Das Sofa der Neunziger – Kultiges Wohnzimmerfeeling aus Deutschlands bunter Jahrzehnt-Wende

Das Sofa aus den Neunzigern

Kinder, wir haben eine Überraschung für euch! Helga Schramm strahlte, als stünde sie auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt unter funkelnden Lichtern, und sah in unser fast leeres neues Wohnzimmer. Wir schenken euch unser Sofa!

Die Welt blieb für einen Augenblick stehen. Ich sah in Berndts Gesicht, und sein Lächeln war so angespannt, als hätte er Zitronenkernschalen gekaut.

Mama, Papa ihr braucht es doch noch. Es ist noch in sehr gutem Zustand, versuchte er vorsichtig.

Ach was! winkte Hans Schramm ab. Wir haben uns ein neues gegönnt. Modern. Aber dieses… das ist noch echtes Handwerk! Massives Buchenholz! So was bekommt man heute gar nicht. Für den Anfang einfach perfekt. Spart auch Geld.

Für den Anfang. Dieses Wort klang wie ein Urteil. Ich stellte mir das Sofa vor, mitten in unserem Wohnzimmer. Der dunkelrote Koloss aus Samt und Holz, den ich in den Monaten bei seinen Eltern nur das Ungeheuer aus dem Salon nannte. Es hatte schon die Hälfte ihres Wohnzimmers verschluckt. Nun würde es die Hälfte meines Reiches verschlingen.

Frau Schramm, das ist wirklich großzügig, aber… ich rang, wir wollten eigentlich etwas… moderneres?

Modern! Pfft, diese weißen Kisten, Mode von Instagram! schnaubte die Schwiegermutter. So Zeug hält doch keine zwanzig Jahre. Und unser Sofa, das übersteht Generationen. Im Ernst, Leonie in ein paar Jahren bist du noch froh drum. Morgen kommt der Möbeltransport.

Und so schob ein Spediteur in roten Gesichtern das Ungetüm auf mein perfektes Parkett. Als sie gingen, standen Berndt und ich da und starrten es an, als wäre ein Uhrwerk stehen geblieben. Das Sofa drückte den Raum nieder. Seine gedrechselten Beine mit Löwenprankenbojen, die wie gekrümmte Finger in das Parkett griffen. Der Stick von altem Samt, staubigem Rosenwasser und einer Spur süßlicher Marmelade kroch durch die Luft.

Nun, sagte Berndt, immerhin, man hat was zum Sitzen.

Ich ging in die Küche. Klar war, das war mehr als nur ein Möbelstück. Es war ein trojanisches Pferd, gefüllt mit Erwartungen, schlechtem Gewissen und Pflichtstolz. Und nun stand es im Herzen unserer Wohnung.

***

Ich hatte drei Monate für das Wohnzimmer geplant: 18 Quadratmeter mit einem riesigen Fenster zur aufgehenden Sonne. Der helle Parkett, fast wie gebleichte Eiche, sollte strahlen. Die Wände malte ich in warmem Milchweiß. Ich hatte perfekte Leinenvorhänge gefunden, durchsichtig und leicht. Ein graues Ecksofa im skandinavischen Stil, zierliche Holzbeine. Dazu ein niedriger Couchtisch aus hellem Holz und Stahl. Ein schmales Sideboard für den Fernseher, offene Regale für Bücher. Minimalismus. Luft. Licht.

Stattdessen stand nun das Sofa aus den Neunzigern da. Massive, breite Lehnen, der Bezug dunkelroter Samt mit verblichenen Blumen: Veilchenrosen, halbverschmolzene Blätter. Die Armlehnen waren durchgesessen bis auf den gelben Schaumstoff, oben Holzleisten, mit Lack, der an den Kanten abplatzte. Löwentatzen trugen das Monstrum, mitten im Raum, 3,5 Meter lang, fast einen Meter tief. Wer sich setzte, sackte sofort in die Mitte ein, und ein klagendes Stöhnen der alten Federn erklang. Eine Feder schien gebrochen, denn alles rutschte in ein Loch in der Mitte, Bezüge knitterten, Polster verschwanden.

