Du zerbrichst noch den Stuhl.
Du hast die Ente wieder zu lange im Ofen gelassen, sagte Thomas, ohne vom Handy aufzublicken. Schon wieder.
Katharina stand am Herd, der geblümte Schürze umgebunden, die sie schon am Morgen angezogen hatte. Fast acht Uhr abends war es, draußen wurde es dunkel. Auf dem Tisch, über den sie zweimal am Tag die weiße Damastdecke gelegt und die sie heute frisch gebügelt hatte, standen Teller, die sie seit früh geputzt hatte. Die Ente lag auf einer großen Platte, knusprig, glänzend, umgeben von Äpfeln. Es duftete nach Zimt und Honig. Dreimal hatte Katharina die Ofentür geöffnet, dreimal die Temperatur geprüft.
Thomas, die Ente ist nicht zu trocken. Ich hab aufgepasst.
Habe ich gesagt, sie ist zu trocken, dann ist sie zu trocken.
Er steckte das Handy in die Jackentasche und verschwand ins Wohnzimmer, um zu kontrollieren, ob die Gläser korrekt eingedeckt waren.
Katharina Müller war achtundzwanzig. Fünf Jahre war sie mit Thomas Müller verheiratet, der inzwischen zweiundvierzig war. Er leitete eine Baufirma. Zwei Büros, ein Audi, eine Altbauwohnung in der Innenstadt von München und ein Ferienhaus am Starnberger See, das sie vielleicht einmal im Monat besuchten. Thomas kannte man in der Stadt. Er betrat einen Raum so, dass sich die Köpfe drehten. Tiefe Stimme, der Blick stets etwas länger ruhen lassend, wenn er seinen Standpunkt klarmachte.
Katharina hatte Thomas kennengelernt, da war sie dreiundzwanzig. Sie schrieb gerade an ihrer Masterarbeit in Kunstgeschichte und hatte sich für die Promotion beworben. Das Thema stand, ihr Doktorvater lobte sie. Sie forschte zur flämischen Malerei des siebzehnten Jahrhunderts, konnte stundenlang darüber reden. Damals hörte Thomas ihr zu, lächelte leicht und sagte: Du bist etwas Besonderes. Sie glaubte es ihm.
Ein halbes Jahr nach der Hochzeit schlug er ihr sanft vor, nicht zur Promotion zurückzukehren. Er verlangte es nicht. Sagte nur, er brauche eine Frau an seiner Seite, keine, die nur über Bücher und tote Maler nachdenkt. Sie würden viel reisen, sie bräuchte nicht zu arbeiten. Er würde alles absichern. Sie willigte ein. Dachte, so sieht Liebe aus, das sei nun ihre gemeinsame Geschichte.
Aber sie reisten nicht. Er reiste zu Terminen, manchmal nahm er sie mit, meist blieb sie allein in der großen, stillen Wohnung. Sie kochte, las, schaute Filme, ging ein paar Straßen weiter ins Yogastudio Birke. Im dritten Ehejahr wurde sie schwanger. Sie dachte, es wollten beide so. Im vierten Monat verlor sie das Baby. Der Arzt sagte, das komme vor, sie könne bald wieder probieren. Thomas war an dem Tag zu einem Geschäftstermin. Er kam spät nachts, fragte, wie es ihr gehe, hörte zu und sagte: Wird klappen beim nächsten Mal. Kein Trost, keine Umarmung, nur Dusche, dann Schlaf.
Danach griff Katharina immer öfter zum Essen. Nicht aus Hunger das Kochen beruhigte, das Obstschälen, das Kneten des Teigs, mechanische Handgriffe, die nicht zum Denken zwangen. Zwanzig Kilo mehr nach einem Jahr. Sie bemerkte es: Die Kleider spannten, sie kaufte größere und sah nicht mehr als nötig in den Spiegel.
Thomas merkte es früher als sie. Zunächst nur sein langer Blick beim Essen, als wolle er etwas sagen, sich aber doch zurückhielt. Dann die ersten Kommentare: Musst du wirklich noch einen Nachschlag? Oder: Wieder kein Yoga? Na ja. Schließlich wurde er direkter: Katharina, es ist hart, dich anzusehen. Sie warf ihm vor, gemein zu sein. Er sagte, er sage nur die Wahrheit. Wenn sie keine Wahrheit wolle, werde er schweigen und zusehen, wie sie sich gehenlasse. Sie schwieg dann lieber.
