Nichts lässt sich mehr ändern
Ich stehe am Fenster meiner Wohnung, die Blicke verloren in das matte Licht der Frankfurter Abendstraßen. Unten ist kaum jemand unterwegs, nur selten hasten Menschen über das nasse Pflaster, Autos ziehen schweigende Lichtstreifen hinter sich her. Der Zeiger der alten Küchenuhr zeigt halb eins nachts und meine Unruhe wächst ins Unermessliche: Marie ist immer noch nicht nach Hause gekommen. Mit zitternder Hand fahre ich mir durchs Haar, versuche mich zu sammeln, doch immer wieder spiele ich in Gedanken die Ereignisse des Tages durch. Ich komme nicht los von jener kurzen Szene davor unser Gespräch, direkt bevor Marie das Haus verließ
Vor drei Stunden.
Gedämpftes Lachen und murmeliges Gerede klangen aus dem Wohnzimmer. Ich drehte mich um und erblickte meine Freunde. Thomas, einer meiner ältesten Kumpels, fläzte sich im Sessel und sah mich grinsend an.
Na, Jonas, wo hast du denn deine hübsche Dame versteckt?, fragt er mit typischem, spöttischem Unterton. Wir sitzen hier seit Ewigkeiten, und deine Marie lässt sich nicht mal blicken.
Langsam trat ich an die kleine Runde. Vier Jungs aus alten Schultagen hatten es sich auf dem Sofa und den Sesseln bequem gemacht. Dazwischen, auf dem Couchtisch, Flaschen mit Pils, Teller mit Salzbrezeln, Erdnüssen und Mettwürstchen. Eigentlich war alles vorbereitet für einen lockeren Abend nur, dass anscheinend nichts so klappen wollte wie erhofft.
Sie ist einfach erschöpft, murmele ich, während ich versuche, meine Stimme ruhig zu halten, innerlich jedoch zunehmend gereizt bin. Sie kam spät von der Arbeit und wollte heute mit niemandem mehr reden.
Sebastian, der immer einen Spruch auf den Lippen hat, lehnt sich zurück und schmunzelt.
Erschöpft, ja? Kommt mir bekannt vor. Jonas, hast du sie zu sehr verwöhnt? Eine Frau gehört doch dazu, du weißt schon
Unwillkürlich balle ich meine Fäuste. Mir stößt auf, wie sie über Marie reden, wie respektlos und taktlos ihre Bemerkungen sind. Gleichzeitig spüre ich, wie mich Maries Verhalten diesen Abend tatsächlich wahnsinnig macht. Wie oft habe ich sie gebeten, sich mit den Jungs zu treffen und immer hatte sie einen Grund, es nicht zu tun. Heute, wo ich extra alles arrangiert hatte, verschwindet sie einfach im Schlafzimmer, als zähle mein Wunsch gar nichts.
Tief atme ich durch, bemühe mich, ruhig zu bleiben. Im Kopf die gleiche Frage: Was ist schiefgelaufen? Habe ich etwas falsch gemacht? Ist es wirklich nur so ein besonders schlechter Tag? Ich sehe meine Freunde an, ihr Kichern und ihre Lässigkeit, und merke, wie abwesend und fremd mir das alles auf einmal vorkommt.
Ich kläre das jetzt, sage ich, richte mich auf und gehe entschieden zum Schlafzimmer. In meiner Brust brodelt eine unangenehme Mischung aus Enttäuschung und Wut; trotzdem bemühe ich mich um Beherrschung. Es tut weh, zu hören, wie sich alle über mich amüsieren, wie sie sich Blicke zuwerfen und schmunzeln. Nein, ich werde Klartext reden
Die Schlafzimmertür ist abgeschlossen. Ich klopfe laut, fordernd. In meiner eigenen Wohnung schließt man mich einfach aus!
Marie, komm bitte raus. Die Jungs warten, spreche ich betont ruhig. Mach nicht so ein Theater!
Es folgt eine Pause, dann höre ich ihre müde, matte Stimme:
Jonas, wirklich, ich bin total durch. Kanns ein andern Mal sein? Ich halt nicht mehr durch
Mein Frust schwillt weiter an. Ich bemühe mich um Kontrolle, doch meine Worte klingen schärfer als beabsichtigt:
Irgendein nächstes Mal gibts nicht! Mach auf!
