Du bist meine Welt
Johannes saß am Bettchen und ließ seine Blicke nicht von der schlafenden Anneliese. Das Mädchen lag auf der Seite, der kleine Mund geöffnet, und ihr ruhiger Atem durchdrang kaum das Dämmerlicht des Kinderzimmers. Im sanften Zwielicht warfen ihre hellen Wimpern feine Schatten auf die Wangen, das feine blonde Haar lag wirr auf dem Kissen verstreut. Johannes lächelte unwillkürlich gerade in solchen Momenten erschien sie ihm wie ein winziges Engelchen, das aus dem Himmel gefallen war.
Draußen neigte sich langsam der Tag dem Ende zu. Die Dämmerung legte sich auf das kleine Vorstadthäuschen am Rande Bremens, und am dunkler werdenden Himmel blitzten bereits die ersten Sterne zunächst zaghaft, dann immer klarer und zahlreicher.
Johannes’ Blick verweilte an der Fensterscheibe, wo sich der Himmel spiegelte, und seine Gedanken griffen zurück ins Gestern. Drei Jahre war es nun her. Damals klang in diesem Zimmer noch immer das fröhliche Lachen von Franziska. Bis heute sah er sie vor sich, wie sie hereinkam, das Zimmer mit Wärme und Licht erfüllte, ihre sanften Hände über seine Schulter legten und ihn mit einem Blick voller endloser Fürsorge bedachte. Was blieb, waren Erinnerungen und Anneliese, das kleine Mädchen, das jetzt sein ganzer Halt war.
Die Krankheit war schleichend gekommen, wie ein Einbrecher in der Nacht. Franziska klagte anfangs nur über Müdigkeit ein bisschen zu viel gearbeitet, ich brauch mal Pause, winkte sie ab. Dann gesellten sich Kopfschmerzen dazu, die sie dem Stress zuschrieb. Sie gingen von Arzt zu Arzt, ließen etliche Untersuchungen über sich ergehen, bekamen unklare Diagnosen, aber nichts half wirklich. Die Zeit verrann, Franziskas Zustand verschlechterte sich unaufhaltsam.
Als die Diagnose endlich eindeutig war, war es schon zu spät. Johannes zögerte nicht einen Moment. Er warf sofort seine Anstellung bei der Versicherung in der Bremer Innenstadt hin, trotz aller Bitten der Kollegen, wenigstens in Teilzeit weiterzumachen. Aber er wusste: Jetzt war es wichtiger denn je, an Franziskas Seite zu sein. Es war gut, dass sie eigentlich für ein neues Auto gespart hatten das Ersparte reichte aus, um erst einmal Geldsorgen beiseitezuschieben.
Von dem Tag an drehte sich sein Leben um nichts anderes mehr als Krankenhäuser, Arztpraxen, Wartezimmer, Untersuchungen, Therapien. Er fuhr Franziska zur Klinik, saß stundenlang mit ihr im Wartebereich, ihre Hand fest haltend, wenn sie nervös wurde. Zu Hause las er ihr ihre Lieblingsromane vor, als sie schon nicht mehr aufstehen konnte. Oft war er einfach nur da, lauschte ihrem Atmen, immer besorgt, nicht die kleinste Verschlechterung zu verpassen. Damals, so wurde ihm klar, bedeutete Liebe viel mehr als nur Glück und Freude sondern auch die Kraft, zu bleiben, wenn alles zerfällt, und zu halten, wenn die eigenen Kräfte am Ende scheinen.
Nach Franziskas Tod wurde Johannes’ Leben grau. Die Tage schlichen dahin, verschwammen zu endlosen schlaflosen Nächten und nebligen Morgenden. Er registrierte kaum noch, was um ihn herum geschah alles kreiste um Anneliese: dass sie keinen Mangel litt, spürte, dass ihr Papa immer da war, und dass er sie nie allein lassen würde.
