Ich fuhr mit einer Seniorenreisegruppe nach Italien: Niemals hätte ich gedacht, dass ich im Schatten des Kolosseums einem Mann begegne, der in mir das Gefühl von Jugend neu entfacht

Vor vielen Jahren trat ich eine Reise nach Bayern an, gemeinsam mit einer Gruppe rüstiger Rentnerinnen und Rentner. Ich hatte keine großen Erwartungen ein paar Tage unterwegs, Sehenswürdigkeiten besichtigen, ein paar Erinnerungsfotos für mein Album, vielleicht das eine oder andere Andenken für die Enkelkinder. Es ging mir einfach darum, dem grauen Alltag und der Einsamkeit, die sich über die Jahre immer stärker in meinem Leben breitgemacht hatte, für kurze Zeit zu entkommen.

Ich dachte, München, Nürnberg oder Regensburg würden für mich lediglich weitere Häkchen auf meiner langen Liste touristischer Ziele. Doch im Schatten der ehrwürdigen Münchner Frauenkirche begegnete mir ein Mann, der etwas in mir aufwühlte, von dem ich glaubte, es längst verloren zu haben: das Gefühl, wieder jung zu sein.

Ich erinnere mich noch an den Augenblick damals, als ich unter den hohen Bögen der Kirche stand und den Klang der Orgel bewunderte. Der Reiseleiter erzählte etwas über die Geschichte der Wittelsbacher, aber meine Gedanken schweiften längst in ferne Träume ab. Plötzlich hörte ich neben mir ein leises Lachen: Ob die alten Bayern damals auch schon so über das Wetter gemeckert haben wie wir jetzt?

Ich drehte mich um und sah ihn groß, graumeliert, mit einem Blick, der gleichzeitig vertraut und abenteuerlich wirkte. Er trug eine hellblaue Leinenhemd und einen schlichten Sonnenhut, doch als er mich ansah, hatte ich das Gefühl, als würde der ganze Platz nur uns beiden gehören.

Wir kamen ins Gespräch. Sein Name war Dieter, auch er war seit einigen Jahren Witwer und genoss nun seinen wohlverdienten Ruhestand. Er war allein angereist, weil er, wie er es ausdrückte, nicht noch länger darauf warten wollte, bis das Leben endlich stattfindet.

Die Unterhaltung mit ihm war überraschend leicht, voller Humor und Vertrautheit, als würden wir uns schon ein Leben lang kennen. Wir tranken gemeinsam einen Kaffee in einem kleinen Straßencafé, umringt vom geschäftigen Treiben Münchens, während ich zum ersten Mal seit langer Zeit spürte, dass mir jemand wirklich zuhört und sich für meine Gedanken interessiert.

Die folgenden Tage veränderten sich. Wir saßen nebeneinander im Reisebus, gingen gemeinsam zum Mittagessen, verloren uns in den Menschenmengen der Altstädte und fanden uns immer wieder durch einen Blick. Es war eine Unschuld darin, aber auch eine spannende Erwartung.

Abends im Hotel, während die Gruppe Karten spielte oder den Fernseher laufen ließ, standen wir oft gemeinsam auf dem Balkon, sahen hinunter auf das Lichtermeer der Stadt und sprachen über alles über Kinder, die Vergangenheit, darüber, wie seltsam schön es ist, das Herz wieder schneller schlagen zu spüren.

Ich fühlte mich wie ein junges Mädchen. Plötzlich wollte ich mich wieder schön machen, begann mich zu schminken, lachte auf einmal viel öfter. Die anderen Frauen sahen mich teils wohlwollend, teils mit einem leisen Anflug von Neid an. Aber ich spürte, dass ich wieder einen Teil von mir gefunden hatte, den ich längst verloren geglaubt hatte hinter Alltag und Einsamkeit.

Doch je näher das Ende der Reise rückte, desto öfter stellte ich mir die Frage: Was passiert danach? Er wohnte über 400 Kilometer von mir entfernt irgendwo am Fuße des Schwarzwaldes, ich in der Nähe von Hamburg. Zwei Leben, zwei Geschichten. Verbunden nur durch diese eine Woche, diesem winzigen Ausnahmezustand. Reicht das, um über mehr nachzudenken?

