Ohne Schuld schuldig

Ohne Schuld verdächtigt

Du holst deine Tochter und ihr geht. Zwischen uns beiden gibt es nichts mehr!

Aber, Alexander…

Ich habe alles gesagt! Ich will dich nie wieder sehen!

Die Tür knallte, und Elisa taumelte. Der Raum verschwamm, ein Rauschen dröhnte in ihren Ohren, und plötzlich hörte sie ganz deutlich die Stimme ihrer Mutter: Tu das nicht!

Das brachte sie zurück. Vorsichtig machte Elisa einen Schritt, dann noch einen und ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen. Ihre Fingernägel bohrten sich in die Handflächen der Schmerz ließ sie wieder klar denken, vertrieb den Nebel der Verzweiflung.

Nein, keine Schwäche zeigen! Sich gehen zu lassen war verboten. Sich der Verzweiflung hinzugeben auch. Aber wie gern hätte sie…

Tu das nicht! Es gibt Luise! Und… Nein, daran darf sie jetzt noch nicht denken! Jetzt musste sie sich zusammenreißen und herausfinden, was eigentlich passiert war.

Was hatte Alexander so plötzlich von ihr abgewendet? Warum schickte er sie fort? Noch gestern war doch alles in Ordnung…

Oder etwa nicht?

Langsam begann der Kopf zu arbeiten, und Elisa legte die Hände mit den Handflächen nach oben auf den Tisch.

So! Wie hatte ihre Mutter noch gesagt? Weißt du nicht weiter analysiere! Punkt für Punkt durchgehen, Finger abzählen. Noch besser: nimm einen Stift und schreibe alles auf!

Nur war der Stift im Wohnzimmer, und dort schlief Luise…

Ihre Tochter war schon immer eine sehr leichte Schläferin gewesen, und Elisa wollte sie auf keinen Fall aufwecken. Dann hätte Luise garantiert angefangen zu quengeln, vielleicht zu weinen an Ruhe zum Nachdenken wäre nicht mehr zu denken.

Dann eben so.

Elisa betrachtete ihre eigenen Hände. Unbewusst ballte sie sie zu Fäusten. Fingernägel, schon lange nicht mehr ordentlich gefeilt dafür war in letzter Zeit einfach keine Zeit gewesen. Raue Haut, und die Sommersprossen, die immer wieder auftauchten, wenn Elisa zu lange im Garten oder im Schrebergarten in der Sonne hantierte. Wer hätte je gedacht, dass sie einmal so in ihrer Rolle als Hausfrau aufging und ganz vergaß, was ihre Mutter ihr immer beigebracht hatte.

Elisa, du bist eine Frau!

Nein, ich bin ein Kind!

Jetzt noch. Aber aus dir wird einmal eine junge Frau, dann eine erwachsene wie ich. Und wir dürfen nie verlottert wirken! Zu keinem Anlass! Maniküre, Pediküre, schöne Frisur, gepflegte Hände! Das spricht viel mehr über dich, als teure Kleidung es je könnte. Du kannst keine Diamanten tragen, wenn dein Hals seit einer Woche nicht gewaschen wurde! Verstehst du?

Ja, Mama!, hatte die achtjährige Elisa gesagt und sich mit Mamas Lippenstift die Lippen bemalt.

Das ist aber noch zu früh!, ihre Mutter lachend und nahm ihr den Lippenstift weg. Die Farbe ist nicht die richtige für dich. Außerdem es ist zu früh. Du bist auch so schön genug! Für alles gibt es die richtige Zeit. Später kannst du mit mir zusammen Schminke aussuchen.

Och, Mama…

Nein! Ich habe gesprochen.

Wenn Elisa das hörte, wusste sie, dass Widerworte keinen Sinn hatten. Ihre Mutter war immer eine Frau des Wortes gewesen.

In allem…

Elisa, ich fahre weg. Du bleibst so lange bei Oma. Es muss so sein.

Bleibst du lange weg?, fragte Elisa, gerade erst zehn geworden, und zupfte am Saum ihres Kleides. Tapfer biss sie sich auf die Lippe.

