Bequeme Ehefrau
Hanna, hörst du mich? Michaels Stimme klang ruhig, fast geschäftsmäßig, wie jemand, der beiläufig erzählt, dass das Brot alle ist.
Ich stand am Fenster und schaute hinaus in den Hof. Dort wuchs eine alte Eberesche, die ich vor dreiundzwanzig Jahren gepflanzt hatte, im Jahr unseres Einzuges in dieses Haus. Die Eberesche war kräftig geworden, breitete sich stolz aus. Warum auch immer kam mir das in diesem Moment in den Sinn.
Ich höre dich, sagte ich.
Es ist wichtig, dass du das richtig verstehst. Es ist nicht alles schlecht. Es ist einfach so gekommen.
Ich drehte mich um. Michael saß am Tisch, die Hände gefaltet wie bei einer Besprechung. Einundsechzig war er nun. Groß, gut gekleidet, mit jener aufrechten Haltung, die Männer bekommen, wenn Geld kein Thema mehr ist. Sechsundzwanzig Jahre kannte ich dieses Gesicht. Ich wusste, wie er die Stirn runzelt, wenn ihn etwas beschäftigt, wie er mit den Fingern auf die Tischplatte trommelt, wenn er nervös ist. Heute trommelte er nicht. Das war seltsam.
Einfach so gekommen, wiederholte ich leise seine Worte. Das ist alles?
Hanna, bitte nicht so.
Wie “so”?
Er stand auf, lief durch die Küche. Unsere Küche war groß, hell, mit einer italienischen Einbauküche, die wir vor acht Jahren zusammen ausgesucht hatten. Über die Farbe der Fronten hatten wir lange gestritten. Ich wollte cremefarben. Michael bestand auf Weiß. Am Ende gab ich nach. Ich hatte oft nachgegeben.
Ich muss dir nichts erklären, sagte er. Aber ich tue es. Aus Respekt.
Respekt, ja.
Wir hatten ein gutes Leben. Uns fehlt nichts. Die Kinder sind groß. Ich will keinen Krach.
Da war auf einmal etwas schweres in meiner Brust. Kein Schmerz. Eher diese besondere Taubheit, wenn eine große Wahrheit langsam durchsickert, die man eben erst zu fassen beginnt.
Du gehst also, sagte ich, fast sachlich.
Ich gehe, bestätigte er. Erstmal nur für eine Weile. Ich brauche Zeit.
Zeit, wiederholte ich. Mir fiel auf, dass ich es schon das dritte Mal tat. Als müssten die Worte in einen anderen Raum, um verständlich zu sein.
Michael kam auf mich zu, wollte meine Hand nehmen. Ich wich aus, nur ein wenig, fast unmerklich. Er merkte es trotzdem.
Werd bitte nicht böse, sagte er.
Ich bin nicht böse.
Hanna
Michael, ich bin nicht böse. Ich denke nur nach.
Er blieb noch kurz, dann nickte er und verließ die Küche. Ich hörte ihn in unserem Schlafzimmer, wie die Schranktür zuschlug. Er packte etwas zusammen. Nicht alles, nur das Nötigste. Nur für eine Weile, hatte er gesagt. Ich schaute zur Eberesche und dachte daran, dass die Vögel schon die Beeren anpickten. Der Winter wird früh, sagte immer meine Mutter. Sie war vor sieben Jahren gestorben. Oft überkam mich noch dieser kurze Gedanke Ich muss Mama anrufen, bevor ich mich wieder erinnerte.
Ich war achtundfünfzig.
***
Am nächsten Tag kam meine Freundin Gabi unangemeldet vorbei. Sie rief erst von unten an.
Öffne mal, ich bin unten vor dem Haus.
Gabi, ich bin noch nicht fertig angezogen.
Dann hopp, ich warte.
Gabi Baumann kannte ich noch aus dem Studium. Siebenunddreißig Jahre Freundschaft, wenn man ehrlich rechnet. Gabi war laut, direkt und manchmal ziemlich forsch. Vor drei Jahren hatte sie sich von ihrem Andreas scheiden lassen, zuerst viel geweint, dann von heute auf morgen aufgehört und ein kleines Handarbeitsgeschäft im Viertel eröffnet. Ein bescheidener, aber sicherer Verdienst, und Gabi meinte, sie fühle sich besser als in den zehn Jahren davor.
Wir saßen zusammen in meiner Küche. Gabi umarmte mich fest im Flur, so wie man eigentlich nur jemanden umarmt, den man sehr mag. Mir stiegen die Tränen in die Augen aber ich weinte nicht.
Erzähl schon, forderte Gabi und schenkte Tee ein.
Du weißt doch alles.
Ich will es von dir hören.
