Sie hatte versprochen zu warten, doch sie traf einen anderen.
Alles begann wie in einem kitschigen Liebesroman, wie sie Helene so gerne abends las, eingekuschelt in eine Decke und mit einer dampfenden Tasse Kräutertee in der Hand. Doch das Ende dieser Geschichte war nicht das erhoffte Happy-End, sondern ein echtes Drama und das Glück hatte darin keinen Platz mehr.
Klara so hieß das Mädchen, um das sich alles drehte kam mit noch nicht einmal siebzehn Jahren nach Weidenhagen, das war unser kleiner Ort mitten in Oberbayern. Sie war schlank, großgewachsen, die Beine endlos lang, und auf dem Kopf trug sie eine wilde Mähne von roten Haaren, die in der Sonne so leuchteten, dass die alten Frauen an der Bushaltestelle sich bekreuzigten und raunten: Feuerrot von denen hat noch nie jemand Glück gehabt. Klara lachte über ihr Gerede, und eines Tages begegnete sie Johannes mein Sohn und ab dann nahm das Leben für sie eine Fahrt auf, dass jedem schwindlig geworden wäre.
Johannes war ein Jahr älter, wohnte drei Straßen weiter, besuchte dieselbe elfte Klasse am Gymnasium, und anfangs hatten sie kaum ein Wort füreinander übrig. Er ein ernster Typ, zurückhaltend, immer mit einem prüfenden Blick unter den dunklen Brauen. Sie quirlig, laut, stets umgeben von einer fröhlichen Schar Freundinnen und Freunden. Wie das Leben so spielt, prallten sie irgendwann aufeinander gegensätzlicher hätten zwei Menschen nicht sein können.
Hör mal, Rothaarige, hast du Lust, heute Abend mit uns an den See zu kommen? fragte er sie eines Abends im Mai und versuchte, dabei lässig zu klingen.
Klara zog eine Augenbraue hoch, schürzte die Lippen: Mit mir, Jungbauer? Ich dachte, du redest nur mit deiner Mathelehrerin oder deinen Lehrbüchern. Da ist ja doch mehr Vokabular bei dir als erwartet.
Wenn du nicht willst, dann halt nicht, murmelte Johannes schon und wollte sich abwenden. Doch Klara griff nach seinem Jackenärmel. Wer sagt denn, dass ich nicht will? Frags halt richtig. Also holte Johannes tief Luft: Klara, willst du heute mit an den See kommen? Da blitzte ein Lächeln in ihren Augen auf: Ich komm mit.
Ich habe Klara von dem Moment an nicht gemocht, als Johannes sie an meiner Haustür vorgestellt hat. Da standen sie, Hand in Hand, auf der Schwelle, und mein Sohn grinste sie an, als hätte er gerade einen Lottogewinn gemacht.
Mama, das ist Klara, sagte Johannes mit einer Stimme, in der so viel Glück lag, dass ich mich zusammenreißen musste, um nicht das Wasser vom Fensterputzen über sie auszuschütten. Ich habs erkannt, danke, schnappte ich, taxierte das Mädchen von oben bis unten. Na gut, dann komm halt rein aber das Abendessen ist heute nicht für Gäste geplant.
Ich habe keinen Hunger, danke, Frau Neumann, hauchte Klara.
Der Abend zog sich schleppend zwischen steifen Floskeln und langen, peinlichen Pausen. Ich ließ sie beide nicht aus den Augen, immer in Sorge, sie könnte nicht nur mein Silberbesteck, sondern mein Herzblatt stehlen meinen Sohn, seine Zukunft, die ich mir so schön ausgemalt hatte: Studium, ordentliche Arbeit, eine nette, bodenständige Frau mit Mitgift und keinesfalls so ein rotes Straßenmädchen.
Klara, was machen denn deine Eltern beruflich? fragte ich, nachdem ich den Zwetschgenkompott auf den Tisch stellte, so sauer, dass sich das Gesicht verzog.
Meine Mutter arbeitet bei der Post, mein Vater ist weg, der ist gegangen, als ich sieben war, antwortete Klara, ganz sachlich, ohne Scham in der Stimme.
