Wo das Glück wohnt
Katharina saß allein in der Küche, die Hände fest um eine dampfende Tasse Kaffee geschlungen. Der Kaffee war so heiß, dass sie nur kleine, zaghafte Schlucke nehmen konnte. Jedes Mal, wenn sie die Tasse an die Lippen hob, streichelte der Dampf ihr Gesicht, aber das bisschen Wärme wollte einfach nicht bis ins Innere dringen dort war es immer noch kalt und leer.
Neben ihr vibrierte ständig das Handy. Ein Anruf nach dem anderen in der letzten Stunde hatten gefühlt alle versucht, sie zu erreichen: Freunde, entfernte Verwandte, Kollegen, Nachbarinnen es schien, als ob die ganze Welt plötzlich wissen wollte, wie es ihr ging und was gerade in ihrem Leben los war.
Der Grund für diese plötzliche Aufmerksamkeit war klar: ihre Scheidung. Noch vor Kurzem hatten sie zusammen mit ihrem Mann den Kristallhochzeitstag gefeiert gedeckter Tisch, Lachen, Glückwünsche, das strahlende Gesicht ihres Mannes, als er auf 15 gemeinsame Jahre anstieß. Damals schien es, als würde das Glück ewig dauern. Weitere glückliche Jubiläen, gemeinsame Reisen, kuschelige Abende am Kamin daran hatte sie geglaubt. Und jetzt wohnten sie in verschiedenen Wohnungen, redeten über einander distanziert, fast wie Fremde. Wie hatte das alles nur so schnell zusammenbrechen können?
Anfangs nahm Katharina die Anrufe noch geduldig entgegen. Sie bemühte sich um ruhige Worte, wählte ihre Sätze mit Bedacht, um niemanden auch sich selbst nicht zu verletzen.
Es war eine gemeinsame Entscheidung, wiederholte sie mit gleichmäßiger Stimme. Wir haben beide gemerkt, dass es so besser ist. Es klappt einfach nicht mehr zusammen.
Aber ihre Erklärungen drangen zu den Menschen nicht durch. Immer dieselben Fragen, mal ängstlich, mal vorwurfsvoll, mal mit gespieltem Mitgefühl:
Und was ist mit Annegret? Habt ihr an das Kind gedacht? Sie braucht doch ihren Vater!
Katharina schloss die Augen und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen. Sie wusste, dass diese Fragen nicht aus Böswilligkeit gestellt wurden die Leute konnten einfach nicht begreifen, wie man eine Familie auflösen kann, wenn da ein Kind ist. Aber auch das Versuchen, es zu erklären, war oft vergebens. Wie sollte sie in ein paar Sätzen Monate voller stummem Groll, Erschöpfung und dieses Gefühl, neben einem Menschen zu leben, sich aber trotzdem ganz allein zu fühlen, einfangen?
Das Handy vibrierte wieder. Katharina sah auf das Display schon wieder ein Verwandter. Sie atmete tief durch, nahm einen weiteren vorsichtigen Schluck Kaffee und griff dann langsam nach dem Telefon.
Natürlich hätte Katharina sagen können, dass sich all ihre Gedanken ohnehin ausschließlich um ihre geliebte Tochter drehen. Sie hätte erzählen können, wie sie nächtelang schlaflos im Bett lag, in Gedanken alle Möglichkeiten durchspielte, jedes mögliche Ergebnis abwog. Sie hätte erklären können, dass sie keine einzige Minute aufgehört hatte, daran zu denken, was für Annegret das Beste wäre. Doch sie schwieg. Sie wusste: Manche Menschen kann man nicht überzeugen. Besonders dann, wenn sie fest von ihrer eigenen Sicht überzeugt sind und alles nur einseitig sehen.
In ihrem Kopf tauchten immer wieder Szenen der letzten Monate auf. Da kam ihr Mann spät nach Hause, roch nach fremdem Parfum. Da unterbrach er sie schroff, als sie versuchte, über Probleme zu reden. Da saßen sie am Tisch, aber zwischen ihnen lag eine eisige Mauer des Schweigens. Und Annegret, ihr liebes Kind, sah das alles. Sie bemerkte die gezwungenen Lächeln, spürte die Spannung, die in der Luft hing wie ein nebliger Schleier.
