Scheinbare Schönheit – Wenn der Glanz nur Fassade ist

Falsche Schönheit

Das kann doch nicht dein Ernst sein! Ihr habt euch wirklich getrennt? Glaube ich nicht! Lotte schaute ihren Freund Simon so entgeistert an, dass es ihm fast unangenehm wurde. Ihre Augen wurden riesig, die Brauen schossen beinahe bis an den Haaransatz, und ihre Lippen öffneten sich einen Spalt so unglaublich erschien ihr die Nachricht. Du warst doch verrückt nach Frieda! Ich habe euch immer als perfektes Paar gesehen… Sogar davon geträumt, mal so eine Beziehung zu führen wie ihr!

Doch, Lotti, so ist es wirklich… Simon starrte finster aus dem Fenster. Draußen tobte ein Sturm, der Regen prasselte gegen die Fensterscheibe, lief in schlängelnden Bahnen herab und zersprang in kleine Tropfen. Dieses unwirkliche Bild spiegelte Simons Gemütszustand perfekt wider. Er fühlte sich leer. Die Sehnsucht nach der fünfjährigen Beziehung bohrte sich in seine Brust und tauchte die Welt in matte Grautöne. Dort, wo einst Friedas Wärme war, war jetzt ein Loch. Er ballte die Hände, die Knöchel wurden weiß, und als er weitersprach, klang seine Stimme brüchig: Es ist vorbei. Verstehst du? Einfach vorbei…

Aber wieso? Frieda hat dich doch ein halbes Jahr vermisst, als du in Hamburg auf Montage warst! Sie war dir doch immer treu, hat sich nichts anmerken lassen…

Woher weißt du das überhaupt? Du wohnst doch in München, Simon zwang sich ein zaghaftes Lächeln, das gleich wieder verblasste. Frauen-Solidarität, was?

Schon richtig, ich wohne ein paar Hundert Kilometer entfernt, aber vergiss eins nicht, meinte Lotte mit verschmitztem Tonfall und verschränkte die Arme. Ihre wachen Augen verrieten ehrliche Sorge um Simon. Ich hab Freunde in Berlin. Ich weiß, dass Frieda viel verändert hat an sich ohne ins Detail zu gehen. Sie hat eine neue Frisur, geht ins Fitnessstudio, hat ihren Kleiderschrank komplett ausgetauscht. Das alles, während du weg warst. Sie hat sich so ins Zeug gelegt, Simon.

Genau das ist ja das Problem! Simon sprang fast in den Flur, durchwühlte seine Jackentasche nach dem Handy, als müsste er einem bösen Zauber entkommen. Er hastete zurück und hielt Lotte das Handy entgegen, das Display fast zu nah am Gesicht. Erinnerst du dich noch an Frieda, bevor ich wegfuhr?

Na klar, Lotte rollte die Augen, hielt aber inne, um sich die zarte Freundin vorzustellen. Hübsches Mädchen, schulterlange honigblonde Haare, große blaue Augen, schmales Näschen… Tolle Figur, nur halt obenrum nicht so prall, aber das machte dir doch nichts aus?

Genau, mir gefiel alles an ihr! Simons Stimme überschlug sich, brach dann zu einem kratzigen Flüstern ab. Frieda war mein Ideal… Dann kommen diese Freundinnen und reden ihr ein, ich würde sie verlassen, wenn sie sich nicht verändert. Und sie… sie glaubte das. Sie änderte sich, nicht weil sie es wollte, sondern weil sie dachte, ich verlange es.

Und, ist es wirklich so schlimm? fragte Lotte und spürte, wie ihre Finger den Sessel umfassten. Ihre Stirn legte sich in Falten, ihr Magen zog sich zusammen; sie konnte sich keinen Reim auf Simons Aufregung machen.

Guck doch selbst! Simon hielt ihr das Handy vors Gesicht. Darauf war Frieda zu sehen. Doch nicht die Frieda, die Lotte kannte.

Friedas prachtvolle, honigfarbene Haare gab es nicht mehr, stattdessen eine rabenschwarze, freche Kurzhaarfrisur im Berliner Hipsterstil. Die Frisur ließ den Hals unbarmherzig nackt, und wo früher Sanftheit war, war jetzt etwas Künstliches, wie aus einer Werbeanzeige. Ihre Lippen wirkten aufgespritzt, grotesk groß, und ordneten sich nicht mehr ins Gesicht ein. Frieda hatte zehn Kilo abgenommen was blieb, war keine schlanke Eleganz, sondern spitze Schlüsselbeine, durchscheinende Haut mit dunklen Ringen unter den Augen, als würde sie seit Woche nicht schlafen. Und als Krönung hatte sie sich die Brust machen lassen. Dabei wusste sie genau, was Simon von Schönheitsoperationen hielt: Er verehrte Natürlichkeit.