Aha, verstehe, nuschelte ich, und in diesem verstehe schwang all mein Misstrauen mit, was Johannes gleich empörte.
Mama, das reicht jetzt! Sie ist eingeladen, verhalte dich anständig.
Ich? fuhr ich auf, fast hätte ich den Kompott umgestoßen. Schau dich an! Mit wem du dich abgibst! Die wickelt dich doch um den Finger. Wir hatten Pläne, Johannes! Aber mit so einer…
Frau Neumann!, sagte Klara fest, strich ihre Rockfalten glatt, ich verstehe Ihre Sorgen. Aber ich werde Johannes nicht ausnutzen. Wir lieben uns, mehr nicht. Wenn Sie mich nicht mögen, dann komme ich eben nicht mehr in Ihr Haus.
Sie rauschte raus, mein Sohn hinterher, und ich blieb an meinem Küchentisch zurück, die Faust um den Löffel geballt, während die Wut in mir brodelte.
Sie trafen sich weiterhin. Klara betrat nicht mehr unser Haus, und ich ignorierte Johannes, wenn er von ihr sprach, wechselte das Thema oder drehte einfach den Fernseher lauter. Doch der ganze Ort wusste längst, dass sie ein Paar waren. Halbe Weidenhagen rätselte schon, wann die Hochzeit wohl sein würde.
Nie!, knurrte ich, als Nachbarin Irmgard beim Bäcker davon anfing. So lange ich lebe, nicht. Mein Sohn ist kein Kandidat für die Tochter von einer Postbeamtin. Er hat eine Zukunft, aber mit ihr bleibt er im Dreck stecken.
Ach, Helene, sei doch nicht so verbittert. Das Mädchen ist doch anständig. Johannes ist unsterblich in sie verliebt, versuchte Irmgard mir gut zuzureden, doch ich winkte ab. Anständig? Habt ihr gesehen, wie sie die Männer anguckt? Die nimmt sich, was sie will. Hat meinem nur den Kopf verdreht, mehr nicht.
Die Gerüchtekette arbeitete schnell. Natürlich bekam Klara alles mit. Sie weinte nachts ins Kissen, damit ihre Mutter es nicht hörte, erzählte Johannes aber nichts. Nur einmal, als sie auf der Parkbank hinterm Vereinsheim saßen, und er sie traurig fragte, was los sei, brach sie die Fassung.
Deine Mutter hasst mich, murmelte Klara, blickte zu den Jugendlichen, die sich auf der Tanzfläche sammelten. Sie sagt, ich bringe dich ins Unglück. Sag, Johannes, vielleicht hat sie recht? Vielleicht sollten wirs lieber lassen?
Bist du verrückt? Er nahm ihr Gesicht in seine Hände, zwang sie, ihn anzuschauen. Willst du wegen ihr wirklich alles aufgeben?
Ich will nicht, dass du dich mit deiner Mutter zerstreitest, flüsterte Klara, Tränen in den Augen. Du hast doch nur diese eine, ich ich komm klar.
Du bist ja albern, sagte er zärtlich. Ich geh nicht weg. Es geht nur um uns zwei nicht um sie. Verstanden?
Sie nickte, und damit war das Thema für sie erledigt.
Als Johannes den Studienplatz verpasste, traf mich das härter als ihn selbst. Ich sprach wochenlang kaum mit ihm, und als er zugab, aus Nervosität bei den Prüfungen versagt zu haben, biss ich giftig: Aus Angst? Ja klar! Die Rothaarige ist schuld. Seitdem du dich mit ihr abgibst, geht alles den Bach runter. Jetzt landest du am Schluss noch bei der Bundeswehr, wie einer dieser Trottel!
Mama, Klara kann nichts dafür. Ich allein bin schuld. Hab nicht genug gelernt, versuchte Johannes zu beschwichtigen, doch ich hörte schon gar nicht mehr zu.
Dann eben Bundeswehr! Vielleicht wird dir dabei der Blödsinn ausgetrieben. Und die da die soll ruhig warten, wenn sies kann. Mädchen von heute sind eh flatterhaft!
