Torte – Ein köstliches Meisterwerk der deutschen Backkunst

Zum Geburtstag viel Glück! Die ersten Töne klangen leise, doch nach und nach schwoll das Lied im Raum an. Zum Geburtstag viel Glück! Zum Geburtstag, lieber Klaus! Zum Geburtstag viel Glück!

Alle Blicke richteten sich auf die Tür, hinter der Anne mit der Geburtstagstorte auftauchen sollte. Das Licht war bereits ausgeschaltet, und die Spannung im Raum wuchs. Die Pause zog sich, hier und da begannen Gäste leise zu kichern, andere sangen das Lied erneut an.

Was ist denn da los? Ursula Berger, die Mutter von Klaus, runzelte die Stirn und schlängelte sich zur Tür.

Es waren viele Gäste gekommen Verwandte, Kollegen aus der Firma, die Klaus leitete, alte Freunde. Verständlich, immerhin war es ein runder Geburtstag fünfunddreißig! Trotz aller Einwände ihres Sohnes hatte Ursula auf eine große Feier bestanden.

Du bist kein Kind mehr, Klaus! Es wird Zeit einzusehen, dass man ein Netzwerk pflegen muss. Kontakte sind wichtig. Der Geburtstag ist doch die perfekte Gelegenheit, um sich mit den richtigen Leuten auszutauschen!

Ach, Mama, komm schon! Eigentlich willst du nur angeben, oder? Klaus lachte, während er sah, wie sie entrüstet schnaubte. Na gut! Ich schenke dir deinen großen Tag, damit du ausgiebig von deinem Sohn schwärmen kannst. Aber danach hauen Anne und ich in den Urlaub ab. Raus aus Berlin und weit weg von all deinen wichtigen Leuten!

Wohin wollt ihr denn? Und warum jetzt? Musst du nicht arbeiten? Ihr seid doch erst vor ein paar Monaten aus den Flitterwochen zurück!

Mamii! Klaus, groß und dünn wie ein Spargel, beugte sich fast in zwei und schloss die Mutter in die Arme. Hast du nicht etwas verwechselt? Was soll denn das Verhör? Ich bin inzwischen erwachsen, darf ich tun, was ich will?

Wenn du meinst Ursula seufzte ergeben und hielt die Wange fürs Bussi hin.

Genau! Du bist weise, Mama! Das habe ich schon lange erkannt.

Ich hoffe nur, du hast dir auch eine ebenso kluge Frau ausgesucht…

Mama?

Ja?!

Wir fangen gleich wieder an zu streiten. Erinnerst du dich an unser Gespräch? Du hast doch akzeptiert, dass du meine Partnerwahl respektierst, oder?

Ja

Dann ist das Thema erledigt! Die beste Mutter auf dieser Welt habe ich sowieso! Und die beste Ehefrau! Ihr seid mein Rückhalt. Fangt ihr an zu streiten, leidet der Mittelpunkt also ich! Also: Frieden und alles, was dazugehört. Reicht es nicht, dass ich Anne liebe? Brauchst du weitere Argumente? Gut, Anne ist wirklich ein guter Fang, Mama. Du hast doch selbst zugestimmt sie ist intelligent, gebildet, aus gutem Hause. Mit Mitgift sogar, was du ja passend fandest. Alle deine Forderungen wurden erfüllt, oder? Oder täusche ich mich? Ich weiß noch, als du wolltest, dass ich mich von Mareike trenne, hast du das alles aufgezählt.

Im Nachhinein hatte ich recht mit Mareike! Hat sie dich nicht nur wegen der Meldeadresse und dem Geld gewollt? Geliebt hat sie dich nie!

Mama, lass uns nicht in der Vergangenheit wühlen! Mareike ist längst glücklich verheiratet, ich hab mich für sie gefreut. Wäre es besser gewesen, wir hätten weiter zusammen gelitten und uns leise gehasst?

Sie hat dich betrogen, Sohn!

