Mein Mann glaubte, er rette seine Mutter. Und unsere Ehe…

Markus dachte, er würde seine Mutter retten. Und dabei zerbrach unsere Ehe

Katrin saß am Küchentisch, die Rechnungen vor sich. Der Taschenrechner spuckte immer die gleichen Zahlen aus, egal wie oft sie alles noch mal durchging. Nebenkosten, Essen, Monatskarten, Klamotten für Lukas der Junge wächst, die Hosen geben schon fast nach. Sie schob die Rechnungen beiseite, drückte die Stirn gegen die Hände. Das Handy vibrierte auf dem Tisch. Eine Nachricht von Herrn Keller, dem Mathematik-Nachhilfelehrer: Frau Wagner, denken Sie ans Honorar für August. 320 Euro bitte bis zum Fünften. Danke.

Dreihundertzwanzig Euro. Katrin schloss die Augen und atmete tief durch. Woher sollte sie 320 Euro nehmen, wenn nach allen Fixkosten im Familienbudget vielleicht fünfzehn Euro übrig bleiben? Und dann brauchte Lukas ja noch Hefte, Stifte, einen neuen Rucksack. Der alte hielt kaum noch zusammen.

Im Flur klackte das Schloss. Markus war von der Arbeit zurück. Katrin hörte, wie er die Schuhe auszog, die Jacke aufhängte. Er kam in die Küche, legte seine Tasche auf den Tisch und holte einen Umschlag mit Geld heraus. Ohne sie anzusehen, zählte er drei Scheine zu jeweils hundert Euro ab und legte sie zur Seite.

Für Mama, sagte er knapp. Du musst mit dem Rest auskommen wie immer.

In Katrin riss innerlich irgendetwas. Vielleicht das letzte bisschen Geduld, das sie festgehalten hatte.

Markus, ihre Stimme blieb ruhig, aber fest, wir brauchen Geld für Herrn Keller. Dreihundertzwanzig Euro für August.

Woher denn?, erwiderte er und seine Augen zeigten keine Überraschung, kein Mitgefühl. Nur Erschöpfung. Du siehst doch, was übrig bleibt.

Ich sehs. Seit Jahren sehe ichs., Katrin stand auf. Deiner Mutter gibst du jeden Monat dreihundert Euro. Für unseren Sohn hast du nicht mal die Hälfte davon.

Fang bitte nicht wieder an, Markus rieb sich das Gesicht. Der Tag war anstrengend. Ich bin müde.

Und ich nicht? Katrins Stimme zitterte leicht. Ich bin nicht müde vom ständigen Rechnen, vom Sparen bei allem, nur damit du fast die Hälfte deiner Lohns deiner Mutter gibst? Die immerhin ihre Rente hat?

Ihre Rente sind 130 Euro!, rief Markus plötzlich. Davon gehen 80 Euro für die Miete drauf! Was soll sie von 50 Euro noch groß leben?

Und wovon leben wir? Katrin trat näher zu ihm. Was ist mit unserem Sohn? Kapierst du, dass er ohne Nachhilfe die Abi-Prüfungen nicht schafft? Dass davon seine Zukunft abhängt und nicht irgendwann später?

Meine Mutter hat mich allein großgezogen!, Markus Stimme wurde laut und brüchig. Ganz alleine! Mein Vater ging, da war sie 35, hat sich krumm geschuftet, damit ich was werde! Ich verdanke ihr alles!

Also muss unser Sohn dafür zahlen? Katrin spürte, wie die Tränen hochkamen. Er zahlt für deine Schulden gegenüber deinen Eltern?

Das ist kein Schuldenausgleich! Das ist Menschlichkeit! Markus griff nach dem Geldumschlag und steckte ihn ein. Was soll ich machen? Sie verhungern lassen? Egoistisch bist du.

Ich?, Katrin wich erschrocken zurück, als hätte er sie geohrfeigt. Ich, die seit drei Jahren zwei Halbtagsjobs in der Schulbücherei macht? Ich, die Lukas die Socken stopft und mir selbst ein Paar Schuhe alle zwei Jahre kauft? Ich bin egoistisch?

Du verstehst das nicht!, Markus drehte sich Richtung Tür. Sie hat niemanden außer mir! Ihr seid zu zweit ihr habt mich!

Haben wir? Ihre Stimme, leise, klang beinahe müde. Manchmal habe ich das Gefühl, das Einzige, was von dir geblieben ist, ist der Geldbote, der die Hälfte nach Würzburg schickt.

