Weißt du, woran ich heute gedacht habe? Gerlinde steht in der Küche und reibt einen Teller so fest, als wolle sie das Muster abwischen. Daran, dass du eigentlich niemandem wirklich fehlst.
Hartmut, der am Tisch sitzt und in der Süddeutschen Zeitung blättert, legt sie langsam zusammen. Ihr Ton ist weder böse noch spöttisch, sondern nüchtern als spräche sie übers Wetter.
Was? bringt er kaum hervor.
Überleg selbst. In der Firma warst du in einer Woche ersetzt. Unsere Tochter meldet sich höchstens einmal im Monat, weil sie es eben muss. Deine Freunde die machen alle ihr eigenes Ding. Sie sieht ihn direkt an. Und weißt du, was das Ironische ist? Nicht mal ich bräuchte dich noch. Es ist nur Gewohnheit.
Mit einem Mal spürt er, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Das Zimmer verschwimmt. Ihre Worte schneiden in ihn wie glühende Klingen durchtrennen das letzte Seil, das ihn über dem Abgrund hielt. Jetzt fällt er.
Gerlinde stellt den Teller in den Schrank und verlässt schweigend die Küche. Ihre Absatzschuhe klacken auf dem Laminat, entfernen sich Richtung Schlafzimmer. Die Tür fällt leise ins Schloss. Hartmut sitzt da, die Zeitung in den Händen nur noch bedrucktes Papier. Er sieht nach draußen, wo die Dämmerung einsetzt, und entdeckt sein Spiegelbild in der Scheibe: Ein müder Mann mit hängenden Schultern, leeren Augen starrt zurück. Wann ist das passiert? Wann wurde er zu diesem Menschen?
Sechzig ist er. Vierzig Jahre davon hat er bei Siemens am Standort München gearbeitet. Angefangen als Elektriker, zuletzt war er Vorarbeiter in der Montage. Er kannte jede Maschine, jedes Bauteil, jeden Kollegen beim Namen. Man schätzte ihn, fragte ihn um Rat. Wenn es brenzlig wurde, rief man: Frag Hartmut Meier! Dieser Satz wärmte ihn lange.
Vor drei Monaten feierte man seinen Abschied. Ein Zertifikat, Blumen vom Chef, ein Händedruck. Die Kollegen schenkten eine Kuckucksuhr sehr symbolisch. Jetzt hat er Zeit. Ein Meer von Zeit. Nur: Was tun damit?
Er steht langsam auf. Die Beine wie Blei. Tritt ins kleine Zimmer, das sie immer sein Arbeitszimmer nannten dabei ist es nur eine Abstellkammer mit Schreibtisch. Hier stapeln sich Urkunden, Fotos von Betriebsfesten, Mappen mit alten Schaltplänen. Er zieht die Ehrenurkunde hervor: Für langjährige, zuverlässige Tätigkeit und herausragendes Engagement. Das Papier raschelt. Vier Jahrzehnte. Ist das am Ende alles bedeutungslos?
Vor fünf Monaten hat er einmal in der Firma angerufen. Wollte die Jungs vom Band sprechen, einfach mal reinschauen vielleicht. Ein junger Mann, den er nicht kennt, hebt ab.
Ja bitte, wer spricht?
Hartmut Meier. Ich war Vorarbeiter…
Ach so. Ja, Herr Lang ist jetzt für den Bereich zuständig. Wollen Sie zu ihm durch?
Herr Lang. Mitte dreißig, Hartmut hat ihn selbst eingelernt. Jetzt sitzt er auf seinem alten Platz. Nach so kurzer Zeit, wie Gerlinde gesagt hat. Und sie hat recht behalten: Kein Anruf, keine Nachfrage. Die Firma läuft weiter, als habe es ihn nie gegeben.
