Moritz wurde verstoßen… Schon wieder… Zum dritten Mal in seinem kurzen Katzenleben… Es war ihm irgendwie nie vergönnt gewesen… Und das sollte sein Leben für immer verändern.
Moritz wurde verstoßen. Wieder einmal. Zum dritten Mal in nur einem Jahr. Das Glück hatte ihn nie wirklich gefunden.
Gerade ein Jahr alt geworden, schon hatten ihn drei Familien weitergegeben. Naja, weitergereicht. Erst von Hand zu Hand, und dann…
Dann trug man ihn hinaus, weit genug vom Haus entfernt, und setzte ihn in einen großen Müllcontainer hinter dem Wohnblock. Ohne dass er den Weg zurückfinden konnte. Moritz suchte auch nicht mehr danach.
Er verstand alles sofort. Am Gesichtsausdruck des Mannes hatte er seinen Abschied gelesen. Die Frau war sehr verärgert gewesen, als Moritz das neue teure Ledersofa zerkratzt hatte.
Sehr teuer war das gewesen. Da hatte sie das Urteil gefällt. Und der Mann? Was hätte er tun sollen?
Er stimmte ihr immer zu, bei allem.
So nahm er den einjährigen Kater unter den Arm, ging hinaus in den kalten Hof und setzte ihn neben den grünen Müllcontainer.
Moritz wäre ihm nicht mal mehr nachgelaufen. Nein, er wusste, es war vorbei. Der Blick des Mannes hatte alles gesagt.
Es fühlte sich nicht menschlich an. Nicht wie ein Abschied, eher, als hätte man altes Gerümpel entsorgt.
Moritz seufzte und versuchte, im Müll etwas Essbares zu finden. Alte Brotreste und vielleicht ein bisschen Hühnchen. Dann setzte er sich neben den grünen Container und schaute in die Sonne.
Er blinzelte, aber er sah nicht weg. Die Wärme, die von der großen, hellen Scheibe kam, mochte er besonders.
Es waren die letzten Sonnenstrahlen. Strahlen des Sommers, des Herbstes, des nahenden Winters. Ein kurzer Hauch von Wärme. Die Eisschicht auf der Seele von Moritz blieb jedoch.
Abends und nachts wurde es bitterkalt. Nachdem die Sonne untergegangen war, taten Wind und Frost ihr Werk.
Der rot getigerte Kater fror. Er wusste nicht wohin, nirgendwo konnte er sich verstecken. Also suchte er sich einen großen Haufen raschelnder, trockener, goldbrauner Blätter, kroch hinein und rollte sich zusammen. Anfangs war es furchtbar kalt und er zitterte, doch bald…
Bald, als sein rot-getigertes Fell vom klammen Wind und Eiskristallen steif geworden war, wurde ihm plötzlich wärmer, und das Zittern ließ nach. Eine leise Stimme in seinem Innersten flüsterte tröstende Worte.
Sie wiegten ihn in Schlaf und flüsterten, er solle einfach die Augen schließen und alles Schlechte vergessen.
Roll dich fest zusammen und schlaf. Schlaf, schlaf, schlaf. Am Ende spürte er Wärme.
Wärme durchströmte seinen erstarrten Körper.
Es war so einfach. Einfach loslassen… dann würde alles vergehen. Dann käme Stille und Ruhe. Der Kummer würde gehen.
Moritz atmete ein letztes Mal tief durch und gab nach. Wozu noch kämpfen? Für was?
Morgen warteten doch dieselbe Kälte, derselbe Hunger, und wieder das Verlangen, einfach nie mehr, nie mehr, nie mehr die Augen zu öffnen.
Die Straßenlaternen begannen erst in der Ferne zu leuchten. Ein letztes Mal sah Moritz das Licht. Oft genug hatte er das Licht von seinem Fenster aus bewundert. Noch ein Mal sog der rote Kater das Licht in sich auf, seine Augen glühten in der dunklen Nacht wie kleine Lampen.