Johannes schluckte den Ärger, um nicht vor dem Wehrdienst noch einen Streit zu Hause zu entfachen auf Kläras Drängen hin.
Vor der Abreise trafen sie sich noch am Vereinsheim. Johannes tat so, als wären es Abschiedsworte für immer, obwohl beide wussten: Zwei Jahre, dann ist er zurück. Es würde alles gut werden.
Klara, wart auf mich, sagte er, hielt ihre zitternden Hände. Ich komme zurück, suche mir einen Job, studiere berufsbegleitend. Wir heiraten, machen das schönste Fest im ganzen Ort. Hauptsache du wartest. Versprichst dus mir?
Ich verspreche es, Johannes, flüsterte sie unter Tränen, die auf ihre verschränkten Hände tropften. Aber schreib mir jede Woche, ja?
Jede Woche, flüsterte er, küsste sie auf die Stirn, auf ihr nasses Gesicht, in ihre Lippen. Und du schreibst mir auch. Deine Briefe halten mich am Leben.
Sie nickte, lachte zwischen den Tränen. Und sie glaubte daran.
Die ersten Monate seines Wehrdienstes waren für Klara die härtesten. Seine Briefe kamen wöchentlich, später sogar öfter, und sie las sie immer wieder und roch geradezu seine Hände auf dem Papier. Er erzählte von der Kaserne, dem Spind und den Kameraden und beendete jedes Schreiben mit Ich liebe dich, Rotschopf. Warte auf mich.
Sie wartete. Schrieb zurück auf eng beschriebenen College-Blättern, wie sie an der Post arbeitete, wie sie neue Stiefel gekauft hatte, wie sie jeden Tag an ihn dachte. Und in jedem Brief das Versprechen: Ich liebe dich auch, Johannes. Komm bald zurück.
Seltsam ausgerechnet in dieser Zeit wurde das Verhältnis zu mir besser. Klara verstand selbst nicht, wie es dazu kam. Vielleicht fehlte mir mein Sohn, vielleicht rührte mich inzwischen ihre Geduld an. Am Anfang begann es damit, dass ich sie auf der Straße ansprach: Hast du Johannes geschrieben diese Woche? Ist alles in Ordnung?
Ich habe gestern eine Karte verschickt, Frau Neumann, erwiderte Klara und lächelte mich das erste Mal an.
Ich auch hoffen wir, dass alles ankommt. Bei dem Wetter rudert der Briefträger bestimmt durchs Hochwasser, grummelte ich.
Warten wir gemeinsam, schlug ich zögernd vor. Klara stimmte zu.
Von da an kam sie immer öfter zu mir. Zuerst nur kurz, dann immer länger, und irgendwann saßen wir bis spät abends zusammen, tranken Tee, erzählten von Johannes und schmiedeten Pläne. Sogar ihren Namen sprach ich irgendwann ohne Verachtung aus.
Hast du dir gedacht, wie eure Hochzeit aussehen würde? fragte ich, als wir einmal in alten Fotoalben blätterten.
Ehrlich gesagt nein, nicht wirklich, gestand Klara. Hauptsache Johannes kommt gesund zurück. Alles andere sehen wir dann.
Ach, ihr jungen Leute, seufzte ich. Wollt ihr hier bleiben, oder geht ihr weg?
Vielleicht nach München, antwortete sie zögernd. Johannes will arbeiten und vielleicht studieren. Mehr Möglichkeiten.
Das gefiel mir nicht, aber ich sagte nur: Vielleicht nicht die schlechteste Idee.
Da holte ich eine kleine Holzschatulle aus dem Schrank, wühlte darin und legte schließlich einen schmalen, silbernen Ring mit einem kleinen Amethysten auf den Tisch.
Das war von meiner Großmutter, sagte ich heiser. Sollte eigentlich an Johannes Frau gehen. Ich gebe ihn dir. Wenn mein Sohn zurück ist, dann schenke ich ihn dir noch einmal ganz offiziell.
Frau Neumann, das ist zu viel, stotterte Klara. So weit bin ich nicht… Ich hab doch gar nichts dafür getan
Unsinn, schnaubte ich, diesmal aber versöhnlich. Du liebst meinen Sohn und wartest auf ihn. Das ist mehr als ich je hatte. Mit Johannes Vater lebte ich eher aus Gewohnheit. Ihr habt etwas Wahres. Das spüre ich.
