Raus aus der Küche – Der Weg zu neuer Freiheit und Selbstverwirklichung

Raus aus der Küche

Frau Vera Krüger, Sie haben den Topf wieder an die falsche Stelle gestellt, sagte Grischa, der junge Koch mit den immer feuchten Händen, und deutete auf das Regal über der Spüle. Hier kommt das Saubere hin. Das Schmutzige da.

Grischa, ich arbeite jetzt schon drei Monate hier. Ich weiß, was wohin gehört.

Na, dann passen Sie es bitte an.

Vera stellte wortlos den Topf um. Sie hatte keine Kraft mehr zum Diskutieren. Die war irgendwann verschwunden mit ihrem alten Leben, mit dem Redaktionsstuhl und der grünen Lampe, die sie so geliebt hatte, und mit dem Atelier, das sie an Fremde abgeben musste, um die Pflege für ihre Mutter, die Medikamente und die Betreuung zu zahlen.

Der Abend im Restaurant Empire lief wie gewohnt. Im Gastraum dröhnten Stimmen, Lachen und das Klirren von Gläsern, der Duft von teurem Fleisch mit Rotweinsauce schwebte durch die Luft. Vera stand an der großen Edelstahlschülbürste und spülte die Teller, die man ihr stapelweise brachte. Sie waren noch heiß, die Reste darauf sahen nach Mahlzeiten aus, die sie sich nie leisten konnte. Ihre Hände waren rot vom warmen Wasser, die Schürze klatschnass bis zum Bund.

In Gedanken war sie bei ihrem Skizzenbuch. Es lag in ihrem Spind in der kleinen Umkleide spiralgebunden, mit einem Einband in der Farbe von altem Gras. Im Februar hatte sie es sich noch vom letzten Vorschuss gegönnt, weil sie ohne das Zeichnen nicht hätte weitermachen können. Ohne das wäre sie verrückt geworden oder hätte sich selbst vergessen. Tellerwäscherin, siebenundfünfzig Jahre alt? Nein, also ja, im Moment, außen. Aber innen war da immer noch jemand anderes.

Manchmal, nachts, in ihrem angemieteten Zimmer in der Ludwigstraße, wo die Heizung brummte wie ein lebendiges Wesen und die Nachbarn manchmal laut stritten, setzte sie sich an den Tisch, machte die kleine Schreibtischlampe an und zeichnete. Nur für sich. Die Hände, müde vom Tag und vom Spülwasser, wurden wieder sicher und präzise. Sie zeichnete Straßen, Passanten, die alte Dame mit Hund, die sie morgens vor dem Haus gesehen hatte, einen Zweig mit Raureif vor dem Fenster, das Gesicht der Kassiererin vom Supermarkt gegenüber erschöpft, aber gütig. Die Linien entstanden leicht, als ob ihre Hand alles noch wüsste, selbst wenn ihr Kopf an nichts mehr glauben wollte.

Fast zwanzig Jahre hatte sie als Illustratorin gearbeitet. Erst für eine kleine Zeitschrift, dann im Sternenhaus-Verlag für Kinderbücher, und Vera liebte diese Arbeit wirklich. Sie erfand Hasen und Füchse, die menschlich waren mit Charakter und Sorgen. Sie liebte den Augenblick, wenn die Belegexemplare kamen und sie die Bücher in der Hand halten konnte: Da, das habe ich gezeichnet.

Irgendwann kam die Krise. Erst wurden die Auflagen kleiner, dann die Abteilung, dann hieß es: Frau Krüger, wir schätzen Sie sehr, aber Nach diesem aber kam selten etwas Gutes. Mit vierundvierzig war Vera das erste Mal arbeitslos, ohne regelmäßiges Einkommen mit dem Gefühl, dass unter ihren Füßen der Boden wegrutschte.

Die Ehe war da schon am Zerbrechen. Ihr Mann, Andreas, war kein schlechter Mensch, aber schwach, wenn es darauf ankam. Solange das Geld reichte, war er freundlich. Als es knapp wurde, suchte er Streit, dann Ausreden, dann blieb er abends länger weg. Vera wollte es nicht wahrhaben, bis sie nicht anders konnte. Sie trennten sich still, zu erschöpft für Dramen.

Dann wurde ihre Mutter krank.