Fast unmittelbar nach der Beerdigung kam Franziskas Mutter Hildegard Sommer. Leise betrat sie die Wohnung, und ihr prüfender Blick wanderte gleich durch alle Räume: Überall lagen Annelieses Spielsachen herum, im Spülbecken stapelte sich das Geschirr, das Bett war nicht gemacht. Hildegard schob entschlossen die Handtasche auf die Schulter und sagte fest:
Johannes, du musst dich erholen. Ich nehme Anneliese zu mir. Du packst das nicht allein.
Johannes saß zu dem Zeitpunkt wieder an Annelieses Bett und blickte auf seine schlafende Tochter. Ohne den Kopf zu heben, hielt er die Bettdecke umklammert. Seine Stimme klang leise, aber ohne jeden Zweifel:
Nein. Anneliese bleibt bei mir.
Hildegard trat näher, in ihrem Gesicht lag echte Sorge.
Doch, du merkst doch selbst, wie fertig du bist! Sieh dich doch mal an: Wenn du in den Spiegel schaust, erkennst du dich kaum wieder. Und Anneliese braucht ein ruhiges Zuhause, Fürsorge, nicht einen Vater, der auf dem Zahnfleisch geht. Sie braucht Ordnung, Geborgenheit, und hier Sie machte eine Geste ins Zimmer und brach ab.
Langsam richtete Johannes sich auf, sah sie an. In seinen Augen lag solch eine tiefe Trauer, aber auch unerschütterlicher Wille, dass Hildegard erschrocken einen Schritt zurückging. Er sprach ruhig, doch jedes Wort war Gewicht:
Ich bin ihr Vater. Ich werde sie großziehen. Franziska hätte das gewollt. Ich habe ihr versprochen, dass wir zusammenbleiben. Was auch kommt.
Hildegard schwieg. Sie sah, wie seine Hände zitterten, die Schatten unter seinen Augen, aber auch, dass jeder Protest sinnlos war. In diesem erschöpften Menschen brannte ein Trotz, der sich nicht mit Worten brechen ließ. Sie seufzte, schüttelte den Kopf, ließ aber ab. Ihre Stimme wurde sanft:
Wenn du Hilfe brauchst ruf mich an. Zu jeder Zeit. Du weißt doch.
Sie ließ den Blick noch einmal durchs Zimmer schweifen, als wollte sie alles einprägen, dann ging sie zur Tür. Die Schritte polterten gedämpft über das alte Parkett. Die Tür fiel leise ins Schloss, und Johannes war wieder allein. Allein mit der Stille, mit Anneliese.
Langsam kehrte die gewohnte Ruhe im Kinderzimmer zurück, getaktet vom ruhigen Atmen der Kleinen. Johannes setzte sich wieder auf den Stuhl am Bett, legte Annelieses kleine Hand in seine eigene. Die Wärme ihrer Haut, das leise Schnaufen das war es, was ihn in der Wirklichkeit hielt, ihm die Kraft gab, weiterzumachen. Er wusste: Viele schwere Tage würden noch kommen, aber jetzt hatte er ein Ziel Anneliese großziehen und das Licht bewahren, das Franziska dereinst in das Leben gebracht hatte.
Seitdem änderte sich alles. Nun füllten nur noch zwei Stimmen die Wohnung: seine und die seiner Tochter. Anfangs war jeder Morgen von Unsicherheit geprägt. Johannes schaute seine kleine Tochter an und begriff, wie alles Vertraute plötzlich zur Herausforderung wurde. Er hatte nie geahnt, wie knifflig es sein konnte, eine Windel zu wechseln, ohne dass das Kind zu weinen begann, wie man ein Mädchen nachts beruhigte, wenn es aufwachte, oder wie man ein halbwegs essbares Mittagessen zubereitet, jenseits von Spiegelei.