An diesem Abend erwarteten sie Gäste drei Geschäftspartner von Real Immo Group, die im Gewerbeimmobiliengeschäft groß waren. Thomas sprach die ganze Woche über sie. Einer, Herr Brinkmann, würde seine Frau mitbringen, sechs Leute insgesamt. Katharina hatte drei Tage vorbereitet: kalte Vorspeisen, Suppe, Ente mit Äpfeln, zwei Salate, Apfelkuchen, weil Thomas meinte, Kuchen gebe dem Abend Atmosphäre. Sie stand seit sieben Uhr morgens in der Küche, abends schmerzten die Beine, der Rücken brannte.
Als es acht wurde, klingelte es. Katharina nahm die Schürze ab, strich das Kleid glatt, trat mit Thomas zur Tür.
Herr Brinkmann war ein hochgewachsener Mann mit grauem Haar und wachen Augen. Seine Frau, Gerda, war vielleicht fünfundfünfzig, schick gekleidet, mit kurzem Haarschnitt. Sie lächelte Katharina sofort an.
Hier riecht es wunderbar. Zimt?
Zimt und Honig, sagte Katharina. Die Ente, mit Äpfeln.
Herrlich, ich liebe Ente, schwärmte Gerda und drückte Katharina kurz die Hand. Haben Sie alles selbst gemacht?
Ja, ganz allein.
Das sieht man, Sie sind spitze.
Die anderen Gäste, zwei jüngere Männer in teuren Anzügen, begrüßten Katharina höflich, aber eher zerstreut sofort fiepte wieder eine Nachricht auf ihren Handys, und sie steckten die Köpfe zu Thomas.
Katharina schenkte Wein ein, reichte Snacks herum, achtete darauf, dass jeder hatte, was er brauchte. Beim Servieren der Suppe wandte sich Thomas ihr mit leiser, aber unmissverständlicher Stimme zu:
Geh ruhig in die Küche. Wir kommen zurecht.
Sie sah ihn an.
Ich wollte mich kurz setzen.
Es gibt noch genug zu tun. Geh.
Sie gehorchte, stand bei Herd und hörte das Lachen aus dem Esszimmer. Gerda erzählte. Die Männer lachten, Thomas am lautesten. Durch die Glastür sah sie, wie im Ofen der Apfelkuchen aufging.
Als sie mit der Ente das dritte Mal in den Raum kam, stand einer der jungen Männer, Tobias, auf und meinte:
Ich helfe Ihnen mal, und nahm ihr die schwere Platte ab.
Danke, sagte sie.
Setzen Sie sich ruhig zu uns, forderte Gerda freundlich, rückte ein Stück zur Seite.
Katharina griff nach dem freien Stuhl neben ihr ein dunkler, antiker Stuhl mit geschnitzter Lehne, einer von sechs, die Thomas vor drei Jahren ersteigert hatte. Er prahlte gern damit, dass sie älter als ein Jahrhundert seien.
Und genau in diesem Moment sagte Thomas das, was sich Katharina noch lange einbrennen würde. Nicht, weil es überraschend kam eher, weil er es so ruhig und locker vortrug, fast jovial, als wolle er allen einen Gefallen tun:
Katharina, setz dich da besser nicht hin. Du bist zu schwer, der Stuhl könnte brechen. Und dann ist uns der Appetit verdorben.
Es wurde still. Tobias erstarrte mit der Platte in der Hand. Herr Brinkmann starrte in seinen Teller. Einer der jüngeren Gäste holte das Handy raus. Gerda sah Katharina an, und in diesem Blick lag etwas, das Katharina beinahe noch mehr schmerzte. Kein Mitleid. Aber: Verständnis.
Bleiben Sie lieber in der Küche, da ist noch Kuchen.
Katharina antwortete nicht. Sie nickte nur und ging hinaus.