Doch das Schlimmste war nicht das. Es war die Erinnerung, die im Sofa steckte. Abende vor der Tagesschau, Kaffeetassen, Krümel von Streuselkuchen, das Nachmittagsnickerchen nach langer Schicht, Überwürfe mit Fransen. Das Sofa sog den Rauch von Hans Schramms Pfeife genauso ein wie das vergilbte 4711 der Schwiegermutter, Gerüche von Erbsensuppe und Weihnachtsplätzchen. Es war durchtränkt vom Leben ein Relikt, ein Ungeziefer, das seine Pranken in mein Wohnzimmer schlug.

Am ersten Abend deckte ich ein weißes Tuch drüber. Meterweise Baumwolle, aber die verfluchten Löwentatzen sprengten es, grotesker denn je. Das Laken rutschte, bildete Falten, hob die Armlehnen. Ich warf alles nach der zwölften Korrektur in die Ecke.

Vielleicht einen Sofabezug? schlug Berndt vor.

Einen Bezug für dreieinhalb Meter? Und wie, auch über die Beine? Das ändert nichts die Größe ist das Problem!

Berndt schwieg. Alles, was die Eltern betraf, war für ihn ein Dschungel. Er war groß geworden in einer Zeit und Familie, wo alles einen Wert hatte und man noch den letzten Porzellangriff aufhob. Sein Vater, ein pensionierter Offizier, hatte das gesparsame Wirtschaften mit Löffeln verabreicht. Helga Schramm sammelte jede Deckchen und jeden gebrauchten Kerzenständer, alles, was einmal mit Mühe beschafft wurde.

Aber was sollte ich tun? Ich bin nicht schuld daran, in einer anderen Welt aufgewachsen zu sein. Wo es um Raum, Luft und Balance geht, nicht um Möbel für die Ewigkeit.

Am nächsten Tag rief sie an. Die Frage kam schnell:

Na, Leonie, wie ists? Bequem?

Ja, danke, sehr… imposant.

Haben wir damals, Anfang der Neunziger, gekauft Hans war noch in Bayern stationiert, gabs gute D-Mark, weißt du! Für Qualität.

Zwanzig Jahre sollte es halten. Und ich, ich sah vor Augen: zwanzig Jahre mit diesem Ungetüm. Ich spürte Panik.

Und ihr habt euch einen neuen gekauft?

Klar! So schlicht und modern, nennt sich Funktionssofa auszieht sich ganz leicht, braucht fast keinen Platz. Für uns reicht das, für euch da braucht man schon was Repräsentatives!

Ich setzte mich auf den kalten Parkett. Sie hatten sich ein schönes, neues Sofa gekauft, und uns den dunklen Dinosaurier vermacht. In ehrlicher Überzeugung, Gutes zu tun. Überzeugt, einen Schatz zu verschenken, ein Stück Familiengeschichte.

Aber ich wollte diese Geschichte nicht. Nicht in meinem Wohnzimmer.

***

Eine Woche lebte ich mit dem Sofa, wirklich. Morgens balancierte ich mit Kaffee und versuchte, eine Komfortzone zu finden: Ich sank im Mittelloch ein, Federn piksten. Ich testete die Ecken, aber die Lehnen waren unbezwingbar starr. Abends, vor dem Tatort, setzten Berndt und ich uns darauf und das Samtzeug rutschte, eigenartig klamm, der Geruch wurde aufdringlicher. Manchmal hatte ich den Eindruck, das Sofa kroch mir in die Haare, kroch in meine Haut.

Ich konnte Freundinnen nicht einladen. Schämen musste ich mich. Ich, Innenarchitektin, die Häuser für andere plant, saß im Wohnzimmer mit einer Reliktgrotte. Als meine beste Freundin, Annemarie, auf das Neue anstieß und hineinschaute, erstarrte sie.

Leo, was ist das?

Geschenk von Schwiegereltern.

