Einfach weiterleben
Lena, ein kleines, lebhaftes Mädchen mit zwei frech abstehenden Zöpfen, läuft über die sonnenüberflutete Veranda des Ferienhauses am Rande von München. Ihre Augen leuchten vor Begeisterung, die Wangen glühen noch vom ausgelassenen Spiel. Als sie sieht, wie der Freund ihres großen Bruders gemächlich zur Tür geht, bleibt sie abrupt stehen, atmet keuchend, und rennt ihm hinterher.
Ohne zu zögern hüpft Lena flink auf ihn zu und umfasst mit ihren kleinen, warmen Händen seinen Arm. Sie wirft ihren Kopf in den Nacken, sieht zu ihm auf und lacht hell und ungehemmt:
Ich lasse dich nie mehr gehen! Wenn ich groß bin, heirate ich dich! Versprochen! Warte nur!
Der junge Mann bleibt für einen Moment verdutzt stehen, hebt überrascht die Augenbrauen, dann breitet sich ein sanftes Lächeln auf seinem Gesicht aus. Er schaut die kleine Wirbelwindin mit einer Mischung aus Zuneigung und leichter Verwunderung an, und antwortet mit lässig-freundlichem Tonfall:
Ich warte.
Sanft wuschelt er ihr durch das schon etwas zerzauste Haar, sodass die Zöpfe noch wilder stehen. Lena kneift die Augen zusammen, grinst sofort wieder und gibt seinen Arm nicht frei.
Aber bis dahin, fährt der junge Mann fort, beugt sich etwas zu ihr hinunter, sodass sie sich auf Augenhöhe begegnen, lerne fleißig und hör auf deine Eltern. Du musst es schon verdienen, meine Braut zu sein!
Seine Stimme klingt nicht streng, sondern mehr freundschaftlich, mit dieser besonderen Wärme, die Erwachsene manchmal für Kinder haben. Lena scheint einen Moment ganz ernsthaft über seine Worte nachzudenken, dann nickt sie eifrig und drückt seinen Arm noch fester:
Gut! Ich werde die allerbeste sein!
Es liegt dieses unverkennbare Gefühl eines sorgenfreien Sommertags in der Luft, erfüllt von Lachen, Sonnenschein und den naiven Kinderträumen, die in diesem Augenblick so echt und greifbar scheinen
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Jahre später sitzt Lena in ihrem Zimmer und blättert zerstreut in ihrem Mathebuch für die Oberstufe. Draußen senken sich langsam die Dämmerung über die Gärten, und im Haus ist es ungewohnt still nur leise Stimmen aus dem Nachbarzimmer durchbrechen die Ruhe. Ihr Bruder Konstantin telefoniert, und sein Ton klingt auffällig munter.
Lena rückt unwillkürlich näher an die Zimmertür, spitzt die Ohren. Als sie den Namen David aufgeschnappt hat, klopft ihr Herz heftig. Sie hält inne, vollkommen aufmerksam. Der Bruder sagt etwas von einem Treffen, von einem Café, von ihr wunderschönes Lächeln Es gibt keinen Zweifel mehr es geht um Davids neue Freundin.
Noch bevor sie es richtig begreift, springt Lena auf und schleicht leise auf Zehenspitzen zur Tür von Konstantins Zimmer. Mit dem Ohr presst sie sich gegen das kühle Holz und saugt jedes Wort hungrig auf. Ein schmerzhaftes Ziehen durchfährt ihre Brust, doch sie verscheucht die bohrenden Gedanken energisch. Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein? fährt es ihr hektisch durch den Kopf.
Als Konstantin endlich auflegt und den Flur betritt, richtet sich Lena hastig auf, wie ertappt. Doch es ist zu spät er hat sie längst gesehen.
Hat David eine neue Freundin? platzt sie heraus, bevor irgendwelche Fragen gestellt werden. Die Stimme bebt, doch sie bemüht sich um eine unverkrampfte Miene.
