Wie fängt man eigentlich noch mal ganz von vorne an?
Und WO willst du so hübsch eigentlich noch hin?, fragte Irene Gertrud empört und unterdrückte mühsam das Augenrollen. Ihr Blick huschte automatisch zur Wanduhr über der Tür: Fast acht Uhr abends als ob das Leben nicht schon genug Drama bräuchte.
Mama, ich bin nicht mehr sechzehn, entgegnete Katharina gelassen, drehte sich langsam vom Spiegel zur Mutter und streichelte eine widerspenstige Haarsträhne hinter ihr Ohr zurück. Das unangenehme Gespräch war absehbar sie kannte das schon, es prallte längst an ihr ab.
Ich bin erwachsen. Muss mich nicht rechtfertigen. Jedenfalls nicht bei dir.
Irenes Gesicht verfinsterte sich, auf der Stirn zeichneten sich kleine Falten ab, die Lippen wurden zu einem strengen Strich. Was fällt dieser Göre ein? Wie kann sie es wagen?
Aber wohnen tust du immer noch in MEINEM Haus!, steigerte sich Irene und wurde lauter, als ob Lautstärke autoritärer macht. Ein klitzekleines Widersprechen der Tochter war in ihrem Weltbild absolut inakzeptabel. Und übrigens Wer bleibt bei deinem Kind? Wenn du glaubst, ich kümmer mich um einen frechen achtjährigen Jungen, der auf mich pfeift, dann täuschst du dich gewaltig!
Ihre ganze Körperhaltung schrie Aufstand. Die Tochter maßte sich allmählich etwas zu viel an Wer, wenn nicht sie, hatte sie nach der Trennung wieder aufgenommen, ihr ein Zimmer bereitgestellt und ihr geholfen?
Ich will einfach mal in Ruhe Fernsehen, meinen Tee trinken und nicht, sie wedelte ausgestreckt mit den Armen, als könne sie so das drohende Chaos bannen, das ihrer Ansicht nach unweigerlich ausbrechen würde, müsste sie auf den Enkel aufpassen. Nicht mit ihm durch die Wohnung rennen, ihn zu den Hausaufgaben überreden, mir sein Gemecker anhören! Weißt du eigentlich, wie das anstrengend ist? Jedes Mal dasselbe: Mal will er nicht essen, dann langweilt er sich, dann ist Mathe angeblich die größte Ungerechtigkeit seit der Bratwurststeuer. Und ICH soll das jedes Mal ausbaden?
So, genug!, unterbrach Katharina abrupt, die Ironie in ihren Zügen schwand wie ein doppeltes Espresso am Montagmorgen. Entschlossen, fast schneidend, blickte sie der Mutter in die Augen: Paul schläft heute bei Lena. Und sorry, aber du bist die letzte Person auf diesem Globus, an die ich meinen Sohn je abgeben würde. Ich brauche keinen solchen Einfluss in seinem Leben. Kinder saugen ja alles auf, wie ein frischer Badeschwamm, weißt du.
Irene starrte sie einen Moment ungläubig an, dann griff sie dramatisch ans Herz, als wäre sie der Star einer Telenovela, und warf den Kopf theatralisch in den Nacken: Ihre Beleidigung war so übertrieben, dass man fast hätte lachen können gäbe es nicht gerade Weltuntergangsstimmung im Flur.
So redest du mit mir?!, keuchte sie. Ich bin dir ENTGEGENgekommen, als du damals nach der Scheidung mit dem Jungen auf allen Vieren angerobbt bist! Ich hab dich aufgenommen, dir ein Zimmer gegeben und jetzt DAS?
Sie machte eine Kunstpause, wahrscheinlich in der Hoffnung, ihre Tochter hätte schon ein schlechtes Gewissen. Natürlich Fehlanzeige: Katharina kannte die Mutter-Tricks inzwischen auswendig.
Du vergisst, dass mir ein Viertel dieses Hauses gehört?, konterte sie gelassen. Du bist NICHT die Alleinherrscherin hier. Ich hab jedes Recht, hier zu wohnen. Dafür braucht es nicht mal deine Zustimmung.
Mit einer Mischung aus Genugtuung und Triumph beobachtete Katharina das fassungslos verdutzte Gesicht ihrer Erzeugerin. Offenbar hatte Irene nicht mit Gegenwind gerechnet sie war ja gewohnt, dass die Tochter sich kleinmacht.