Die ersten Monate waren ein endloses Ausprobieren mit Fehlern und Glückstreffern. Johannes recherchierte im Internet, fragte in Elternforen, las unzählige Ratgeber auf Deutsch. Hin und wieder rief er Hildegard an; versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen er wollte Stärke zeigen. Jeder kleine Fortschritt war für ihn ein Sieg: das erste Mal das Badewasser richtig temperiert, Anneliese flink umgezogen, einen Grießbrei gekocht, der nicht anbrennt.
Nach und nach eignete er sich alles an: Babykleidung vor dem Waschen sortieren, ordentlich zusammenlegen, die Milchflasche genau auf die richtige Temperatur bringen. Und schließlich lernte er sogar, einfache Gerichte zu kochen Gemüsepüree, Klößchen, Aufläufe. Abends, wenn Anneliese schon im Bett lag, sang er ihr deutsche Wiegenlieder vor, senkte dabei die Stimme sanft zur Beruhigung. Er las ihr Märchen vor, wechselte die Stimmlagen mal bedrohlich als Drache, mal hoch als kleine Elfe. Als Anneliese älter wurde, lernte er Zöpfe zu flechten anfangs fingen seine Finger ständig die Strähnen falsch, aber irgendwann klappte es.
Jetzt, vier Jahre später, war aus Anneliese ein quirliges, neugieriges Mädchen geworden, das durch die Wohnung flitzte, pausenlos plapperte und mehr Fragen stellte, als Johannes beantworten konnte. Ihr Lachen hell, rein, ansteckend war sein liebster Klang. Wenn sie kicherte über ein lustiges Kuscheltier oder seinen neuesten Scherz, wurde ihm warm ums Herz. Da wusste er: Er war auf dem richtigen Weg ein guter Vater zu sein…
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An einem dieser Abende saß Johannes im Wohnzimmer, vertieft in Erinnerungen. Vor seinem inneren Auge tauchten Bilder auf: Wie sie damals zu zweit das Babybett aussuchten, wie sie sich gegenseitig amüsierten, weil keiner von beiden wusste, wie man ein Kind wickelt, wie sie davon träumten, was einmal aus ihrer Tochter werden würde. Die Gedanken gingen mit ihm auf Reisen bis eine helle Kinderstimme ihn zurück ins Jetzt holte:
Papa! Anneliese saß im Bett, breit grinsend, die Arme ausgestreckt: Spielen wir?
Augenblicklich machte Johannes Schluss mit den Grübeleien, und sein Gesicht erfüllte ein warmes Lächeln. Er trat ans Bett, hob seine Tochter sanft hoch und zog sie an sich.
Natürlich, mein Schatz, sagte er und küsste ihr Haar. Worauf hast du Lust?
Prinzessin! Ich bin die Prinzessin, du bist mein Ritter!, klatschte sie begeistert.
Johannes lachte auf, hob sie hoch, drehte sich mit ihr im Kreis und genoss das ausgelassene Lachen, das das Zimmer mit Freude füllte.
Dann brauchen wir ein Schloss! Wo steht das?
Ohne Zögern zeigte Anneliese in eine Ecke, wo ihre Bauklötze lagen:
Da! Das ist meine Burg!
Gemeinsam bauten sie auf dem Teppich ein Schloss aus bunten Steinen. Johannes setzte Mauern auf, Anneliese bastelte mit Feuereifer Türme. Bald erwachte die Geschichte zum Leben: Drachen, die besiegt werden mussten, Zauberer, die magische Dinge schenkten, gute Feen. Johannes erzählte Geschichten, improvisierte, achtete darauf, es nicht zu gruselig zu machen. Er sah das leuchtende Gesicht seiner Tochter, das Funkeln in den Augen, das ständige Dazwischenreden und in ihm wuchs ein stilles, tiefes Glücksgefühl.
Franziska wäre stolz auf uns, dachte er. Dieser Gedanke machte ihn irgendwie stärker, zuversichtlicher. Er wusste: Egal wie schwer sie kamen klar. Zusammen.