Schlaganfall. Die linke Seite gelähmt. Erst Krankenhaus, dann zu Hause, dann wieder Krankenhaus. Vera fuhr täglich quer durch die Stadt, zahlte für Pflege, Arznei, Betreuung. Von Gelegenheitsaufträgen konnte sie kaum leben. Das Atelier wurde zu teuer. Sie musste es aufgeben, musste einen festen Job suchen mit geregeltem Verdienst und festen Zeiten. Spülen, im Empire. Was da war, war da.

Im Oktober des letzten Jahres starb ihre Mutter. Still, im Schlaf, wie jemand, der einfach nicht mehr aufwachen möchte. Vera blieb allein zurück, mit Schulden, dem Zimmer und dem Geschirr im Restaurant, das sie fünf Tage die Woche säuberte.

So war sie hier gelandet.

Frau Krüger, da wartet wieder ein Berg! rief Grischa von hinten.

Ich komme, erwiderte sie.

Sie nahm das Tablett und ging zur Spüle.

An diesem Abend waren die Gäste im Empire wie immer. Damen in Kleidern, Herren im Jackett, ab und an eine lautstarke, junge Gruppe, gelegentlich Geschäftspaare, die eher ins Handy als sich gegenseitig blickten. Vera bekam davon nichts zu Gesicht sie stand hinter der Wand, hinter der schweren Küchentür, hörte aber das Stimmengewirr, das Lachen, das Klirren. Manchmal auch ein lauter Wortwechsel.

Ein Gast kam fast jede Woche. Vera wusste davon, weil Svetlana, die Kellnerin, ihr einmal in der Umkleide erzählte:

Der am Tisch sechs immer allein. Bestellt immer dasselbe, isst langsam, nie mit dem Handy. Stiert nur aus dem Fenster. Eigenartig.

Vielleicht einfach einsam, meinte Vera.

Und? Ich bin auch allein, aber ich sitze wenigstens mit Freundinnen zusammen.

Vera erwiderte nichts. Sie wusste, dass Einsamkeit viele Gesichter hat manchmal sitzt man inmitten von Menschen und ist trotzdem allein, besonders dann, wenn der, der einem zugehört hat, nicht mehr da ist.

Der Gast an Tisch sechs kam mittwochs und freitags. Bestellte Lamm oder Rind, ein Glas Rotwein, manchmal eine Suppe. Er gab großzügig Trinkgeld, aber nie demonstrativ, legte es einfach ordentlich zu der Rechnung. Später erfuhr Vera, dass er Alexander Baumann hieß, aber zu diesem Zeitpunkt war er nur einer von vielen und Vera stand an der Spüle und dachte an ihr Skizzenbuch.

An diesem Freitag lief alles wie immer. Vera stand an der Spüle, heißer Dampf stieg auf, Grischa telefonierte in einer Ecke, die Industriespülmaschine brummte, und aus dem Gastraum kam der Hintergrundlärm.

Doch dann veränderte sich etwas.

Nicht abrupt, mehr ein Gefühl etwas stimmte nicht. Plötzlich ein kurz aufschreiender Gast, dann Stimmen, die aufgeregter klangen, schließlich ein richtiger Aufschrei.

Vera wischte sich die Hände am Schürzenbund ab und trat auf den Flur.

Die Metalltür zum Saal stand einen Spalt offen. Vera stieß sie auf.

Am sechsten Tisch saß ein mittelalter Mann, breitschultrig, im dunklen Sakko es war sofort klar, dass etwas nicht stimmte. Er fiel nicht um, aber sein Gesicht verzog sich, er rang mit der Luft, griff zum Hals diese Bewegung erkannte Vera sofort: Genauso hatte der Nachbar ihrer Mutter im Krankenhaus ausgesehen, als ihm das Gleiche passiert war.

Zwei Bedienungen standen ratlos herum, die Restaurantleiterin Martina hielt sich entsetzt eine Hand vor den Mund: Rufen Sie einen Krankenwagen! Jemand vom nächsten Tisch war aufgesprungen.

Vera schob sich einfach hindurch bis zum sechsten Tisch, stellte sich hinter den Mann, umfasste ihn, suchte mit den Fäusten den Punkt zwischen Brustbein und Bauchnabel und drückte. Einmal. Noch einmal. Der Mann war groß und schwer, sie musste sich richtig reinhängen, stemmte die Füße fest auf den Boden. Wieder. Schließlich hustete er laut, etwas flog hervor, er atmete wieder, erst keuchend, dann normal.

