Tagebuchauszug
Eine helfende Hand
Ich stehe mitten im Halbdunkel unseres Wohnzimmers. In meinen Armen windet sich Leon, mein zwei Monate alter Sohn, und schreit sich die Seele aus dem Leib. Sein Gesicht ist hochrot, winzige Fäustchen öffnen und ballen sich, und sein Schreien durchdringt die stille Nacht wie ein Alarm direkt in meinem Herzen. Ich wiege ihn, summe leise und versuche, meine Stimme ganz sanft und beruhigend klingen zu lassen:
Bitte, mein Schatz Sei doch ruhig, hör auf zu weinen. Mama kann einfach nicht mehr
Ich halte Leon dicht an mich gedrückt, spüre jedes Schluchzen durch seinen kleinen, zitternden Körper. Meine Hand fährt durch sein feines Haar, ich streichle sanft seinen Rücken aber nichts hilft. Es ist, als ob er meine Nähe gar nicht wahrnimmt, als ob meine Worte nicht bis zu ihm dringen.
Warum nur? frage ich mich verzweifelt, während ich meine Tränen unterdrücke. Was fehlt ihm denn?
Mama ist da mehr kann ich doch gar nicht tun. Seit Wochen weiche ich ihm kaum von der Seite. Sauber ist er: die Windeln frisch, die Wohnung schön warm. Er trägt seinen kuscheligen Strampler, bekommt gestillt wann immer er möchte. Ihm tut nichts weh, das weiß ich, das hat gerade erst die Kinderärztin, Frau Dr. Sabine Keller, bestätigt. Sie war erst vor zwei Tagen bei uns und meinte mit ihrem unerschütterlichen Lächeln: Alles in Ordnung. Der Kleine ist kerngesund. Und Dr. Keller hat einen ausgezeichneten Ruf, sogar Leute aus anderen Städten kommen zu ihr. Dass sie weiß, wovon sie spricht, daran zweifle ich keine Sekunde.
Auch meine Mutter ist sicher, dass alles in Ordnung ist. Vor zwei Tagen war sie wieder kurz bei uns. Sie sah ihren schreienden Enkel an und sagte nur trocken:
Nun, was regst du dich so auf? Das kommt vor. Er ist einfach temperamentvoll. Du warst doch auch so nachts auf dem Arm, stundenlang getragen, sonst kamst du nicht zur Ruhe.
Damals nickte ich nur, versuchte zu lächeln. Meine Mutter weiß, was sie sagt sie hat drei Kinder großgezogen, sie hat wirklich alles gesehen. Aber leichter wurde es dadurch nicht.
Jetzt, mitten in dieser stillen Nacht, während draußen der Regen an die Scheiben trommelt und die Minuten langsam verrinnen, sitze ich da durchdrungen von Erschöpfung. Ich wiege, summe, probiere alles: Nichts erreicht Leon. Sein Weinen füllt den Raum, und in mir wächst ein tiefer, bitterer Knoten aus Hilflosigkeit
*****
Später am Abend sitze ich mit dem endlich schlafenden Leon auf dem Sofa. Die Wohnung ist still. Meine Gedanken kreisen immer wieder um das Gespräch mit meiner Mutter vorhin.
Wie immer gab es jede Menge Ratschläge: Wie ich das Baby halten soll, was ich füttern darf, wie ich ihn am besten zum Einschlafen bringe. Immer wieder ihre Geschichten aus der Vergangenheit: Als du klein warst und Ich habe das so gemacht, und du bist ja auch normal geworden. Dann, beiläufig: Ich nähme den Kleinen zu oft auf den Arm Gewöhn ihn besser nicht erst daran, sonst wird er nie allein einschlafen.
Ich habe alles angehört und stumm genickt. Ich habe keine anderen Ratschläge gebraucht, keine Rückblicke auf ihre Mutterzeit ich wünschte mir einfach nur, sie würde vorbeikommen. Zumindest für eine Stunde Leon nehmen, damit ich duschen, in Ruhe einen Tee trinken oder einfach für zwanzig Minuten die Augen schließen kann. Meine Mutter wohnt direkt gegenüber zwei Minuten, kaum dass man den Hof überqueren muss. Aber immer, wenn ich vorsichtig um Unterstützung bitte, hat sie eine Ausrede auf Lager: Termine, Befinden, oder Das musst du allein schaffen.