Den Abend, an dem alles endgültig klar wurde, würde Katharina nie vergessen. Sie und ihr Mann waren wieder aneinander geraten erst leise, dann immer lauter. Plötzlich stand Annegret in der Tür, sie hatte eigentlich ihre Hausaufgaben im Nebenzimmer gemacht. Ihr Gesicht war blass, die Augen voller Tränen.
Mama, Papa, hört auf, flüsterte sie mit zitternder Stimme. Bitte Streitet euch doch nicht
Katharina zuckte sofort zusammen, sah von der Tochter zum Mann, der gar nicht bemerkt hatte, dass das Kind im Türrahmen stand und da wusste sie: So konnte es nicht weitergehen. Ihr Kind durfte nicht Tag für Tag in diesem Durcheinander, zwischen Streitereien und Schuldgefühlen, aufwachsen, nur weil die Eltern nicht mehr miteinander reden konnten.
War es wirklich besser für Annegret, in einer Familie aufzuwachsen, in der statt Geborgenheit und Wärme ständig Streit herrschte? In der der Vater längst ein anderes Herz hatte, seine neue Liebe kaum mehr verbarg? In der jeder Tag mit Halbsätzen und unausgesprochenen Vorwürfen begann? Warum sollte das Mädchen lernen, dass das normale Familie bedeutet?
Nein, das konnte Katharina nicht zulassen. Sie dachte lange nach, wog das Für und Wider ab, stellte sich verschiedene Szenarien vor Letztlich fasste sie den Entschluss sich scheiden zu lassen. Ohne Drama, im Respekt, um das Menschliche zu bewahren.
Als sie es ihrem Mann sagte, herrschte erst eine lange Pause. Dann meinte er leise:
Ich denke das genauso.
Es war keine Wut oder Enttäuschung in seiner Stimme nur Müdigkeit und irgendwie Erleichterung. Sie besprachen noch die Einzelheiten, wie sie vor allem wegen Annegret weiterhin ein gutes Verhältnis pflegen wollten.
Und da, zum ersten Mal seit Langem, atmeten sie beide auf. Es war, als würde eine schwere Last von den Schultern fallen. Und jedem von ihnen lag nun ein neuer Anfang vor das eigene Leben weiterführen, aber in der Klarheit: Sie hatten diesen Schritt nicht trotz, sondern ihretwegen gemacht. Für ein besseres Leben ganz besonders für das ihrer Tochter, in einer ruhigen, gesunden Umgebung, fernab von ständigen Streits und Schuldgefühlen.
Katharina wusste, dass nun viel auf sie warten würde ein kompletter Neuaufbau, ein anderes Zusammenleben, Annegret erklären, was gerade geschah. Aber zum ersten Mal seit Ewigkeiten spürte sie, dass sie auf dem richtigen Weg waren.
Heute ist der erste Schritt zu einem neuen Glück, murmelte sie leise, mehr zu sich selbst, und schaute aus dem Fenster. Dort hüpfte eine Taube entzückend über das Fensterbrett, neigte den Kopf, als würde sie heimlich lauschen, oder flatterte mit den Flügeln, um das neue Terrain zu testen. Katharina schaute der Taube voller Ruhe zu da war etwas Trostvolles in dieser einfachen Gelassenheit.
Genau in diesem Moment flog die Küchentür mit lautem Knall auf die Taube flatterte erschrocken davon und Annegret stand in der Türschwelle: rosige Wangen, Haare zerzaust, Augen leuchtend. Sie sprühte voller Energie, tanzte fast auf der Stelle, trippelte ungeduldig von einem Bein aufs andere.
Mama, ich hab alle meine Sachen gepackt!, platzte sie heraus und rannte zum Tisch. Wann kommt das Taxi?
Katharina warf einen Blick auf das Handy, versuchte ihr Grinsen zu verstecken. Ihre Tochter war wie ein aufgezogener Flummi jeden Moment würde sie hochspringen.
In einer halben Stunde, antwortete sie ruhig. Du bist wirklich bereit, in eine fremde Stadt zu ziehen?
Annegret zögerte einen Moment, dann fuchtelte sie entschlossen mit der Hand.