Am letzten Tag schlenderten wir, abseits der Reisegruppe, durch das herbstliche München. Wir saßen auf den Stufen der Bayerischen Staatsoper, teilten uns eine riesige Breze und schauten schweigend in die Ferne. Schließlich sagte Dieter: Weißt du ich habe mich schon lange nicht mehr so lebendig gefühlt. Aber ich habe Angst, dass alles wieder in der Routine verblasst, wenn wir nach Hause fahren. Du hast dein Leben, ich meines. Vielleicht ist das alles nur ein schöner Traum, mehr nicht?

Ich wusste keine Antwort. In mir kämpften zwei Stimmen. Die eine wollte glauben, es könnte wirklich der Anfang von etwas werden, auf das ich nie mehr zu hoffen wagte; die andere flüsterte, dass es wohl doch nur ein flüchtiges Glück war, vergänglich wie die Sommerluft über der Isar.

Wir verabschiedeten uns am Hauptbahnhof, die Umarmung dauerte länger als gewöhnlich, und unsere Blicke hielten mehr als Worte sagen konnten. Wir tauschten Telefonnummern aus, doch keiner von uns sprach offen den Wunsch aus, einander wieder zu sehen.

Heute, wenn ich an diese Reise zurückdenke, weiß ich nicht, wie ich sie einordnen soll. Sie war wie ein schöner, intensiver, aber zerbrechlicher Traum. Vielleicht hatte Dieter recht und es war nur ein vergängliches Bild, vielleicht aber auch wäre es feige, dem Schicksal keine zweite Chance zu geben.

Und ich frage mich immer wieder: Ist es das wert, die gewissenhafte Ruhe eines geordneten Lebens aufs Spiel zu setzen für ein Gefühl, das in so unerwartetem Moment zurückkam? War es nur ein Abenteuer unter weißblauem Himmel, oder gar der Anfang einer Geschichte, deren Ende ich noch nicht kenne? Mein Herz pocht noch immer beim Gedanken an ihn, während mein Verstand warnt, dass es verrückt ist.

Vielleicht erzähle ich deshalb diese Geschichte: um andere zu fragen, ob man nach fünfzig, sechzig oder noch mehr Jahren noch das Recht hat, sich auf Neues einzulassen? Oder ob man lieber eine schöne Erinnerung sicher in seinem Herzen aufbewahren und es dabei belassen sollte? Denn letztlich kann niemand vorhersagen, wohin solche Gefühle einen führen können auch nicht, wenn man schon ein ganzes Leben gelebt hat.

