Acht Jahre Kleinigkeiten
Das Telefon klingelte um halb acht morgens, als Helene am Herd stand und zusah, wie das Wasser im alten Blechkessel zu kochen begann. Der Herd war alt, gasbetrieben, mit gusseisernen Rosten, die von einer Schicht fremden Fetts bedeckt waren, die sie nie ganz loswurde. Jeden Morgen erinnerte sie dieser Fettfilm daran, dass die Wohnung nicht ihre eigene war; hier hatten andere Menschen gelebt, mit ihren eigenen Routinen, ihren Eintöpfen und Geschichten.
Sie blickte auf das Display. Anna.
Helene nahm ab.
Du hast schon wieder nicht auf seine Nachricht geantwortet, sagte ihre Tochter gleich, ohne Begrüßung.
Guten Morgen, Annchen.
Mama, im Ernst. Er hat mir gestern Abend geschrieben. Sagt, du ignorierst ihn.
Das Wasser kochte. Helene schaltete die Flamme aus und warf einen Teebeutel in den Kessel. Billiger Ostfriesentee, in rauem Papier, billiges Sortiment. Früher trank sie nur losen Darjeeling, den Friedrich immer in einer kleinen Teeladen am Gendarmenmarkt bestellte.
Soll er doch reden, sagte Helene ruhig.
Mama, verstehst du eigentlich, was du da machst? Du lebst in irgendeinem Loch in Moabit, hast da wahrscheinlich Kakerlaken, bist allein, bald sechzig…
Ich bin achtundfünfzig.
Das ist quasi schon sechzig! Und du hast einen ordentlichen Mann verlassen, die Wohnung im Zentrum, ein gutes Leben. Wofür?
Helene blickte aus dem Fenster. Draußen ein grauer Novemberhimmel, eine kahle Linde und ein Stück Nachbarhaus mit gelblich abblätterndem Putz. Unten fuhr die Straßenbahn vorbei. Die Schienen waren alt; der Donner hallte, die ersten Nächte konnte sie kaum schlafen.
Später gewöhnte sie sich daran.
Anna, ich muss los, sonst komme ich zu spät zur Arbeit.
Du willst nie normal über das alles sprechen!
Ich will schon. Aber nicht jetzt, jedenfalls nicht übers Handy. Kommst du am Samstag? Ich mache eine Suppe.
In dein Loch komm ich nicht.
Loch. Das Wort hatte nun also seinen Weg auch zu Anna gefunden. Wahrscheinlich von Thea.
Gut, antwortete Helene ruhig. Dann später.
Mama …
Anna, ich hab dich lieb. Tschüss.
Sie legte das Telefon zur Seite, nahm den Kessel und schüttete den Tee in ein altes dickwandiges Glas aus dem Schrank, zwischen den fremden Kochtöpfen gefunden. Ein echtes DDR-Glas, schwer, mit diesen typischen Kanten. Solche Gläser hatte sie sicher dreißig Jahre nicht gesehen. Sie nahm einen Schluck. Der Tee war heiß, etwas herb, mit irgend so einem Pappgeschmack vom Beutel.
Sie trank im Stehen und schaute auf den Baum.
Dann zog sie sich an und ging hinaus.
***
Das Treppenhaus roch feucht, nach alten Teppichen und nach Katzen. Irgendwo oben wohnte ein Kater gesehen hatte sie ihn nie, aber nachts hörte sie ihn oft. Einen Aufzug gab es nicht. Vier Stockwerke hinab, vorbei an alten Briefkästen, deren Türen fehlten, vorbei an irgendjemandes Schlitten wahrscheinlich noch vom letzten Winter.
Draußen waren vielleicht fünf Grad. Helene knöpfte den Mantel zu und machte sich auf den Weg zur U-Bahn. Moabit hatte sie noch nicht recht kennen gelernt: seit einem halben Jahr wohnte sie erst hier und verwechselte manchmal noch die Straßen. Turmstraße, Alt-Moabit, Ottostraße. Ganz anders als im Zentrum: ruhiger, breiter, mit Bäumen. Die Menschen waren mürrisch und eilten vorbei, mieden die Blicke wie überall in Berlin, aber hier fehlte dieser hektische Druck, den sie in Mitte immer gehasst hatte.
