Die Entscheidung: Ein Wegweiser für richtungsweisende Momente im Leben

Die Entscheidung

Am Dienstag fahren wir alle zusammen ins Geschäft. Ein Kleid für Annemarie aussuchen! Elisabeth schob ihren Teller beiseite und lehnte sich entspannt zurück.

Warum mit uns und nicht mit ihrer Mutter?

Ach, tu nicht so, als wüsstest du nicht, wie Annemaries Mutter drauf ist!

Soweit ich mich erinnere, ist sie eine ganz normale Frau. Ich hab sie nur ein-, zweimal gesehen, als Annemarie uns ins Theater zu einer Premiere eingeladen hat.

Diese normale Frau hat ihre jüngere Tochter rausgeworfen, nachdem sie geheiratet war.

Warum denn das? War die Wohnung zu klein?

Nein klein war nur ihr Verstand. Sie hatte Angst vor Konkurrenz.

Tanja legte die Gabel hin und starrte ihre Freundin entgeistert an.

Also, Elisabeth! Klatsch und Tratsch war schon immer dein Metier, aber heute setzt du dem Ganzen die Krone auf!

Was denn? Ich erzähle nur wies war. Im ganzen Semesterkurs kennt man die Geschichte. Annemaries Schwester wohnte erst bei den Mädels im Wohnheim, bis sie Arbeit fand. Du hast sie sicherlich gesehen, aber wieder vergessen. Irene! Sehr hell, dünn, kleiner Leberfleck auf der Wange. Du meintest doch mal, Magersucht sei heute seltsam häufiger als gesunder Menschenverstand. Erinnerst du dich? Eben, das war sie. Sie hatte einfach nichts zu essen. Annemarie hat ihr natürlich geholfen, aber Irene war stolz, wollte immer alles alleine schaffen! So hat sie von trockenem Brot und Wasser gelebt, bis jemand ihr eine Stelle verschaffte. Sie arbeitet jetzt in der Klinik in deinem Viertel. Noch nicht über den Weg gelaufen? Obwohl, du unser Arzt aus der Oper Schuster, doch nur ohne Schuhe

Es geht aber nicht um mich.

Doch, auch! Deinen Husten schaue ich mir später nochmal an, aber spar dir diesen Blick! Ich bin auch Ärztin. Den hippokratischen Eid habe ich zum Teil sogar noch im Kopf.

Schon gut, Kollegin, sprechen wir später drüber. Und deine Irene, wie weiter? Zuerst also ins Wohnheim, und dann?

Ja, dann ist Annemaries Mutter plötzlich des Liebhabers ledig geworden, und Irene hat sich wieder mit ihr versöhnt. Heimziehen wollte sie aber nicht.

Und jetzt?

Da hat die Mutter, ganz zerknirscht, ihnen einfach den Schlüssel zur Wohnung des Großvaters überlassen. Da wohnen jetzt Irene und Annemarie. Sobald Annemarie heiratet, zieht sie zu ihrem Mann, und Irene bleibt dort. Wenigstens ein bisschen Gerechtigkeit gibts also noch. Ach, Annemarie wie sehr wirst du uns fehlen!

Elisabeth seufzte theatralisch und griff zum Dessert.

Das kleine Restaurant war gemütlich und das Essen hervorragend. Tanja hatte einen Riecher für solche Orte obwohl sie ja erst seit vielleicht zehn Jahren in Hamburg lebte. Elisabeth runzelte die Stirn, während sie zu rechnen versuchte, wie lange sie Tanja schon kannte.

Was ist los? Du schaust, als brüte ein Gewitter auf meinem, gerade recht leeren Kopf. Tanja aß immer noch im alten Studententempo, fast ohne zu kauen. Neid, Elisabeth, ist übrigens eine Todsünde!

Darum gehts doch gar nicht!

Um was dann?

Ich überlege nur, wie lange wir uns kennen. Zehn, elf Jahre?

Dreizehn. Seit ich zum Studium hierher kam, haben wir uns kennengelernt.

Elisabeth stieß ein kleines Lachen aus.

Danke, meine Liebe! entrüstet streckte sie Tanja die Zunge raus.

Du bist unverbesserlich! Tanja musste lachen. Und wofür?