Ich erzählte. Kurz, ohne Ausschmückungen. Michael sagte, er gehe. Nur für eine Zeit. Er brauche Abstand. Ich hatte nicht gefragt, zu wem er ging. Nicht weil ich es nicht ahnte, sondern weil es sonst wirklich gewesen wäre, als hätte man einen endgültigen Schritt gemacht. Solange man nicht fragt, bleibt alles vage.
Hast du nicht gefragt, wohin?
Nein.
Hanna
Was?
Du weißt es doch?
Eine Pause. Draußen war lautes Gespräch im Hof. Das Leben lief einfach weiter.
Ich ahne es, gab ich zu. Seine Assistentin. Claudia. Zweiunddreißig ist sie.
Gabi schwieg. Dann vorsichtig:
Schon lange?
Keine Ahnung. Ein Jahr vielleicht. Vielleicht länger. Ich hab manches gemerkt. Aber ich habe nicht zugelassen, dass der Gedanke wachsen darf.
Warum nicht?
Ich blickte auf meine Tasse. Schöne Tassen, aus dem Prager Service, damals vor zehn Jahren gekauft. Eine schöne Reise. Michael war damals noch ausgelassen, lachte, hielt meine Hand auf der Karlsbrücke.
Weil man handeln müsste, wenn man richtig drüber nachdenkt, sagte ich schließlich. Und ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich habe sechsundzwanzig Jahre nicht gearbeitet, Gabi. Verstehst du? Erst die Kinder, dann das Haus, dann irgendwie war das einfach so.
Er hat dich gut abgesichert.
Ja, das hat er. Ich habe mich um Haus und Kinder gekümmert, um seine Eltern, als sie krank waren. Ich war ich suchte das richtige Wort ein Teil seines Lebens. Ein wichtiger Teil, dachte ich zumindest.
Und jetzt?
Jetzt, Gabi, glaube ich, dass ich der bequeme Teil war. Ich sagte es nüchtern, ohne Bitterkeit. Nur festgestellt. Ich war die bequeme Ehefrau. Keine Diskussionen, immer einverstanden. Weiße Küche statt cremefarben, Urlaub in den Bergen statt am Meer, Abendessen um acht statt um sieben alles nach seinem Takt.
Gabi sah mich nachdenklich an. Ungewöhnlich still für sie.
Bist du böse? fragte sie schließlich.
Noch nicht. Vielleicht kommt es später.
Und jetzt?
Ich dachte nach. Draußen verstummten die Stimmen. Die Eberesche stand bewegtlos.
Jetzt versuche ich mir zu erinnern, was ich selbst mag, sagte ich leise. Außer diesem Haus. Außerhalb seines Lebens. Und merke, dass ich es nicht schnell weiß. Das fühlt sich sonderbar an.
Gabi legte ihre Hand auf meine. Sagte nichts. Manchmal ist das das Beste.
***
Drei Tage später rief meine Tochter an. Caroline lebt mit Mann und zwei Kindern in Heidelberg. Vierunddreißig ist sie, immer mehr Papas Kind als meins, praktisch, schnelle Urteile.
Mama, Papa hat mir Bescheid gesagt. Wie geht’s dir?
Gut.
Mama, gut ist keine Antwort.
Caroline, wirklich. Ich denke nach.
Worüber?
Sie klang angespannt, jemand, der schon Partei ergriffen hat, aber es noch nicht sagt.
Über Verschiedenes.
Papa meint, es ist nur vorübergehend. Ihr braucht einfach mal
Caroline, unterbrach ich sie ruhig, aber bestimmt. Ich will das nicht mit dir besprechen. Nicht mit dir, nicht mit Felix. Das geht nur uns beide was an.
Pause.
Okay, sagte Caroline. Dann leiser: Bist du allein?
Ja. Mir gehts nicht schlecht.
Soll ich kommen?
Nein. Danke. Wenn ich möchte, sage ich Bescheid.
Ich legte auf, setzte mich in den Sessel und blieb eine Weile einfach sitzen. Felix, unser Sohn, lebt in München. Er hat sich bisher nicht gemeldet typisch Felix. Er meidet schwierige Gespräche, versteckt sich hinter Sachlichkeit, du weißt doch, Mama, ich hab gerade ein Projekt.
Ich verstehe das.
Ich wanderte durch die Wohnung. Vier Zimmer, großer Flur, zwei Bäder. Alles schön, alles am richtigen Platz. Ich habe immer auf das Haus geachtet. Blumen am Fenster, keine Kunstpflanzen. Die Gardinen passend zur Jahreszeit. In der Küche der Duft von Lavendelsäckchen, die ich immer selber gemacht habe.
Das Haus war schön. Aber es war… nicht mehr meines.
Nicht fremd. Eher wie ein Museum. Alles am richtigen Platz und doch ohne Bezug zu mir selbst.