Am nächsten Tag machte Johannes sich mit Anneliese zu Fuß auf zur Spielplätze in der Straße. Er packte in die Tasche: Sandförmchen, Trinkflasche, Wechselkleidung und Feuchttücher.
Anneliese, voller Vorfreude, setzte schon selbst ihre Jacke auf, versuchte selbst den Reißverschluss zu schließen.
Ich schaffe das alleine!, sagte sie bestimmt Johannes half ihr liebevoll dabei, setzte ihr Mützchen auf, kontrollierte alles nochmal.
Fertig?, fragte er und bot ihr die Hand.
Fertig!, rief Anneliese fröhlich und zog ihn schon fast zur Tür.
Draußen war es nur ein paar Minuten bis zum Spielplatz hinterm Haus Sandkasten, Schaukeln, kleine Rutschen, immer gut besucht mit Nachbarskindern, Müttern, Omas. Johannes kannte das tägliche Kommen und Gehen der Leute inzwischen ganz genau. Vielleicht deshalb registrierte er die Seitenblicke nicht mehr so sehr. Manche schauten mitleidig, andere neugierig, manche vielleicht auch leicht missbilligend. Doch das war ihm längst egal geworden Annelieses Wohl lag ihm über allem.
Sobald sie den Sandkasten erreicht hatten, hörte er nebenbei das Tuscheln von zwei Damen auf der Bank:
Schau mal, der wieder allein mit dem Kind …
Ach der Arme, die Frau hat ihn bestimmt verlassen.
Nein, die ist wohl gestorben hab ich mal gehört …
Johannes umklammerte Annelieses Hand etwas fester, drehte sich aber nicht um. Unbeirrt ging er zum Sandkasten.
Papa, ich will Sandkuchen machen!, verkündete Anneliese mit strahlenden Augen.
Na los, lächelte Johannes, zog die bunten Förmchen aus der Tasche, ich schau dir beim Backen zu.
Er setzte sich an den Rand, beobachtete, wie Anneliese eifrig loslegte: Sand schaufeln, in die Form, klopfen, umstülpen ein perfekter Sandkuchen, den sie ihm stolz präsentierte.
Schau mal, Papa! Ist der schön?
Wunderschön, Anneliese fast wie in der Konditorei.
Das Mädchen kicherte beglückt, machte gleich den nächsten. In solchen Augenblicken waren alle anderen Stimmen und Blicke egal was zählte, war ihre kindliche Freude und dass sie glücklich war.
Nach und nach füllte sich der Sandkasten. Neben Johannes setzte sich eine junge Frau mit einem etwa fünfjährigen Jungen.
Guten Tag! Ich bin Michaela. Ich seh Sie hier öfter. Ihre Tochter ist so aufgeweckt, sieht man gleich sie liebt den Sandkasten.
Johannes, stellte er sich freundlich vor. Ja, Anneliese kann sich hier stundenlang beschäftigen.
Michaela gestattete dem Jungen, mit Anneliese zu spielen. Sind Sie allein mit ihr? fragte sie vorsichtig.
Ja. Meine Frau ist vor drei Jahren gestorben. Er sagte es ruhig inzwischen war die Antwort Routine, gab ja genug, die alles wissen wollten.
Oh … das tut mir leid. Sie machen das wirklich toll, entgegnete Michaela. Viele hätten das nicht geschafft mein Ex-Mann nimmt unseren Sohn nicht mal am Wochenende.
Johannes schwieg. Er mochte keine Vergleiche oder Diskussionen, richtete den Blick lieber wieder auf Anneliese, die jetzt dem Jungen zeigte, wie die Formen am besten gelingen.
Vielleicht treffen wir uns mal im Stadtpark, schlug Michaela zögernd vor, ganz aufmerksam-freundlich. Den Kindern tuts gut, und uns vielleicht auch. Es ist einfacher, wenn man nicht allein ist.
