Mein Mann sagte: „Lass uns scheiden“, und ich spürte eine eisige Leere … und zugleich Erleichterung

Thomas, lass uns scheiden.

Gisela sprach mit einer Ruhe, fast schon unterkühlt, während sie den leeren Teller vom Abendessen abräumte. Sie sah ihn nicht an.

Thomas, der gerade den Sportteil der Süddeutschen zu Ende gelesen hatte, legte die Zeitung langsam zusammen. Peinlich präzise, wie immer. Es entstand jene besondere Stille, die nur von dem altmodischen Kuckucksuhr-Ticken aus dem Flur durchbrochen wurde.

Ja, sagte er schließlich. Wahrscheinlich ist es wirklich Zeit.

Keine Dramatik, keine Tränen. Nur dieses eine, erschöpfte Wort. In Gisela breitete sich eine eiskalte Leere aus. Dreiundzwanzig Jahre Ehe, zwei fast erwachsene Kinder, Eigentumswohnung in München, Golf, Kleingarten am Stadtrand. Und die einzige Frage, die jetzt zwischen ihnen stand, war nicht mehr Warum, sondern: Warum haben wir es nicht früher gemacht?

Sie stellte den Teller ins Spülbecken. Das Wasser rauschte vertraut, ein bisschen so, als ob gleich alles wieder weiterginge wie immer. Thomas faltete die Zeitung am Mittelknick, stellte sie ordentlich weg. Stand auf. Ging vorbei, ohne auch nur ihre Schulter zu streifen. Die Tür zu seinem Arbeitszimmer fiel leise ins Schloss. Gisela starrte auf ihr verschwommenes Spiegelbild im dunklen Küchenfenster. Vierundfünfzig. Graue Strähnen, die sie längst nicht mehr zu übertönen versuchte. Krähenfüße, ein Leben lang ignoriert. Und dazwischen dieses seltsame Gefühl der Erleichterung vermischt mit lähmender Angst.

Am nächsten Tag besprachen sie die praktischen Dinge. Küche, Notizblock, Kugelschreiber. Thomas schrieb alles auf:

Die Wohnung verkaufen wir. Teilen das Geld.

Geht in Ordnung.

Den Schrebergarten, willst du den?

Nö, kannste behalten.

Dann nehm ich den Garten, du kriegst das Auto.

Ich fahr doch gar nicht mehr.

Verkaufs.

So sachlich wie beim Kühlschrankkauf vor Jahren ratterten sie das Scheidungsprozedere durch. Der große Rosenkrieg fiel aus, es blieb alles bei Excel-Tabellen, kalter Logik und Listen. Gisela sah Thomas’ Hand, wie er Zahlen und Stichpunkte notierte. Sie erinnerte sich an den schwungvollen Griff dieser Hand um ihre Taille am Tag der Hochzeit. Damals, vor dreiundzwanzig Jahren, war sie einunddreißig, Thomas vierunddreißig gewesen. Sie Lektorin beim Wagner Buchverlag in Schwabing, er Familienvater mit Ingenieursjob bei den Stadtwerken. Kennengelernt auf dem Geburtstag eines gemeinsamen Freundes in Giesing. Sie fand ihn gelassen, solide, bodenständig. Er sie ruhig, häuslich, irgendwie gebildet. Sie heirateten nach einem halben Jahr. Ohne große Romantik, aber mit sehr viel Vernunft.

Den Kindern müssten wir`s auch noch sagen, murmelte Thomas nachdenklich.

Ja.

Heute Abend? Per Videoanruf?

Meinetwegen.

Mareike, ihre fünfundzwanzigjährige Tochter, wohnte in einer WG im Glockenbachviertel mit ihrem Freund. Dynamisch, immer auf Achse, irgendwie immer im Pitch. Ludwig, der Jüngere, zweiundzwanzig, studierte noch in Augsburg, hauste mit Kommilitonen in einer Studentenwohnung, die ihren Namen kaum verdiente. Die Kinder waren längst flügge; jetzt, ohne den Kitt gemeinsamer Verantwortung, war das leise Vakuum zwischen Gisela und Thomas erst so richtig sichtbar geworden. Solange die Kinder klein gewesen waren, hatte man einen Plan, ein Ziel. Schule, Musikunterricht, Montags-Fieber, Sommerurlaub an der Ostsee. Gespräche liefen meist über den Nachwuchs. Jetzt waren die Kinder weg und übrig blieben zwei Fremde am Küchentisch.