Ich blieb vor dem Bücherregal stehen. In der Mitte meine eigenen Bücher. Nicht viele. Meist Geschenke. Kochbücher. Romane. Ein alter Gedichtband von Rilke, zerlesen, noch aus Studentenzeiten. Ich griff ihn, blätterte darin. Las ein paar Zeilen. Etwas in mir schob sich leise zurecht.
Ich hatte seit zwanzig Jahren keine Gedichte mehr gelesen nie die Zeit dazu.
***
Nach einer Woche rief Michael an. Seine Stimme klang leicht schuldbewusst, aber auch fest, als ob alles beschlossen sei.
Hanna, wir sollten reden.
Rede.
Besser persönlich.
Wann passt es dir?
Er schwieg kurz. Vielleicht hatte er mit Vorwürfen, Tränen oder Fragen gerechnet. Ich ließ ihm keines davon.
Morgen um zwei? Ich komme vorbei.
In Ordnung.
Er erschien punktgenau. Das war typisch Michael, Pünktlichkeit seine Ehre. Ich stellte Wasser für Tee auf nicht aus Höflichkeit, sondern weil ich sonst nicht wusste, wohin mit meinen Händen.
Du siehst gut aus, sagte er, als er sich setzte.
Danke.
Hanna, ich möchte nicht, dass du…
Michael, unterbrach ich ruhig. Sag einfach, was du sagen willst.
Er sah mich an. Offensichtlich stoppte ihn etwas in meinem Tonfall.
Ich möchte die Scheidung, sagte er. Offiziell. Wir sind erwachsen. Ziehen wir es durch.
Gut.
Wirklich?
Ja. Ich werde es dir nicht schwer machen.
Hanna, sein Blick war merkwürdig. Früher hätte ich gedacht, fürsorglich, jetzt erkannte ich andere Züge. Ich lasse dir die Wohnung. Gebe dir Geld. Du wirst keine Not haben.
Gibst mir Geld, wiederholte ich. Erstaunlich, wie oft ich Worte wiederholte in diesen Tagen.
Na ja. Du hast ja nicht gearbeitet. Du musst von etwas leben.
Das Teewasser kochte. Ich goss es auf, ruhig, ohne Eile.
Michael, begann ich, während ich die Tassen abstellte. Weißt du noch, als deine Mutter so lange krank war? Drei Jahre lang. Ich war jede Woche bei ihr. Spritzte ihr Insulin, kaufte Medikamente, sprach mit Ärzten. Du hattest keine Zeit.
Das weiß ich doch.
Oder als Caroline mit dem zweiten Kind schwanger war und wochenlang im Krankenhaus lag? Ich habe einen Monat bei ihnen gewohnt. Gekocht, geputzt, nachts das große Kind betreut.
Wozu erzählst du das jetzt?
Weil du so betonst, du gibst mir Geld. Als tätest du mir einen Gefallen. Als hätte ich die ganze Zeit nichts gemacht und nur auf deinen Kosten gelebt.
Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder.
So habe ich das nicht gemeint.
Doch, so klingt es. Du willst der Gönner sein, der für mich sorgt. Ich setzte mich ihm gegenüber. Michael, ich bin nicht böse. Wirklich. Aber ich mache auch keine Show aus Dankbarkeit. Wir wissen beide, dass das nicht zutrifft.
Er sah mich lange an. Dann veränderte sich etwas in seinen Zügen, als würde ihm ein Teil seiner Selbstsicherheit abhandenkommen.
Du hast dich verändert, sagte er endlich.
In einer Woche?
In dieser Woche, ja.
Ich trank Tee, in kleinen Schlucken. Draußen fütterte eine alte Frau, die ich vom Sehen kannte, Tauben im Hof.
Bezüglich des Geldes begann ich meine Hälfte steht mir zu. Das ist fair. Aber ich will nicht, dass du mir etwas gibst. Das ist entwürdigend.
Hanna
Nein, warte. Lass mich ausreden. Ich stellte die Tasse ab. Sechsundzwanzig Jahre habe ich den Laden hier geschmissen. Habe nie gezankt, nie Show gemacht, nicht mehr Aufmerksamkeit verlangt als du geben konntest. Habe Gäste empfangen, deine Eltern gepflegt, deine Witze gelächelt. Meine eigene Karriere aufgegeben, weil du gesagt hast: Hanna, das Theater brauchst du nicht. Ich sorge doch für uns. Und ich hab das gemacht. Und bereue es nicht mal. Aber ich will, dass wir es klarstellen: Das war Arbeit. Ernsthafte Arbeit. Und ich habe sie gut gemacht.
Es war still.
Ich habe nie gesagt, du hättest das schlecht gemacht, gab er leise zurück.
Aber du redest davon, für mich zu sorgen. Wie für ein Kind. Ich bin nicht mehr klein, Michael. Ich bin achtundfünfzig.