Klara lief vollends verwirrt heim, das Ringchen tief in der Manteltasche. Ich hatte darauf bestanden: Trag ihn um den Hals, wenn du willst. Oder lass ihn erstmal liegen. Zieh ihn an, wenn du soweit bist.
Sie wartete. Trug den Ring an einer Kette unter der Bluse und dachte, alles werde gut Johannes diente, sie schrieben sich, die Zukunft schien sicher.
Doch dann zerschellte dieses Happy End über Nacht.
Beim Tanzen im Vereinsheim sie ging nach Feierabend nur kurz vorbei lernte sie einen jungen Mann kennen. Er roch teuer, trug eine schwarze Lederjacke und sah so selbstsicher aus, dass Klara sofort die Sprache verschlug. Er stellte sich als David vor, erklärte, dass er aus Hamburg sei, den Sommer bei seinem Onkel im Ort verbringe und etwas Abwechslung suche.
Darf ich bitten? sagte er, die Stimme samtweich. Klara wurde schwindlig nicht vor Angst, sondern vor genau jener Aufregung, von der Helene in ihren Romanen immer las.
Ich tanze nicht, meinte sie, doch ihre Stimme klang brüchig.
Nicht? Oder nur nicht mit mir? David grinste, und dieses Grinsen machte sie ganz kirre.
Sie tanzten, sie lachten, er begleitete sie nach Hause, erzählte endlose Geschichten vom Leben in Hamburg, seinen Reisen, der Wohnung am Elbstrand, seinem Job, und Klara war wie in einer anderen Welt einer glänzenden, schnellen, aufregenden.
Klara, sagte David dann eines Abends vor ihrem Gartentor, du bist außergewöhnlich. In Hamburg sind die Leute alle aufgesetzt, nur du bist echt.
Ich werde erwartet, hauchte Klara. Ihre Hand fuhr unwillkürlich zur Brust, wo unter der Bluse der Ring baumelte. Mein Freund ist bei der Bundeswehr.
Dein Freund, lachte David. Bist du sicher, dass du ihn liebst? Oder nur, weil du denkst, dass es von dir erwartet wird?
Klara schwieg.
Zwei Wochen später fuhr sie mit David nach Hamburg. Packte ihren Koffer, ließ der Mutter einen Zettel da, verschwand ohne ein Wort an Johannes. Verschwunden, als hätte sie nie existiert.
Die ersten Monate in Hamburg waren für Klara ein Märchentraum. Wohnung in Eimsbüttel, hell, groß, stylisch. David zeigte ihr Bars, schenkte ihr Blumen, nahm sie im Cabrio mit durch die Hansestadt bei Nacht. Im Kleidungsgeschäft, wo Klara arbeitete, verdiente sie mehr als je zuvor; sie fühlte sich, als hätte sie endlich ihr eigenes Leben.
Aber das schlechte Gewissen fror sie nachts wach. Vor allem Johannes und seine Briefe verfolgten sie. Sie wusste: Sie hatte ihn verraten, und diese Schuld ließ sie nicht los.
David, begann sie eines Abends, während draußen das Licht an den Alsterbrücken funkelte, ich muss dir was sagen.
Wegen deinem Typen beim Bund? fragte er ruhig und nippte am Glas Weißwein. Klara stutzte.
Du hast… gewusst?
Du hast im Schlaf seinen Namen gemurmelt. Er zuckte die Schultern. Aber du bist doch jetzt bei mir. Ist ja das, was zählt.
Ich sollte ihm trotzdem schreiben damit er nicht länger wartet.
Tu das. Männer vergeben sowas aber selten.
Sie schrieb zuerst einen Brief an mich Frau Neumann. Sie kam kaum weiter, riss zigmal die Seiten durch, schickte schließlich eine Entschuldigung, erklärte, dass sies nicht länger geschafft habe und ihr Herz nun woanders sei. Antwort bekam sie keine.