Hartmut legt die Urkunde zurück. Die Hände zittern leicht. Psychologischer Druck in der Ehe auf einmal hat er diese Worte aus dem Fernsehen im Kopf, obwohl er sonst nie an so was denkt. Eigentlich heißt es immer, Gewalt ist, wenn jemand zuschlägt. Aber hier? Seine Frau sagt bloß die Wahrheit. Schonungslos, aber ehrlich.
Er geht in die Küche, trinkt ein Glas Wasser. Die Kehle ist trocken. Gerlinde kommt nicht heraus. Schweigen hängt schwer in der Wohnung wie ein Gewitter in der Luft. Wann haben sie eigentlich zuletzt wirklich miteinander gesprochen? Über das Leben, über Gefühle und nicht über Stromrechnungen oder Einkaufslisten? Er weiß es nicht mehr.
Vor fünfunddreißig Jahren haben sie sich auf einer Betriebsfeier kennengelernt. Gerlinde arbeitete damals in der Buchhaltung einer anderen Abteilung. Sie war auffällig, hat viel gelacht, so lebhaft getanzt, dass alle hinschauten. Hartmut, ruhiger, technischer Typ, war gleich hin und weg. Die ersten Annäherungsversuche unbeholfen, Blumen, Kino, Spaziergänge. Ein halbes Jahr später sagte sie Ja. Die Hochzeit: bescheiden, aber voller Freude.
Dann kam ihre Tochter Mareike. Gerlinde nahm Elternzeit, Hartmut arbeitete viel, verdient für die neue Wohnung, Kindersachen, alles, was gebraucht wurde. Nachtschichten, Überstunden; das war doch seine Art zu helfen, oder nicht? War das nicht sein Beitrag?
Mareike ist erwachsen, hat studiert, wohnt jetzt mit ihrer eigenen Familie in Hamburg. Ruft selten an, vielleicht einmal im Monat. Länger als ein paar Minuten, dann ist es eher Pflichtgefühl. Der letzte Anruf: fast drei Wochen her. Hartmut selbst hat sie kontaktiert. Sie hob nicht ab, schrieb später: Sorry, Papa, so viel los, melde mich bald. Sie rief nicht zurück.
Verbalen Stress auch so eine Wortschöpfung gibt es wohl wirklich. Seit Jahren klingt in Gerlindes Stimme oft nur noch Gereiztheit, egal worum es geht. Was willst du schon wieder unternehmen? Bleib zu Hause. Was, du hast den Kaffee vergessen? Du bist zu nichts zu gebrauchen. Er hat sich daran gewöhnt und gedacht: Das ist eben so zwischen Mann und Frau, alle Frauen nörgeln.
Aber ihre Worte heute sind anders. Kein Nörgeln, keine Wut kalte Wahrheit, wie ein Sachverhalt, ein Befund. Du fehlst niemandem. Nicht mal mir. Das sitzt. Fühlt sich an wie Scherben im Inneren, bei jedem Herzschlag dringt es tiefer.
Hartmut liegt später auf dem Sofa, schlafen kann er nicht, aber selbst für den Fernseher fehlt die Energie. Er starrt auf die Risse an der Decke, die er immer mal bearbeiten wollte. Wozu noch? Für wen?
In der Nacht dreht er sich hin und her, denkt über sein ganzes Leben nach. Die Schulzeit als graue Maus. Die Lehre unscheinbar. Die Firma, wo er sich endlich gebraucht fühlte. Die Familie, die immer sein größtes Ziel war. Und jetzt? Alles gebaut auf Sand? Alles ruiniert mit einem Satz?
Am Morgen geht Gerlinde zur Arbeit. Sie trinkt schnell einen Kaffee am Fenster, liest am Handy. Hartmut versucht, ein Käsebrot zu essen ein Bissen bleibt im Hals stecken.
Gerlinde… beginnt er leise. Was du gestern gesagt hast…
Sie sieht nicht auf.
Was?
Meinst du das wirklich?
Hartmut, ich bin müde. Lass es bitte.
