Hans, lass uns scheiden.
Margarete sprach diese Worte ruhig, beinahe gleichgültig, während sie den leeren Suppenteller vom Esstisch hob. Sie sah ihn dabei nicht an.
Hans, der gerade in der Süddeutschen Zeitung geblättert hatte, legte das Blatt langsam beiseite. Im Wohnzimmer herrschte absolute Stille, nur das Ticken der alten Standuhr im Flur war zu hören.
Ja, sagte er endlich. Wohl besser so.
Keine Tränen, keine Schuldzuweisungen. Nur dieses eine, knappe, ausgeatmete Wort. Margarete spürte, wie sich in ihr eine eigenartige Kälte und Leere ausbreitete. Dreiundzwanzig Ehejahre, zwei erwachsene Kinder, das gemeinsame Haus in München, das Auto, die kleine Gartenlaube am Ammersee und nun ein einziger Gedanke, der sie beschäftigte: Warum nicht schon früher?
Sie ließ den Teller in die Spüle sinken. Das Wasserrauschen füllte die Stille. Hans faltete die Zeitung, akkurat wie immer am Knick, stand kurz auf, ging wortlos an ihr vorbei. Die Tür zu seinem Arbeitszimmer schloss sich leise. Margarete stand am Fenster, betrachtete ihr verschwommenes Spiegelbild in der Dunkelheit der Fensterscheibe. Vierundfünfzig Jahre alt war sie. Graue Strähnen durchzogen seit Langem das Haar, das Färben hatte sie aufgegeben. Kleine Falten um die Augen. Und dieses seltsam luftige Gefühl von Erleichterung, das sich mit Angst mischte.
Am nächsten Tag besprachen sie die praktischen Angelegenheiten. Am Küchentisch lagen Notizblock und Kuli. Hans notierte.
Wir verkaufen das Haus, meinte er. Teilen das Geld.
In Ordnung.
Die Laube am Ammersee. Willst Du sie behalten?
Nein. Nimm du sie ruhig.
Dann nehme ich die Laube, du das Auto.
Ich fahre seit Jahren nicht mehr.
Dann verkaufst du es halt.
Sie wickelten die Scheidung im gesetzteren Alter so sachlich und routiniert ab, wie einst die Anschaffung eines neuen Kühlschranks. Der Zugewinnausgleich wurde zur nüchternen Rechnerei. Margarete beobachtete seine Hand, wie sie Punkte und Zahlen aufschrieb, und erinnerte sich daran, wie diese Hand sie bei ihrer Hochzeit in den Arm gezogen hatte. Dreiundzwanzig Jahre ist das her, damals war sie einunddreißig, Hans vierunddreißig. Sie Lektorin beim Hanser Verlag, er Bauingenieur in einem Münchner Planungsbüro. Kennengelernt hatten sie sich über Bekannte beim Geburtstag einer Freundin. Er wirkte auf sie solide, verlässlich, geradlinig. Sie auf ihn ruhig, häuslich, klug. Nach einem halben Jahr heirateten sie. Keine große Leidenschaft, aber das sichere Gefühl, dass es passt.
Wir müssen es den Kindern sagen, meinte Hans, ohne aufzusehen.
Ja.
Rufen wir sie abends an?
Ja, machen wir.
Klara, ihre fünfundzwanzigjährige Tochter, lebte drüben in Schwabing mit ihrem Freund. Kreativagentur, immer im Stress, voller Energie. Jonas, der Jüngere, war zweiundzwanzig, studierte noch in der LMU, wohnte in einer WG in Sendling. Die Kinder waren längst ausgezogen, hatten ihr eigenes Leben. Plötzlich verstand Margarete erst, dass genau dieses Loslassen der elterlichen Pflichten die Leere zwischen ihr und Hans erst sichtbar machte. Früher, als die Kinder klein waren, gab es das gemeinsame Ziel: Hausaufgaben, Schule, Krankheiten, Ferienplanung. Alles wurde über die Kinder geregelt. Jetzt, ohne sie, blieb nichts als ein großer Abstand und Schweigen.
