Keine Hochzeit in Sicht

Es wird keine Hochzeit geben

16. Mai

Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Gedanken einmal in einem Tagebuch festhalten würde und erst recht nicht so. Heute fühlt sich alles wie eine Szene aus einem düsteren deutschen Fernsehfilm an. Ich kann kaum begreifen, wie schmerzhaft und verwirrend echte Emotionen sein können.

Heute früh bin ich ins Schlafzimmer getreten mein Herz schwer, aber voller Erwartungen. Im Spiegelbild vor mir stand meine Freundin, Annemarie, in einem Brautkleid von schlichter Eleganz, wie es bei uns in Hamburg üblich ist. Das cremeweiße Kleid umschmeichelte ihre Gestalt auf so geschmackvolle Weise, und in ihrem Gesicht lag eine stille, fast entrückte Freude. Es war ein Bild von Zuversicht, wie ich sie so lange an ihr vermisst hatte.

Ich konnte mich nicht zurückhalten mein Glücksgefühl durchbrach alle Zurückhaltung. Mein Gott, du strahlst ja! Ich bin so froh für dich! Endlich lässt du das Vergangene hinter dir, öffnest dich für ein neues Kapitel und kannst Friedrich vergessen. Du bist so stark!

Doch kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, bemerkte ich, wie Annemaries Miene sich schlagartig verdunkelte. Sie schien einen Moment lang verlegen, nestelte dann wortlos an den Haken ihres Kleids. Ich ziehe es lieber wieder aus sind ja nur noch zwei Wochen bis zur Feier. Wenn mir damit jetzt was passiert, dann finde ich auf die Schnelle kein vergleichbares mehr.

Ich ärgerte mich still warum musste ich nur Friedrich ins Spiel bringen? Wir alle wussten, dass er nicht gut für sie gewesen war. Aber seit Justus in ihr Leben getreten war, wollte ich einfach nur sehen, dass sie ihr Glück neu entdeckt.

Annemaries Eltern konnten einst kaum zusehen, wie ihre Tochter sich unter Friedrichs Einfluss veränderte. Sie wurde verschlossener, gab auf Druck sogar einen aussichtsreichen Job in München auf, ließ das Erasmus-Semester in Paris sausen und wechselte in einen gänzlich anderen Bereich. Gespräche darüber endeten meist in Streit; Friedrich hatte ihr eingeredet, dass ihre Familie ihn nur nicht akzeptieren wolle. Schließlich war der Kontakt fast abgebrochen.

Und dann war er fort. Von heute auf morgen, ohne ein Wort, keine Abschiedszeilen, nichts als ein Vakuum und ein Kind, das Annemarie entgegen aller Ratschläge behielt: den kleinen Friedrich, heute vier Jahre alt ein aufgeweckter, neugieriger Junge mit dunklen Locken und verschmitztem Lächeln, bei dem jeder sofort an seinen Vater denken muss.

Die meiste Zeit verbringt Friedrich bei Oma und Opa in Blankenese. Sie lieben ihn über alles, fördern ihn nach Kräften sie haben ihn in eine Kita mit Englischförderung angemeldet, begleiten ihn zum Schwimmen, Tanz und Kindermusik. Annemarie holt ihn zwei, maximal drei Mal in der Woche ab, doch lange hält sie es nie aus.

Es ist schmerzhaft; jedes Mal, wenn sie ihrem Jungen in die Augen blickt, hat sie das Gefühl, als gäbe es kein Entkommen aus der eigenen Vergangenheit. Zu oft mischt sich in ihr Stolz und Freude ein dumpfer, stechender Schmerz, das Gefühl, versagt zu haben als Mutter und als Frau.

Neulich kam sie, um Friedrich aus dem Haus der Eltern abzuholen. Er saß auf dem Wohnzimmerteppich und puzzelte konzentriert. Mama, schau mal! Das wird ein Haus, ein Baum und hier hier kommt ein Hund hin!

Annemarie lobte ihn, doch sie ahnte, was für eine Frage kommen würde. Mama, wo ist mein Papa? Die anderen Kinder in der Kita haben alle einen. Und ich? Nur ich nicht…

Sie umarmte ihn, zwang sich zur Ruhe. Weißt du, Schatz, dein Papa ist gerade weit weg. Aber er denkt an dich, da bin ich mir sicher.

Warum ruft er denn nicht an? Ich hätte ihm so gerne gezeigt, dass ich meine Schuhe jetzt schon allein binden kann! Und während sie ihm sagte, dass Papa wohl sehr viel zu tun habe, kämpfte sie mit den Tränen.

