Der Pirat

Tagebuch

– Lena, bring mal ein Glas! Verdammte Axt! Los, komm schon! Ich zuckte zusammen und drehte mich um. Kannst du mal hören? Da fehlt Salz!

Der Papagei hockte aufgeplustert auf seiner Stange im Käfig und blickte mich unverwandt an. Er sah ziemlich mitgenommen aus. Die eigentlich weißen Federn waren stumpf und schienen ins Graue überzugehen, an manchen Stellen fehlten sie sogar ganz. Der einst sonnengelbe Federschopf hing traurig herunter und stand nicht mehr keck nach oben, wie früher. Aus seinem kleinen, dunklen Augen funkelte trotzdem noch Aufmerksamkeit, auch wenn sein Blick müde wirkte.

– Seit Paul weg ist, ist er wie verwandelt. Er spricht gar nicht mehr. Auf dich, Katharina, da reagiert er noch, woran das wohl liegt Mit mir wechselt er kein einziges Wort. Hockt so da, stumm, bis ich sauber mache, Futter gebe und das Wasser wechsle Früher war das ein richtiger Lausbub. Hat unentwegt gesprochen und planschte für sein Leben gern. Paul hat ihm immer eine Schüssel Wasser mitten ins Wohnzimmer gestellt, und der Vogel war glücklich. Sprechen tut er wirklich selten, so sind sie halt, die Kakadus. Paul hat mal erklärt, warum das so ist, aber ich habs wieder vergessen. Früher hat er geplappert wie ein Wasserfall Aber jetzt Anna Steffens stand auf und nahm den großen Schal, der neben ihr lag. Ich weiß auch nicht mehr weiter mit ihm. Hab schon vorgeschlagen, ihn im Kindergarten im Streichelzoo unterzubringen, aber meine Kolleginnen haben gemeckert. Alle kennen ihn ja. Die meinten, so einen frechen Vogel könnten sie den Kindern jedenfalls nicht zumuten die Eltern würden Amok laufen Und mir tut er einfach nur leid. Mit heimnehmen geht nicht, meine Katzen würden ihn keine fünf Minuten am Leben lassen. Also bleib ich und kümmer mich. Was soll ich machen.

Vorsichtig näherte ich mich dem Käfig, strich sanft über die Gitterstäbe.

– Ist er alt?

– Weiß kein Mensch. Paul hat ihn wohl vor, lass mich lügen, fünfzehn Jahren aus irgendeiner Reise mitgebracht. So um den Dreh ungefähr. Weiß ich auch nicht mehr genau. Damals waren wir nur Nachbarn, länger ist das her Seitdem lebt der Vogel eben bei uns. Wie alt er da schon war, als Paul ihn fand, weiß keiner. Sollen ja recht alt werden, Kakadus. Paul lebt nun nicht mehr, aber der Papagei ist noch da Anna Steffens schniefte und ich sah, dass gleich wieder Tränen kommen würden.

In diesen zwei Stunden, seit meinem ersten Treffen mit Anna Steffens, hatte sie fast pausenlos geweint. Und jetzt fiel mir auf, dass diese Frau dem stummen Papagei irgendwie ähnlich war: auch verloren und traurig. Vielleicht hatte sie meinen Vater wirklich geliebt und sich nicht nur zu ihm gerettet, um allein zu sein. Ich wusste ja fast gar nichts über sie und auch nicht über Papa, von dem ich seit rund siebzehn, achtzehn Jahren nichts mehr gehört hatte. Richtig, meine Mutter hatte erzählt, dass er sich zuletzt bei mir gemeldet hatte, da war ich zwei Jahre alt. Seitdem Funkstille. Nur dass er mich sehen wollte, zu jedem Fest Geschenke schickte und immer regelmäßig Unterhalt überwies, das hatte ich erst letztes Jahr von meiner Mutter erfahren. Sie wollte ihr Gewissen erleichtern, also hatte sie mir alles erzählt:

– Ich war schuld, Katharina! Er hat mich so arg verletzt. Da wollte ich ihm eben wehtun, habe dich ferngehalten, dich versteckt, bin dann sogar weggezogen damit die Versuchung nicht zu groß wird, wieder aufzukreuzen. Ich wusste, dass er uns nicht hinterherreisen würde, dafür war er zu bequem. Nach ein paar Jahren hatte ich mich halbwegs beruhigt, aber da war es längst zu spät. Er hat wieder geheiratet, wir wohnten am anderen Ende von Deutschland Das wars.