Am Abend rief Hans Klara an und stellte auf Lautsprecher.
Klara, wir müssen dir etwas sagen. Deine Mutter und ich lassen uns scheiden.
Lange Schweigen in der Leitung.
Was? Das ist nicht euer Ernst?!
Doch.
Aber wieso? Was ist passiert?
Nichts. Das ist einfach so entschieden.
Einfach so? Ihr seid seit dreiundzwanzig Jahren zusammen! Mama! Mama, was ist los?
Margarete nahm das Telefon.
Klara, es ist einfach passiert. Wir haben uns auseinandergelebt.
Auseinandergelebt nach all den Jahren? Das ist doch absurd! Das ist diese Midlife-Crisis, sowas geht vorüber! Redet miteinander, sucht eine Paartherapie!
Wir haben miteinander geredet.
Aber ihr hättet euch doch nie gestritten!
Gerade deshalb.
Die Tochter war fassungslos. Für sie waren die Eltern immer ganz selbstverständlich, verlässlich, ruhig, ein Teil des sicheren Rahmens. Dass erwachsene Kinder die Scheidung ihrer Eltern so dramatisch wahrnehmen würden, hatte Margarete unterschätzt. Klara fühlte sich betrogen, als würde ihr eigenes Fundament erschüttert.
Jonas reagierte anders. Er tauchte am nächsten Tag auf, setzte sich an den Küchentisch und schwieg lange.
Vielleicht wartet ihr noch? Fahrt mal getrennt in Urlaub? Einfach Abstand?
Jonas, wir haben die Entscheidung getroffen, sagte Hans.
Aber warum jetzt? Warum nicht früher?
Weil ihr da wart, antwortete Hans schlicht.
Jonas’ Blick war hilflos, trotzig, verständnislos. Margarete konnte ihm nicht erklären, wie einsam man sich fühlen kann, obwohl ein Mensch direkt neben einem lebt; wie sie abends, wenn Hans sich in sein Arbeitszimmer zurückzog und sie allein Fernseher schaute, diese entsetzliche Müdigkeit überkam, die fast nach Schreien verlangte.
Mama, willst du das wirklich? fragte Jonas leise.
Ich weiß nicht, was ich will, sagte sie ehrlich. Aber ich weiß, dass ich das so nicht mehr kann.
Er ging, enttäuscht. Margarete erinnerte sich, wie sie und Hans sich einst über Jonas’ Geburt gefreut hatten. Hans war unruhig am Krankenhaus auf und ab gegangen, hatte gestrahlt, als man ihm den Sohn zeigte. Damals war ihre Hoffnung groß gewesen, dass Kinder sie verbinden würden. Eine echte Familie würden sie werden.
Wurden sie auch. Zumindest auf dem Papier, nach außen. Nicht im Innersten.
Die erste Risse taten sich vermutlich schon vier Jahre nach der Hochzeit auf. Margarete war fünfunddreißig, Hans achtunddreißig, Klara drei Jahre alt, Jonas noch nicht geboren. Hans verbrachte immer mehr Zeit im Büro, wurde zum Abteilungsleiter, arbeitete bis spät. Aß wortlos Abendbrot, schaute Nachrichten, ging schlafen. Margarete erzählte ihm von ihrer Arbeit beim Verlag, von Manuskripten; Hans hörte nicht wirklich zu, er war mit den Gedanken bei Bauplänen. Margarete schwieg, wurde schwanger mit Jonas die Kränkungen versanken im Alltagsstress. So beginnen Krisen in langen Ehen: kleine Risse, die man mit Pflichten, Kindern, Gewohnheit übertüncht.
Das Haus wurde zum Verkauf angeboten. Die Maklerin, jung und energiegeladen, führte Interessenten durch die Zimmer. Margarete konnte das nicht mit ansehen und wanderte durch München. Hier hing ihr und Hans’ Urlaubsfoto. Da stand einst die Wiege. Hier hatten sie dreiundzwanzig Jahre Abendbrot gegessen. Wie sollte man mit vierundfünfzig ein Leben neu beginnen, wenn das alte Leben in jedes Regal, jede Lampe, jeden Kratzer im Parkett eingeschrieben ist?