Stell dir vor, sie holt mich vom Flughafen ab ich erkenne sie kaum wieder. Für einen Moment dachte ich, ich laufe an ihr vorbei… Simon schlug mit der Faust an die Wand, verzog schmerzverzerrt das Gesicht und schüttelte die Hand aus. Wie konnte sie sich nur so verstümmeln lassen? Hat sie wirklich geglaubt, sie müssten mir gefallen, nicht ihr selbst?

Seine Worte hallten in der Wohnung nach. Simon lief auf und ab, ruderte mit den Armen, blieb stehen, um dann wie ein Tier auf engem Raum weiterzugehen. Sein Gesicht wechselte in allen Farben zwischen Wut und Blässe, als ob es regnete und die Sonne gleichzeitig am Himmel stand.

Lotte verstand Simons Schmerz. Sie hatte stundenlange Telefonate mit ihm geführt, ihn getröstet, wenn der Chef ihn wieder mit Arbeit zuschüttete. Simon wollte Frieda immer dabei haben, doch Abschlussprüfungen, Job und Entfernung machten es unmöglich. Er telefonierte täglich mit ihr, sagte ihr, wie sehr er sie vermisste. Und jetzt war sie eine fremde Frau geworden wie ausgetauscht.

Vielleicht wollte sie dir nur gefallen… sagte Lotte leise und trat an ihn heran. Vielleicht hat ihr jemand gesagt, das wäre das Beste für euch…

Simon schnaubte bitter auf.

Gefallen? Sie hat sich selbst verloren! Ich liebte sie so, wie sie wirklich war. Aber jetzt… Ich weiß nicht mehr, wer das ist.

Am meisten verstörte Simon, dass Frieda sich wochenlang weigerte, mit ihm per Video zu sprechen. Immer wieder vertröstete sie mit einem großen Überraschung. Es klang niedlich, aber Simon bekam Magenschmerzen davon. Sollte sie vielleicht längst einen anderen haben? Der Gedanke ließ ihn nicht los.

Schließlich bat Simon seinen alten Schulfreund Joschka, im Berliner Kiez mal nach Frieda zu schauen und beiläufig zu fragen, was los war. Der Freund war skeptisch, tätigte aber ein paar Nachfragen und meldete sich nach zwei Tagen zurück:

Sie plant wirklich eine Überraschung, aber ehrlich Simon, ich glaube nicht, dass sie dich erfreuen wird… Doch sie wartet auf dich Fremdgänger gibts keine.

Das beruhigte Simon fürs Erste. Vielleicht war alles nicht so schlimm. Und Frieda war ehrlich.

Rückblickend bereute er, dass er das Foto, das Joschka ihm hätte schicken können, abgelehnt hatte. Hätte er es gesehen, hätte er Blitz nach Berlin fahren können, vielleicht noch eingreifen. Aber dafür war es jetzt zu spät…

Am Rückreisetag war Simon so nervös, dass er im Flieger unentwegt mit den Fingern trommelte. Die Minuten zogen sich wie zäher Berliner Nieselregen. Er stellte sich vor, wie Frieda am Gate stehen würde sie springt in seine Arme, riecht wie früher nach Wildrosen-Shampoo, und sie lachten gemeinsam, reden die ganze Nacht. Doch als er sie schließlich sieht, bleibt sein Herz für einen Moment stehen. Vor ihm steht jemand und doch niemand, den er wiedererkennt.

Simon! Mein Herz! Frieda kam auf ihn zu, doch Simon wich zurück, ließ sich nicht umarmen. Ihr Lächeln starb, in ihren Augen blitzte Enttäuschung auf.

Wer bist du? Wo ist meine Frieda? Seine Stimme klang fremd und leer. Die letzten Funken Hoffnung löschte eine fremde Gestalt aus; Simons Blick war verklärt, als stünde er auf einer Kreuzung aus Erinnerung und Gegenwart. Was hast du gemacht? Sicher, du bist jetzt ganz in, aber… du bist nicht mehr du!

Sags doch! Ich war zu dick, oder? Jetzt kannst du stolz mich herzeigen!, Frieda verdrehte die Lippen, Tränen stiegen auf. Ihre Freundinnen kicherten im Hintergrund, stolz wie auf einer Modenschau.

Mach dir keine Sorgen, ich sehe doch, wie die Jungs jetzt alle sabbern! Die neue Freundin hakte ein, klopfte Frieda auf die Schulter. Nach dem Makeover Simon, du musst glücklich sein, schau dir dieses Dekolleté an… Frieda ist ‘ne Granate!

Simon drehte sich abrupt um, sein Gesicht hart und voller Schmerz.

Für mich hat sie das nicht gemacht. Nicht für mich.

Er trat einen Schritt näher an Frieda, senkte die Stimme:

Frieda du weißt, wie ich zu all dem stehe. Ich liebe dich, wie du WIRKLICH bist… nicht wie aus dem Katalog.