Vera ließ ihn los und trat einen Schritt zurück.

Es wurde mehrere Sekunden ganz still im Saal. Dann Reden, Rufe, Martina rannte zu dem Mann, Svetlana brachte Wasser, ein Gast vom Nebentisch klatschte Beifall, dem sich andere anschlossen.

Vera stand ungläubig, in nasser Schürze, mit roten Händen mitten im Saal, wusste nicht recht, was sie jetzt tun sollte.

Sind Sie Ärztin? fragte Martina.

Nein, ich spüle hier nur das Geschirr.

Sie drehte sich um und ging zurück in die Küche.

Ihre Hände zitterten leicht, als sie sie unter dem Wasserhahn wusch. Grischa starrte sie an.

Was war los?

Ein Herr hat sich verschluckt. Jetzt ist alles wieder gut.

Sie haben ihn echt gerettet?

Grischa, das Geschirr wartet.

Sie griff zu Schwamm und Spülmittel. Es gab viel zu tun.

Etwa zwanzig Minuten später wurde plötzlich die Küchentür geöffnet. Gäste betraten nie die Küche, das war streng verboten. Doch da stand er, der Mann im dunklen Sakko, schaute sich um und fragte:

Entschuldigen Sie, wo finde ich die Frau, die mir eben geholfen hat?

Grischa zeigte auf Vera.

Der Mann ging zu ihr an die Spüle. Vera war gerade mit einer großen Schüssel beschäftigt, als sie sich umdrehte: Hochgewachsen, markant, ein paar graue Strähnen, müdes Gesicht, graue Augen. Ein Mensch, dem es in letzter Zeit nicht gut gegangen sein konnte, das spürte man sofort.

Vera? Man sagte mir, Sie heißen so?

Ja.

Er schwieg, scheinbar suchend nach Worten. Dann sagte er schlicht:

Ich will Ihnen danken. Ich weiß nicht wie einfach danke.

Sie brauchen sich nicht zu bedanken. Es ist alles gut.

Nein, ist es nicht. Ich hätte Er stoppte, rieb sich die Stirn. Ich meine, wenn Sie nicht so schnell gekommen wären

Jeder hätte das gekonnt. Man musste nur wissen, wie.

Aber Sie kamen, und Sie wussten es.

Vera stellte die Schüssel ins Regal und griff nach dem nächsten Teller. Der Mann wich nicht von ihrer Seite.

Ist das Ihrs? fragte er plötzlich.

Vera blickte zu ihrem Arbeitsplatz. Dort lag ihr Skizzenbuch; sie hatte es heute aus dem Spind geholt und wollte dazu kommen, zwischen den Stoßzeiten zu zeichnen.

Ja, mein Skizzenbuch.

Darf ich?

Sie zuckte mit den Schultern. Er schlug es auf. Auf der ersten Seite: Die alte Dame mit Hund Vera hatte tagelang an den Linien gefeilt, an den Falten, dem schweren Schuhwerk, wie sie die Leine hielt, so alltäglich.

Er blätterte ein Ast im Frost, ein Junge auf der Schaukel, ein belebter Marktplatz, dann Hände, viele Hände Hände zeichnete sie immer, seit der Akademie.

Er betrachtete alles, lange schweigend.

Sie sind eine Künstlerin, sagte er. Keine Frage, eher eine Feststellung.

Ich war mal Künstlerin. Jetzt spüle ich Geschirr.

Warum?

Es gab verschiedene Gründe.

Er nickte, betrachtete nochmals den Markt, schloss das Buch und legte es zurück. Stand da, als wolle er noch etwas sagen, dann:

Mein Name ist Alexander Baumann. Ich bin Architekt. Ich habe eine Frage, aber zuerst: Warum tun Sie das nicht hauptberuflich? Er deutete aufs Skizzenbuch.

Vera schaute ihn an. Grischa hörte aufmerksam zu, während er Karotten putzte.

Kommt darauf an, was Sie unter professionell verstehen.

Ich meine: Arbeiten, bezahlt werden für Zeichnungen.

Herr Baumann, Sie hatten eben beinahe einen schlimmen Abend, Sie sollten sich vielleicht ausruhen.

Entspanne mich später. Bitte sagen Sie: Wollen Sie arbeiten? Richtig arbeiten, in Ihrem Beruf?

Etwas an seiner Stimme ließ Vera zögern. Kein Druck, keine gekünstelte Geschäftigkeit. Einfache, klare Ehrlichkeit.