Am Abend rief Thomas Mareike an und schaltete auf Lautsprecher.

Mareike, wir haben eine Neuigkeit. Deine Mutter und ich lassen uns scheiden.

Am anderen Ende Totenstille.

Was? Ihr macht Witze.

Nein.

AberWarum? Was ist passiert?

Nichts ist passiert. Wir haben uns entschieden.

Ihr seid ja wohl nicht ganz gescheit! Ihr seid dreiundzwanzig Jahre zusammen! Mama! Mama, was passiert da bitte?

Gisela übernahm den Hörer.

Mareile, es hat sich so ergeben. Wir haben uns einfach abgearbeitet aneinander.

Nach all den Jahren fällt euch das plötzlich auf? Das ist doch ein Ehekrisen-Klassiker, macht doch mal Beratung!

Haben wir längst.

Aber ihr seid doch immer so harmonisch! Nie gibts Streit!

Genau deswegen, mein Schatz.

Für Mareike war die Trennung der Eltern wie ein Erdbeben im Fundament ihrer kleinen, sortierten Welt. Sie kam damit nicht klar, empfand den Bruch als Verrat, als Wegsprengen ihres Zuhauses.

Ludwig reagierte anders. Am nächsten Tag tauchte er auf, setzte sich an den Tisch, schwieg eine Ewigkeit.

Vielleicht seid ihr einfach nur müde. Vielleicht braucht ihrn Urlaub. Oder wenigstens getrennt verreisen.

Ludwig, wir haben alles durchdacht, erwiderte Thomas nüchtern.

Warum jetzt? Warum nie früher?

Wegen euch.

Er starrte erst den Vater an, dann seine Mutter. In seinen Augen schwankte Verwirrung, Enttäuschung, Ratlosigkeit. Gisela wusste nicht, wie man jemandem erklärt, welch bleierne Einsamkeit einen manchmal packen kann, obwohl man nebeneinander lebt. Sie wollte alles sagen aber wie erklärt man, dass einen das Fernsehschauen allein im Wohnzimmer irgendwann zerreißt, dass das Leben neben dem anderen irgendwann nur noch Hülle ist?

Mama, willst du das wirklich? fragte Ludwig leise.

Ich weiß nicht, was ich will, meinte sie ehrlich. Aber ich weiß sicher, dass ich nicht mehr so kann.

Er zog traurig von dannen. Gisela blieb in der Küche zurück, erinnerte sich an Momente des Glücks: Wie Thomas ums Krankenhaus lief, als Ludwig geboren wurde, das debile Grinsen, als er seinen Sohn zum ersten Mal sah. Damals hatte sie gehofft, Kinder würden ihre Ehe kitten. Familie wurden sie auf Fotos. Nach außen funktionierte alles. Innerlich war sie längst ins Leere gelaufen.

Der Riss tauchte auf, als sie fünfunddreißig war. Grün hinter den Ohren war sie da eigentlich nicht mehr, aber naiv eben doch. Mareike war drei, Ludwig noch gar nicht da. Thomas versank in seiner Arbeit, gerade befördert zum Abteilungsleiter bei den Stadtwerken. Kam immer später heim, besann sich am Abendbrottisch auf die Tagesschau und war so wortkarg, dass Gisela irgendwann einfach aufgab mit ihren Erzählungen. Eine Schwangerschaft, zwei Windelpäckchen später, war die Kränkung von damals nur noch dumpfe Kulisse. Man überdeckt es mit Alltag, Hobbykeller, Gummistiefeln für die Kids so beginnt der Eheverschleiß schleichend.