Aber du hast gesagt, dass ich…
Genau das hab ich gesagt. Jetzt reiß dich zusammen. Sie stellt die Tasse in die Spüle. Ich muss los. Bitte denk dran, heute Wurst zu kaufen.
Die Tür fällt ins Schloss. Hartmut bleibt allein zurück. Die Stille dröhnt in seinen Ohren. Er geht ins Bad, betrachtet sein Spiegelbild. Graue Haare, tiefe Falten, heruntergezogene Mundwinkel wann ist er so alt geworden? Vor Jahren war er noch stark, voller Ideen. Wo ist dieser Mensch geblieben?
Er zieht seine Jacke an, geht hinaus auf die kühle Münchner Novemberstraße. Der Wind fährt ihm durch die Kleidung. Er läuft durch die Straßen, vorbei an Bäckereien, Bushaltestellen, an Leuten, die eilig ihrem Tagwerk nachgehen. Er ist ein Geist; sie bemerken ihn nicht er schwebt durch die Stadt, ohne einen Abdruck zu hinterlassen.
Männerkrise nach der Rente er hat schon davon gelesen, hätte aber nie gedacht, dass es ihn trifft. Er hatte Pläne: etwas dazuverdienen, vielleicht Beratungen für die Firma, Angeln mit alten Freunden. Doch es ergab sich nichts. Die Firma will ihn nicht mehr, Beratungen braucht man jüngere, und die Freunde…
Jürgen, sein alter Kumpel. Sie kennen sich seit der Berufsschule, vierzig Jahre schon. Gemeinsam durch dick und dünn, zusammen gearbeitet, zusammen gesoffen, Angeln an der Isar. Nach der Rente meinte Jürgen, sie würden jetzt öfter was zusammen machen. Doch er rief selten an. Hartmut selbst versuchte es wöchentlich, aber Jürgen war immer im Stress. Müssen wir verschieben, Hartl. Hartmut gab vor Wochen auf. Jürgen meldete sich nie.
Im Englischen Garten setzt er sich auf eine Bank. Kalt ist es. Wind zerrt an seiner Jacke. Andere Rentner spazieren mit Hunden, Mütter schieben Kinderwagen. Das Leben geht weiter neben ihm er bleibt außen vor, wie hinter Glas.
Altersdepression wahrscheinlich, ja. Er weiß, andere schaffen die Rente auch nicht gut. Aber er dachte, er wäre vorbereitet. Warum ist jetzt doch alles grau und sinnlos?
Abends denkt er an die Wurst und steht im REWE vor dem Regal. Die Verkäuferin mustert ihn ungeduldig.
Können Sie sich entscheiden?
Tut mir leid, äh die da.
Zuhause ist Gerlinde schon da, klimpert in Töpfen. Hartmut stellt den Einkauf auf den Tisch.
Danke, sagt sie ohne sich umzudrehen.
Sie essen im Stillen. Hartmut versucht, das Schweigen zu durchbrechen, aber bringt kein Wort heraus. Gerlinde verzieht sich zum Fernsehen, er bleibt allein am Tisch.
Eine Woche vergeht. Hartmut verlässt die Wohnung kaum, steht auf, wenn Gerlinde weg ist, macht sich einen Kaffee, starrt in die Tagesschau, versteht nichts, legt sich wieder hin. Ein grauer, bleierner Druck hält ihn gefangen. Immer wieder diese Worte: Du fehlst niemandem. Nicht mal mir.
Er sucht nach Gegenbeweisen. Ruft Mareike an.
Papa, alles okay? Sie klingt erstaunt; so selten meldet er sich.
Ja, wollte nur hören, wies dir geht…
Alles normal. Büro, Familie. Weißt ja, wies ist. Papa, ich bin gleich im Meeting reden wir später?
Klar.
Abends ruft sie nicht zurück. Gegen Mitternacht schickt er eine Nachricht: Gute Nacht, Mäuschen. Am nächsten Morgen kommt ein schlichtes Herz. Sonst nichts.
