Du, ich muss dir unbedingt was erzählen, was bei uns gestern abging da hättest du was zu lachen gehabt! Also, ich saß ganz gemütlich am Tisch mit meinem schwarzen Filterkaffee, noch mit Schlaf in den Augen, als meine Tochter mir richtig ernst ins Gesicht sagt: Mama, du musst dir ganz dringend einen neuen Mann suchen! Und zwar möglichst sofort!
Ich hätte mich fast verschluckt, hab den Kaffee halb auf die Tischdecke gekippt. Guck sie an und frag direkt: Was ist denn jetzt los? Seit wann so ein Stress, Kind?
Sophie also, meine Tochter wurde plötzlich ganz verlegen, hat auf den Boden gestarrt und ihre Zehen in den Teppich gebohrt. Sie ist da manchmal so niedlich, wenn sie was sagen will und nicht weiß, wie sie anfangen soll. Sie zupft also nervös am Teppich und sagt: Weißt du Ich hab heute Papa erzählt, dass du einen neuen Freund hast. Dabei verzieht sie das Gesicht zu einem richtigen Seufzer. Er hat mich richtig gelöchert! Jedes Mal frag er, ob du schon wen Neuen hast! Und immer, wenn ich Nein sage, hält er mir einen Vortrag, was für einen Riesenfehler du gemacht hast, weil du ihn verlassen hast. Dass du gar nichts vom Leben verstehst, wenn du so einen tollen Mann wegschickst!
Sie schaut mich an, und ich sehe da ist Enttäuschung, Verwirrung, auch ein bisschen Wut auf ihren Vater, ehrlich gesagt.
Und dann sagt er noch ständig, dass du sowieso bald merkst, wie falsch das alles war und zurückkommst. Also hab ich ihn irgendwann angebrüllt, dass du sehr wohl jemanden kennengelernt hast!
Ich fahr mir also erst mal durch die Haare und muss sofort wieder an die Vorträge meines Ex denken dieses göttliche Selbstbewusstsein, das den ganzen Raum einnimmt, wenn er loslegt. Oh Gott, ich kanns mir richtig vorstellen, mit was für Bildern er das wieder ausgeschmückt hat, sag ich. Der kanns nicht verkraften, dass ich ohne ihn kann. Manchmal glaube ich, dass er dich nur zu sich holt am Wochenende, um von sich zu erzählen und sein Ego aufzupolieren.
Sophie wirft sich derweil aufs Sofa, zieht die Knie an und fährt mit der Hand über den Bezug, als müsste sie sich an irgendwas festhalten.
Ich weiß, sagt sie, während sie aus dem Fenster starrt. Anderthalb Stunden höre ich mir an, wie super er ist. Danach fragt er mich nicht mal mehr wies mir geht, ob ich Nachhilfe brauche oder irgendwas Hauptsache er kann von sich erzählen.
Sie klingt dabei schon so routiniert, als würde sie den Wetterbericht vorlesen. Für sie ist das alles längst Alltag Schule, Hausaufgaben, Papaausflüge, fertig.
Dann rollt sie sich auf dem Sofa zurück, schaut an die Decke und denkt wahrscheinlich an das letzte Gespräch mit ihrem Vater zurück. Wie immer fing das an mit seinen Geschäftserfolgen, wie gut er mit irgendwelchen Partnern verhandelt hat, dann Schwierigkeiten im Job, dass er eigentlich immer von allen unterschätzt wird, und dass keiner sieht, wie wichtig er ist. Anderthalb Stunden lang ein Monolog Sophie hat sich sogar die Zeit notiert, um mir später davon zu berichten.
Und als sie dann versucht hat, ihm von ihrer Mathe-Olympiade zu erzählen, hat er nur geistesabwesend genickt und direkt wieder abgeglichen, was er in ihrem Alter schon alles konnte: Klar, Glückwunsch, aber weißt du, damals hab ich ja Und dann wieder Geschichten über seine tollen Leistungen.
Sie zuckt dann nur die Schultern, ganz sachlich: so ist es eben. Mein Ex war halt immer ein Typ, der um sich kreist seine Probleme und Erfolge, alles andere spielt sich irgendwie drumrum ab. Die Sorgen von Sophie oder mir hat er entweder nicht wahrgenommen oder nicht ernst genommen.
