Nicht schon wieder, murmelte Marie leise, als sie auf das Spülbecken voller Seifenwasser blickte.
Die Zeiger der Küchenuhr schoben sich erbarmungslos auf 1:15. Das Haus lag still. Im Kinderzimmer hinter der Wand schlief die kleine Frieda. Im Schlafzimmer döste sicher schon Martin. Die Lampe mit dem Milchglas-Schirm warf einen blassen, gelben Lichtring auf den Tisch, wo einsam eine Tasse abgekühlter Kräutertee stand.
Da durchschneidet die Türklingel die Stille wie ein Messer. Langes, beharrliches Klingeln mit kleinen Pausen, in denen Maries verzweifeltes Bitte, lass es diesmal sein! geboren wird.
Aus dem Schlafzimmer ein müder, aber verständnisvoller Laut von Martin:
Er schon wieder?
Marie trocknet die Hände an ihrem Bademantel ab, unterdrückt ein Gähnen das sie am liebsten in das internationale Zeichen Ich schlafe, lass mich in Ruhe verwandelt hätte und geht zur Tür. Auf dem Weg dorthin spürt sie die gewohnte Mischung aus Genervtheit, ein wenig schlechtes Gewissen deshalb und eine Erschöpfung schwer wie nasses Bettzeug.
Im Türspion erkennt sie gleich die Silhouette: breitschultrig, in der abgewetzten Lederjacke, Mütze tief im Nacken. Ihr Schwiegervater, Peter Schröder, wie immer halb zur Seite gedreht. An seiner Seite hält er in einer Hand eine große Pappschachtel, mit der anderen stützt er sich an die Wand.
Zu seinen Füßen eine Tüte mit grünem Rewe-Logo Marie weiß längst: da sind Kekse drin. Immer dieselben.
Sie öffnet.
Mariechen! Peter strahlt, als wäre draußen Mittag. Noch wach? Sehr gut! Ich bleib nur kurz, zehn Minuten.
Guten Abend, Herr Schröder, sie versucht zu lächeln. Es ist halt… mitten in der Nacht.
Nacht? Ach, die junge Nacht, winkt er lachend ab. Und ich jung geblieben! Lass mich doch kurz rein, hab ein Schatz dabei.
Er hebt die Schachtel: vorne klebt ein vergilbter Aufkleber mit 8mm Filmrolle drauf. In einer Ecke steht mit Kuli: 1978, Silvester, Zuhause. Aus der Schachtel riecht es nach Staub, alten Schränken und irgendwas aus einer Zeit, die Marie nur von Fotos kennt.
Hab ich gefunden, stell dir vor! Peter quetscht sich schon durch den Eingangsbereich, noch bevor Marie offiziell Treten Sie ein sagen kann. Lag beim Nachbarn über den Schränken. Ich gleich: Hey, das ist meiner!. Hat er erst nicht geglaubt, dann aber die Handschrift erkannt. Lenas Schrift, sagt er.
Der Name von Peters verstorbener Frau fällt wie ein Gespenst in den engen Flur.
Aus dem Schlafzimmer kommt Martin, blinzelt gegen das Licht, trägt ein altes T-Shirt und Jogginghose.
Papa… Er hustet. Es ist eins nachts.
Eben! Strahlt Peter. Das ist die beste Zeit zum Erinnern. Was jammerst du, Junge? In deinem Alter fängt da erst die Party an.
Mit jedem seiner fröhlichen Töne spürt Marie, wie ihr Kopf pocht. Aber sie denkt sich: Er ist halt allein. Daheim bestimmt dunkel und unheimlich.
Kommt mit in die Küche, sagt sie und schluckt einen schweren Seufzer runter. Aber leise, Frieda schläft.
Klar, Mäuschen, verspricht Peter und nestelt an der Jacke. Ich bin leise wien Mäuschen.
Wie die Alarmanlagen-Maus, denkt Marie.
***
In der Küche setzt Peter sich wie immer auf den Platz an der Heizung. Mein Rücken mag keinen Zug, behauptet er gern. Marie stellt automatisch eine Tasse hin und schenkt Tee ein, halb im Nachtmodus.
Martin, immer noch gähnend, setzt sich gegenüber und mustert die Schachtel.
Was ist das? fragt er.