Ein halbes Jahr. Das ist eine tolle Stelle. Aber im Norden. Für dich ist es besser hier bei Oma. Sie passt auf dich auf. Ich werde oft anrufen und Briefe schreiben.

Mama, geh nicht…

Doch Elisa begann zu weinen, und ihre Mutter verlor die Geduld beim Versuch, sie zu trösten.

Jetzt reichts! Hör auf! Ich habe keine Wahl. Wenn ich den Job nicht nehme, kommen wir nie raus von Oma. Ich möchte, dass du ein eigenes Zimmer hast. Dass wir mal ans Meer fahren! Wenn Papa noch leben würde… Aber jetzt muss ich für uns beide, für euch alle sorgen.

Aber Tante Ute gibt es doch auch?, versuchte Elisa weiter.

Ute hat selbst viel um die Ohren. Ihr muss auch geholfen werden.

Hilf lieber mir! Bleib!, entfuhr es Elisa, und zum ersten Mal sah sie, wie ihre Mutter einen eiskalten Blick bekam.

Elisa! Es geht nicht nur um dich! Man darf nicht immer nur an sich denken! Sonst denkt auch niemand an dich, wenn du mal Hilfe brauchst. Ich tue das alles in erster Linie für dich! Damit du nichts vermissen musst. Der Blick ihrer Mutter wurde weich, sie umarmte das Mädchen. Ich verspreche, das ist das erste und letzte Mal. Halte durch, mein Kind. Es geht nicht anders.

Elisa blieb nichts anderes übrig, als zu nicken obwohl es ihr das Herz zerriss.

Sie schrieb ihrer Mutter Briefe, telefonierte samstags mit ihr und erzählte, wie sehr sie sie vermisste. Manchmal wollte sie nicht einmal ihr Lieblingseis, so sehnsüchtig wartete sie auf ihre Mutter. Für ein Kind dauerte die Zeit unendlich.

Als Oma schließlich sagte, sie würden zum Flughafen fahren, um die Mama abzuholen, weinte Elisa so sehr, dass sie ein Taxi nehmen mussten.

Ihre Mutter hielt ihr Wort. Sie ging nie mehr für so lange fort. Dienstreisen gab es noch, aber das war nicht dasselbe.

Sie zogen von der kleinen Wohnung, in der sie mit ihrem Vater und Oma gelebt hatten, in eine größere um. Elisa bekam ein eigenes Zimmer, das ihr zwar gefiel aber sie verbrachte darin kaum Zeit. Sobald ihre Mutter abends heimkam, schleppte sie ihre Bücher und Hefte in die Küche, um einfach bei ihr zu sein. Oft saßen sie schweigend nebeneinander, wenn die Mutter abends noch etwas arbeitete.

Sie fühlten sich einfach wohl zusammen.

Die klassischen Schwierigkeiten der Pubertät trafen sie kaum. Elisas Mutter besaß solches Einfühlungsvermögen und Geduld, dass Elisa sich später immer wieder wunderte, wie viel Liebe in so einer zerbrechlichen Frau steckte, die keinerlei Unterstützung hatte. Die Oma war inzwischen gestorben, und Elisa blieb mit ihrer Mutter allein.

Mit ihrer Schwester Ute hatte die Mutter kein gutes Verhältnis.

Warum das so war, fragte Elisa nur selten. Einmal brachte sie es zur Sprache und bekam eine klare Antwort:

Man kann alles vergeben und verstehen nur keinen Verrat.

Was hat Tante Ute getan?

Unsere Mutter. Deine Oma, so sehr zu sich gerufen. Sie wollte sich verabschieden. Aber Ute kam nicht…

Warum?

Sie hatte Angst, ich bitte sie zu bleiben und bei der Pflege zu helfen. Das wäre auch ihre Pflicht gewesen. Sie konnte es nicht ertragen, unsere Mutter so zu sehen sie zu waschen, sie wie ein Baby mit dem Löffel zu füttern, den Verstand schwinden zu sehen…

Aber du konntest das?!, empörte sich Elisa.