Markus blieb in der Tür stehen, drehte sich aber nicht um.

Ich kann sie nicht im Stich lassen, sagte er leise.

Er verschwand im Bad. Katrin setzte sich an den Tisch, ließ den Kopf auf die Arme sinken. Ihre Schultern zuckten. Sie weinte stumm, damit Lukas, dessen Zimmer gleich nebenan war, nichts mitbekam.

Aber der Junge schlief nicht. Er saß auf dem Bett, lehnte mit dem Rücken an der Wand und hörte jedes Wort. Lukas zog die Beine an die Brust, drückte das Gesicht dagegen. In seinem Innern knotete sich alles zusammen. Sie stritten wegen ihm, wegen der Nachhilfe, wegen Geld, das für ihn fehlte.

Er erinnerte sich, wie er vor einem Jahr Papa nach einem neuen Handy gefragt hatte sein altes war kaum noch zu gebrauchen, Akku nach einer halben Stunde leer. Damals hatte sein Vater nur müde gesagt: Halte noch bisschen durch, Junge. Lukas hielt durch. Ein halbes Jahr lang, bis Mama von ihrem Gehalt das billigste Smartphone kaufte. Er hatte ihre Freude über seine Freude gesehen und die Tränen in ihren Augen.

Er wollte keine Last sein. Wollte nicht, dass die Eltern wegen ihm Streit hatten. Vielleicht brauchte er die Nachhilfe wirklich nicht? Vielleicht konnte er es auch allein, suchte sich einfach irgendwo im Internet Erklärungen? Vielleicht würde es schon klappen.

Am Morgen beim Frühstück servierte Katrin Haferbrei, wortlos. Markus las die Zeitung, starrte aber eigentlich nur auf einen Punkt. Lukas stocherte schweigend in der Schüssel.

Mama?, durchbrach er schließlich das Schweigen. Lass uns das Geld für den Nachhilfelehrer sparen. Ich schaffs schon von selbst.

Katrin hielt mitten in der Bewegung inne. Sie sah ihren Sohn an, seine schmalen Schultern, den gesenkten Kopf, und es schnürte ihr das Herz zu.

Lukas, wollte sie ansetzen.

Wirklich, Mama. Ich bekomme das ohne Nachhilfe hin. Er blickte auf, und in seinen Augen lag eine sehr erwachsene Entschlossenheit, die Katrin den Atem raubte. Bitte, streitet euch nicht meinetwegen.

Es geht nicht um dich, sagte sie schnell.

Natürlich nicht, mischte Markus sich ein, legte die Zeitung weg. Er schaute den Sohn lange an. In seinen Augen lag Kummer. Wir finden das Geld. Irgendwie.

Wo denn? fragte Lukas ganz ruhig. Keine Wut, kein Groll. Nur Müdigkeit, resigniertes Verständnis. Du gibst alles Oma. Mama verdient fast gar nichts. Woher soll es kommen?

Markus öffnete den Mund, brachte aber kein Wort hervor. Katrin musste sich abwenden, damit die Tränen nicht hervorschossen.

Nach dem Frühstück ging Lukas zur Schule, Markus zur Arbeit. Katrin war allein. Sie setzte sich wieder an den Tisch, nahm den Taschenrechner. Weniger Fleisch kaufen? Mehr Nudeln, weniger Obst? Aber Lukas musste ja wachsen, richtig essen. Oder doch einen Nebenjob nehmen? Aber wann, wenn sie jetzt schon von früh bis abends zwischen Schule und Bücherei hin und her rannte?

Sie schnappte sich das Handy, tippte eine Nummer.

Svenja? Bin ich. Kann ich kurz vorbeikommen?

Svenja empfing sie mit einer Tasse Tee und einem mitfühlenden Lächeln. Sie saßen in Svenjas heller Küche. Katrin erzählte. Vom Streit, vom Sohn, von der Angst, dass sie nicht mehr weitermachen konnte.

Er steht immer zwischen euch und seiner Mutter, schloss sie. Und entscheidet sich jedes Mal für sie.

Hast du mal mit ihr geredet? Mit Renate?, fragte Svenja vorsichtig. Weiß sie überhaupt, wie es bei euch aussieht?

Sie weiß alles, antwortete Katrin bitter lächelnd. Markus erzählt ihr alles.