In der Küche zog sie die Topflappen über, öffnete den Ofen, hob den goldbraunen Kuchen heraus, stellte ihn auf ein Gitter, legte die Topflappen beiseite. Schaute den Kuchen an und dachte daran, dass Thomas das in aller Seelenruhe vor den anderen gesagt hatte. Vor Gerda, die nett war. Vor Tobias, der helfen wollte. Vor allen.
Sie weinte nicht. Merkwürdig, denn früher hätte sie schon wegen weniger geweint. Stattdessen stand sie einfach da und starrte auf den Kuchen. Und irgendetwas in ihr… Es brach nicht. Im Gegenteil. Es setzte sich. Als hätte ein Puzzlestück endlich seinen Platz gefunden.
Sie ging zurück, stellte den Kuchen auf den Tisch, schnitt Stücke, legte sie auf Teller. Lächelte Gerda an, als die lobte, wie appetitlich der Kuchen aussehe. Antwortete auf Herrn Brinkmanns Frage, welche Äpfel sie verwende: Boskoop. Die sind etwas säuerlicher, passen besser zum Teig. Thomas musterte sie leicht irritiert, als hätte er Tränen oder Skandal erwartet, nicht diese neue Ruhe.
Die Gäste gingen gegen Mitternacht. Gerda gab Katharina an der Tür die Hand, für einen Herzschlag länger als nötig.
Sie empfangen ganz wundervoll. Wirklich.
Dann war sie allein. Thomas ging telefonierend ins Wohnzimmer. Katharina blieb einen Moment im Flur stehen, danach ging sie ins Schlafzimmer.
Sie öffnete den Schrank, zog die dunkelblaue Reisetasche von der obersten Ablage. Packte. Ohne Eile. Zwei Pullover, Jeans, drei Kleider, Unterwäsche, Socken. Ihre Ausweise und Bankkarte aus der Kommode etwas Geld, das sie sich von dem, was Thomas fürs Haushaltsgeld gab, immer wieder zur Seite gelegt hatte, ohne genau zu wissen, wofür. Laptop, Ladekabel, Kosmetiktasche.
Den Ehering ließ sie liegen. Auf dem Nachtkästchen. Die Kette mit dem Anhänger von der ersten Hochzeit ebenso. Die Ohrringe einfach nicht. Kein Statement. Sie wollte schlicht nichts mitnehmen, was sein war.
Thomas kam in die Tür, als sie den Reißverschluss zuzog.
Was machst du da?
Ich gehe.
Er blickte auf die Tasche.
Jetzt? Es ist Mitternacht.
Ja.
Katharina, komm, sei nicht albern. Wohin willst du denn?
Zu Steffi.
Zu Steffi? Er sagte es mit der Herablassung eines Mannes, für den Steffi ein Kinderzimmerfreund ist. Ruf sie morgen an, schlaf jetzt erstmal.
Ich gehe, Thomas.
Stille.
Wegen dem Stuhl-Spruch? Ernsthaft? Ich wollte nicht, dass du den Stuhl kaputt machst, er ist antik.
Ich weiß, was du wolltest.
Sags doch.
Sie sah ihn zum ersten Mal seit Langem direkt an. Klar, ruhig.
Du wolltest, dass ich weiß, wo mein Platz ist. Hab ich verstanden. Danke.
Sie nahm die Tasche, ging in den Flur. Er folgte ihr.
Katharina. Katharina, bleib. Wenn du jetzt gehst, brauchst du gar nicht wieder zu kommen.
Sie zog sich die Schuhe an, griff nach der Jacke.
Gut, sagte sie. Und ging.
Draußen war es kalt. Ende Oktober, fast Mitternacht, niemand unterwegs. Sie ging zur U-Bahn und dachte daran, dass die Tasche schwerer war als angenommen, dass andere Schuhe klüger gewesen wären, und dass Steffi vermutlich schon schlief. Weiter nichts. Nicht, ob es richtig war. Nicht, wie es weiterging. Einfach: Tasche. Schuhe. Steffi.
Steffi Schneider öffnete die Tür nach drei Minuten. Noch verschlafen, Haare zerzaust. Sie sah Katharina und die Tasche und wieder Katharina.
Komm rein, sagte sie. Magst du Tee?