– Was war denn so schlimm, Mama? Dass du so reagierst?

– Kapitän, Katharina In jedem Hafen eine andere! Das kann ich eben nicht ertragen.

– Woher wusstest du das?

– Die Leute so hilfsbereit! Haben mir natürlich alles erzählt und vorgehalten. Wirkliche Beweise gab es aber keine. Heute weiß ich, man hätte nicht alles glauben dürfen, aber was hilft das jetzt noch

Mir war sowohl die Mutter als auch der Vater leid aber am meisten schmerzte mich, dass ich ihn eigentlich gar nicht kannte. Nach diesem Gespräch hatte ich versucht, ihn ausfindig zu machen schrieb an die letzte bekannte Adresse, reiste sogar kurz entschlossen dahin. Aber die Wohnung war längst verkauft, keine Spur, kein Kontakt. Ich überlegte schon, eine Vermisstenanzeige zu erstatten, als plötzlich ein Brief von Anna Steffens kam. Nach zwei Tagen, an denen ich alles für die Uni regelte, saß ich dann im Flieger, um wenigstens mit jemandem zu sprechen, der meinen Vater kannte, wenn ich mich schon nicht verabschieden konnte.

– Tut mir leid, dass ich dich so spät gerufen hab. Er hats verboten, wollte dir Angst und Schrecken ersparen. Sagte, wenn du ihn nicht gesund kanntest, sollst du ihn auch nicht krank sehen. Es war schlimm, Katharina, sein Abschied In den letzten Tagen waren die Schmerzen unerträglich. Da schrien er und der Papagei manchmal um die Wette. Die Ohrstöpsel halfen nicht mal mehr

– Wie war er denn? Also nicht zum Schluss, sondern überhaupt?

– Ein guter Mensch, mein Kind, wirklich. Ich war zweimal vorher verheiratet, aber keiner hat mich so behandelt so fürsorglich, auf jedes Detail achtend. Wenn ich in den Supermarkt wollte, fragte er immer, ob ich warm genug angezogen bin Schon wieder füllten sich ihre Augen. Und kochen konnte er! Backte immer Torten, machte Gebäck ich sagte immer, ich würde irgendwann nicht mehr durch die Tür passen, und dann meinte er lachend, er werde mich auch dann noch lieben Für den Winter hat er alles eingeweckt und eingemacht, der ganze Balkon stand voll Gläser. Ich sagte immer, so viele Vorräte brauchst du doch gar nicht du schaffst das doch gar nicht! Aber er meinte, das werde alles verschenkt. Hauptsache, er konnte machen. Du hasts doch gehört: Zu wenig Salz. Und Lena, seine zweite Frau, war nie wirklich gemeint, wenn er schimpfte. Das war eher seine Art, wenn er sich aufregte damit ihm die Ohren nicht abfallen, wie er immer sagte. Anna Steffens lachte zaghaft durch die Tränen. Fluchen konnte er auch, eine Stunde lang ohne ein Wort zu wiederholen. Mit Frauen blieb er dabei aber stets gentleman-like. Nur hin und wieder fiel dann ein Spruch, wenn er sich verbrannte oder erschreckte.

– Darf ich was fragen?