Und ehrlich, du hast nicht das geringste Recht, mir Steine in den Weg zu legen, setzte Katharina fort. Die Finger zitterten noch vor Wut, als sie die Tasche zum Kontrollieren öffnete. Bloß nichts vergessen, und bloß nicht die Fassung verlieren!
Im Übrigen bleiben wir nur kurz ein paar Wochen, maximal ein Monat. Also, bitte, sei nachsichtig, und dann sind wir auch wieder weg.
Da lachte Irene plötzlich laut auf fast höhnisch. Ihr Gelächter hallte durch den Flur. Katharina zuckte unwillkürlich zusammen. Irene verschränkte die Arme, schüttelte den Kopf, und das Gesicht zeigte eine merkwürdige Mischung aus Spott und schadenfroher Genugtuung.
Wohin willst du denn gehen?, zog sie jedes Wort genüsslich in die Länge. Du hast ja nichts! Du bekommst nicht mal einen Kredit bei der Sparkasse für eine eigene Wohnung für die Anzahlung fehlt dir das Geld, und du hast niemanden, ders dir leihen könnte.
Sie wartete gönnerhaft, als wolle sie der Tochter Zeit geben, ihre Ausweglosigkeit wirklich tief zu empfinden. Dann fuhr sie nassforsch fort, als hämmere sie Nägel in Katharinas Selbstwertgefühl:
Dein Ex war nicht blöd und hat die Wohnung auf seine Mutter laufen lassen. Nach der Scheidung bist du leer ausgegangen. So naiv Peinlich, dass du MEINE Tochter bist! Offenbar hab ich in der Erziehung irgendwas versäumt.
Katharinas Kinn verkrampfte sich, die Finger umklammerten das Taschengriff so heftig, dass die Knöchel weiß hervortraten. Sie atmete tief durch, zwang ihre Stimme in ruhige Bahnen und meinte tonlos:
Das geht dich jetzt echt nichts mehr an. Ich bin nicht mehr das naive Mädchen von damals. Tschüss und, die engagierteste Oma, Paul ist schon seit Stunden weg.
Ohne die Reaktion abzuwarten, drehte sich Katharina um und eilte Richtung Tür. Die Absätze knallten auf das Parkett ein rhythmischer, wütender Abschiedsmarsch. Sie stürmte die Treppe hinunter, als käme sie von einer Flucht aus Alcatraz.
Draußen war es frisch, aber sie spürte es kaum die Wut kochte in ihrem Bauch, das Herz wummerte, der Kopf pochte. Weg von dieser Atmosphäre, weg von der Mutter, weg von all den Vorwürfen. Die Laune war restlos hinüber; alles fühlte sich grau an, als hätte irgendwer das Leben in Schwarzweiß umgeschaltet.
Warum bin bloß ich mit so einer Mutter gestraft?, hämmerte es in ihrem Kopf. Bestimmt würde man ihr Undankbarkeit vorwerfen, ihr diese Gedanken übelnehmen aber das war ihr jetzt völlig egal. Manchmal, dachte sie, ist es leichter, gar keine Mutter zu haben, als so eine wie Irene, die statt Zuspruch nur Spott austeilte, statt Trost Kontrollwut und statt Liebe einen eiskalten Kalkül.
Bei allen Nachbarn und Fremden machte Irene immer einen blendenden Eindruck. Sie konnte sich wunderbar ins rechte Licht rücken warmes Lächeln, sanfte Stimme, stets hilfsbereit. Ob bei Zollpapier-Kleingedöns, einer defekten Bohrmaschine oder beim Tränchen auskuscheln mit aufmunterndem Mach dir keinen Kopf, das wird schon auf Irene konnte man zählen.
Nur eben daheim, zwischen Kühlschrank und Gardinen, da war Schluss mit Nettigkeit. Da war sie rigoros, verbissen, wollte alles bestimmen und immer das letzte Wort haben. Ihre Meinung die einzig richtige. Ihre Ratschläge unverhandelbar. Sagte jemand leise Nein, wurde ihr Blick frostig und der Tonfall messerscharf.