Was für Arbeit? fragte sie ruhig.

Er nickte, reichte eine schlichte weiße Visitenkarte.

Rufen Sie mich morgen an, oder ich Sie, wenn ich Ihre Nummer bekomme. Ich erkläre es in Ruhe. Das ist keine Dankbarkeit, ich brauche wirklich jemanden mit Ihrem Blick.

Mit welchem?

Er deutete auf das Skizzenbuch.

Genau diesem.

Er verabschiedete sich, fast mit einer kleinen Verbeugung, und verließ die Küche. Grischa sah ihm nach.

Donnerwetter, murmelte er.

An die Arbeit, erwiderte Vera.

Sie steckte die Karte ein. Die Stimmen draußen klangen wieder gewohnt, als sei nichts gewesen.

Nachts lag sie lange wach. Im Bett, blickte zur Decke, hörte die Heizung. Dachte an das Skizzenbuch, wie er darin geblättert hatte. Lange hatte niemand mehr so aufmerksam auf ihre Zeichnungen gesehen. Nicht mit höflichem Lob, sondern einfach nur schauend. Und während er blätterte, veränderte sich sein Gesicht.

Am nächsten Morgen, Samstag, nahm sie die Visitenkarte und drehte sie lange in der Hand. Dann rief sie an.

Er nahm sofort ab, als hätte er gewartet.

Guten Morgen, Frau Krüger.

Woher kennen Sie meinen Nachnamen?

Die Restaurantleiterin Martina hat es mir gestern gesagt. Erzählen Sie mir etwas über sich, wenn Sie möchten. Dann erzähle ich vom Projekt.

Vera schilderte es knapp: Verlag, Illustrationen, die Krise, Mutter, Scheidung. Er hörte zu, unterbrach nicht. Dann erzählte er.

Das Architekturbüro hatte er selbst gegründet, zwölf Jahre zuvor, nach dem Ausstieg aus einer großen Firma. Sie waren ein kleines Team, arbeiteten an unterschiedlichsten Projekten, von Wohnhäusern bis Stadträumen. Vor einem Jahr gewannen sie den Auftrag, einen Park am Mainufer neu zu gestalten ein großes, bedeutendes Vorhaben. Pläne hatten sie erstellt, korrekt und exakt, doch beim Durchsehen meinten alle: “Es fehlt was.”

Die Pläne sind tot, sagte er, wissen Sie, was ich meine? Alles ist technisch in Ordnung, aber man sieht nicht, wie Menschen da leben könnten. Kein Leben, kein Alltag. Wir brauchen Visualisierungen, die das erfahrbar machen, die zeigen: Hier sitzt eine Oma, dort spielen Kinder, hier liest jemand unter Bäumen. Verstehen Sie?

Ja.

Ihre Skizzen Sie haben diese Gabe. Sie lassen es lebendig wirken.

Vera schwieg kurz, fragte dann:

Wie viel Zeit?

Vier Wochen. Bis zur Präsentation vor dem städtischen Planungsausschuss. Wenn wir es schaffen, wird der Park gebaut. Ein wirklicher Ort, für Menschen.

Irgendwas in ihr meldete sich bei diesen Worten.

Gut, sagte sie. Wann kann ich die Pläne anschauen?

Heute noch, wenn Sie wollen.

Das Büro von Alexander Baumann befand sich in einem Altbau mitten in der City, dritter Stock mit altweißer Holztreppe. Die Räume hoch, an den Wänden Pläne und Modelle, es roch nach Papier, Bleistift und etwas nach Kaffee.

Vier Mitarbeitende: Der junge Jan mit den riesigen Kopfhörern, scheinbar nie abgesetzt; eine Frau um die vierzig, sachlich, mit kurzem Schnitt sie hieß Ines und rechnete Konstruktionen; der alte Herr Becker, zuständig für Modelle; und noch Eric, zuständig für digitale Pläne.

Alexander breitete die Parkpläne auf dem großen Tisch aus, hielt sie mit Gewicht fest und erklärte ohne unnötige Fachbegriffe: Hier die Hauptallee, das ist der Brunnen, hier die Kinderzone, Bänke, Bäume.

Vera betrachtete und versuchte, es nicht als Linie, sondern als Leben zu sehen: Hier geht am Morgen ein Rentner mit Hund, mittags eine Mutter mit Kinderwagen, am Freitagabend ein Paar mit Blick auf den Fluss.