Nein, ich auch nicht!, sagte die Mutter und ihr zitterten die Lippen. Elisa legte beruhigend die Arme um sie. Ich wollte es auch nicht… Aber ich hatte keine Wahl, Elisa! Das war meine Mutter. Ich musste alles tun, damit sie ruhig gehen konnte. Bei uns zu Hause, mit vertrauten Gesichtern um sich… Auch wenn sie kaum noch jemanden erkannte…

Deshalb durft ich sie nur kurz besuchen?

Ja. Ich wollte nicht, dass du Oma so in Erinnerung behältst.

Ich erinnere mich auch gar nicht daran. Aber ich weiß noch, wie sie mir das Marmeladekochen beigebracht hat und die Schaumhäubchen auf einen kleinen Teller legte, den ich dann aß. Das war lecker…

Wir machten das als Kinder auch so, Ute und ich…

Ich versteh das nicht. Sie hat euch doch gleich geliebt, behütet… Und doch seid ihr so verschieden!

Das passiert, Elisa. Deine Oma hat Ute immer beschützt, weil sie als Kind viel krank war. Vielleicht wollte sie sie vor allem bewahren, nicht nur vor Krankheiten. Hat es funktioniert?

Nein. Du kennst Utes Leben ja. Zwei Ehen, drei Kinder aber immer wie im Leerlauf… Vielleicht war das ein Fehler. Mich hat das gelehrt, wie ich dich erziehen will.

Muss man seine Kinder also nicht zu sehr beschützen?

Doch, schon, aber mit Verstand. Eine Mutter muss ihrem Kind helfen aber nicht jede Hürde aus dem Weg räumen. Wer alles vorgibt oder gar das Leben für das Kind lebt, nimmt ihm wichtige Erfahrungen. Stürze, kleine Niederlagen, gewonnene Erkenntnisse das braucht jeder. Wir lernen nicht aus Fehlern anderer, sondern aus unseren eigenen. Hätte Ute öfter mal stolpern müssen, wäre ihre Geschichte vielleicht anders verlaufen… Eins ist sicher: Ich helfe dir immer aber die Lösung deiner Probleme nehme ich dir nicht ab. Hast du Schwierigkeiten, setz dich hin und überleg! Wenn du alleine nicht weiterkommst, bin ich da. Immer. Verstanden?

Ja, Mama.

Jetzt saß Elisa also da und suchte den Fehler Punkt für Punkt.

Gestern war Alexanders Geburtstag gewesen. Kein runder, also feierte man im kleinen Kreis. Es war Sommer, und das Haus, das sie erst vor einem Jahr bezogen hatten, bot genug Platz für alle.

Elisas Mutter kam, Alexanders Mutter sowie seine Schwester Silvia mit Mann und Kindern.

Luise tollte herum, freute sich auf ihre Cousins und bombardierte ihre Mutter mit Fragen:

Wann kommen sie? Spielen wir im Garten? Gehen wir in den Pool?… Ein Fragefeuerwerk, das Elisa irgendwann einfach überging. Doch die Kleine lieferte sich auch gleich die Antworten, während sie aufräumte. Gäste kann man schließlich nicht im Chaos empfangen!

Alexander war zum Wochenmarkt gefahren, während auf der Küche der Bär los war. Ihre Mutter half ihr beim Kochen und fragte vorsichtig, wie es Elisa ginge.

Mama, was ist los mit dir? Du bist ja nervös!

Alles gut, liebes Kind! Wie weit bist du denn…?

Elisa verstand sofort, worauf ihre Mutter hinauswollte. Das kleine Glücksgeheimnis, das sie noch nicht einmal sich selbst so recht eingestanden hatte, war offenbar nicht mehr unsichtbar. Ein Lachen löste sich aus ihr, sie umarmte die Mutter.

Noch ganz früh. Drei Wochen etwa. Ich habs Alexander noch nicht mal erzählt. Woher weißt dus?