Er versteht: Gerlinde hat recht. Mareike ruft aus Pflicht an. Wirklich interessieren tut sie sich nicht; er ist nur eine Aufgabe, ein Punkt auf ihrer To-do-Liste. Eltern anrufen erledigt.
Existenzkrise. Ein modernes Wort. Hartmut liest im Internet, woran er leidet. Menschen, die keinen Sinn mehr sehen, deren alte Ziele wegfallen, aber keine neuen nachkommen. Genau so fühlt er sich. Sein ganzes Leben glaubte er, wichtig zu sein: für Familie, Beruf, Freunde. Am Ende ein Trugbild.
Er denkt zurück an seine Ehe mit Gerlinde. In den letzten Jahren sind sie sich fremd geworden. Nach der Arbeit war er nur noch müde, sie erledigte schweigend das Nötigste. Er saß vor dem Fernseher, sie las. Am Wochenende Angelausflüge oder Basteln im Keller, sie traf sich mit ihren Freundinnen. Sie wohnten zusammen lebten aber nebeneinander her.
Wann fing das an? Vielleicht als Mareike wegzog. Oder schon früher? Als Gerlinde mal den Job wechseln, was Neues machen wollte und er sie davon abhielt: Stabilität ist wichtiger. Sie schwieg damals beleidigt, aber ließ es dabei. Oder als sie sich weiterbilden wollte, aber er sagte: Kein Geld, denk an das Kind. Sie blieb in der kleinen Buchhaltung, obwohl sie mehr drauf hatte.
Hartmut schließt die Augen. War er am Ende selbst Täter beim emotionalen Druck? Hat er ihre Wünsche übergangen, sie nicht ernst genommen, immer nur an die Arbeit und an Geld gedacht alles im Namen der Verantwortung? War er vielleicht nicht fürsorglich, sondern schlichtweg egoistisch?
Abends kehrt Gerlinde spät von der Arbeit zurück. Hartmut sitzt in der dunklen Küche.
Warum machst du kein Licht an? fragt sie genervt und schaltet das Licht ein. Sitzt du hier wie ein Gespenst.
Gerlinde, wir müssten mal reden.
Worüber?
Über uns. Über das, was du gesagt hast.
Sie seufzt, setzt sich gegenüber.
Hör zu, Hartl. Ich wollte dich nicht verletzen. Ich bin einfach erschöpft. Ich muss alles alleine stemmen: Arbeit, Haushalt.
Aber du hast gesagt, ich sei dir egal…
Was willst du hören? Dass ich dich noch liebe? Sie sieht ihn an, nicht wütend, aber auch ohne Wärme. Wir haben fünfunddreißig Jahre zusammen gelebt. Das ist keine Liebe mehr, das ist Routine. Ich hab mich damit abgefunden. Du auch, oder? Wozu die Augenwischerei?
Früher wars anders.
Früher waren wir jung. Sie steht auf. Ich gehe schlafen. Bitte fang nicht noch mal an, ja? Es geht anderen auch nicht besser.
Sie verschwindet wieder. Hartmut bleibt am Tisch. Andere leben auch nicht im Paradies. Ist das nun das Fazit mehr bleibt nicht von der Ehe?
Am nächsten Abend geht Hartmut spazieren, kann die vier Wände nicht mehr ertragen. Er läuft in das Viertel, in dem sie ihre erste Wohnung hatten. Der alte graue Bau steht immer noch. Er sieht sich als jungen, glücklichen Mann mit Gerlinde einziehen. Sie hielt ihn, lachte, sagte: Wir schaffen das alles. Und er glaubte ihr. Er glaubte an sie.
Wann hat sich alles verändert? Ist das bei allen Paaren so, läuft die Liebe einfach ab und endet in Entfremdung? Er weiß keine Antwort. Vielleicht ist Lieben eben auch nur eine Phase und ihre war vorbei.