Er stand auf, ging ans Fenster. Die Eberesche im Hof brannte rot in der Herbstsonne.
Du hast recht, sagte er dann, leise. Du hast recht, Hanna.
Ich war überrascht. Es dauerte, bis ich verstand.
Lass uns das mit den Anwälten regeln, fuhr er fort. Ohne Streit.
In Ordnung.
Er griff nach seiner Jacke, drehte sich an der Tür noch einmal um.
Hanna. Ich Er stockte.
Schon gut, sagte ich. Lass es einfach. Geh.
Er ging. Ich saß lange am Tisch. Schließlich griff ich zum Handy, schrieb Gabi: Wir haben gesprochen. Scheidung läuft. Alles okay.
Gabi antwortete sofort: Du bist stark. Komm morgen im Laden vorbei, ich hab neue Wolle bekommen! Du hast doch früher gern gestickt.
Ich musste lächeln. Ich hatte wirklich gerne gestickt vor dreißig Jahren.
***
Zwei Wochen lebte ich in seltsamer, aber nicht schlechter Stimmung. Es war, als hätte jemand die gewohnte Rahmen weggenommen, mich auf den Tisch gestellt und keiner weiß, wohin es gehen wird.
Ich ging zu Gabi in ihren Laden. Faden & Nadel hieß das Geschäft, im Erdgeschoss eines Altbaus. Es roch nach Stoff und Holz. Die Regale voll mit Garnen, Stoffen, Stickrahmen, wundervollen Sticknadeln. Ich streifte durch die Regale, strich über Mohair, Baumwolle, Seidengarne. Innen wurde es langsam wärmer.
Schau mal! Gabi hielt mir einen Stickrahmen entgegen. Für Anfänger eigentlich, aber du kannst gleich mit was Schwererem anfangen.
Ich hab das früher gekonnt.
Eben, vor dreißig Jahren.
Das verlernt man nicht.
Mal sehen, Gabi grinste.
Ich kaufte Garn, Stoff und Nadeln. Zu Hause saß ich lange am Fenster, betrachtete das Muster. Dann fing ich an. Die ersten Stiche waren schief, ich trennte alles auf, fing von vorne an. Langsamer, konzentrierter. Die Finger erinnerten sich.
Drei Stunden stickte ich ohne zu merken, wie die Zeit verging.
Es war ein seltsames, gutes Gefühl in seiner Einfachheit ungewohnt.
***
Ende Oktober rief Felix. Schon gut sechs Wochen nach dem Gespräch mit Michael.
Mama? Wie gehts?
Gut. Bei dir?
Auch gut. Ich hab mit Papa gesprochen stimmt das, dass du auf seine finanzielle Hilfe verzichtest?
Nicht ganz. Ich will meinen Anteil am Haus, ja. Aber nicht, dass er mir einfach Geld überweist, als wäre es Almosen.
Aber ganz praktisch ist das doch, du arbeitest ja nicht.
Felix, ich bin achtundfünfzig, nicht achtzig. Ich kann noch was arbeiten.
Und was willst du machen?
Gute Frage. Ich selbst wusste noch nicht. Das Theaterstudium, das ich damals für die Ehe abgebrochen hatte vorbei, kein Weg zurück. Aber ich mochte Sprachen. Früher sprach ich gut Französisch. In letzter Zeit schaute ich manchmal französische Filme, verstand nicht alles, aber so einiges schon.
Noch keine Ahnung, sagte ich ehrlich. Aber da wird sich was finden.
Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst, Mama.
Mach ich. Und Felix du bist ein guter Sohn, aber du musst mich nicht retten. Ich geh nicht unter.
Er schwieg eine Weile.
Alles klar, Mama. Meld dich.
Danach suchte ich meine alten Unterlagen raus. Hinter Wintersachen im Schrank fand ich ein abgewetztes Heft mit französischen Vokabeln. Mein Schriftbild von damals flink, schwungvoll, sicher. Es sah aus, als hätte eine andere Frau das geschrieben.
Vielleicht hatte sie das.
***
Der Anwalt war ein ruhiger älterer Herr, Klaus Friedrich. Er hörte mir aufmerksam zu, stellte ein paar Fragen, nickte.
Ihre Rechte sind geschützt, Frau Sommer. Das gemeinsame Vermögen wird halbiert. Wohnung, Ferienhaus, Konten. Es geht nur um die Aufteilung selbst.
Ich möchte die Wohnung. Mit dem Haus bin ich verwurzelt. Michael hat sie mir überlassen.
Er bekommt dann eine Ausgleichszahlung. Oder das Haus.
Ja. Wir haben vereinbart, dass es ohne Streit ablaufen soll.
Herr Friedrich sah mich über die Brille hinweg an.
Das ist selten, merkte er an.
Ich weiß.