Das Schweigen war schwer. Schließlich sagte Simon mit tonloser Stimme:

Weißt du, ich hatte in den letzten Wochen an nichts anderes gedacht, als dir einen Antrag zu machen. Hab ein Ring gekauft. Und nun… will ich nicht mit einer Puppe zusammenleben.

Frieda wurde aschfahl. Tränen liefen, ihr Mund zitterte, sie wollte Simon halten doch der wandte sich ab.

Simon, bitte! Ich dachte doch nur…

Aber Simon ging. Frieda rief verzweifelt, aber ihre Freundinnen hielten sie fest.

Lass ihn laufen, sagte eine laut, du bist HOT. Der kommt schon wieder.

Stimmt, pflichtete die andere bei, du findest jeden Tag einen Besseren!

Frieda hörte nicht zu. Sie sah Simon hinterher, Tränen und Mascara vermischten sich. Leere blieb zurück und die bittere Erkenntnis, dass sie bei dem Versuch, perfekt zu werden, das Wertvollste verloren hatte…

Ich wollte sie wirklich heiraten flüsterte Simon mit tonloser Stimme und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Ich hab es mir so schön ausgemalt… Dann… sein Satz erstickte im Schluchzen.

Nach einer Weile hob er den Kopf, Tränen glänzten in seinen Augen.

Warum sind Frauen so kritisch mit sich selbst? Ich hab ihr doch immer gesagt, wie besonders sie ist, wie sehr ich ihre Echtheit liebe… und jetzt?

Er ballte die Fäuste, dann lachte er bitter auf.

Das Schlimmste ist: Dahinter steckt ihre beste Freundin. Die ist mir zuhause auf die Pelle gerückt: Sie sei ja viel natürlicher, viel schöner… Ich hätte sie fast rausgeworfen. Sie hoffte, dass ich gleich ihr in die Arme falle. Aber ich… ich wollte Frieda. Und die hat sich manipulieren lassen.

Lotte schwieg, hielt nur Simons Hand. Sie spürte, wie sehr alles in ihm tobte, wie die Tränen in ihm brodelten und alles erschütterten, was zuvor so fest schien.

Und nun? Willst du noch mit ihr reden? Es lässt sich alles wieder gut machen … wenn ihr wollt. Lotte streichelte tröstend über Simons Arm.

Frieda sagt, sie bleibt so, wie sie jetzt ist, Simon rang mit der Stimme. Sie hat angerufen, meinte, ich habe kein Recht, sie nach allem stehen zu lassen…

Simon sackte auf die Couch, beugte sich nach vorn, Fäuste an die Stirn gepresst.

Ich liebe sie. Aber sie… sie ist weg. Was zurückbleibt, ist Plastik. So… falsch!

Lotte legte wortlos ihre Hand auf Simons zitternde Finger, ein Quäntchen Wärme in der unwirklichen Atmosphäre. Stille legte sich ins Zimmer.

Weißt du, murmelte Simon plötzlich leise, im Herbst sind wir im Park spaziert, die Blätter sind gefallen… Sie hatte so ein Lachen. Damals sagte sie, sie wünsche sich, dass dieser Moment für immer bleibt. Und ich sagte: ‘Wird er, Kleine.’ Ich hab es geglaubt…

Sein Körper bebte. Tränen tropften auf den Parkettboden. Nicht wie ein Mann, sondern wie ein Junge, der das Märchen verloren hat.

Lotte rückte näher, umarmte ihn, hielt ihn fest.

Simon, du hast nichts falsch gemacht. Du hast sie geliebt, unterstützt, sie war deine Welt. Nicht du bist schuld, sondern wer immer da ein Spiel getrieben hat, murmelte sie und bemühte sich, nicht zu weinen.

Simon hob seinen Blick mit fiebrigem Zweifel.

Und wenn ich trotzdem alles falsch gemacht habe? Vielleicht hätte ich sie nicht stoßen dürfen? Vielleicht dachte sie, sie reicht mir nicht?

Die Frage hing zwischen ihnen wie Nebelschwaden an einem trüben Berliner Morgen. Hoffnung und Angst, Sehnsucht und Verletzung.

Lotte drückte sanft seine Hand.

Du hast das Recht, dich so zu fühlen. Aber wenn du noch Hoffnung hast… dann versuche, mit ihr ehrlich zu reden. Erinnert euch an das, was mal war weil es euch wichtig ist, nicht weil du musst.

Simon wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht und blickte ins Licht, das plötzlich durch die bleigrauen Wolken fiel. Straßen glänzten, es roch nach nassem Kopfsteinpflaster und Erwartung.

Vielleicht hast du recht, Lotte. Ich weiß nicht, wohin das führt… Aber jetzt jetzt will ich nur eins: Zeit. Zeit, bis alles wieder einen Sinn ergibt.

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Homy
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