Im Laden an der Ecke kaufte sie Kefir und ein halbes Brot. Die Kassiererin, ein blondes Mädchen mit dunkelgrünem Lidschatten, schaute nicht einmal auf. Helene zählte das Wechselgeld ab, steckte alles ein und trat hinaus.
In der U-Bahn war es warm und laut. Sie fuhr stehend, hielt sich fest und ging die Planung für das Projekt durch. Gestern hatten sie und Dietmar den ersten Block der Aufmaßpläne abgeschlossen; heute mussten sie sich um die Decke zum Keller kümmern, die nach allem, was man sah, nur noch von Gott und Wunderwerken preußischer Baukunst gehalten wurde.
Das Gut lag in Charlottenburg. Ein kleiner Besitz, Ende 18. Jahrhundert, Haupthaus mit zwei Seitenflügeln und noch etwas, das einmal ein Kutschenschuppen war, später zigmal umgebaut worden das Original kaum erkennbar. Die Besitzer hatten oft gewechselt; nach 1945 war es Lager, dann verwaist. Zwanzig Jahre stand das Haus leer. Jetzt gab es Geldgeber und Leute mit Visionen für ein Kulturzentrum und eine Projektgruppe. Helene war Chefrestauratorin. Dietmar, Kollege, kümmerte sich um Statik.
Es war echte Arbeit. Nicht wie die fitzeligen Aufträge, die sie in den letzten Jahren bei Friedrich angenommen hatte, nur um nicht untätig zu sein, sondern richtige Arbeit mit Geschichte darin.
***
Dietmar war schon da, als sie ankam. Stand in der großen Halle im ersten Geschoss, wie immer in seiner grauen Jacke, das Maßband zur Hand, schaute an die Decke.
Guten Morgen, sagte Helene beim Eintreten.
Schau mal, entgegnete er und deutete auf eine große Stelle, wo der Putz abgefallen war und Ziegel hervorlugten. Ich glaub, ich weiß, warum die Decke hier hängt. Da oben hat der Balken einen Riss, fast über die ganze Länge. Das wird keine Restaurierung, das ist ein fast kompletter Austausch.
Querriss oder nur an den Jahresringen gespalten?
Komm, ich zeigs dir.
Sie stiegen die Treppe in den zweiten Stock hinauf, die man schon ein Stück weit gestützt hatte, die aber trotzdem bei jedem Schritt ächzte. Helene fasste das Geländer, atmete diesen Duft der alten Holzbalken ein: trocken, süßlich, mit einer Note Staub und irgendetwas schwer zu Benennendem. Geruch der Zeit vielleicht, fremder Leben, die innerhalb dieser Mauern vergangen und zerflossen waren.
Sie liebte diesen Geruch. Immer.
Dietmar zeigte den Balken. Sie hockte sich hin, leuchtete mit der Taschenlampe in den Spalt.
Kein Riss an den Jahresringen, sondern mechanisch, sagte sie. Hier hat wohl was Schweres gestanden.
Vermutlich Maschinen.
Oder gleich mehrere. War ja Lagerraum.
Dietmar hockte neben ihr. Beide starrten auf den Balken. Draußen, durch das fensterlose Fenster, raschelte der Wind.
Also Austausch, sagte er.
Austausch. Aber nach der Originaltechnik. Ich habe gestern in der Akte eine Holzliste gefunden. Das war wohl Kiefer aus der Uckermark, gut abgelagert.
Heute sowas zu finden
Es gibt einen Holzhändler in Brandenburg, mit denen habe ich damals am Bahnhof Friedrichstraße gearbeitet. Ich ruf an.
Dietmar nickte. Richtete sich auf. Er war hochgewachsen und leicht gebeugt, hörte immer mit leicht gesenktem Kopf zu, als würde er in Gedanken eigene Wege gehen, was oft einen ganz falschen Eindruck machte. Er hörte sehr aufmerksam, reagierte präzise, fiel niemandem ins Wort. Nach vier Monaten Zusammenarbeit schätzte Helene das sehr.
Magst du Tee? fragte er. Hab extra welchen im Thermos dabei.
Sehr gerne.
Im Flur holte er den Thermos, goss ein. Zwei Plastikbecher.
Heute bist du er vollendete den Satz nicht, sah sie aber an.
Was?
Ich weiß nicht. Besonders fokussiert.
Helene grinste.
Heißt, deine Tochter oder Schwester hat dich morgens angerufen.
Er fragte nicht weiter. Reichte ihr nur den Becher.