Dann ultimativ: Entweder weniger für die Mutter oder du gehst, schlug Svenja entschieden vor.

Das kann ich nicht, schüttelte Katrin den Kopf. Wie soll ich ihm so ein Ultimatum stellen? Es ist doch seine Mutter. Sie hat ihn wirklich ganz allein großgezogen. Sie ist alt, krank. Wie soll ich verlangen, dass er sie hängen lässt?

Aber wie kann er verlangen, dass ihr unten durch müsst?, hielt Svenja dagegen. Katrin, ich habe auch keine Lösung. Aber so gehts nicht weiter. Ihr habt ständig Schulden, du kippst fast um, Lukas fühlt sich schuldig. Das ist doch die Wand.

Ja, eine Sackgasse. Katrin ging später in ihre Wohnung zurück, saß einfach da und schaute aus dem Fenster. Aber wirklich etwas sehen konnte sie nicht. In ihr drehte sich alles nur um eine Frage wie kommen wir da raus?

Sie dachte an die Zeit vor fünfzehn Jahren, als sie Markus geheiratet hatte. Er war damals anders aufmerksam, einfühlsam, liebevoll. Sie hatten Pläne, träumten von Kindern, den eigenen vier Wänden. Dann kam Lukas. Die ersten Jahre schwer, aber schön. Doch dann kam der Bruch.

Renate war nach der Rente plötzlich überfordert. Sie rief Markus an: Kannst du mir helfen? Fünfzig Euro, erstmal nur Er gab es. Dann wollte sie mehr. Hundert, hundertfünfzig, dann immer noch mehr. Jetzt war es regelmäßig dreihundert Euro. Das war fast die Hälfte vom Markus Ingenieurlohn. Nach Abzug aller Kosten blieben für drei Personen kaum genug übrig.

Eltern unterstützen klar, das ist ehrenwert. Aber wenn das zulasten der eigenen Kinder geht? Wenn das eigene Kind keine faire Chance auf Bildung hat, nur weil Oma alles bekommt?

Katrin stand am Fenster. Es regnete. Grau, monoton, endlos. So fühlte sich ihr Leben an.

Vielleicht sollte sie wirklich mit Renate sprechen?

Am nächsten Morgen machte sich Katrin, nachdem beide Männer aus dem Haus waren, auf zur anderen Seite der Stadt, wo Renate in einer kleinen Wohnung lebte. Fünfter Stock, ohne Aufzug. Katrin stieg die Stufen hoch, Herzklopfen.

Renate öffnete klein, gebeugt, im alten Frottee-Bademantel. Erst Überraschung, dann Abwehr im Gesicht.

Katrin? Alles okay? Markus?

Ja, alles okay. Darf ich reinkommen? Ich wollte was besprechen.

Katrin setzte sich. Es geht ums Geld, kam sie direkt zum Punkt.

Renate verschränkte die Arme.

Was ist damit?

Um das, was Markus Ihnen monatlich gibt die 300 Euro. Wir können einfach nicht mehr. Unser Sohn braucht Nachhilfe, die kostet nochmal 320 Euro. Es geht nicht.

Renate stellte sich aufrecht hin, soweit ihr Rücken es zuließ: Und was hab ich damit zu tun? Seid ihr nicht in der Lage, mit Geld umzugehen?

Wie denn, wenn Markus die Hälfte abgibt? Sie bekommen doch Rente!

130 Euro! Und davon gehen 80 für die Wohnung! Ich bin alt, krank, brauche Medikamente! Ein Mittel allein Corvit kostet zwanzig Euro im Monat!

Aber unser Sohn ist fünfzehn!, Katrins Stimme wurde brüchig. Er braucht Bildung! Soll er wegen Ihnen auf der Strecke bleiben?

Wegen mir?! Renates Augen blitzten. Ich habe jahrzehntelang geackert, damit Markus einen Beruf bekommt! Und jetzt soll ich noch zurückstecken, damit Sie besser haushalten können?!

Ich will doch nur, dass Sie verstehen. Wir sind am Limit. Unser Sohn leidet da drunter. Markus zerreißt es das macht unsere Ehe kaputt!

Was ist normal dass man seine Mutter sitzen lässt? Also das wird Markus nie tun. Er weiß, was Pflicht ist. Im Gegensatz zu manchen Leuten

Es gibt auch eine Pflicht gegenüber den eigenen Kindern, murmelte Katrin leise.