Unser Film! Peter hebt sie wie einen Pokal. Die alte Rolle. Da ist deine Mutter drauf, du als Stöpsel. Weihnachten, Salate und die Nase von Tante Karin die war ein Unikat! Er lacht los. Kurzum: Familiengeschichte.
Marie sitzt seitlich, den Kopf in die Hand gestützt. Die Uhr tickt erbarmungslos 1:27, 1:28… Peter hingegen läuft sich erst warm.
Ich weiß noch, wie wir damals um Mitternacht die Tür aufgemacht haben eine Verschmitztheit blitzt aus seinen Augen Da kamen Sigi und seine Frau. Schnee, Kälte aber Kommt rein! Unser Haus steht offen!. Lena hat damals gesagt: er stockt, sucht das Zitat Nachts muss die Tür für die offen sein, dies brauchen.
Marie nickt. Dieser Satz bleibt kleben wie Kletten.
Papa, Martin reibt sich die Augen. Wann schauen wir den Film eigentlich? Dafür hast du ihn doch mitgebracht?
Ja, ja! ruft Peter und klopft auf die Schachtel. Projektor hab ich leider keinen mehr. Dachte, ihr vielleicht? Findest du was, Martin, bist ja Informatiker! Und bis dahin erzähl ich eben so.
Und schon redet er: Vom ersten Fotoapparat, vom Filmen am Baggersee. Wie Lena lachte, wenn ihr Schnee in den Kragen fiel. Seine Worte fließen wie Tee aus dem nie versiegenden Samowar, ohne eine Spur Nacht darin. Seine innere Uhr läuft auf Erinnerungszeit.
Marie hört nur halb zu; in ihrem Kopf dudelt ein Rhythmus: Morgen um sieben raus, Frieda in die Kita, Bericht abgeben, die Augen fallen zu…
***
Ein leises Rascheln schreckt sie aus der Müdigkeit.
Im Türrahmen steht Frieda im Schlafanzug mit rosa Sternen. Sie reibt sich die Augen, die Haare ganz wirr.
Mama… sagt sie leise, bleibt am Türrahmen hängen.
Friedalein, warum bist du wach? Marie springt auf, nimmt das Kind, bevor es sich stößt.
Ich… will was trinken, murmelt das Mädchen. Und… ich hab wieder von Opa geträumt.
Peter, der das Wort Opa hört, strahlt:
Siehst du! Kinder fühlen die Verbindung!
Frieda schaut ihn ganz benommen an.
Du kommst immer nachts in meinen Traum, erzählt sie ernst. Klopfst immer wieder. Aber ich kann die Tür nicht zu machen. Die Klinke ist so heiß.
Eis schnürt Marie den Magen zusammen. Martin runzelt die Stirn.
Was sind das denn für Träume? fragt er leise.
Keine schlimmen, sagt Peter überzeugt. Das spiegelt doch nur, wies den Kindern zieht zum Opa.
Oder zur Ruhe, denkt Marie, aber sagt nur:
Komm, Frieda, ab ins Bett. Opa kommt irgendwann wieder… äh… besuchen.
Nachts? fragt Frieda kritisch.
Marie blickt Peter an. Er wirkt ehrlich ratlos, fast wie ein Kind.
Tagsüber geht es noch besser, Friedalein, sagt Marie sanft. Sogar viel besser.
Frieda schnieft und kuschelt sich an ihre Mama.
Marie trägt sie ins Bett zurück, deckt sie zu und hört, wie Peter in der Küche weiterredet, immer noch viel zu energiegeladen für diese Uhrzeit.
Als sie Frieda zudeckt und über den Kopf streichelt, denkt sie: Und wieder so ein nur zehn Minuten-Besuch, der in stundenlanges Erzählen ausartet mit Keksen, Tee, schweren Augen und Löchern im Tag-Nacht-Rhythmus.
Im Flur tickt die Uhr. Die Zeiger schleichen auf zwei zu. Marie atmet durch. Ihre Geduld, wie ein Wecker, zählt schon die Minuten…
***
Und schon wieder… mitten in der Nacht, klagte Marie eine Woche früher am Telefon. Keine Scham, kein schlechtes Gewissen. Glaubt, das ist hier das 24-Stunden-Café Zum Sohnemann.
Olga, ihre alte Unifreundin, am anderen Ende, kichert im Takt.