Sie traf sich mit ihrer Freundin Gisela im Café, tranken gemeinsam Kaffee. Gisela hörte zu, nickte schließlich:
Weißt du, ich versteh’ dich.
Wirklich?
Ja. Ich denke jeden Tag an dasselbe. Aber ich habe nicht deinen Mut.
Es ist nicht Mut, Gisela. Es ist Verzweiflung.
Mag sein. Aber du gehst diesen Schritt. Ich halte einfach aus.
Gisela war achtundzwanzig Jahre verheiratet. Ihr Mann, ein stiller, in sich gekehrter Typ, lebte ebenfalls wie auf einem Parallelgleis. Margarete sah das gleiche Leuchten von Leere in Giselas Augen wie in ihren eigenen.
Hast du Angst? fragte Gisela.
Ja. Große sogar.
Wie hast du dich entschieden?
Ich wusste irgendwann, wenn ich es nicht jetzt tue, dann sterbe ich ohne je einen Tag wirklich gelebt zu haben.
Und wenn es schlimmer wird?
Schlimmer als jetzt? Kann ich mir nicht vorstellen.
Sie schwiegen. Die Kellnerin brachte die Rechnung. Margarete wusste, dass Gisela nie diesen Schritt gehen würde und ihr Leben mit ihrem schweigenden Mann weiterzählte bis zur Rente. Auch das war eine Entscheidung aber für Margarete nicht länger eine Option.
Das Haus kaufte schließlich eine junge Familie mit Kind. Sie waren voller Freude, planten Umbauten. Margarete sah dem Treiben zu und glaubte, sich in der jungen Frau am Übergabetag wiederzuerkennen. Sie wusste damals auch nicht, ob das Leben einfach oder schwer werden würde; Hoffnungen hatte sie. Sie meinte, sie wäre keine von den traurigen Frauen, die mit fünfzig zurückblicken und sich fragen: Hätte es anders sein können?
Sie teilten das Geld: exakt je 225.000 Euro. Hans bekam die Laube, Margarete das Auto das sie seit zehn Jahren, nach einem kleinen Unfall, nicht mehr gefahren war. Sie würde es wohl verkaufen. Oder einen neuen Anlauf wagen. Einen Anfang machen, mit dem Auto vielleicht.
Sie fand eine kleine, helle Einzimmerwohnung am Rand von München. Stand mitten in der Leere, fragte sich, wie man jetzt, mit vierundfünfzig, alleine anfangen sollte. Es schien absurd und zugleich richtig.
Der Umzug ging schnell. Für Hans fand sich vorläufig ein Zimmer bei Kollegen. Am letzten Tag sortierten sie wortlos Geschirr, Bücher, Erinnerungen. Nimm du die Pfanne, ich die Kanne. Dreiundzwanzig Jahre passten plötzlich in einen Haufen Kartons.
Klara nahm die Nachricht der Trennung nie wirklich an. Rief selten an, redete reserviert. Jonas bemühte sich um Kontakt zu beiden, doch Margarete spürte, wie schwer es ihm fiel. Für die Kinder war die Familie intakt, solange kein Skandal nach außen sichtbar wurde. Sie wussten nicht, dass stillschweigender Gleichmut das Gift sein kann.
Margarete lag abends wach in ihrem neuen Bett, konnte nicht schlafen. Die ungewohnte Stille war anders als im alten Haus: Dort hatte sie immer noch Hans’ Schritten, seinem Stuhlrollen, nächtlichem Wasserholen gelauscht. Jetzt war da nur der Außenlärm der Stadt. Sie fragte sich, ob diese Leere je vergeht. Vielleicht. Vielleicht war sie immer da gewesen, nur früher durch Alltagslärm und Kindergeschrei überdeckt.