Ihr Jungen findet schon Wege, Geld zu verdienen. Mir bleibt nicht mehr viel Leben. Wollt ihr mir das auch noch versauen?

Katrin merkte, dass gar kein Gespräch möglich war. Sie stand auf.

Tut mir leid, sagte sie nur leise.

Sie ging. Draußen nieselte es weiter. Die Tränen mischten sich unter den Regen. Der Konflikt war jetzt offen, aber eine Lösung hatte sie trotzdem nicht.

Abends kam Markus tiefdunkel zurück.

Du warst bei meiner Mutter?

Ja.

Wieso?

Wegen dem Geld.

Sein Gesicht schien einzustürzen.

Du hattest kein Recht.

Doch. Ich bin deine Frau, sie ist die Oma unseres Kindes. Ich habe das Recht, über unsere Familie zu sprechen!

Du hast sie verletzt, hauchte Markus. Sie hat mir im Büro angerufen, ganz aufgelöst. Sagt, du willst, dass ich sie im Stich lasse.

Ich verlange nicht, dass du sie verlässt, sagte Katrin matt. Ich will nur, dass du zusiehst, dass wir überleben. Dass unsere Ehe nicht an diesen Problemen zerbricht. Ich halt das nicht mehr so durch.

Und ich vielleicht?, Markus wurde lauter. Du denkst, ich habe es einfach? Ich reiß mich in zwei Hälften! Aber ich kann sie nicht im Stich lassen!

Was ist wichtiger für dich: Familie oder Eltern?, fragte Katrin leise.

Markus antwortete nicht. Er stand, die Schultern hängend, mitten im Raum. Er wusste die Antwort wohl, aber sprach sie nicht aus.

Die Tage gingen weiter. Es wurde nicht besser. Katrin und Markus redeten kaum noch miteinander. Lukas zog sich zurück, fuhr sich ganz allein durch die Aufgaben, blieb bis spät an den Büchern, aber Mathe fiel ihm schwer. Nachhilfe von einer Studentin für die Hälfte probierte Katrin noch, aber sie merkte schnell: Das reicht nicht für die anspruchsvollen Abi-Aufgaben. Sie kehrte frustriert nach Hause zurück.

Der August ging ins Land, die Zeit drängte. Immer wieder überschlug Katrin die Zahlen. Zwischen Unterstützung für Renate und der Nachhilfe für Lukas gab es keinen Spagat.

An einem Abend saß Katrin allein in der Küche, starrte raus in die Nacht. Sie erinnerte sich, wie Markus früher im Sommer in die Bücherei kam, sie nach Techniksachbüchern fragte. Er hatte damals versprochen: Du und unsere Kinder seid das Wichtigste. Wo war dieser Markus geblieben? Gab es ihn je?

Wahrscheinlich hatten die Jahre das alles verändert. Seit ihr Stiefvater starb, war Renate allein, rief Markus täglich an, klagte, brauchte Geld und Zuwendung. Markus konnte ihr nie etwas abschlagen. Dieses Gefühl der Verpflichtung wurde von Jahr zu Jahr wie ein Mühlstein. Sie wusste, er fühlt sich verantwortlich und das raubte ihm Tag für Tag ein Stück Seele.

Aber auch für sie, für Lukas, hat er Verantwortung. Sie wusste nur nicht mehr, wie sie das erreichen könnte.

Markus kam aus dem Bad, setzte sich wortlos an den Tisch. Schweigen.

Markus, hob Katrin leise an. Weißt du, wie lange du das schon machst? Deine Mutter unterstützen?

Acht Jahre, erwiderte er kaum hörbar.

Acht Jahre. Immer 300 im Monat. Das sind, sie holte den Taschenrechner. Fast 30.000 Euro.

Markus zuckte zusammen.

Katrin hielt ihm den Blick: Dreißigtausend. Was hätten wir davon alles machen können?

Du willst sagen, das war alles Blödsinn, das sie es nicht wert war?, fuhr Markus sie an.

Ich sage: Acht Jahre ist eine lange Zeit. Du hast deinen Teil mehr als getan. Vielleicht reichts jetzt?

Und was soll ich ihr erzählen? Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Dass Schluss ist?

Reduzier es. Muss ja nicht auf null sein. Fünfzehnzig Euro reicht für die Hälfte der Miete.

Sie würde es nicht verkraften, Markus Stimme war resigniert. Sie hat Herzprobleme. Jeder Stress

Und unser Stress? Unser Ehe? Unser Kind? Wir stehen am Abgrund, Markus. Noch ein Schritt, und es ist vorbei.