Johannes musterte sie höflich gepflegt, freundlich, ein mütterlicher Blick, sicher eine gute Mutter. Aber in ihm regte sich kein Wunsch, auf das Angebot einzugehen. Nicht jetzt. Vielleicht nie.
Danke, aber für den Moment Nein. Mir ist Anneliese das Wichtigste. Ich will, dass sie spürt, dass sie sicher ist.
Michaela nickte. Das versteh ich. Wenn Sie reden wollen ich bin meistens hier.
Danke. Johannes nickte. Michaela verabschiedete sich bald, packte ihre Sachen. Johannes aber schenkte alle Aufmerksamkeit Anneliese.
Sie klatschte begeistert mit den Händen: Papa, der ist für dich! Sie zeigte auf ihre kleine Parade von Sandkuchen.
Er kniete sich hin, bewunderte jedes einzelne Werk und nahm einen Sandkuchen mit einem ehrlichen Lächeln.
Der ist wirklich der schönste, Anneliese. Wahrscheinlich sogar der beste der Welt!
Anneliese lachte so herzerwärmend, dass Johannes in dem Augenblick Franziska vor sich sah: wie sie mit ihnen lachte. Wie sie stolz wäre.
Später abends, als Anneliese schlief, ging Johannes in die Küche. Er stellte leise den Wasserkocher an, holte aus dem Schrank das Fotoalbum. Er blätterte langsam: Die kleine Anneliese im Krankenhaus, Franziska, erschöpft aber glücklich, sie im Arm, das erste Familienfoto draußen auf dem Bürgersteig in Bremen, alle drei im Wollschal. Auf einem Bild hält Franziska die winzige Tochter, beide blicken in die Kamera. Franziskas Lächeln ist offen und weit, das Baby lächelt verhalten, aber es ist eine Freude, die zu lernen scheint.
Lange betrachtete Johannes das Foto, dann murmelte er: Wir kommen klar, Franziska. Du würdest das gutheißen.
Draußen trommelten Regentropfen gegen das Fenster ein beruhigender Klang. Drinnen war es warm und einladend, der Geruch von Tee und Apfelkuchen lag in der Luft. Johannes schloss das Album, stellte die Tasse ab, schaute lange in die Nacht. Morgen würde ein neuer Tag anbrechen wieder mit Haferflocken zum Frühstück, wieder mit Versteckspielen in der Wohnung und Spaziergang im Park, wieder mit dem hellen Kinderlachen, wenn er sie hochhob. Und das war genau das, was er wollte: einfach nur da sein. Einfach leben…
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Tags darauf gingen sie wieder zum Spielplatz. Anneliese stürmte gleich zu den Schaukeln und wollte hoch hinaus, dass der Wind in den Ohren pfiff. Johannes hielt sie fest, gab ihr sanft Schwung und lachte mit, wenn sie vor Begeisterung piepte.
Auch Michaela war da, mit ihrem Strickzeug auf der Bank. Sie nickte Johannes freundlich zu, stand aber nicht auf. Sie beobachtete aus der Ferne, wie Johannes seiner Tochter geduldig erklärte, wie man sich an den Ketten der Schaukel festhält, wie er aufpasste, dass sie nicht fiel, wie Anneliese immer wieder nach ihm schaute, sich rückversicherte, dass er wirklich da ist. Und Michaela begriff: Dieser Mann brauchte kein Mitleid, kein gemeinsames Kaffeetrinken, keinen Trost. Er hatte längst alles, was zählte Anneliese. Seine kleine Welt. Und das genügte.
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Es vergingen Wochen. Der Herbst kam, mit seinen golden-rot leuchtenden Tagen, bald gefolgt von Nieselregen und ersten Frostnächten. Auf den Wegen knirschte das Laub, durch die Straßen fegte der kalte Wind. Immer noch holte Johannes Anneliese zum Spaziergang ab, kleidete sie in die dicke Jacke, setzte die gestrickte Wollmütze auf, die Oma Hildegard gemacht hatte. Die Gänge wurden kürzer, das bunte Treiben im Freien wich dem Drinnenwuseln mit Bastelkleber und Geschichtenbüchern.