Der Tee schmeckte nach richtigem Tee, nicht nach Beutel.
***
Sonntags sah sie Thea. Die Schwester kam unangemeldet, klingelte unten: Mach auf, ich hab Kuchen! Helene öffnete.
Thea, drei Jahre älter, wohnte mit ihrem Mann Gerald in Steglitz, Buchhalterin in einer Baufirma, ihre Ansichten, wie Granit: bewegbar durch nichts. Sie ging durch die Wohnung, sah sich alles an und zog genau diese Miene zwischen Mitleid und Triumph, die Helene von Kindheit an kannte.
Mein Gott, sagte Thea. Das ist doch keine Badewanne, das ist eine Abstellkammer!
Doch, das Bad.
Die Fliesen sind gesprungen.
Thea, du hast Kuchen mitgebracht.
Ja. Die Schwester stellte die Form auf den Tisch, schaute sich noch einmal um. Helene, erklär mir das jetzt mal. Wirklich. Die Wohnung im Zentrum, drei Zimmer, Parkett, hohe Decken, ein anständiger Kerl. Hat er dich schlecht behandelt?
Nein.
Betrogen?
Vielleicht. Aber es war mir schon egal.
Na, warum sonst? Du bist nicht mehr die Jüngste. Und dann so was!
Helene legte Teller auf.
Keine Dramen, Thea.
Ja, was denn? Ich bin doch deine Schwester! Anna weint. Er ruft an. Ein wirklich guter Kerl!
Ein guter, ja. Nur nicht für mich. Schneid den Kuchen an.
Du bist immer so: Schneid den Kuchen an. Du willst nie reden.
Hab ich doch. Immer wieder.
Ach was, du hast nichts erklärt. Mir gings schlecht. Es geht allen mal schlecht! Denkst du, mit Gerald ist immer alles super? Aber ich lauf doch nicht davon, in eine Bruchbude!
Das ist keine WG. Ich wohne hier allein.
Allein! Thea warf die Arme. Mit achtundfünfzig allein in so einem Loch, arbeitest für ein paar krumme Euros und behauptest noch, das sei alles gut?
Helene sah ihre Schwester an. Thea saß da, groß, warm, im ewigen beigen Pullover, im Gesicht ehrliches Unverständnis. Sie verstand wirklich nicht und das konnte man ihr nicht übelnehmen.
Thea, sagte Helene leise. Ohne mich gehst du verloren.
Helene schüttelte den Kopf: Vielleicht gehe ich verloren. An meiner eigenen Art.
Thea sah sie an.
Hast du noch alle?
Schon gut, das war Spaß, sagte Helene, schnitt den Kuchen an. Mit was ist der?
Mit Kohl. Thea musterte sie weiter misstrauisch. Bist du okay? Wohnst du überhaupt da?
Ja.
Siehst du wenigstens einen Therapeuten?
Ja.
Und der?
Sagt, ich treffe gute Entscheidungen.
Klar, die werden ja auch bezahlt
Sie aßen Kohlkuchen und tranken Tee. Thea erzählte von Geralds Rücken, von den Nachbarn mit Hund, der bellt. Helene hörte zu. Draußen dämmerte es schon, der Himmel bläulich über der Linde.
Als Thea ging, blieb sie noch kurz in der Tür stehen.
Du könntest ihm wenigstens mal schreiben, sagte sie. Er macht sich doch Sorgen.
Gut, murmelte Helene.
Sie wusste, sie würde nicht schreiben.
***
Mit Friedrich war sie acht Jahre zusammen gewesen. Nicht verheiratet einen Trauschein hatte er immer abgelehnt, was an sich schon viel sagte, aber das bemerkte sie spät.
Die ersten Jahre waren anders. Oder sie glaubte es. Friedrich war aufmerksam, sie gingen Essen, ins Theater, reisten nach Italien und Prag. Er sagte, sie sei klug, hätte Geschmack. Mit der Zeit jedoch, wie ein Haarriss im Putz, veränderte sich etwas.
Es fing bei Kleinigkeiten an. Einmal zog sie zu seinem Firmenevent ihr Lieblingskleid in Moosgrün an. Er musterte sie im Flur und sagte nur: Bist du sicher? Sie zog sich um. Schwarz.