Sie setzten die Wohnung zum Verkauf an, eine toughe Maklerin führte Paare durch die Zimmer. Gisela ertrug es nicht, wie wildfremde Menschen ihre Vergangenheit beäugten. Hier hing ihr Urlaubsbild mit Thomas aus irgendeinem Italienurlaub, dort stand früher das Gitterbett. Hier, an diesem Tisch, hatten sie achtundvierzigmal Weihnachten gefeiert. Wie beginnt man ein Leben nach fünfzig, wenn das alte kaum in eine Drei-Zimmer-Wohnung gepasst hat?

Sie traf sich mit ihrer Freundin Sabine im Café. Schwarzer Kaffee wie immer. Dann: Weißt du, ich versteh dich absolut.

Ehrlich?

Klar. Jeden Tag überlege ich das. Mir fehlt dein Mut.

Mut? Pah Verzweiflung triffts besser, Sabi.

Sabine war seit achtundzwanzig Jahren verheiratet, lebte mit einem ähnlich schweigsamen Ehemann im Paralleluniversum. In ihrem Blick spiegelte sich dieselbe Leere, dieselbe Angst vorm großen Unbekannten.

Und? Angst?, fragte Sabine.

Sehr.

Wie hast du dich entschieden?

Keine Ahnung. Irgendwann wusste ich: Wenn ichs jetzt nicht tue, habe ich mein eigenes Leben verpasst.

Und wenns noch schlimmer wird?

Was bitte soll noch schlimmer sein als das?

Sie schwiegen lange, dann zahlte Sabine ihre Breze. So würde sie wohl weitermachen bis zur Rente, gemütliche Resignation mit Abend-Krimi und Ehemann, der die Pflastersteine im Garten zählt. Auch ein Lebensentwurf aber nicht mehr Giselas.

Die Wohnung wurde von einem jungen Paar samt Kleinkind gekauft. Sie waren laut, begeistert, voller Umbaupläne. Gisela sah sich selbst in ihnen optimistisch und naiv jung. Damals glaubte sie auch noch, Liebe und Alltag würden schon irgendwie zusammen funktionieren, sie würde nicht zu den traurigen Frauen gehören, die mit Fünfzig zurückblicken und denken: Hätte es anders laufen können?

Das Geld wurde auf den Cent genau geteilt. Thomas nahm den Schrebergarten, sie ihr Auto. Obwohl Gisela seit einem Ditch im Winter vor zehn Jahren gar nicht mehr gefahren war. Sie würde ihn verkaufen. Oder vielleicht doch wieder Fahrstunden nehmen irgendwas anfangen. Irgendwo anfangen.

Sie fand eine kleine Einzimmerwohnung am Stadtrand. Hell, leer, irgendwie tröstlich. Allein. Mit vierundfünfzig noch einmal neu anfangen. Absurder Gedanke. Oder? Eigentlich passte der Gedanke besser zu ihr als alles andere in letzter Zeit.

Der Umzug war flott erledigt. Thomas schlief solange bei Kollegen, bis er was Eigenes fand. Sie packten schweigend. Willst du das? Nein, nimms ruhig. Die Pfanne für dich, die Bücher für mich. Dreiundzwanzig Jahre Ehe in einem Nachmittag in Umzugskartons verpackt.

Mareike akzeptierte den Entschluss nie wirklich, meldete sich wenig, wenn doch, kurz angebunden. Ludwig versuchte, zu beiden Kontakt zu halten, aber auch er tat sich schwer. Die Kinder konnten nicht verstehen, dass eine Ehe auch dann scheitern kann, wenn es weder Betrug noch Gezeter gibt. Sie kannten das Gift der Gleichgültigkeit und des Schweigens nicht, das wie ein muffiger Ledersessel alles durchzieht.

Gisela lag im neuen Bett, schlaflos, umringt von ungewohnter Stille. Früher hörte sie immer, wie Thomas auf der anderen Bettseite schnaufte, wie in seinem Bürostuhl etwas knackte oder er nachts in die Küche trottete. Jetzt nur die Geräusche vom Nebenhaus. Sie fragte sich, ob dieses Loch, das nach der Scheidung übrig blieb, je wieder gefüllt würde. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht war diese Leere schon immer da. Nur früher war sie gefüllt mit Kindern, Terminen, Gedöns.