– Natürlich, frag alles. Es ist verständlich, du kennst ihn ja nicht. Und er hat immer bedauert, dass deine Mutter euch nicht zusammen gelassen hat. Er respektierte ihre Entscheidung, aber bereute sehr, dass er nicht darauf bestanden hatte. Katharina, sei nicht streng mit ihm. Er hat immer nur Stärke gezeigt, dabei war er sehr sanft leicht verletzlich. Er hatte Angst, dass du ihn ebenfalls ablehnst und dann alles verloren ist.

– Aber jetzt jetzt ist eben nichts mehr. Vielleicht hätte er es doch wenigstens versuchen sollen? Ich verzog unbewusst das Gesicht.

– Da hast du recht, mein Mädchen, vollkommen recht. Aber Menschen sind einfach unterschiedlich. Ich entschuldige ihn nicht, ich sage dir, wie es war.

Wieder strich ich mit dem Finger über die Gitterstäbe, der Papagei schaute mich aufmerksam an.

– Es ist komisch Für manche war er freundlich, liebevoll, kannte Papageien noch beim Namen und mit mir kein einziges Wort.

– Tut es dir weh? Anna Steffens setzte sich an die Sesselkante, sah mich prüfend an. Und du hast womöglich recht. Schlecht reden will ich nicht, aber er hat sich geirrt. Wenn er dich sehen wollte und immer an dich dachte dann hätte er was tun müssen. Aber er saß nur da und wartete. Ich habe ihn oft gefragt, was er erwartet eine Antwort habe ich nie gekriegt. Als er dann krank wurde, hat er nur noch eins dazu gesagt: Zu spät.

– Lieber spät als nie Aber was solls, man kann die Uhr nicht zurückdrehen. Ich werd ihm nicht böse sein.

– Gut so! Sehr gut! Anna Steffens nickte erleichtert. Ich glaube, ihm wird leichter sein, wenn du ihm nicht nachträgst.

Sie stand auf, öffnete die Schublade am alten Buffet.

– Das ist für dich. Sollte ich dir geben, falls du kommst.

Der Samtbeutel fühlte sich kühl in der Hand an, aber ich öffnete ihn nicht gleich.

– Was ist das?

– Du wirst es sehen. Und hier die Unterlagen für die Wohnung. Morgen gehen wir zum Notar, alles muss geregelt werden.

– Warum Notar? Ich dachte, er hinterlässt alles dir.

– Unsinn, Katharina! Anna Steffens lächelte traurig. Du bist seine einzige Erbin. Wie sollte es anders sein? Testament ist auf dich ausgestellt. Ich wollte, dass alles schnell und reibungslos läuft. Ich weiß, du hast dein eigenes Leben. Heute sind alle immer in Eile

Ich schweigend und der Papagei, aufgeplustert und still, hockte wie ein Häufchen Elend in seiner Ecke.

– Und was wird aus ihm?

– Mit Pirat? Weiß ich noch nicht. Ich suche ein gutes Zuhause für ihn. Vielleicht findet sich jemand.

– Nein! Entschlossen trat ich an den Käfig, öffnete ihn.

– Vorsicht! Anna Steffens hielt die Luft an.

Ich schob die Hand hinein. Ganz langsam hielt sie vorsichtig an das Federkleid.

– Kommst du mit zu mir?

Sanft strich ich dem Papagei übers Flügelchen.

– Ich weiß, du vermisst ihn. Ich kann ihn dir nicht ersetzen. Eingeweckte Tomaten kann ich auch nicht machen aber das lerne ich. Versprochen! Und du hilfst mir, ja? Komm

Ich zog die Hand zurück, ließ das Türchen aber offen. Pirat überlegte, dann kletterte er tatsächlich heraus und watschelte zu mir.

– Unglaublich! Ich habe es nie geschafft, ihn zum rauskommen zu bewegen! Anna Steffens klatschte in die Hände. Er spürt das wohl nur eine kleine Federkugel und doch so viel Gefühl.

– Ein besonderer Vogel! Ich streichelte wieder die zerzausten Federn.

– Tabletten? Bist du verrückt, Lena! Pirat breitete die Flügel aus, plusterte sich auf. Gieß mir ein Gläschen ein! Nur ein kleines! Und mit Gurke, mit Gurke!

