu uns, begrüßt mich knapp und nimmt Elsas Hand.
Moin, ihr beiden. Elsa, alles okay? Wieder sie?
Elsa zieht ihre Hand ein wenig zurück, fasst Mut: Ja, wieder. Sie stand vor dem Büro. Hat ins Fenster gestarrt. Ich hab Angst
Florian nimmt ihre Hand, seine Stirn legt sich in Falten: Ich verstehe das ehrlich. Aber sie tut doch nichts. Sie steht halt da. Sie kommt nicht rein, oder?
Ich kann nicht anders, als einzuwerfen: Und die Fotos? Die Nachrichten? Ist das nichts?
Florian wirkt genervt, sucht einen Kompromiss: Ich rede mit ihr. Versprochen, noch heute.
Elsa zieht langsam ihre Hand weg. Ihre Enttäuschung ist spürbar: Du hast schon oft mit ihr gesprochen es hört nicht auf.
Er fährt sich durch die Haare, wirkt hilflos. Vielleicht braucht sie psychologische Hilfe. Sie ist eindeutig mit den Nerven durch.
Ich kann nicht mehr zuhören, lehne mich vor: Sie gehört angezeigt, Florian! Elsa traut sich kaum noch auf die Straße. Das ist kein Leben mehr. Wenn du nichts tust, bringe ich die Sache zur Anzeige. Dann sieht Sabine, was Sache ist!
Verblüffung und Kränkung wechseln sich in Florians Gesicht ab. Ich versuche doch alles! Sie ist kein Monster, sie hat den Boden unter den Füßen verloren. Aber ich kann sie nicht ins Gefängnis bringen lassen!
Elsa springt auf, wütend und den Tränen nah: Nicht ins Gefängnis? Nach allem was sie getan hat? Sie attackiert andere, zerstört meinen Ruf, verfolgt mich Tag und Nacht!
Florian will sie beschwichtigen, hebt versöhnlich die Hände, doch Elsa bricht heraus: Nein, ich habe genug! Ich will nicht mehr Opfer sein!
Er ringt nach Worten. Da reißt plötzlich die Tür auf Sabine stürmt ins Café. Ihr Blick ist verzerrt vor Zorn, die Haare wild, das Gesicht gerötet. Ohne Umschweife geht sie auf Elsa los. Florian versucht, sie festzuhalten, aber sie reißt sich los, packt Elsa am Ärmel. Es wird laut jemand ruft: Holt die Polizei!
Ich springe dazwischen, versuche Sabine zurückzuhalten. Sie stößt mich mit einer erschreckenden Kraft beiseite und schlägt Elsa ins Gesicht, so heftig, dass ein roter Abdruck bleibt. Im Café bricht Panik aus Handys werden gezückt, Servicekräfte eilen herbei. Florian kann Sabine schließlich festhalten, während sie weiter schreit: Sie hat alles kaputtgemacht! Sie hat mir Florian gestohlen!
Zwei Polizisten erscheinen endlich. Der ältere nimmt routiniert alle in den Blick: Was ist hier los? Ich stehe Elsa zur Seite, die tapfer berichtet: Diese Frau hat mich angegriffen. Sie verfolgt mich seit zwei Monaten, schickt Drohungen, ruiniert meinen Ruf heute hat sie zugeschlagen.
Sabine schreit wild, beschuldigt Elsa, lügt und weint. Die Polizisten machen kurzen Prozess: Wir fahren auf die Wache. Sie zeigen uns die Nachrichten, stellen Anzeige. Die Kameras werden ausgewertet.
Sabine sackt kraftlos zusammen, bricht in Tränen aus. Florian steht zwischen beiden Frauen, zerrissen. Ich sehe in seinen Augen das Dilemma.
Florian, sage ich leise. Du siehst doch, das geht immer weiter.
Er nickt bedrückt. Ich ich muss ihr helfen. Sabine braucht Unterstützung. Ich kann sie nicht einfach fallen lassen.
Schmerz, Enttäuschung Elsa flüstert: Heißt das, du gehst zu ihr zurück?
Nicht so, wie du meinst. Aber sie ist am Ende. Ich kann nicht einfach gehen.
Elis Abwehr bröckelt. Sie schweigt, sucht in seinem Blick Halt findet aber nur Unsicherheit.
Die Polizisten führen Sabine ab, Florian folgt zögerlich. Elsa bleibt zurück, im Mittelpunkt aller Blicke. Ich nehme sie wortlos in den Arm.
Wenn er dich nicht schützen will, dann ist er es nicht wert, sage ich bestimmt. Du verdienst mehr als einen, der zwischen Vergangenheit und Gegenwart schwankt.
Elsa ringt noch mit ihrer Hoffnung wird Florian doch noch einsehen? Aber dann sieht sie ihn draußen mit Sabine in der Polizeiwagen steigen. Seine Fürsorge gilt nicht ihr sondern immer noch Sabine.
Komm, wir gehen zur Wache. Sie soll sich endlich verantworten! Ich habe genug von Angst und Rechtfertigungen.
Draußen ist der Berliner Aprilwind kühl, aber Elsa geht jetzt aufrecht, Schritt für Schritt Richtung Neubeginn. Tränen gibt es keine mehr nur noch den festen Entschluss, niemals wieder Opfer zu sein.