Wieder Stille. Ich bin schon drauf und dran, den Ersatzschlüssel zu holen, da höre ich das leise Klacken des Schlosses. Marie öffnet die Tür einen Spalt breit. Sie sieht erschöpft aus, blass, dunkle Schatten unter den Augen, das Haar wirr, als hätte sie sich kurz hingelegt.
Es geht nicht, flüstert sie, den Blick gesenkt. Der Tag war die Hölle. Drei Deadlines, Chef war am Rotieren, Kolleginnen schieben mir alles zu Ich will einfach im Bett verschwinden, Jonas. Ich kann jetzt einfach keine Fremden unterhalten. Nicht heute.
Mir tut sie aufrichtig leid. Aber zugleich würgt mich die Kränkung. Ich will vor meinen Freunden nicht dastehen wie jemand, mit dem man alles machen kann. Ich will nicht der Waschlappen sein
Und ich soll mich wie ein Depp vor meinen Freunden rechtfertigen?, höre ich meine Stimme, gereizter denn je. Die lachen schon und meinen, ich hätte nichts zu sagen! Komm wenigstens kurz dazu. Eine halbe Stunde, wenigstens das!
Vergiss es, Jonas. Ich bin nicht dazu da, dein Ego zu retten, erwidert sie und beißt sich auf die Lippe. Nach kurzem Schweigen fährt sie fort: Hättest du dein Bierchen am Wochenende organisiert kein Ding. Oder einfach vorher gefragt! Aber ich komme nach Hause, und statt Ruhe erwartet mich eine gröhlende Männerrunde!
Ich mache einen Schritt auf sie zu, packe beherzt, ziehe sie am Arm aus dem Zimmer. Marie verkrampft sofort, will sich befreien.
Lass mich!, schreit sie, schon halb panisch.
Kurz halte ich inne, packe sie dann im Affekt an der Taille, hebe sie hoch. Sie keift, windet sich aber ich halte sie fest, nicht grob, aber bestimmt.
Jetzt reichts. Komm einfach kurz rüber, knurre ich, obwohl es mir innerlich alles zerreißt und ich mir selbst fremd werde.
Sie stemmt sich mit aller Kraft, stößt mir wütend einen Ellenbogen in die Rippen. Der Schmerz lässt mich loslassen. Sie nutzt den Moment, rennt zurück aber weit kommt sie nicht, ich erwische sie am Oberarm.
Beruhig dich endlich!, rufe ich, nun schon fast verzweifelt. Ich will gar keinen Streit, will einfach, dass sie sich nicht wie ein bockiges Kind benimmt.
Rühr mich nicht an!, zischt sie, die Tränen stehen ihr in den Augen.
Und dann, im Überschwang der Emotionen, rutscht mir die Hand aus. Ein Schlag auf ihre Wange. Nicht hart, fast reflexhaft aber genug, dass sie erstarrt. Schmerz und Enttäuschung schimmern in ihrem Blick.
In diesem Moment ist alles vorbei. Schweigend schnappt sie sich ihren Mantel, reißt die Haustür auf, verschwindet und schlägt die Tür heftig hinter sich zu.
Die Jungs, irritiert, schauen betreten in die leere Flur. Thomas bricht nach einer Weile die bedrückte Stille:
Alter, was war das denn? Willst du nicht hinterherlaufen?
Ich stehe da, die Fäuste geballt, unfähig zu sprechen. Murmele nur:
Sie kommt schon wieder. Muss sich halt beruhigen.
Aber Marie kommt nicht zurück.
Nach einer Stunde macht sich wirklich Angst breit. Ich greife zum Handy, rufe sie an niemand hebt ab. Ich schreibe Nachrichten: Wo bist du?, Kannst du zurückrufen?, Mach mir Sorgen um dich. Es bleibt still. Dann ist meine Nummer plötzlich blockiert.
Ich rufe ihre Freundinnen an. Niemand hat sie gesehen, niemand weiß, wohin sie gegangen sein könnte. Nur Jana, ihre Freundin aus Studienzeiten, lässt mich nach einer Pause wissen:
Jonas, wenn Marie gegangen ist, dann hat sie einen Grund. Spiel nicht den Unschuldigen. Überleg dir lieber, was du falsch gemacht hast.
Diese Worte treffen unerwartet. Ich will kontern, doch sie legt auf. Ich stiere ins Leere, ratlos, verzweifelt.