Ich musste lachen und sagte zu Anna Steffens:

– Ich nehme ihn mit.

Nach den ganzen Formalitäten und dem Abschied von Anna Steffens flog ich zurück. Die Sache mit Pirats Transport war nicht ganz leicht, aber ich schaffte es.

– Tja, Papa, dein Erbe ist wirklich speziell, murmelte ich, mit einer Hand die große Käfigbox, mit der anderen meinen Koffer ziehend.

Endlich, zuhause. Meine Mutter öffnete.

– Katharina! Ich warte schon ewig! Was hast du da?

– Das Erbe! Ich stellte den Käfig ab und umarmte sie.

– Und, wie ist es dir ergangen? Sie musterte mich.

– Geht schon, ich riss das Haargummi heraus, die Locken wirbelten um meine Schultern. Und jetzt reichts, ich hab Kopfweh. Mama, wir müssen zur Klinik.

– Du bist krank? Sie wurde blass vor Sorge.

– Nicht ich. Eine Tierklinik.

– Mein Gott! Du machst mir Angst. Seit wann Tiere?

– Doch, jetzt schon. Wir haben Zuwachs.

Ich lüftete vorsichtig den Überwurf.

– Guck mal, was für ein Prachtexemplar!

Pirat reckte sich und schaute sie neugierig an.

– Der sieht aber mitgenommen aus, Kind.

– Guck dich doch an! Zu wenig Salz! Pirat meckerte noch vor sich hin, aber ich zug schon wieder den Überwurf zu.

– Was ist das, Katharina?

– Nur ein Vogel, Mama, sonst nichts.

Mama fand die Klinik und Pirats Eskapaden waren in der Praxis bald legendär. Schon nach einer Woche machten mir die Tierärzte Rabatt und lachten herzlich über seine Sprüche.

– So eine Stimmungskanone hatten wir noch nie!

– Und so teuer war hier auch noch keiner, seufzte ich. Pirat! Du kostest mich so viel wie ein Kleinwagen. Also, mach mal langsam mit deiner Genesung, ja?

Er hörte mir aufmerksam zu und der Schopf, der noch vor Kurzem traurig hing, stand nun als Krönchen nach oben.

– Wertvoller Vogel! Kluger Vogel! Er stolzierte zufrieden auf der Stange.

– Da widerspricht dir keiner! Willst du in die Schüssel? Willst du baden gehen?

– Lass den Unsinn, Weibsstück! Wir kennen uns kaum! Pirat stieg aus dem Käfig und wanderte über meinen Schreibtisch.

Mit Pirat verging die Zeit im Flug. Bald stand der Semesterbeginn an und meine Mutter übernahm Pirats Klinikbesuche am Morgen. Am Abend rannte ich immer als Erstes zum Käfig.

– Hallo, Pirat!

– Dasselbe! Wo warst du denn? Nachgießen, los! Kluge, gute Piep!

Mama schüttelte den Kopf bei seinen Ausbrüchen, doch ich konnte nur lachen.

– Was lachst du? Das ist schockierend! Aber sie lächelte doch.

– Ach, Mama, der ist zu goldig! Hör doch mal! Und der plappert nicht nur, der antwortet richtig. Papageien wiederholen ja eigentlich nur, aber Pirat versteht schon einiges.

– Kluger Vogel! pflichtete Pirat begeistert bei.

Nach einem halben Jahr war aus Pirat kaum noch derselbe Vogel groß, glänzend, vital, und jeder, der zu uns kam, war verzückt. Meine Uni-Freunde machten mit ihm Fotos und Pirat wurde regelrecht ein Haustier-Star.

– Sogar Hashtags hast du jetzt!

– Ich bin schön! Pirat putzte sich demonstrativ.

– Und was für einer Ich hätte von deinem Charme gern ein bisschen. Dann würd mich Felix vielleicht mal bemerken

– Ach, Frauen! Lieb haben! Wertvoller Vogel! Pirat schüttelte sich.