Schweigen.

Lukas machte das Licht aus, ging ins Bett. Katrin trat ans Fenster. Draußen rauschten die Bäume, irgendwo bellte ein Hund. Drinnen tobte ein Sturm.

Wenn du nichts änderst, sagte Katrin ohne Blickkontakt, ändere ich etwas.

Was meinst du?

Ich suche mir einen besser bezahlten Job. Kein Bibliotheksgehalt mehr. Ich arbeite im Büro, beim Supermarkt oder zur Not als Putzkraft. Aber Lukas bekommt Nachhilfe.

Du findest nicht einfach einen anderen Job, warf Markus ein. Du bist über vierzig, hast nur Bibliothekserfahrung.

Ich finde schon was, sah Katrin ihn fest an. Zur Not auch als Botin.

Etwas in seinem Gesicht wich. War das Respekt? Oder Angst?

Du arbeitest jetzt schon bis zum Umfallen, flüsterte er. Wann lebst du dann noch?

Und jetzt? Sie lachte bitter auf. Alles, was ich tue, ist Rechnungen jonglieren. Wenigstens hätt ich dann ein Ziel für Lukas.

Sie verließ die Küche und ließ Markus mit seinen Gedanken allein.

Eine Woche ging ins Land. Markus wirkte noch ausgebrannter. Katrin suchte im Internet Stellen. Lukas lernte, die Augen morgens müder als abends.

Der Start ins Schuljahr kam plötzlich. Lukas ging ins zehnte Gymnasialjahr letztes Jahr vorm Abi. Katrin verabschiedete ihn an der Haltestelle, einen Kopf größer schon, fast erwachsen. Wo war nur die Zeit hin?

Zu Hause, der PC: Verkäufer im Elektro-Einzelhandel 1.250 Euro netto, mehr als die Hälfte mehr als in der Bücherei. Zwei Tage arbeiten, zwei Tage frei, 9 bis 21 Uhr. Katrin bewarb sich.

Am Abend rief der Laden an: Probearbeiten am Montag. Nervös, aber entschlossen ging Katrin hin. Junge Personalchefin, kritisch. Keine Erfahrung? Lerne ich schnell. Warum wechseln? Ich muss einfach mehr verdienen.

Verstehe ich., sagte die Personalchefin und nickte. Bei Eignung 1.250 Grundgehalt, mit Provision auch über 2.000 möglich.

Fast doppelt so viel wie jetzt. Ich fang an, sagte Katrin.

Draußen setzte sie sich erschöpft auf die Bank vor der Tram-Haltestelle. Zwölf Stunden auf den Beinen. Sie rief Markus an:

Ich habe eine neue Stelle. Elektrofachmarkt. 1.250 Euro.

Bist du dir sicher? Ganz neue Branche, klang seine Stimme unsicher.

Ich bin sicher. Ab Montag gehts los.

Schweigen am anderen Ende.

Du hast entschieden, kam es dann rau.

Ja, Katrin schaute auf die vorbeifahrenden Autos. Wenn du nicht kannst, dann übernehme ich.

Sie legte auf und fuhr heim. Leere in ihr kein Glück, nur Erschöpfung. Sie wusste, es war kein Lösungsweg, nur ein Notbehelf. Der Riss in der Ehe würde nicht kleiner.

Am Samstag packte Markus wie immer das Geld für Renate ab. Drei Hunderter in den Umschlag. Katrin beobachtete ihn.

Fährst du?, fragte sie.

Ja.

Wieder 300 Euro.

Ja.

Sie stellte sich ihm entgegen.

Ab Montag arbeite ich im Laden. Zwölf Stunden stehen, nur damit Lukas seine Nachhilfe bekommt. Weil du alles an deine Mutter abgibst.

Markus erstarrte mit der Jacke in der Hand. Seine Augen sagten alles Schuld, Schmerz, Ohnmacht.

Ich, setzte er an.

Schon gut, winkte Katrin ab. Mach, fahr. Es ist deine Entscheidung.

Er zog die Jacke an und verließ das Haus. Katrin hörte die Haustür und dann das Auto. Sie setzte sich und versteckte das Gesicht in den Händen.

Lukas kam aus seinem Zimmer, setzte sich neben sie.

Mama bitte, tu dir das nicht an. Ich schaff das auch ohne Nachhilfe.