Dafür, dass du mich an mein biblisches Alter erinnerst! Mein Gott, das Leben rauscht an mir vorbei. Keine Veränderung, nichts als Sumpf! Arbeit, Wohnung, und dann noch mein Martin.

Jetzt erzähl mal mehr von Martin!

Da gibts nichts zu erzählen. Ob er da ist oder nicht, alles bleibt gleich. Keine Bewegung. Alles steht still.

Warum?

Er meint, es sei noch nicht die Zeit, um etwas zu ändern.

Mit einem Seufzer stocherte Elisabeth mit der Gabel im Dessert herum, und sah dabei für einen Augenblick wieder aus wie das Goldstückchen, das damals alle auf dem Kurs mochten. Fröhlich, immer mittendrin, hatte sie immer den richtigen Draht zu allen. Doch ihre eigenen Geheimnisse hat sie immer verschlossen gehalten, und nur wenigen, wie Tanja, Einblick gewährt. Auch Tanja wurde eher zufällig zur Vertrauensperson.

Elisabeths Freundeskreis war für jemand wie Tanja eigentlich undurchdringlich. Sie, das Landei, Einzelkind einer alleinstehenden Mutter und Streberin durch und durch. Aber sie war klug, das sah jeder. Wenn man Spickzettel oder Zusammenfassungen brauchte, war sie Gold wert; für mehr hielten sie die meisten für zu langweilig bis Elisabeth sie in ihre Nähe ließ.

Niemand weiß bis heute, wie es dazu kam. Beide sprachen nie darüber. Doch wer Elisabeth wirklich kannte, wusste: der Grund lag ganz woanders.

Damals, als alle Jungs an Elisabeth ran wollten, war sie anspruchsvoll bis sie Maximilian begegnete.

Was dieser Junge so trieb, ahnte jeder, aber keiner sprach es aus. Nur Elisabeth zeigte sich stets unbedarft. Sie war keine Naive, sie wusste, wovon viele in ihrem Umkreis lebten. Sie selbst allerdings hatte nie Drogen angerührt und war der festen Überzeugung, dass Maximilian Gesundheit ebenfalls schätzte.

Aber Maximilian konsumierte zwar nicht selbst, versorgte andere jedoch.

Elisabeths Jugendschwärmereien waren stets ein Kessel voller Leidenschaft, selten mit der Realität verknüpft. Irgendwann aber wurde sie hellhörig und forderte Klarheit.

Die bekam sie auch aber Maximilian wich in den Club aus, anlässlich ihres Geburtstags, damit “die Stimmung nicht verdorben wird”.

Was er ihr genau ins Glas mischte, blieb ein Rätsel. Sie schaffte es gerade noch, halb benommen, ihr Handy aus der Tasche zu ziehen und jemanden anzurufen, dann brach sie weg. Alles Weitere erfuhr sie von Tanja, als sie im Wohnheim wieder zu sich kam. Tanja hatte sie hingebracht, denn Elisabeths Adresse kannte sie nicht.

Wie es der Zufall wollte, war Tanja die Letzte, die Elisabeth an diesem Abend angerufen hatte. Tanja hatte mehrfach versucht, sie zu erreichen sie wollte ihr die fertige Hausarbeit bringen. Tanja nahm jede Gelegenheit wahr, ein wenig Geld zu verdienen.

Erst als Elisabeth schließlich selbst zurückrief, verstand Tanja kaum ein Wort außer, dass etwas nicht stimme. Sie entnahm den Namen des Clubs, eilte quer durch die Hamburger Innenstadt und bändigte ihr Herzklopfen, als sie die benommene Elisabeth hinausschleppte. Angst, dass ihr selbst etwas zustoßen könnte, hatte sie gehabt.

Welche Kraft Tanja in jener Nacht gelenkt hatte, wusste sie bis heute nicht.

Sie sah Maximilian, wie er grinsend zusah, als sie Elisabeth fortzog. Ein Moment lang erwog sie, ihn zu Hilfe zu rufen doch die Art seines Lächelns, schief und feindselig, ließ sie davon absehen.