Oft versuchte ihre Mutter, sie zur Vernunft zu bringen: Sie solle sich auf sich und das Kind konzentrieren, Altes loslassen. Die Freundinnen sagten klar: Er ist weg, Annemarie, werd wach! Doch Annemarie wehrte alles ab, verharrte in Erinnerungen und Hoffnungen, durchsuchte soziale Netzwerke, rief an früheren Orten an, schrieb sogar Hilferufe in Onlineforen aber alles blieb ergebnislos.

Fünf Jahre brauchte es, bis ein anderer Mann Annemaries Herz wieder erreichte. Bei einer Geburtstagsfeier lernte sie Justus kennen. Seine ruhige, offene Art zog sie sofort an. Er stellte keine Forderungen, zwang sie nie zum Lächeln, akzeptierte auch ihre schlechten Tage. Mit ihm konnte sie sich sicher fühlen, durfte schwach sein, aber fühlte sich nie schwach.

Justus verstand sich auch rasch mit Friedrich. Schon beim ersten Treffen ging er auf Augenhöhe, fragte nach Lieblingsserien, und nach Minuten saßen sie gemeinsam am Boden und bauten mit Holzklötzen. Nach und nach integrierte sich Justus in Familie und Alltag der beiden. Er las Friedrich abends vor, erklärte beim Radfahren die Verkehrszeichen, ging auf die individuellen Bedürfnisse von Mutter und Kind ein. Eines Abends, Annemarie war gerade dabei, Taschen zu packen, sagte er ruhig: Ich wünsche mir sehr, für Friedrich ein richtiger Vater zu werden. Ich kann ihn adoptieren, wenn du möchtest.

Ich freute mich ehrlich mit ihr Annemarie blühte auf; ihre Augen funkelten wieder, das ständige Stirnrunzeln verschwand. Doch ausgerechnet heute brachte ich die Erinnerung an Friedrich wieder hoch. Seitdem hoffe ich, dass sich mein dummer Kommentar nicht allzu sehr bei ihr festsetzt.

Sie war gefasst und legte das Kleid mit ruhiger Stimme auf die Bettkante: Weißt du, in mir hat sich viel getan. Ich bin erwachsen geworden, und ich weiß nun, dass meine Gefühle für Friedrich ein Teil meiner Geschichte sind. Manchmal tut es weh, dass ich unseren Sohn nach ihm benannt habe Aber damals hätte ich auf niemanden gehört. Wie habt ihr das alle eigentlich mit mir ausgehalten?

Ich fragte vorsichtig, ob sie Friedrich nicht bald zu sich holen wolle. Annemarie wurde ernst: Ja, Justus möchte das sehr. Sogar eine Namensänderung für den Kleinen schlägt er vor, damit es einfacher für mich ist. Spätestens mit der Adoption müssen wir die Geburtsurkunde neu ausstellen. Vielleicht frage ich Friedrich, wie er genannt werden will, dann kann er die Veränderung besser mittragen. Ich weiß es noch nicht. Warten wir ab.

Doch tief in ihrem Inneren war Annemarie noch nicht frei; sie liebte Friedrich immer noch und das hatte Folgen: Ihre Eltern wollten sie weniger häufig sehen, denn fast jedes Mal endete das Treffen in Tränen ihrer Tochter. Die Freundinnen zogen sich zurück, und jeder sah, dass sie in ihrer Vergangenheit feststeckte. Doch jetzt war die Hochzeit in Sicht, und Annemarie wollte stark sein aber es war schwer.

Justus war liebevoll und geduldig, aber kein Friedrich. Sie konnte seine Liebe nicht voll erwidern, nutzte sie eher als Schutzschild gegen die Einsamkeit. Wenn Friedrich zurückkehrte ja, wenn…

***

Es wird keine Hochzeit geben! verkündete Annemarie am nächsten Morgen, während sie hektisch ihre Sachen einpackte. Justus sah sie fassungslos an in einer Woche sollte alles stattfinden, die Location war gebucht, die Gäste eingeladen, das Menü stand.

Was redest du? Er war sich nicht sicher, ob sie scherzte oder im Ernst war.

Doch sie ließ sich nicht aufhalten, warf Dinge in den Koffer, ihre Augen leuchteten. Friedrich ist zurück! Er kam gestern Nacht. Wir haben uns ausgesprochen. Ich dachte erst, ich träume!