Katharina war schon als Kind die Musterschülerin in Irenes Lebensschule. Ihre Mutter entschied, was sie trug, welche AGs sie besuchen musste, mit WEM sie befreundet sein durfte (am besten die Tochter vom OB-Kandidaten, alles andere war minderwertig, wie Billigeis bei 30 Grad).
Mit der brauchst du nicht spielen, wies Irene vernichtend ab, wenn Katharina eine neue Freundin hatte besonders, falls diese einen alleinerziehenden Papa hatte. Die ist nix für dich.
Der Nachbarsjunge passte auch nicht (Der ist zu wild schlechte Gesellschaft), die Tochter von Staubsauger-Wilke hingegen schon: Halt dich an die, die Mutter arbeitet bei der Stadt. Solche Kontakte nutzt du später!
Studium? Medizin. Aus. Keine Debatten. Was die Tochter wirklich wollte, war dabei irrelevant. Dass Katharina auch fast schon ohnmächtig wurde beim Anblick von Blut, war halt ein Spleen. Stell dich nicht so an. Das ist alles Theater, winkte Irene schnippisch ab.
Also machte Katharina das einzig Logische: Sie heiratete. Kaum volljährig, sagte sie Ja zu einem der wenigen Bekannten, die nett, halbwegs manierlich und spontan entschlussfreudig genug waren. Es ging ihr gar nicht um Liebe oder große Entscheidungen Hauptsache weg, raus, fort vom Mutters Schatten, fort von maßregelnden Kommentaren.
Schon klar, dass die Ehe nicht lange halten sollte. Die erste Zeit war okay: eine eigene Wohnung, selbst Nudeln anbrennen, Zukunftspläne. Doch dann kamen bald die Dauerzankereien wegen schmutzigem Geschirr, falschem Einkaufen, unterschiedlichem Umgang mit Geld. Ihr Mann, Thomas, begann Überstunden zu schieben, immer öfter roch es nach Bier, und Diskussionen blockte er schulterzuckend ab: Ist nix, hör doch auf, dich reinzusteigern.
Als Paul geboren wurde, eskalierte alles. Weniger Schlaf, mehr Streit, mehr Tränen. Teils brüllte man sich an, teils herrschte tagelanges Schweigen. Dann die Krönung: Thomas wurde offen untreu und machte daraus keinen Hehl. Einmal sagte er beim Heimkommen salopp: Du, ich hab da wen kennengelernt. Nicht wichtig, kannst ja gehen, wenns dir nicht passt.
Katharina stand sprachlos im Flur, das schlafende Kind auf dem Arm, und wusste nicht schreien oder heulen? Am Ende tat sie nichts sie legte Paul ins Bett. Gehen konnte sie nicht. Ihre einzige Verwandte: Irene, mit der es maximal frostig war. Die wenigen Freundinnen hatten keine Möglichkeit, eine Mutter samt Kind aufzunehmen. Also blieb sie. Sie schluckte Thomass Desinteresse, seine Sticheleien und weinte nachts heimlich ins Kissen.
Schon in der Schwangerschaft hatte sie das Medizinstudium hingeschmissen. Der Spagat zwischen Uni und Wickeltisch war zu groß. Die Zeit reichte vorn und hinten nicht. Als Paul dann in den Kindergarten ging, witterte Katharina Serotonin: Chance auf Rückkehr ins Lernen! Sie meldete sich zu einem Buchhaltungskurs am Abend an. Nicht das Traumziel ihrer Kindheit, aber immerhin eine solide Möglichkeit, finanziell eigenständiger zu werden.
Die Abende waren schwer, Hausarbeit und Lernen ein endloses Jongliermanöver. Doch jedes Mal, wenn sie eine gute Note bekam, spürte sie: Es geht noch was, und ich kanns schaffen. Vielleicht hätte sie doch noch ein gutes Leben vor sich?
Nach ein paar Jahren, als sie sich beruflich einigermaßen aufgestellt fühlte, entschied sie sich für die Scheidung. Die Arbeit reichte für die nötigsten Ausgaben, Paul war inzwischen in der Schule. Allein Wohnen in München? Kaum zu bezahlen. Da fiel ihr ihre halbe Eigentumswohnung im Elternhaus ein (der Trick mit der deutschen Haus-Teilung). Gesetzlich einwandfrei, finanziell überlebensnotwendig.