Sie erinnerte sich an einen Familienurlaub an der Ostsee vor fünfzehn Jahren Kinder auf Wolke sieben, abends Lagerfeuer. Aber als die Kinder schliefen, saßen sie und Thomas stumm auf der kleinen Veranda am Ferienhaus. Er las, sie starrte auf die Wellen. Und sie dachte damals: Wir sind Fremde. Komplett. Aber sie wischte es weg: Uff, das ist nur der Urlaubsstress. Es ging nicht vorbei. Es ich wurde schlimmer.

Den Job beim Verlag hatte sie längst verloren. Verlag dicht, Buchmarkt im Umbruch, Papier durch E-Books ersetzt. Sie hatte ein paar Jahre halbherzig nach Arbeit gesucht, dann resigniert. Thomas verdiente genug, ihre Zuarbeit war nicht gefragt. Wieder ein Baustein im großen Puzzle Wofür bin ich eigentlich noch da?. Die Kinder groß, der Mann autonom, kein Büro sie vertat sich die Zeit mit Büchern, Serien, Sabine. Die Jahre rauschten vorbei.

Fehler zu erkennen ist wie Mottenkugeln: Sie riechen erst spät, bleiben aber ewig. Man kann die Entscheidung nicht mehr umkehren. Mit dreißig wusste Gisela nicht, wie richtig oder falsch ihr Partner zu ihr passte heute würde sie vieles anders machen. Aber zurück geht es nie.

An einem Samstag saß Gisela in ihrem neuen Wohnzimmer, wühlte verloren in alten Fotos. Hochzeit sie im weißen Kleid, er im Anzug, beide ein bisschen steif, aber lächeln tapfer. Mareike als Baby. Ludwig bei seinen ersten Schritten. Urlaubsbilder im Schrebergarten. Wann war das eigentlich alles zu Ende gegangen? Vielleicht ganz langsam, unauffällig, wie das Wasser aus der Badewanne, das leise abläuft. Unerkannte Kränkungen, nicht beachtetes Seufzen, unerhört gebliebene Fragen. Schweigen statt Nähe, Alltag statt Leidenschaft.

Ludwig rief sonntags an.

Mama?

Ja?

Bist du allein?

Klar.

Soll ich vorbeikommen? Ein bisschen quatschen?

Gerne.

Er kam mit Apfelstrudel und einem Beutel Tee. Sie saßen in der winzigen Küche, er plauderte über die Uni, Freunde, Pläne. Gisela merkte, wie er sich Mühe gab, sie aufzumuntern. Und es tat weh: ihr Sohn kümmerte sich um sie wie um eine 90-Jährige.

Mama, findest du das wirklich besser so? fragte er nach dem dritten Tee vorsichtig.

Ich weiß es nicht, Ludwig. Aber anders kann ich einfach nicht mehr.

Und Papa?

Dem gehts auch gut.

Und… redet ihr mal?

Nur, wenns um Papierkram geht.

Und sonst?

Persönlich geredet haben wir wohl seit Ewigkeiten nicht mehr.

Ludwig schwieg.

Weißt du, für mich wart ihr immer das perfekte Elternpaar. Ruhig, harmonisch, keine Dramen…

Eben. Keine Dramen, aber auch kein echtes Leben.

Er verstand nicht. Mit zweiundzwanzig kann man sich nicht vorstellen, wie einsam man neben jemandem altern kann, ohne je zu streiten.

Sabine rief eine Woche später an.

Wie gehts?

Ich lebe. Gewöhn mich.

Treffen?

Klar.

Sie saßen wieder im selben Café. Sabine wirkte erschöpft.

Ehrlich, ich beneide dich.

Worum?

Dass dus gemacht hast.

Du doch auch. Du kannst das doch auch machen.

Ach, ich bin sechsundfünfzig. Wohin sollte ich noch?

Für dich leben.

Weiß gar nicht mehr, wie das geht.

Gisela erkannte in Sabines resigniertem Blick sich selbst vor einem Jahr. Diese Passivität, diese Angst, diese kleine Flamme an Hoffnung, die fast erloschen war. Eine Scheidung mit Mitte fünfzig ist in Deutschland keine einfache Nummer. Plötzlich bist du Laborratte im eigenen Leben: Alles, was du aufgebaut hast, wird einmal auf links gekrempelt. Man muss die Wahrheit aushalten, dass man sich verirrt hat.