Gerne.
Sie saßen in Steffis kleiner Küche eine Einzimmerwohnung in Haidhausen. Steffi fragte nichts. Sie kochte Tee, schob einen Teller Plätzchen hin, blieb einfach sitzen. Später erzählte Katharina kurz: vom Abend, den Gästen, dem Stuhl. Steffi hörte zu, ganz still.
Du hättest das schon früher machen sollen, sagte sie schließlich.
Hast du ja immer gesagt.
Ja. Aber du musstest selbst dahinterkommen. So ist es besser.
Katharina nickte. Sie starrte in die Teetasse, dachte daran, dass morgen schon um Arbeit, Geld, Unterkunft, alles neu geklärt werden musste. Kein Beruf, kein Abschluss, fünf Jahre zu Hause…
Steffi, ist es in Ordnung, wenn ich erstmal bleibe?
Bist du blöd? Bleib so lange du willst.
Ich finde schnell etwas Neues.
Nicht hetzen. Schlaf jetzt erstmal.
Sie schlief auf dem Sofa. Einschlafen fiel ihr schwer, aber es war ein anderes Schwer. Sie dachte keine Sekunde an Thomas. Sie dachte an den Apfelkuchen, den sie dagelassen hatte. Er war wirklich gelungen.
Eine Woche später hatte sie einen Job. Supermarkt Frischmarkt fünf Gehminuten weg suchte Kassiererinnen. Katharina bewarb sich, wurde nach kurzem Gespräch von der Filialleiterin Frau Döring eingestellt. Die Arbeit war monoton, aber einfach. Kunden abkassieren, Einen schönen Tag noch, und das wars. Mit manchen Kunden besonders älteren Damen kam sie ins Gespräch, und schon nach wenigen Wochen grüßten sie sie beim Namen.
Viel Geld blieb ihr nicht. Steffi kassierte keine Miete von ihr, trotzdem bestand Katharina darauf, für beide zu kochen, einzukaufen, sauberzumachen. Steffi winkte ab, aber sie beharrte.
Thomas schrieb nach zwei Wochen: Bist du noch bei deiner Freundin? Katharina antwortete nicht. Ein Anwalt meldete sich, er wolle die Scheidung regeln. Über eine Bekannte Erkannte Steffi, die als Juristin arbeitete, dass die Wohnung Thomas allein gehörte und es keine gemeinsamen Güter gab. Katharina wollte keinen Streit, keine Forderungen, bloß eine schnelle Scheidung. Drei Monate nach jener Oktober-Nacht war es offiziell vorbei.
Sie arbeitete weiter bei Frischmarkt. Frau Döring schlug ihr die Position der ersten Kraft an der Kasse vor, etwas mehr Gehalt, Katharina sagte zu. In ihrer Freizeit fing sie an zu backen. Steffis kleine Küche, aber der Ofen taugte. Samstags Buk sie Zimtschnecken, Muffins, Apfelkuchen. Steffi nahm alles mit ins Büro, und bald bestellten Kolleginnen für Geburtstage und Kaffeekränzchen. Katharina notierte sich die Bestellungen in ein kariertes Heft, legte das Geld zurück.
Zunächst dachte sie nicht daran, dass das mal ein Geschäft werden könnte. Aber das Backen war das Einzige, das für sie wirklich nach Freude schmeckte. Und sie konnte es offenbar wirklich gut.
Nach sechs Monaten zog sie in ein kleines WG-Zimmer nahe Sendlinger Tor. Schmal, ein Fenster, fremde Möbel aber ihres. Neues Bettzeug, zwei Kissen, ein Kaffeebereiter. Eine Reproduktion von Vermeer (Das Mädchen mit dem Perlenohrring) hing über dem Bett. Ihr gefiel der Blick über die Schulter als hätte sie sich gerade umgedreht.
Körperlich tat sie nur das, wozu sie Lust hatte. Kein Radikalprogramm. Sie lief nun mehr zu Fuß, kochte bewusst. Kein Kalorienzählen. Gelegentlich ging sie ins Schwimmbad um die Ecke, günstige Zehnerkarte. Ihr Gewicht sank ganz langsam, fast unbemerkt. Sie ließ es laufen. Ihr Körper trug einfach weniger Last.