Frau Schröder, Sie haben mein Mitgefühl. Ihr Haushalt scheint vom Spukgeist der älteren Generation besetzt!
Sehr witzig, seufzt Marie. Ehrlich. Ich schlafe so schlecht immer dieses Was ist, wenn er gleich wieder klingelt? Und dann tut ers! Punkt eins, halb zwei… Immer nur zehn Minuten.
Siehs als nächtlichen Quest, kichert Olga. Hartgesotten: Aufstehen, Teekanne an, Opa-Monolog. Gewinn: alte Kekse.
Marie muss grinsen.
Es sind sogar immer die gleichen Haferkekse, sagt sie. Grün verpackt. Ich kann sie echt nicht mehr sehen.
Das ist schon ein Symbol! raunt Olga. Stell ihm doch einen eigenen Besuchswecker.
Wie meinst du das?
Ruf du ihn mal nachts um eins an!
Das wäre fies, Marie schnaubt.
Sorry, lacht Olga. Aber ehrlich, da müssen Grenzen her. Sonst meint er wirklich, das passt für euch. Ihr macht ja auf.
Es ist halt mein Schwiegervater, Olga, sagt Marie leise. Seine Frau ist tot, Martin sein einziger Sohn. Wie soll ich sagen: Herr Schröder, kommen Sie bitte nicht mehr nachts? Er hat Herz, Bluthochdruck, Erinnerungen…
Aber du auch, erinnert Olga sie. Und ein Kind, einen Job. Grenzen sind nicht böse, sie schützen auch dich. Und manchmal sogar die anderen.
Marie schweigt. Das Thema Grenzen kratzt an ihr. Sie glaubt ja immer, eine gute Schwiegertochter müsse aushalten.
***
Peters erster Nachtbesuch kam ein halbes Jahr nach Lenas Tod.
Damals dachte Marie noch, es sei nur diesmal. Trauer eben, die nachts raus muss, weil tagsüber alles zu laut ist.
Sie lag mit Martin im Bett. Fast Schlaf, als die Wohnungs-Tür plötzlich heftig vibriert.
Wer ist das denn um diese Zeit!? Marie fährt hoch.
Klingeln ungeduldig, fast panisch. Martin steht schon auf, zieht sich im Gehen an:
Hoffentlich ist nix passiert.
Peter steht im Flur, ganz zerknittert, ohne Jacke, im Strickpulli. Keine Mütze. Augen glänzen.
Entschuldigt… sagt er schon mit einem Fuß in der Wohnung.
Nach kaltem Rauch riecht er, hält eine Tüte Haferkekse.
Papa, was ist los? fragt Martin besorgt. Blutdruck?
Nee, winkt Peter ab, der Blick ganz fremd. Ich… wollte nur euch sehen.
Marie erinnert sich, wie Peter bei der Beerdigung von Lena seine Mütze zerdrückte. Und wie er aussah als hätte ihm jemand die Landkarte weggenommen.
In der Küche saßen sie schweigend, Peter krümelte Kekse, sagte manchmal Sätze:
Sie hat so gern nachts mit mir Tee getrunken…
Seine Hände zitterten dabei.
Im Supermarkt sah ich heute die Kekse, sagt er. Kennengelernt haben wir uns ganz zufällig: Beide griffen zur letzten Packung. Sie sagt: Nehmen Sie ruhig, ich achte auf die Linie. Und ich wusste sofort: Die Frau heirat ich.
Damals empfand Marie keinem Groll nur Mitleid.
Kommen Sie immer, wenn Sie brauchen, sagte sie zum Abschied. Wir sind für Sie da.
Die Worte waren sehr wörtlich. Peter kam, wenn er es brauchte. Nur lag sein brauchen meist nach Mitternacht.
Nach dem ersten Besuch kam rasch der zweite. Dann der dritte. Mari durfte irgendwann nicht mehr zählen, wie lange die Pausen dazwischen waren.
***
Martin zuckte nur die Schultern, als Marie es später anschnitt.
Du weißt doch, er war schon immer eine Nachteule, meinte Martin. Hat nachts gearbeitet oder gelesen, auch als ich klein war. Zwei Uhr morgens, und Papa am Küchentisch mit Buch.
Damals saß er aber in seiner Wohnung, sagte Marie sanft. Jetzt sitzt er bei uns.