Um halb zwölf verlasse ich die Wohnung, lasse die Jungs zurück. Ein kalter Novemberwind peitscht mir entgegen, ich ziehe den Mantelkragen hoch und schlendere ziellos durch die Straßen Frankfurts. Kalte Laternen werfen Schatten auf das nasse Kopfsteinpflaster. Die Gedanken kreisen, Erinnerungen flackern auf.
Unser Kennenlernen war so wunderbar unkompliziert: vor einem Jahr, in einem kleinen Café am Hauptbahnhof. Ich mit einem Stapel Akten, sie vertieft in ihr Buch. Es war ein Krimi, mein Lieblingsautor. Wir kamen ins Gespräch, lachten, zogen uns gegenseitig auf es passte einfach. Nach einer Woche das erste Date. Nach einem Monat zog Marie zu mir.
Die Anfangszeit war leicht und voller Wärme. Sie war nicht nur schön; sie war klug, witzig, begegnete mir auf Augenhöhe. Sie hörte mir zu, kochte die leckersten Gerichte, schaffte eine Atmosphäre von Zuhause. Ihr Lachen füllte die Räume, selbst meine schlechten Scherze brachte sie zum Grinsen.
Mit der Zeit aber traten unsere Unterschiede hervor. Ich liebte es, mit Freunden zu feiern, laute Musik, einen vollen Tisch und ausgelassene Stimmung. Marie bevorzugte ruhige Abende Buch, Serie, Zweisamkeit. Ich verstand nicht, warum sie sich verweigerte, wenn ich Zusammensein wollte. Für mich selbstverständlich, dass wir alles teilen, dass sie immer dabei ist. Für sie nicht. Sie pochte darauf, ihr eigenes Leben zu führen, selbst zu bestimmen.
Habe ich zu sehr gedrängt? Die letzten Wochen hörte ich mich immer öfter sagen Du musst, statt Lass uns drüber reden. Das kleine Wörtchen müssen wurde für Marie ein Befehl, keine Bitte
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Am Tag danach rufe ich Marie immer wieder an. Keine Antwort. Nachrichten bleiben ohne Reaktion. Schließlich fahre ich zu ihren Eltern im Westend, einer typischen Altbauwohnung mit einem hübschen Hinterhof.
Maries Mutter, Frau Petra Albrecht, öffnet. Sie war mir immer freundlich gesinnt, doch ihr Gesicht ist heute kalt, bis auf eine feine Falte zwischen den Brauen.
Jonas? Was willst du?
Guten Abend, Frau Albrecht, verhaspele ich mich, ringe nach Worten. Ich wollte fragen, ob Marie vielleicht hier ist.
Nein, antwortet sie nur. Und wenn doch, ich würde es dir nicht sagen.
In mir kocht es, ich bemühe mich um Fassung:
Aber warum? Was habe ich falsch gemacht?
Frau Albrecht sieht mich lange abschätzend an. Dann atmet sie tief durch, tritt zur Seite.
Komm rein, reden wir in der Küche.
In der Luft liegt der Duft von frischem Apfelkuchen. Unvermittelt sticht mir die Erinnerung ins Herz: Wie oft hatte Marie sonntags gebacken, wie sehr hatte ich diese Geborgenheit geschätzt.
Jonas, du bist ein guter Kerl, sagt Petra Albrecht und setzt sich an den Küchentisch. Setz dich. Aber du hast nicht verstanden: Marie gehört niemandem. Sie ist ein Mensch mit Gefühlen, Grenzen, dem Recht auf eigenes Leben.
Ich balle erneut die Hände zur Faust, zögere:
Aber sie ist einfach gegangen! Sie hat nichts gesagt, nichts
Hast du ihr Gelegenheit zum Reden gegeben? fragt sie ruhig. Oder hast du sie von Anfang an nur gedrängt und genötigt, sich deinen Wünschen zu fügen?
Ich senke den Blick. Die Szene von gestern läuft wieder ab: Mein Ziehen an ihrem Arm, mein Lautwerden. Dieser eine Moment, in dem ich ihr ins Gesicht schlug
Sie hat mich gestern Nacht angerufen verheult, sagt Maries Mutter nun mit leiser Bitterkeit. Hat mir erzählt, was du getan hast, wie gedemütigt sie sich fühlte. Dass du die Beherrschung verloren, sie angeschrien hast. Hast du eine Ahnung, was das mit ihr macht?
Ein brennender Kloß steckt mir im Hals. Flüsternd entschuldige ich mich:
Ich wollte das nicht Es ist passiert, weil ich wütend war.