Gut. Ich bereite alles vor. Dauert etwa einen Monat.
Draußen war ein leiser Novembertag, noch kein Schnee, das Licht tief und grau. Ich blieb noch etwas draußen, kam vom Haus weg, lief einfach so durch die Straßen und betrachtete meine Stadt.
Eine unspektakuläre Mittelstadt wir lebten in Kassel. Hier war ich geboren, hatte Michael kennengelernt, hier war mein ganzes Leben. Ich kannte Kassel wie meine Westentasche. Wusste, wo es das beste Brot gab. Wo wilder Apfelbäume im Hof standen, wo im Winter die Dompfaffe saßen.
Das war auch mein Eigenes. Wenig, aber echt.
Ich ging in ein Café. Klein, leise, Holztische. Bestellte Kaffee und einen Apfelkuchen. Saß am Fenster, schaute hinaus. Dachte an nichts Besonderes. Ich war einfach. Trinkend, schauend.
Ich merkte, wie lange ich das nicht mehr gemacht hatte: einfach irgendwo sitzen. Ohne Auftrag, ohne fremden Plan.
Am Nachbartisch saßen zwei Frauen in meinem Alter, lachten, diskutierten. Eine trug ein buntes Halstuch, die andere markante Brille. Ich sah sie an und dachte: So sieht das aus, wenn jemand einfach lebt. Lacht. Bunte Tücher trägt.
Ich trank aus, ließ ein Trinkgeld da und ging hinaus.
***
Im Dezember rief Caroline an. Der Ton war verändert, freier.
Mama, ich komme zu Silvester zu dir, ohne Sven und die Kinder. Ist das okay?
Natürlich. Und sie?
Die fahren zu seinen Eltern. Ich hab gesagt, ich will zu meiner Mama. Pause. Mama, ich war damals im Unrecht. Ganz am Anfang. Ich wollte, dass ihr euch versöhnt. Dass man das reparieren kann. Aber eigentlich das ist nicht meine Entscheidung.
Caroline
Bitte, lass mich ausreden. Ich dachte, du bist verloren ohne Papa. Dass du alleine nicht zurechtkommst. Wir haben uns angewöhnt, dass Papa alles regelt und du sie stockte.
In seinem Schatten stehst?
So ungefähr. Aber du bist nicht verloren. Und das irgendwie hat mich das selbst verändert.
Was denn?
Ich denk mehr an mich. Was ich will. Nicht nur an Sven und die Kinder. Ich weiß, das klingt egoistisch.
Nein, gar nicht.
Ehrlich?
Ja, Caroline. Das heißt nur, dass du dich kennst.
Wir redeten noch eine Stunde. Über Kinder. Ihre Arbeit. Dass sie immer schon malen lernen wollte, sich aber nie Zeit dafür nahm. Ich hörte zu und spürte etwas Warmes. Keine Stolz eher ein Zusammenklang. Ein Wiedererkennen: Nicht, wer man war, sondern wer man werden will.
***
Caroline kam am 29. Dezember. Sie brachte Wein, Käse und lustige Pantoffeln mit. Wir schmückten den Tannenbaum bei alten Liedern, die ich im Internet gefunden hatte. Caroline lachte über meine unbeholfenen Versuche mit der Musik-App. Ich lachte mit.
Es war schön. Wirklich schön.
Zu Silvester luden wir Gabi ein. Die brachte selbstgemachte Frikadellen und eine große Dose Sauergurken mit. Wir saßen zu dritt am Tisch, tranken Wein, redeten. Nicht über Michael. Über das Leben. Über Wünsche. Gabi träumte von einer Finnlandreise. Caroline wollte ans Meer, in die Sonne. Ich sagte, ich wolle nach Paris.
Paris? Gabi sah mich neugierig an.
Ich habe früher Französisch gelernt. Ich will wissen, was davon geblieben ist.
Allein?
Vermutlich. Oder mit jemandem. Mal sehen.
Caroline sah mich lange an. Dann ein leichtes Lächeln.
Du hast dich verändert, Mama.
Das hat Michael auch gesagt.
Und wie hat es sich bei ihm angehört?
Ich überlegte.
Wie ein Vorwurf. Als hätte ich gegen die Regeln verstoßen.
Und jetzt?
Jetzt klingt es wie ein Lob.
Gabi erhob das Glas.
Auf Frauen, die sich nicht an die alten Spielregeln halten.
Wir stießen an. Draußen krachten die ersten Raketen. Ich schaute hinaus und dachte: Zum ersten Mal seit Jahren beginne ich Silvester als meinen Anfang. Nicht irgendeines anderen. Meinen.
***
Im Januar meldete ich mich zum Französischkurs an. Eine kleine Spracheschule wenige Minuten entfernt. Die Gruppe war gemischt: zwei Studentinnen, eine Frau Mitte vierzig, die auswandern wollte, und ein älterer Herr, Herr Berger, der schon immer Stendhal im Original lesen wollte.