Du leuchtest… So zart, so warm wie damals, als du Luise bekommen hast.

Mama, ich habe Angst…

Warum, mein Schatz? Bei euch ist doch alles wunderbar!

Ich weiß nicht… Alexander ist so komisch in letzter Zeit. Ich versteh ihn nicht.

Hast du ihn gefragt?

Er sagt nichts!

Dann hast du falsch gefragt!

Mama!

Doch, sag! Wenn dein Mann grübelt, musst du ihn darauf ansprechen! Lass deine Liebsten nie zu weit weg nicht mal einen halben Schritt! Wer weiß, mit wem er sich sonst plötzlich austauscht…

Elisa zählte im Geiste weiter ab und wusste: Das war der Anfang. Seit diesem Gespräch trieb ein leiser Zweifel in ihr, den sie aber wieder beiseite wischte. Ihre Mutter hatte ihr geraten, Alexander direkt anzusprechen doch sie hatte es nicht geschafft.

Es kam erst der Trubel der Feier, dann das Aufräumen und sie fand nicht den Moment, ihren Mann beiseite zu nehmen.

Stattdessen platzte es plötzlich aus ihm heraus: Nimm deine Tochter mit!

Was sollte das denn heißen?!

Elisa ballte die Fäuste. Jetzt reicht’s! Jetzt wird sie es richtig machen wie ihre Mutter lehrte: Reden, Klartext!

Alexander fuhr gerade aus der Garage, als Elisa aus dem Haus stürmte und so laut rief, dass sogar die Spatzen erschrocken aufflogen.

Stopp!

Mit einem Satz war sie am Tor.

Alexander starrte sie überrascht an. Als sie vor dem Auto stand und die Hände auf die Haube legte, sagte er nur müde:

Geh weg…, aber Elisa hörte, was sie hören wollte: Er wollte gar nicht wirklich fahren, gar nicht wirklich gehen.

Steig aus! Jetzt reden wir endlich, bevor Luise wach wird! Was ist los? Was hast du dir da ausgedacht? Bin ich deine Frau oder eine Fremde?!

Elisas Stimme wurde lauter, Alexander fühlte, wie etwas in ihm zu bröckeln begann.

Würde sie so mit ihm reden, wäre sie ihm wirklich egal, wie Silvias Andeutungen gestern? Nein. Und Luise sollte beim eigenen Vater aufwachsen!

Widerwillig stieg er aus und knurrte: Du weißt schon, warum ich so reagiere!

Wenn ich’s wüsste, würde ich ja nicht fragen! Alexander, was ist los? Du bist seit Wochen anders! Und heute… Wieso hast du Luise ‘meine Tochter’ genannt was soll das?

Weil… ich weiß auch nicht! Sag dus mir! Wer ist der Vater von Luise? Warum trifft ihr euch heimlich mit ihm?

Elisa riss die Augen auf: Was redest du da für einen Unsinn?! Wer füttert dich mit so einem Quatsch? Deine Mutter? Oder Silvchen?

Mama ist da raus!

Ach ja, dann deine Schwester…

Und wenn schon?! Sie hat mir nur gesagt, was sie gesehen hat! Ich bin ihr Bruder, sie wollte mich schützen.

Und ich bin deine Ehefrau! Du glaubst jedem mehr als mir!

Du hast mich belogen!

Ich?! Wann denn?! Worin?!

Wer ist der Typ, mit dem ihr im Park spazieren geht?

Elisa fasste sich. Sven, mein ehemaliger Mitschüler, über den ich dir schon erzählt habe! Seine Mutter ist schwer krank. Er hat von Omas Krankheit erfahren und mich um Rat gefragt wegen Arzt- und Pflegernummern. Wir waren dort nicht alleine: meine Mutter war immer dabei! Glaubst du ernsthaft, ich würde mit einem Geliebten heimlich spazieren, während meine Mutter daneben ist?! Die hätte mich gesteinigt! Sie respektiert dich sehr, Alexander!

Sie schniefte, wischte sich energisch die Tränen ab.

Also… Es war alles harmlos?

