Liebes Tagebuch,
Mein runder Geburtstag sollte eigentlich ein Abend ganz im Zeichen meines persönlichen Triumphes werden. Ich hatte gerade eine Beförderung erhalten, Johannes und ich hatten endlich unsere Hausfinanzierung abbezahlt, und ich fühlte mich stärker als je zuvor. Ich war mir sicher, dass mich nur nette Toasts und warme Worte erwarteten. Doch als es an der Tür klingelte und meine Schwiegermutter Renate Steinberg hereinkam, hätte ich ahnen müssen, dass es anders kommt.
Renate versteht es hervorragend, Komplimente so auszudrücken, dass sie vor allem eines hinterlassen: das Bedürfnis, sich im Bad das Gefühl der Peinlichkeit abzuwaschen. So ein auffälliges Kleid aber deine Hüften können sowas wohl tragen? oder Du hast aber abgenommen Stress im Büro?, das sind ihre typischen Liebenswürdigkeiten, die immer einen bitteren Beigeschmack haben. Doch diesmal setzte sie noch einen drauf.
**Du siehst ja prachtvoll… schlecht aus**
Alle Gäste saßen bereits am Tisch. Die Glückwünsche waren im vollen Gange, und die Tafel bog sich geradezu unter lauter Köstlichkeiten. Es war jener Moment, in dem die Geschenke überreicht werden, leicht unangenehm, aber auch schön. Da stand Renate auf, bat um Aufmerksamkeit und hielt eine ausschweifende, theatralische und tiefsinnig klingende Rede.
Sie philosophierte über das schnelle Verstreichen der Zeit, darüber, wie Frauen wie eine Blume seien, die regelmäßig gepflegt werden müsse, damit sie nicht welk werde. Ein gepflegtes, vitales Aussehen sei so wichtig für die Ehe, so meinte sie. Ich ahnte bereits: Da kommt gleich etwas ganz “Besonderes”.
Sie übergab mir eine Tüte. Ich öffnete das Geschenkpapier darin waren zwei Schachteln. In der ersten lag eine digitale Personenwaage. In der zweiten: ein Pflegeset für reife Haut, fein säuberlich bedruckt mit Ab 45. Intensive Regeneration für anspruchsvolle Haut. Gegen tiefe Falten.
Es folgte erst einmal betretene Stille. Johannes wurde so rot, dass er am liebsten mitsamt der Tischdecke verschwunden wäre. Die anderen Gäste wechselten nervöse Blicke, keiner wusste, wo er hinschauen sollte. Renate dagegen strahlte mich sichtlich zufrieden an:
Das ist fürs spätere Leben! Vorbeugen ist besser als heilen. Und die Waage du hast doch selbst erwähnt, dass nach den Festtagen die Jeans spannen. Ich sorge mich nur als Mutter.
Ich zwang mich zu einem Lächeln, brachte ein Danke heraus und schob die Kartons unter den Tisch. Innerlich war mein Abend ruiniert. Ich versuchte, Haltung zu bewahren, doch in mir kochte eine Mischung aus Demütigung, Wut und Trotz.
**Die Rache, sorgfältig zubereitet**
Einen Skandal wollte ich nicht riskieren. Die Waage habe ich nicht entsorgt, obwohl ich sie zugegeben gerne kunstvoll vom Balkon befördert hätte. Die Creme habe ich sichtbar im Bad platziert, allerdings ohne je daran zu denken, sie zu benutzen.
Monat für Monat kam Renate mit dem gleichen, zufriedenen Blick vorbei und fragte jedes Mal:
Na, nutzt du meine Geschenke?
Die hebe ich für ganz besondere Gelegenheiten auf, antwortete ich stets so neutral wie möglich.
Insgeheim wartete ich jedoch auf ihren Geburtstag. Der 55. Geburtstag eine runde Sache, ein ernsthaftes Fest, und endlich eine Gelegenheit, dass auch sie schmeckt, dass nicht jeder liebgemeinte Rat widerspruchslos geschluckt werden muss.
Lange habe ich über das richtige Präsent nachgedacht. Eine Blutzuckermessgerät oder eine Pflege gegen Altersflecken schien mir zu offensichtlich dann hätte ich gleich zugegeben, dass mich ihre kleinen Sticheleien getroffen hatten. Es musste subtiler sein. Treffender. Und doch mit Stil.