Ich frage mich manchmal immer noch, wie ich das fünfzehn Jahre ausgehalten hab, ehrlich. Vermutlich nur wegen Sophie. Als sie noch klein war, hab ich gehofft, er würde irgendwann umklicken und sich mal für uns interessieren Ist aber nie passiert. Nach der Trennung wars plötzlich so unbeschwert bei uns keiner hat mehr die ganze Aufmerksamkeit für sich beansprucht.
Und warum soll ich jetzt plötzlich SO dringend einen Mann finden? frage ich sie, und mein Ton war vielleicht etwas schärfer, als ich wollte. Nur weil du das jetzt mal eben behauptet hast?
Du verstehst das nicht, sagt sie, drückt sich ein Sofakissen an die Brust. Als Papa das gehört hat, ist der völlig ausgerastet! Erst starr wie ein Brett, dann knallrot und dann hat der so gebrüllt, dass die Nachbarin fast geklingelt hätte. Ich hab sogar ein bisschen Angst bekommen.
Sie holt kurz Luft. Er wollte alles wissen wie der Kerl aussieht, wie er heißt, wo du ihn kennengelernt hast Ich hab natürlich nichts verraten, nur gesagt, dass du mir das ausdrücklich verboten hast. Also, falls er dich in den nächsten Tagen anruft und ein Fass aufmacht wundere dich nicht!
Mir war sofort klar, da erwartet mich noch ein Feuerwerk Sophie, das ist ja mal wieder was geworden! Ich setzte mich zu ihr aufs Sofa, seufze und leg sie in den Arm. Jetzt kann man auch nichts mehr zurücknehmen, die Würmer sind aus der Dose.
Wieso hast du dir sowas ausgedacht? frage ich ganz leise, wieg sie so ein bisschen hin und her. Wir hatten doch grad so schön unsere Ruhe Jetzt fängt das Theater von vorne an. Manchmal will ich das Handy einfach abschalten.
Sophie schiebt sich aus meinen Armen, setzt sich kerzengerade, guckt mich voll direkt an. Aus ihren Augen spricht absolute Entschlossenheit:
Weil du es verdienst, glücklich zu sein! Schau dich doch mal an du bist hübsch, schlau, alle mögen dich, und Männer finden dich eh spannend! Papa redet dich die ganze Zeit schlecht, und ich hab da keinen Bock mehr drauf!
Ich streich ihr sanft durchs Haar und merke dabei, wie sehr ihr das am Herzen liegt. Und ich gestehe: Ehrlich gesagt, ich hab gedacht, du willst nicht, dass ich mich auf jemanden Neuen einlasse. Ist ja erst ein halbes Jahr nach der Scheidung.
Mir fiel das nicht leicht tief drin hatte ich Angst, sie könnte einen neuen Mann an meiner Seite als Verrat am Vater sehen oder so. Aber Sophie winkt nur lässig ab:
Ach, Blödsinn!, sagt sie und klingt dabei richtig erwachsen. Hauptsache, DU bist glücklich!
Da musste ich auflachen, wirklich. Und irgendwie fiel mir da diese ganze Sorge von den Schultern. Vielleicht klammer ich zu lange am Alten, dabei ist Sophie doch schon längst weiter.
Du bist die Beste, sage ich und drück sie noch mal. Danke, dass du so auf mich aufpasst.
Und in diesem Moment fühlte ich unsere kleine Familie ist vielleicht kleiner geworden, aber so vertraut und warmherzig wie nie zuvor.
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Später im Büro konnte ich mich dann null aufs Arbeiten konzentrieren hatte so einen flammenden Schädel, dass ich kaum die Zeilen auf dem Bildschirm lesen konnte. Mein Hirn war wie mit Watte ausgestopft, Kopfschmerzen seit Stunden und ich hab bestimmt schon gefühlt ein Pfund Ibuprofen reingehauen. Meine Kollegin war so nett, ist mir sogar schnell in die nächste Apotheke an der Ecke gehuscht.
Ich trinke also mein Wasser, schlucke die Tabletten, und da klopft es plötzlich an der Tür. Unser Pförtner steckt den Kopf rein so ein richtig netter Typ, aber heute schaut er ziemlich angespannt.
Frau Wagner, draußen steht Ihr Ex-Mann und will unbedingt zu Ihnen. Sollen wir ihn höflich rauskomplimentieren oder kommen Sie runter?