Sie besuchte wieder Museen. Allein am Sonntag, billiges Ticket, stundenlang durch Säle, stehenbleiben, wo sie wollte. Schon manchmal dachte sie an die geplatzte Promotion, aber nicht wehmütig. Eher als Möglichkeit, die es hätte geben können.
In der kleinen Konditorei Mehl und Honig, die eine Frau namens Sabine eröffnete, sah sie sich einfach mal um. Sie kamen ins Gespräch, Sabine bot ihr an, an den Wochenenden bei den Bestellungen auszuhelfen. Katharina nahm an.
Es war anders als alles je zuvor: kleine Räume, weiße Wände, Reihen voll Blechen, der Duft von Butter und Vanille. Kunden kamen und gingen, Kinder klebten am Tresen, Sabine arbeitete zügig, präzise, gelassen.
Hast du nie über ein eigenes Café nachgedacht? fragte Sabine eines Abends beim Abwasch.
Nein. Vielleicht. Aber ich glaubte nie, dass das realistisch ist.
Ist es. Hart, aber möglich.
Katharina blieb noch einige Monate bei Frischmarkt, schichtete weiter Geld. Lernte von Sabine: Preise kalkulieren, Lieferanten verhandeln, Abläufe. Fragte viel, Sabine erklärte gerne.
Durch ein kleines Privatdarlehen von Steffi und eine Einlage von Sabine gewann sie schließlich genug für eine Miete auf Zeit. In der Nähe vom Sendlinger Tor fand sie ein winziges Erdgeschosslokal ein Fenster mit Blick in eine ruhige Straße, grün und weiß gestrichen, Regale von Steffis Bekannten montiert. Die Vitrine war teurer als geplant, aber eine Investition.
Sie nannte ihr Café Boskoop, weil der Apfel am besten zum Teig passte.
Anfangs dachte sie fast nur ans Backen und an die Zahlen. Teig, Temperatur, Lieferanten, Steuern. Wenige Kunden, dann immer mehr. Ein Blogger schrieb, jemand brachte seine Freundin, andere kamen wegen des Kuchens wie von Oma, nur ein bisschen besser.
Sie arbeitete viel aber weil sie es wollte, nicht weil sie es musste.
Im zweiten Monat lernte sie Daniel kennen. Er kam zufällig herein, suchte einen Geburtstagskuchen für seine Mutter. Sie empfahl einen Birnentorte mit Zimt. Er fragte, ob sie einen Gruß auf die Box schreiben könne. Klar Mama, du bist die Beste. Er nahm die Box, drehte sich zur Tür, blieb stehen:
Sind Sie hier jeden Tag?
Mittwochs geschlossen.
Verstehe, sagte er und ging.
Freitag kam er wieder, bestellte Kaffee und Apfelkuchen, setzte sich ans Fenster, las am Handy. Beim Gehen sagte er:
Sehr guter Kuchen.
Danke.
Boskoop?
Sie lächelte. Er war vielleicht fünfunddreißig, nicht groß, kariertes Hemd, offenes, freundliches Gesicht.
Ja, Boskoop.
Dachte ich mir. Der Geschmack ist anders.
Kennen Sie sich mit Äpfeln aus?
Meine Mutter hat eine Streuobstwiese. Ich bin mit Boskoop aufgewachsen.
So begann es. Er kam zwei-, dreimal die Woche. Erst kurz reden, dann mehr. Er war Ingenieur für Lüftungstechnik, arbeitete in einer kleinen Firma, wohnte allein, war ruhig, geduldig, redete wenig, aber wenn, dann ehrlich. Wenn er sprach, sah er sie an. Nicht bewertend einfach zuhörend.
Eines Sonntags fragte er, ob sie mit ihm in den Englischen Garten wolle.
Sie überlegte einen Moment. Sagte ja.
Sie spazierten drei Stunden, redeten über alles. Er erzählte von der Mutter, von seiner Zeit in Bremen, warum er nach München zurückgekommen war. Sie erzählte von Kunstgeschichte, von Vermeer, vom Café. Wie schwierig der Neubeginn war, von Steffi.