Geschenk? Aber du hast mir doch die Pläne gezeigt! Da war alles hell! Modern!

Ein Ungeheuer, oder?

Naja, ich will ja niemand verletzen, aber… das ist ein Monster. Es erstickt dein gesamtes Design!

Ich weiß, Annemarie. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Jeden Tag ruft Helga Schramm an und fragt, wies dem Sofachen geht.

Sofachen! Das ist keine Couch, das ist ein Festungswerk! Und deine Möbelpläne? Wohin Tisch, Regal, Sessel?

Mir war klar: Das Sofa dominierte alles. Es diktierte die Aufstellung. Und ich erstickte.

***

Zwei Wochen später kamen Berndts Eltern zu Besuch. Mit Apfeltaschen, Marmelade, selbstgebackenen Keksen. Ich stellte den Timer auf vierzig Minuten länger hielt ich den Smalltalk nie aus.

Sie betraten das Wohnzimmer und Helga strahlte:

Siehst du, Hans, sieht aus wie ein Maßanzug! Tolle Zimmermitte!

Hans strich prüfend über das Sitzkissen.

Stabil! sagte er. Nicht so ein Ikea-Kram. Da sackt man nicht durch.

Berndt lächelte. Ich stand in der Küchentür. Der Timer tickte.

Leonie, warum so ernst? fragte Helga. Ist es zu groß?

Nein, nein… vielleicht ein wenig wuchtig? Ich dachte eher an etwas Kleineres.

Wozu kleiner? Das Leben kommt noch! Später Kinder! Da braucht man Platz. Auf einer kleinen Couch kann doch niemand schlafen, wenn Besuch da ist.

Praktisch. Ihr Lieblingswort: praktische Möbel, praktisches Geschirr, praktische Jacken. Schönheit, Harmonie, Stil alles Firlefanz, Kinderei, Modekram, vergeht eh.

Und wo ist der Couchtisch? Fernseher?

Haben wir noch nicht, suchen noch.

Ach, sucht nicht lang rum. Fernsehen an die Wand und gut. Und Tisch er steht doch noch auf der Parzelle! Bringen wir mit, der ist robust.

Vor meinem inneren Auge: noch ein dunkler Tisch, noch so etwas, ein weiterer Anker. Nein. Irgendwie, lauter und fester als geplant, sagte ich:

Danke, aber nicht nötig. Wir wollen das Wohnzimmer nach unserem Geschmack einrichten. Modern und leicht.

Helga war kurz beleidigt. Stille. Berndt wurde blass.

Natürlich, euer Zuhause, kam es eisig. Wir wollten nur helfen.

Nach dem Besuch Eiszeit. Ich nahm mein Leben wieder auf. Doch immer spürte ich: das Sofa ist der Keil in unserem Frieden.

***

Samstags besuchten uns Berndts Freunde Max und Frederik. Sektflaschen, Lachen, Blicke und dann, in Richtung Sofa:

Sag mal, was ist das?

Geschenk von Eltern.

Geschenk? Wow. Rarität! Hatte meine Oma auch, Original DDR.

Meine auch. Da haben wir immer drauf gehüpft und die Federn ruiniert… und dann flogs raus Mottenalarm.

Motten?

Klaro, bei Samt und alten Polstern! Hast du mal gecheckt?

Nicht wirklich. Ein unheimlicher Gedanke: Lebte da unterm rosa Rosenstoff nicht nur Familie, sondern Tierkolonien? Pilze? Ich bekam Panik. Als die Freunde gingen, bewaffnete ich mich mit Taschenlampe, hob Kissen und untersuchte Ritzen. Keine Motten aber eine verschimmelte Mohnschnecke, festgetrocknet, wahrscheinlich ein Jahrzehnt alt. Ein Stück Familiengeschichte im Inneren des Ungeheuers.

Ich ließ die Träne laufen. Keine Ekelträne. Eine Träne aus Ohnmacht. Ich konnte, ich wollte nicht mehr. Nicht lügen, nicht einrichten, nicht jeden Tag Nebenbei-Nostalgie atmen.