Unser Zuhause ist für ihn halt ein Zuhause-Zusatz, erklärt Martin. Er fühlt sich allein, vielleicht auch ängstlich in seiner Wohnung… besonders nachts.
Ich hab auch Angst, sagt Marie ehrlich. Weil ich nie ruhig schlafen kann. Weil Frieda aufwacht. Weil ich bei jedem Klingeln wie im Alarm stehe.
Martin schweigt schuldbewusst. Zwischen ihm und seinem Vater hängt was Unausgesprochenes er schwankt zwischen Verständnis und Schulterzucken. Das Ist eben der Vater steht wie eine Wand.
Einmal in der Nacht weigerte sich Marie, mit in die Küche zu gehen.
Sie bleibt im Bett liegen und simuliert Schlaf. Martin geht die Tür öffnen. Die Geräusche: Öffnen, Stimmen, Tassengeklapper.
Nach einer halben Stunde hört sie ein murmeliges Reden. Neugierig geworden, schleicht Marie zur Küchentür.
Peter sitzt alleine. Martin scheint längst im Bett. Vor ihm ein Stapel alter Fotos, der Kreis im Lampenlicht wie eine kleine Theaterbühne.
Lena, das bist du… flüstert er zu den Bildern. In dem Kleid meintest du mal: ‘Du verlässt mich, wenn ich dick werde.’ Blödsinn war das… Hätte mehr sagen sollen…
Er kippt das Foto um.
Martin hier, rotznasig klein. Vor dem Fernseher, auf dessen Couch wir zusammen Filme sahen. Weißt du noch, wie Sigi mal um eins nachts überraschend da stand? Man bekommt Besuch, solange man ihn aufnehmen kann, sagtest du.
Er spricht mit sich und allen, die gegangen sind. Und darin schwingt ein stummes Bitte lass mich wenigstens hier nachts nicht außen vor stehen.
Marie steht in der Tür, das Herz schwer. Peter ist kein Monster. Nur ein Erwachsener, der sich nachts in der Stille verirrt hat.
Deshalb verschwindet der Frust nicht, aber er bekommt einen Beigeschmack von Mitleid.
***
Eines Abends versucht sie es mit Humor.
Es ist Frühsommer, das Fenster offen, Nachtluft. Wieder der Klingelton. Diesmal wirft sich Marie über den Pyjama einen knallbunten Seiden-Morgenmantel, setzt die lustige Schlafmaske von Olga als Stirnband auf.
Du siehst echt aus wie ne Diva, lacht Martin.
Klar, grinst Marie. Heute Premiere von Peters Nachtkino!
Sie öffnet mit einer theatralischen Bewegung.
Willkommen zum exklusiven Nachtkino. Im Programm: Tee, Kekse und chronische Augenringe.
Peter lacht los.
Ihr jungen Leute! Mit Witz! Ich dachte schon, ihr seid wie Rentner: zehn ins Bett, sechs Uhr raus.
Am Küchentisch zieht Marie demonstrativ eine Packung Kaffee heraus und klopft auf den Eieruhr-Wecker.
Wir könnten ja Mitternachtstraditionen einführen: Notte Italiana. Tee, Kekse, Mandolinen. Wecker bleibt auf sechs leider.
Ach, winkt Peter ab. Hauptsache, was zu erzählen! Als Kinder fuhren wir mit Nachtzügen erinnerst du dich, Martin? Nachtgespräche die sind eh die besten.
Und dann legt er nach:
Im Leben gibts Türen, die sollte man nachts offen lassen. Es gibt Leute, die das brauchen.
Der Satz bleibt Marie hängen wie Schneematsch an den Schuhen. Rührend, aber auch gefährlich.
Manche vergessen dabei, dass hinter der Tür auch Menschen wohnen, denkt sie. Laut nur:
Und Fenster gehören nachts zu, sonst holst du dir ne Erkältung.
Peter wie meistens versteht keinen Subtext. Geschichten reihen sich an Geschichten, während Marie immer müder und innerlich unruhiger wird.
***
Eines Tages entscheidet sie sich, nicht zu öffnen.
Frieda ist krank, leichtes Fieber, unruhige Nacht. Marie hat das Kind endlich ins Bett gebracht, setzt sich gerade auf die Bettkante. Da die Türklingel. Wieder nach Fahrplan.