Dann kamen Kommentare zum Essen. Wie sie mit seinen Freunden sprach. Dass sie zu viel Zeit in ihre Arbeit steckte, für so wenig Ertrag. Letzteres sagte er immer in dieser milden, überlegten Stimme, als wolle er ihr einen Gefallen tun, offensichtliches aufzeigen.
Helene, du weißt schon, dass Denkmalpflege tot ist. Für Leute ohne Ambitionen.
Ich habe Ambitionen.
Ach Helene. Lächeln. Du bist eine gute Fachkraft. Durchschnittlich. Das ist nicht schlecht. Es müssen ja nicht alle herausragend sein.
Damals schwieg sie. Setzte sich in ein anderes Zimmer, starrte an die Wand und versuchte herauszufinden, weshalb ihr seine Nettigkeiten so wehtaten.
Er schrie nie. Schlug nicht. Er machte etwas anderes: Er überzeugte sie langsam davon, ohne ihn sei sie wertlos. Ihr Beruf unsinnig, ihre Freundinnen belanglos. Sie solle dankbar sein, dass er überhaupt an ihrer Seite blieb.
Sie kochte Eintopf und fragte sich, ob sie genug gesalzen hatte. Sie rief Freundinnen an und überlegte, ob es zu oft war. Bei Meetings fragte sie sich, ob sie zu souverän wirkte. Diese innere Stimme, immer an allem zweifelnd, klang wie er.
Und dann kam dieser Abend.
Sie waren bei Freunden, Sven und Andrea: großes Essen, Gespräche auch über Architektur. Helene äußerte eine fachliche Kritik an einem neuen Bauvorhaben, sachlich. Friedrich lächelte über den Tisch.
Unsere Helene ist Spezialistin, sagte er. Es gibt Praktiker und Theoretiker. Helene ist eher Theoretikerin, sie hat lang nichts Großes gemacht.
Für einen Moment war es still. Andrea sah sie an. Sven trank Wein.
Helene lächelte.
Sie aß zu Ende, trank Wein, machte Smalltalk, rief ein Taxi. Auf der Heimfahrt sprach Friedrich über Svens Projekte sie starrte aus dem Fenster, Nacht über Berlin, und dachte nur eins: Ich kann nicht mehr.
Nicht: Er ist schlecht. Nicht: Ich bin unglücklich. Nur: Ich kann nicht mehr. Wie an eine Mauer.
Drei Monate später zog sie aus. Suchte eine Wohnung, fand das hier, in Moabit. Trug alles in zwei Fahrten herüber. Friedrich war auf Geschäftsreise. Sie ließ Schlüssel und Zettel zurück: Entschuldige.
Später fragte sie sich, warum sie das schrieb. Keine Ahnung. Instinkt.
***
Der November in Moabit hatte seinen eigenen Ton. Der Park war nah, und abends, wenn sie von der Arbeit kam, ging sie manchmal Umwege zwischen alten Bäumen. Die Blätter längst gefallen, die Wege nass, es schmatzte unter den Schuhen aber im Park war es still, und diese feuchte Luft, der Duft von Moder und Rinde, tat ihr gut.
Zu Hause war es kalt. Die alten Heizrohre waren entweder kochend heiß oder kalt. Die Küchenspüle tropfte. Sie rief mehrmals beim Vermieter an, der versprach, einen Klempner zu schicken. Der kam nie.
Helene kaufte eine Gummidichtung im Baumarkt, reparierte den Hahn selber. Vierzig Minuten, zwei kaputte Fingernägel, ein Fluch, als der Schlüssel abrutschte. Dann lief das Wasser ordentlich.
Und sie spürte so etwas wie Stolz. Komisch, aber echt.
Abends arbeitete sie oft am Küchentisch, breite Pläne aus, schaltete ihre alte Schreibtischlampe mit grünem Glas ein, die sie noch aus den Neunzigern hatte auf dem Trödelmarkt gekauft. Friedrich konnte sie nicht leiden, sagte immer, sie verschandelt die Einrichtung. In Mitte stand sie im Abstellraum. Hier auf dem Tisch.
Mit dem Gutshausprojekt ging es langsam voran, wie immer bei großen Bauten. Erst Aufmaß, dann Archiv, Schadensanalyse, Konzept. Das gefiel ihr, diese Methodik kein Tricksen möglich. Entweder trägt das Haus oder nicht. Der Backstein ist lebendig oder nicht.