Mir ist echt fast der Kaffeelöffel aus der Hand gefallen. Also, der Tag war eh schon nicht mein Lieblingsmontag, aber DAS hat echt noch gefehlt. Warum ruft der nicht einfach an? Muss der sich so vor der ganzen Belegschaft zum Affen machen?
Ich atme also tief durch, lächle die letzten Nerven zusammen und marschiere in Richtung Aufzug, während im Flur das Büro-Leben so weitergeht wie immer: Smalltalk an der Kaffeemaschine, Hektik, überall Kollegen.
Und da steht er: Jörg. Mein Ex. Vor dem Empfang, macht Wellen, gestikuliert wild und hält die armen Wachleute zum Narren. Sie behalten die Ruhe aber du siehst schon, die schnippen gleich. Ich trete hin, und mein Puls rast:
Was willst du hier? Muss das sein, so ein Auftritt? Willst du die Polizei kennenlernen? Ich kann gern die Jungs rufen!
Jörg fährt zu mir herum, knallrot im Gesicht, die Augen funkeln vor Wut oder was auch immer. Er sprudelt gleich los:
DU! Sophie hat mir alles erzählt! Kaum ein halbes Jahr nach der Trennung und du hast schon einen neuen Mann?
Das war so eine Mischung aus Verwunderung und Gekränktheit und verletztem Stolz, der aus ihm raussprudelte. Ehrlich, er war total aus dem Häuschen, hat immer noch gedacht, unsere Tochter will ihn nur aufziehen. Aber als er mein Gesicht sieht, wird ihm klar: Das war kein Witz.
Ich grinse nur, verschränke die Arme, bleibe ganz ruhig: Soll ich dir ewig die Treue schwören? Besonders schräg wir sind ja nicht gerade im Guten auseinander gegangen. Weißt du ja selber, dass Treue für dich nie Prio hatte.
Jörg bleibt erstmal die Sprache weg, die Hand sinkt runter, und der funkelnde Blick wird plötzlich richtig unsicher.
Immer mehr Leute laufen vorbei, die einen tun so, als sehen sie nichts, die anderen beobachten alles heimlich du kennst das aus dem Büro. Aber für Jörg existierte nur noch diese kleine Ecke zwischen uns beiden. Laut ruft er: Ich lass nicht zu, dass meine Tochter mit einem fremden Mann unter einem Dach schläft! Ich nehm sie dir weg, du wirst Sophie nie wiedersehen!
Er klingt hysterisch, wie im schlechten TV-Drama, aber ich bleibe eiskalt: Jaja, dann sieh mal, was jeder Familienrichter in München dazu sagt!
Und genau in dem Moment taucht, als hätte er einen eigenen Auftrittsvertrag, Herr Dr. Roman Becker auf unser Geschäftsführer. Kommt in seinem schicken, dunkelblauen Anzug rein, als wäre er auf dem Weg zur nächsten Vorstandssitzung. Die Bodyguards werden sofort korrekt, Jörg funkt ihn nur wütend an.
Kümmern Sie sich lieber um Ihre eigenen Angelegenheiten! Das hier ist Privatsache!
Aber Roman bleibt ruhig, lächelt sogar, aber so, dass es Jörg richtig sauer macht. Privatsache ist das, wenn mans privat regelt. Wenn Sie unseren Empfang terrorisieren, ist es Sache der Firma.
Während ich noch überlege, wie ich am besten wieder verschwinde, geht Roman an mir vorbei, bleibt bei mir stehen und hält ganz selbstverständlich meinen Arm. Eindeutig kein Platz mehr für Missverständnisse.
Ich bin der Mann, der Frau Wagner glücklich macht, sagt er ohne jede Aufregung. Und denken Sie nicht, dass ich solche Szenen durchgehen lasse. Wenn Sie noch einmal meine Frau anbrüllen, hole ich die Polizei. Und glauben Sie nicht, dass Sie irgendwas mit Sophie drehen können ich garantiere, das lasse ich nicht zu.
Du hättest Jörg sehen sollen! Erst rot, dann kreidebleich. Und zum ersten Mal völlig sprachlos. Dreht sich nach ein paar peinlichen Sekunden einfach um, murmelt noch irgendwas von Unterhalt (Du kannst von mir ja nix erwarten! Klar, als ob ich Jörgs kümmerliche Alimente brauche), und rauscht ab.