Was hab ich schon zu verlieren?, da schwang eine beinahe erwachsene Festigkeit in ihrer Stimme. Freunde aus der Schule? Klar, schade um die Mädels, aber ich kann ihnen ja eh jederzeit schreiben! Sie zog geschickt einen Joghurt aus dem Kühlschrank, goss ihn ins Glas und nahm einen großen Schluck. Oma mochte mich sowieso nie besonders, gesehen haben wir uns fast nur zu Ostern und Weihnachten da ändert sich nix.
Katharina drückte unbewusst den Tischrand. Das Gespräch fiel ihr nicht leicht sie fragte sich immer noch, ob sie ihrer Tochter nicht mehr zumutete, als nötig gewesen wäre.
Und Papa?, fragte sie vorsichtig, hielt die Luft an.
Annegret stellte das Glas ab, wurde für einen Augenblick ernst.
Papa…, sie lächelte traurig. Der hat jetzt seine neue Familie. Ich glaub nicht, dass seine Frau begeistert ist, wenn ich ständig da bin. Ich werde in den Ferien kommen, das reicht.
Stille. Katharina sah ihre Tochter an und konnte kaum glauben, wie erwachsen sie in der letzten Zeit geworden war. In ihren Augen war kein Groll, keine Wut nur Ruhe und so eine eigenartige Reife.
Du bist so klug, mein Mädchen, murmelte Katharina, die Tränen kaum noch zurückhaltend. Sie sprang abrupt auf, drückte Annegret fest an sich und vergrub die Nase in den weichen Haaren. Du verstehst alles
Annegret erwiderte die Umarmung sie war es, die jetzt sanft und schützend ihrer Mutter über den Rücken strich.
Ihr habt beide ein Recht auf Glück, sagte sie ruhig, aber überraschend bestimmt. Papa hat seins schon gefunden, jetzt bist du dran!
Katharina drückte ihre Tochter noch fester an sich, ein warmes Gefühl breitete sich in ihr aus. In diesem Moment merkte sie plötzlich ganz klar: Trotz aller Ängste, Zweifel und Unsicherheiten sie hatten die richtige Entscheidung getroffen. Ja, es war Neuland, aber zusammen würden sie es schaffen.
***
Neues Leben, neue Stadt, neuer Job, neue Gesichter Alles war fremd, doch gerade diese Aufregung half Katharina, nicht in die Traurigkeit abzurutschen. Es gab keine Zeit zum Grübeln, keiner für Selbstmitleid. Jeder Tag brachte so viele kleine Aufgaben, dass sie ihre Gedanken zwangsläufig auf das Hier und Jetzt richten musste.
Ihre neue Wohnung im zehnten Stock empfing sie mit frischer Luft und hellem Sonnenlicht, das durch die großen Fenster hereinströmte. Anfangs war alles ungewohnt der Grundriss, die Stille auf dem Flur, die unbekannten Nachbarn. Aber allmählich begann Katharina, das neue Zuhause wohnlicher zu machen: Gemälde von Zuhause aufhängen, Bücher im Regal einsortieren, eine kleine Pflanze ans Fenster stellen. Stück für Stück wurde daraus ein echter Rückzugsort.
Eines Abends platzte Annegret schon an der Tür heraus:
Mama, ich will mich beim Tanzstudio anmelden!
Ihre Augen sprühten, die Wangen waren ganz rot. Man merkte sofort, wie lange sie den Wunsch schon mit sich herumgetragen hatte.
Das ist direkt um die Ecke und kostet auch nicht so viel!, ergänzte sie und wedelte aufgeregt mit den Händen.
Katharina musste lachen. Sie liebte diese Begeisterung, dieses Feuer, mit dem sich ihre Tochter in Neues stürzen konnte. Trotzdem wollte sie nachhaken:
Bist du sicher? Schule, Nachhilfe packst du das alles?
Annegret zauberte sofort ihr Notizbuch hervor, schlug es triumphierend auf und schob es ihrer Mutter hin.
Klar! Ist alles durchgetaktet. Guck mal Montag und Donnerstag ist Nachhilfe, mittwochs Schule bis spät. Dienstag und Freitag kann ich ins Tanzstudio, da sind eh die Trainings. Ich verspreche, darunter leidet meine Schule nicht.
Katharina studierte den Wochenplan säuberlich gezeichnet, mit kleinen Bildchen. Ihre Tochter war auf alles vorbereitet. Innerlich lobte sie Annegret für ihre Umsicht.