Bitte nicht jetzt, haucht sie.
Martin ist spätschicht, nur sie und Frieda sind daheim. Marie verharrt. Noch ein Klingeln. Noch eins. Dann Stille.
Sie zählt innerlich bis hundert, bis zweihundert. Ihr Herz klopft im Hals. Na bitte, flüstert eine Stimme in ihr, einmal nicht aufgemacht. Die Welt dreht sich weiter.
Am nächsten Morgen, als sie den Müll rausbringt, entdeckt sie vor der Tür die grüne Kekstüte, etwas feucht vom Morgentau. Daneben eine kleine, fast kindliche Notiz: Hab nicht geklingelt, ihr schlaft wohl. P.
Mehr nicht. Kein Vorwurf, keine Klage. Nur diese Tüte.
Marie fühlt einen Stich. Warum soll sie sich schlecht fühlen, nur weil sie schlafen möchte?
***
Nach einem weiteren nächtlichen Besuch hängt das Haus wie ein nasser Schal schwer, klamm.
Frieda hat sich erkältet zweimal barfuß in die Küche gelaufen, während Peter einen Witz nach dem anderen erzählte. Abends sitzt Marie am Herd, Suppe kocht, sie schaut Martin an und spürt, wie in ihr etwas reißt.
Ich schaff das nicht mehr, sagt sie, ohne hochzusehen.
Wie meinst du? fragt Martin neben dem Wasserkocher.
So, dass ich nicht nach seinem Takt leben kann. Wir sind keine Spätkitchen, keine Teestube auf Abruf. Wir haben ein Kind, ich geh arbeiten. Ich fühl mich nicht mehr zu Hause bei uns.
Martin will sein übliches Aber er ist doch… sagen, aber Marie hebt die Hand.
Stopp. Ich hör immer: Er ist dein Vater, er ist alleine, es ist schwer für ihn. Aber was mit mir? Ich bin auch Frau, Mutter, Mensch mit einem Körper, Nerven und eigenen Bedürfnissen. Fragt eigentlich mal jemand, wie es mir geht?
Martin schweigt betreten.
Lass uns heute reden, schlägt Marie vor. Wenn er kommt, zu dritt. Ohne Witze. Ich sag einfach, dass ich nachts echt Schlaf brauche. Ohne Klingel.
Du willst… es ihm verbieten? fragt Martin vorsichtig.
Nein, antwortet Marie fest, aber er soll tagsüber oder spätestens bis neun klingeln. Ich stoß ihn nicht aus unserem Leben, nur aus unserer Nacht.
Martin atmet schwer aus.
Er wird vielleicht enttäuscht sein, murmelt er.
Ich bin es schon, sagt Marie ruhig. Auf euch beide. Ein Jahr lang hab ich es runtergeschluckt. Meine vielen okay waren kleine Kapitulationen vor fremden Wünschen.
Es tut gut, das endlich zu sagen. Auch Martin nickt zögerlich.
Also gut heute sprechen wir es an. Ich steh hinter dir.
***
Als sie die Film-Schachtel in Peters Händen sieht, ist auf einmal alles klar.
Familienfeste 1979 prangt auf dem Deckel. Peter stellt sie stolz auf den Tisch.
Guckt mal, ruft er wieder und wieder. Fast wie ein Schatz!
Vielleicht reden wir erst mal? schlägt Marie vorsichtig vor, während Martin Tee eingießt.
Worüber denn so Schreckliches, dass es mitten in der Nacht sein muss? antwortet Peter halb im Scherz.
Über deine Nächte, erklärt Marie ernst. Und unsere.
Peter lächelt nicht mehr.
Ich höre, sagt er, bemerkbar vorsichtiger als sonst.
Sie kommen immer spät, sehr spät meistens nach eins, sagt Marie freundlich. Für Sie ist Nacht Erinnerungszeit. Für uns Schlafenszeit. Martin muss morgens raus, ich auch. Frieda in die Kita. Wir sind total kaputt, wenn wir jede Nacht rausgerissen werden.
Peter runzelt die Stirn.
Störe ich? fragt er, plötzlich ganz leise.
Martin springt bei:
Papa, es geht nicht darum. Wir sind froh, dass du da bist. Aber nachts besonders für Marie und Frieda es ist einfach zu hart.
Marie nickt.