Konstantin bleibt stehen, betrachtet seine Schwester prüfend und seufzt schwer. In seinen Augen liegt kein Ärger, vielmehr ein müdes Verständnis. Schon lange merkt er, wie Lena von seinem Freund spricht, wie sie bei dessen Namen aufblüht und heimlich in den sozialen Medien seine Fotos betrachtet.
Schon wieder das Thema? verdreht er die Augen, lehnt sich gegen den Türrahmen. Lena, du bist jetzt sechzehn. Werd endlich erwachsen und überwind diese Schwärmerei, ja? Das ist doch nur eine Kinderliebe.
Lena wirft den Kopf zurück, in ihren Augen blitzt trotziges Feuer. Sie verschränkt die Arme vor der Brust, jede Geste drückt Unnachgiebigkeit aus.
Niemals!, ruft sie und schüttelt heftig den Kopf, sodass die blonden Strähnen durch die Luft wirbeln. Du verstehst das nicht! Er wird mich lieben, du wirst schon sehen! Ich weiß, dass es nicht nur eine Schwärmerei ist. Das ist echtes Gefühl!
Ihre Stimme klingt fest, fast herausfordernd, doch tief in ihrem Inneren ringt sie selbst um Glauben an diese Worte. Ihr kommen Davids flüchtige Blicke in den Sinn, seine seltenen Lächeln nur für sie, zufällige Berührungen all das bewahrt sie wie kleine Schätze der Hoffnung auf Gegenliebe in ihrem Herzen.
Konstantin sieht sie schweigend an, weiß nicht, was er sagen soll. Er erkennt das Leuchten in ihren Augen, das Zittern ihrer Lippen, und begreift keine Logik der Welt wird sie jetzt umstimmen. Diese erste Liebe ist für Lena längst etwas anderes als nur ein jugendliches Strohfeuer
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Ein Sonnenstrahl bricht durch die Vorhänge und taucht das Zimmer in warmes, goldenes Licht. Lena stürmt wie ein Windstoß in das Wohnzimmer. Ihr Gesicht strahlt so hell wie die Morgensonne, ihre Augen funkeln, und das Lächeln liegt so breit in ihrem Gesicht, dass es die Wangen beinahe sprengt.
Kaum dass sie aus der Puste von der Treppe ist, springt sie zu ihrem Bruder, der gemütlich seinen Kaffee trinkt und auf dem Tablet die Nachrichten durchliest.
Er hat mich gefragt, ob ich mit ihm zusammen sein will!, platzt es aus ihr heraus, dass sie kaum an sich halten kann. Ihre Stimme klingt wie ein fröhliches Glöckchen, die Hände ballen sich vor Aufregung zu Fäusten. Stell dir vor: Zu meinem Geburtstag schenkte er mir so eine schöne Schmuckschatulle mit Gravur und sagte, jetzt wo ich 18 bin, könne er endlich zugeben, wie sehr er mich liebt. David liebt mich!
Sie kann kaum still stehen, streicht immer wieder durch ihre Haare, als wolle sie prüfen, ob alles sitzt. In ihren Augen klingt Glück, das ansteckend wirkt es scheint, selbst die Luft beginnt zu leuchten.
Konstantin blickt von seinem Tablet auf, stellt langsam die Kaffeetasse ab. Ein warmes, echtes Lächeln liegt auf seinem Gesicht. Lange hat er auf diesen Moment gewartet nicht nur für seine Schwester, sondern genauso für seinen besten Freund. In den letzten Monaten war David ständig auf Lena zu sprechen gekommen: manchmal ganz zufällig erkundigte er sich, was sie an Wochenenden tut; dann fragte er, welche Blumen sie mag; ein anderes Mal schwärmte er von einem gemeinsamen Ausflug ins Grüne.
Sie ist so wunderschön, wiederholte David dann immer wieder, den Blick verträumt in die Ferne gerichtet. Und klug, und herzensgut Hoffentlich ist sie bald volljährig! Du hast doch nichts dagegen, wenn wir zusammen sind?