Darf ich vor Ort skizzieren? fragte sie.

Am Main? Natürlich, wollen Sie gleich?

Ja.

Sie gingen gemeinsam. Es waren nur fünfzehn Minuten zu Fuß, meist schweigend. Vera trug ihr Skizzenbuch. Alexander, Hände in den Taschen, lief langsam, mit dem abwägenden Gang von Profis, die beobachten.

Am Fluss war es an diesem Samstagmittag ruhig noch kein Frühling, die Bäume kahl, Erde grau, der Fluss tief und dunkel. Nur wenige Menschen unterwegs. Dort, wo der Park entstehen sollte, standen drei alte Bänke und zwei Bäume. Die Erde ringsum zertrampelt.

Vera blieb stehen, sah sich um, holte das Skizzenbuch hervor.

Zeichnen Sie jetzt? fragte Alexander.

Nur ein schneller Eindruck. Ich will mir den Geruch merken.

Er schaute sie irritiert an.

Geruch?

Na ja. Fluss, Erde, alte Blätter das sieht man später auch im Bild, ob man will oder nicht.

Er sagte nichts, während Vera rasch ein paar Linien zog das Ufer, die Bäume, einen Radfahrer, eine Mutter mit Kind.

Alexander blickte aufs Wasser, in sich gekehrt. Ein Gesicht, das nach innen sah.

Mochte Ihre Frau solche Orte? fragte Vera plötzlich, blickte aber nicht auf.

Nein, sie liebte das Meer, sagte, Flüsse seien zu langsam, machten traurig. Kurzes Schweigen. Gisela ist vor acht Monaten gestorben. Krebs. Es ging schnell.

Das tut mir leid.

Ja.

Vera zeichnete weiter, der Wind roch schon nach Wasser, nicht mehr nach Eis.

Zurück im Büro bei Kaffee zeigte Alexander, was sie brauchte: Eine Serie von etwa zwanzig Zeichnungen, verschiedene Bereiche, Tageszeiten, Menschen. Nicht geschönt, sondern wie echte Beobachtungen, sodass die Jury merkt: Das ist schon ein Stück echtes Leben hier.

Ich habe verstanden. Geben Sie mir eine Woche für die ersten fünf. Dann sehen wir, ob das so ist, wie Sie wünschen.

Abgemacht.

Vera fuhr nach Hause, in ihr möbliertes Zimmer an der Ludwigstraße. Die Heizung brummte, auf dem Tisch der kalte Tee vom Morgen. Sie setzte sich, Skizzenbuch vor sich, Bleistift in der Hand und überlegte lange.

Bis tief in die Nacht arbeitete sie an dem ersten Blatt: die Allee am Morgen, nur ganz wenige Menschen, ein älterer Herr mit Hund, Ferne, Dunst, ein paar Bäume mit knackig junger Krone, eine Frau auf der Bank, verträumt mit Buch, selig in diesen Morgen.

Am darauffolgenden Tag trug Vera die Zeichnung zu Alexander. Er betrachtete sie lange.

Genau das, sagte er schließlich.

Auch Ines kam dazu, sah schweigend drauf.

Sehr gut, sagte sie schlicht.

Vera spürte endlich wieder etwas, was sie lange vermisst hatte. Keine reine Freude, mehr ein stilles, tiefes Zufriedensein.

Die nächsten zwei Wochen arbeitete sie jeden Tag. Ging morgens an den Fluss, egal bei welchem Wetter, beobachtete, skizzierte. Abends zuhause oder im Büro entstanden die Reinzeichnungen. Alexander kam manchmal vorbei, meinte: Das Baum müsste eher dahin wegen des Plans, manchmal nickte er nur still, was mehr sagte als Worte.

Mit der Zeit sprachen sie auch über anderes. Manchmal gingen sie zusammen zum Ufer, wenn er Zeit fand. Er erzählte, wie der Park entworfen wurde, die Idee hinter dem Ort, warum diese Kurve, jener Brunnen. Mit Leidenschaft, nicht aus Routine.

Wissen Sie, woran man erkennt, ob ein öffentlicher Platz gut ist? fragte er auf einem Spaziergang.

Woran?

Die Menschen wählen ihren Platz selbst, nicht weil nichts anderes frei ist, sondern weil sie wirklich dort sitzen wollen.

Und wann sind Sie darauf gekommen?