Wütend sind wir alle manchmal, entgegnet sie ernst, aber wir dürfen uns davon nicht leiten lassen. Marie hat immer nur Gutes über dich erzählt. Doch gestern hast du ihr gezeigt, dass du anders sein kannst und das hat sie zutiefst erschreckt.
Die Scham frisst mich auf. Ich stehe auf, schnappe nach Luft, sage:
Ich muss sie finden.
Petra Albrecht sieht mich an, nickt langsam.
Überleg dir gut, wie du mit ihr sprichst. Entschuldige dich zuerst. Versuch, sie zu verstehen.
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Am Abend sitze ich auf unserer Bank nahe der Eschersheimer Landstraße, dort, wo wir so oft spazieren waren. Raschelndes Laub, der würzige Geruch des Herbstes in der Luft, fahles Licht von Straßenlaternen. Ich beobachte die Menschen, wie sie hasten oder entspannt flanieren, spüre die Kälte, lasse die Gedanken los.
Plötzlich taucht ein vertrauter Schatten auf. Mein Herz setzt aus es ist Marie. In ihren Bewegungen liegt Müdigkeit, in ihrem Gesicht Leere. Ich will aufspringen, heranlaufen, doch ich bleibe sitzen, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen.
Marie , flüstere ich, stelle mich ihr entgegen.
Sie bleibt stehen, wendet sich mir zu. Ihre Stimme klingt matt, ihr Blick ist klar, aber ohne Wärme.
Was willst du, Jonas? Es reicht. Ich kann gerade nicht.
Ich will mich entschuldigen, ihr sagen, wie leid es mir tut, wie sehr ich meine Fehler erkenne. Doch die alten Verletzungen brechen auf, die Worte meiner Freunde bohren in meinem Kopf: Beherrschst du dein Leben eigentlich gar nicht mehr?
Ach so, davon läufst du jetzt einfach weg?, höre ich mich, vorwurfsvoll wie ein Kind. Vor den Jungs hast du mich unmöglich aussehen lassen. Tut dir das gar nicht leid?
Marie wird noch ein wenig blasser, aber sie hält meinen Blick fest.
Jonas, ich wollte keinen lächerlich machen, entgegnet sie leise, ich hatte einfach keine Kraft mehr.
Nie interessiert es dich, wie es mir dabei geht!, platzt es aus mir heraus. Ich wollte, dass alles harmonisch ist du, ich, meine Freunde. Stattdessen
Stattdessen habe ich im Büro Überstunden gemacht, Fehler anderer ausgebügelt, mir den Kopf zerbrochen. Ich wollte zehn Minuten Ruhe und du hast mir nicht einmal das gegönnt. Stattdessen Druck, Zwang, und am Ende Sie hält inne, reißt sich zusammen, hast du die Grenze überschritten.
Ich muss schweigen. Plötzlich sehe ich alles wie von außen, begreife endlich, wie erschöpft und verletzt Marie gewesen sein muss. Ich habe sie nicht gefragt, nicht zugehört, mich nur um mein eigenes Bild gesorgt.
Für einen Moment steht Marie noch da, dann sagt sie leise, fast traurig:
Weißt du ich hatte gehofft, du könntest mich einfach mal in den Arm nehmen, auf mich eingehen, sehen, wie es mir geht. Aber du hast immer nur an dich gedacht.
Ich versuche, Worte zu finden, eine echte Entschuldigung, doch sie schüttelt nur den Kopf.
Machs gut, Jonas. Ich kann nicht mehr.
Sie dreht sich um und geht ihren Weg, immer kleiner werdend im gelblichen Schein der Laternen. Ich bleibe allein zurück, im Nieselregen, in einer Welt, die mir für einen Moment vollkommen stumm erscheint.
Erst jetzt begreife ich, was ich verloren habe: Nicht nur eine Frau, sondern einen Menschen, der an mich geglaubt, der mich unterstützt und geliebt hat. Meine Sturheit, meine Angst, vor anderen schwach zu wirken, mein Ego standen im Weg.
Was habe ich angerichtet?
Ich weiß manche Fehler lassen sich nicht mehr gutmachen. Heute habe ich gelernt: Rücksicht, Zuhören, Verständnis und nicht mein Stolz entscheiden darüber, was Liebe wirklich bedeutet. Ich wünschte, ich hätte das früher verstanden.