Weißt du, was noch harmloser war? Dass du sofort alles geglaubt hast, was man dir erzählte! Hast du wirklich vergessen, wie viel uns verbindet? Und du zweifelst an deiner eigenen Tochter? Willst du einen DNA-Test? Von mir aus! Damit du endlich kapierst, dass das Kind, das deine Augen hat, auch wirklich deins ist!

Elisa seufzte und lauschte.

Sie ist wach.

Sie drehte sich um und ließ Alexander vor dem Haus stehen.

Wenig später hörte sie, wie das Auto doch davonfuhr.

Luise plapperte irgendwas, kuschelte sich an ihre Mutter und wollte ihre Aufmerksamkeit während Elisa am liebsten heulen wollte.

Warum nur war das alles so passiert? Was hatte sie falsch gemacht? Was sollte sie tun? Ihre Mutter anrufen? Oder abwarten, bis sie ihre Gedanken sortiert hatte?

Eines hatte sie von ihrer Mutter gelernt: Erzähl mir nie von euren Streitereien, Elisa, zumindest nicht, solange es noch Hoffnung gibt. Erst wenn alles endgültig vorbei ist, ruf mich an Tag und Nacht. Aber vorher schweigst du! Ihr werdet euch vertragen, aber ich würde ihm seine Worte nie vergessen. Denn er hat mein Kind verletzt!

Elisa legte das Handy weg. Zu früh… Alexander sollte erfahren, was los ist dann wird sie weitersehen.

Mit dieser Entscheidung wurde sie etwas ruhiger. So ruhig, dass sie sogar die quietschenden Bremsen von Alexanders Wagen am Gartentor wieder registrierte.

Sie fütterte gerade Luise in der Küche, als die Tür aufflog und Alexander seine Schwester buchstäblich vor sich herschob.

Na los, Silvia! Elisa, wo bist du?!

Hier…, erwiderte Elisa.

Nicht gut, wenn Luise den Streit mitbekommt.

Liebling, bist du fertig? Dann geh in mein Zimmer und schau einen Zeichentrickfilm, ja?

Ja! Luise schob sofort den ungeliebten Gemüse-Teller weg und stürmte aus der Küche. Hi Papa! Hallo Tante Silvia! Mama hat gesagt, ich darf zeichnen!

Die klare Kinderstimme holte die Erwachsenen ein wenig auf den Boden zurück. Alexander ließ Silvias Arm los, Elisa schritt sofort ein.

Geh, Luise, ich komme gleich!

Eile nicht, Mama!, winkte Luise und trippelte die Treppe zur Elternschlafzimmer hoch.

Das Gespräch wurde schwer. Silvia weinte, Alexander schäumte, Elisa wusste nicht, was sie von Silvias Rechtfertigungen halten sollte.

Ich dachte, du hintergehst ihn! Weißt du, wie viele Paare es gibt, wo der Mann nichts merkt? Von meinen Freundinnen, was ich da höre… Ich glaub an gar nichts mehr!

Findest du wirklich, ich bin wie deine Freundinnen? Betrügst du deinen Mann? Und ist dir bei deinen Kindern sicher, von wem sie sind?

Silvia schnappte nach Luft, war sofort still.

Bist du verrückt?!

Das frag ich dich! Weißt du, was du fast angerichtet hättest? Ich sag nix zu Alexander ist klar, sein Fehler, dass er dir glaubte. Was sonst, wenn nicht Familie, sollte man glauben? Doch du hast das Vertrauen missbraucht. Warum?

Ich weiß es nicht…, Silvia weinte. Ehrlich, ich dachte, ich beschütze ihn…

Vor mir? Hat ja toll geklappt!

Elisa sah Alexander an.

Alles geklärt? Noch Fragen?

Elisa…

Nein, Alexander! Jetzt bin ich dran, beleidigt zu sein. Ich brauche Zeit, um zu überlegen. Silvia, dich möchte ich erstmal nicht mehr hier sehen. Erklärung überflüssig, oder?