Das ist ehrgeizig, meinte der junge Lehrer Tom, leicht verdutzt.
Alles ist ehrgeizig, was man für sich selber tut, sagte Herr Berger.
Ich stimmte innerlich zu.
Die Sprache fiel mir schwerer als gedacht. Ich wusste mehr, als ich geglaubt hatte, aber die Grammatik entglitt mir, Artikel verwechselt, Fehler gemacht. Das war neu lange hatte ich nichts riskiert, bei dem man wieder und wieder von vorne anfangen muss.
Nach der dritten Stunde sprach Tom mich an:
Hanna, Sie sprechen Französisch mit sehr gutem Akzent. Woher?
Habe ich in meiner Jugend viel gemacht.
Machen Sie weiter. Es lohnt sich, mehr als man denkt.
Ich ging nach Hause und dachte daran. Es steckt etwas in mir, das immer da war aber nie gebraucht wurde.
***
Im Februar unterschrieben wir die Scheidung in der Kanzlei. Kein großes Wort, kein Drama. Michael wirkte müde; ich, wie ich seinem Blick entnahm, wahrscheinlich anders, als er dachte.
Wie geht es dir? fragte er auf dem Flur.
Gut.
Echt gut?
Ja.
Er schaute mich an. Da lag etwas in seinem Blick, das ich erst nicht einordnen konnte. Keine Reue, kein Bedauern eher Verunsicherung, als habe er anderes erwartet.
Du hast dich zu irgendwas angemeldet? Gabi hat was erzählt…
Zum Französischkurs. Und auch zum Aquarellmalen.
Aquarell? Du hast doch noch nie gemalt.
Noch nie. Jetzt eben schon.
Er nickte. Zog den Mantel an. Schon an der Tür blieb er noch einmal stehen.
Hanna Ich
Michael sagte ich leise. Du bist kein schlechter Mensch. Nur, wir haben einfach verschieden gelebt. Leb du deins.
Er schaute mich lange an. Dann ging er.
Ich blieb stehen im Flur. Durch die Glastür fiel Licht. Februar. Schneeluft, eilige Leute, ein ganz normaler Tag. Nach sechsundzwanzig Jahren Ehe war ich geschieden. Das ist groß. Ganz still groß.
Ich ging hinaus. Es roch nach Schnee, nach Frische. Ich hob das Gesicht zum Himmel. Der Schnee war fein, fast Staub. Er schmolz sofort auf der Haut.
Ich ging heim. Langsam, auf Umwegen, durch den Park.
***
Aquarellmalen war schwerer als Französisch. Die Farben liefen aus, vermischten sich zu Matsch, das Papier wellte sich. Die Kursleiterin, Sabine, eine Frau um die fünfzig mit buntfleckigen Fingern, beobachtete meine Versuche mit stoischer Ruhe.
Du willst zu sehr steuern, meinte sie. Lass die Farbe machen. Sie will vertrauen, nicht kontrolliert werden.
Was will sie denn?
Dass man ihr Raum gibt. Erst Wasser, dann Farbe. Den Rest überlässt du ihr.
Ich probierte. Erst misslang alles, dann wurde es besser, dann wieder schlecht. Aber ich lernte. Die Blätter sammelte ich in einer Mappe. Sie waren schief, oft nicht schön, aber sie waren meins.
Eines Tages blieb Sabine vor meiner Arbeit stehen: Eine Eberesche am Fenster, rote Beeren, grauer Himmel.
Das ist echt, sagte sie.
Das ist schief.
Schief und echt widersprechen sich nicht.
Ich betrachtete mein Bild. Auf Papier war die Eberesche eine andere. Nicht wie im Hof. Aber meine Eberesche so, wie ich sie sehe. Fühle.
Das war der Unterschied.
***
Im Frühling kam Caroline zu Besuch, diesmal mit Kindern und Sven. Eine Woche blieben sie. Abends redeten wir in der Küche, während Sven fernsah und die Kinder schliefen.
Bist du glücklich? fragte Caroline einmal.
Schwierig zu sagen.
Warum?
Früher dachte ich, ich weiß, was das ist: Schönes Haus, Familie, alles läuft. Heute Ich weiß es nicht. Es ist ein gutes Gefühl, aber eben keins von diesen großen Glücksgefühlen.
Was dann?
Ich dachte nach.
Es ist, wenn man morgens aufwacht und weiß: Der Tag gehört dir. Nicht dem Kalender eines anderen. Nicht fremden Bedürfnissen. Nur dir selber. Klingt das komisch?
Nein, sagte Caroline leise. Überhaupt nicht.
Denkst du jetzt an dich?
Ja. Mehr. Ich hab auch einen Malkurs gebucht. Wie du.