Na schön, sagte sie schließlich und klappte das Notizbuch zu. Wenn du das wirklich willst, gehen wir morgen hin, schauen uns alles an und melden dich an, falls es passt.
Jaaa!, Annegret hüpfte herum und fiel ihrer Mutter um den Hals. Du bist die Beste, Mama!
Katharina lachte, umarmte zurück und spürte da ein warmes, fast vergessenes Gefühl: Glück. Still, unaufdringlich, aber ganz echt. Vielleicht wurde ja wirklich alles gut.
Das Tanzstudio war tatsächlich klasse. Als Katharina und Annegret reinkamen, öffnete sich ihnen ein weiter, heller Raum mit Spiegelfront und glänzendem Holzboden. Es roch nach frischem Parkett und ein bisschen nach Schweiß und Disziplin. An den Wänden hingen Fotos von Auftritten und Siegerurkunden.
Der Tanzlehrer, Herr Schröder, war ein gepflegter, sportlicher Mann mittleren Alters. Kurz geschnittene Haare, schwarze Trainingshose, weiße Hemden mit hochgekrempelten Ärmeln absolut souverän. Er sprach ruhig, aber es war direkt klar: Hier hat einer Autorität, ohne laut zu werden. Bei der ersten Stunde beobachtete Herr Schröder die Neue mit offener Neugier, nie vorschnell mit Lob oder Tadel. Er erklärte, zeigte, verbesserte geduldig, wiederholte lieber noch ein drittes Mal als vorschnell aufzugeben. Seine Ruhe wirkte ansteckend.
Der ist toll!, schwärmte Annegret abends. Ihre Augen leuchteten. Er lässt keinen durchmogeln, nicht die Kleinen und auch sonst niemanden. Aber wenn du dich reinhängst, hilft er sofort. Er nimmt sich Zeit, zeigts noch mal oder korrigiert die Bewegung, bis es klappt.
Sie hielt kurz inne und strahlte dann: Und sein Sohn Leonard ist auch dabei! Wir tanzen schon zusammen. Leonard kann super tanzen, wir haben das meiste schon gelernt. Und er sagt, sein Papa ist der tollste nie laut, nie streng, aber zuverlässig und immer für ihn da.
Katharina hörte schmunzelnd zu. Es war ihr schnell klar: Annegret und Leonard steckten deutlich mehr Energie ins Miteinander als ins bloße Einüben von Choreografien. Sie tuschelten, blickten sich an, gingen gemeinsam bis zur Bushaltestelle und zuhause schwärmte Annegret davon, wie nett Leonards Papa sei und wie er mit Kindern umgehen könne.
Die wollen uns verkuppeln, dachte Katharina amüsiert. Und tatsächlich: Herr Schröder machte einen sehr angenehmen Eindruck gelassen, humorvoll, verlässlich. Trotzdem: Katharina drängte sich nicht selbst in eine neue Geschichte. Hauptsache, Annegret blühte auf, fand Freunde, war wieder voller Lebensfreude.
Eines Nachmittags, nach dem Training, kam Annegret ganz außer Atem nach Hause, um zu beichten:
Mama, können wir Leonard und seinen Papa mal einladen? Ich will ihnen die Wohnung zeigen und Leonard sagt, er liebt Schokokekse
Katharina streichelte ihrer Tochter übers Haar und lächelte nur: Wir werden sehen, meine Sonnenschein. Alles zu seiner Zeit, ja?
***
Katharina war nie der Typ Mutter, der heimlich die Handys des Kindes kontrolliert. Sie glaubte fest daran: Vertrauen braucht Privatsphäre. Deswegen war sie all die Monate nicht in Annegret s Handy gegangen. Aber an diesem Abend blieb sie am Küchentisch hängen, als Annegret nach dem Training schnell ins Bad verschwand und ihr Handy einfach da lag. Eine Nachricht blinkte auf.
Sie zögerte. Ihr Herz klopfte plötzlich schneller war Annegret wirklich so glücklich hier, wie sie immer behauptete? Oder gab sie sich nur stark, um die Mutter zu schonen und litt insgeheim unter Heimweh und der neuen Umgebung?