Elisa, verzeih…

Ich denk drüber nach. Jetzt gehen bitte beide. Alexander, du weißt, was du machen sollst. Los…

Mit Alexander wird Elisa sich versöhnen. Nicht sofort, und zu ihren Bedingungen. Niemand in der Familie außer Silvia wird je erfahren, was wirklich passiert ist. Denn manchmal sollte man schmutzige Wäsche nicht nach draußen tragen. Für diese Lektion wird Elisa ewig ihrer Mutter dankbar sein.

Ihre Mutter wird bald den neugeborenen Enkel in die Arme schließen, mit Alexanders Mutter über die Ähnlichkeit des Kleinen mit dem Vater tuscheln und Elisa mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen sagen:

Du bist klug geworden, mein Mädchen. Eine gute Mutter und Frau…

Wirklich?

Hab ich dich je belogen?

Mama, was heißt klug? Ich fühle mich gar nicht so…

Weißt du, Klugheit bei Frauen heißt, alles zu bewahren, was das Leben schenkt: Kinder, Familie, Haus und Freundschaften. Alles zu umsorgen, zu vereinen damit es allen gut geht. Das ist schwer. Denn man muss immer abwägen, was es wert ist, gehalten zu werden, und was man einfach gehen lässt, damit das Gute bleibt. Ich glaube, genau das kannst du.

Ja?

Ganz sicher! Ach, übrigens, Sven hat angerufen in einem Monat wird geheiratet. Er schickt dir und Alexander eine Einladung.

Mama…

Keine Widerrede. Ich passe auf die Kinder auf! Aber mach mir bitte einen Gefallen, ja?

Was denn, Mami?

Geh endlich mal zur Maniküre!

Gut!

Elisa wird ihre Mutter fest umarmen, Alexander und Silvia zunicken, die etwas abseits der übrigen Gäste steht, und Luise zuzwinkern:

Komm, hilf mir, deinen Brüderchen ins Bett zu bringen.

Darf ich?, Luise strahlt und streichelt den kleinen Faussch sanft.

Natürlich, mein Schatz. Natürlich…Luise nimmt ihre kleine Hand, vorsichtig, stolz wie nur eine große Schwester das kann. Elisa sieht ihr nach, spürt die Wärme der Begegnung, das leise Glück, das nach all den Stürmen wieder zu ihr zurückfindet.

Im Flur steht Alexander. Einen Moment lang zögert er, dann hebt er zaghaft den Blick, trifft Elisas Augen. Da ist bitteres Bedauern, aber auch Hoffnung. Wortlos reicht er ihr die Hand. Elisa nimmt sie, zögerlich noch ein kleiner Schritt, aber es ist der richtige.

Aus dem Wohnzimmer tönt der Klang von Besteck, Gläsern, das Summen vertrauter Stimmen. Das Leben, denkt Elisa, kennt Brüche, Zweifel und diese Momente, an denen nichts mehr sicher scheint. Und doch, wenn man standhält, wenn man sich nicht von Misstrauen zerreißen lässt, offenbart es das größte Geschenk: zusammen zu gehören, Fehler zu vergeben, gemeinsam zu wachsen.

Ihre Mutter steht am Fenster und lächelt ihr zu, als wüsste sie längst, dass alles gut wird.

Und während der Abend im goldenen Licht langsam ausklingt, streicht Elisa eine Haarsträhne aus dem Gesicht, rückt Alexander ein Stück näher.

Komm, lass uns nach vorn schauen, flüstert sie.

Draußen beginnt es zu regnen. Kleine Tropfen, die auf das Dach klicken. Elisa schließt die Augen, hört die Stimmen, das Lachen von Luise mit dem Baby, fühlt Alexanders Finger, die nach den ihren greifen und weiß: ab heute zählt nur noch das, was den Sturm überdauert.

Das Leben, das ihre Mutter ihr beigebracht hat zu schützen, ist nun ihres und sie wird es halten. Ganz fest.

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Homy
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Ohne Schuld schuldig
Rotschopf, Rotschopf, voller Sommersprossen