Und weiter? Wir lebten längst nicht mehr zusammen. Du hast doch darauf bestanden, meintest, sie sei mir nicht treu und ohnehin nicht gut genug. Dabei war es nicht so. Wir waren einfach zu jung, zu verschieden, eher Leidenschaft als Liebe hat uns verbunden. Musste man sich da ständig einmischen? Uns gegeneinander aufhetzen? Was ist Gutes dabei herausgekommen?

Du wurdest frei.

Aber zu welchem Preis? Weißt du noch, wie weh das alles tat? Das ließe sich doch vermeiden, Mama! Ich bin doch nicht aus Stein! Keine Frau der Welt kann mit dir konkurrieren deshalb gefällt dir wohl keine einzige. Aber weißt du was?

Was denn?

Ich hab meine Lehren gezogen, Mama. Das Wichtigste hab ich endlich begriffen: Du liebst mich. Ich liebe dich. Es ist ein gegenseitiger Prozess. Aber wenn es immer nur darum geht: Tu, was man dir sagt, dann bekommst du meine Liebe und Anerkennung, dann wird mir langweilig und ich fühle mich auch nicht geliebt. Es geht nicht um Anne oder sonstwen, es geht nur um uns beide. Nimm mir die Luft nicht, dann ist alles gut. Übrigens, ich hätte beinahe was vergessen: Die Wohnungsschlüssel.

Welche Schlüssel?

Meine Wohnung. Bitte gib sie mir zurück.

Jetzt reichts wirklich! Ursula schnappte empört nach Luft. Warum soll ich die Schlüssel abgeben? Ist doch nur zu deinem Vorteil! Wenn ihr in Urlaub seid wer füttert dann euren Kater und gießt die Pflanzen?

Mama, welche Pflanzen? Da steht ein halb vertrockneter Kaktus auf der Fensterbank, und der hält Winterschlaf. Der Kater bleibt bei Annes Eltern, der liebt ihren Vater so sehr, der bleibt gern zwei Wochen dort.

Klaus, du bist so anders geworden

Zeit wirds, Mama! Worüber streiten wir überhaupt? Ist doch alles Nonsens. Also, die Schlüssel, und ich verschwinde! Die Party wird schon gut werden, ich verspreche es. Anne hat schon tagelang an der Torte getüftelt. Du kennst sie doch pingelig bis ins Letzte.

Ohne ihren Perfektionismus hätte sie nie ihre eigene Konditorei eröffnet!

Ha, Mama, du bist ein Schatz! Ist das gar ein Kompliment an Anne?

Mach schon, Schwätzer! Ursula stellte sich auf die Zehenspitzen und zupfte ihn am Ohr. Die Schlüssel hängen am Haken in der Diele. Nimm sie dir! Und Klaus

Was? fragte er an der Tür, drehte sich um.

Irgendwie hast du wohl recht… Ich werde zu einer nervigen alten Frau, stimmts? Tränen blitzten in Ursulas Augen. Sollte das so sein, fahr mich lieber gleich in den Schwarzwald noch heute!

In zwei Schritten war Klaus wieder bei ihr und drückte sie fest.

Ui, Mama, bis zum Altersheim ist es noch weit! Vor dir liegt noch viel: Enkel, Urenkel, Anne und ich wie sollen wir ohne Aufsicht auskommen? Da werden wir völlig wild! Also, lass den Quatsch, verstanden? Ich muss los, okay? Sie wartet sicher schon.

Warte, warum fährst du mit Annes Auto?

Das hat sie gerade ihrer Cousine Lotte geliehen. Lotte hat ihr Auto verkauft, noch kein neues. Sie muss ihre Tochter öfter zur Untersuchung bringen, da hat Anne ihr ihres gegeben. Ich hol Anne ja eh immer von der Arbeit ab.

Ist Lottes Tochter krank?

Na ja, das Augenlicht. Noch läuft die Diagnostik. Sie sagt, sie sieht schlecht. Immerhin ist das Kind erst fünf Da will man doch lieber alles checken lassen.

Richtig so. So klein und dann schon Sorgen Das arme Mäuschen!

Mama, du hast das arme Mäuschen auf unserer Hochzeit gesehen. Das war ein Orkan mit Zöpfen! Es wird alles gut, zur Not helfen wir. Die Medizin ist ja heute weiter. So, ich muss los. Bis später!