Sie erinnerte sich an einen Urlaub vor fünfzehn Jahren mit beiden Kindern am Tegernsee: Ein einfaches Ferienhäuschen, die Kinder glücklich, die Eltern abends schweigend auf der Veranda. Hans las, sie sah aufs Wasser. Schon damals fühlte sie, wie fremd sie einander eigentlich waren. Doch sie schob den Gedanken beiseite, nannte es Erschöpfung. Es blieb.
Den Job im Hanser Verlag hatte sie Jahre vorher verloren, das Haus stand leer, Hans verdiente genug, ihre Arbeit war nicht mehr notwendig ein eigener Lebenszweck fehlte. Margarete wurde zur Hausfrau, las viel, traf Gisela. Das Leben rauschte vorbei.
Das Bewusstwerden von Fehlentscheidungen ist langsam wie Gift. Man kann nicht zurück, nicht mit 30 den anderen Weg wählen, nicht die eigene Jugend beraten. Nur annehmen, was ist, und weitergehen.
An einem Samstag, die Kartons immer noch nicht ganz ausgepackt, saß Margarete in der neuen Wohnung und blätterte durch alte Fotos. Hochzeit sie im cremefarbenen Kleid, Hans in Anzug, beide etwas steif, doch lächelnd. Klara als Baby. Jonas’ erste Schritte. Der Urlaub an der Ostsee mit Sand und Sonne. Wann hörte das alles auf? Wann wurden sie aus einer Familie zwei gleichgültige Einzelne?
Sie wusste es nicht. Vielleicht tropfte es Tag um Tag ins Herz: Ungesagte Kränkung, unbeachteter Seufzer, ignorierte Bitte, Schweigen statt Worte, Gewohnheit statt Liebe.
Jonas kam sonntags vorbei.
Wie gehts dir, Mama?
Es geht schon.
Bist du viel allein?
Ja.
Soll ich öfter kommen?
Wenn du magst.
Er brachte Törtchen und Tee, sie tranken zusammen, sprachen über die Uni, über Freunde, Jonas sprach viel und versuchte, sie abzulenken. Ihr war warm ums Herz und gleichzeitig schmerzte es, dass das Kind sich jetzt Sorgen machte um die Mutter.
Mama, denkst du wirklich, das war das Beste?
Ich weiß es nicht. Aber anders ging es nicht mehr.
Und mit Papa?
Der kommt zurecht.
Sprecht ihr noch?
Manchmal. Wegen Papierkram.
Normal?
Wirklich miteinander gesprochen? Zehn Jahre mindestens nicht.
Er schwieg.
Weißt du, Mama, ich dachte immer ihr wärt das ideale Paar: so ruhig, ohne Drama.
Eben. Ohne Leben.
Er verstand nicht. Wie sollte er auch begreifen, wie einsam es ist, neben jemandem zu leben und Tag für Tag viel zu wenig gemeinsam zu haben?
Einmal traf sie Hans im Supermarkt. Ein kurzer Gruß, ein paar Worte, peinlich berührt. Zwei Menschen, die mal zusammengehörten, sich jetzt nichts mehr zu sagen hatten.
Der Winter kam, Schnee bedeckte die Straßen. Margarete betrachtete die Flocken, dick und schwer. Früher liebte sie den Winter, dann hasste sie ihn Sinnbild für Dunkelheit und Stillstand. Doch jetzt spürte sie langsam so etwas wie Frieden.
Jonas kam regelmäßig vorbei, brachte Lebensmittel, reparierte kleine Dinge. Klara meldete sich selten, blieb reserviert. Margarete nahm das hin. Sie wusste, die Tochter brauchte Zeit, um zu begreifen. Vielleicht würde sie es nie gänzlich verstehen.
Kurz vor Silvester rief Jonas sie an:
Hast du nicht Lust, zu uns zu kommen? Große Silvesterparty, alle sind da.
Danke, mein Junge. Ich bleib lieber daheim.
Alleine feiern ist traurig.
Nicht traurig. Es ist okay.
Margarete deckte sich den kleinen Tisch, goss ein Glas Sekt ein, schaute Dinner for One im Fernsehen. Um Mitternacht hob sie das Glas.