Die Tage zogen sich hin. Gisela lernte, für sich zu sorgen. Frühstückte, was sie wollte, sah die Sendungen, die sie mochte, musste kein Licht mehr ausmachen, wenn sie noch las. Es war seltsam. An manchen Tagen fürchtete sie sich regelrecht vor so viel ungewohnter Leichtigkeit, aber es war auch befreiend. Die Last, die all die Jahre auf ihr gelegen hatte, fiel langsam ab.

Sie begann, ziellos spazieren zu gehen. Park, Isarufer, egal wohin. Schaute den Leuten zu, dem Aufwachen der Stadt, der ersten Blüte. Sie dachte viel nach. Über Vergangenheit, Zukünftiges, Alternativen. Am meisten Angst machte ihr, dass die Zukunft jetzt plötzlich offen war.

Irre: Mit vierundfünfzig bist du auf dem Arbeitsmarkt schon etwas wie das Kapitel Sonstiges. Bewerbungen gingen ins digitale Nirwana. Sie suchte trotzdem: Bücherei, Beratung, Hilfskraft im Lektorat Wir melden uns. Tat aber keiner.

Eines Tages traf sie Thomas im Supermarkt.

Hallo, sagte er.

Hallo.

Und, alles gut?

Klar. Du so?

Hab ne Wohnung gefunden.

Schön…

Sie plauderten zwischen Schokoriegeln und Klopapier, als hätten sie nichts miteinander zu tun. Tja, so läuft das. Dreiundzwanzig Jahre Ehe und die Gespräche enden unter Neonlicht bei Na dann, machs gut.

Es wurde Winter. Gisela saß abends mit einer Tasse Tee am Fenster und beobachtete die ersten dicken Flocken. Früher hatte sie den Winter geliebt, jetzt erinnerte er sie vor allem an Stillstand. Doch an diesem Abend spürte sie plötzlich Ruhe. Nichts musste, alles konnte.

Ludwig kam regelmäßig, brachte Einkäufe, schraubte mal was fest, schleppte aus dem Keller hoch. Mareike meldete sich selten. Aber das war okay jeder musste seinen eigenen Weg finden.

Kurz vor Silvester rief Ludwig an:

Komm doch zu uns, wir feiern mit Freunden!

Nein danke, Ludwig. Ich bleibe zu Hause, bei mir.

Silvester allein?

Ach, das passt schon.

Sie deckte für sich alleine auf. Ein Glas Sekt, Fernsehprogramm. Als die Uhr Mitternacht schlug, hob sie das Glas und sagte: Auf ein neues Leben. Der Sekt war zu trocken. Zum ersten Mal brach sie in Tränen aus. Um all das Verpasste, das Mögliche, das nie Eingetretene. Aber dann war es auch gut. Sie putzte sich die Augen, wusch ab, ging schlafen. Und wachte mit klaren Gedanken auf. Ohne Bitterkeit.

Der Januar schlich vorbei. Draußen war es grau, drinnen war Warten die Hauptbeschäftigung worauf, wusste sie selbst nicht.

Im Februar meldete sich Thomas:

Gisela, wir müssen noch die letzten Unterlagen und Schlüssel klären.

Freitag passt. Komm vorbei.

Er kam, sie kochte Tee. Unterlagen. Unterschriften, leises Kratzen des Kugelschreibers. Feierabend.

Jetzt ists offiziell, sagte er.

Ja.

Bereust dus?

Nein. Und du?

Auch nicht wirklich.

Wir waren eben zu normal. Zu wenig Gefühl.

Da hast du wohl recht.

Er zog seine Jacke an.

Also dann, Glück… alles Gute dir.

Dir auch.

Kurz vor der Tür: Wenn irgendwas ist, ruf an, ja?

Mache ich.

Tür zu. Ende. Dreiundzwanzig Jahre. Und sie wusste: Das ist jetzt der wahre Schluss.