Eines Tages, als sie gerade von draußen zurückkehrten, hörten sie jemanden rufen:
Johannes!
Er drehte sich um. Hildegard Sommer näherte sich, dick eingemummelt. Sie trug eine Tüte, aus der ein Strickmuster ragte. Außer Atem, aber herzlich, sagte sie:
Hallo, ich hab euch was gebracht. Warme Sachen für Anneliese ein Pulli und Socken. Und frische Kinderbücher, die habe ich im Buchladen gefunden. Und Apfelkuchen, deinen Lieblingskuchen.
Johannes dankte knapp. Die Beziehung zu Hildegard war höflich, aber nicht wirklich innig geworden in den letzten Jahren sie konnte es nie ganz akzeptieren, dass Johannes allein erzieht, verglich oft mit dem, wie Franziska es gemacht hätte. Aber mit der Zeit hatte sie sich arrangiert; sie spürte, dass Johannes sein Bestes gab.
Danke, Oma! rief Anneliese, ging gleich neugierig an die Tüte, Guck mal, Papa, mit Hase und eine mit einer Prinzessin!
Hildegard lächelte, half ihr beim Auspacken der Geschenke, zog einen wärmenden Pullover und eine Mütze hervor. Dann hielt sie Johannes einen Alu-verpackten Kuchen hin: Vielleicht wollt ihr nachher zusammen Tee trinken?
Nach kurzer Überlegung sagte Johannes zu, sie gingen gemeinsam nach oben. Während Anneliese sich ins Wohnzimmer verdrückte, deckten Johannes und Hildegard den Tisch. Sie betrachtete ihn bei den Handgriffen, wie er die Teller hinstellte, unbewusst die Tischdecke strich, jedes Ohr bei seiner Tochter.
Da fasste sie sich ein Herz:
Ich wollte mich entschuldigen. Für alles, was ich damals sagte nach der Beerdigung. Ich hatte so Angst um Anneliese. Dass du vielleicht nicht alles schaffst. Aber du du machst es gut. Besser, als ich je dachte.
Johannes überlegte kurz, dann sagte er leise:
Ich mache einfach, was ich kann. Ich will, dass Anneliese weiß: Mama hat sie sehr geliebt. Und ich auch. Das Wichtigste ist, dass sie spürt, wie sehr sie geliebt wird auch wenn wir jetzt nur noch zu zweit sind.
Hildegards Augen wurden feucht. Sie wischte sich unauffällig eine Träne ab, lächelte dann:
Wollen wir uns öfter sehen? Ich kann Anneliese ruhig mal ein Wochenende nehmen wenn du willst. Nur, damit sie spürt, dass sie noch Familie hat.
Johannes blickte ins Wohnzimmer, wo Anneliese auf dem Teppich Bücher durchblätterte, die Beine unter sich. Da löste sich etwas in ihm: Er wollte zwar nicht Verantwortung abgeben, wusste aber auch, dass Zeit mit Oma guttun würde um Franziskas Familie kennenzulernen, Geschichten zu erfahren.
Gerne aber nur, wenn Anneliese das möchte.
Jaaaaa!, kam es begeistert aus dem Wohnzimmer. Oma liest mir Märchen, oder? Du hast doch ganz viele?
So viele du willst, Anneliese, versprach Hildegard, und Johannes merkte, wie sich langsam zum ersten Mal seit langer Zeit echte Wärme in sein Herz schlich.
Am Abend, als Anneliese schon zusammengerollt im Bett lag, setzte Johannes sich ans Bett, in der Hand eine alte Fotografie: Franziska mit Baby Anneliese im Arm, beide lachen, unterschiedlich, doch beide voller Zuneigung.
