Mama
Hey, Streuner! Wem gehörst du denn? Annika blieb wie angewurzelt stehen und betrachtete den großen rotgetigerten Kater, der es sich direkt vor ihrer Wohnungstür in München gemütlich gemacht hatte.
Der Kater antwortete selbstverständlich nicht. Er tat sogar so, als sei Annikas Erscheinen überhaupt nicht der Rede wert, bewegte keinen Muskel. Lediglich sein zerfleddertes Ohr zuckte kurz, als wollte er ausdrücken: Ja, ich höre dich schon! Aber antworte doch gefälligst selber!
Ach, mir doch egal! Annika war gekränkt und kramte in ihrer Handtasche nach dem Schlüsselbund.
Der Kater machte ein wenig Platz auf dem Fußabstreifer als hätte er verstanden, was Sache ist , rührte sich aber ansonsten nicht und musterte Annika weiterhin aufmerksam.
Endlich fand sie die Schlüssel und nestelte am Schloss, dabei behielt sie den ungebetenen Gast im Auge.
Die Wohnung hatten Annika und ihr Mann Jonas erst vor zwei Monaten gekauft. Klein, zwei Zimmer, aber eine wahre Oase in ihren Augen! Natürlich fanden andere, eine Eigentumswohnung in einem Altbau in Schwabing reiche nicht, Träume sollten größer sein, Penthouse und so. Ach bitte! Annika und Jonas hätten diesen Leuten nur herzlich ins Gesicht gelacht! Noch vor einem halben Jahr hätten sie nie damit gerechnet, überhaupt mal als Eigentümer leben zu dürfen. Da quetschten sie sich noch in Opa Wilhelms ehemaligem WG-Zimmer in Sendling und waren schon glücklich, dass sie dort als eigenes Paar hausen durften.
Annika, komm bloß gut mit den Nachbarn aus! hatte Hannelore, Jonas Mutter, Annika beim Großputz vor der Hochzeit zugeflüstert. Alles feine Leute. Na ja… manchmal einen über den Durst, aber im Kern harmlos.
Ach so, und das ist dann gut oder was? Wenn sie trinken? Annika grinste, wrang den Lappen aus und strich sich verwegen die widerspenstigen Locken von der Stirn.
Jonas liebte diese wilde Mähne, doch Annika war regelmäßig kurz vorm Nervenzusammenbruch deswegen erst recht beim Putzen! Egal, wie sies mit Spangen und Klammern versuchte, diese Löwen-Locken schlängelten sich immer wieder ins Gesicht und ließen sie ausschauen wie eine zornige Pusteblume.
Die Sache ist nicht so einfach, seufzte Hannelore und wackelte mit dem Kopf. Die haben einiges durchgemacht im Leben. Da kommt nicht jeder klar.
Das konnte Annika allerdings nachfühlen. Sie ein Waisenkind, das kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag von der Pflegemutter endgültig vor die Tür gesetzt wurde kannte diese Art Mitleid zur Genüge. Meist ging es dabei aber eher um sich selbst, weniger um andere.
Ihre Mutter hatte Annika verlassen, kurz nachdem sie drei geworden war. Am Münchener Hauptbahnhof, auf einer Bank im Wartesaal, ließ sie das Kind mit einem Zettel in der Jacke und einem ramponierten Plüschhasen zurück. Annika saß stundenlang da, den Hasen an sich gedrückt, den Tränen nahe aber aufstehen? Nein, da hätte die Mutter Ärger gemacht, etwa sogar zugeschlagen. Also blieb Annika sitzen, das dringende Bedürfnis zu gehen ignorierend, und suchte verzweifelt das Gesicht ihrer Mutter im Strom der Menschen.
Die kam nie zurück. Stattdessen tauchte ein grimmig wirkender Polizist auf Schnurrbart, Uniform, die volle Sammlung. Er fragte irgendetwas auf Bayerisch, aber Annika schüttelte stur den Kopf antwortete nicht. Zum Weinen fehlte ihr schon die Kraft. Sie bibberte vor Kälte, die Bank drückte, der Magen knurrte und der Polizist redete weiter. Erst als er dem Hasen am Ohr zupfte und leise fragte:
Wie heißt denn der Langohr hier?
Dann taute sie ein wenig auf, hob die Augen und flüsterte:
Felix
Der Polizist streichelte sanft zuerst den Stoffhasen, dann die kleine Annika, und fragte dann vorsichtig:
Ist die Mama schon lang weg?