Konstantin hatte jedes Mal geantwortet: Solange sie glücklich ist, bin ich es auch. Er kennt David als anständigen, verlässlichen jungen Mann, auf den man sich verlassen kann. Und als er jetzt seine überglückliche Schwester ansieht, weiß er, dass sie es nicht besser hätte treffen können.
Na dann, herzlichen Glückwunsch, sagt Konstantin, steht auf und nimmt Lena in den Arm. Ich freu mich richtig für euch beide. Wirklich.
Lena drückt sich an ihren Bruder, kann kaum fassen, dass das alles Realität ist. In diesem Moment kommt es ihr vor, als sei die ganze Welt lichter, freundlicher, wunderschöner geworden. Ganz leise, irgendwo im Hintergrund, schnurrt die Katze zufrieden am Fensterbrett und genießt die Morgensonne
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Lena sitzt auf einem unbequemen Plastikstuhl im engen Flur einer Münchner Klinik. Die Wände tragen einen tristen Beigeton, durch das Fenster fällt nur fahlgraues Tageslicht, als hätte selbst die Natur die Farben vor Trauer verloren. Lena starrt geradeaus, aber ihr Blick ist leer als sehe sie nicht den abgetretenen Linoleumboden, nicht die vorbeieilenden Ärzte, sondern etwas Fernes, für andere Unsichtbares.
Ihre Hände ruhen leblos auf den Knien, die Kleidung wirkt zerdrückt, fremd, das Haar fällt wirr über die Schultern. Lena ähnelt einer kaputten Puppe reglos, erstarrt, ohne den gewohnten Glanz. Immer wieder ziehen Szenen aus der letzten Nacht an ihr vorbei: Noch gestern saßen sie und David am Tisch, diskutierten über die Gestaltung des Festsaals, stritten, welches Band nun am besten zum weißen Tüll passt. Er lachte, er scherzte, versprach, dass alles perfekt werden würde Und heute ist David tot.
Es ging alles so schnell, so sinnlos Irgendein Autofahrer verlor die Kontrolle, zu schnell unterwegs, drei Wagen zerquetscht, zerbeultes Metall. Niemand überlebte. Weder David, noch die beiden anderen, noch der Unfallverursacher. Eine Sekunde und das ganze Leben zersplittert wie ein Spiegel, in dessen Bruchstücken sich keine Zukunft mehr zeigt.
Das stille Flurdröhnen wird vom Näherkommen von Schritten unterbrochen. Konstantin biegt um die Ecke, das Gesicht aschfahl, die Augen gerötet. Er kauert sich neben seine Schwester, legt vorsichtig den Arm um ihre Schulter. Die Hände zittern, doch er hält sich der Schwester zuliebe zusammen.
Lena?, flüstert er, seine Stimme ist kaum mehr als ein Hauch. Lenchen, sprich mit mir. Bitte.
Lena dreht den Kopf langsam zu ihm. Ihre Augen sind trocken, doch der Schmerz darin ist so tief, dass Konstantin das Herz zusammenzieht. Ihr Blick ist seltsam fremd als schaue sie durch ihn hindurch in eine unerreichbare Ferne.
Worüber denn?, sagt sie mit gleichgültiger Stimme, die wie automatisch ausgesprochen wirkt.
Konstantin schluckt, ringt um Worte, die nicht noch mehr verletzen.
Irgendwas. Sag mir, was in dir vorgeht. Oder wein wenigstens! Halts nicht alles in dir drin!
Lena schüttelt nur den Kopf. Ihre Lippen zucken, doch keine Stimme, keine Träne kommen hervor. Sie betrachtet ihre Hände, als könne sie nicht verstehen, warum sie nicht zittern, warum ihr Körper nicht so reagiert, wie er sollte.
Ich kann nicht, sagt sie schließlich, mit einer seltsam abwesenden Gelassenheit. Keine Tränen. Und Leben will ich eigentlich auch nicht mehr.