Sie stand nun vor Justus, voller Euphorie: Danke für die letzten Monate. Du bist wunderbar, Justus. Aber ich habe dich nicht wirklich geliebt. Nun habe ich die Chance auf echtes Glück das kann ich nicht loslassen!

Justus schwieg, verkrampfte innerlich. Immer wieder war da Friedrich, immer dieser Konkurrenzkampf, den er schon verloren hatte, bevor er begonnen hatte.

Hast du ihn schon getroffen? brachte er mühsam hervor, seine Stimme brüchig.

Wir haben telefoniert, mehr nicht. Seine Eltern haben ihn damals zum Studium nach Zürich gezwungen er konnte mir nichts sagen, hatte keinen Zugriff mehr auf sein Konto, sein Handy war weg. Aber jetzt ist er zurück, alles wird gut!

Sie packte ihre restlichen Sachen; Justus fühlte, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.

Willst du das wirklich glauben? Was, wenn er wieder verschwindet? Was, wenn er sich nicht um Friedrich kümmert? Er wollte sie warnen, doch Annemarie hörte nicht mehr zu.

Er hat mich eingeladen, alles zu klären. Mehr reicht mir! Aber hör auf, schlecht über ihn zu reden Friedrich ist nicht so! Und sie zog mit dem Koffer zur Tür. Schreib mir bitte nicht, ruf mich nicht an. Meine Entscheidung steht.

Sie nahm ihren Koffer, verließ die Wohnung, ohne sich noch einmal umzusehen. Justus blieb fassungslos zurück.

***

Es regnete, als Annemarie Stunden später bei Friedrichs Wohnung auftauchte. Er öffnete, überraschend distanziert, und das erste, was ihr ins Auge fiel, war der goldene Ehering an seinem Finger.

Friedrich! Ich bin da. Wir können jetzt wirklich zusammen sein.

Er hob abwehrend die Hände. Annemarie, du hast offenbar nicht alles mitbekommen Ich bin seit zwei Jahren verheiratet. Ich bin glücklich.

Das traf sie wie ein Faustschlag. Das kann nicht sein! Du hast doch noch angerufen, gesagt!

Ja, um Abschied zu nehmen, dir Ruhe zu wünschen. Es ist Zeit, dass wir getrennte Wege gehen.

Annemarie warf den Koffer in den Flur, Tränen schossen ihr in die Augen. Sie schrie, beschuldigte ihn, alles verloren zu haben Friedrich blockte ab, blieb ruhig, bat sie schließlich zu gehen.

Sie stand eine Weile im Regen, bevor sie, erschöpft und leer, wie ferngesteuert vor Justus Tür wieder auftauchte.

Er sah sie an, ließ sie aber nicht herein. Ich kann das nicht mehr, Annemarie, sagte er ruhig. Du bist zu ihm gegangen, nun ist es zu spät.

Sie brach in Tränen aus, bat um eine zweite Chance. Doch Justus schüttelte den Kopf: Einmal Glauben reicht. Ich kann nicht mehr. Leb wohl.

Ich schreibe heute, weil ich so etwas noch nie miterlebt habe das Gefühl, ganz allein zu sein, zu wissen, dass nichts mehr bleibt; nicht die Hoffnung auf Friedrich, nicht die Geborgenheit bei Justus. Mir bleibt nur mein Sohn, und der Schmerz, alles verloren zu haben, was ich für unverzichtbar hielt.

Vielleicht muss ich wirklich lernen, nach vorne zu blicken nicht mehr in Erinnerungen zu leben, sondern Verantwortung zu übernehmen. Für mein Leben, mein Kind.

Aber heute Abend? Heute bleibt nur Leere.