Auf das neue Leben, sagte sie laut.
Trank, und plötzlich liefen ihr Tränen übers Gesicht. Zum ersten Mal seit Monaten. Sie weinte um die verlorenen Jahre, die nie erfüllten Hoffnungen, um das Nicht-gelebte. Doch als die Tränen versiegten, wischte sie sich über die Wangen, spülte ab, ging schlafen. Sie wachte auf, der Kopf klar, das Herz leer und doch leicht.
Januar kam. Es war kalt, grau, trostlos. Sie rief Gisela an, aber es gab nicht viel zu erzählen. Die Tage zogen vorbei, quirllos, träge.
An einem Februarmorgen telefoniere Hans:
Margarete, letzter Papierkram. Wir müssen noch unterschreiben.
Wann?
Freitag käme ich vorbei.
Sie stellte Tee bereit, legte die Unterlagen zurecht. Der letzte Papierkram ging schweigend vonstatten.
Jetzt ist es offiziell, meinte Hans.
Ja.
Er trank einen Schluck, sie betrachtete ihn: graues Haar, leises Gesicht, vertraute Bewegungen. Dreiundzwanzig Jahre zusammen gelebt, für die Kinder, für die Routine.
Bereust du etwas? fragte er leise.
Nein. Und du?
Ich auch nicht.
Weißt du, sagte sie, das eigentliche Problem war, dass wir dachten, Normalität reicht.
Vielleicht hast du recht.
Er griff nach seinem Mantel.
Also dann. Alles Gute.
Dir auch.
Er blieb an der Tür stehen.
Wenn du mal Hilfe brauchst ruf an.
Danke.
Die Tür fiel ins Schloss. Margarete blieb sitzen, schloss die Hände um die Knie. Dreiundzwanzig Jahre Ehe, vorbei mit einer Tasse Tee an einem Freitag.
Sie griff zum Handy, öffnete die Fotoalben, betrachtete ein letztes Mal das Hochzeitsbild. Schaute lange, löschte es dann. Löschte auch die anderen Fotos. Ein Gesicht nach dem anderen verschwand aus der virtuellen Chronik, das gemeinsame Leben löste sich auf.
Am Abend ging sie auf den Balkon, ließ den kalten Wind ins Gesicht blasen, sah auf die nächtliche Großstadt. Hans irgendwo, Klara irgendwo, Jonas, Gisela. Und unzählige Frauen ihres Alters, die sich an den Herd stellen, überlegen: Was hätte anders werden können?
Sie kehrte zurück ins Zimmer, betrachtete sich im Spiegel. Vierundfünfzig Jahre. Graues Haar, müde Augen. Aber ein neuer Ausdruck war darin: Nicht Freude, nicht Hoffnung aber vielleicht Entschlossenheit. Akzeptanz.
Sie erinnerte sich daran, wie sie einst in München studiert und davon geträumt hatte, Schriftstellerin zu werden. Geschichten und Gedichte zu verfassen. Dann kam das Leben dazwischen. Verlagsarbeit, Ehefrau, Mutter am Ende war sie Lektorin, keine Autorin. Es war nie Zeit, dann nie Inspiration geblieben.
Nun stand sie da, in einem fremden Zimmer, und dachte: Warum eigentlich nicht? Vierundfünfzig ist noch kein Ende. Vielleicht schafft sie es ja, dieses Buch zu schreiben. Vielleicht wird es nie ein Erfolg. Aber es wäre ihr Buch.
Der Frühling begann langsam. Der Schnee wich Schmutz und schließlich kam etwas Sonne heraus. Margarete machte ausgedehnte Spaziergänge, lief durch die aufblühende Stadt, betrachtete die Menschen, fühlte wieder das Leben.
Eines Tages sah sie im Englischen Garten ein altes Paar, sicher über siebzig, Hand in Hand, lachend, im Schneckentempo. Margarete verspürte einen scharfen, süßen Schmerz: Jemanden bis zum Ende begleiten das war ihr nicht vergönnt. Aber sie hatte es gewählt: Besser ehrlich alleine als einsam zu zweit.