Der Abschied fiel Ursula schwer. Sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie sich nie auf die Zunge beißen konnte. Schon als Kind nicht, auch beim Ehemann nicht. Nur ihr Humor hat sie immer gerettet. Selbst als kleines Mädchen brachte sie die Eltern mit frechen Sprüchen zum Lachen. Beim Ehemann klappte das schon seltener, aber als sie heiratete, hatte sie sich ganz gut im Griff. Streit mochte sie nie, konnte es auch gar nicht.

Und jetzt verstand sie sich selbst kaum mehr. Wohin driftete sie? Sie hatte damals schon genug Unheil angerichtet.

Mareike, die erste Schwiegertochter, hat sie nie gemocht. So sehr, dass sie bei der Hochzeit ihres Sohnes sogar in der Kirche hemmungslos weinte, unerreichbar für alle Trostversuche.

Ursula! Das ist doch ein Freudenfest! Was soll das Theater?! Ihr Mann verlor die Geduld.

Aber sie hörte ihn nicht. Die Welt war zerbrochen.

Ihr Klaus! Mit dreiundzwanzig schon verheiratet, und dann auch noch mit ihr! Hübsch, aber sonst nichts dahinter, wie sie fand. Keine Herzenswärme. Nicht einmal Freude. Dass diese Frau ihre Enkelin werden sollte, wagte sie nicht mal zu denken.

Wie sie diese Reue später quälte Sie glaubte, ihr Fluch hätte die Ehe dauerhaft vergiftet, vielleicht sogar Mareike das Kinderthema genommen

Uschi, so darfst du nicht! Die schwache Stimme ihrer Mutter war kaum zu hören. Ursula sah, wie ihre Mutter noch alles sagen wollte, was sie für nötig hielt. All der Groll, all der Hass fällt auf dich selbst zurück, Kind. Wünsch niemandem Unglück, hörst du?

Ich wünsche doch gar nichts Böses! Ursula sprang auf und lief gestresst durchs Zimmer.

Doch, Uschi. Auch ungewollt Du musst dieses Mädchen nicht mögen, aber hab doch Nachsicht mit deinem Sohn er ist mit ihr verbunden Stärker als mit dir, jetzt gerade. Und das ist richtig so! Misch dich nicht ein

Ich mische mich nicht ein! Mama! Du verstehst das nicht! Sie liebt ihn nicht! Das dauert höchstens ein, zwei Jahre, dann gehen sie getrennte Wege. Und mein Junge hat nur seine Zeit verloren!

Wenn das sein Wille ist, wird es seine Zeit bleiben. Ist es aber deiner, könnte es schlimm enden… Höre mich an

Mama, schlaf jetzt ein bisschen, ja? Du brauchst Kraft. Ich koche dir Suppe, einverstanden?

Wie viel würde Ursula heute geben, um zu hören, was ihre Mutter damals sagen wollte. Doch die Zeit ist nie zurückzudrehen.

Wäre sie damals ihrem Vorbild nur gefolgt, hätte ihr Sohn nicht zehn Jahre vergeudet. Vielleicht wäre sie längst Oma.

Jetzt kochte sie wieder, ließ alte Streitigkeiten aufleben, die keiner brauchte. Und auch Mareike tat ihr im Nachhinein leid, als die im Krankenhaus nach der Fehlgeburt lag. Doch auch da konnte Ursula ihren Schmerz nicht zeigen. Als Mareike sich wegdrehte und sie mit trockenen, vor Zorn und Schmerz blitzenden Augen ansah, sagte sie nur:

Zufrieden? Ist jetzt alles, wie Sie wollten? Na, dann feiern Sie schön!

Ursula fuhr förmlich aus der Haut, schimpfte heftig und knallte die Tür.

Heute weiß sie, die Schuld lag zum Teil bei ihr. Und dass Mareike nicht Unrecht hatte. Hätte es weniger Streit, Missgunst, Unverständnis oder Lieblosigkeit gegeben, gäbe es vielleicht jetzt dieses Kind.