Im Berliner Archiv fand sie Akten über das Gutshaus. Im neunzehnten Jahrhundert gehörte das Haus einem Kaufmann Schulze, dann seiner Tochter, die dort eine private Schule einrichtete. Dann Revolution, dann Lager. Die Tochter hieß Katja. Auf einem Foto aus der Akte eine Frau um die Fünfzig, Rücken gerade, im Gesicht der Ausdruck Ich weiß mehr als der Fotograf.
Helene schaute lange auf dieses Foto.
Dann arbeitete sie weiter.
***
Eines Tages fragte Dietmar, wie sie zur Denkmalpflege kam.
Sie saßen im Auto und ließen den Motor warm laufen, bevor es ins Archiv ging. Draußen begann der erste Schnee des Jahres, fein und zaghaft.
Ich habe in den Neunzigern Neubauten gemacht, sagte Helene. Wohn- und Bürohäuser, das hat sich gerechnet. Dann half ich mal bei der Restaurierung einer kleinen Kirche im Umland, eher aus Zufall. Danach wusste ich, das will ich weitermachen. Das ist wichtiger.
Dietmar schwieg.
Das ist selten, wenn man weiß, was einem wichtig ist, sagte er.
Hast du das auch?
Hat bei mir lange gedauert. Erst viel gemacht, was richtig schien. Dann kam der Bruch.
Sie sah ihn an. Er starrte aufs Glas, wo der Schnee festklebte.
Und dann?
Dann eben das hier. Er deutete auf das versteckte, nicht sichtbare Herrenhaus. Und das ist gut so.
Im Auto war es warm. Es roch nach Ledersitzen und etwas nach Kaffee.
Sie fuhren los.
***
Friedrich kam an einem Mittwoch.
Sie hatte ihn nicht erwartet. Er klingelte um acht, während Helene mit Plänen am Tisch saß und griechischen Joghurt löffelte. Der Ton war dieser altmodische Summer, wie ihn alle Türen hier hatten.
Sie öffnete, rechnete mit dem Vermieter oder Nachbarn.
Friedrich stand da, im eleganten Mantel, kleiner Blumenstrauß Chrysanthemen. Sie mochte Chrysanthemen nicht. In acht Jahren hatte er sich das nie gemerkt.
Hallo, sagte er.
Sie schwieg, sah ihn an.
Woher hast du meine Adresse?
Von Anna.
Also Anna. Helene merkte es sich.
Was willst du?
Reden. Er lächelte dieses vertraute Lächeln. Lässt du mich nicht rein?
Sie überlegte kurz. Trat dann zur Seite.
Er ging hinein, betrachtete Flur, abblätternde Tapeten, schiefer Haken, ihre Stiefel bei der Tür.
Du wohnst also hier, sagte er. Kein Fragezeichen.
Ja.
Helene … Er griff nach ihrer Hand. Sie zog sie weg. Nur ein Achselzucken. Hör mal. Ich verstehe, dass du Zeit brauchtest. Aber es ist ein halbes Jahr vergangen. Das reicht.
Genug wofür?
Um allein zu sein. Um… Abstand zu nehmen. Ich weiß nicht. Er ging in die Küche, sah die Pläne, den Küchentisch. Du arbeitest?
Ja.
Worum gehts?
Denkmalpflege. Restaurierung in Charlottenburg.
Gut. Er sagte es gönnerhaft, dieser altbekannte Ton. Für dich ist das gut.
Für mich und generell. Achtzehntes Jahrhundert.
Er legte die Chrysanthemen auf die Pläne. Sie schob sie beiseite.
Helene, verstehst du, was du tust? Du lebst hier. Handbewegung. In so was.
Ich weiß, wo ich bin.
Ich will, dass du zurückkommst.
Sie sah ihn an. Friedrich war attraktiv, objektiv gesehen fünfundsechzig, aber sah jünger aus. Der Mantel saß perfekt.
Wozu? fragte sie.
Er war kurz irritiert. Hatte die Frage wohl nicht erwartet.
Wie meinst du das?
Du willst, dass ich zurückkomme. Warum?
Ich… Er stotterte. Ich vermisse dich.
Was genau vermisst du?
Helene, was ist das für eine Diskussion.
Eine ganz normale. Du sagst, du vermisst mich. Was konkret?
Sein Gesicht zog sich in den Zug, den sie so gut kannte: leicht gereizte Nachsicht.