– Danke! Ich grauste meine Locken auf. Aber was tun, damit er mich bemerkt?

– Sing ein Lied!

Eigentlich eine Idee, die ich gebrauchen konnte. Singen konnte ich schon immer; ich hatte sogar als Kind einen Wettbewerb im Ferienlager gewonnen. Katharina hieß das Lied, das alle zum Mitsingen brachte.

– Du solltest zur Musikschule, sagte Mama damals und betrachtete verträumt die große Muschel, den Hauptgewinn.

Und tatsächlich, Musikschule war ein Segen für mich. Im Chor hatte ich immer Solos, aber später entschied ich: Ich werde Ärztin!

– Warum, Katharina? So viel Talent

– Kunst ist gut, aber ich glaube mehr an Skalpell als an Musik.

Mama war erst erstaunt, doch als sie merkte, wie ernst es mir war, gab sie nach: Dann gehen wir das gemeinsam an.

Die Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung war heftig Mama arbeitete rund um die Uhr, an Urlaub gar nicht zu denken.

– Manchmal hab ich das Gefühl, ich würde im Schlaf Kaffee kochen, meinte sie gern und nahm die dampfende Tasse, die ich ihr hinstellte.

– Ich auch, Mama! Schnell trank ich meinen Tee leer und verschwand wieder zum Lernen.

– Wohin denn so eilig?

– Chemie! Biologie! Dazwischen alles andere keine Ahnung, was mich noch erwartet

Nachhilfelehrer und Kurse gaben sich die Klinke in die Hand. Die Musik war für mich nur noch Hintergrund.

Nun aber, jetzt konnte ich sie wieder brauchen.

– Pirat, du bist genial! Sags mir nochmal nach!

– Genial, Pirat! Genial! watschelte er würdevoll über den Tisch.

– Eben!

Ich holte meine Gitarre, setzte mich auf den Teppich. Pirat setzte sich dazu, zuerst noch skeptisch, dann entspannte er sich zusehends. Leise begann ich zu singen, dann lauter, meine Stimme wurde sicherer. Der Papagei erstarrte, hörte aufmerksam zu, schüttelte die Flügel.

– Was meinst, Vogel? Gefällts dir?

– Verrrückt! rief er und wusste im ersten Moment gar nicht, was er noch sagen sollte.

– Dann passts!

Und es klappte: Felix, der bisher nie ein Wort mit mir gewechselt hatte, stand beim nächsten Studentenabend staunend vor mir.

– Du kannst ja richtig gut singen! Was verschlägt dich zur Medizin?

Ich versteckte die gedrückten Daumen in den Falten meines Rocks und lächelte ihn an.

Ein Jahr lang waren wir ein Paar und versuchten herauszufinden, was wir füreinander waren. Es war oft schwierig: Felix hatte große Pläne und war ehrgeizig, aber auch ich wollte meine Laufbahn nicht aufgeben.

– Entweder Familie oder Karriere Sag mal, Pirat, warum sollen Frauen immer nachgeben?

– Du musst Marmelade einkochen! Der Winter kommt! Und Salz fehlt!

– Jetzt du auch noch! Ich fuhr mir verärgert durchs Haar.

– Frauen! Pirat schnappte mit seinem Schnabel. Lieben! Lieben muss man den Vogel!

– Was bringt denn Liebe, wenn immer nur einer verzichtet? Ich will Chirurgin werden nicht nur Herdprinzessin.

Mama hielt sich dezent aus allem raus, sie hat immer gewartet, bis ich kam. Ich dachte nach, wie immer.

– Mama?

Sie stand am Fenster, drehte sich langsam zu mir um.

– Was, mein Schatz?

– Ich muss reden.

Starker Kaffee, ein paar Stücke Marzipan, das ich als Kind so liebte, und ihr wacher, besorgter Blick.

– Was ist los?

– Felix hat mir einen Heiratsantrag gemacht.