Mir kommen die ganzen Sprüche in den Sinn, die man als junge Mutter hört:
Was ist denn schon dabei? Warum sollte die Oma immer gleich auf Abruf bereitstehen? Das Kind ist deine Aufgabe. Du wolltest es, also erzieh es auch. Es gibt Frauen, die schaffen das mit drei, vier Kindern ganz allein
Wenn mir das jetzt jemand direkt ins Gesicht sagen würde, ich wüsste nicht, ob ich lachen oder schreien sollte. Die, die so reden, haben wohl nie durchwachte Nächte am Kinderbett verbracht, nie erlebt, wie Sorgen einem das Herz zuschnüren, wie Erschöpfung einen lähmt.
Ich sehe auf mein Kind er schläft. Seine winzigen Fingerchen zucken leicht, das Gesicht friedlich wie ein sanftes Versprechen. Ich streichle seine weiche Wange, seufze. Wie soll ich jemandem erklären, der nie in meiner Haut steckte, dass es nicht um Bequemlichkeit geht? Es geht darum, einfach mal durchzuatmen, zu spüren, dass man nicht allein ist.
Aber stattdessen Ratschläge, Hinweise, was man tun muss und kein echtes Hilfsangebot. Draußen wird es dunkel. Morgen beginnt wieder von vorne: Stillen, Windeln, Wiegen, Weinen, Erschöpfung Und wieder bin ich allein.
Ich wollte ja eigentlich noch gar kein Kind.
Manchmal starre ich richtig verzweifelt auf mein Zeugnis der Universität, das so viele Opfern und Mühen gekostet hat. Gerade mal zweiundzwanzig, voller Hoffnung, voller Pläne! Zukunft, erster Job, eigene Karriere, endlich erwachsen werden!
Vor einem halben Jahr habe ich Hendrik geheiratet im kleinen Familienkreis, kein großes Fest. Beide waren wir uns einig: Erst einmal auf eigenen Beinen stehen, dann Kinder. Wir genießen noch ein, zwei Jahre unser Leben zu zweit, habe ich immer gesagt, und Hendrik war einverstanden.
Doch dann kam alles ganz anders.
Meine Mutter, Roswitha Wolf, war immer voller Energie: Arbeit, Haushalt, mir bei den Prüfungen helfen alles bekam sie unter einen Hut. Plötzlich dann der Schock: eine Krankheit, vor der jeder Angst hat. Zuerst habe ich es nicht glauben wollen, dann rannte ich zwischen Kliniken, telefonierte mit Ärzten, suchte nach jedem Strohhalm. Doch meine Mutter machte sich vor allem Sorgen um mich.
Wer weiß, wie viel Zeit mir noch bleibt, Lisa, sagte sie mit ernster Stimme, die Augen energisch wie immer. Ich möchte noch meinen Enkel oder meine Enkelin aufwachsen sehen, sie verwöhnen, Spielsachen kaufen eben eine echte Oma sein.
Diese Worte trafen mich wie ein Schlag. Ich stand am Fenster mit einer Tasse kaltem Tee, Tränen in den Augen.
Ach Mama, erzähl doch keinen Unsinn, ich brauche dich noch, du wirst noch uralt! Meine Stimme zitterte, ich kämpfte gegen die Tränen. Und Enkel gibts erst, wenn du wieder gesund bist, das verspreche ich!
Sie lächelte nur schwach. Aber ich schwor mir damals: Wenn sie das übersteht, werde ich ihr ihren Wunsch erfüllen. Meine Mutter war immer da, hat alles für mich getan und mich unterstützt.
Sie hat gekämpft, wirklich unermüdlich. Machte ihre Therapien, klagte kaum, gab die Hoffnung nicht auf. Ich besuchte sie täglich in der Klinik, erzählte, lachte, lenkte sie ab.