Da rollte plötzlich alles über sie hinweg sie brach in Tränen aus, der Polizist rief hektisch Verstärkung per Funk, und die Wartenden um sie herum wurden erst jetzt so richtig aufmerksam. Stundenlang war sie das stumme Kind inmitten dieser Bahnhofswelt und niemanden hatte es vorher gekümmert.
Warum die Mutter sie einfach zurückließ, erfuhr Annika erst viele Jahre später. Eine sonderbare Frau kam einmal vor ihrer Schule auf sie zu die Arme ausgebreitet, jammernd:
Mein Schatz! Ich hab dich gefunden! Komm her, drück deine Mama! Ich hab dich so vermisst!
Damals lebte Annika längst in einer Pflegefamilie. Da gab es noch sechs weitere Kinder unterschiedlich alt, bunt gemischt. Die Eltern waren praktisch eingestellt: Keines der Kinder war hungrig, alle hatten was zu anziehen, jeder hatte wenigstens einen Verein und ein Hobby. Über Achtzehn durfte man bleiben aber wehe, der Geburtstag kam vorbei dann musste man das Feld für den nächsten Neuzugang räumen.
Herzenswärme und große Liebe so etwas war der Pflegefamilie eher suspekt. Also rannte Annika keineswegs der Fremden in die Arme auch, wenn sie es sich heimlich sehnlichst gewünscht hätte; endlich das erleben, was sie sich unzählige Nächte ausgemalt hatte, wenn Felix von unter dem Kissen hervorblinzelte: Endlich eine Mama!
Aber so funktioniert das Leben eben nicht wenn dann plötzlich, nach all den Jahren, eine Mutter mit Krokodilstränen auftaucht, kann man ihr schlicht nicht glauben.
Man versicherte Annika immer wieder, sie könne sich an den Tag auf dem Bahnhof unmöglich erinnern sie sei viel zu klein gewesen. Irgendwann hörte sie auf, zu widersprechen. Sollen die Erwachsenen doch glauben, was sie wollen! Insgeheim dachte sie immer wieder daran nicht in allen Details, aber das Gefühl: Sie wusste, da war ein Bahnhof laut, voll, unheimlich Und sie war dort verlassen worden.
Ihre Pflege-Schwester Franziska, die mit Annika in dieselbe Klasse ging, sprang einmal beherzt dazwischen, als sich Annika vor der Angekommenen zurückzog:
Anni, wer ist das? Franziska stellte sich souverän schützend vor Annika.
Keine Ahnung Annika hatte das Gefühl, die Welt würde sich wie ein Karussell in ihrem Kopf drehen, alles verwirrte sie; ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander.
Frau, Sie verwechseln uns! Gehen Sie bitte; das ist meine Schwester und Sie kennen wir nicht! Franziska packte Annika am Ärmel und zog sie mit sich weg. Ich erzähl das Mama! Tschüssikowski!
Annika, die mit Franziska nie so wirklich grün gewesen war, drückte die Hand, die sie durchs Schultor zog, wortlos und dankbar und so liefen sie an jenem Tag Hand in Hand nach Hause. Der überraschte Blick der Pflegemutter wurde mit einem synchronen Achselzucken quittiert:
Was denn?!
Ab da hatte Annika eine Schwester.
Franziska unterschied sich nur in einer Kleinigkeit von Annika: Sie war nicht von der Mutter ausgesetzt worden, sondern vom trinkenden Vater. Am Ende hatten beide einen ähnlichen Wunsch im Herzen einfach jemanden haben, der wirklich zu einem gehört. Seis drum, ob blutsverwandt oder nicht.
Mit ihrer leiblichen Mutter hatte Annika doch noch ein Gespräch. Franziska hatte ihr den Tipp gegeben:
Rede mit ihr! Was hast du denn zu verlieren? Du erfährst wenigstens, warum sie dich losgeworden ist. Hau alles raus! Wer weiß, ob du sie je wiedersiehst? Vielleicht hörst du dann auf, dich selbst schuldig zu fühlen.
Woher weißt du, dass ich so denke?! Annika war entgeistert.
Na hör mal nichts leichter als das! Wir denken doch alle so! Warum sonst hätte man uns weggeschoben
Auch du?
Klar!