Von Thomas erzählte sie erst Monate später nicht weil sie es verschwieg, sondern weil der Zeitpunkt noch nicht reif war.
Daniel hieß Daniel König, stiller Mann, der zuhören und nachfragen konnte, nicht erwartete, dass man auf Wie gehts? automatisch gut antwortete. Der eines Tages mit einer Kiste Boskoop-Äpfel kam, weil seine Mutter geerntet hatte und sie vielleicht verwenden könne. Sie musste lachen.
Besprechen Sie sowas mit Ihrer Mutter ab?
Sie weiß noch nichts von dir. Vorläufig.
Vorläufig, das hörte sie. Sie schwieg dazu, aber sie hörte es.
Sie trafen sich ohne Eile, gingen ins Museum. Einmal nahm sie ihn in die Alte Pinakothek, erklärte ihm die Flamen er hörte aufmerksam zu, stellte echte Fragen, nicht nur aus Höflichkeit. Später sprachen sie im Café lange darüber, wie Menschen vor vierhundert Jahren das Licht sahen. Sie merkte, wie sie so etwas schon ewig mit niemandem geteilt hatte.
Nach vier Monaten erzählte sie ihm alles. Über fünf Jahre Ehe, abgesagte Promotion, die abkühlende Beziehung, das Abendessen und den Stuhl. Ruhig, ohne Zittern in der Stimme. Er hörte zu, unterbrach nur einmal Wie konnte er nur. Keine Frage. Nur Feststellung.
Ich weiß es nicht. Er dachte wohl, er kann es.
Und du?
Ich wusste auf einmal: Er kanns nicht. Darum bin ich gegangen.
Gut, dass du gegangen bist.
Sie nickte.
Daniel, ich wollte, dass du es weißt. Es ist ein Teil von mir. Nicht der wichtigste, aber eben ein Teil.
Ich weiß. Danke fürs Erzählen.
Er sagte nicht Du Arme, nicht Was für ein Typ, sondern nahm es an. Das war ihr wichtig.
Nach zwei Jahren war Boskoop längst etabliert. Stammkunden, Workshops jede Woche für Kinder und Erwachsene, stets ausgebucht. Sie holte eine Helferin dazu, die junge Konditorin Maria.
Daniel kam fast täglich vorbei. Manchmal trug er Kisten, manchmal blieb er einfach mit Kaffee am Fenster sitzen, während sie buk. Sie gaben dem Ganzen keinen Namen, keinen festen Rahmen sie waren einfach füreinander da. Katharina gefiel das. Sie drängte zu nichts mehr.
Ungefähr fünfzehn Kilo leichter als damals, ohne es festzustellen bis sie eines Tages das alte Kleid aus ihrem Fluchtkoffer anprobierte. Es passte wieder. Sie dachte nur ganz kurz daran, hängte es zurück. Nicht wichtig. Ihr Körper war jetzt, wie er angenehm war.
Sie hatte keine Angst mehr vorm Spiegel. Traf sich einfach, kämmte ihr Haar, ging an die Arbeit.
Im November, zwei Jahre und ein Monat nach ihrem Auszug, rief Thomas an. Unbekannte Nummer, sie hob ab.
Katharina, sagte er.
Sie erkannte die Stimme sofort. Noch tiefer. Oder bildete es sich ein?
Ja?
Hier ist Thomas.
Ich höre.
Stille.
Ich würde dich gern sehen. Sprechen.
Worüber?
Über uns. Über damals. Ich … Sekunde Schweigen. Ich muss dir etwas sagen.
Sie stand am Tresen der Boskoop. Maria packte Bestellungen, draußen Nieselregen.
Gut, sagte sie. Komm vorbei. Das ist mein Café. Ich geb dir die Adresse.
Am nächsten Tag kam er, kurz nach zwei, teurer Mantel, Regenschirm. Er war dünner, das Gesicht spitzer, unter den Augen eine Müdigkeit, die früher nicht da war. Er trat ein.
Schön hier. Bist du allein?
Meistens.
Und, wie läufts?
Gut. Setz dich.
Maria brachte Kaffee. Katharina stellte Kuchen hin. Er blickte auf den Kuchen, lächelte schwach.