Ich hab Angst, jede Nacht ab zehn. Mir rutscht das Herz in die Hose beim Klingeln. Ich kann nicht abschalten. Und Frieda… sie träumt jetzt nachts schon von klopfenden Türen mit heißen Klinken.
Peter schaut von Marie zu Martin und auf die Schachtel.
Ich… dachte halt… es ist wie damals. Lena und ich haben nachts Tee getrunken. Die Tür war immer offen. Immer. Wer nachts kommt, brauchts eben dringend.
Und wir brauchen nachts dringend Schlaf, sagt Marie ruhig, aber bestimmt. Nicht aus Lieblosigkeit. Sondern weil wir uns und unser Kind lieben.
Stille.
Peter betrachtet seine Hände, leicht zitternd.
Also… ihr wollt mich nicht mehr haben, nachts? fragt er nach einer Weile.
Doch, schnell. Wir freuen uns. Aber nicht um eins. Kommen Sie tagsüber, abends, aber bitte bis zehn. Rufen Sie an, wir machen alles bereit.
Martin ergänzt:
Papa, du kannst immer kommen. Aber nachts sind wir einfach zu erledigt.
Diesmal fällt das Schweigen länger aus. Dann sagt Peter leise:
Ich hab nie gedacht… dass das so schwer wiegt. Halt nachts wach, und dann bin ich wohl der einzige.
Marie spürt, wie etwas von ihr abfällt.
Er ist kein Bösewicht. Nur jemand, der die Zeitgrenze verloren hat, weil seine eigene Zeit mit Lena stehen geblieben ist.
Wie wärs, schlägt Marie vor, wir machen den Film zusammen, aber am Samstag. Am Nachmittag. Mit Tee, Keksen, wie Silvester 1979.
Peter blickt zur Schachtel, dann auf sie.
Und… wenn ich mal nachts, setzt er an.
Wenn Sie nachts wirklich Hilfe brauchen, natürlich. Dann erreichen Sie uns. Aber nicht mehr zum Tee. Dann rufen Sie einfach vorher an.
Martin nickt:
Papa, ich will auch tagsüber mit dir sprechen, nicht erst nachts, wenn ich neben mir stehe.
Peter lächelt einen traurigen Opa-Lächeln.
Dusseliger alter Mann, sagt er leise. Dachte immer, zehn Minuten seien harmlos.
Sind schon zehn Stunden im Jahr, lacht Marie vorsichtig.
Er nickt.
Gut, sagt er. Dann verschieben wir das große Kino auf Samstag. Ich gehe mal.
Ich bring Sie raus, sagt Marie.
Im Flur zieht er sich umständlich die Jacke an, als wolle er Zeit schinden.
Mariechen, sagt er zum Abschied, falls ich mal aus Versehen spät klingel…
Machen Sie sich keine Sorgen. Aber rechnen Sie nicht damit, dass wir immer aufmachen.
Er nickt, in seinen Augen Ehrlichkeit ja, vielleicht sogar Respekt.
***
Der versprochene Samstagabend kommt. Auf dem Tisch: ein alter Projektor, den Freunde von Martin irgendwo aufgetrieben haben, fast wie Museumsstück. Das Wohnzimmer ein Mini-Kino: Vorhänge zugezogen, weißes Laken an die Wand gepinnt.
Peter hockt, wie ein Junge, direkt am Gerät, die Schachtel wie einen Pokal. Frieda bei Marie auf dem Schoß, ein Plüschhase in der Hand. Martin verkämpft sich mit den Kabeln.
Endlich schnurrt der Projektor, ein Lichtstrahl zuckt über die Wand verwaschene Familienbilder flackern auf.
Eine junge Frau in buntem Kleid ihr Lächeln erhellt den Raum. Daneben ein Peter ohne graue Haare, liebevoll den Arm um sie. Zwischen ihnen der kleine Martin, rundes Kindergesicht.
Im Bild Silvestertafel, Mandarinen, Pumpernickel, Lichterkette. Kurz erfasst die Kamera einen Zettel an der Tür: Unser Haus ist immer offen. Sogar nachts. Für die Unseren.
Marie spürt, wie die Worte mitten durchs Herz gehen.
Peter schluchzt leise.
Das hat sie geschrieben, wispert er. Lena. Sollte man sehen!