Vor dem Wohnheim begegnete sie einer Mitstudentin, die gerade vom Freund kam; gemeinsam schafften sie Elisabeth vorbei am Schlafwächter, legten sie in Tanjas schmales Bett. Das alte Bügelbrett, noch schnell auf den Boden gelegt, sollte als Matratze herhalten, aber an Schlaf war eh nicht mehr zu denken. Tanja fing an, für den nächsten Test zu lernen.

Erst am späten Morgen wurde Elisabeth wach. Da hatte Tanja schon drei Vorlesungen versäumt, blieb aber schweigend an ihrer Seite.

Wo bin ich? fragte Elisabeth noch benommen.

Im Wohnheim.

Und wer bist du?

Tanja erschrak. Klar, sie hatten sich nie nah gestanden, aber ganz fremd waren sie doch nicht.

Tanja.

Ich erinnere mich nicht an dich. Elisabeth hielt inne und starrte an die Decke. Und auch nicht an mich selbst. Nur an meinen Namen. Wie bin ich hierher gekommen?

Nach Tanjas stockenden Erklärungen verlangte Elisabeth das Telefon und rief ihre Mutter an. Als sie aufgelegt hatte, wandte sie sich an Tanja.

Sie kommen gleich vorbei. Bitte erzähl ihnen nichts.

Das kannst du nicht von mir verlangen. Sie haben ein Recht darauf, es zu erfahren.

Warum?

Weil sie dich lieben, ob es dir nun passt oder nicht! Sie können dir helfen, dich schützen. Meinst du, du kannst eventuelle Nachwirkungen mit Maximilian alleine regeln? Nein! Deine Eltern können dir helfen, dich in Behandlung bringen. Also, tu nicht so. Willst du ihnen wehtun?

Was redest du eigentlich? Elisabeth presste die Fingerspitzen an die Stirn, der Schmerz war kaum auszuhalten.

Wenn sie gut sind, warum vertraust du ihnen dann nicht?

Ich vertraue

Dann erzähl ihnen, was passiert ist. Du bist doch ihr einziges Kind!

Nicht das einzige

Es ist egal! Jedes Kind ist für seine Eltern einzigartig, als hätte man nur das eine. Denkst du, es gäbe Ersatzkinder? Eins verloren na und, kommt schon das nächste?

Bist du noch ganz bei Trost?

Ich denke schon. Ich stelle mir nur vor, was meine Mutter machen würde, wenn ich jemanden bitten würde, ihr nichts von meinem Unglück zu sagen.

Und das wäre?

Wahrscheinlich würde sie Hamburg und halb Norddeutschland zusammentrommeln, um für mich alles rückgängig zu machen. Sanft ist sie nur, wenn es nicht um mich geht.

Elisabeth sah Tanja mit so ernster Miene an, dass diese sich unwohl fühlte und plötzlich spürte, dass ihre alte Scheu vor Elisabeth, die sie seit dem ersten Tag begleitete, verschwunden war. Die Stadt war für jemanden wie sie immer fremd geblieben; im Dorf war sie als Streberin gehänselt worden, hier fühlte sie sich wie eine Außerirdische.

Ein Spruch ihrer Großmutter kam ihr in den Sinn:

Kind, wenn du es schaffst, eine Hühnersuppe auf deinem eigenen kleinen Garten zu ziehen, habe ich keine Sorgen mehr!

Die kleine Tanja stand also im Garten, jätete, kannte Möhren, Rote Bete, Kartoffeln und hörte von ihrer Mutter, dass die Zwiebeln dieses Jahr nicht gut waren.

Mit fünf Jahren wusste sie schon zu viel.

Sie wusste, was es bedeutet, mit getrennten Eltern aufzuwachsen, obwohl ihr Vater nur ein paar Orte weiterlebte und nichts von ihr wissen wollte. Seine neuen Zwillingssöhne gingen sogar in Tanjas Klasse kein sonderlich herzliches Verhältnis, und das störte sie nicht. Nach dem Tod der Großmutter war nur noch die Mutter, Helene, für Tanja da.

Helene, von Natur aus sanft und gutmütig, wurde oft belächelt: Verwöhnst dein Kind zu sehr, Helene! Pass auf, dass du sie nicht verziehst!

Doch Helene hörte nicht hin. Sie arbeitete im Stall, sparte jeden Cent was selten einfach war , und träumte, dass ihre Tochter es eines Tages besser haben würde.