Dich als Mensch. Wir waren acht Jahre zusammen.
Ich weiß.
Und jetzt ist Schluss? So einfach?
Das war kein einfaches Gehen. Helene verschränkte die Arme, stand im alten Pulli und Jeans da, ganz anders als zu Friedrichs Zeiten. Der Abschied hat acht Jahre gedauert. Du hast es nur nicht gemerkt.
Ich versteh dich nicht.
Weiß ich.
Erklärs.
Hab ich. Ihre Stimme blieb ruhig. Noch vor Monaten hätte sie geweint oder sich entschuldigt. Erinnerst du dich an den Abend bei Sven und Andrea?
Welcher Abend?
Du hast gesagt, ich sei theoretisch, hätte lang nichts Großes gemacht. Vor anderen.
Er überlegte.
Das war ein Witz. Weiß nicht mehr, aber, klar, das war ein Scherz.
Vielleicht. Helene nickte. Aber solche Scherze gabs oft. Ich erinnere mich an alle.
Du bist zu empfindlich.
Mag sein.
Es war keine Demütigung.
Vielleicht nicht. Aber es hat wehgetan.
Wegen Nichtigkeiten.
Wegen acht Jahren Nichtigkeiten.
Er schwieg. Wieder ein Blick durch die Küche. Auf das kantige Glas am Herd, die alte Lampe mit grünem Schirm.
Und du bist hier glücklich? fragte er, ungläubig.
Helene dachte nach. Nicht für ihn, für sich selbst.
Mal so, mal so, sagte sie ehrlich. Manchmal schwer. Manchmal einsam. Die Heizung spinnt. Aber es ist besser als früher.
Das ist Illusion.
Vielleicht. Aber meine.
Er nahm seinen Mantel, sah sie ein letztes Mal an. Etwas in ihm kippte für einen Moment fast ehrlich.
Ich bin doch kein Fremder.
Nein, sagte sie. Aber auch nicht mehr mein Vertrauter. Geh nach Hause, Friedrich.
Er blieb kurz stehen, ging dann. Zog die Haustür zu.
Du wirst es bereuen, sagte er noch.
Fast traurig, keine Drohung.
Vielleicht, sagte Helene.
Sie stand an der Tür, blickte auf das Kunstleder mit Spion. Dann in die Küche. Die Blumen landeten im leeren Glas. Wegwerfen wäre schade.
Sie kehrte zu den Plänen zurück.
Draußen rumpelte die Straßenbahn vorbei. Einmal, noch einmal, dann Stille.
Sie merkte, dass sie das Geräusch nicht mehr als Störung wahrnahm.
***
Die Präsentation des Konzepts sollte in der zweiten Dezemberwoche stattfinden. Vorprüfung, der Auftraggeber wollte den groben Ansatz: Was erhalten, was neu, warum so und nicht anders. Helene bereitete sich gründlich vor. Dietmar parallel. Abends besprachen sie Details, manchmal diskutierten sie.
Einmal stritten sie über die Kellerdecke, jeder von einem anderen Standpunkt aus: sie dachte an die Optik, er an die Statik.
Du bist hart, sagte er danach. Ohne Vorwurf.
Im Beruf.
Genau da ists gut.
Mehr sagte er nicht. Kein Tamtam.
Helene legte auf und merkte, dass sie lächelte.
***
Drei Tage vor dem Termin rief Anna an. Abends, nicht früh.
Mama, sagte sie mit ungewohnter Stimme. Darf ich vorbeikommen?
Komm.
Anna kam mit Wein und diesem Ausdruck, als ob sie vieles sagen wollte, aber nicht wusste, wie. Sie glich Helene früher: Wangen, Hände. Zweiunddreißig, Designerin, lebte mit Freund in Friedrichshain.
Sie saßen in der Küche. Helene goss Wein in zwei normale Gläser, da sie nur ein Weinglas hatte Anna meinte, Glas ist Glas.
Hat er sich nach seinem Besuch nochmal gemeldet? fragte Anna.
Nein. Schreibt manchmal SMS.
Was schreibt er?
Alles Mögliche. Ich antworte nicht immer.
Anna drehte das Glas.
Mama, ich hab ihm die Adresse gegeben. Bist du böse?
Nein.
Ich dachte… Ich weiß nicht. Dass ihr vielleicht redet und…
Haben wir ja.
Und?
Nichts. Er ging.