Es liegt ein Bleigewicht von Stille im Raum, schwer wie die Regenwolken draußen. Konstantin schließt die Augen, unterdrückt seine eigene Verzweiflung. Er weiß jetzt darf er keine Schwäche zeigen. Seine Schwester braucht Halt, auch wenn ihm selbst der Boden fehlt.
Nach diesen Worten zieht sich Lena ganz in sich zurück. Ihr Blick erlischt, das Gesicht erstarrt, die Schultern sinken, als habe man ihr eine zu schwere Last aufgelegt. Konstantin versucht, sie zu erreichen, streichelt ihre Hand, ruft ihren Namen keine Regung. Selbst Ärzte, die ihren Zustand beobachten wollen, bekommen keine Antwort. Lena sitzt weiter reglos dort, starrt auf einen Punkt, als wäre die Welt für sie zu Ende.
Jemand aus dem Personal entscheidet sich, ihr eine Beruhigungsspritze zu geben. Sanfte Berührung am Arm, und langsam wird alles dumpf, schwer, wie Tinte im Wasser verschwimmen die Gedanken. Ein unruhiger, düsterer Schlaf senkt sich über Lena, bringt weder Ruhe noch Erleichterung.
Als sie aufwacht, ist sie nicht mehr im Krankenhaus, sondern in ihrem eigenen Zimmer. Bekannte Vorhänge, Regal voller Bücher, gerahmtes Foto auf dem Nachtschränkchen alles vertraut, aber zugleich fremd, als betrete sie einen Ort, den sie zwar kannte, doch längst verloren hat.
Lena dreht langsam den Kopf, sieht Konstantin. Er sitzt halb zusammengesunken auf dem Sofa, die Augen gerötet, das Kinn von Bartstoppeln übersäht. Er spricht leise mit der Mutter, die direkt aus Berlin zurückkam, ihren Job liegen ließ. Ihr Gesicht ist blass, dunkle Schatten liegen unter den Augen, nur in der Stimme klingt Entschlossenheit.
ich hab Angst um sie, hört Lena, während sie wie schlafend daliegt. Konstantin spricht leise, wie um sie nicht zu wecken. Sie war von Kindesbeinen an so vernarrt in David, wollte nie jemand anderen. Was wird jetzt aus ihr?
Die Zeit heilt Wunden, antwortet die Mutter, doch in ihrem Ton liegt keine Zuversicht. Sie weiß selbst, wie wenig diese Worte gerade helfen. Das Leben der Tochter war zuletzt ganz von David geprägt sein Lachen, seine Stimme, die Pläne für die Zukunft. Mit ihm ist ihr ganzes Glück zerbrochen. Wir passen schon auf sie auf, fügt sie resoluter hinzu, als wolle sie sich und dem Sohn Mut machen.
Lena hört ihren Austausch, weiß aber nicht, wie und ob sie reagieren soll. In ihr herrscht eine gähnende Leere, als hätte jemand alles aus ihr herausgenommen, was sie lebendig gemacht hat. Sie lässt die Augen zu, gibt vor zu schlafen, weil sie keine Worte für ihre Gefühle, keinen Trost für die Sorge der Familie hat.
Konstantin bleibt noch eine Weile, erhebt sich dann vorsichtig und verlässt das Zimmer. Die Mutter bleibt am Bett sitzen, streicht ihrer Tochter beruhigend über die Hand, als könne sie so Kraft übertragen. Schwer hängt die Stille im Raum, einzig das Ticken der Uhr und Lenas flaches Atmen füllen sie
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Neun Tage vierzig Tage Die Zeit zieht sich scheinbar endlos und zäh. Währenddessen sitzt Lena fast ununterbrochen auf der breiten Fensterbank in ihrem Zimmer, die Beine angezogen, starrt hinaus in den verschneiten Hof.