So zog sie samt Sohn zurück zu Muttern. Herzliche Gefühle? Eher eine Mischung aus Zahnarztbesuch und Elternsprechtag aber Alternativen gab es keine.
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Du hältst da keine zwei Wochen durch, warnte Lena, die Freundin, während sie nervös am Brotpapier herumknibbelte. Und an Paul denke mal! Deine Mutter ist nicht ohne und mit deinem Sohn gibt das Feuerwerk. Sie wälzt alles auf ihn ab! Der arme Kerl Sie will immer gehorsame Kinder, Paul flippt dann erst recht aus.
Katharina starrte aus dem Fenster. Draußen tanzten die ersten Schneeflocken, als wollten sie ihr Morsezeichen senden. Sie seufzte, drehte sich zur Freundin und meinte ruhig: Es ist nur für ein paar Monate. Glaub mir, Lena, ich weiß, wie Mama tickt. Aber mir bleibt nichts anderes übrig. Danach ziehen wir aus und telefonieren nur noch alle Jubiläare. Und das auch nur, wenn sie sich meldet ich lauf nicht hinterher.
Lena musterte sie skeptisch, als spürte sie, dass in Katharinas Stimme ein Plan mitschwang, der ihr vorher verheimlicht worden war.
Und was ist dann nach den paar Monaten?, fragte sie und schob die Tasse zur Seite. Du redest, als hättest du alles durchgetaktet das ist sonst gar nicht deine Art.
Katharina lächelte, dies Mal mit so einem kleinen Grinsen, das Geheimnisse andeutet. Sie nahm einen Schluck Tee und redete erst weiter, als Lena schon ganz ungeduldig wurde.
Ich bin nicht so naiv, wie Mama glaubt, sagte sie direkt. Und für mein Kind würd ich einiges riskieren. Da ist übrigens ein Mann, der sich für mich interessiert eindeutig.
Lena war sofort neugierig, doch Katharina hob beschwichtigend die Hand.
Sei nicht böse, aber den Namen verrate ich erstmal nicht. Ich will nichts verschreien. Aber ich hab das Gefühl, das könnte meine Chance sein.
Lena nickte, wenn auch etwas enttäuscht aber sie übertrieb es nicht mit der Neugier.
Und ja, wurde Katharina plötzlich entschlossen, diese Chance lasse ich mir nicht entgehen. Ich will Paul endlich ein Zuhause bieten mit einer Mama, die nicht in alle Richtungen zerfleddert wird, und (idealerweise) ohne ständige Nörgelei. Wenn ich dafür was riskieren muss, dann tu ichs.
Sie sprach leise, aber es war das klare Statement einer Frau, die kein Larifari meinte, sondern einen Entschluss gefasst hatte.
Lena drückte ihr sanft die Hand. Ich glaub an dich. Aber sei bitte vorsichtig, ja?
Katharina nickte dankbar.
Nach einer kleinen Pause fragte Lena: Und, magst du ihn? Nicht, dass du aus lauter Flucht gleich wieder einen Fehler machst wie damals. Sonst kommt ihr zu uns, meine Bude hat zwei Zimmer, Paul kann mit dem Nachbarsjungen spielen nur falls
Katharina drehte versonnen die Teetasse. Er ist ein guter Mensch, mag Kinder, hat selbst einen Sohn, nur etwas älter als Paul. Wir haben uns auf dem Spielplatz kennengelernt. Anfangs gings nur um Kinderkram, dann mehr Mit ihm ist es entspannt. Kein Stress, kein Umerziehenwollen. Er hilft, hört zu, lacht mit Paul, erklärt Dinge ruhig, liest ihnen abends noch die Sendung mit der Maus aus dem Internet vor, wenn sie wollen.
Lena sah, wie sich Katharinas Gesicht bei diesen Erinnerungen aufhellte seit Ewigkeiten strahlten ihre Augen wieder lebendig.
Und ja, diesmal bereue ich nichts. Ich habe mir das alles gut überlegt. Ich will nicht mehr wegrennen ich will es wirklich so. Für mich und Paul. Und nicht als Opferrolle, sondern aus Überzeugung.