Anna schwieg. Schaute ins Glas.
Mama, ich war all die Zeit auf seiner Seite. Weißt du das?
Ja.
Ich hab immer gedacht, du spinnst, du solltest zurück, normales Leben, hab ihn bemitleidet so einsam, so verloren schien er.
Er kann das gut.
Ja. Anna hob die Augen. Mir ging erst neulich ein Licht auf. Er rief nach eurem Gespräch an, sagte: du warst immer ein wenig anders, dass er dich ertragen habe, eigentlich dir einen Gefallen tat, acht Jahre lang.
Helene nickte.
So spricht er wirklich.
Mama. Anna sah sie erstmals seit Langem ohne Zorn oder Nachsicht. Hast du gelitten?
Sehr.
Warum hast dus nicht erzählt?
Helene dachte nach.
Wahrscheinlich, weil ich selbst keine Worte dafür hatte. Wenn dich niemand schlägt, betrügt, rauswirft, ist es schwer zu erklären, warums einem schlecht geht. Besonders der eigenen Tochter, die von ihm immer die beste Seite sah.
Anna stand auf, trat um den Tisch und umarmte sie. Plötzlich, fest. Helene blieb eine Sekunde unsicher, dann erwiderte sie die Umarmung. Annas Kopf duftete nach Birnen der gleiche Duft wie in ihrer Jugend.
Du bist nicht verrückt, sagte Anna an ihre Schulter. Tante Thea irrt.
Helene lachte leise.
Gut das mal zu hören.
Sie tranken den Wein, Anna betrachtete die Pläne, fragte nach dem Gut. Helene erklärte, zeigte Fotos der alten Katja Schulze. Anna sagte: Die sieht aus wie du. Helene schaute nochmal vielleicht ja.
Anna ging spät, versprach nächsten Samstag wiederzukommen.
Helene spülte ab, räumte die Pläne weg, stand am Fenster.
Die Straßenbahn fuhr längst nicht mehr, es war still. Im Nachbarhaus brannte ein Licht, eine Gestalt huschte vorbei.
Sie dachte, sie müsste Dietmar anrufen wegen eines Details zum Deckenträger. Aber war zu spät, das machte sie am Morgen.
***
Die Präsentation fand im Konferenzraum des Architektur-Büros statt. Der Auftraggeber seriös, Juristen, ein Kulturberater, der genaue, kritische Fragen stellte. Helene antwortete, Dietmar ergänzte zur Statik. Nach den Fristen für die Balkenerneuerung gefragt, antwortete sie offen: Wenn das Holz rechtzeitig kommt, klappts termingerecht, sonst Verzögerung um drei Wochen. Der Kulturberater runzelte die Stirn. Sie fügte hinzu: Lieber jetzt klar sagen, als nachher erklären müssen.
Der Berater nickte. Vielleicht war es genau das, was gefiel.
Danach standen sie im Flur. Dietmar hielt die Mappen.
Ich denke, es wird genehmigt, sagte er.
Ich auch.
Er blickte sie an. Im Flur liefen Leute vorbei, alle mit fremden Mappen.
Lust auf ein Abendessen? fragte er. Gleich um die Ecke gibts was Gutes. Zum Feiern.
Sie sah ihn an.
Gern, sagte sie.
Sie schlenderten durch den Berliner Dezemberabend, durch Charlottenburg im Lichterglanz, Schnee auf den Simsen alter Häuser. Dietmar neben ihr, wie immer leicht gebeugt. Sie redeten über nichts Besonderes. Über Balkenholz. Über den Berater, gründlich, was aber gut ist. Dass es im Dezember viel zu früh dunkel wird.
Das Restaurant war klein, ruhig, schwere Gardinen, Holztische. Sie bestellten Heißes und ein Glas Rotwein. Redeten über mehr als Arbeit. Über die Stadt, Veränderung, Bücher. Sie hatte keine Notwendigkeit, auf die Uhr zu sehen.
Als sie aufbrachen, hielt er ihr den Mantel auf. Eine einfache, alltägliche Geste. Sie maß ihr keine große Bedeutung bei. Oder doch, aber noch nicht so eine.
Draußen sagte er:
Ich bin froh, dass wir gemeinsam arbeiten.
Sie antwortete:
Ich auch.
Dann gingen sie in entgegengesetzte Richtungen in die Berliner Nacht.