Und du redest nie darüber
Du doch auch nicht. Das ist so man schweigt und heult in der Nacht. Ich zumindest. Aber irgendwann hört das auf. Muss erwachsen werden.
Das Gespräch mit der Mutter brachte Annika wenig:
Du hast mich verlassen.
Es tut mir so leid, meine Kleine!
Nenn mich nicht so! Das nervt!
Schon gut, schon gut! Ich lass es
Warum?
Es war so schwer für mich. Niemand hat mir geholfen. Dein Vater hat mich rausgeworfen.
Wieso?
Ich hab ihm gesagt, dass du nicht sein Kind bist.
Stimmt das?
Nein.
Warum dann?
Ich war so sauer. Wir haben so oft gestritten, waren jung und na ja, leichtsinnig.
Und dann?
Dann hab ich auch noch mit meiner Mutter Krach gehabt und wollte einfach nur weg. Aber mit Kind? Das geht nicht so einfach. Also ließ ich dich da und dachte na ja, ich hab doch geschrieben, dass ich wiederkomme
Das reicht dir als Entschuldigung? Bisschen Papier, und fertig? Unglaublich!
Ich weiß, ich habs verbockt! Aber vielleicht kann ichs wieder gutmachen
Was willst du denn wieder gut machen?! Willst du mir all die Jahre zurückgeben? Sorry, aber du bist seltsam! Ich möchte dich nicht mehr sehen! Lass mich in Ruhe!
Und du verzeihst mir nie?
Ich weiß es nicht. Und selbst wenn, vergessen kann ichs nicht! Verstehst du? Das geht nicht!
Aber du warst doch so klein! Das weißt du doch alles gar nicht mehr!
Da stand Annika einfach auf und ging. Von jenem Tag an schwor sie sich, niemandem mehr das Recht einzuräumen, ihr vorzuschreiben, was sie fühlen sollte oder nicht.
Franziska verstand das.
Ist deine Entscheidung. Wenn es sich richtig anfühlt, bereue nichts. Vergiss es und geh weiter!
Franzi, du bist echt schlau
Na ja, noch nicht, aber später mal! Ich will noch lernen!
Was denn?
Psychologin werden. Vielleicht kapiere ich dann, wie das geht, richtig leben.
Sie haben oft darüber gelacht Jahre später, als Franziska schon verheiratet war und ihre erste Tochter wickelte, sagte sie zu Annika:
Alles Quatsch! Niemand weiß, wie es richtig geht. Nicht ich, nicht du, keiner!
Und wie lebt man dann, Franzi?
Wie? Tja so, dasss Spaß macht! Hauptsache, deine Lieben sind glücklich und freundlich, und die anderen sind nicht neidisch und vergeuden ihr Leben mit Seifenopern beim Anblick deiner Familie.
Du kriegst das hin.
Ich geb mir Mühe! kicherte Franziska und wickelte ihre Kleine gekonnt.
Mit Franziska als Vorbild gelang es Annika langsam, auch ihre eigenen Sorgen na ja gelassener zu nehmen.
Na und WG-Zimmer? Liegt in Schwabing, top Anbindung zur Arbeit, und nach einem DIY-Update fast schick! Und? Hannelore hatte Recht: Die Nachbarn sind eigentlich nett. Ja, haben Schicksalsschläge erlitten und trinken zu viel, aber sie bringen keine Cliquen mit und machen keinen Lärm. Man sollte schon Mitgefühl haben.
Das lernen fiel Annika schwer. Sie war es nicht gewohnt, dass sich jemand für sie erweichlich zeigte außer Franziska vielleicht.
Ihre Schwiegermutter Hannelore und Opa Wilhelm halfen.
Hannelore war die geborene Macherin dickkopf, laut, aber herzlich und praktisch ein Held im Alltag. Einer ihrer größeren Heldentaten: Sie nahm Annika auf, als wäre sie ihre eigene Tochter. Franziska prägte dafür das Wort Heldentat.
Erwart dir da aber nicht zu viel, Anni, warnte Franziska Annika vor dem ersten Treffen mit der Verwandtschaft. Für die bist du kein Highlight. Du weißt schon Waise, nichts im Rücken deine Anträge auf Sozialwohnung sind ja immer noch durch.
Aber ich bin auf die Liste gekommen!
Dein Platz kennst du? Na ja, solange die Anträge stapeln, brauchst du keine Sorgen haben geträumt wird später! Glaube mir das! Und bitte erwähne nichts von Warteliste bei Hannelore. Jetzt nicht!