Sie seufzte erleichtert und lächelte Lena warm an: Danke für dein Angebot, ehrlich. Aber ich muss das jetzt einfach tun. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Lena nickte, etwas besorgt, aber solidarisch: Okay und denk dran, wenn irgendwas ist, kannst du immer zu uns kommen!
Katharina griff dankbar nach ihrer Hand. Danke, Lena. Das ist Gold wert
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Katharina sollte Recht behalten: Es blieb bei ein paar Monaten im mütterlichen Quartier das Leben machte den berühmten Salto rückwärts und wieder vorwärts: Michael machte ihr einen Antrag. Das war die erhoffte Chance, ganz von vorn zu starten.
Der Auszug war blitzschnell: ein paar Taschen, Pauls Lieblingsdinosaurier, das Notwendigste. Es ging so fix, dass man dachte, Fortuna drängelte persönlich beim Kistenpacken.
Paul war der Glücklichste von allen die Tyrannenoma war nie sein Fall gewesen. Deren Regeln und ständiger Kasernenhofton waren ihm ein Gräuel, und er hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht: Türenknallen, freche Antworten, Flucht ins eigene Zimmer. Jetzt, wo der Weg endlich frei war, strahlte er wie ein Kind am Spielwarenregal.
Als Irene von der erneuten Hochzeit der Tochter hörte, reagierte sie mit Blitz und Donner. Erst bestand sie darauf, den neuen Schwiegersohn zu treffen: Ich muss ihn sehen! Sonst gibts keine Hochzeit da kannst du Gift drauf nehmen!
Katharina blieb ungerührt: Mama, mein Leben, meine Entscheidung. Kein Kennenlernen erforderlich.
Das war wie Zündstoff. Irene stürmte raus auf den Hof, damit auch wirklich ganz Augsburg Zeuge ihrer Empörung wurde, und rief nach Herzenslust die Nachbarschaft zusammen, um sie lautstark am Elend der Tochter teilhaben zu lassen.
Die Nachbarn staunten. Die sonst so korrekte, freundliche Frau, die jedem die Tür aufhielt, explodierte plötzlich öffentlich. Dem einen oder anderen fiel vor Schreck das Feierabendbier aus der Hand. Zwei, drei versuchten, sie zu beruhigen vergeblich. Nach dem Spektakel war ihr Ruf als Moralapostel allerdings verspielt.
Später versuchte Irene sich zu rechtfertigen, rief die halbe Nachbarschaft an (Na, gestern ist mir ein bisschen der Kragen geplatzt), aber das Thema war leider zu köstlich. Wer einmal laut auf dem Bürgersteig keift, hats schwer mit dem Comeback als beliebte Kaffeetantenchefin.
Und Katharina? Die war glücklicher als in all den vielen Jahren zuvor. Ihr Leben war zwar nicht glamourös, aber voller Wärme und Zuversicht. Michael war nicht nur freundlich und verständnisvoll, sondern ein echter Partner geworden. Mit ihm musste sie nie vorsichtig sein, er akzeptierte sie und Paul so, wie sie waren.
Außerdem erfüllte sich ihr geheimer Traum: Sie schrieb sich an der Uni ein, ausgerechnet für Germanistik! Die Vereinbarkeit von Vorlesungen, Hausaufgaben und Tupperdosen war zwar anstrengend, doch bei jeder neuen Eins, jeder geknackten Textanalyse wusste sie: Zum ersten Mal ist dies IHR Leben.
Auch im Job fand sie Fuß keine riesen Karriere, aber Verlässlichkeit, nette Kollegen und Raum nach oben. Sie lernte endlich, mit Euros hauszuhalten und machte das erste Mal in ihrem Leben Rücklagen nicht nur für Notfälle, sondern auch für das berauschende Gefühl: Ich kann das schaffen, ich bin frei.
Manchmal dachte sie an den Abend, an dem sie endgültig aus dem Elternhaus floh und musste lächeln. Jetzt hatte sie alles, wovon sie kaum zu träumen gewagt hatte: einen liebevollen Ehemann, einen glücklichen Sohn, Job, Studium und vor allem die Gewissheit, dass sie ihr Leben nicht mehr für andere lebt.
Und für alle weiteren Herausforderungen wusste sie inzwischen: Ich bestimme selbst. Und einen zweiten Neuanfang? Den traue ich mir jederzeit wieder zu.