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Homy
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Ich fuhr mit einer Seniorenreisegruppe nach Italien: Niemals hätte ich gedacht, dass ich im Schatten des Kolosseums einem Mann begegne, der in mir das Gefühl von Jugend neu entfacht
„Du ziehst aus ihm einen Waschlappen groß“ — Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt? Ludmila Petrowna marschierte an ihrer Schwiegertochter vorbei und zog unterwegs die Handschuhe aus. — Guten Tag, Frau Petrowna. Treten Sie doch ein. Ich freue mich auch sehr, Sie zu sehen. Die Ironie prallte am Ziel vorbei. Die Schwiegermutter warf die Handschuhe auf die Kommode und drehte sich zu Maria um. — Kostja hat mir schon am Telefon erzählt. Ganz begeistert, sagt er – ich darf jetzt Klavier spielen! Was soll das denn bitte? Ist er etwa ein Mädchen? Maria schloss langsam, vorsichtig die Haustür. Hauptsache, sie verliert nicht die Fassung und schreit nicht alles raus. — Das heißt, Ihr Enkel wird Musik lernen. Es gefällt ihm wirklich sehr. — Gefällt ihm! – Frau Petrowna spottete, als hätte Maria den größten Unsinn erzählt. – Er ist sechs! Er weiß doch selbst nicht, was ihm gefällt. Du musst ihm sagen, was richtig ist. Ein Junge, ein Erbe, mein Enkel – und was machst du aus ihm? Frau Petrowna ging in die Küche, stellte routiniert den Wasserkocher an. Maria folgte ihr, die Zähne so fest zusammengepresst, dass ihr schon die Kiefer schmerzten. — Ich ziehe aus ihm ein glückliches Kind groß. — Du ziehst aus ihm einen Waschlappen und Schwächling! – Frau Petrowna stemmte die Hände in die Hüften. – Du hättest ihn zum Fußball schicken sollen! Oder zum Ringen! Damit aus ihm ein richtiger Mann wird, und nicht… nicht irgendein Klavierspieler! Maria lehnte sich an den Türrahmen. Zählte bis fünf. Es half nichts. — Kostja wollte es von sich aus. Wirklich. Er liebt Musik. — Der liebt das! – Die Schwiegermutter winkte ab. – Sergej hat in dem Alter mit den Jungs auf dem Hof getobt, Eishockey gespielt! Und deiner? Wird Tonleitern üben? Peinlich! Da riss bei Maria innerlich etwas. Sie stieß sich vom Rahmen ab und ging auf ihre Schwiegermutter zu. — Sind Sie jetzt fertig? — Nein, noch lange nicht! Ich wollte Ihnen schon sagen… — Und ich wollte Ihnen längst sagen – Kostja ist mein Sohn. Meiner. Und ich bestimme allein, wie ich ihn erziehe. Und Sie halten sich da raus. Ludmila Petrowna wurde feuerrot. — Wie redest du mit mir?! — Verlassen Sie bitte mein Haus. — Was?! Maria ging zur Garderobe, riss ihren Mantel vom Haken und drückte ihn Ludmila Petrowna in die Hand. — Raus aus meinem Haus. — Du schmeißt mich raus?! Mich?! Maria öffnete die Haustür, packte Ihre Schwiegermutter am Arm und zerrte sie zur Tür. Ludmila Petrowna wehrte sich, wollte sich losreißen, doch Maria blieb hartnäckig und bugsierte sie nach draußen. — Ich krieg, was ich will! – Ludmila Petrowna drehte sich auf der Treppe um, das Gesicht vor Wut verzerrt. – Du wirst mir nicht erlauben, meinen einzigen Enkel zu verderben! — Auf Wiedersehen, Frau Petrowna. — Sergej erfährt von allem! Ich erzähl’ ihm alles! Maria knallte die Tür zu, lehnte sich dagegen und atmete aus. Lange, langsam, bis alles raus war. Noch eine Weile hörte man hinter der Tür gedämpfte Schreie, dann Schritte die Treppe hinunter. Nach zwei Minuten war alles still. Die Schwiegermutter hatte endgültig genug. Ihre ständigen Einmischungen, Ratschläge, Vorhaltungen: Wie man erzieht, was man füttert, was man anzieht – und Sergej sieht das nicht als Problem: „Sie meint es nur gut“, „Sie ist erfahren“, „Stell dich doch nicht so an“. Seine Mutter war für ihn unantastbar, jedes Wort von ihr Gesetz. Maria musste das tagtäglich aushalten. Wieder und wieder. Aber nicht heute. Sergej kam gegen acht von der Arbeit heim. Maria