Berndt! rief ich. Komm mal!

Er kam, ich überreichte ihm das kleine luftgetrocknete Gebäck. Er schaute, dann auf mich, dann auf das Sofa.

Ach du Scheiße.

Das war unterm Kissen. Schimmel, Bakterien vielleicht Motten. Ich kann nicht mehr!

Es ist nur ein Brötchen, Leonie.

Nein, das ist ein Symbol. Symbol für den Mumpitz, den sie uns als Erbe verkauft haben! Du willst, dass ich dankbar bin?

Er schwieg. Man sah, dass er verstand. Aber das zugeben hieß, seine Eltern zu verletzen.

Was schlägst du vor?

Weg damit.

Erklär das mal meiner Mutter…

Es geht nicht um die Farbe, Berndt. Es geht um unser Zuhause. Unsere Entscheidung.

Er verbarg das Gesicht.

Sie nimmt das persönlich. Jetzt bist du die Undankbare…

Ich setzte mich zu ihm.

Und mein Wille? Zählt der?

Schmerz in seinen Augen gefangen zwischen alten und neuen Loyalitäten.

***

Drei Tage rang er mit sich. Versuch, Absprache, Ausreden. Schließlich, eines Abends, rief er Helga Schramm an. Ich stand in der Küche, die Hände nervös im Spülwasser.

Mama… Ja… Klar… Doch, alles gut… Nur das Sofa, es passt wirklich nicht rein… Nein, nein! Wirklich!… Wir sind euch dankbar, aber… vielleicht auf die Parzelle? Oder an… Nein, nein!… Aber Mama!…

Es war, als schmeißten sich ihre Vorwürfe durch den Hörer. Am Ende kündigte Hans an, sie rollen das Sofa wieder ab. Und nie wieder bringen sie was vorbei wir sind undankbar.

Berndt war grau im Gesicht.

Sie weint. Sagt, wir hätten sie verletzt. Jetzt holen sie das Sofa und sprechen wohl monatelang kein Wort mit uns.

Ich drückte ihn. Gemischte Gefühle: Erleichterung und Schuld.

***

Die Abholung fand an einem nasskalten Samstag statt. Helga und Hans Schramm kamen wortlos, Möbelpacker im Schlepptau. Sie sahen uns nicht an, ließen das Ungetüm abtransportieren. Es verhakte sich im Flur, rammte den Türrahmen, dann war es fort. Der Flur hallte nach, ein leises Surren alter Federn. Wohin? Sperrmüll bitte, sagte Hans Schramm grimmig.

Ich stand, schaute nur aufs Parkett: Da, wo das Sofa gestanden hatte, war ein dunkler Fleck, ein Schatten aus zwanzig Jahren. Ich wusste nicht, ob Trauer oder Erleichterung in mir überwog.

Den restlichen Tag sprachen wir nicht. Irgendwann am Abend wagte ich es:

Berndt, wollen wir telefonisch nochmal versuchen, uns zu erklären?

Wozu? Sie fühlen sich ohnehin beleidigt. Was wir sagen, macht es nur schlimmer.

Aber wir wollten nicht verletzen…

Aus ihrer Sicht schon wir haben ihre Werte abgewiesen.

Und aus unserer?

Wir haben unser Leben verteidigt. Sie werden Zeit brauchen.

***

Eine Woche später kaufte ich das Sofa. Mein Wunschsofa. Eckform, grau, skandinavisch. Endlich. Minimalistisch, hell, gemütlich. Ich sollte mich freuen aber da war etwas Schweres geblieben.

Schön, sagte Berndt, bist du zufrieden?

Mir gefällts… aber zu welchem Preis?

Das ist Entscheidung, zuckte er die Schultern. Du hast dein Sofa, ich dich, und sie die Kränkung gewählt.

Wir saßen im Raum war jetzt etwas Leichtes, aber in uns nach wie vor eine Lücke.

Lass uns nochmal einen Versuch machen. Einladen, erklären, sagen, dass es keine Absicht war.