– Das ist doch schön?

– Vielleicht.

– Was ist dann das Problem?

– Ich liebe ihn schon. Aber ich müsste alles, wofür ich gekämpft habe, aufgeben.

– Warum?

– Er will nach Hamburg ziehen, da wartet schon die Chefarztstelle. Du weißt ja, wie talentiert er ist.

– Und wo hakt es?

– Felix will nicht, dass ich arbeite. Ich soll das perfekte Heim schaffen und später die Kinder versorgen So sieht er unsere Zukunft. Und meine?

– Und du? Wie stellst du dir das vor? fragte Mama sanft, kniff die Hände.

– Ich weiß es nicht! Ich kann mein Ziel nicht für ihn aufgeben. Aber ihn verlieren? Das kann ich auch nicht, Mama

Sie drehte sich um, kämpfte mit den Tränen. War es nicht das, was sie selbst erlebt hatte? Mein Vater hatte ihr damals auch Bedingungen gestellt und sie hat sich treiben lassen. Wie oft hat sie das bereut, vor Einsamkeit fast verrückt geworden, wenn Papa unterwegs war Wäre alles leichter gewesen, wenn sie einen eigenen Beruf gehabt hätte? Sie war nie so ehrgeizig wie ich und doch hat sie es in die Hand genommen, als ich diesen einen Studienplatz wollte. Sie erinnert sich bestimmt noch, wie ich im Flur vor Freude auf den Boden gefallen bin, als die Zusage kam.

– Liebst du ihn, Katharina?

– Ja.

– Was ist Liebe für dich?

Ich war still nur die alte Küchenuhr tickte. Draußen, von meinem Zimmer, schallte Pirats leises Gebrummel mit seinem neuen Spielzeug. Ein Ball mit Glöckchen, fast wie aus einer Kindersendung.

Die Pause zog sich und Mama drehte sich zu mir.

– Ich weiß es nicht, Mama. Immer dachte ich, Liebe ist, den anderen vor sich selbst zu stellen. Jetzt weiß ich es nicht mehr. Ist das so ein Einbahnding? Wenn ich alles aufgebe, verleugne ich meine Träume. Tut ers, fühlt er sich vielleicht auch unfrei

– Sieht ganz so aus.

– Geht das, beides zu vereinen? Dass es allen gut geht?

– Ich weiß es nicht Ich habs nicht geschafft. Vielleicht gelingt es dir.

Wir redeten lange weiter, ohne eine Lösung. Das Wochenende, an dem ich Felix Eltern kennen lernen sollte, stand vor der Tür. Spät in der Nacht rief Mama mich in die Küche.

– Wenn du nicht weiterweißt, leg alles mal beiseite. Nichts übers Knie brechen. Lass uns die Familie anschauen, dann wird das schon.

Ich nickte, ging ins Zimmer. Pirat meckerte kurz, aber ich setzte ihn ruhig in seinen Käfig und deckte ihn zu.

– Gute Nacht!

Der Sonntag war hektisch: Einkauf, kochen, alles auf Vordermann bringen. Mama schälte still Kartoffeln und beobachtete mich.

– Sie haben eine wunderbare Tochter, Frau Steffens! So klug, schön, und Haussfrau noch dazu. Felix hat sich nur das Beste ausgesucht! Felix Mutter, Helene, überschüttete mich mit Komplimenten, aber Mama traute ihr offenbar nicht.

Sie beobachtete genau, wie Helene mit prüfendem Blick durchs Zimmer ging, den Mann dabei kaum zu Wort kommen ließ.

– Wenn sie nach Hamburg übersiedeln, müssen wir wohl helfen Mieten sind teuer. Aber Felix hat nur Sie, Frau Steffens, und die beiden werden das schon stemmen. Katharina kann sich dann aufs Baby konzentrieren.

– Keine Sorge, sie müssen keine Wohnung suchen sie hat eine in Hamburg. Vom Vater geerbt.