Warum?
Na, du weißt schon Erst prahlen, wenn du was bekommen hast.
Alles klar
Und: Erwarte nichts von Jonas Mutter, aber wehr dich auch nicht gleich.
Nimmst du mich für dumm?
Nein, aber du solltest Geduld haben. Gerade am Anfang kann man Menschen nicht gleich durchschauen. Gib ihr und dir etwas Zeit.
Das sah Annika ein.
Hannelore mochte Annika anfangs nicht besonders. Zu laut, zu groß, unübersehbar und immer dabei, das Leben für alle besser machen zu wollen. Annika war sowas nie gewöhnt gewesen. Die Fürsorge von Jonas nahm sie noch an aber nur dosiert, und Hannelores Zuwendungsoffensive ging ihr mächtig auf die Nerven.
Annika, mein Mantel fällt langsam auseinander. Gehst du mit mir ins Einkaufszentrum? Brauchst mich beraten. Jonas ist bei sowas unbrauchbar der flippt bei zwei Klamotten schon aus. Ich bin halt eine Frau von Format, da brauchts Geduld. Kommst?
Annika willigte widerwillig ein, verstand nachher die Welt nicht mehr: Nach jedem Einkauf waren die Taschen voller Klamotten die meisten allerdings für Annika. Neue Jacke, schicke Stiefel, schräg gefärbte Handtasche alles, was ihr selten mal ins Auge fiel, wurde prompt gekauft. Widerspruch zwecklos: Hannelore hatte ein Talent, Annika ins nächste Geschäft zu bugsieren:
Guck dir DIESES Täschchen an! Die Farbe! Das ist nix mehr für mein Alter, aber zu dir passts perfekt! Na? Gefällts dir?
Annika hatte kapituliert und dankte für alles, blieb aber ein wenig auf Distanz. Hannelore schien das verstanden zu haben und ließ sie immer häufiger in Ruhe.
Und Hannelore verstand auch, als Annika und Jonas endlich ausziehen wollten:
Opa ist nicht mehr der Jüngste. Zeit, dass er näher zu mir zieht. Jonas, du räumst dein Zimmer.
Und wo bleiben wir, Mama?
In Opas Bude! Ihr seid jung, kommt solo klar. Opa braucht jetzt mehr Betreuung.
Opa Wilhelm kommentierte das mit einem schelmischen Grinsen:
Na dann, frisch ans Werk! Der frühe Vogel fängt die Würmer! Raus aus den Federn, Bewegung!
Hannelore seufzte, kroch aus dem Bett bereit für eine eiskalte Morgenrunde mit Opa im Englischen Garten.
Meinst du, ich habs richtig gemacht, Papa?
Na klar! Lass die Jungen ihre eigenen Fehler machen. Erst wenn sie um Rat fragen, mischt man sich ein!
Aber Annika das arme Ding kam ja nur mit einem Rucksack zu mir!
Das ist was anderes. Da darfst du ruhig ein bisschen Mutter sein aber nicht übertreiben! Die ist stolz, unsere Annika. Nicht überziehen!
Hannelore nahm sich den Rat zu Herzen. Sie besuchte die Kinder nur, wenn sie eingeladen wurde, sparte sich Belehrungen und erinnerte sich stets daran, dass sie als junge Frau selbst mehr Fehler als Erfolge sammelte.
Mit ihrer eigenen Schwiegermutter stritt sie viel, bis Jonas kam. Alleinerziehend war Hannelore ziemlich überfordert, die Mutter lebte weit weg und konnte selten helfen. Erst als der Enkel kam, wurde Schwiegermutter sanfter und half.
Jetzt hör schon auf zu bammeln du bist die Mutter! Was soll denn schiefgehen?
Ich hab Angst, ihm weh zu tun! Er ist so klein
Red keinen Unsinn! Keine Frau kann anfangs alles, auch wenn sie das in der Theorie weiß. Man wächst da rein immer! Merk dir eins: Keine Mutter schadet absichtlich ihrem Kind! Vertrau dir! Nimm das Würmchen in den Arm, du weißt schon, was zu tun ist. Und wo nicht: Frag mich!
Danke
Das ist doch ganz normal!