Nach sechs Monaten gaben die Ärzte Entwarnung. Wir konnten wieder atmen neue Zukunft, neue Hoffnung! Meine Mutter wurde langsam wieder fit, fand zu alter Fröhlichkeit zurück.
Aber für mich änderte sich alles: Statt Lebenslauf und Bewerbungsgesprächen gabs Babybett kaufen, Wickeltisch aussuchen, kribbelnder Vorfreude und Angst. Statt Geschäftsmeetings: Stunden in Babyläden, Sachbücher, Gespräche mit Freundinnen, die schon Mutter waren.
Ich bereute nichts wirklich nicht. Aber manchmal, beim Blick in den Spiegel, sah ich eine Spur Unsicherheit in meinen Augen. Es ging alles so schnell. Dann aber wieder die Erinnerung an Mamas Lächeln: Doch, es war richtig so.
Hendrik war zu Anfang überfordert, aber er unterstützte mich nach Kräften. Auch er hatte sich Vatersein noch nicht zugetraut, war aber dabei, weil mir so viel daran lag. Gemeinsam wählten wir Tapeten fürs Kinderzimmer aus, stritten uns über den Kinderwagen und lachten über unsere Ahnungslosigkeit.
Ich wusste: Es würde hart werden. Mutterschaft ist nicht nur Glück, sondern auch unzählige schlaflose Nächte, Sorgen und Erschöpfung. Aber Mamas Lächeln, Hendriks Liebe das half mir, meine neue Rolle anzunehmen.
Bis dann alles doch nicht so war, wie ich dachte. Der Arzt ein Freund meines Vaters plauderte zufällig aus, dass Mamas Diagnose ernst, aber nie lebensbedrohlich gewesen sei.
Mit Therapie und Geduld wird alles wieder gut, meinte er mit einem Grinsen. Deine Mutter wird wieder ganz gesund, keine Sorge.
Da spürte ich plötzlich bittere Wut in mir aufsteigen. Nicht dieses wilde, blinde Toben sondern kalte, tiefe Wut. Ich dachte an die nächtelangen Ängste, die Tränen, die in der Krankenhaus-Toilette geflossen waren, damit Mama nichts merkt. An die Angst, sie zu verlieren.
War das alles umsonst?
Nein. Ich bereute das Kind nicht. Niemals! Schon im sechsten Monat liebte ich es ungeheuer. Aber da war diese aufgestaute Wut, die sich nach einem Ausweg sehnte.
Als Mama dann zu Besuch kam, konnte ich sie kaum ansehen. Ich saß still da, starrte in meine Tasse.
Du bist heute so ruhig, merkte sie irgendwann an. Ist was?
Ich stellte die Tasse ab, zwang mich zu fragen:
Mama, wusstest du, dass deine Diagnose gar nicht so schlimm war? Dass die Ärzte davon ausgegangen sind, dass du gesund wirst?
Für einen Moment huschte etwas Unbestimmtes durch ihren Blick war es Verlegenheit? Ärger? Doch sie fasste sich schnell.
Na und? Ihre Stimme war sachlich. Und, hat das irgendetwas geändert?
Natürlich! Endlich sah ich sie direkt an. Du hast mich in Angst und Schrecken versetzt, behauptet, du weißt nicht, wie lange du noch hast, wolltest noch unbedingt Enkel sehen. Ich hatte solche Angst um dich!
Ach was, winkte sie ab. Alle Freundinnen haben bereits Enkel. Und ich musste mich dauernd erklären: Meine Lisa will erst Karriere machen Das hat mir gereicht. Ohne ein bisschen Schubs hätte ich auf meine Omafreuden ja noch ewig warten können.
Schweigen. Ich kannte meine Mutter so nicht sie klang kühl und sachlich, fast als wäre das alles selbstverständlich.
Du hast mich absichtlich verunsichert, damit ich ein Kind bekomme! flüsterte ich mit Klos im Hals. Ich habe so gelitten, so viel Angst gehabt!