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Homy
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Keine Hochzeit in Sicht
Nicht zu fassen, Papa, was für ein Empfang! Und warum wolltest du überhaupt ins Sanatorium, wo du doch zu Hause echtes „All Inclusive“ hast? Als Dimitri ihr die Schlüssel zu seiner Wohnung überreichte, wusste Eva: Bastille eingenommen. Kein DiCaprio hat so auf einen Oscar gewartet, wie Eva auf ihren Dimitri – und das auch noch mit dem eigenen Nest. Entmutigt und 35 Jahre alt, warf sie immer öfter mitleidige Blicke zu Straßenkatzen und in die Schaufenster von „Alles für Handarbeit“. Und da war er – einsam, mit der Jugend für Karriere, gesundes Essen, Fitnessstudio und anderen Unsinn wie die Suche nach sich selbst geopfert – und dazu noch kinderlos. Seit Eva zwanzig war, hatte sie sich dieses Geschenk erträumt, und irgendwo da oben ist wohl endlich klar geworden, dass sie es ernst meinte. „Letzte Dienstreise dieses Jahr, dann gehöre ich ganz dir“, sagte Dimitri und überreichte die Schlüssel. „Erschreck dich nicht über meine Höhle. Ich komme normalerweise nur zum Schlafen nach Hause“, meinte er und flog für das ganze Wochenende in eine andere Zeitzone. Eva steckte Zahnbürste und Creme ein und machte sich auf den Weg – neugierig auf die Höhle. Schon an der Tür gab es Probleme. Dimitri meinte, das Schloss hakt manchmal, aber Eva ahnte nicht wie sehr. Vierzig Minuten kämpfte sie sich mit Schlüssel und Schlosstricks zur Tür hinein – psychologische Kriegsführung inklusive, wie von den Klassenkameraden hinterm Garagen beigebracht. Der Lärm öffnete die Nachbarwohnung. „Warum brechen Sie in fremde Wohnungen ein?“, fragte eine besorgte Frauenstimme. „Ich breche nicht ein, ich habe Schlüssel!“, schnaubte Eva. „Und wer sind Sie überhaupt? Kenne Sie nicht“, mischte sich die Nachbarin weiter ein. „Ich bin seine Freundin!“, rief Eva herausfordernd – aber sprach nur mit einer Türspalte. „Sie?“ – die Frau war erstaunt. „Ja, gibt’s Probleme?“ „Nein, keine. Er hat nie jemanden mitgebracht (in dem Moment mochte Eva Dimitri gleich noch mehr). Und jetzt gleich so eine…“ „So eine wie?“ „Nicht meine Sache, tut mir leid“, schloss die Nachbarin ihre Tür. Eva drückte mit allem Willen gegen das Schloss, knirschte, und – endlich öffnete sich die Tür. Dialog mit der Wohnung – der ganze Innenraum von Dimitri offenbarte sich und Evas Seele fror. Eremiten-Askese pur. „Armes Herz, du hast vergessen, was Geborgenheit ist – vielleicht hast du es nie gekannt“, entfuhr es Eva beim Blick auf das winzige, bescheidene Reich. Aber: Sie war froh. Die Nachbarin hatte nicht gelogen – keine weibliche Hand hatte hier je gewirkt. Eva war die Erste. Ohne zu zögern stürmte Eva in den nächsten „Müller“ und kaufte schöne Vorhänge und Badematte, dazu Topflappen und Handtücher für die Küche. Und schwupps – Duftspender, handgemachte Seife, praktische Kosmetikboxen wanderten ins Körbchen. „Kleinigkeiten zu einer fremden Wohnung hinzufügen ist nicht dreist“, beruhigte sich Eva, als sie den zweiten Einkaufswagen befüllte. Das Schloss machte jetzt keinen Widerstand mehr. Eigentlich war es sowieso eher wie ein Hockey-Torwart ohne Maske. Als sie merkte, was passiert war, schraubte Eva bis Mitternacht mit Küchenmesser das alte Schloss aus und besorgte morgens ein neues – und auch neue Messer, Gabeln, Löffel, Tischdecke, Bretter und Untersetzer. Die Vorhänge waren quasi schon gebongt. Am Sonntagmittag meldete sich Dimitri: „Ich muss noch ein paar Tage länger bleiben.