Nach einem tiefen Atemzug nahm sie das Handy doch in die Hand, öffnete den Chat mit Annegret s Freundin und überflog die Nachrichten. Alles, was sie las, klang nach Echtheit, Neugier und Freude von gelungenen Tanzschritten, Lob vom Lehrer, lustigen Pannen beim Training. Erleichterung breitete sich aus: Das Glück war nicht gespielt.
Doch dann blieb sie an Leonards Nachricht hängen:
Papa meint, deine Mama ist sehr hübsch und schlau. So sagt er das selten.
Katharina legte das Handy schnell weg, die Wangen wurden warm. Klar, sie hatte gemerkt, dass Herr Schröder sie oft besonders ansah, sie freundlich begrüßte und sich für sie interessierte. Und ja, auch sie mochte diesen Mann. Da war Stärke und Ruhe, und trotzdem diese angenehme, weiche Ausstrahlung. Mit ihm wäre jedes Gespräch entspannt, sogar gemeinsam schweigen war leicht.
Dennoch das Thema neue Beziehung machte ihr Angst. Die Scheidung hatte sie lange beschäftigt, sie musste sich an ihr neues Leben erst gewöhnen. Jetzt, wo es langsam besser lief, war es eine schöne, aber eben auch eine erschreckende Vorstellung, irgendwann wieder jemandem das Herz zu öffnen.
Was, wenn sie sich täuschte? Oder das mühsam gewonnene Gleichgewicht wieder verlor? War sie überhaupt bereit, sich wieder verletzlich zu machen?
Da tauchte Annegret in der Tür auf, die Haare im Handtuch.
Mama, bist du okay? Du wirkst so nachdenklich. Sie blickte hinüber zum Handy.
Katharina zwang sich ein Lächeln ab: Ach, nur ein Gedanke. Wie wars beim Tanzen?
Super! Morgen kommt ein neuer Sprung dran. Leonard meint, das schaffen wir!
Katharina nickte und ließ sich nichts anmerken. Innerlich spürte sie, dass sie nichts überstürzen würde. Alles sollte seinen eigenen Weg nehmen.
***
Katharina saß wieder am Küchentisch, diesmal mitten im Papierkram. Eigentlich war der Arbeitstag längst vorbei, aber ein Bericht musste noch fertig werden die Zahlen verschwammen, die Augen brannten. Da kam Annegret in die Küche, setzte sich ihr direkt gegenüber und sagte entschlossen:
Mama, erinnerst du dich an dein Versprechen?
Katharina sah auf, runzelte die Stirn. Ganz ehrlich, ich hab dir schon einiges versprochen Was meinst du?
Dass du glücklich wirst. Annegret sah sie dabei ernst und direkt an.
Katharina stutzte, dann musste sie sanft lachen: Ich bin glücklich. Ich hab doch dich.
Das reicht aber nicht!, protestierte Annegret und stützte die Hände auf die Tischplatte wie vor einem wichtigen Streit. Und überhaupt, ich meine ein anderes Glück. Es ist schon fast ein Jahr her mit Papa. Wann traust du dich, wieder jemanden kennenzulernen? In ein paar Jahren geh ich studieren, und du? Willst du dann alleine hier sitzen mit dreißig Katzen?
In diesem Moment hob die schneeweiße Katze Miezi, die neben Katharina auf einem Stuhl döste, den Kopf. Ihre bernsteinfarbenen Augen fixierten Annegret streng, während ihre Pfote Besitzansprüche anmeldete und demonstrativ auf Katharinas Bein platzierte.
Katharina musste lachen. Eine neue Partnerschaft ist kein Spaziergang, schüttelte sie den Kopf und streichelte Miezi, die sofort zu schnurren begann. Ich bin schließlich nicht mehr jung!
Mama, lass diesen Quatsch. Geh doch mal mit Herrn Schröder essen!, platzte es aus Annegret. Mach einfach mal den nächsten Schritt zu deinem Glück!
Aber, setzte Katharina an.
Kein Aber! Ich weiß, dass er dich schon gefragt hat. Jetzt ruf ihn an!
Katharina sah ihre Tochter an, erwachsen, ernst, lebensklug. Für eine Sekunde war es, als stünde da nicht ihre Tochter, sondern eine weise Frau, die alles viel klarer sieht.
Miezi, beleidigt über die Unterbrechung beim Streicheln, maunzte laut und drückte ihr Köpfchen in Katharinas Hand.