Sie schrieb Johannes. Das schwerste Schreiben ihres Lebens.
Johannes, verzeih mir, bitte ich konnte nicht mehr warten. Ich habe einen anderen kennengelernt und mich verliebt. Es gibt keine Entschuldigung. Ich weiß, das ist Verrat. Bitte such mich nicht, vergiss mich. Ich wünsche dir, dass du jemanden findest, der dich so liebt, wie du es verdienst. Verzeih mir, Johannes.
Sie wartete Tage, Wochen. Da kam nie eine Antwort.
Nach zwei Monaten lag ein zerknitterter Umschlag im Hamburger Briefkasten. Meine Schrift.
Klara, schrieb ich mit verkrampfter Hand, du hast meinen Sohn getötet. Er hat sich erhängt, als er deinen Brief las. Er konnte nicht ohne dich leben. Ich verfluche dich, Klara. Als Mutter, als Frau, als Schwiegermutter, die du nie wurdest. Du wirst kein Glück finden, keine Liebe. Du wirst auf der Erde wandern, und die Menschen werden sich abwenden. Wag es nicht, mich zu schreiben oder hier zu erscheinen. Ich bringe dich um, wenn ich dich sehe!
Klara las das Schreiben immer wieder. Beim vierten Mal sackte sie zusammen, schrie so laut, dass Nachbarn die Polizei riefen. David kam, sah sie mit dem zitternden Blatt, sein Gesicht wurde kalt.
Wusstest du, dass er sowas tun könnte? fragte er eisig, und Klara wurde abwechselnd heiß und kalt.
Ich ahnte es nicht. Ich dachte er meinte, alles würde gut
Er hat dich geliebt, Klara. Und du du hast ihn verlassen. Jetzt ist er tot.
Willst du mir etwa auch noch Schuld geben? schrie sie. Sollte ich für immer warten?
Vielleicht hättest du wenigstens ehrlich sein sollen. Nicht einfach verschwinden. Aber jetzt zahlst du.
Er verließ das Zimmer, zündete sich eine Zigarette an. Klara blieb allein mit dem Brief in der Faust.
Mit der Zeit trat Krankheit dazu. Erst rote Flecken, dann schmerzhafte, nässende Wunden nichts half. Ärzte murmelten was von Psychosomatik. Einer empfahl, lieber zum Therapeuten zu gehen.
Sie haben einen seelischen Infekt, Fräulein, sagte ein älterer Dermatologe.
David half, so gut es ging. Er schleppte sie zu Ärzten, kaufte Salben, doch als Klaras schönes Gesicht immer hässlicher wurde, wandte auch er sich ab.
Du liebst mich nicht mehr, stellte sie eines Tages fest, als er ein weiteres Mal ihr Bett mied.
Doch, aber ich kann dich kaum noch ansehen Du bist nicht mehr die, die du warst. Du bist bitter, voller Wut, schimpfst mich, hasst dich selbst
Dann geh! Flieh doch, wie ich damals vor Johannes geflohen bin!
David packte und ließ sie am dritten Tag per SMS wissen: Wohnung ist bis Monatsende bezahlt. Schlüssel beim Hausmeister.
Allein, fremd in Hamburg, mied Klara ihr Spiegelbild. Sie erkannte die vom Leben gezeichnete Frau nicht wieder.
Klara kehrte nach Weidenhagen zurück. Die Nachbarinnen tuschelten, ihre Mutter weinte, ich wechselte die Straßenseite, sobald ich sie sah.
Gottes Strafe, wisperte man auf den Holzbänken. Da sieht man, was aus so einer wird.
Nicht Gott, die Neumann hat sie verflucht, sagten andere.
Klara hörte alles, schwieg aber. Sie arbeitete an der Post, half ihrer Mutter, schmierte sich weiter Cremen auf ihre Wunden alles ohne Erfolg. Das Gesicht unansehnlich, das Herz ohnehin gebrochen.
Zehn Jahre gingen ins Land. Zehn Jahre Schmerz, Scham, Einsamkeit und ergebnislose Ärztebesuche. Nirgends eine Heilung nur Psychosomatik, Fräulein.