Ich wollte dein Glück. Ein Kind ist das größte Glück. Ängste hast du immer das weißt du doch selbst.
Ich stand auf, mit zitternden Knien, aber ich blieb fest.
Glück ist, wenn man nicht vor die Wahl gestellt wird, entweder das Leben der eigenen Mutter oder die eigene Zukunft. Glück ist Ehrlichkeit.
Sie wollte noch etwas sagen, aber ich ging hinaus, schloss die Tür und ließ all meinen Tränen freien Lauf. Nicht leise und versteckt, sondern laut und bitter.
Draußen hörte ich ihre Schritte. Sicher wartet sie, dass ich mich wieder abkühle und versöhne.
Aber ich bin nicht bereit, zu verzeihen. Nicht jetzt. Ich lege die Hände auf meinen Bauch, spüre Leons sanftes Strampeln und flüstere:
Ab jetzt schaffen wir das. Nur wir zwei. Keine Spielchen mehr.
*****
Die Schwangerschaft fällt mir schwer. Übelkeit, Sorgen, unzählige Arzttermine. Ich soll mich schonen, aber wie, wenn nichts so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe?
Leon kam am errechneten Termin gesund, 52cm, 3900g. Die ersten Tage nach dem Krankenhaus war meine Mutter ständig hier, zeigte mir, wie man wickelt, wiegt sich stolz mit dem Enkelkind auf dem Arm, betont immer wieder: Eine Mutter braucht auch Zeit für sich. Ich war so glücklich endlich echte Hilfe, dachte ich.
Aber die Euphorie verflog. Ihre Besuche wurden seltener. Erst kam sie nicht mehr den ganzen Tag, dann nur noch für kurze Stunden. Nach vier Wochen kam nur noch ein Anruf am Abend:
Und, wie gehts Leon? Zeigt er Temperament? Na, wir hören uns bald wieder.
Jedes Mal legte ich traurig auf. Ich hatte gehofft, jetzt wäre sie endlich da für uns. Aber stattdessen kurze Anrufe, knappe Fragen.
Und wenn ich wirklich Hilfe brauchte, um zum Arzt zu gehen oder mich zu erholen, kam nur:
Lisa, ich kann gerade nicht, ich habe selbst zu tun. Ich habe drei Kinder großgezogen, ohne je jemanden um Hilfe zu bitten!
Schmerzhaft. Ich erinnerte mich an meine Kindheit: Mama hatte immer viel zu tun, war oft weg, Erziehung Frauensache. Jetzt die Geschichte wiederholt sich.
Ich sehe auf Leon. Für ihn nehme ich alles in Kauf. Aber einmal, nur einmal hätte ich gern jemanden gehabt, der sagt: Schlaf dich aus, ich übernehme!
*****
Wieder so ein Tag am Limit. Es ist schon dunkel, der fünfte Tag ohne Hendrik. Er musste beruflich weg, gab mir noch einen Kuss, bevor er ging: Ich beeile mich, versprochen. Ich nickte, hielt seine Hand und fühlte mich leer und einsam.
Meine Mutter hatte drei Kinder großgezogen. Aber sie hatte stets meinen Vater an ihrer Seite bodenständig, wortkarg, verlässlich. Immer bereit, zu helfen. Ich hingegen bin hier allein, während Hendrik unterwegs ist; das war für unsere Zukunft einfach nötig. Ich verstehe das, aber es bleibt hart.
Es ist neun Uhr. Ich kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal in Ruhe gegessen oder einfach nur fünf Minuten gesessen habe, ohne gleich wieder aufspringen zu müssen. Jedes Mal fängt Leon sofort an zu quengeln, sobald ich mich setzen will, und ich nehme ihn wieder in die Arme, laufe herum, flüstere Beruhigendes.
Da kommen die Tränen, erst vereinzelt, dann ein ganzer Schwall. Ich presse die Hand auf den Mund, damit ich nicht laut weine. Alles in mir ballt sich zusammen.
Plötzlich klingelt es.