Vor der Abreise weinten sie tagelang gemeinsam, dicht aneinander gekuschelt.

Mama, wie soll ich nur ohne dich auskommen?

Du schaffst das! Sonst hätte ich dich nie gehen lassen. Und wir haben ja keine Wahl, Kind. Du wirst Ärztin, mein Schatz, du machst das! Wer, wenn nicht du? Ich helfe, so gut ich kann. Auch wenn ich weit weg bin, bin ich immer da. Du hast ein Zuhause vergiss das nie! Wenn es schwer wird, halt durch. Und wenn du nicht mehr kannst du weißt ja, wie du mich findest.

Damals schwor sich Tanja, erst mit dem Diplom heimzukehren. Sie wollte ihre Mutter nicht enttäuschen. Und sie hatte von klein auf den Wunsch, anderen zu helfen, mit Verband und Pflaster, wie Oma einst an der Puppe zeigte.

Sie lernte, mied enge Freundschaften, weil sie Zeit fürs Lernen brauchte. Sie war vorsichtig, das Leben wie ein Seiltanz ein falscher Schritt und alles wäre vorbei.

Erst die Geschichte mit Elisabeth änderte das. Nachdem sie deren Eltern die Geschehnisse erklärt und jede Dankbarkeit abgewehrt hatte, verschwand sie. Einen Monat später begegneten sie sich wieder, nun auf Augenhöhe. Inzwischen war Elisabeth aus der Klinik entlassen, und aus einer einseitigen wurde eine echte Freundschaft.

Elisabeths Gesellschaft blieb Tanja meist fremd, doch mit Elisabeth selbst und der alten Schulfreundin Annemarie verbrachte sie viele Nachmittage in Hamburg. Sie waren ihre ersten und einzigen engen Freundinnen.

Das Studium war absolviert, und Tanja fand eine Stelle in einer angesehenen Hamburger Klinik. Bemerkenswert war sie schon längst, doch groß wurde ihr eigenes Leben davon nicht. Die neue, kleine Mietwohnung nicht weit von der Arbeit war für sie ein Palast endlich keine langen Fahrten mehr frühmorgens!

Helene kam zweimal im Jahr zu Besuch und war stolz:

Ich bin so stolz auf dich, mein Kind!

Sei stolz auf dich, Mama! Ohne dich hätte ichs nie geschafft!

Ach. Unsinn. Ich hab nicht studiert. All das hast du allein erreicht das ist mehr, als viele sagen können. Manchmal ist niemand da, der einen an die Hand nimmt. Ich konnte wenig tun.

Ach, Mama du irrst dich so sehr! Ich wusste immer, dass ich dich habe. Nur das hat mich getragen.

Tanja blies schiefbackig die Backen auf, tat so, als ginge sie unter, und lachte dann zusammen mit Helene los.

Für andere war Tanja nie leichtsinnig, die Mutter am ehesten alle anderen fanden sie zu ernst.

Lach endlich, Tanja! Wir sind doch nicht deine Patienten! Elisabeth umarmte sie, versuchte, ihr die Nase zu küssen. So bleibst du für immer altjüngferlich! Wie sollen wir dich denn mal verheiraten, so ernst wie du bist? Männer mögen sowas nicht!

Was denn sonst? Tanja wich ihren Küsschen aus.

Männer mögen leichtlebige Gänschen! Mit süßen Lippen und keine Vorträge über die Wirkung von Alkohol. Solche halt, die keine Referate halten! Kapiert?

Inzwischen lebte Elisabeth mit Martin zusammen und hielt sich in Herzensdingen schon für Expertin.

Doch Tanja beobachtete beunruhigt, wie es mit Elisabeth und ihrem Martin weiterging. Er war solide, wusste, was er wollte, doch das Leben blitzte in ihm kaum auf. Alles geregelt und geplant. Einerseits gut, aber Elisabeth, einst so sprühend, wurde immer düsterer.

Nichts ändert sich, Tanja. Und wirds wohl fünf Jahre lang auch nicht.

Wie kommst du darauf? Tanja schenkte Tee nach. Ich hab die ganze Nacht von einer Tasse heißem Tee nach der Schicht geträumt, gestern zwei Operationen durchgezogen.