Nein, zog sie ihren Sohn an sich. Du verdienst das Beste, Lukas. Ich tue das für dich.

Aber du bist schon jetzt am Ende, drückte er sich an sie.

Das ist egal. Für dich schaffe ich das.

Sie saßen da, Arm in Arm. Draußen ging die Sonne langsam unter.

Markus kam spät zurück. Er sah richtig fertig aus. Blieb in der Küche sitzen, noch mit Jacke.

Wie gehts ihr?, fragte Katrin, nur um etwas zu sagen.

Nicht gut. Er rieb sich das Gesicht. Blutdruck, neuer Arzt, noch ein Medikament. Dreißig Euro Monat.

Katrin schwieg.

Sie hat geweint. Meinte, sie wäre nur noch eine Last. Lieber wolle sie sterben.

Und?

Ich hab ihr geschworen, sie nie hängen zu lassen.

Katrin stand auf, trank ein Glas Wasser. Langsam.

Also bleibt alles beim Alten, stellte sie fest.

Ich kann nicht anders, flehte Markus. Ich kann wirklich nicht anders.

Verstehe ich, nickte Katrin. Aber ich auch nicht. Ich geh jetzt arbeiten. Für Lukas.

So sollte das nicht sein, murmelte Markus. Wir hätten nie an diesem Punkt enden dürfen.

Stimmt, sagte Katrin. Aber so kam es. Du hast es nicht entschieden. Oder doch.

Sie zog sich ins Schlafzimmer zurück. Schlaf kam nicht. Die Gedanken drehten sich wie Motten um die Lampe. Ein Satz fiel ihr ein: Mein Mann unterstützt seine Mutter zulasten der Familie. Das war ihre Geschichte und kein Ende in Sicht.

Montagmorgen: Lukas in die Schule verabschieden, selber in den Laden. Eine erfahrene Kollegin erklärte alles: Das Wichtigste immer lächeln und Geduld. Die Leute sind manchmal schwierig. Und Technik gut kennen, sonst fragen sie dich Löcher in den Bauch.

Katrin nickte, merkte sich alles. Der erste Tag vergeht wie im Rausch. Füße schmerzen, Kopf schwirrt. Zuhause, es ist zehn, Markus und Lukas haben schon gegessen. Auf dem Tisch stehen kalte Nudeln.

Wie wars?, fragt Markus.

Anstrengend, antwortet Katrin.

Lukas bringt ihr schweigend Tee.

Die Woche vergeht. Dann noch eine. Katrin gewöhnt sich langsam an den Rhythmus. Markus kommt wortkarg von der Schicht. Lukas lernt, hält sich so still wie möglich. Die Spannungen sind fast greifbar.

Endlich, am Monatsende, die erste neue Lohnüberweisung: 1.280 Euro. Katrin ruft Herrn Keller an: Donnerstag gehts mit der Nachhilfe weiter. Lukas ist erleichtert endlich Erklärungen, endlich Orientierung.

Er kommt nach Hause mit leuchtenden Augen. Katrin fühlt: Dafür lohnt sich alles selbst der Zwölf-Stunden-Tag.

Mit Markus aber bleibt die Stimmung frostig. Es geht nur noch um das Nötige. Brot kaufen? Schon erledigt. Stromrechnung? Gepflegt.

Im November: Renate kommt ins Krankenhaus Herzinfarkt. Markus stürzt ins Haus.

Sie ist im Klinikum. Ich fahr hin.

Fahr, sagt Katrin.

Er rauscht ab. Sie weiß: Jetzt kommen wieder neue Kosten.

Markus kommt spät nachts zurück.

Infarkt, aber nicht zu groß. Sie muss operiert werden Stent rein.

Was kostet das?, fragt Katrin.

Privat: 3.000 Euro. Über Kasse dauerts ein halbes Jahr so lange hält sie nicht.

Stille.

Ich nehme einen Kredit auf, sagt Markus. Ich kann sie doch nicht sterben lassen.

Noch ein Kredit, wiederholt Katrin. Schon der dritte. Na gut.

Im Schlafzimmer starrt sie ins Dunkle. Noch zwölf Raten von je hundert Euro wer soll das bezahlen?

Die Operation gelingt. Renate bleibt noch zur Reha. Markus ist werktags nach Feierabend im Krankenhaus. Zuhause sieht Katrin ihn kaum noch. Sie ist im Geschäft, er im Krankenhaus. Lukas ist auf sich selbst gestellt.

