Platz in der Küche
Anna, hast du in der Küche etwa eingeschlafen? Die Gäste sitzen schon längst am Tisch, nur, dass dus weißt!
Die Stimme der Schwiegermutter durchschnitt das Klappern und Brutzeln in der Küche wie ein scharfes Messer. Anna Hannelore Baumann zuckte nicht einmal zusammen. Zu vertraut war ihr dieser Tonfall, das trockene nur dass dus weißt. Sie war diesen Klang längst gewohnt.
Gleich, Margarete, nur eine Minute noch, bat Anna leise.
Welche Minute denn? Das sind schon vierzig!
Stumm wendete Anna die Frikadellen in der Pfanne. Es zischte, der Duft von gebratenen Zwiebeln und Knoblauch durchzog die Küche. Sie schloss den Deckel, drehte den Herd auf niedriger, warf einen flüchtigen Blick auf die Uhr. Acht Minuten noch. Genau berechnet, wie immer.
Durch die Wand dröhnten Stimmen. Heute war ein besonderer Tag: fünfunddreißig Jahre Ehejubiläum von Margarete und Hermann Baumann. Beide Söhne waren angereist, die Schwiegertöchter, vier Enkelkinder, sogar die Nachbarn Frau Schneider und ihr Mann. Anna hatte seit fünf Uhr morgens gekocht. Erst Sülze, dann Salate: Kartoffelsalat, Heringssalat, dazu Brotzeitplatten. Dann Krautkuchen, weil Hermann keine anderen mochte. Klare Brühe. Und schließlich Frikadellen, so wie er sie liebte, mit eingeweichtem Weißbrot in frischer Milch. Den Kuchen hatte sie schon am Vorabend gebacken Napoleon, zwölf Schichten, weil Margarete seit Jahrzehnten nur diesen einen Kuchen mochte.
Anna legte die Schürze ab, hängte sie ordentlich auf, fuhr sich durch die kurzen braunen Haare. Sie nahm das Tablett mit Frikadellen und betrat das Esszimmer.
Ach, endlich! kommentierte Margarete, in den Raum gesprochen, nie an Anna direkt.
Die Gäste reagierten zustimmend, Frau Schneider griff schon nach dem Tablett.
Anna, und wo bleibt die Kartoffel? fragte ihr Mann Friedrich, den Blick nicht von seinem Handy erhebt.
Kommt sofort.
Anna eilte zurück. Schaufelte Kartoffeln in eine große Schüssel, verfeinert mit Dill und Schmand, wie er es liebte, wie Schwiegervater es liebte, wie es alle liebten.
Im Esszimmer lachte man inzwischen laut über einen Witz, der nicht ihrer war.
Anna war zweiundfünfzig.
Sie war siebenundzwanzig Jahre Teil dieser Familie. Erst hatten sie zur Miete gewohnt, dann, als Jonas geboren wurde, waren sie hierher in die große Baumann-Wohnung in der Lindenstraße gezogen. Praktischer, hieß es damals, die Eltern können helfen. Viel Hilfe von Hermanns Eltern gab es nie. Helfen tat Anna. Jeden Tag. Jeden Feiertag. Jeden Sonntag.
Anna, bring bitte noch Brot! Margarete ließ nicht locker.
Anna brachte Brot.
Und Senf, vergiss das nicht!
Sie brachte Senf.
Sie aß stehend an der Küchentheke, denn ihr Platz am Tisch lag ganz am Rand. Ständig musste sie aufspringen. Da war es einfacher, gleich gar nicht zu sitzen.
Dann kam der Kuchen.
Margarete schnitt ihn feierlich selbst an, Hermann hielt ihre Hand. Alle fotografierten. Raunen über die vielen Schichten.
Ist der gekauft? fragte Frau Schneider neugierig.
Aber nein, versicherte Margarete stolz, der ist hausgemacht, unserer.
Unserer. Anna hob die Teetasse, trank. Schwieg.
Dann erhob Hermann das Glas. Sprach über Familie, über Treue, dass der Reichtum in den Kindern liege. Nannte Margarete die Hüterin des Herdes. Margarete lächelte bescheiden. Applaus.
Auch Anna klatschte mit.
Danach räumte sie das Geschirr ab. Spülte die Teller. Füllte die übrigen Speisen in Frischhaltedosen. Wischte den Tisch, säuberte den Herd, warf den Müll weg.
Als alles erledigt war, war es fast elf. Friedrich kam in die Küche, als sie gerade den Müll hinaustrug.
Ist alles gut?
Ja, ist schon gut.
Müde?
Ein bisschen.
Er nickte, nahm sich Wasser, verschwand vor den Fernseher.
Ein ganz gewöhnlicher Abend. Nichts war geschehen. Und doch war etwas passiert. Etwas Kleines, kaum Sichtbares. Wie ein Riss im Fensterglas, den man erst sieht, wenn es splittert.
Anna schaltete das Licht in der Küche aus. Stand einen Moment still. Der Geruch von Frikadellen lag noch in der Luft. Zwiebeln. Der Duft dieses Tages.
Dann ging sie schlafen.
Die nächsten drei Wochen verliefen wie immer. Sie kochte Frühstück, Mittagessen, Abendbrot. Wusch. Bügelte. Ging auf den Markt. Kaufte ein. Überlegte die Speisen der Woche, weil Friedrich sagte, er hasse Linsen, der Schwiegervater esse unter der Woche keinen Fisch, Schwiegermutter Diät aber nur, wenn es ihr passt. Anna behielt das alles im Kopf. Immer. Ohne Zettel.