Gisela rief Ende März an.
Ich hab auch die Scheidung eingereicht.
Margarete erstarrte.
Im Ernst?
Ja. Es geht so nicht weiter. Du hattest recht. Lieber so.
Wie gehts dir damit?
Angst, riesig. Aber auch Erleichterung.
Ich weiß.
Sie schwiegen lange, hörten dem Atem der anderen am Telefon.
Danke, dass du mir gezeigt hast, es geht, sagte Gisela.
Es ist hart, aber es geht.
Im April begann Margarete Arbeit zu suchen. Nicht wegen des Geldes davon blieb noch etwas übrig sondern, um wieder gebraucht zu werden. Sie schrieb Bewerbungen. Bibliothek, Buchhandlung, kleine Redaktion überall wartete sie auf Antworten; meistens vergeblich. Vierundfünfzig, das stand zwischen den Zeilen: zu alt. Aber sie gab nicht auf.
Im Mai kam Jonas freudig vorbei.
Mama, ich habe eine Freundin kennengelernt.
Margarete musste schmunzeln.
Erzähl!
Er sprudelte los. Sie heißt Marlene, sie studiert auch dort, sie sind seit drei Monaten zusammen. Sie lauschte ihm und fragte sich: Wie beginnt so ein gemeinsames Leben? Wie versickern irgendwann Zuneigung, Pläne, alles? Oder bleibt es ihnen besser erhalten?
Bereust du die Scheidung manchmal, Mama?
Ich bereue nur, dass ich mich nicht eher getraut habe.
Aber bist du jetzt glücklich?
Glücklich? Schwer zu sagen. Aber ich bin weniger unglücklich als vorher.
Jonas sah sie lange an. Er konnte es nicht ganz verstehen, aber er nahm es an.
Der Sommer kam mit Wärme, die Stadt blühte. Margarete bekam eine Zusage als Korrektorin in einem kleinen Verlag. Sie konnte ihr Glück kaum glauben. Es war keine grandiose Position, das Team klein, das Gehalt bescheiden. Aber es war wieder ihr Leben.
Sie rief Gisela an.
Ich habe eine Stelle im Verlag bekommen!
Großartig! Ich freu’ mich riesig!
Und du?
Mein Mann ist ausgezogen, die Kinder sind stocksauer, aber ich atme wieder. Endlich frei.
Sie trafen sich abends im Café, stießen auf ihren Mut an. Sprachen über Leben, Angst, Hoffnung.
Mit sechsundfünfzig gibts keinen Märchenprinz mehr, sagte Gisela. Aber endlich habe ich mich selbst frei.
Das ist das Wesentliche, nickte Margarete.
Die Monate flogen dahin. Margarete gewöhnte sich an Kolleginnen, Alltag und den neuen Arbeitsrhythmus. Die Beschäftigung half. Die Leere hatte weniger Raum.
Im August rief Hans an.
Na, wie läufts?
Gut, arbeite wieder.
Glückwunsch. Ich wollte dir auch sagen ich habe jetzt eine neue Beziehung.
Margarete verspürte einen kurzen Stich. Keine Eifersucht, eher ein endgültiges Verabschieden.
Schön, Hans. Ich wünsche dir alles Gute.
Sie legte auf, schaute lange hinaus. Das Leben ging weiter bei ihm und bei ihr.
Im September stand plötzlich Klara in der Tür.
Mama, sagte sie, es tut mir leid. Ich hab dich ungerecht beurteilt.
Ich verstehe dich, mein Schatz.
Ich dachte, ihr wäret egoistisch, dass ihr uns im Stich lasst aber manchmal muss man gehen, aus Mut.
Margarete nahm ihre Hand.
Bist du jetzt glücklich?
Ich? Ich kann besser atmen. Vielleicht reicht das.
Der goldene Oktober kam. Margarete arbeitete, las, wagte zaghaft, den eigenen Roman zu beginnen es floss langsam, aber es floss.