Vielleicht hilfts, murmelte Berndt.

***

Nach zwei Wochen kamen sie. Widerwillig. Helga betrachtete das Zimmer kritisch: hell, minimalistisch, skandinavische Vibes.

Hm. Sehr… modern. Aber irgendwie… kühl.

Findest du? Ich mag das Licht, die Luft.

Hans beäugte das neue Sitzmöbel.

Leicht gebaut. Mal sehen, ob das ein Jahr hält.

Und wo ist der Couchtisch? Ah, den habt ihr?

Wir aßen zusammen. Helga war knapp, Hans wortkarg. Ich erklärte ruhig:

Ich verstehe, dass ihr enttäuscht seid. Aber unser Geschmack ist… ein anderer. Das mindert euren nicht.

Helga legte ruhig die Gabel weg:

Leonie. Du bist jung, du meinst, Farbe der Couch macht alles. Später siehst du, Familie ist wichtiger… Du hast das Sofa gewählt.

Nein. Ich habe das Recht auf mein Zuhause gewählt.

Für mich ist das eins.

Sie stand auf. Wir umarmten uns zum Abschied, distanziert.

***

Vier Wochen lang nur kurze Telefonate. Berndt litt. Aber ich merkte: Er wurde selbstständiger. Er lernte, nein zu sagen.

Eines Abends saßen wir auf meinem Traummöbel. Ich las, Berndt mit dem Kopf auf meinem Schoß.

Bereust du es? fragte er leise.

Es tut mir wegen deiner Eltern leid. Aber ich stand für mich ein und das bereue ich nicht.

Er schwieg lange.

Du bist stärker als ich. Ich hätte nie so klar entscheiden können.

Du kannst das. Es brauchte nur Zeit.

Es wurde dunkel. Wir saßen in der Stille, eingehüllt von unserem eigenen Raum.

***

Eine Woche später rief Helga Schramm an. Ihr Ton vorsichtig, fast sanft.

Leonie? Wir wollten vorbei kommen, schauen, wie es euch geht…

Natürlich! Ihr seid herzlich eingeladen.

Und, äh… Euer neues Sofa ist das wirklich bequem? Kannst du uns den Namen schicken? Vielleicht passt es für den Schrebergarten…

Ich lachte.

Klar. Ich schick euch den Link!

Berndt war erstaunt, als ich ihm die Neuigkeit reichte.

Sie fragt dich um Rat? Du? In Sachen Möbel?

Die Zeiten ändern sich halt.

Oder sie hat den Kampf aufgegeben, grinste er.

Vielleicht sind wir alle erwachsener geworden.

***

Am Wochenende kamen sie. Helga setzte sich zögernd aufs sofa, tastete das Material. Hans nickte.

Bequem, tatsächlich.

Moderne Möbel sind auch haltbar, sagte ich lächelnd.

Vielleicht…, murmelte sie. Früher waren Sachen halt schwerer und wichtiger. Man wusste, was man hatte.

Heute zählt Raum. Und Leichtigkeit.

Ja, für Kinder bleibt wenigstens Platz, meinte Hans. Wenn ihr mal soweit seid.

Ein entspannter Abend, das Eis taute.

Beim Gehen umarmte Helga mich.

Entschuldigt, wir wollten helfen. Sagt einfach, wie ihr es wollt. Ihr seid jung. Ihr entscheidet.

***

Abends lagen Berndt und ich auf dem Sofa.

Weißt du vielleicht war das Sofa für sie ein Stück Sicherheit. Ein Band zwischen den Generationen.

Vielleicht. Sie sehen, dass ihr Einfluss jetzt anders funktioniert. Durch Akzeptanz.

Er umarmte mich.

Diese Stärke habe ich erst an dir entdeckt.

Du schaffst das auch. Jetzt bist du frei.

Das Licht im Wohnzimmer war warm. Draußen leuchtete die Stadt. In meinem Herzen war Frieden nicht, weil das Wohnzimmer perfekt war, sondern weil ich gelernt hatte, mein Zuhause zu verteidigen. Nicht nur gegen Möbel aus vergangenen Zeiten.