Sie nahm ihr Handy, durchforstete die Galerie. Die Hochzeitsbilder: jung, ein bisschen verloren, voller Hoffnung. Sie sah sie lange an dann löschte sie eins nach dem anderen. Ein Gefühl von endgültigem Schlussmachen. Vergangenheit wurde Digitalstaub.

Am Balkon verbiss der Wind ihre Wangen, der graue Münchner Winter lag schwer über der Stadt. Woanders im Block lebten Thomas, Mareike, Ludwig, irgendwo zählte Sabine ihre letzten Jahre mit ihrem Mann. Vielleicht zerbrachen gerade jetzt andere Ehen in der Stadt an genau denselben Fragen.

Gisela versuchte, sich einzufügen in ihr neues Spiegelbild. Falten, graue Haare, Kopfschmerzen. Aber etwas war jetzt anders. Kein Glück aber ein Funken Entschlossenheit. Oder vielleicht einfach Akzeptanz.

Ihr fiel ein, dass sie im Germanistikstudium immer hatte Schriftstellerin werden wollen. Sie hatte Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben. Die Ehe, die Kinder, der Verlag alles hatte diese Träume nach hinten gedrängt. Aber warum eigentlich nicht? Sie war vierundfünfzig, nicht vierundsiebzig. Vielleicht würde sie jetzt ihren ersten eigenen Text schreiben. Nicht für Ruhm oder Geld. Sondern für sich.

Im März kroch das erste Grün durch den Schneematsch. Gisela ging wieder spazieren, manchmal kilometerweit. Sie beobachtete in einem Park ein altes Paar, beide mindestens siebzig, Händchen haltend, langsam, aber lachend. Sie spürte einen kurzen Stich aus Neid und Erleichterung. Die beiden hattens gemeinsam geschafft. Sie nicht. Auch gut.

Ende März rief Sabine an.

Du, ich hab auch die Scheidung eingereicht.

Gisela war perplex.

Echt?

Irgendwie hast du mir Mut gemacht. Lieber allein, als so weiter.

Lange Pause.

Danke, meinte Sabine.

Es geht. Es ist furchtbar, aber machbar.

Im April suchte Gisela eine Stelle, nicht nur weil das Geld langsam knapp wurde, sondern weil sie wieder gebraucht werden wollte. Sie bewarb sich überall: Bibliothek, Buchladen, Redaktionsassistenz. Immer wieder die Absage aus dem Recruiting: Wir melden uns. Aber sie ließ sich nicht unterkriegen.

Im Mai kam Ludwig vorbei.

Mama, ich hab jemanden kennengelernt.

Gisela freute sich, fragte, hörte zu und dachte: So fängt es an. Verliebtheit, Hoffnung, große Pläne. Werden sie mehr können als Thomas und sie? Werden sie miteinander wachsen können?

Mama, bereust du es wirklich nicht?

Ich bereue nur, dass ich es nicht eher gemacht habe.

Und bist du jetzt glücklich?

Nein, aber ich bin nicht mehr unglücklich. Das ist schon mehr als vorher.

Der Sommer brachte Wärme und ein Vorstellungsgespräch in einem Mini-Verlag. Der Chef, ein sympathischer älterer Herr, guckte ihr ins Gesicht und sagte:

Kommen Sie Montag. Sie sind genau das, was wir brauchen.

Gisela konnte es kaum glauben. Endlich wieder Arbeit, auch wenn das Gehalt keine Maßstäbe setzte. Es war ihr eigenes, ihr Platz im Leben.

Im August meldete sich Thomas:

Wollts nur mal sagen ich hab jemand Neues kennengelernt.

Ein kurzer, unangenehmer Stich. Nicht Eifersucht, eher Endgültigkeit.

Ich freu mich für dich.

Sie legte auf, schaute aus dem Fenster und spürte: Sie war jetzt wirklich frei. Und das war in Ordnung.

Im September tauchte Mareike zu einem verkorksten Frühstück auf.

Mama, ich war wohl hart zu dir. Ich hab euch für Egoisten gehalten, jetzt bin ich selber in einer blöden Beziehungskrise. Ich versteh jetzt, dass Gehen auch Stärke sein kann.