Er schlendert weiter durch die Straßen, München ist fremd geworden. Neue Cafés, unbekannte Gesichter, moderne Autos. Die Stadt lebt, er bleibt zurück zwischen Erinnerungen, Urkunden, alten Fotos. Nichts davon zählt mehr.
Wie man den Verrat der Ehefrau überwindet hat er irgendwann nachts gegoogelt. Tipps kommen: Trennung, Therapie, Vergebung, an sich arbeiten. Aber ist das überhaupt Verrat? Gerlinde war ehrlich, brutal ehrlich. Kann man das als Untreue werten?
Ein Monat verstreicht. Hartmut lässt alles schleifen. Rasieren nur noch, wenns gar nicht anders geht, waschen, wenn keine sauberen Hemden mehr da sind. Frisst kaum, schläft schlecht. Gerlinde beachtet ihn kaum mehr sie sind nur noch Mitbewohner.
Eines Tages findet er ein altes Fotoalbum. Ihre Hochzeit. Gerlinde im weißen Kleid, er im geliehenen Anzug. Sie umarmen sich, lachen verliebt in die Kamera. Hartmut streift über das Papier. Diese Menschen kennt er kaum noch. Wann sind sie verschwunden?
Die Geburt von Mareike. Gerlinde hält das Baby, er steht daneben, stolz. Er war glücklich, fühlte sich endlich richtig gebraucht. Aber Kinder wachsen heran, Eltern werden überflüssig. Das weiß er. Doch sein Herz ist nicht klüger geworden. Er hätte sich gewünscht, dass Mareike öfter anruft, zu Besuch kommt. Aber sie hat ihr eigenes Leben. Er kann nicht mehr verlangen.
Bilder aus der Firma. Hartmut im Blaumann, Helm, an der großen Fertigungsstraße. Jung, stark, zuversichtlich. Der wusste, wo er hingehört. Der Mann heute auf dem Sofa, das Album auf dem Schoß, hat keinen Platz mehr.
Selbstwert stärken noch ein Suchbegriff. Die Ratschläge sind immer gleich: Hobby suchen, Sport, soziale Kontakte, neue Ziele. Hartmut gleicht sie ab: Er hats mit Lesen versucht, aber kann sich nicht konzentrieren. Einmal war er im Schwimmbad, fühlte sich dort wie ein Niemand neben den sportlichen anderen nie wieder gegangen.
Ziele? Mit sechzig, als Rentner, wer möchte da noch groß was? Einfach leben? Hauptsache, niemandem zur Last fallen? Er lacht bitter auf über diese Vorschläge alles klingt leer.
Eines Abends klingelt es. Hartmut öffnet. Davor steht Herr Schäfer vom dritten Stock.
Grüß dich, Hartmut. Du, ich hab vor einem Monat deinen Akkuschrauber ausgeliehen, wollt ihn zurückgeben. Danke nochmal.
Ach, ja, stimmt.
Alles in Ordnung bei dir? Herr Schäfer mustert ihn auffällig. Du siehst so… geschafft aus.
Wird schon.
Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst. Ich weiß, wie das ist nach der Rente. Mir gings auch bescheiden; erst nach einem Jahr liefs. Meine Enkel haben geholfen, und im Boule-Club hab ich nette Leute kennengelernt. Wichtig ist, sich zu beschäftigen.
Danke, Herr Schäfer.
Nicht unterkriegen lassen. Und geht.
Enkel. Hartmut hat keine. Mareike will keine Kinder, noch nicht. Job, Wohnung, Unsicherheit. Vielleicht nie. Boule-Club? Schach ist nicht sein Ding. Aber vielleicht hilfts ja wirklich, sich zu beschäftigen. Nur: Wie, wenn innen alles leer ist?
Nochmal zwei Wochen vergehen, es regnet pausenlos. Hartmut sieht aus dem Fenster, Tropfen rinnen wie Tränen die Scheibe herunter. Aber er kann nicht mehr weinen; in ihm ist alles trocken.