Im dritten Semester. Mein Professor sagte mal: Architektur ist nicht nur Bau, sondern Gefühl. Ich habe das nie vergessen.

Der war sicher ein guter Lehrer.

Er lebt nicht mehr, aber ich erinnere mich an seine Stimme.

Vera erzählte ihrerseits von ihrer Zeit als Kinderbuchzeichnerin, über ihren Lieblingsfuchs, der ihr so ans Herz wuchs, dass sie ihn ein zweites Mal nur für sich malte und beim Umzug verlor. Alexander hörte zu, lächelte manchmal, leise, herzlich.

Ich habe auch so ein Herzprojekt, sagte er. Ein kleines Haus auf dem Land, gebaut für einen Einzelgänger. Nichts Großartiges, aber es ist mir wichtiger als alle Großen.

Warum?

Manchmal trifft das Kleine einen mehr als alles Große.

An einem kühlen Tag gingen sie nach einer langen Tour ins Café. Bei Heißgetränken meinte Alexander:

Sie wirken nicht wie jemand, der das Geschirrspülen liebt.

Stimmt. Tue ich auch nicht.

Warum haben Sie das dann so lange getan? Sie hätten doch weiter zeichnen können.

Vielleicht schon, aber da ist nie Sicherheit heute ein Auftrag, morgen keiner. Und ich hatte Schulden.

Jetzt immer noch?

Fast abbezahlt.

Er nickte.

Sie wissen, dass Sie im Empire fehlen werden?

Ich habe unbezahlten Urlaub, bis das Projekt durch ist.

Und danach?

Mal sehen. Vielleicht findet sich wieder was. Jetzt wissen Sie wenigstens, was ich kann.

Er sagte darauf nichts, schaute in die Tasse. Vera spürte, dass da noch etwas unausgesprochen war, fragte aber nicht nach.

Die Arbeit ging weiter, die Blätter füllten sich, der Rhythmus stand: Flussspaziergang, Zeichnen, Kontrolle am Abend. Vera fing an, die Menschen genau zu malen: Ein junges Paar, das aufs Wasser schaut; eine alte Dame, die Tauben füttert; Teenager auf Fahrrädern; eine Hundegängergruppe am Sonntagmorgen; eine Mutter mit Kinderwagen unter blühendem Geäst.

Alexander meinte manchmal:

Die Frau besser näher zum Brunnen, da soll eine Bank hin.

Gut.

Hier lieber Abendstimmung, mit den neuen Lampen.

Welche Lampen?

Er zeigte es auf dem Plan, sie nickte und zeichnete. Manchmal diskutierten sie:

Herr Baumann, der Weg hier ist zu gerade da sieht man ewig dasselbe. Ein kleiner Schlenker wäre besser.

Geht technisch nicht die Leitungen laufen da.

Aber die Bäume könnte man doch unregelmäßig pflanzen?

Nach Rücksprache mit Ines stimmte sie zu, die Bäume wanderten einige Meter auf dem Plan. Vera malte die Allee neu, mit zufälligen Schatten, voller Leben jetzt veränderte jede Biegung die Aussicht, ein Versprechen auf etwas Neues dahinter.

Genau so, kommentierte Alexander.

Im Büro wurde sie still akzeptiert. Jan mit den Kopfhörern kam schauen, fragte:

Immer mit Bleistift? Nie am Tablet?

Auch dort, aber Hand auf Papier denkt anders.

Er nickte anerkennend.

Herr Becker brachte ihr einmal einfach nur Tee wortlos. Eine größere Anerkennung gab es kaum.

Einige Motive aber wollten partout nicht gelingen: die Kinderspielzone war zuerst leblos und statisch. Vera probierte, zerriss, fing neu an. Dann verstand sie: Sie malte Kinder, die sie nicht kannte. An einem Samstag setzte sie sich auf einen Spielplatz in einem Wohnhof, beobachtete. Ein Fünfjähriger baute ernsthaft etwas im Sand, ein anderer hing kopfüber an der Stange, zwei Mädchen jagten sich lachend. Vera malte sie alle.

Die drei Blätter schaffte sie in zwei Tagen.

Alexander betrachtete sie besonders lange.

Woher kennen Sie diese Kinder?

Spielplatz vorm Haus.

Man merkt, sie sind echt.

Sind sie auch.