So vergeht der November. Im Dezember kommt Renate nach Hause, sehr schwach. Markus will sie zu sich holen.

Nein, sagt Katrin bestimmt.

Aber sie braucht Hilfe!

Dann engagiere eine Pflegerin.

Wovon bezahlen?

Nicht mein Problem. Zu uns zieht sie nicht.

Markus schaut sie an, als hätte sie ihn zum ersten Mal aus der Nähe erkannt.

Du bist eiskalt, sagt er nur.

Vielleicht, antwortet Katrin ruhig. Aber ich bin am Ende meiner Kräfte.

Renate bleibt in ihrer Wohnung. Markus zahlt einer Pflegerin für drei Stunden am Tag hundert Euro. Aus siebzehnhundert Euro Monatslohn gehen dreihundert an Renate, dazu die Pflegerin, dann Kreditrate, Miete, Nebenkosten. Bleiben hundert Euro für die eigene Familie. Katrins Lohn deckt Nachhilfe, Klamotten, Lebensmittel.

Die Streitereien wiederholen sich.

Markus, wir brauchen Geld für

Es ist keins mehr da!

Das war der Alltag.

Im Januar schreibt Lukas eine probeweise Matheprüfung. Gute Note. Der Nachhilfelehrer sagt: Wenn das so bleibt, klappt das Abi garantiert. Katrin weint vor Freude. Endlich.

Februar, März. Alltag, Jobs, Rechnungen, keine Freude.

April, Lohn kommt. Wieder legt Markus einen Umschlag für die Mutter beiseite. Katrin sieht es, spürt Wut.

Schon wieder?, fragt sie.

Was sonst?

Du könntest ja auch mal nein sagen! An uns denken! An Lukas!

Ich denk doch an euch alle! Es zerreißt mich!

Dann entscheide dich endlich!, schreit sie. Deine Familie oder deine Eltern jetzt! Sonst ist hier bald Schluss!

Markus wird kalkweiß.

Du willst wirklich die Scheidung?

Ich weiß es nicht, wirft sie ihm den Umschlag auf den Tisch. Nur: So geht es nicht mehr.

Sie stehen sich gegenüber, eine tiefe Lücke zwischen ihnen.

Ich bring ihr nur die Hälfte. 150 Euro. Sag ihr, die Firma zahlt erst nächsten Monat.

Und? Dann haben wir nächsten Monat wieder das Problem.

Ich weiß. Er sinkt zusammen.

Am nächsten Tag fährt Markus zu Renate. Kommt stumm zurück.

Wie gehts ihr?

Sie hat geweint. Keine Ahnung, wie sie sich jetzt die Medikamente leisten soll.

Katrin sagt nichts.

Mai kommt. Letzte Vorbereitungen fürs Mittlere-Reife-Abi. Lukas lernt, Katrin sieht ihn kämpfen und weiß: Das war es wert.

Juni. Der große Tag. Lukas schafft die Prüfung mit Bestnote. Katrin umarmt ihren Sohn und schluchzt. Auch Markus steht daneben und weint still.

Wir haben es geschafft. Wenigstens das, flüstert Katrin.

Ja.

Sie schauen sich an vor lauter Erschöpfung nur noch müde Verbundenheit.

Ich muss wieder Geld zu Mama bringen, sagt Markus. Rente ist da, aber die Medikamente

Katrin schaut auf den inzwischen unzähligen Umschlag.

Wie viel?

200 Euro weniger geht nicht, die Medikamente kosten immer mehr.

Okay, sie nickt nur. Mach es.

Sie diskutiert nicht mehr. Es ist einfach so.

Markus nimmt den Umschlag, bleibt noch einen Moment an der Tür stehen.

Katrin

Ja?

Es tut mir leid.

Wofür?

Für alles.

Sie antwortet nicht. Die Tür fällt zu. Katrin setzt sich an den Tisch, legt den Kopf auf die Arme. Lukas kommt und legt den Arm um sie.

Es wird schon, Mama, sagt er leise.

Ob es das wird? Katrin weiß es nicht. Aber sie weiß, dass sie morgen wieder arbeiten muss, wieder rechnen, wieder kämpfen. Endlos, Tag für Tag.

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Homy
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Mein Mann glaubte, er rette seine Mutter. Und unsere Ehe…
Glück findet man in den kleinen Dingen des Alltags