Reflexartig wische ich mir mit dem Ärmel durchs Gesicht. Kurz schießt Hoffnung auf: Vielleicht hat meine Mutter es sich doch anders überlegt und kommt zu Hilfe?
Ich öffne die Tür und da steht nicht meine Mutter. Vor mir steht Ute, Hendriks Mutter, mit einer Tüte, aus der es herrlich duftet, das Gesicht streng, aber mit warmen Augen.
Warum hast du dich nicht früher gemeldet? fragt sie direkt, tritt ein und schließt die Tür. Hendrik hat mir gestern gesagt, er sei weg und du allein mit dem Kind? Und meldest dich nicht?
Mir bleibt das Wort im Hals stecken. Ich breite die Hände aus, Tränen auf den Wimpern.
Es reicht jetzt, sagt sie bestimmt, schlüpft aus den Schuhen. Gib mir Leon, geh du schlafen. So kann das nicht weitergehen, du brauchst dringend Erholung.
Ich übergebe ihr Leon, wie automatisch. Kaum spürt er ihre vertraute Nähe, beruhigt er sich, schaut sie mit großen Augen an.
Er hat eben gegessen, ich habe versucht, ihn schlafen zu legen, murmele ich.
Lass nur, erwidert Ute pragmatisch, nimmt den Kleinen auf den Arm und wiegt ihn. Ich mache das schon. Und jetzt: Geh ruhig, iss was und ruh dich aus.
Ich stehe da, verunsichert, aber Utes ruhige Sicherheit lässt mir gar keine Wahl.
Später sitze ich schweigend auf dem Sofa und beobachte, wie Ute selbstverständlich mit Leon umgeht, ihn sanft wiegt, leise summt. Leon, sonst so unruhig, staunt sie an und beruhigt sich zusehends. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Noch gestern hätte ich nie gewagt, Ute um Hilfe zu bitten sie wirkte immer irgendwie distanziert und beschäftigt. Zwischen uns war es nie wirklich herzlich, eher höflich-distanziert. Aber jetzt, in diesem Moment, ist sie einfach da selbstsicher, warmherzig, vollkommen präsent.
Danke, dass Sie gekommen sind bringe ich endlich hervor. Ich wollte Sie nicht stören, Sie arbeiten doch so viel
Beschäftigt sein bedeutet nicht, dass man nichts mitbekommt, unterbricht sie mich ruhig, sieht mir direkt in die Augen. Ich sehe doch, wie du am Ende deiner Kräfte bist. Es ist normal, erledigt zu sein. Keiner kann alles allein schaffen.
Mir zieht sich die Kehle zu.
Aber Ihre Arbeit Ich wollte Sie nicht belasten
Meine Arbeit läuft mir nicht weg, sagt sie schneidend. Aber du und Leon seid jetzt wichtig. Ihr steht an erster Stelle.
Sie bettet Leon sorgfältig ins Bettchen, kommt zu mir, setzt sich und spricht mit einer Herzlichkeit, die mich tief berührt:
Weißt du, was wir machen? fragt sie mich.
Was denn? frage ich unsicher.
Wir nehmen dich mit an den Ammersee. Da ist es ruhig, viel frische Luft, und du kannst dich mal richtig ausruhen. Um Leon kümmere ich mich, und meine Nichte Laura ist auch da, mit ihren zwei Jungs die sind zwar lebhaft, aber gemeinsam kriegen wir das schon hin. In zwei Wochen kommt Hendrik zurück, und dann bist du wieder ganz die Alte.
Ich nicke, ringe um Worte in mir steigt Hoffnung auf, zum ersten Mal seit Wochen.
Meinen Sie, das klappt?
Natürlich! Du bist Mutter, kein Superheld. Hilfe annehmen ist klug, nicht schwach.
Erstmals sehe ich Ute mit ganz anderen Augen. Jemand, der ohne große Worte, sondern durch Taten zu mir hält. Hilfe kam von der, von der ich es am wenigsten erwartet hätte und vielleicht deshalb so besonders wertvoll.