Er hat gesagt, zwischen uns laufe alles nach Plan und hat mich gebeten, die Zeit nicht zu drängen.

Darfst du das Drehbuch wenigstens lesen?

Haha! Nur grob umrissen, sonst nichts. Und dann will er Kinder erst in zehn Jahren.

Warum?

Weil er erst dann alles bieten kann, was wichtig für ihn ist: Schule, Freizeitangebote, Sport. Mein Sohn soll Eishockey spielen, meine Tochter Eiskunstlauf und Ballett.

Nicht dein Ernst? Tanja starrte fassungslos.

Doch. Nur so! Außerdem soll ich dann zehn Jahre meinen Beruf aufgeben, um die Kinder zu erziehen. Ob ich danach wieder arbeiten darf ist noch offen. Tanja, das erdrückt mich. Ich kann unter so viel Planung kaum noch atmen. Was soll ich tun?

Fragst du mich?

Wen denn sonst? Tränen rannen über Elisabeths Wangen. Annemarie ist im Glück, und ich Ja, ich beneide sie! So sehr, dass ich schreien könnte! Wenn ich sehe, wie sie ihren Arne ansieht, wird mir ganz weh!

Tanja rückte näher, nahm Elisabeth in den Arm.

Komm her, meine Heulsuse! Du arme. Tanja trocknete ihr die Tränen. Liebst du ihn denn, deinen Martin?

Das Schweigen sagte mehr als tausend Worte.

Doch bevor Tanja weiterfragen konnte, klingelte ihr Handy.

Als Tanja ins Display sah, wurde ihr Gesicht hart.

Was ist?

Mama

Tanjas Augen wurden dunkel, als schaute ein Gewitter auf die Welt.

Sie hat einen Schlaganfall. Ich muss nach Lübeck fahren, Elisabeth.

Natürlich, natürlich.

Sag Annemarie ab. Ich schaffe es nicht zu ihrer Hochzeit. Und, wenn ich dich noch um was bitten darf

Was denn?

Die Arbeit regle ich, aber Wohnung und Sachen schaffe ich nicht. Könntest du

Tanja, willst du denn ganz zurückgehen?

Gibts denn Alternativen?

Ich weiß nicht. Pflege? Oder deine Mutter hierher holen?

Nein, das ist kein Weg. Kennst du das Sprichwort Daheim werden die Menschen gesund? Ich glaube daran. Man muss dort leben, wo man hingehört. Und für mich bedeutet das: bei meiner Mutter zu sein. Da gibt es nichts zu diskutieren. Ich richte alles, wie es sein soll.

Du entscheidest so schnell, Tanja. Überleg noch mal!

Natürlich überlege ich, aber nicht das. Die Entscheidung steht. Weißt du, Elisabeth das Leben ist zu kostbar. Man muss mit denen leben, die man liebt. Das ist das Einzige, was zählt.

Stimmt

Warum wundert dich dann meine Entscheidung?

Die Wahl. Du machst das so leicht, als würdest du alles, was du aufgebaut hast, aufgeben. Dabei wollte deine Mutter doch, dass du Ärztin wirst, Karriere machst.

Ja. Sie wollte das und ich habe es getan. Ist das das Wichtigste, Elisabeth?

Sanft lächelte Tanja, schnappte sich die Tasche, legte einige Euro unter die Tasse, und war verschwunden.

Lange noch schaute Elisabeth ihr nach, ohne die Tränen zu bemerken, die still über die Wangen liefen. Die Kellner warfen ihr verstohlene Blicke zu und ließen sie in Ruhe, damit sie sich fangen konnte.

Fünf Jahre später, früh im Juli, hielt ein Auto am frisch gestrichenen Gartentor eines kleinen schleswig-holsteinischen Dorfes. Tanja sprang auf die Veranda, schützte die Augen vor der Sonne.

Sascha! Sie sind da!

Sascha, ihr kräftiger Mann, nickte und legte den schlafenden Sohn ins Kinderwagenkörbchen.

Er schläft.

Super! Mach das Tor auf, ich begrüß schon mal Elisabeth.

Mit schnellen Schritten küsste Tanja die im Sessel dösende Mutter und öffnete das Tor.