Ihr Blick bleibt an der alten Holzbank unter dem ausladenden Ahornbaum hängen. Genau dort, an einem lauen Septemberabend, hatte David ihr endlich den Heiratsantrag gemacht. Sie erinnert sich an jede Kleinigkeit: wie seine Hände gezittert haben, als er den Ring aus der Tasche fischte, wie er mehrfach ansetzen und verstummen musste, und wie er endlich alles auf einmal sagte, aus Angst, sich doch nicht zu trauen. Damals hatte sie überglücklich gelacht und gleich Ja gerufen, noch bevor er den Satz beenden konnte.
Jetzt wirkt die Bank fremd, beinahe fehl am Platz. Die Bäume sind kahl, der Hof leergefegt der Herbst ist längst dem Winter gewichen, aber Lena nimmt das kaum noch wahr. Für sie ist die Zeit stehen geblieben seit jener Nachricht.
Lena, kommst du, essen?, durchbricht die zaghafte Stimme der Mutter die Stille ihrer Gedanken.
Die Mutter tritt leise heran, legt vorsichtig eine Hand auf die Schulter der Tochter. Ihre Finger sind kalt, auch sie friert von innen seit Langem. Die Mutter sieht Lena an mit einer solchen Mischung aus Schmerz und Sorge, dass ihr selbst die Tränen in die Augen steigen, doch sie zwingt sich zur Fassung Schwäche kann sie sich gerade nicht erlauben.
Nein, danke, antwortet Lena, ohne aufzusehen. Ihre Stimme ist emotionslos, als würde sie von jemand anderem sprechen.
Du solltest aber unbedingt etwas essen, versucht die Mutter mit fester Stimme, die dennoch leicht zittert. Gestern hast du ja auch nichts gegessen. Du brauchst Energie.
Wozu?, Lena dreht sich nun zu ihr, aber ihr Blick bleibt leer. Ich muss niemandem mehr irgendwas geben.
Die Mutter ist für einen Moment wie versteinert, als hätte dieser Satz sie körperlich getroffen. Offensichtlich ringt sie um Worte, entscheidet sich dann für einen schweren Seufzer, lässt die Schultern sinken und geht langsam zur Tür. Sie fühlt sich machtlos
Noch ein letzter Blick zur Tochter, die wieder hinaus in den Hof starrt, dann verlässt sie wortlos das Zimmer. Im Flur wartet bereits Konstantin. Er schüttelt schweigend den Kopf sein Gesicht zeigt, er hat alles mitangehört.
Ich hab mit Dr. Schröder gesprochen, flüstert die Mutter, während sie den Saum der Schürze fest umklammert. Wir brauchen wirklich professionelle Hilfe. Allein schaffen wir das nicht.
Konstantin nickt. Er weiß das längst, aber es auszusprechen fällt ihm schwer. Lena so zu sehen leblos, abwesend, verloren ist kaum zu ertragen. Er ballt die Fäuste, vergräbt seine Verzweiflung. Jetzt zählen keine Gefühle, sondern Taten.
Ich ruf gleich Dr. Schröder an. Sie hat gesagt, sie hilft, falls es schlimmer wird.
Die Mutter nickt nur, blickt zum Fenster, wo Lena starr wie ein Teil des Hauses sitzt, gefangen im Moment.
Als draußen die Dunkelheit ganz hereinbricht und der fahle Mond kaltes Licht auf den Parkettboden wirft, zwingt sich Lena schließlich, die Fensterbank zu verlassen. Ihre Beine sind so schwach, dass jede Bewegung Anstrengung bedeutet. Langsam, wie im Schlaf, geht sie zum Bett, zieht den Morgenmantel aus und schlüpft unter die Decke.
Im Zimmer herrscht Stille, nur gelegentlich klingen gedämpfte Stimmen der Eltern aus dem anderen Raum herüber. Lena schließt die Augen und hofft, der Schlaf möge schnell kommen und möglichst schmerzfrei sein. Doch der Traum ist anders, als sie erwartet.