Dann wusste ich, worauf es ankam. Renates verwundbarster Punkt ist weder Alter, Figur noch Gesundheit. Ihr größtes Problem: ihr Mundwerk. Ihr unaufhörlicher Drang zu kritisieren, zu belehren, sich in alles einzumischen vom Vorhang bis zu meiner Art, Kartoffeln zu schneiden.
Im Buchladen wurde ich schließlich fündig: ein wunderschön gebundenes Geschenkbuch mit dem vielsagenden Titel Die Kunst des Schweigens. Wie man mit Zurückhaltung Beziehungen bewahrt. Darunter als Untertitel, bei dem in mir das kleine Lied des Triumphes aufspielte: Ein praktischer Ratgeber für jene, die ungefragt gute Ratschläge geben.
Dazu besorgte ich noch eine elegante Lupe mit nostalgischem Griff, fast wie aus einem alten Krimi.
**Das ist für dich als Dank für die Waage und die Creme**
Ihr Geburtstag wurde groß im Restaurant gefeiert. Viele Verwandte, Freunde und Kollegen waren da. Renate sonnte sich in ihrer Rolle als Mittelpunkt und genoss es sichtlich.
Unsere Glückwunsch-Reihe war an der Reihe. Johannes, wie immer der Diplomat, hielt eine nette kurze Ansprache und überreichte gemeinsam mit mir einen Wellness-Gutschein schließlich darf das offizielle Geschenk nicht unhöflich ausfallen.
Dann lächelte ich und zog mein Päckchen hervor.
Renate, das ist noch ein kleiner Zusatz persönlich von mir. Für die Seele und zur persönlichen Weiterentwicklung.
Sie öffnete es langsam, genießend, und entnahm zuerst die Lupe:
Wie hübsch Antiquität? Aber warum? Ich sehe doch noch bestens.
Ich lächelte sanft und sagte:
Damit du die Vorzüge der anderen besser erkennen kannst, nicht nur die kleinen Makel.
Die Gäste lachten höflich, ahnten aber die ganze Schärfe noch nicht. Renate runzelte kurz die Stirn, packte weiter aus und hielt das Buch in den Händen.
Sie las den Titel erst stumm, dann formten sich ihre Lippen langsam zu den Worten:
wie man mit Zurückhaltung
Sie schaute mich an.
Das ist ein Buch? mühte sie hervor, die Stimme leicht brüchig.
Ja, Renate, erwiderte ich laut und ruhig. Nach deinem lieben Hinweis zu meinem Äußeren dachte ich, dass mit fünfundfünfzig nun der perfekte Moment gekommen ist, sich ein wenig mehr um die innere Balance und den familiären Frieden zu kümmern. Das wird dir bestimmt guttun so wie die Faltencreme mir.
Sie wurde fleckig im Gesicht. Doch eine Szene konnte sie nicht machen, denn dann wäre das Buch zum perfekten Beweis geworden. Also meinte sie nur knapp:
Danke. Wirklich einfallsreich.
Sie legte das Geschenk wie etwas Unangenehmes beiseite.
**Hast du schon das Kapitel über Taktgefühl gelesen?**
Nein, wir reden immer noch miteinander. Ein Drama ist nach dem Fest nicht entstanden. Es wurde vielmehr interessant: Die Spielregeln haben sich verändert.
An jenem Abend hat sie verstanden dies ist nun ein Spiel zu zweit. Bei jedem unscheinbaren Seitenhieb, wusste sie jetzt: Ich kann genauso scharf kontern und zwar so, dass das Lächeln schwerfällt.
In den ersten Wochen rief sie fast nur Johannes an. Mir gegenüber war sie distanzierter, betont sachlich. Doch nach und nach passierte beinahe ein Wunder: Ihre ungefragten Ratschläge wurden deutlich weniger.
Sie hörte auf, an meiner Figur herumzumeckern oder meine Gerichte zu kommentieren. Und bei jedem Ansatz, etwas Besonderes sagen zu wollen, blickte ich sie ruhig an und fragte:
Und, Renate, wie gefällt dir das Buch bisher? Schon im Kapitel über Taktgefühl angekommen?
Dann schwieg sie meist.
Die Waage steht jetzt wohl irgendwo im Keller und staubt ein. Die Creme gestehe ich: habe ich irgendwann doch verwendet auf meinen Fersen, die wurden richtig weich. Also, danke dafür. Und das Buch? Das habe ich neulich bei ihr zuhause auf dem Nachttisch gesehen. Mit Lesezeichen: ungefähr in der Mitte.
Scheint also zu wirken.