hörte das Klackern des Schlosses und wusste sofort, dass die Schwiegermutter schon angerufen hatte. Daran, wie der Mann die Schlüssel auf die Kommode knallte. Daran, wie er schwerfällig in die Küche ging, ohne ins Kinderzimmer zu schauen, wo Kostja Cartoons sah. — Kostja, Liebling, bleib kurz hier, – Maria hockte sich zu ihrem Sohn, stülpte ihm die Kopfhörer aufs Ohr, startete auf dem Tablet seine Lieblingsserie mit Robotern. – Papa und ich müssen reden. Kostja nickte, schaute auf den Bildschirm. Maria schloss vorsichtig die Tür zum Kinderzimmer und ging in die Küche. Sergej stand am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt. Er drehte sich nicht um, als Maria eintrat. — Du hast meine Mutter rausgeschmissen. Keine Frage. Eine Feststellung. — Ich habe sie gebeten zu gehen. — Du hast sie rausgeworfen! – Sergej fuhr herum, die Kiefermuskeln mahlten. – Zwei Stunden hat sie am Telefon geheult! Zwei Stunden, Maria! Maria setzte sich an den Tisch. Die Beine schmerzten nach dem Arbeitstag, und jetzt das auch noch. — Und es stört dich nicht, dass sie mich verletzt hat? Sergej stockte kurz, winkte dann ab. — Sie sorgt sich nur um ihren Enkel. Was ist daran so schlimm? — Sie hat unseren Sohn als Weichei und Schwächling bezeichnet. Unseren Sohn, Sergej. Ein sechsjähriges Kind. — Na, sie hat sich halt im Ton vergriffen, kommt vor. Aber in dem Punkt hat Mama Recht, Maria. Ein Junge braucht Sport. Teamgeist, Durchhaltevermögen… Maria sah den Mann lange an, bis er den Blick senkte. — Ich musste als Kind zur Gymnastik gehen. Meine Mutter hat entschieden: Du wirst Turnerin, basta. Fünf Jahre, Sergej. Fünf Jahre habe ich vor jedem Training geweint. Spagat durch Schmerzen, abgenommen vom Stress, habe sie angefleht, mich rauszunehmen. Sergej schwieg. — Ich kann bis heute keine Turnhallen ertragen. Bis heute. Und meinem Sohn tue ich sowas nie an. Will er zum Fußball – gerne. Aber nur, wenn er wirklich will. Gegen seinen Willen? Niemals. — Mama meint es nur gut… — Dann soll sie sich noch ein Kind kriegen und erziehen, wie sie will – Maria stand auf. – Bei Kostja lasse ich sie ab jetzt nicht mehr rein. Und dich auch nicht, wenn du weiter auf ihrer Seite bist. Sergej wollte etwas sagen, doch Maria verließ die Küche. Den Rest des Abends schwiegen sie. Maria brachte Kostja ins Bett, saß noch lange im Dunkeln bei ihm und lauschte seinem ruhigen Atem. Die nächsten zwei Tage verstrichen wortlos, dann machte Sergej beim Abendessen einen Scherz, Maria lächelte – das Eis begann zu brechen. Bis Freitag redeten sie wieder normal, aber das Thema Schwiegermutter mieden beide sorgfältig. Am Samstagmorgen fuhr Maria plötzlich hoch. Sie blieb liegen, blinzelte auf die Uhr – acht Uhr. Zu früh für einen freien Tag. Sergej schlief neben ihr, Kostja wohl auch noch. Was war das? Dann dieses leise metallische Geräusch aus der Diele. Der Schlüssel dreht sich. Maria sprang auf, das Herz klopfte bis zum Hals. Einbrecher? Am helllichten Tag? Sie schnappte ihr Handy, schlich auf Zehenspitzen in den Flur. Die Haustür flog auf. Vor der Tür stand Ludmila Petrowna. In der Hand ein Schlüsselbund. Im Gesicht ein siegessicheres Grinsen. — Guten Morgen, Schwiegertöchterchen. Maria stand barfuß auf dem kalten Flur, die ausgebeulte T-Shirt und Pyjamahose, während die Schwiegermutter sie ansah, als ob sie alles Recht der Welt hätte, am Samstag um acht Uhr fremde Wohnungen zu betreten. — Woher haben Sie die Schlüssel? Ludmila Petrowna schwenkte triumphierend das Bund. — Sergej hat sie mir gegeben. Vorgestern vorbeigebracht. Hat gesagt: Mama, vergib ihr, sie wollte dich nicht verletzen. So hat er für deine Ausfälle Abbitte geleistet. Maria blinzelte. Einmal. Noch mal. Versuchte das Gehörte zu fassen. — Was wollen Sie hier? So früh? — Ich hole meinen Enkel