Katharina schmunzelte verschmitzt: Später will ich kein Meckern hören. Sie nahm entschlossen das Handy, ihr Herz pochte wild. Na gut, wenn du so drängst
Annegret reckte zufrieden den Daumen nach oben und verschränkte triumphierend die Arme. Katharinas Finger zitterten ein bisschen, aber sie tippte die Nummer, die längst unter Favoriten gespeichert war.
Nach wenigen Minuten, mit Annegret, die gespannt an der Tür lauerte, hatte sie Herrn Schröder tatsächlich am Apparat. Als er abhob, klang ihre Stimme ruhig:
Hallo, hier ist Katharina. Ich dachte wollen wir uns morgen Abend auf einen Spaziergang treffen?
Kurze Pause. Ein paar Sekunden, aber sie schienen ewig. Dann erklang seine leicht aufgeregte, warme Stimme:
Sehr gerne. Wann und wo?
Katharina lächelte. Annegret hopste vor Freude, formte stumme Jubelgesten.
Wie wärs im Park am Fluss, um sieben? Im Licht der Laternen, Blick aufs Wasser
Perfekt. Bis morgen dann, antwortete Herr Schröder ohne Zögern. Sein Ton war ehrlich, ganz und gar nicht gestellt.
Sie beendete das Gespräch und musste so fröhlich lachen wie schon lange nicht mehr. Annegret rief begeistert Ich habs doch gesagt! und drehte mit der Katze eine Runde durch die Küche.
Du hattest recht, gab Katharina zu und fühlte diese schöne, frische Wärme im Bauch. Danke, dass du mich angestoßen hast.
Du verdienst doch Glück, Mama. Das weiß ich!, sagte Annegret mit einer Ernsthaftigkeit, die Katharina berührte.
Der ganze Rest des Tages war mit Leichtigkeit erfüllt. Sie lächelte ständig, war irgendwie beschwingt, bloß weil sie an das Treffen morgen dachte.
Abends suchte sie ewig etwas Passendes zum Anziehen aus. Sie wollte nicht auffallen, aber sich trotzdem wohlfühlen. Letztlich wählte sie ein himmelblaues Kleid so hell wie Herr Schröders Augen, wie der Abendhimmel am Fluss, wie ihr eigenes Herzklopfen.
Während sie sich vor dem Spiegel schick machte, saß Annegret auf dem Bett und beobachtete sie.
Du siehst wunderschön aus, Mama, meinte sie schließlich. Das bemerkt er ganz sicher.
Katharina drehte sich um und lächelte: Hauptsache, ich fühle mich bei mir selbst wohl.
Siehst du doch, wie du strahlst.
Als Katharina aus dem Haus trat, winkte Annegret ihr noch am Fenster nach. Katharina blieb kurz auf der Haustreppe stehen, blickte nach oben und dachte:
Vielleicht ist das wirklich Glück: Nicht perfekt, nicht makellos, sondern echt mit Fehlern, Zweifeln, Mißerfolgen und kleinen Siegen. Mit einer Tochter, die an dich glaubt, mehr als du selbst. Mit einem Menschen, der dich sieht und schätzt, so wie du bist.
Der Park begrüßte sie im Licht der Laternen und mit sanftem Blätterrascheln. Der Abend war mild, aber nicht schwül so einer, an dem der Frieden fast in der Luft zu schweben schien. Katharina schlenderte die Allee entlang, hielt Ausschau.
Da sah sie ihn. Herr Schröder stand am Brunnen, einen Strauß wilder Blumen in der Hand. Einfach, schlicht, aber voller Leben. Als er sie entdeckte, lächelte er dieses Lächeln, das in ihr alles warm werden ließ.
Er trat auf sie zu: Hallo. Du siehst toll aus.
Katharina spürte, wie ihr kurz die Röte ins Gesicht schoss, aber sie wich seinem Blick diesmal nicht aus.
Danke. Die Blumen sind wunderschön.
Für dich. Ich dachte, vielleicht magst du etwas Naturbelassenes.
Mag ich wirklich, antwortete sie aufrichtig.
Sie spazierten los und redeten über alles Mögliche Arbeit, Kinder, wie sie in der neuen Stadt ihren Weg fanden. Und mit jeder Minute spürte Katharina immer deutlicher: Sie war nicht mehr allein.
Und das war schon sehr, sehr viel.