Gisela nahm Mareikes Hand.

Danke, dass du das sagst.

Bist du glücklich?

Weiß nicht, was das ist. Aber ich krieg wieder Luft. Und das ist viel.

Herbstlich golden wurde es im Oktober. Gisela arbeitete, schrieb ihre ersten Seiten an einem Roman, Seite für Seite. Egal, ob es veröffentlicht würde oder nicht es gehörte endlich ihr.

Eines Abends stand sie am Fenster, schaute runter auf den Lichterstrom Münchens. Alles floss weiter. Sie war nur ein winziger Teil davon aber immerhin ein eigener.

Vierundfünfzig. Scheidung. Einsamkeit. Mietwohnung. Kleiner Job. Unklare Perspektive. Es war kein Happy-End, aber ehrlich. Und irgendwie ihr.

Im November erkannte sie Thomas von Weitem. Er mit einer Frau an seiner Seite. Ein kurzes Kopfnicken so viel blieb übrig.

Aber das war okay. Die Leere war jetzt eine andere. Früher wie ein Sargdeckel, heute wie frisch geputzter Boden vielleicht passiert ja noch was.

Dezember. Vorweihnachtszeit. Sie kaufte einen kleinen Plastikbaum und behängte die Wohnung festlich. Ludwig brachte seine neue Freundin mit, Mareike kam auch, Sabine wollte auf ein Gläschen vorbeischauen.

Am Silvesterabend saß Gisela am Fenster, nahm Abschied vom alten Jahr. Vor zwölf Monaten hatte sie noch mit Thomas gewohnt. Jetzt war alles anders. Aber als Mitternacht wurde, war sie nicht mehr allein. Sie stießen an:

Auf ein neues Leben! sagte sie.

Auf ein neues Leben! riefen die anderen.

Sie lachte, schaute in die Gesichter ihrer Kinder, auf die kleine Wohnung, auf die glitzernde Mini-Tanne. Es war kein Anfang, kein Ende sondern einfach das Leben, wie es ist. Nicht perfekt, nicht wie im Roman aber echt.

Ein grauer Januartag, Thomas meldete sich:

Schlüssel vom Schrebergarten, ein paar restliche Dokumente. Lass uns das noch klären.

Im Café am Fenster. Die Unterlagen, Schlüssel, ein kurzer Händedruck.

Übrigens, ich habe wieder geheiratet, sagte Thomas, die Stimme sonderbar weich.

Alles Gute euch, sagte Gisela und dachte: Und tschüss.

Sie gingen hinaus, verschiedene Wege. Es war kalt, windig, typisch Januar eben.

Glück dir! sagte Thomas.

Dir auch!

Er verschwand im grauen Nachmittag, sie lief zurück zur Straßenbahn, mit den Schlüsseln in der Tasche, die nun symbolisch nicht mehr passten.

Zu Hause legte sie sich ans Fenster, starrte auf die Dächer von München. Thomas in seinem neuen Leben, Ludwig mit seiner Freundin, Mareike irgendwo in ihrer Beziehung, Sabine wahrscheinlich am Küchentisch und nicht unglücklich. Und sie? Allein in der kleinen Mietwohnung am Rand der Stadt. Mitten im Winter. Mit vierundfünfzig.

Angst? Ja. Schmerz? Auch. Richtig? Wer weiß.

Aber: Es war ihr Leben. Ihr gewählter Weg. Und vielleicht, ganz vielleicht, wartete noch etwas auf sie nicht unbedingt Glück, nicht unbedingt Liebe, aber etwas eigenes, etwas Echtes.

Gisela stand auf, holte ihren alten Uni-Notizblock, griff zum Stift und fing an zu schreiben. Über eine Frau, die dreiundzwanzig Jahre verheiratet war und erst mit vierundfünfzig begriff, dass sie einen Neustart wagen muss. Die nicht weiß, wohin das führt.

Und das war: Der Anfang. Kein Ende. Der Anfang.

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Homy
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Mein Mann sagte: „Lass uns scheiden“, und ich spürte eine eisige Leere … und zugleich Erleichterung
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