Ich sag nur noch leise: Sophie muss jetzt wenigstens nicht mehr jedes zweite Wochenende zu ihm.
Und dann merk ich plötzlich, dass Roman mich noch immer am Arm hält. Warm, ganz sicher, irgendwie beruhigend Also schau ich ihn an, mein Herz macht einen kleinen Sprung, und ich bring nur raus: Danke, Sie haben keine Ahnung, wie sehr das geholfen hat!
Roman lacht und fragt mich, ob ich nicht mit ihm zu Mittag essen will. Ich zögere kurz, meine Gedanken drehen sich noch um alles ist das zu schnell, wirkt das komisch? Aber ehrlich ich wollte sowieso mal in Ruhe mit ihm reden, ohne Bürotrubel, und ich war neugierig.
Wir sind dann zusammen in ein kleines Restaurant, nicht weit von der Maximilianstraße. Super gemütlich, die Bedienung kennt Roman, serviert frisch gebackene Brezen und alles ganz entspannt. Und da erzählt er mir, dass er schon eine Weile für mich schwärmt, aber immer dachte, ich brauche noch Zeit nach der Scheidung.
Du hast immer gewirkt, als würdest du mit der ganzen Welt kämpfen da wollte ich nicht stören, weißt du? Aber heute, als ich gesehen hab, wie du behandelt wurdest da musste ich einfach reagieren.
Ich glaub, ich hab ihn noch nie so offen und ehrlich reden hören. Ich war richtig gerührt. Und plötzlich dachte ich: Vielleicht ist es wirklich Zeit, nach vorne zu schauen?
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Drei Monate nach der Filmszene im Büro haben Roman und ich dann tatsächlich geheiratet. Einen Traumtag in einer kleinen bayrischen Schlosswirtschaft! Roman hat sogar jedes Detail nach meinen Wünschen organisiert, sogar die Musik kam von einer Jazz-Band, die ich heimlich toll fand. Sophie ist vor Stolz fast geplatzt. Sie hat mir beim Haarstecken geholfen und darauf aufgepasst, dass kein Knopf am Kleid schief sitzt. Nach dem Ringtausch hat sie uns fest gedrückt so glücklich habe ich sie selten gesehen.
Dabei hat sie gleich am ersten Abend ehrlich gesagt: Roman, ich finds wirklich schön, dass du da bist. Aber sag bitte nicht Papa zu mir, ja? Mein Papa bleibt der Jörg, auch wenn der manchmal schwierig ist.
Roman hat das ganz cool aufgenommen. Na klar, Sophie. Hauptsache, wir sind alle zusammen.
Und das erste Einladungskärtchen zur Hochzeit? Natürlich an Jörg. Nicht, weil wir dachten, er kommt, eher aus Prinzip. Sollte ruhig wissen, dass mein Leben weitergeht auch ohne ihn. Reaktion? Jörg war wie erwartet beleidigt, hat sich überall herumtelefoniert und beschwert.
Stell dir vor meine Ex lädt mich tatsächlich zu ihrer Hochzeit ein! Nach all dem, was war! So hat er das jedem erzählt, der nicht schnell genug flüchten konnte. Die meisten Freunde haben aber nur gelassen reagiert: Du, jeder bekommt einen Neuanfang
Je öfter Jörg sich auszog Sie nimmt sich kaum Zeit, hat gleich einen neuen! oder Ich hätte alles geändert, ehrlich , desto langweiliger wurde es für sein Umfeld.
Zuletzt hat er komplett den Rückzug gemacht, war nur noch frustriert in seiner Wohnung, schaut aufs alte Familienalbum, auf Sophies vergessenes Sommerkleid im Schrank und merkt: Das Leben geht weiter. Aber seins hängt ein bisschen in der Warteschleife.
Für uns aber mich, Roman und Sophie ist alles viel entspannter. Wir kochen gemeinsam zu Abend, streiten manchmal beim Filmeaussuchen, machen sonntags Ausflüge zum Tegernsee oder in den Münchner Zoo. Es wird nicht langweilig bei uns und ich kann ehrlich sagen: Auch wenn wir nicht die perfekte Patchwork-Familie sind, fühlt es sich genau richtig an.