– Wirklich? Helene zog die Augenbrauen hoch. Ich dachte, Sie wären alleinerziehend?

– Kein Geheimnis. Alles sauber ererbt.

– Hm. Nun, alles war vorzüglich! Darf ich das Zimmer anschauen, Katharina? Nur wir zwei?

Zögernd ging ich mit. Im Zimmer angekommen, begutachtete Helene jedes Detail.

– Ich mag dich, Katharina. Felix liebt dich. Er will nur dich als Frau. Schön, dass du dich für ihn zurücknimmst er braucht das. Als Frau bist du das Rückgrat. Männer wachsen, wenn sie ein ruhiges Zuhause haben.

– Und die Frau?

– Die stützt. Familie, Kinder, Haus das ist unser Platz. Mit einer eigenen Karriere das geht nicht gut. Irgendwann kommt die Entscheidung.

Sie ging zum Käfig auf dem Schreibtisch, mit einem von Mama handbemalten Tuch abgedeckt.

– Schöner Schal.

– Hat Mama gemacht.

– Hätte ich ihr nicht zugetraut.

Ein plötzlicher Schrei von Pirat ließ sie erschreckt ihre Hand zurückziehen.

– Was ist das?

– Mein Papagei. Pirat.

Ich zog das Tuch weg. Pirat drehte sich, spreizte den Schopf und musterte Helene.

– Lena! Verdammte Axt! Bring ein Glas!

Helene wich erschrocken zurück.

– Nicht beachten, redet nur vor sich hin, ich legte das Tuch wieder über den Käfig. Als sie ging, schimpfte Pirat so, dass ich staunte.

Der Besuch verging, ich atmete auf.

– Ich brauch wirklich Abstand, Mama!

– Wahrscheinlich, ja, lachte sie und ging.

Ich setzte mich zu Pirat.

– Was war das denn eben?

– Lieben! Lieben! Pirat hüpfte aufgeregt neben mir her, während ich in meinen Zusammenfassungen blätterte.

– Ja

Wir trennten uns Felix und ich nur eine Woche nach diesem Tag. Eine tolle Stelle in einer renommierten Klinik wurde mir angeboten das war der letzte Tropfen.

– Dann hängst du da fest, jahrelang! Besser, du wirst meine Frau und die Mutter unserer Kinder! Felix war wütend und ich unglaublich ruhig.

– Mag sein aber ich entscheide. Mein Weg.

– Von mir aus! So sehr hast du mich also nie geliebt Mama hatte recht.

Ich sah ihm nach.

– Wenn ich nur wüsste, was Liebe wirklich ist

Das sollte ich erst viel später lernen. Es vergingen noch Jahre, bis ich meinem späteren Mann begegnete er stellte mir keine Bedingungen. Und es sollten meine Hände sein, die ihn vor dem Tod bewahrten.

– Sie haben mich gerettet, Frau Doktor.

– Noch nicht ganz, aber ich gebe mein Bestes, lachte ich, als mein neuer Patient nach der Narkose einfach zu singen begann. So was hatte ich noch nie erlebt.

Alexander er kam auf Krücken zum ersten Mal zu uns. Pirat musterte das seltsame Gestell, kratzte sich hinters Ohr und sprach: Wertvoller Vogel! Lieben muss man!

Mama grinste, ich verkniff mir das Lachen, aber der Papagei hatte mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen.

Und eines Tages, als Mama mich fragte, zögerte ich nicht mehr:

– Ich liebe ihn, Mama. Jetzt weiß ichs ganz sicher.

Manchmal steht Pirats Käfig jetzt im Kinderzimmer. Die Zwillinge schlafen ein beim Murmeln des gefiederten Freunds. Und wenn Freunde fragen, ob der Vogel nicht Lärm mache, antworte ich nur:

– Noch nie! Er hat sie nie geweckt und nie ausgeschimpft. Eher bringen sie ihm was Falsches bei. Pirat ist eben ein kluger Vogel!

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Homy
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