Jonas konnte sich an seine Oma kaum erinnern, sie starb, als er ein Jahr alt war. Hannelore erzählte ihm ständig:
Du warst das größte Glück! Die Oma hat dich auf Händen getragen! Der Opa war so stolz er hat dir bestimmt zehn Fußbälle gekauft: Kann man nie genug haben!
Mama, warum ist das alles so gewesen? Papa war doch ein toller Fahrer
Ach, mein Junge. Es war neblig, schlechte Sicht. Er hat Oma zu ihrer kranken Schwester gefahren. Sie war allein, ihr gings schlecht. Da sagte er, das müsse sein, Familie hilft sich. Dann kam eben dieser LKW
Vermisst du ihn?
Sehr, mein Schatz. Ohne dich und Opa ich weiß nicht, wie das geendet wäre.
Und Papa hat dich geliebt?
Absolut, das weiß ich.
Woher?
Es war nicht bloß Bequemlichkeit oder Gewohnheit. Ich wollte mit ihm leben, weil ich ihn liebte nicht, weil es praktisch war. Liebe ist nun mal kein Mitbewohner-Modell.
Ich will das auch. Wie ihr beide geliebt werden, und jemanden finden, mit dem ich gemeinsam durchs Leben gehen will. Nicht, weils sich gehört.
Geduld, Junge. Es gibt sie wirklich, die Liebe.
Das war der Grund, weshalb Annika später bei ihr wohnen durfte. Wenn Jonas diese Frau ausgesucht hatte, musste sie eben lernen, sich drauf einzulassen. Am Anfang schwierig, aber es wurde besser!
Als Opa vorschlug, das Zimmer zu verkaufen, war Annika kurz enttäuscht.
Kopf hoch! Opa Wilhelm kramte Papiere zusammen, Annika half ihm. Angst, dass ihr jetzt auf der Straße steht?
Quatsch! Wir sind doch erwachsen. Finden schon was; mieten vielleicht. Jonas ist gerade erst im neuen Job mal sehen, was dabei rauskommt. Mein Gehalt langt eh nur für eine Besenkammer wie hier.
Und? Was spricht gegen so eine Kammer?
Nichts eigentlich Mit mehr Geld hätte ich sie ja vielleicht sogar gekauft. Aber das ist Utopie. Wir legen etwas auf die Seite, Ziel ist immerhin da. Franzi sagt, selbst ein kleiner Notgroschen gibt Zukunftshoffnung Recht hat sie! Das wird schon irgendwann was Vernünftiges!
Genau so! Ihr macht das richtig! Opa schmunzelte.
Hab ich was Lustiges gesagt?
Er antwortete nicht, zwinkerte nur und bat sie, den Wasserkocher anzustellen.
Trinken wir Tee und ratschen ein bisschen. Was bleibt einem alten Mann sonst, als Tee zu schlürfen, Zeitung zu lesen und zu tratschen? Hannelore macht dir doch keinen Kummer?
Aber nein! Nie im Leben!
Jetzt beruhig dich! Du wirst ja ganz rot! Atme mal durch
Warum fragen Sie?
Tja sie ist doch deine Schwiegermutter!
Und?
Na, die Geschichten halt! Von den bösen Schwiegermüttern, verstehst?
Alles Quatsch! Niemand frisst mich auf! Sie doch selbst: Sie wissen längst alles.
Und ich weiß auch, dass Hannelore dich längst als Tochter sieht. Sei nicht so bockig! Lass sie mal ran die hat ein Herz wie ein Elefantenohr: Riesig!
Ich brauch doch kein Mitleid!
Ach? Ist das so schlimm?
Total!
In dem Fall: dann komm ich halt auch nicht mehr!
Wieso? Annika ließ fast den Tee fallen.
Ich dachte, du hast Mitgefühl mit mir Alten! Aber wenn du meinst, das wäre falsch, dann trink lieber allein.
Jetzt versteh ich gar nichts mehr! Mitleid ist doch schlecht, oder?
Kommt darauf an, wie du das Wort verstehst. Früher sagte man im Deutschen: Ich hab dich lieb und ich hab Mitgefühl mit dir. Das ist mehr als bloße Liebe: Wenn jemand krank ist, braucht er keine Küsse, sondern nichts sehnlicher als Mitgefühl.
Stimmt wohl
Also. Und wenn die Seele weh tut? Dann?
Kommt das Mitgefühl wieder zum Zug?