Im Film öffnet Lena lachend die Tür einem Unsichtbaren, winkt: Kommt rein! Licht, Lachen, Trubel. Auf dem Bild, die Wanduhr 1:05. Handschrift auf dem Originalfilm: Hier sind alle willkommen, die Tür ist immer offen.
Peter weint nicht laut, aber so, dass die Schultern beben.
Frieda, inzwischen warm auf Mamas Schoß, schläft längst wieder.
Der Film plätschert weiter: Lena trocknet Geschirr ab. Peter küsst sie auf die Wange. Martin balanciert um den Weihnachtsbaum.
Marie begreift: Peters nächtliche Besuche sind keine Marotte. Sie sind ein trotziges Festhalten an der Zeit, in der Hintertüren noch für die Freude, nicht für Grenzüberschreitungen standen.
***
Als der Projektor ausgeht, liegt das Wohnzimmer friedlich im Halbdunkel. Frieda schnarcht ins Mama-Kissen.
Peter wischt sich übers Gesicht.
Entschuldigt, sagt er auf einmal. Ich dachte ehrlich, das ist richtig so. Dass wenn ich nachts zu euch komme… ich dann nicht allein bin.
Marie sagt sanft:
Sie sind nicht allein. Auch ohne nächtliche Einbrüche. Aber ab jetzt: offene Türen am Tag.
Einige Tage später geht Marie einkaufen. Sie nimmt im Rewe nicht nur die grünen Haferkekse, sondern auch eine schicke Thermoskanne, silbern, Berge drauf. Hält acht Stunden warm, verspricht das Etikett.
Daheim packt sie Thermoskanne, Kekse und einen Haustürschlüssel auf einen hübschen Anhänger in eine Box.
Auf ein Kärtchen schreibt sie: Herr Schröder, unser Haus ist immer offen besonders morgens. Die Thermoskanne, damit Ihnen stets warm bleibt. Der Schlüssel, damit Sie nach Absprache jederzeit kommen. Bitte rufen Sie vorher an. Liebe Grüße! Marie, Martin, Frieda.
Sie ruft Peter tagsüber (!) an: Herr Schröder, wie wärs mit Frühstückstee? Kommen Sie doch morgen am besten bis zwölf!
Er lacht, aber in seiner Stimme klingt Erleichterung.
Offizielle Einladung? fragt er.
Ein neuer Brauch, sagt Marie. Ohne Nachtschichten.
Am nächsten Morgen ist Peter Punkt zehn da. Ruft noch an: Ich lauf los, seid bereit! Vor der Tür in frischer Hemd, einen Strauß Kamille dabei.
Für dich, Mariechen, sagt er schüchtern. Für deine Geduld.
Unter dem Arm ein Plüschbär mit Nachtmütze.
Für unsere Frieda, sagt er. Ein Nachtwächter, damit Opa ihr im Traum Geschichten, nicht Klopfgeräusche bringt.
Marie lächelt endlich richtig.
Kommen Sie rein. Der Tee wartet schon.
Im hellen Küchenlicht malt die Sonne Rechtecke auf den Tisch. Der Tee dampft. Die Kekse knuspern. Frieda umarmt den Bär fest. Martin erzählt von seiner Arbeit. Peter kontert mit Geschichten von fröhlich vertauschten Nachtzügen.
Es ist derselbe Peter, dieselben Erzählungen. Nur eben andere Zeit: Morgen statt Nacht. Geplanter Besuch statt Überraschung.
Abends, als sie Frieda ins Bett bringt, fragt das Mädchen:
Mama, heute hab ich nicht von Opa geträumt.
Und? fragt Marie.
Schön so, meint Frieda nachdenklich. Ich hab einfach gut geschlafen. Und am Morgen war er dann… echt da.
Marie lächelt im Dunklen.
So soll es sein, flüstert sie.
Nachts, 1:15, liegt das Haus still. Keine Klingel. Marie wacht endlich an sich selbst auf. Einfach weil sie ausgeschlafen ist.
Sie spürt: Sie hat gelernt, ihre Grenzen auszusprechen ohne Streit, ohne Scham. Die Welt ist deshalb nicht zusammengebrochen. Peter ist nicht weg aus dem Leben. Er kommt nur nicht mehr um eins.
Und das ist ein kleiner Sieg. Ihr Sieg und der aller in dieser Wohnung.