Boskoop?
Natürlich.
Du hast ihn immer genommen.
Genau, weil er säuerlicher ist.
Er probierte Kaffee. Katharina saß ruhig, Hände auf dem Tisch.
Katharina. Ich … Er brauchte einen Moment. Es läuft nicht mehr. Real Immo ist weg, zwei Partner ebenso, ein Büro geschlossen, die Anwälte fressen Geld alles bricht auseinander.
Sie schwieg.
Ich hab viel nachgedacht. Über damals. Über mein Verhalten, den Abend … Er sah sie an. Ich weiß jetzt, was ich getan hab. Es war falsch. War gemein.
Sie schwieg noch einen Moment.
Ja, sagte sie. War es.
Ich wollte, dass du weißt: Ich bereue das. Wirklich.
Ich höre dich, Thomas.
Stille.
Ich … glaubst du, wir könnten noch mal … Er sprach es nicht zu Ende, sie verstand es.
Sie schaute ihn an, auf das veränderte Gesicht, die Fremdheit, keine Wut, kein Triumph. Sie sah nur einen Menschen, den sie einmal geliebt hatte, der jetzt ein Fremder war. Nicht Feind. Fremd.
Thomas, sagte sie sanft. Ich bin froh, dass du das einsiehst. Es ist wichtig.
Er sah sie fragend an.
Aber nein, sagte sie, langsam, jedes Wort abwägend. Ich will nicht von vorn anfangen. Nicht, weil ich böse bin. Ich bin einfach … sie suchte ruhig nach Worten, ich bin heute eine andere. Und ich brauche nicht, was du geben kannst. Nicht, wenn es dir gut geht und auch nicht jetzt.
Er schwieg. Schaute in die Tasse.
Bist du mit jemandem zusammen?
Das ändert nichts an meiner Antwort.
Es interessiert mich einfach.
Ich weiß. Thomas, ich wünsche dir wirklich, dass es wieder gut wird. Aber ohne mich.
Er sah auf. In seinen Augen war irgendwas nicht Reue allein, eher die Ratlosigkeit, wenn ein erwarteter Ausgang ausbleibt.
Du hast dich verändert, sagte er.
Ja.
Sehr sogar.
Ja.
Er trank sein Kaffee aus, stand auf, zog den Mantel an, schnappte sich den Schirm.
Der Kuchen ist lecker, sagte er.
Danke.
Wie immer halt.
Er ging. Am Türgriff stoppte er ganz kurz drehte sich aber nicht um.
Katharina, ich … Er brach ab.
Tschüss, Thomas, sagte sie.
Er ging hinaus. Die Tür fiel ins Schloss. Maria polierte betont gründlich die Vitrine. Katharina schaute aus dem Fenster: Thomas bog unter dem Regen in den nächsten Hof.
Sie saß einen Moment, ging dann in die Küche und knetete Teig an. Die Hände fanden routiniert ihren Rhythmus: Mehl, Butter, eine Prise Salz.
Daniel kam um halb fünf wie immer, ließ den nassen Schirm an der Tür, schüttelte das Wasser von der Jacke, setzte sich ans Fenster.
Wie war dein Tag? fragte er.
Maria brachte Kaffee, bevor er fragen konnte.
In Ordnung, sagte Katharina, als sie aus der Küche trat. Hatte Besuch. Aus der Vergangenheit.
Daniel blickte sie an.
Alles gut?
Ja, sagte sie und kam zu ihm. Alles gut.
Er nahm ihre Hand, hielt sie einfach. Fragte nicht mehr. Draußen rauschte der Regen. Es roch nach Zimt und Äpfeln. Im Ofen ging ein neuer Kuchen auf.
Maria bastelte am Tresen. Eine Frau mit Kind warf einen Blick herein. Das Kind drückte sich ans Glas.
Schau, Mama. Mit Äpfeln!
Ich sehe, sagte die Mutter. Wollen wir rein?
Klar! rief das Kind.
Daniel lachte leise. Katharina auch. Sie trat an den Tresen, um sie zu empfangen. Die Tür ging auf, Regenduft und ein neuer Tag in ihrem Café.