In der letzten Woche war fast alles fertig, das Büro bereitete die Präsentation vor. Alexander arbeitete viel, blieb manchmal bis tief in die Nacht, Vera sah oft noch Licht, wenn sie abends vorbei ging.

Manche Abende blieben sie beide bis spät. An einem saßen sie allein, Alexander arbeitete am großen Tisch, Vera beendete das letzte Bild. Im Raum war es still, nur das Rascheln des Papiers, selten ein Seufzen von Alexander.

Hat Gisela diesen Park noch gesehen? fragte Vera leise.

Er schwieg einen Moment.

Den Anfang. Sie hat sich gefreut, als wir den Zuschlag bekamen, meinte, sie würde im Park spazieren gehen. Aber sie hat es nicht mehr erlebt.

Deshalb die Leere? Immer allein essen, keine Lust am Trubel?

Er schaute sie erstaunt an.

Sie wussten das?

Martina und Svetlana erzählten von Ihnen. Sie hatten Mitleid.

Er lächelte schief.

Das merkt man?

Wer einsam ist, denkt sich unsichtbar. Aber andere merken es durchaus.

Noch etwas Schweigen.

Sind Sie auch einsam?

War ich mal. Jetzt nicht mehr. Jetzt habe ich wieder Arbeit, die mir gefehlt hat. Das ist viel wert.

Ja, sagte er. Sehr viel.

Danach gingen sie gemeinsam. Es war schon dunkel, kühl. Vera schloss den Mantel.

Zu Fuß heim? fragte Alexander.

Ja, bis zum Bus. Die Ludwigstraße ist weit.

Ich begleite Sie.

Sie gingen schweigend zur Haltestelle. Dort sagte Alexander:

Frau Krüger.

Nur Vera.

Vera. Nach der Präsentation, egal wie es ausgeht, ich möchte Ihnen eine feste Stelle anbieten, nicht nur ein Projekt. Wir werden noch mehr solche Aufgaben haben. Wir brauchen Menschen, die, wie Sie, Orte mit Leben füllen. Es ist ernst gemeint.

Vera blieb stehen.

Nicht aus Dankbarkeit?

Aus Dankbarkeit würde ich Blumen bringen. Das ist fachlich.

Sie lächelte zum ersten Mal ehrlich.

Gut. Ich denke darüber nach.

Nicht zu lange, bitte.

Der Bus kam. Sie fuhr ab. Er blieb an der Haltestelle stehen sie sah ihn noch durchs Rückfenster.

Der Tag der Präsentation war ein Donnerstag.

Im Büro lag Spannung in der Luft. Ines prüfte Pläne, Jan erstellte digitale Varianten von Veras Zeichnungen, Herr Becker brachte das Modell aus Pappe und Moos. Alexander lief umher, trank zu viel Kaffee.

Vera saß still am Tisch, betrachtete ihre Zeichnungen: Zweiundzwanzig Blätter von Morgenalley, Mittagsbrunnen, Spielplatz, Abendstimmung, Jungs auf der Bank, Verliebte am Wasser, die alte Dame, Taubenfüttern, Regen unterm Dach, Radfahrer.

Nervös? fragte Alexander leise.

Ein wenig.

Wird schon. Die Blätter sind großartig.

Sie sprechen von den Zeichnungen oder der Jury?

Von den Zeichnungen.

Sie schmunzelte.

Der Planungsausschuss tagte im großen Saal im Rathaus, mit Deckengroßen Fenstern und langem Tisch. Acht Kommissionsmitglieder meist Herren in grauen Anzügen, mit ernsten Mienen. Alexander präsentierte den Plan ruhig, Ines ergänzte technisch, Jan zeigte die digitale Darstellung.

Dann sagte Alexander:

Wir wollen auch eine Reihe illustrativer Entwürfe zeigen wie wir uns das lebendige Leben in diesem Raum vorstellen.

Er legte Veras Blätter, eines nach dem anderen, vor der Kommission aus.

Stille.

Ein älterer Herr mit buschigen Brauen hob das Morgenbild auf und betrachtete es lange.

Das sind keine Fotos?

Nein, Handzeichnungen unserer Künstlerin.

Die leben, murmelte er leise aber Vera hörte es.

Fragen kamen, viele, technisch, zu Kosten, Zeit, Vorschriften. Alexander antwortete mit Ines. Vera saß am Rand, sprach nicht. Gegen Ende bat eine Dame um die sechzig, elegant, Perlencollier , ob sie das Taubenbild behalten dürfe. Vera musste schmunzeln.