Eines Abends am Fenster, sah sie die Stadtlichter, das Getriebe der Autos, die Hektik auf den Straßen. All das rauschte weiter und sie war darin. Klein, aber sie war darin.
Vierundfünfzig Jahre, Scheidung, Alleinsein, kleine Wohnung, keine große Zukunft. Kein Glück vielleicht, aber Ehrlichkeit. Und vielleicht war das schon der Anfang von etwas Echten.
Im November, wieder mal graues Wetter, begegnete sie Hans mit seiner Partnerin auf der Straße. Sie grüßten, gingen weiter.
Nur ein stummes Nicken für drei und zwanzig Jahre.
Doch sie empfand keinen Schmerz mehr nur Leichtigkeit. Die Leere war jetzt nicht mehr lähmend, sondern still und offen.
Weihnachten näherte sich. Margarete schmückte ihre kleine Wohnung, kaufte einen kleinen Baum. Jonas und Marlene wollten zum Jahreswechsel kommen, Klara hatte auch zugesagt, Gisela schlug vor, gemeinsam zu feiern.
Am Silvesterabend saß Margarete am Fenster, dachte an all das Vergangene. Vor einem Jahr hatte sie noch mit Hans zusammengelebt. Vor einem Jahr sagte sie: Lass uns scheiden. Vor einem Jahr begann ihr neuer Weg.
War es der richtige? Sie wusste es nicht. Vielleicht würde sie es nie wissen. Doch in diesem Moment, in dieser Silvesternacht, atmete sie frei. Das reichte.
Den Jahreswechsel erlebte sie nicht allein: Jonas, Marlene, Klara, Gisela sie alle saßen um ihren kleinen Tisch. Als Mitternacht kam, hob Margarete ihr Glas.
Auf das neue Leben, sagte sie.
Auf das neue Leben! wiederholten alle.
Und Margarete betrachtete die Gesichter, den Raum, den Baum und wusste: Das ist kein Ende. Und kein Anfang. Ihr Leben geht weiter. Vielleicht nicht wie geträumt, aber ihres.
Im Januar rief Hans an, bat um ein Treffen, um letzte Dokumente auszutauschen, Schlüssel zur Laube zu übergeben. Sie saßen im Café, schauten hinaus auf die nasse Straße.
Wie gehts dir? fragte Hans.
Ich lebe. Und dir?
Ich auch. Habe inzwischen geheiratet.
Herzlichen Glückwunsch.
Danke.
Sie tranken schweigend Kaffee, alles war gesagt.
Denkst du, wir hätten es anders versuchen sollen?
Margarete blickte ihn an. Keine Reue, nur Unsicherheit lag in seinem Blick.
Nein, Hans. Wenn überhaupt, dann haben wir nur zu spät losgelassen.
Ja, das stimmt.
Draußen zogen graue, kalte Wolken vorüber. Hans verabschiedete sich, ging seiner Wege.
Margarete kehrte heim, legte die Schlüssel ab, setzte sich ans Fenster. Irgendwo in München lebte Hans sein Leben. Jonas baute seines auf. Klara suchte ihren Weg. Gisela lernte neu zu leben.
Sie war jetzt hier, in ihrer kleinen Wohnung. Vierundfünfzig, alleine, ohne große Sicherheiten.
War es beängstigend? Ja. War es traurig? Ja. War es richtig? Wer weiß das schon.
Aber es war ihr Leben. Ihr eigener Neubeginn. Vielleicht kam kein großes, donnerndes Glück. Vielleicht keine Liebe mehr. Aber vielleicht etwas Anderes. Etwas Eigenes, Wahrhaftiges.
Margarete öffnete ihren Notizblock, atmete tief durch und begann zu schreiben. Zögerlich, langsam, aber doch.
Ihre Geschichte. Über eine Frau, die dreiundzwanzig Ehejahre erlebt und verstanden hatte, es braucht Mut, um noch einmal von vorn zu beginnen.
Es war kein Ende.
Es war ein Anfang.