Wirklich?
Ja. Aquarell. Sonntags. Sven war zuerst skeptisch, jetzt gehts.
Ich sah meine Tochter an. Vierunddreißig. Klug, etwas scheu, stets etwas im Schatten ihres durchsetzungsstarken Mannes. Wie ich damals.
Caroline, du musst mein Leben nicht wiederholen.
Tu ich nicht. Ich lerne nur.
Von mir? Ich war überrascht.
Du bist den Schritt gegangen, den ich nie gewagt hätte. Nicht gebrochen, nicht verbittert, nicht zu uns gezogen, damit wir dich versorgen. Du hast einfach selbst weitergemacht. Neu angefangen. Mit achtundfünfzig.
Ich war lange still.
Ich wusste nicht, dass es so aussieht von außen.
Doch, genau so.
Weißt du, wie es sich von innen anfühlt? Oft beängstigend. Man merkt, wie wenig man von sich weiß. Nach dreißig Jahren nicht mal die eigene Lieblingsfarbe benennen kann.
Und heute?
Jetzt weiß ich es. Blau. Das Aquarell-Blau.
Caroline lächelte. Wir schwiegen noch ein wenig. Dann umarmte sie mich fest, wie Gabi damals.
Mama, du bist stark.
Und du auch.
***
Im Sommer schlug Gabi eine Reise nach Schweden vor. Zehn Tage, kleine Reisegruppe, organisierte Tour, genug freie Zeit.
Ich war noch nie ohne Michael im Urlaub, sagte ich.
Eben drum.
Gabi, ich bin nicht der Zelttyp
Ferienhaus, Dusche, alles da. Kommst du?
Ich überlegte drei Tage. Dann sagte ich ja.
Schweden war eine andere Welt. Seen spiegelten den Himmel, als wäre er schöner. Kiefern, hoch und schlank wie Säulen. Stille, gefüllt mit Wasserrauschen, Wind und Vogelstimmen.
Ich hatte Aquarell dabei.
Ich malte jeden Morgen, wenn die anderen noch schliefen. Saß am See, betrachtete, malte. Ungerade Blätter, aber etwas Reales darin. Ich spürte es. Nicht mit dem Kopf, sondern irgendwo tiefer drin.
Am vierten Tag, am Ufer, wurde mir eines klar:
Ich dachte nicht mehr an Michael. Nicht weil ich mich zwingen musste es war einfach vorbei. Die Geschichte war zu Ende. Nicht mit Groll, nicht mit Versöhnung, sondern einfach so. Wie wenn man ein Buch schließt und das nächste nimmt.
Das war neu. Das war gut.
Gabi kam, sah über meine Schulter.
Schön, sagte sie.
Wirklich?
Ja. Ich würde das aufhängen.
Ich sah mein Bild an. See, Kiefern, Morgendunst. Nicht perfekt, aber lebendig.
Vielleicht mache ich das auch, meinte ich.
***
Im September wurde ich neunundfünfzig. Ich gab ein kleines Essen. Da waren Gabi, Nachbarin Inga, mit der ich mich im Frühjahr angefreundet hatte, zwei Frauen aus dem Malkurs. Caroline schaltete sich per Video dazu, zeigte mir die Kinder, alle schwenkten selbstgemalte Geburtstagskarten und riefen “Oma, alles Gute!”
Ich blickte auf den Bildschirm, die Enkel, Caroline und es fühlte sich richtig an. Nicht ruhig und gesetzt, sondern lebendig, ein bisschen wild, aber ganz und gar meines.
Felix schickte Geld und eine kurze Nachricht: Mama, alles Liebe. Bis bald. Ich lächelte. Felix bleibt Felix.
Gabi hob das Glas.
Auf Hanna. Auf eine Frau, die in einem Jahr sie selbst wurde.
Ich war immer ich, widersprach ich.
Nee, Hanna. Jetzt bist du es.
Ich ließ das so stehen. Vielleicht hatte sie recht.
***
Im Oktober hängte ich mein Schweden-Aquarell an die Wand, gerahmt, über dem Sofa.
Früher hing da eine große Reproduktion, die Michael ausgesucht hatte hübsch, belanglos, beliebig. Ich nahm sie ab, stellte sie weg. Mein Bild hing jetzt da.
Ich betrachtete das Bild. Nicht perfekt. Aber meins. Ich habe es gemalt. Ich habe es gesehen. Ich habe es gefühlt.
Und das war wirklicher Wert: Nicht das, was schön ist. Sondern das, was zu einem gehört.
Ich stand davor, bis das Telefon klingelte unbekannte Nummer.
Hallo?
Hanna Sommer? Hier ist Tom aus dem Sprachinstitut. Sie hatten Ihre Nummer hinterlassen. Wir gründen einen Gesprächskreis Französisch mittwochs abends. Nur sprechen, keine Grammatik. Haben Sie Interesse?