Herzlich willkommen! Dennis, fahrt direkt in den Hof!

Tanja, du gehörst auf den Scheiterhaufen! Elisabeth, die ihre schläfrige Tochter auf dem Arm balancierte, schloss Tanja in die Arme.

Wofür das denn?

Du bist eine Hexe! Sag mal ich renn zu Kosmetikerinnen, kein Effekt, und du wirst immer jünger! Wo bleibt die Gerechtigkeit?

Gibt es nicht! Zumindest nicht so oft, wie man denkt. Tanja nahm ihr die Tochter ab und betrachtete Elisabeth, die sich leicht gerundet hatte. Wann ist es soweit?

Im Dezember!

Und?

Ein Junge! Genau wie ich es mir immer gewünscht habe erst ein Mädchen, dann ein Junge.

Schön!

Warte ab!

Wieso?

Am schönsten: Meine Schwiegermutter hat gesagt, sie hört auf zu arbeiten und hilft mit den Kindern, damit ich wieder operieren kann! Tanja, solche Frauen gibts noch in Deutschland! Ich liebe sie! Verstehst du?

Klar! Und deine Eltern?

Mama ist krank, Vater wie immer beschäftigt. Alles wie immer. Aber genug von mir. Wie gehts euch?

Tanja lächelte, winkte Elisabeth mit und hob das Tuch vom Wagen.

So!

Der kleine Junge darin war Tanja wie aus dem Gesicht geschnitten. Elisabeth kicherte.

Deine Kopie!

Meine Mutter meint, er sieht Sascha ähnlich.

Und sie selbst?

Geht so. Geht langsam, backt wieder Kuchen. Sie ist nach dem Herzinfarkt vor einem Jahr schnell erschöpft, aber wir halten durch.

Elisabeth deckte den Wagen wieder zu, küsste die auf Tanjas Arm eingenickte Tochter und sagte leise:

Danke, Tanja!

Wofür?

Für alles. Für das Gespräch damals. Weil du mir damals so deutlich gezeigt hast, wie viel eine Entscheidung im Leben bedeutet. Es tut mir leid, dass deine Mutter damals krank wurde, aber ich bin ihr dafür auch dankbar. Ohne das alles hätte ich wahrscheinlich noch immer mit Martin gelebt und gemeint, er sei der einzig richtige Mann. Hätte Dennis nie getroffen, keine Sophia bekommen, wäre nie so glücklich gewesen Ich wusste gar nicht, dass man so glücklich sein kann, Tanja. Dachte, das gibts nur in Büchern. Aber es reicht ein Schritt, und das Glück schmiegt sich an wie eine Katze und bleibt einfach.

Na, war das auswendig gelernt? Tanja zwinkerte und wich geschickt aus, als Elisabeth sie halb belustigt halb empört anherrschte. Hey, nur nicht handgreiflich werden!

Du bist gemein, Tanja! Ich schütte dir mein Herz aus, und du

Ich kenn dein Herz doch in- und auswendig! Tanja zwinkerte, ging Richtung Haus. Geh, wasch dich frisch mit Dennis oder hüpf direkt in den See. Ich leg Sophia in euer Zimmer, Mittagessen ist fertig, wenn ihr zurück seid.

Ach, wie gut das tut! Elisabeth dehnte sich und hüpfte. Vermisst du die Arbeit nicht, Tanja?

Keine Zeit zum Vermissen. Manchmal denke ich an die Klinik zurück da hatte ich wenigstens Schichtplan. Hier gibts keinen. Aber die Leute die brauche ich hier, und ich bin hier wichtig wie nie. Das gibt es sonst nirgends für mich. Klar vermisse ich manchmal den OP, aber daran zurückkehren Vielleicht später. Jetzt nicht. Mein Platz ist hier.

Im Wagen regte sich Tanjas Sohn, Sophia öffnete langsam die Augen, und während das Leben draußen lief wie ein fröhlicher Sonnenstrahl, hielt auch die Zeit manchmal den Atem an, um Kinderlachen und das Lied dreier weiblicher Stimmen einzufangen, die beim Erdbeerenputzen durchs Haus klangen.

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Homy
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– Alle sind zur Feier eingeladen, nur du nicht – verkündete die Schwester im Familienchat