ab, – Schwiegermutter legte schon den Mantel auf den Haken. – Mach dich fertig, Kostja! Die Oma hat dich zum Fußball angemeldet, heute ist das erste Training! Die Wut überflutete sie wie Feuer. Heiß, stickig, blendend, rasend. Maria stürmte ins Schlafzimmer. Sergej lag abgewandt, tat so als schliefe er – Maria sah, dass die Schultern unter der Decke angespannt waren. — Steh auf! — Maria, bitte nicht jetzt… Maria riss ihm die Decke weg, griff nach seiner Hand und schleifte ihn ins Wohnzimmer. Sergej stolperte, wollte sich losreißen, doch Maria ließ ihn nicht weg. Ludmila Petrowna thronte bereits auf dem Sofa, ein Bein über das andere, blätterte in der Zeitschrift vom Couchtisch. — Du hast ihr den Schlüssel gegeben, – Maria blieb mitten im Zimmer stehen, immer noch die Hand des Mannes umklammert. – Von meiner Wohnung. Sergej schwieg. Stand unruhig hin und her. — Das ist meine Wohnung, Sergej. Meine. Ich habe sie vor der Ehe gekauft. Von meinem eigenen Geld. Wie konntest du deiner Mutter den Schlüssel zu meinem Haus geben? — Ach wie kleinlich du bist! – Ludmila Petrowna warf die Zeitschrift weg. – Meins, deins… Du denkst nur an dich! Aber Sergej denkt wenigstens an seinen Sohn. Deshalb hat er mir die Schlüssel gegeben. Damit ich mit meinem Enkel richtig Kontakt halten kann, seitdem du mich nicht mehr reinlässt. — Halten Sie den Mund! Ludmila Petrowna schnappte nach Luft, aber Maria sah nur noch ihren Mann an. — Kostja geht auf KEINEN Fußball. Solange er es nicht will. — Das hast du nicht zu entscheiden! – Schwiegermutter sprang vom Sofa auf. – Du bist niemand! Nur eine Übergangslösung für meinen Sohn! Glaubst du, du bist die Einzige? Die Unersetzbare? Sergej erträgt dich nur wegen des Kindes! Stille. Maria drehte sich langsam zu ihrem Mann um. Er stand da, gesenkter Kopf. Schwieg. — Sergej? Nichts. Kein einziges Wort zu ihrem Schutz. Keine Silbe. — Gut, – Maria nickte. Kalte Klarheit überkam sie. – Übergangslösung. Und diese Lösung endet jetzt. Nehmen Sie ruhig Ihren Sohn mit, Frau Petrowna. Das ist nicht mehr mein Mann. — Das wagst du nicht! – Die Schwiegermutter wurde bleich. – Du hast gar nicht das Recht, ihn einfach zu verlassen! — Sergej, – Maria sprach ruhig und sah ihrem Mann in die Augen. – Du hast eine halbe Stunde. Pack deine Sachen und geh. Oder ich werf dich im Schlafanzug raus – ist mir egal. — Maria, bitte, lass uns reden… — Wir haben schon alles gesagt. Sie blickte zur Schwiegermutter und lächelte schief. — Den Schlüssel können Sie behalten. Ich lasse heute die Schlösser austauschen. …Die Scheidung dauerte vier Monate. Sergej versuchte zurückzukommen, rief an, schrieb, kam mit Blumen. Ludmila Petrowna drohte mit Gericht, Jugendamt, und Verbindungen. Maria engagierte einen guten Anwalt und stellte das Handy aus. Zwei Jahre vergingen viel zu schnell… …Der Festsaal der Musikschule vibrierte vor Stimmen. Maria saß in der dritten Reihe, krallte sich in das Programmheft. „Konstantin Voronow, 8 Jahre. Beethoven, Ode an die Freude“. Kostja trat auf die Bühne – ernst, konzentriert, im weißen Hemd und schwarzen Hosen. Setzte sich ans Klavier, legte die Hände auf die Tasten. Die ersten Töne erfüllten den Saal, und Maria hielt den Atem an. Ihr Junge spielte Beethoven. Ihr achtjähriger Sohn, der von sich aus in die Musikschule wollte, der stundenlang übt, der dieses Stück für den Auftritt ausgesucht hat. Als der letzte Akkord verklang, brach Applaus los. Kostja erhob sich, verbeugte sich, entdeckte seine Mutter im Publikum und lächelte – breit, glücklich. Maria klatschte mit allen anderen, und Tränen liefen ihr über die Wangen. Genau richtig. Sie hatte alles richtig gemacht. Sie hatte ihren Sohn an erste Stelle gesetzt – vor fremder Meinung, vor der Ehe, vor ihrer Angst, allein zu bleiben. Genau so muss eine Mutter sein…