Gerlinde wird krank eine starke Erkältung. Hartmut versorgt sie, bringt Tee und Medikamente. Sie nimmt es wortlos an, dankt nicht Du bist schließlich mein Mann, musst helfen.
Warum siehst du mich so an? fragt sie, als er ihr Suppe bringt.
Ich… wollte nur helfen.
Möchtest du, dass ich mich für die Worte entschuldige? Das werde ich nicht, Hartmut. Es ist die Wahrheit. Du bist gekränkt, das verstehe ich. Aber mal ehrlich: Wie warst du denn zu mir? Hast du dich für mich interessiert, für meine Gefühle, meine Wünsche? Dreißig Jahre die gleiche Routine: Heimkommen, Essen, Fernsehen, schlafen. Wenn ich verreisen wollte, sagtest du: Kein Geld. Ich wollte lernen, du: Brauchts nicht, du hast doch deinen Job. Ich habe irgendwann aufgehört zu reden. Aufgehört zu hoffen. Und daraus ist eben das geworden, was wir jetzt haben.
Hartmut bleibt stumm.
Ich bin nicht böse, Hartl. Nur ehrlich. Und ich kann nicht mehr so tun, als wär alles toll. Sie stellt die leere Suppenschale weg. Trotzdem, danke.
Er bringt die Schale in die Küche, in seinem Brustkorb zieht sich alles zusammen. Sie hat recht. Er hat versagt. Hat nur funktioniert nie gehört, nie gesehen.
Schlaflos wälzt er sich auf dem Sofa, starrt an die Decke. Lässt sich so was vergeben? Ihre Worte, ihr Frost, ihr Desinteresse? Doch wenn er selbst schuld ist, was sollte er vergeben und wem?
Am Morgen steht er früh auf, Gerlinde schläft noch. Er zieht sich an, läuft durch die nasskalte Stadt. Wieder landet er im Englischen Garten; setzt sich auf eine Bank. Kalt, feucht, aber er spürt es kaum.
Hartl? Da ist eine bekannte Stimme.
Hartmut hebt den Blick. Neben ihm steht Jürgen. Alt, grau, aber immer noch ein Brocken. Er führt einen kleinen Hund an der Leine.
Jürgen…?
Ich bins. Jürgen setzt sich. Warum hockst du hier, du erkältest dich noch, Mensch.
Bin nur unterwegs.
Jürgen mustert ihn.
Du schaust schlecht aus, Hartl. Was ist denn los?
Hartmut will wie immer abwinken, alles okay sagen. Doch das Wort bleibt im Hals stecken. Er sieht Jürgen an. Und plötzlich löst sich irgendetwas in ihm. Die Mauer, die er zum Selbstschutz aufgebaut hat, reißt ein.
Ich… Er verstummt. Wie soll man das Unsagbare rauslassen, das Gefühl der eigenen Überflüssigkeit?
Komm, Hartl, lass uns was Warmes trinken. Oder einen Schnaps? Ganz blau bist du schon.
Ich… mag nicht.
Du machst mir Sorgen. Was ist passiert?
Es dauert, dann platzt es aus Hartmut heraus.
Weißt du, ich… atmet er. Ich bin niemandem mehr wichtig.
Die Worte sind kaum mehr als ein Flüstern. Doch sie schaffen Erleichterung, als wären sie die Narbe nach langer Eiterung, endlich offen.
Jürgen schweigt, nickt, lässt ihn erzählen.
Gerlinde hat’s mir klipp und klar gesagt. Keiner braucht mich noch nicht im Job, nicht Mareike, nicht… mal sie selbst. Und das Schlimmste ist: Sie hat recht, Jürgen. Kein Anruf, im Job vergessen, du… wann haben wir uns zuletzt gesehen?