Doch das Schlimmste war dies nicht. Schlimmer war, dass Mareike sie ein paar Jahre nach der Scheidung einfach anlächelte Das bohrte. Wie hatte sie vergeben können? Freundlich einen Gruß, ein Lächeln, den Kinderwagen richtend, in dem ein anderes Kind schlief, und einfach alles Gute gewünscht! Ohne heimlichen Groll, ehrlich. Ursula sah es! Woher nahm dieses Mädchen solche Kraft? Wie ihre eigene Mutter. Eine andere hätte nie verziehen! Ursula hätte sich an ihrem Ärger festgebissen, rund um die Uhr! Aber Mareike lebte weiter, hatte einen Sohn, zeigte ihre Sommersprossen der Sonne Wie geht so was? Woher nimmt man solche Kraft?

Keine Antwort. Nur diese unerbittliche Sorge um den Sohn bleibt. Wie kommt er klar im Leben?

Oberflächlich sieht alles gut aus. Firma läuft, endlich eine eigene Wohnung. Anne eine nette Frau, das muss Ursula zugeben. Gute Familie, Ärzte beide.

Überrascht hatte es sie, dass Annes Eltern sie unterstützten, als Anne aus der Familientradition ausscheren wollte.

Aber warum? Ihr seid doch eine Arztfamilie! hat Ursula gefragt, Annes Mutter lachte.

Wir sind ja keine Könige! Muss doch nicht jeder in die Fußstapfen treten. Sie darf doch glücklich werden, wie sie will. Wir helfen ihr!

Kuchen backen? Das soll eine Karriere sein?

Muss man nicht vergleichen. Ich kann Frauen helfen, Babys auszutragen, aber ich könnte nie so einen Schwarzwälder Kirschtorte wie Anne backen erst recht nicht ihre Version! Und Buchhaltung kann sie auch. Wussten Sie, sie macht unsere Finanzen? Im ersten Semester hat sie alles so geplant, dass sie keinen Kredit brauchte. Wir haben nur die Garage verkauft, um ihr den Start zu erleichtern die wollten wir eh loswerden. Jeder hat eben sein Talent! Finden Sie nicht?

Ich weiß nicht. Für mich ist Arzt immer noch ein richtiger Beruf. Aber Anne ist jung, vielleicht ändert sie sich ja noch

Dann sag ich wieder: Trau dich, Tochter! Wir unterstützen dich. Anne ist unser einziges Kind. Wofür sonst lebt man?

Ursula schüttelte nur ungläubig den Kopf. Es kann doch nicht sein, dass das Kind immer recht hat. Unrichtig!

Anne kümmerte sich ohnehin nicht um Ursulas Grübeleien, sie hatte genug zu tun. An dem Abend rief ihr Vater an, dass er endlich die passende Konditorei gefunden habe, und sie widmete sich ganz der Ausstattung.

Und wieder war Ursula nicht zufrieden. Was sollte das bringen? Klaus hat einen guten Job, bringt anständig Geld nach Hause. Es reicht, um eine Familie zu versorgen. Wozu dieser Stress? Wäre es nicht klüger, sie würde Anne zu Hause ruhig ihre Rolle als Ehefrau, dann Mutter, ausfüllen lassen? Aber alle ignorierten ihre Meinung. Klaus kaufte der zukünftigen Frau Hightech-Ausrüstung, und Ursula sah ihre Schwiegertochter vor Freude fast an die Decke springen. Na toll. Was soll das werden mit den Enkeln? Man würde wohl selbst mit ran müssen, aber die Schwiegertochter würde sie doch gar nicht ranlassen. Da ist ja die eigene Mutter! Und so steht Ursula wieder außen vor, ungeliebt, unerhört Es schmerzt.

Sie möchte dieses Gefühl loslassen, schafft es aber nicht. Und so sucht und findet sie überall kleine Fehler bei Anne. Wer sucht, der findet.

So auch jetzt. Wo bleibt sie nur mit der Torte? Es dauert doch keine Ewigkeit, Kerzen aufzustecken!

Ursula quetschte sich durch die amüsierte Gästeschar, die schon lauthals nach dem Kuchen verlangte und rauschte in die Küche.

Anne! Was ist hier

Das Bild, das sie dort sah, raubte ihr den Atem und die Fassung.