Ich blickte auf mein Bild. Blauer See. Morgendunst.
Sehr gerne, sagte ich. Nehmen Sie mich dazu.
Der November kam leise. Nach dem Sprachkurs trug ich meine neue französische Lektüre heim. Einfach ein Roman, zufällig gewählt, nach Gefühl, nach dem Cover.
Vor der Haustür sah ich Michael.
Ich bemerkte ihn erst, als ich näher kam. Er stand ein wenig abseits, Mantelkragen hoch, offensichtlich wartete er schon länger.
Hallo, sagte er.
Hallo, erwiderte ich. Keine Überraschung. Keine Angst. Nur das Wort.
Ich dürfen wir reden?
Ich wartete einen Moment. Dann:
Komm rein.
Wir gingen hinauf. Ich hängte meinen Mantel auf. Fragte, ob er Tee wolle. Er verneinte. Sah sich mein Aquarell an.
Du hast das gemalt?
Ja.
Schön.
Danke.
Er schwieg, betrachtete das Bild. Dann sagt er:
Hanna. Ich es hat nicht geklappt bei mir.
Ich wartete, half nicht, fragte nicht.
Claudia. Sie ist jünger, anders. Ich dachte, das ist alles, was ich brauche. Aber es war ich war einfach erschöpft. Nicht von dir. Von mir selbst. Von meinem Alter. Pause. Du hast nie gefragt, warum. Überhaupt nichts gefragt.
Das war nicht meine Sache.
Vielleicht. Sein Blick ruhte auf mir. Du bist anders. Wirklich anders.
Stimmt.
Ich kann das schwer erklären. Ich habe dich für selbstverständlich gehalten. Dass du immer da bist.
Michael, sagte ich, freundlich, aber ohne Herzlichkeit. Was möchtest du von diesem Gespräch?
Er sieht mich lange an, senkt dann die Augen.
Ich weiß es nicht. Ich wollte nur sagen, dass ich Fehler gemacht habe. Und dass ich dich nie verstanden habe.
Stille.
Draußen der Herbst. Eberesche im Hof. Die Beeren längst abgepickt, die Äste nackt. Aber der Baum steht. Sicher.
Ich höre dich, sagte ich. Danke, dass du es sagst.
Das ist alles?
Ich beobachtete ihn. Diesen großen, müden, verunsicherten Mann, der so lange an meiner Seite war und nun so fern.
Michael Ich nahm meinen französischen Roman, hielt ihn kurz. Ich lese jetzt auf Französisch. Langsam, mit Wörterbuch, aber ich lese. Ich male. Ich fahre nach Schweden. Ich gehe zum Sprachclub. Ich schlafe mit offenem Fenster, weil ich es mag. Esse, was mir schmeckt, nicht, was jemand anderes bevorzugt. Pause. Ich bin dir nicht böse. Du hast mir viel gegeben. Haus, Kinder, viele Jahre. Aber auch gezeigt, dass ich zu lange nicht mein eigenes Leben gelebt habe. Das zählt auch.
Kommst du zurück? fragte er leise. Komische Frage. Er wusste es wohl selbst.
Ich blickte auf mein Bild. Blauer See, Nebel, meine Eberesche.
Michael, ich bin neunundfünfzig. Und erstmals seit langer Zeit weiß ich, dass ich wirklich lebe. Pause. Nimm dir doch einen Tee, wenn du magst. Ich mache Wasser heiß.
Ich ging in die Küche, stellte den Wasserkocher an. Sah hinaus auf den Hof, die kahle Eberesche, die alte Nachbarin mit den Tauben.
Hinter mir war es still. Dann knarzte das Sofa, Schritte.
Michael stand in der Tür.
Hanna, sagte er.
Ich drehte mich um.
Sag mir eins. Bist du glücklich?
Das Wasser begann zu singen. Sanft, wachsend. Draußen stand die Eberesche aufrecht und still.
Ich lerne, sagte ich. Ich lerne, glücklich zu sein. Es ist schwerer als gedacht. Aber ich lerne.
Er sah mich an. Ich sah ihn an. Zwei nicht mehr junge Menschen in einer Küche, die früher beiden gehörte und nun meine geworden war.
Das ist gut, sagte er schließlich. Das ist sehr gut, Hanna.
Der Wasserkocher klickte.
Wie viele Jahre hatte ich Sorgen geschluckt, Wünsche verschoben, mich angepasst, auf mein eigenes Ich vergessen für vermeintliche Harmonie, Bequemlichkeit, Ruhe? Es ist nie zu spät, sich zu erlauben, zu leben. Und am Ende lernte ich: Bequem ist nur der Anfang aber das Eigene, das ist das Glück.