“ „Ich freue mich, wenn du meine Wohnung mit Wärme und Gemütlichkeit füllst“, lachte er am Telefon, als Eva ihm von ihren Interior-Freuden berichtete. Das „Gemütlichkeitstransporter“ rollten quasi in die Wohnung und Eva verteilte alles strategisch – so lang hatte sie darauf gewartet, dass sie kaum stoppen konnte. Als Dimitri zurückkehrte, war nur noch eine Spinne bei der Lüftung übrig. Eva wollte sie vertreiben, doch die verdatterten acht Augen überzeugten sie – Symbol der Unantastbarkeit. Dimitris Wohnung sah nun aus wie seit acht Jahren verheiratet, enttäuscht, und dann wieder glücklich trotz allem. Eva kümmerte sich nicht nur um die Wohnung, sondern wurde auch die Ansprechpartnerin des Hauses. Kein Ring am Finger, aber das ist nur ein Detail. Die Nachbarn wunderten sich erst, dann zuckten sie die Schultern: „Wie Sie meinen, uns ist’s egal, ist ja Ihre Sache.“ Am Tag von Dimitris Rückkehr bereitete Eva ein echtes deutsches Abendessen, verpackte die Beine in schicke, leicht freche Verpackung, verteilte Räucherstäbchen und dimmte das Licht. Dimitri verspätete sich. Als Eva spürte, dass die Verpackung ins Sportstudio-geformte Bein schnitt, wurde der Schlüssel ins Schloss gesteckt. „Neues Schloss, einfach drücken, ist offen!“, rief Eva verführerisch und unerschrocken. Sie hatte zu hart an der Wohnung gearbeitet – alles ist verziehen! Doch dann, als die Tür aufging, kam – pling – eine SMS von Dimitri: „Wo bist du? Ich bin daheim. Sieht aus wie immer. Kumpels meinten, du stellst alles mit Kosmetik voll.“ Eva sah die Nachricht erst später. Stattdessen betraten fünf völlig fremde Menschen die Wohnung: Zwei junge Erwachsene, zwei Schulkids und ein sehr alter Herr, der sich beim Anblick von Eva die Haare glatt strich. „Nicht schlecht, Papa, was für ein Empfang! Wozu das Sanatorium, wenn es daheim so ‘All Inclusive’ ist?“, rief der junge Mann – und kassierte einen Rüffel von seiner Frau. Eva stand mit zwei vollen Gläsern – bewegungslos. Schreiend, aber im Schock. Irgendwo kicherte die Spinne zufrieden. „Entschuldigen Sie, wer sind Sie?“, piepste Eva. „Der Besitzer dieser Hütte. Und Sie kommen wohl von der Praxis zum Verbinden? Hab doch gesagt, ich kann’s selbst“, meinte der Opa und deutete auf Evas sexy Krankenschwester-Outfit. „Mmm, ja, Adam Matthäus, bei Ihnen ist’s ja richtig gemütlich geworden“, warf die Ehefrau des jungen Mannes einen Blick hinter Eva. „Ganz anders, nicht wie vorher wie im Grab. Und Sie, wie heißen Sie, junge Dame? Adam Matthäus ist doch etwas alt für Sie. Aber immerhin ein Herr im eigenen Heim…“ „E-e-eva…“ „Na sowas! Gut ausgesucht, Adam Matthäus, da kann man nicht meckern!“ Dem Opa gefiel die Begegnung offensichtlich auch. „Wo ist Dimitri?“, flüsterte Eva und kippte beide Gläser in einem Zug. „Ich bin Dimitri!“, rief freudig ein Achtjähriger. „Warte, dafür bist du noch zu jung“, winkte seine Mutter ab und schickte die Kinder samt Gatten zum Auto. „E-e-entschuldigung, ich bin offenbar in der falschen Wohnung gelandet“, stammelte Eva, die das Drama mit dem Schloss erinnerte. „Das ist Fliederweg 18, Wohnung 26?“ „Nein, das ist Buchenstraße 18“, schlug der Opa die Hände zusammen, schon bereit zur Geschenk-Auspack-Action. „Ach so“, seufzte Eva tragisch, „verwechselt! Dann machen Sie es sich doch bequem, ich telefoniere kurz.“ Sie schnappte das Handy, floh ins Bad und wickelte sich ins Handtuch – las erst jetzt die SMS von Dimitri. „Dimitri, bin gleich da, war noch im Laden“, tippte sie schnell zurück. „Klar, warte auf dich. Bring bitte noch Rotwein mit, wenn’s geht“, sprach Dimitri in der Sprachnachricht. Das Rot wollte Eva jetzt innerlich transportieren. Unter dem Arm die Badematte, in der Hand die Gardine, wartete sie, bis die Fremden in die Küche gingen, und floh aus dem Bad. Sie packte hastig alles zusammen und stürmte aus der Wohnung. *** „Ich erzähle es später“, erklärte Eva ihren Aufzug, als der junge Mann die echte Tür öffnete. Wie im Nebel ging sie an ihm vorbei, direkt ins Bad, hängte Vorhang und Matte wieder an und fiel aufs Sofa – und schlief bis zum nächsten Morgen, bis Stress und Rotwein verdampft waren. Als sie aufwachte, wartete ein junger Mann auf eine Erklärung. „Welches Adresse ist das…?“ „Butowstraße 18.“