David erscheint ihr. Ganz so wie früher: mit seinem warmen Lächeln, im grauen Lieblingshoodie. Doch dieses Mal ist sein Blick ernst, beinahe streng.
Lena, klingt seine Stimme unverkennbar nah. Schau dich an. Was machst du da?
Sie will etwas erwidern, aber die Worte bleiben im Hals stecken. David tritt näher.
Hast du mal in den Spiegel gesehen? Du hast dich total aufgegeben. Das darfst du nicht!
Lena versucht, ihn zu berühren, aber ihre Hand greift ins Leere er ist nur Erinnerung, nicht wirklich da.
Ich ich kann nicht ohne dich, flüstert sie, Tränen brennen in den Augen.
Doch, du kannst, entgegnet David bestimmt. Du warst schon immer stark. Jetzt musst du weiterleben. Verstehst du das? Weiterleben!
Er tritt noch näher, und für einen kurzen Moment spürt sie tatsächlich seine Hand an ihrer Wange.
Vor dir liegt noch so viel schöne Tage, schwere Tage. Das alles gehört zum Leben dazu. Hör nicht auf zu gehen, okay? Ich bin da. Immer. Sieh in den Himmel: Ich bin ein Stern. Wenn es dir schlecht geht, ruf mich. Ich helfe dir.
Lena schluchzt, will ihn festhalten, doch der Traum verblasst, seine Gestalt wird durchsichtig.
Geh nicht!, ruft sie aus, streckt die Hände.
Aber er entschwindet, nur leise flüstert seine Stimme noch:
Lebe weiter, Lena. Versprich es!
Mit einem Ruck schlägt sie die Augen auf. Das Zimmer um sie herum, das Mondlicht auf dem Boden alles wie immer. Das Kopfkissen ist nass vor Tränen, im Brustkorb stürmen die Gefühle.
Ohne zu wissen, was sie tut, schreit Lena auf laut, verzweifelt, durchbricht die Stille der Nacht. Im nächsten Moment stürmen die Eltern und Konstantin in ihr Zimmer.
Lenchen, was ist passiert? Die Mutter ist gleich bei ihr, hält sie an den Händen, sucht in ihrem Gesicht nach Antworten.
Wo tuts weh?, fragt Konstantin atemlos und blickt alarmiert umher.
Doch Lena kann nicht antworten. Sie hockt da, zu einem Bündel zusammengerollt, und weint hemmungslos, während ihr der Traum von David, sein strenger, liebevoller Blick, seine letzten Worte im Kopf nachklingen.
Versprich es mir, hört sie wieder sein Flüstern.
Und durch die Tränen, durch den Schmerz, haucht sie:
Ich verspreche es
Die Mutter wiegt sie sanft wie ein Kind, Konstantin legt tröstend den Arm auf die Schulter der Schwester. Niemand weiß, was sagen, wie trösten aber sie sind einfach da.
Und Lena, ihr Gesicht tief in den Schoß der Mutter vergraben, spürt zum ersten Mal einen schwachen Funken in ihrem Innern: Wenn er an sie glaubt, wenn er sie bittet weiterzumachen muss sie es versuchen.
Allein schon ihm zuliebe.
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An einem grauen Abend sitzt die Familie im Wohnzimmer zusammen. Die Mutter stellt Tee auf den Tisch, doch niemand rührt die Tassen an alles ist von einer zähen Schwere erfüllt. Es ist klar: Es muss etwas geschehen.
Ich glaube, wir sollten umziehen, sagt Konstantin leise, aber entschlossen und schaut seine Schwester an. Für dich ist hier jede Ecke eine Erinnerung. Jeder Schritt in dieser Stadt tut weh.
Lena sitzt im Sessel, die Beine angezogen wie ein kleines Kind. Sie widerspricht nicht, wehrt sich nicht. Sie schaut nur still in den Regen, der gegen die Scheibe läuft und die Häuser verschwimmen lässt. Ihr Gesicht ist blass, aber die Leere aus den Augen ist verschwunden.