Die Torte, an der Anne fast einen Tag lang getüftelt und jeden vertrieben hatte, war ruiniert. Eine große Delle klaffte im Rand und offenbarte die zarte Füllung: leicht rosé, stellenweise leuchtend rot und herb-schokoladig. Ursula erkannte sofort: Anne hatte tatsächlich den Schwarzwälder Kirschtorte gewählt ihren Lieblingskuchen. Klaus mochte ihn auch, aber Ursula wusste das sollte wohl in erster Linie ihr gefallen.

Umso schmerzhafter traf sie es, dass dieses Prachtstück nun zerstört war. Und von wem! Lisa, Lottes Tochter. Genau das Mädchen, für das Anne auf ihr Auto verzichtet und nun abends immer auf Klaus warten musste, um nach Hause zu kommen.

Lisa stand mit abgespreizten Armen in ihrem feinen Kleid, die Hände voller Creme, das Gesicht in der neuen Brille vorschulkindhaft entsetzt es tat Ursula im Herz weh.

Was ist denn passiert? Lisa, du warst das? Wie konnte das nur passieren? Warum warst du alleine hier? Ursula suchte mit Blicken nach Anne und erschrak. Anne! Was machst du denn?!

Anne hockte an der Anrichte neben der Torte und weinte. Richtig. Mit verlaufener Mascara und kleinen Schluchzern.

Ursula wusste selbst nicht, was mit ihr geschah in diesem Moment. Das Bild von Anne, die sich derart wegen einer Torte grämte für Ursula gebacken, für sie allein rührte sie so sehr, dass ihr selbst fast die Tränen kamen. Sie half Anne auf, schlang die Arme um sie, strich ihr beruhigend über den Kopf und flüsterte etwas Warmes.

Komm schon, Kind. Das ist nicht so schlimm! Wir kriegen das schon wieder hin! Was für ein Jammer! Aber das ist kein Unglück. Hoffentlich erleben wir nie echtes Leid, verstehst du? Wir denken uns was aus, ja? Nur Mut!

In Ursulas Stimme klangen die vertrauten, tröstenden Töne, und Anne beruhigte sich langsam. Das Silberklingen hatte sie schon kennengelernt. Jetzt war kein Widerwort klug.

Aber wie soll Anne schniefte, wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht. Was können wir da noch retten?

Lisa, erklär doch mal, was ist passiert?

Elisabeth senkte ehrlich den Kopf.

Ich weiß nicht.

Deine Hände zeigen aber was anderes! Wie kannst du das nicht wissen?

Lisa schwieg, blickte betreten zu Boden.

Ich wars nicht!

Die Kinderstimme aus dem Nichts ließ Ursula zusammenzucken und ihr Rock schoss nach oben.

Frau Ursula, nicht schimpfen! Ich bins, Paul!

Das kleine, verschmierte Gesicht von Paul gerade sechs Jahre alt tauchte unter dem Küchentisch auf. Ursula atmete tief aus, als sie ihren kleinen Neffen erkannte. Spät geboren, der Liebling der ganzen Familie, brachte Paul nicht nur seine Eltern, sondern sämtliche Verwandte um den Verstand. Meist bat man Ursula, den Wildfang lieber bei ihren Feiern nicht mitzubringen. Doch diesmal, da Anne das Fest in ein Café mit Kinderecke verlegt hatte, durften Lisa und Paul auch kommen.

Nachdem er sich an den Spielen sattgesehen hatte, schlich Paul in die Küche. Die Torte wirkte auf ihn so majestätisch und lecker, dass er nicht widerstehen konnte. Nur eine Kirsche probieren! Das merkt keiner!

Lisa kam just in dem Moment in die Küche, als Paul auf einem Stuhl balancierte, sich nach oben streckte, kippte und beide Hände mitten in die weiche Creme schlugen.

Hilfe, steh nicht so rum, hilf mir!

Lisa hielt den Stuhl fest und half ihm runter. Den Blick auf die Torte wagte sie gar nicht.

Du darfst niemandem was sagen!

Merken doch alle!