Schaut Mama eigentlich auf uns?, fragte Anneliese verschlafen.
Ja, das tut sie. Sie ist immer bei uns. Auch, wenn wir sie nicht sehen, ist sie hier in deinem Lachen, in deinen Augen, wenn du Bausteine stapelst oder singst.
Anneliese gähnte, kuschelte sich ein: Ich hab Mama lieb.
Und sie hat dich unendlich lieb, das weißt du, Schatz.
Anneliese nickte, schloss die Augen und schlief bald sanft ein. Johannes verweilte noch neben ihr, hörte ihr gleichmäßiges Atmen, stellte das Foto auf den Nachttisch, machte das Licht aus. Einen Augenblick verharrte er reglos und spürte: Es wird gut. Sie schaffen das. Gemeinsam.
Als Anneliese tief schlief, verließ Johannes leise das Kinderzimmer. Er stand im Flur, lauschte dem leisen Atem seiner Tochter und lächelte. Dann verzieh er sich in die Küche, stellte Tee auf, suchte nach Keksen es war nur noch eine Packung Butterkekse übrig.
Den Tee trinkend, setzte er sich ans Fenster. Draußen tanzten erste Schneeflocken, setzten sich auf den Fensterbrett und das kahle Astwerk der Bäume im Hof. Der Winter begann still, fast schüchtern. Johannes sah dem lautlosen Tanz zu und dachte darüber nach, wie viel sich in drei Jahren verändert hatte.
Er erinnerte sich, wie unbeholfen er sich unter den ersten Wochen am Bettchen gefühlt hatte; wie er Ängste hatte, zu versagen; wie er hoffte, genug Geduld und Kraft für beide zu haben.
Und jetzt, wo er den Schneeflocken nachsah, spürte er: Er muss niemanden ersetzen. Er ist einfach da. Er ihr Papa. Der, der Frühstück macht, defekte Kuscheltiere näht, Geschichten vorliest, Tränen abwischt, über Kinderwitzchen lacht, sich geduldig die hundertste Frage anhört. Das genügt. Mehr braucht es nicht.
Auf dem Tisch lag sein Notizbuch, schon etwas zerfleddert. Johannes griff danach es war sein Ritual, die besonderen Momente mit Anneliese aufzuschreiben: Die ersten Schritte, die ersten Wörter, lustige Sätze, kleine Siege des Alltags. Sorgfältig notierte er:
15. Oktober. Anneliese hat zum ersten Mal selbst ihre Schuhe zugebunden. Strahlend hat sie gerufen: Ich bin schon groß! Dann kam sie, hat mich fest umarmt und geflüstert: Aber ich bleib trotzdem dein kleines Mädchen. Hab den ganzen Tag gelächelt.
Beim Lesen entstand das Bild glasklar vor ihm: Anneliese, im roten Lieblingspulli, hockt konzentriert am Flur, bastelt mit den Bändeln. Dann dieser Ausdruck, dieses Strahlen. Und als er sie lobt, dieses feste Umarmen. Das bleibt.
Johannes schloss das Notizbuch, strich über den Umschlag, trank den Rest Tee, spülte die Tasse, legte sie auf das Abtropfgitter. Leise verließ er die Küche, lauschte noch einen Moment dem Ticken der Uhr, dem Wispern des Windes draußen, dem gelegentlichen Rauschen eines Autos in der Ferne.
Der nächste Tag würde wieder kommen: mit der Wahl, welche Frühstücksflocken es sein sollten Erdbeere oder Banane , mit Spaziergängen und kleinen Fundstücken aus der Natur, mit Lachen über Kissenschlachten, mit Tränen bei kleinen Stürzen, mit schmolligen oder fröhlichen Momenten, mit Umarmungen, wenn das Leben zu viel wurde.
Mit Leben. Mit Liebe.
Und das war das Wichtigste.