*****
Hendrik kehrt nach zwei Wochen zurück erschöpft, aber glücklich. Kaum steht er in der Tür, nimmt er mich fest in die Arme, dann hebt er Leon aus dem Bett und betrachtet ihn voller Stolz.
Bist du bereit, wieder nach Hause zu gehen? lächelt er mich an.
Ich nicke. Die Zeit am Ammersee hat mir Kraft gegeben ich habe geschlafen, Abstand gewonnen und kann besser mit den Launen meines Sohnes umgehen. Aber ich freue mich auf unsere Wohnung.
Der Rückzug klappt problemlos. Hendrik organisiert alles, baut das Kinderbett auf, sorgt für Gemütlichkeit. Am Tag darauf klingelt es wieder steht Ute mit einer großen Tasche auf der Matte.
Ich wollte nur vorbeischauen, vielleicht hilft es euch, wenn ich ein bisschen mit Leon spazieren gehe oder ihr mal ungestört Tee trinken könnt.
Ab jetzt kommen ihre Besuche regelmäßig sie bringt Kuchen mit, nimmt Leon für Spaziergänge, spielt mit ihm und schenkt uns Entlastung. Anfangs ist es mir ein wenig unangenehm Schwiegermutter bleibt Schwiegermutter , aber mit der Zeit erkenne ich: Sie kommt nicht nur der Pflicht wegen, sondern aus echter Zuneigung. Auch zu mir.
Danke für alles, sage ich ihr einmal zum Abschied.
Ach Quatsch, winkt sie ab. Leon ist mein Enkel. Und du gehörst zur Familie. Familie hilft, das ist selbstverständlich.
Währenddessen ruft meine Mutter immer seltener an, fragt nur noch, wann sie kommen sollte, um Leon zu sehen. Ich stimme mich immer extra ab und lege die Besuchszeit auf die Minute fest. Doch eines Tages taucht sie spontan auf. Ich öffne, und sie fragt sofort:
Und wo ist Leon? Ich habe mir doch Zeit freigeschaufelt, zwischen Einkauf und Kaffeetrinken, ein Stündchen Babysitten, dann muss ich aber auch wieder los!
Mir ist das peinlich:
Mama, ich habe dir doch gestern gesagt, dass Ute heute mit Leon rausgeht. Ich wusste nicht, dass du heute ohne Vorwarnung vorbeikommst
Aha, ihr stimmt euch also mit der Schwiegermutter besser ab als mit mir! Ich hätte wenigstens eine Nachricht verdient einfach Respekt!
Mama, du weißt doch, wie sehr Ute uns hilft. Sie hat angeboten, heute mit Leon rauszugehen. Hättest du dich gemeldet, hätte ich es vielleicht noch ändern können
Schon gut also stehe ich jetzt hinten an. Ich will euch gar nicht weiter stören.
Sie geht ohne ein weiteres Wort. Kurz darauf höre ich, dass sie sich nun ganz auf meine Schwester konzentriert die erwartet gerade selber ein Kind. Jetzt ruft sie jeden Tag an, plant die Erstausstattung und schwärmt von ihren Plänen als Oma.
Ich erfahre davon zufällig, durch ein Gespräch meiner Mutter am Telefon. Es sticht kurz, aber dann spüre ich: Es ist mir fast egal. Es ist schade, ja, und ein bisschen unfair vielleicht aber ich habe Menschen um mich, die mich ehrlich unterstützen: Hendrik, der jede freie Minute mit uns verbringt, und Ute, die einfach da ist, wenn wir sie brauchen.
Weißt du, sage ich eines Abends zu Hendrik, als wir noch in der Küche sitzen, ich will mich gar nicht mehr ärgern. Wir haben doch alles, was wir brauchen.
Hendrik zieht mich in den Arm:
Genau. Der Rest ist nicht so wichtig.
Ich lächle. Leon schläft friedlich in seinem Bettchen, Hendrik ist da, und morgen kommt Ute wieder mit frischen Brezen und guten Gesprächen.
Und das andere ist wirklich nicht mehr der Rede wert.