Aber sicher! Nur: Mitgefühl mit Maß. Zu viel davon schadet ebenso wie zu wenig.
Ist wie bei Alkohol
Jep! Triffts ziemlich gut! Wenn du deinem Mann alles durchgehen lässt, weil er einem leidtut, marschiert er irgendwann ganz weg. Und ein verzogenes Kind? Da hilft kein Mitgefühl dann fehlts an Konsequenz!
Aber Sie Sie mag ich. Da darf ich Mitgefühl empfinden.
Genau! Und ich mag dich, Annika. Deswegen ist alles okay!
Danke Und wen darf man alles bemitleiden?
Kommt aufs Herz an! Deine Familie, Freunde, Tiere eben. Aber auch da: Erst helfen, wenn du wirklich helfen willst. Ein hungriger Streuner, dem du mal eine Wurst gibst, wird nicht glücklich. Gib ihm ein Zuhause das ist echte Hilfe!
Warum?
Weil das Leben immer was zurückgibt wenn du von Herzen gibst.
Daran erinnerte sich Annika jetzt, als sie auf den zerrupften Kater vor ihrer Wohnung blickte. Dank Opa und Hannelore konnten sie diese Wohnung in München kaufen. Der Kater schien das alles geahnt zu haben: Er ließ sich von Annika streicheln, wich nicht als Annika ihn jedoch hereinbat, schoss er plötzlich die Treppe nach oben und ließ sie verdutzt zurück.
Na dann eben nicht, schnaubte sie. Doch kaum wollte sie die Tür schließen, tauchte der Kater wieder auf diesmal mit Verstärkung.
Er hatte ein Kätzchen im Maul, das ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war.
Ach du meine Güte! Annika nahm das winzige Wollknäuel vorsichtig in die Hand, während der Kater schon wieder losflitzte und ein zweites, diesmal zappelndes Kätzchen anschleppte. Der kleine Racker purzelte mehrmals auf den Flur, aber der Kater ließ nicht locker.
Aus dir wird noch eine Supermama! Annika lachte lauthals, während sie die Tür für den Katzenvater weit aufschob. So, kommt rein, Familie! Ist noch jemand übrig?
Der Kater trat vorsichtig über die Schwelle und fixierte Annika geradezu, wie sie die Katzenbabys vorsichtig auf den Boden setzte.
Nur Mut! Hier tut euch niemand was! Wo ist denn die Katzenmama?
Er blieb wortlos, beschäftigte sich schließlich demonstrativ damit, das Bad als Katzenklo zu inspizieren und brachte dem Nachwuchs das Leben bei den Webers bei.
Ehrlich, bei dir kann ich noch was lernen, schmunzelte Annika, den Mund mit der Hand bedeckend, damit die Kleinen sich nicht fürchteten. Tschuldigung! Ich geh jetzt Futter suchen
Er schien damit hochzufrieden, und Annika schlenderte Richtung Küche.
Am Abend setzte sie die ganze Familie ins Bild.
Hannelore, falls ihr was dagegen habt, versuch ich die Rasselbande irgendwie anders unterzubringen. Auf die Straße setz ich die Kleinen jedenfalls nicht zurück. Keine Ahnung, was mit der Mutter ist, dass sich ausgerechnet der Kater so als Amme aufspielt.
Wieso fragst du überhaupt mich, Annika? Hannelore kraulte das Kätzchen auf ihrem Schoß und grinste. Das ist eure Wohnung, deine und Jonas. Ihr entscheidet selbst, wer hier einzieht. Also mach schon!
Ich hab ihnen Milch gegeben. Zum Glück können sie schon schlabbern.
Den da hol ich mir, wenn er größer ist. Die anderen
Vielleicht finde ich für die Kleinen noch jemanden aber den Kater behalt ich. Von dem kann ich echt lernen.
Was denn, wenn ich fragen darf? Hannelore hob belustigt die Brauen.
Jonas grinste, nickte Annika zu und überließ ihr die Offenbarung, die sie eine Woche für Hannelores Geburtstag aufgehoben hatten.
Wie man eine gute Mama wird. Jetzt hab ich gleich zwei Lehrmeister dich und unseren schnurrenden Kumpanen hier
Annika tätschelte das Kater-Ohr und konnte nicht anders: Als Hannelore sie umarmte, flossen bei Annika doch wieder ein paar Tränchen aber diesmal nur aus lauter Glück!