Ach, Hartl…
Lass mich ausreden. Ich dachte immer, ich mache alles richtig. Arbeit, Familie, Geld das war für mich das Wichtigste. Aber ich habe nicht gemerkt, dass ich das Eigentliche verloren hab: Beziehung, Nähe. Gerlinde ist erstickt neben mir, Mareike ist weg, und ich weiß nichts über sie. Sogar die Freunde… irgendwann warst du weg, und ich hab’s nicht mal gemerkt. Jetzt sitz ich hier und weiß nicht mehr, wofür ich morgens aufstehe.
Jürgen legt ihm eine Hand auf die Schulter.
Weißt du, warum ich mich so selten gemeldet hab? Ich hab mich geschämt. Nach dem Ruhestand gings mir ähnlich. Ich hab mich weggesoffen, alles war im Eimer, Moni war sauer. Ich dachte, das wars. Und dann hat Moni mir den dummen Hund hergebracht. Da hast ein bisschen Aufgabe, meinte sie. Ich hab geschimpft, dann aber doch die Verantwortung übernommen, wurde gebraucht. Das hat geholfen.
Dir gings also auch schlecht?
Uns allen gehts schlecht nach der Arbeit. Das war unser Zuhause, der Sinn unseres Lebens. Von heute auf morgen fehlt der. Das ist wie ein Trauerfall. Aber keiner spricht drüber.
Hartmut nickt. Endlich versteht ihn jemand, nimmt ihn Ernst, urteilt nicht.
Und mit Moni?
Da arbeite ich dran. Ich geh zu einer Psychologin, lachst sicher. Sie meinte, unsere Frauen sind halt auch Menschen und haben mehr erwartet als unser Schweigen und unsere Müdigkeit. Wir dachten immer, Hauptsache, das Geld stimmt. Aber wichtig war: präsent sein, zuhören, nahe sein nicht nur körperlich, auch mit dem Herzen.
Hartmut ist still. Das ist so klar und doch hat er es nie begriffen.
Was soll ich jetzt tun?
Keine Ahnung, Kumpel. Vielleicht redest du mit Gerlinde wirklich offen, keinen Vorwurf, kein Schubladendenken. Sag ihr, was in dir los ist. Sag, dass du Fehler siehst und was ändern willst. Vielleicht ist es zu spät und sie bleibt kalt dann geht das Leben trotzdem weiter.
Ich bin schon sechzig, Jürgen.
Pah! Mein Opa hat mit fünfundsiebzig nochmal geheiratet und wurde mit seiner neuen Frau richtig glücklich über zehn Jahre. Jürgen steht auf, gibt dem Hund die Leine. Machs so: Komm morgen um zehn mit in den Park hier. Ich stell dich den Jungs vom Hundespaziergang vor. Alles Rentner, wir ratschen, gehen spazieren. Brauchst kein Hund, alle willkommen. Tut gut.
Ich denk drüber nach.
Komm einfach. Und: Du bist wichtig. Mir zum Beispiel! Ich hab dich vermisst. Sei kein Narr ruf an, wann immer du willst.
Er geht, der Hund trabt voraus. Hartmut bleibt noch sitzen. Kälte kriecht in die Knochen, aber erstmals seit Langem ist das Innenleben wärmer als draußen. Er sieht den Parkweg entlang und denkt nach.
Das Elend ist vielleicht nicht das Ende vielleicht ist es der Anfang von etwas Neuem, Zähem. Das Licht ist schwach, kaum Hoffnung ein Riss im Gemäuer, durch den etwas Helligkeit dringt. Ob daraus mehr wächst, weiß er nicht. Aber es gibt einen Weg, ihn zu testen.
Er steht auf. Die Beine schwer, aber sie tragen ihn. Langsam, tastend aber sie tragen. Er geht nach Hause. Zu Gerlinde. Dorthin, wo er herausfinden muss, wie es weitergeht: Die alte Stille ertragen oder sich ändern, vielleicht gehen oder neu anfangen.
Jetzt hat er zumindest wieder eine Wahl. Und das ist schon mehr, als zu erwarten war.