Das Urteil kam sofort: Das Projekt ist angenommen. Ein paar Hinweise zum Zeitplan, die Alexander gelassen aufnahm.

Draußen im Flur gab Ines Alexander schweigend die Hand, ging dann zu Vera und wiederholte die Geste. Jan rief leise: “Super.” Herr Becker blieb im Büro, sandte aber eine SMS: “Gut gemacht!”

Alexander trat zuletzt zu Vera, gemeinsam schauten sie aus dem Fenster: Draußen blühte schon richtig Frühling, grüne Bäume, Menschen ohne Jacke.

Na, sagte Alexander.

Na, entgegnete sie.

Wollen wir an den Main?

Jetzt?

Jetzt. Ich will mir den Platz anschauen danach.

Sie gingen gemeinsam. Die Stadt war lebendig, laut, warm. Es roch nach Linden, nach sonnigem Asphalt. Alexander neben ihr, ohne Eile, Vera trug aus Gewohnheit ihr Skizzenbuch.

Am Fluss Sonne, leichter Wind. Das Wasser glänzte. Auf den Bänken Menschen, Hunde wurden ausgeführt. Das zukünftige Parkgelände lag noch grau, mit zwei alten Bäumen aber etwas war nun anders. Vera kannte diesen Fleck jetzt, hatte ihn viele Male gemalt.

Am Rand blieben sie stehen, blickten ins Wasser. Der Wind war kühl, Vera schloss den Mantel.

Das wird ein guter Platz, sagte sie.

Wird es, bestätigte Alexander.

Eine Mutter schob mit Kinderwagen vorbei, plauderte am Handy.

Vera, fing Alexander vorsichtig an.

Ja?

Ich habe lange umgeben von Menschen, Arbeit, Bewegung gelebt und war trotzdem leer. Kennen Sie das?

Ja.

In den letzten Wochen Ich weiß nicht, wie ichs sagen soll. Es ist wieder Freude da, morgens herzukommen nicht zur Arbeit, einfach so. Herzukommen.

Gemeinsam blickten sie aufs Wasser. Der Fluss floss langsam, gleichgültig gegenüber menschlichen Sorgen.

Sie sagten, Ihre Frau mochte keine Flüsse, sie seien zu langsam.

Stimmt.

Ich mochte das Langsame immer. Schon als Kind.

Da drehte er sich. Mustert Eva ernst und still.

Ich bin froh, dass Sie damals aus der Küche kamen.

Ich auch. Damals dachte ich nur, Sie ersticken.

Genau das. Deswegen.

Sie begriff nicht sofort. Dann dämmerte es ihr. Er meinte damit mehr als nur diesen Abend.

Alexander, begann sie vorsichtig.

Ja?

Gespräche dieser Art kann ich nicht gut.

Ich auch nicht.

Dann sind wir quitt.

Da lachte er. Zum ersten Mal, ehrlich und warm.

Sein Lachen war leise, angenehm, unerwartet sympathisch.

Vera, sagte er schließlich.

Ja?

Darf ich Sie einladen? Auf ein Abendessen? Aber nicht ins Empire.

Die Küche dort ist aber erstklassig.

Aber nach jenem Abend kann ich der Chefin schwer in die Augen sehen.

Sie stellte sich Martinas Gesicht vor und nickte grinsend.

Das ist fair.

Also?

Vera schlug ihr Skizzenbuch auf, fand eine leere Seite, blickte auf Fluss und Bäume, die Leute. Zeichnete etwas.

Einverstanden, sagte sie, ohne aufzusehen.

Er sagte nichts mehr. Nur, dass er neben ihr stehen blieb.

Und so, wie der Fluss immer weiter fließt langsam, unbeirrt kann auch das Leben neue Ufer finden. Manchmal, wenn schon jeder Ausweg verloren scheint, reicht ein Schritt aus der Küche, und alles kann sich ändern. Man muss nur bereit sein, wieder hinzusehen, hinzuhören und zu glauben, dass es nie zu spät ist, wieder das Eigene zu entdecken.

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Homy
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Raus aus der Küche – Der Weg zu neuer Freiheit und Selbstverwirklichung
Meine Tochter hat mir gesagt, dass es besser wäre, wenn ich sie nicht mehr besuche, weil meine Anwesenheit ihre Familie unter Druck setzt.