Dieses letzte Leuchten fiel einer kleinen rothaarigen Mädchen auf, das mit ihrem Vater unterwegs war. Sie zupfte am Ärmel seines Mantels.
Da drüben, sagte sie, da ist jemand im Laub.
Da ist niemand, murmelte der Vater und fröstelte. Komm, wir müssen nach Hause. Es ist kalt.
Er wollte sie fortziehen von dem großen, dunklen Laubhaufen. Aber das Mädchen zuckte nur mit den Schultern.
Ich habe es gesehen. Ich habe ein Licht gesehen.
Ein Licht im Laubhaufen? Der Vater hob verwundert die Augenbraue. Das kann doch nicht sein. Unmöglich.
Doch das Mädchen war schon zu dem Haufen gelaufen, schob die Blätter beiseite und fand ihn. Den rotgetigerten Kater.
Papa! rief sie erschrocken.
Ich habs doch gesagt. Da ist er.
Wer ist er denn? Der Vater trat heran.
Da, sagte das Mädchen und versuchte, das steif gefrorene Kätzchen vorsichtig hochzuheben.
Lass ihn, sagte der Vater. Er lebt nicht mehr. Wir können doch keine tote Katze mit nach Hause nehmen.
Er lebt, antwortete das Mädchen bestimmt. Ich weiß es. Ich hab doch das Licht in seinen Augen gesehen.
Das Licht in den Augen einer Katze? Der Vater zuckte ratlos die Schultern.
Er trat näher, hob das kleine erstarrte Tier und legte das Ohr an seinen Körper, suchte nach einem leisen Herzschlag.
Moritz, halb im Schlaf versunken, wollte sich nirgendwohin bewegen. Seine Lider klebten schwer, Wärme hüllte ihn ein, und in ihm flüsterte eine Stimme:
Schlaf, schlaf, lass die Augen zu…
Doch da war noch ein anderer Ton, eine zarte Kinderstimme, die immer wieder hartnäckig wiederholte:
Das Licht in seinen Augen!
Was wollen sie von mir? Warum lassen sie mich nicht einfach in Frieden schlafen?
Schwerfällig öffnete Moritz ein Auge, um zu sehen, wer ihn störte.
Da! rief die Kinderstimme. Da, siehst du? Schon wieder Licht!
Was für Licht? wunderte sich der Vater. Doch er zog seinen Mantel aus und wickelte die rote Katze behutsam hinein, um sie mit nach Hause zu nehmen.
Seine Tochter lief eilig neben ihm her. Sie mahnte:
Papa, bitte, beeil dich. Ihm ist so kalt!
Sie verschwanden im Eingang, und oben im fünften Stock leuchtete bald Licht aus dem Fenster.
Moritz wurde in warmem Wasser gebadet und trank warme Milch. Das Mädchen saß neben ihm und flüsterte immer wieder:
Bitte, stirb nicht. Bitte, werde gesund.
Das Eis auf seinem Fell taute. Und auch das Eis in seinem Herzen begann zu schmelzen.
Verwundert sah der große rote Kater, wie Vater und Tochter sich um ihn sorgten. Er war wieder zu sich gekommen und spürte nun echte Wärme.
Diese Wärme war nicht die der Heizung sondern die Wärme eines kleinen, fürsorglichen Kinderherzens.
Draußen stand jemand, der manchmal in entscheidenden Momenten hilft.
Er blickte zu den hellen Fenstern im fünften Stock und sprach leise:
Ich tue, was ich kann. Was ich kann.
Er verweilte einen Moment und fügte nachdenklich hinzu:
Licht nicht jeder sieht es. Nicht jeder. Und nicht jeder, der es sieht, vermag es zu bewahren.
Moritz indes dachte nicht an die Größe des Menschen. Das ist etwas, worüber Menschen nachdenken. Er dachte an seinesgleichen.
Er sah das Licht das Licht in den Augen des rothaarigen Mädchens.
Und während er schaute, wusste er: Manchmal genügt es einfach, gesehen zu werden.
Schreibt, wenn ihr auch schon einmal Licht im Dunkeln gesehen habt und was ihr darüber denkt.