In einer neuen Stadt fällt dir der Anfang vielleicht leichter, ermutigt die Mutter sie, streichelt Lenas Hand vorsichtig. Neue Umgebung, neue Menschen Vielleicht hilft es dir, neu zu starten.
Lena blickt langsam auf. Ihre Stimme ist leise, aber voller eigenem Willen:
Wohin denn?
In Frankfurt habe ich einen Freund, der mir bei der Jobsuche helfen kann, erklärt Konstantin. Wir nehmen erst eine Wohnung zur Miete, das Weitere ergibt sich.
Die Mutter nickt:
Und auch für dich finden wir einen Studienplatz. Wir kriegen das hin, Hauptsache, du findest zurück ins Leben.
Lena denkt nach. Vor ihrem inneren Auge tauchen Bilder auf: Sie und David lachen auf der Bank vor dem Haus, sie gehen die vertrauten Straßen entlang, er schenkt ihr im Schulkorridor Blumen. Jeder Baum, jeder Stein, jeder Winkel alles ist Erinnerung. Und noch schneidet diese Erinnerung wie ein Messer.
Okay, sagt sie endlich. Gehen wir.
Es ist ein schweres Ja, voller Trauer und leiser Hoffnung. Aber es ist ihre Entscheidung die erste seit Langem.
Die nächsten Wochen sind geprägt von Kisten und Kofferpacken. Lena hält sich aus vielem raus, sieht nur zu, wie die Familie den Hausrat sortiert, die Regale leert, Staub wischt. Manchmal nimmt sie einen kleinen Gegenstand einen Schlüsselanhänger von David, ein altes Foto, eine Kinokarte vom ersten Date und betrachtet ihn lange, bevor sie ihn einpackt.
Am Tag des Umzugs tritt Lena noch einmal auf den Balkon. Sie blickt zum letzten Mal in den Hof, dort, wo alles begann. Wieder durchzuckt sie Schmerz, doch diesmal lässt sie sich nicht unterkriegen. Ich schaff das, sagt sie leise zu sich. Ich muss.
Die neue Stadt begrüßt sie mit tristem Himmel und geschäftigen Straßen. Die neue Wohnung ist hell und groß. Lange steht Lena am Fenster ihres neuen Zimmers, sieht auf fremde Gebäude, Menschen, die eilen. Alles ist ungewohnt und gerade das gibt ihr das Gefühl, neu anfangen zu können. Hier gibt es keine Erinnerungen, nur leeres Papier, auf das sie ein neues Kapitel schreiben kann.
Anfangs sind die Tage schwer. Lena wacht oft auf und fühlt sich, als gehöre dieses Leben nicht ihr. Sie vermisst die gewohnten Orte, die alten Freunde. In manchen Nächten träumt sie von David er lächelt, redet ihr Mut zu. Wenn sie erwacht, sind ihre Wangen nass.
Aber langsam beginnen kleine Dinge zu helfen. Im Park blühen Tulpen, im Café gegenüber kennt der Barista bereits ihren Lieblingskaffee und schenkt ihr ein Lächeln. Es sind winzige Schritte, aber sie machen Mut. Lena vergisst David nicht wird ihn nie vergessen. Doch inzwischen begreift sie: Weiterzuleben heißt nicht, ihn zu verraten. Es heißt, seinen letzten Wunsch zu erfüllen.
Sie besucht einen Vorbereitungskurs fürs Studium, hilft der Mutter beim Einrichten, geht mit Konstantin spazieren. Jeder Tag ist anstrengend, aber jeder Tag bringt ein bisschen Neues nicht um das Vergangene zu ersetzen, sondern als Ergänzung.
Und tief in ihrem Innern weiß sie:
Er sieht ihr zu.
Und er ist stolz auf sie.
Denn sie hält durch.
Denn sie lebt.