Monate später kam eine SMS und ein Foto: Ihr neues Gartensofa, schlicht, grau, modern. Gekauft! Du hattest recht bequem und leicht. Hans hats selbst aufgebaut.

Ich zeigte das Foto Berndt.

Fortschritt, sagte er und lächelte.

Draußen wurde es Nacht. Ich schenkte Tee aus.

Doch es war kein Tee. Es war ein Traum, in dem Sofas, Löwentatzen und Erinnerungen das Wohnzimmer füllten, bis alles aufschwamm und auflöste, und man auf einmal in weiter Leere schwebte. Nichts hielt einen, außer der eigenen Entscheidung, im eigenen Zuhause zu sitzen und Tee zu trinken, plötzlich, wirklich, in Sicherheit, leicht und frei.

Leonie, willst du noch einen Tee? rief Berndt aus dem Nichts.

Gern, antwortete ich.

Und lächelte still. Endlich war ich zu Hause. In meinem eigenen, seltsamen, wirren, echten Zuhause.

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Homy
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Das Sofa der Neunziger – Kultiges Wohnzimmerfeeling aus Deutschlands bunter Jahrzehnt-Wende
UNDANKBARE TOCHTER — „Svetlana, wir haben Hunger! Hör auf zu faulenzen!“, nörgelt ihr Mann Viktor ihr ins Ohr. Ihr Kopf dröhnt, der Hals brennt, die Nase ist zu – sie fühlt sich wie ausgelaugt. Kein Wunder, dass sie krank wurde, nachdem es die ganze Woche heiß war und dann plötzlich Schnee über den Regen kam. Taxis fuhren bei diesem Wetter nicht, sie musste mit dem überfüllten Bus heim und dann noch den weiten Weg laufen. Sie hatte Viktor sogar gebeten, sie mitzunehmen, doch wie immer war er mit Sohn Artjom lieber zur Schwiegermutter gefahren. So kam sie spät, durchnässt und frierend, erschöpft nach Hause. Samstags um acht Uhr morgens fleht sie: „Viktor, hol bitte das Fieberthermometer!“ „Was? Bist du krank? Und was ist mit dem Frühstück?“ „Macht euch doch selbst was…“, flüstert sie heiser. „Wie, wir selbst? Was ist mit Artjom?“ „Er ist zehn – und du ein erwachsener Mann. Macht euch Rührei, ich habe es Artjom beigebracht.“ Doch Viktor tobt: „Jungen müssen nicht kochen lernen, das ist Frauensache! Wir fahren dann zu meinen Eltern. Wir sehen dich dann, wenn du mehr Zeit für uns hast.“ Svetlana bleibt erschöpft zurück, misst Fieber – 39,2. Ihre Mutter ruft besorgt an, holt sie ab, umsorgt sie liebevoll. Derweil feiert Viktor mit Artjom bei seiner Mutter und schaut Fußball. Am nächsten Morgen beschimpft er Svetlana per Handy als undankbar, schlechte Mutter und Frau – und will Geld. Sie lügt, sie hätte alles für Medikamente ausgegeben, woraufhin die Schwiegermutter sie als „faule Kuckucksmutter“ beschimpft. Schließlich, als Svetlanas Vater die Schlösser der Wohnung austauscht und Viktors Sachen zur Schwiegermutter bringt, fällt Svetlana die Entscheidung: Sie will die Scheidung. Trotz Beleidigungen, sie sei eine „undankbare Tochter“ und „familienfeindliche Kuckucksmutter“, blüht sie endlich auf. Schnell geht die Scheidung über die Bühne, der Mann landet samt seinem Sohn bei seiner Mutter, welche ihn nun selbst im Haushalt einteilt, und Svetlana kauft sich ein eigenes Auto – für ein besseres Leben, in dem sie sich endlich selbst liebt. Quelle: https://gotovim-samy.ru/rasskazy/neblagodarnaya.html