Eines Tages fasste sie einen Entschluss. Sie zog das lange Kleid an, das auch die Arme bedeckte, und stand vor meiner Haustür.
Ich, gealtert, die Hände zitternd, die Augen trübe, öffnete. Zunächst erkannte ich sie kaum.
Frau Neumann, ich bins. Klara. Darf ich reinkommen?
Klara? Was willst du denn hier? Reichts denn noch nicht?
Es reicht. Und Ihnen doch auch. Können wir reden?
Wir saßen in der bekannten Küche, alles war wie früher und doch ganz anders. Die Luft stand schwer, Resignation überall spürbar.
Bitte verzeihen Sie mir, stammelte Klara. Ich weiß, was ich getan habe. Ich weiß, ich habe Johannes auf dem Gewissen und Sie haben mich verflucht. Ich habe gelitten, verdient vielleicht, doch ich halte das nicht mehr aus. Ich möchte ich möchte um Verzeihung bitten.
Ich schwieg lange, dann liefen mir die Tränen über das Gesicht. Leise, unbewegt.
Klara, sagte ich gebrochen, eigentlich müsste ich um Verzeihung bitten. Ich habe dich verflucht, weißt du? Ich habe zugesehen, wie du leidest, und mich gefreut. Ich dachte, das wäre Rache. Doch eigentlich habe ich nur Leid vergrößert.
Frau Neumann…
Lass mich ausreden. Damals sprach aus mir der Schmerz. So groß, dass ich dachte, ich sterbe dran. Ich wollte, dass du leidest wie ich. Und das hast du. Ich habs gesehen. Später wurde nichts besser, sondern nur noch schlimmer.
Ich vergebe Ihnen, sagte Klara und weinte. Ich habe Ihnen längst verziehen. Nur mir selbst konnte ich nie vergeben. Aber jetzt vielleicht kann ich es versuchen. Für Johannes. Damit er, wo immer er ist, sieht, dass wir Frieden schließen.
Und du vergibst mir?, flüsterte ich, legte über den Tisch meine Hand in ihre. Sie ergriff sie. Alte, klamme Finger trafen auf zerstörte, junge.
So saßen wir, weinten gemeinsam und verstanden: Nur darin lag Heilung.
Bald darauf begann Klaras Haut sich zu bessern. Erst verschwanden die offenen Wunden, dann die Flecken, zuletzt verloren sich die Narben. Die Ärzte sprachen von einem Wunder dabei war das Geheimnis das Verzeihen.
Klara kam nun täglich. Half im Haushalt, kochte, wusch. Wir sprachen über Johannes, lachten über seine Streiche, weinten über seine Feldpostbriefe, die immer noch in meiner alten Holzschatulle lagen, wo einst auch der Ring lag.
Wo hast du eigentlich das Ringchen?, fragte ich eines Nachmittags.
Hier, Klara fingerte die Kette unter ihrem Kleid hervor. Ich habe ihn nie abgelegt.
Zieh ihn dir an. An den Finger, wie es sich gehört.
Ich darf doch gar nicht
Zieh ihn einfach an, Klara. Johannes wollte es so und ich auch.
Klara steckte sich den Ring, und er passte, als sei er von Anfang an für sie gemacht.
Wir saßen in der Küche.
Was haben wir beide nur alles angerichtet, Klara, sagte ich, blickte aus dem Fenster. Wie viel Leid gebracht. Uns, Johannes, dem Leben Warum?
Ich weiß es nicht. Menschen machen dumme Dinge.
Glaubst du, er hat uns verziehen?
Ja, lächelte Klara erstmals wieder. Er hat uns geliebt, jede auf ihre Art. Und solche Menschen können vergeben.
Und Gott?
Klara betrachtete Ring, Hände, den sonnigen Garten. Ich glaube, er vergibt auch, wenn wir es tun, Frau Neumann.
Das Leben ging weiter. Ein Leben mit Schmerz, Vergebung und Hoffnung darauf, dass wir uns eines Tages irgendwo wiedertreffen, wo es kein Fluch und kein Verrat mehr gibt.
Wann das sein würde, wusste nur der Himmel. Aber wir glaubten daran.