Nur wenn dus verrätst. Sonst sag ich, das war der Kater!

Welcher Kater? Anne hat einen, aber der ist zu Hause. Hier gibts keinen.

Ist doch egal, ich sags halt! Und wehe du petzt dann gibts Ärger!

Lass mich in Ruhe! Ich hab keine Angst vor dir! Lisa ballte die Fäuste.

Gerade als sie sich am liebsten an die Gurgel gegangen wären, hallten Annes Pumps über den Flur. Paul unter den Tisch, Lisa blieb stocksteif stehen Arme ausgestreckt, um das Kleid zu retten.

Anne schimpfte gar nicht. Sie stand nur eine Weile verzweifelt vor ihrer zerstörten Torte und ließ sich dann wie ein kleines Mädchen auf die Knie sinken und weinte. Lisa tat sie leid, fast wollte sie auch weinen, da trat Ursula ein.

Paul schmierte inzwischen Creme an seiner Hemd, und erklärte wild gestikulierend:

Tante Ursula, Lisa ist unschuldig! Ich wars. Aber eigentlich war der Kuchen schuld. Der sah so lecker aus, da musste ich probieren!

Woher weißt du denn, dass er lecker ist? Anne lächelte mit Tränen im Gesicht dem zerknirschten Paul zu.

Na, ich hab abgeleckt!

So viel kindliche Unschuld, dass Anne und wenig später auch Ursula lachen mussten, den Schreck schon fast vergessen, bis plötzlich Lotte in der Tür stand.

Anne, mein Gott! Was ist passiert?!

Und jetzt kam Bewegung rein. Ursula schnitt die heile Tortenseite in Stücke, Anne verteilte sie auf Teller und steckte Kerzen hinein. Lotte wusch rasch die Kinder ab und schickte sie hinaus, half dann in der Küche.

Ein Plan?

Klar! Ursula hat ihn. Ich wäre nicht drauf gekommen!

Anne, falls du je bereit bist, mich nicht mehr Frau Berger zu nennen ich wäre gern Mama Ursula für dich. Vielleicht nicht sofort das wächst. Aber vielleicht irgendwann?

Lotte und Anne warfen sich einen kurzen Blick zu, schwiegen aber. Ursula steckte das letzte Tortenstück auf ihren Teller und dirigierte:

Kommt, wir gehen!

Wenig später war das Licht gedämpft, die Kerzen brannten auf jedem Stück Torte und schickten warme Schimmer in den dunklen Raum.

Sonst pustet der Jubilar die Kerzen aus und wünscht sich was, aber heute ändern wir die Tradition: Jeder von euch pustet eine Kerze aus und wünscht Klaus Glück und einen Wunsch frei. Für sich oder jemand anderen, wie es euch beliebt. Aber überlegt euch gut, was ihr euch wünscht Wünsche gehen in Erfüllung! Ursula lächelte, schloss die Augen und blies ihre Kerze aus.

Ein Jahr später tigerte Ursula ungeduldig vor dem Krankenhaus auf und ab.

So kann man sich Wünsche erfüllen! Hab noch extra alle gewarnt typisch, Ursula! Klasse gemacht!

Annes Eltern lachten leise über ihre Aufregung.

Da sprang der Fotograf hinaus, hielt schnell die Familien fest: Annes Eltern, Ursula, auf der obersten Treppenstufe, Lisa mit Paul, und alle, die zur Begrüßung des Neugeborenen gekommen waren.

Anne trat strahlend ins Sonnenlicht und sagte fröhlich:

Hallo zusammen! Da sind wir! Darf ich vorstellen: Michael Klaus Berger! Wer will als Erster den Enkel kennenlernen?

Ursula trat vorsichtig hervor, suchte Annes Eltern mit den Augen, aber die lächelten und nickten einladend.

Darf ich? Sie streckte, ganz ungewohnt schüchtern, die Arme aus und Anne grinste.

Mama Ursula! Was los mit den Nerven? Los, fass ihn ruhig an. Das ist unsere Zukunft! So, wunderbar! Jetzt stimmts doch, oder?

Ja Ursula hob vorsichtig die Decke an und war einfach nur glücklich.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: