Alle helfen mit, aber du bist bei uns etwas ganz Besonderes

Alle helfen mit, nur du bist bei uns die Besondere

Anna, sag mal, wollt ihr nicht heute zu mir kommen? fragte meine Schwester mit hoffnungsvoller Stimme. Mein Mann ist auf Dienstreise, und es ist so langweilig mit den Kindern alleine.

Ich, Annalena, rieb mir die Nasenwurzel. In meinem Kopf überschlugen sich mögliche Ausreden, eine sinnloser als die andere. Arbeitsstress? Glaubt Frauke mir nie heute ist Samstag. Müdigkeit vorschieben? Dann gibts wieder Fragen, gute Ratschläge und lange Monologe übers Ausruhen. Ich biss mir auf die Lippe und atmete durch, sammelte meine Gedanken für eine geschickte Antwort.

Frauke, heute klappts leider nicht, versuchte ich, mein Bedauern möglichst überzeugend klingen zu lassen. Klara ist ein wenig angeschlagen, wir müssen zu Hause bleiben, gehen gerade nicht raus.

Am anderen Ende herrschte eine Pause, dann kam ein sehnsüchtiges Seufzen meiner Schwester.

Ach schade, zog Frauke die Antwort in die Länge. Wir hätten gemütlich zusammensitzen können, während die Kinder spielen…

Ich verdrehte die Augen, war aber dankbar, dass sie das nicht mitbekam. Natürlich! Die Kinder sollen angeblich spielen aber es läuft immer so: Klara kümmert sich um die Kleineren, damit wir Erwachsenen ungestört Kaffee trinken können.

Ja, wirklich schade, nickte ich. Wenns uns besser geht, melden wir uns.

Frauke jammerte noch ein bisschen weiter, wünschte Klara gute Besserung und legte auf. Ich starrte mein Handy an und musste fast lachen. Das ganze Gespräch hatte kaum vier Minuten gedauert. Kein einziges Mal fragte Frauke, wie es MIR geht. Nichts zur Arbeit, zur Gesundheit, zu meinem Befinden. Für sie gings nur darum: Kommen wir oder nicht. Eigentlich braucht sie ständig ein kostenloses Kindermädchen das ist ihr einziges Interesse.

Klara erschien im Türrahmen. Mein Mädchen schaute mich prüfend an.

Hat Tante Frauke wieder angerufen? fragte sie.

Ich nickte und legte das Handy auf den Beistelltisch. Klara setzte sich neben mich aufs Sofa, zog die Beine an und hatte diesen Gesichtsausdruck, irgendwo zwischen Frust und Erleichterung.

Mama, ich will da nicht mehr hin, sagte Klara entschlossen.

Ich drehte mich zu ihr und hob die Augenbraue, wartete auf eine Erklärung. Klara presste die Lippen zusammen, rang nach Worten, dann brach alles aus ihr heraus.

Sie schiebt mir ihre Kinder ständig zu, sie runzelte die Stirn. Ich muss auf die Kleinen aufpassen, rennen, spielen, sie unterhalten.
Und der Älteste ist doch erst fünf! beschwerte Klara sich. Ich bin kein Babysitter.

Ich schaute meine neunjährige Tochter an und musste unweigerlich lächeln. Klara kann jetzt schon genau sagen, was ihr nicht passt und es klar äußern. Ich war ein bisschen stolz.

Keine Sorge, ich streichelte ihr über den Kopf. Das passiert nicht nochmal.

Klara lächelte, sichtlich erleichtert, und verschwand in ihr Zimmer.

Ich ließ meinen Blick zur Decke wandern, die Gedanken drifteten. Seltsam war unsere Familiendynamik schon immer. Frauke ist vier Jahre jünger als ich. Und hat bereits vier Kinder. Vier! Ich schüttelte den Kopf. Ich selbst habe nur eine Tochter und die ist noch dabei, erwachsen zu werden. Wie viel Energie, Zeit, Liebe stecke ich noch in Klaras Entwicklung… Und Frauke? Gleich vier auf einmal.

Ich rieb mir die Schläfen und schloss die Augen. Frauke fand schon immer, dass sich alle an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen müssten. Unsere Eltern, Renate und Karl, mussten schon früh ran. Später kamen die Schwiegereltern von Frauke dazu, Nachbarn, Freunde, entfernter Verwandte die ganze Großfamilie lebte scheinbar nur für Fraukes Nachwuchs. Alle, nur nicht Frauke selbst.

Ich schmunzelte bei diesem Gedanken und öffnete die Augen. Ich war da immer anders. Die Hilfe meiner Mutter habe ich nur im absoluten Notfall erbeten wenn ich selbst krank war oder bei drohendem Jobverlust. Ansonsten habe ich alles alleine hinbekommen, auch wenn es anstrengend war besonders die ersten Jahre. Aber ich habe es geschafft. Klara ist ein tolles Mädchen geworden: selbstständig, klug, mit Rückgrat.

Frauke dagegen wurde von Jahr zu Jahr fordernder.

Ich verscheuchte die düsteren Gedanken, stand auf und machte mich ans Tagesprogramm. Ich war Frauke heute losgeworden, schon ein kleiner Sieg. Es warteten samstägliche Routineaufgaben keine Zeit zum Grübeln. In der Küche räumte ich die Spülmaschine aus.

…Die Tage verstrichen in gewohnten Bahnen zwischen Beruf und Haushalt. Am Freitagabend vibrierte das Handy, Fraukes Name leuchtete auf. Ich holte tief Luft und nahm ab.

Anna, wie gehts Klara? Frauke klang honigsüß. Ist sie wieder fit?
Alles bestens, ich lehnte mich an die Wand. Sie tobt schon wieder durch die Wohnung.
Perfekt! Frauke klang enthusiastisch. Dann MÜSST ihr am Wochenende unbedingt bei uns übernachten!

Ich verdrehte die Augen erneut. Der nächste Verhandlungs-Marathon beginnt…

Oh, alleine ist es so langweilig, jammerte Frauke. Die Kinder sind quengelig, mein Mann ist unterwegs.
Frauke, Übernachtung geht nicht, ich schüttelte den Kopf. Aber Samstagvormittag kann ich gern auf einen Sprung vorbeikommen.

Am anderen Ende hörte ich eine enttäuschte Stille. Sie hatte offensichtlich auf mehr gehofft. Nach etwas Verhandeln gab sie sich aber mit einem Tagesbesuch zufrieden.

…Der Samstagmorgen war grau und kühl. Ich packte meine Sachen, zog die Jacke an und verließ alleine die Wohnung. Der Weg zu Frauke dauerte eine halbe Stunde mit dem Bus, dazu noch zehn Minuten zu Fuß.

Frauke öffnete und reckte gleich neugierig den Hals, um hinter mich zu blicken.

Wo ist Klara? sie runzelte die Stirn.
Klara ist beschäftigt, ich trat ein. Sie lernt für eine Klassenarbeit.

Frauke zog eine Miene, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Die Tür knallte sie leicht gereizt zu.

Deine Tochter wird immer schwieriger, sagte sie mit verschränkten Armen. Kommt nie zu Besuch, ruft nicht an, schreibt gar nicht mehr.

Ich hängte die Jacke auf und hörte im Hintergrund spielende, lärmende Kinder irgendwas krachte. Ich drehte mich zu Frauke, sah ihr direkt in die Augen.

Klara hat einfach keine Lust mehr, bei dir den Babysitter zu spielen, sagte ich ruhig.

Frauke explodierte förmlich, als hätte ich einen Zünder betätigt. Ihr Gesicht lief rot an, die Augen verengten sich.

Das ist doch selbstverständlich, dass die Ältesten helfen! wurde sie laut. So lernt man Rücksicht!
Aber nicht für fremde Kinder, konterte ich.
Was denn für fremde? regte sie sich auf. Es sind ihre Cousinen und Cousins!
Sie ist zehn, Frauke, ich ballte die Fäuste. Noch ein Kind, kein Dienstpersonal.

Frauke trat einen Schritt näher, starrte mich wütend an. Im Kinderzimmer weinte die Kleine, doch Frauke rührte sich nicht.

Das tut ihr gut! fauchte sie. So lernt sie, mit Kindern umzugehen!
Sie braucht diese Lektion nicht, auch ich erhob inzwischen die Stimme. Sie hat keine Geschwister.
Eben drum! Frauke brüllte fast. Dann kann sie ruhig mit meinen üben!

Ich wich einen Schritt zurück, konnte kaum glauben, was ich hörte. Frauke zeigte gar keine Einsicht, stand ganz zu ihrem Standpunkt.

Hörst du dir eigentlich selbst zu? ich schüttelte den Kopf. Du willst meine Tochter als kostenlose Betreuung einsetzen!
Was ist dabei? stemmte sie die Hände in die Hüften. Ich packs alleine einfach nicht!
Warum hast du dann vier Kinder bekommen? rutschte es mir heraus, bevor ich mich bremsen konnte.

Frauke schnappte nach Luft, ihre Wut kannte keine Grenzen, im Gesicht pochten die Adern.

Du hast doch eine fast erwachsene Tochter! sie fuhr mich an. Sie könnte ruhig nach der Schule regelmäßig helfen!

Das brachte bei mir das Fass zum Überlaufen. Irgendwas schnappte in mir. Alle angestauten Kränkungen bahnten sich ihren Weg.

Du bist maßlos geworden, kniff ich die Augen zusammen. Du schiebst deine Verantwortung auf andere!
Ich brauche doch nur Hilfe! gab sie nicht klein bei.
Du forderst, ich griff nach meiner Jacke. Für dich haben immer alle Zeit und Kraft übrig.
Na und? Unsere Eltern helfen! stampfte Frauke. Die Schwiegermutter hilft auch! Nur ihr nicht!
Unsere Eltern sind auch nicht mehr die Jüngsten, ich zog mir ruhig die Jacke an. Sie brauchen Ruhe, nicht einen Berg Enkel zum Hüten.
Sie machen das doch gerne! Frauke packte mich am Ärmel.

Ich löste mich aus ihrem Griff, trat Richtung Wohnungstür. Frauke stand schnaubend im Flur, ganz rot vor Zorn.

Wir kommen nicht mehr, ich öffnete die Tür. Such dir andere.

Ohne mich umzudrehen verließ ich die Wohnung, das Schreien der Schwester verhallte hinter einer zuschlagenden Tür.

…Abends rief dann unsere Mutter an. Ich warf einen Blick aufs Display, ging ran.

Annalena, was hast du da wieder gemacht? Renates Stimme bebte vor Empörung. Frauke ist in Tränen aufgelöst! Du treibst sie noch zum Nervenzusammenbruch!
Mama, ich habe ihr nur die Wahrheit gesagt, ich ließ mich aufs Sofa fallen.
Welche Wahrheit? wurde sie lauter. Dass du deiner eigenen Schwester nicht hilfst?
Helfen und selber Sklave sein, sind zwei Paar Schuhe, ich umklammerte das Handy.
Sie ist doch alleine mit vier Kindern! stöhnte meine Mutter. Ihr Mann immer unterwegs! Für sie ist das schwer!
Es war ihre Entscheidung, ich blieb bei meiner Linie. Nicht meine. Und schon gar nicht Klaras.
Klara kann doch hier und da mal aufpassen! beharrte sie. Alle helfen Frauke, nur du bist wieder die Besondere!
Nein, unterbrach ich. Meine Tochter wird kein Kindermädchen für andere.

Es sind keine Fremden! schrie meine Mutter beinahe. Sie sind eure Familie!

Ich stand auf und trat ans Fenster. Draußen senkte sich Dunkelheit über die Stadt, einer nach dem anderen gingen die Straßenlaternen an.

Mama, wenn ihr euer Leben komplett Fraukes Kindern widmen wollt, dann macht das sehr gerne, sagte ich ruhig. Aber ich habe dafür nie unterschrieben.
Du bist so egoistisch! warf sie mir vor.
Ich habe meine eigene Familie, erwiderte ich ungerührt. Mein Mann, meine Tochter wir sind nicht der Dienstleister für alle.

Ich beendete das Gespräch, warf das Handy aufs Sofa und vergrub das Gesicht in den Händen.

Da spürte ich warme Arme, die mich von hinten umschlossen. Klara schmiegte sich an und legte den Kopf an meine Schulter.

Mama, ich hab alles mitgehört, flüsterte sie.

Ich drehte mich um, zog sie ganz fest an mich. In ihren Haaren duftete es nach Kindershampoo.

Ich mach das alles für dich, murmelte ich, während ich sie streichelte. Und ich werde immer für dich da sein.

Klara schaute mich an und lächelte so tief, voller Dankbarkeit und Liebe.

Ich weiß, Mama, sie drückte meine Hand. Danke.

So standen wir am Fenster, die Arme umeinander, und sahen in die Lichter der abendlichen Stadt. Irgendwo, vielleicht ganz am anderen Ende von Hamburg, weinte Frauke jetzt bestimmt und beklagte sich bei ihrer Schwiegermutter. Unsere Mutter ruft sicher reihum die Verwandtschaft an und berichtet von ihrer herzlosen ältesten Tochter. Doch hier, in meiner Wohnung, herrschten Wärme und Frieden.

Ich hatte meine Entscheidung getroffen, und ich würde nicht mehr zurückweichen. Selbst wenn das bedeutete, den Kontakt zu Schwester und Mutter aufs Spiel zu setzen. Klara war wichtiger. Ihre Kindheit, ihre Freiheit, ihr Recht, einfach ein Kind zu sein.

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Homy
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Alle helfen mit, aber du bist bei uns etwas ganz Besonderes
Ich bin die Tochter eines Bauern — und manche Leute denken, das macht mich weniger wert.