Sie arbeitete drei Tage pro Woche als Buchhalterin in einer kleinen Firma. Der Rest gehörte dem Haus.
An einem Freitag fing es mit einer Kleinigkeit an.
Abends hatte sie Hähnchen in Rahm gemacht. Ein bewährtes Rezept, das alle mochten. Aber Margarete kam wieder unangekündigt, wie so oft, mit einem Beutel Äpfel aus dem Garten.
Ach, Hähnchen in Sahne schon wieder? Bei Friedrich gibt das Sodbrennen, das weißt du doch?
Doch, Margarete, das ist fettarme Sahne, fünfzehn Prozent. Er hat sich das selbst gewünscht.
Na, ich weiß ja nicht. Ich mache das nur mit Brühe, ganz einfach.
Wie du meinst, Margarete.
Schwiegermutter setzte sich an den Tisch, schaute ins Handy.
Übrigens ich hab gestern mit Frau Krüger gesprochen, unserer alten Nachbarin. Ihre Schwiegertochter arbeitet als Köchin. Die sagt, Frau Krüger isst nur frisches Essen. Immer alles hausgemacht.
Anna wartete.
Ich meine nur, vielleicht solltest du dir auch mal eine richtige Arbeit suchen? Drei Tage in der Woche, was ist das schon? Zu Hause und dort bringt doch auch kein Geld ein.
Anna drehte das Hähnchen im Topf um. Sah Margarete an.
Ich verdiene schon, Margarete.
Na, ich meine ja nur. Ist ja deine Sache.
Margarete sprach immer nur so. Ohne Wut, ohne Streit, fast zufällig. Aber Anna spürte einen festen Knoten in sich. Nicht zum ersten Mal. Doch diesmal war er besonders eng.
Am nächsten Tag rief sie ihre Freundin an, Sabine Krall, die sie seit der Lehre kannte. Sabine wohnte auf der anderen Seite der Stadt, arbeitete in der Bücherei, geschieden seit fünfzehn Jahren, und sagte, sie sei glücklich.
Sabine, wie gehts dir?
Gut eigentlich. Und dir? Du klingst so… anders.
Alles in Ordnung.
Anna…
Kurz schweigen.
Ich bin einfach nur erschöpft, Sabine. Einfach müde.
Keine Ratschläge, keine langen Reden. Nur ein Satz:
Willst du mal vorbeikommen?
Vielleicht. Bald.
Komm einfach. Tee ist da. Reden auch.
Anna lächelte, zum ersten Mal seit Tagen.
Dann kam jener Abend.
Es passierte an einem Samstag. Friedrich hatte kurzfristig seinen Bruder Thomas und dessen Frau Miriam zum Abendessen eingeladen.
Du bist okay damit, wenn Thomas und Miriam morgen kommen? fragte Friedrich am Freitagabend.
Wann?
So gegen sieben?
Gut.
Mehr sagte Anna nicht. Stand am Samstag um acht auf, ging auf den Markt. Fleisch, Kräuter, Kartoffeln, Auberginen. Stellte ein Menü zusammen: Schweinebraten aus dem Ofen, griechischer Salat, Kürbissuppe, Pfannkuchen mit Quark zum Nachtisch. Ein typischer Samstag.
Mittags war alles vorbereitet: Braten im Backofen, Suppe köchelte, Pfannkuchenteig ruhte.
Um drei tauchte Margarete wieder auf. Unerwartet.
Ach, ihr macht heute was? Hättet ja sagen können.
Thomas und Miriam kommen, sagte Friedrich.
Hm, Margarete spazierte in die Küche, kontrollierte den Ofen. Anna, hast du Gewürze genommen?
Ja.
Welche denn?
Rosmarin, Thymian, Knoblauch.
Ach, Rosmarin mag Hermann aber nicht.
Hermann ist heute nicht eingeladen.
Stille. Dann Margarete, langsam:
Wie bitte?
Anna drehte sich um, schaute ihr direkt in die Augen.
Heute koche ich für Thomas und Miriam. Hermann mag keinen Rosmarin, aber er ist heute nicht da. Es gibt Braten, wie er uns schmeckt.
Die Schwiegermutter betrachtete Anna, als sehe sie sie zum ersten Mal. Dann verzog sie den Mund.
Schön. Sie verließ den Raum.
Anna hörte sie leise mit Friedrich reden, gedämpft, flüsternd. Schließlich kam Friedrich in die Küche.
Anna, was war das?
Nichts. Ich koche nur.
Musstest du so sein zu ihr?
Ich habe nichts Böses gesagt.
Sie ist enttäuscht.
Wieso?
Keine Antwort. Weil es keine gab. Aber er sah sie an, als sei eindeutig sie schuld. Weil einer immer schuld ist, und das war schon immer Anna.
Thomas und Miriam kamen pünktlich, mit Wein und Pralinen von Confiserie Riemann. Das Essen gelang. Der Braten hatte eine goldene Kruste, die Kürbissuppe mit Muskat war so gut, dass alle Nachschlag wollten.
Anna, wirklich, das ist großartig! lobte Miriam und lehnte sich zurück.
Danke.
Nein, wirklich! Ich bekomme das nie hin. Beneide dich.
Das kann man lernen.
Ach, ich hab einfach keine Lust. Miriam lachte. Die meiste Zeit bestellen wir einfach.
Ihr lebt auch so gut, meinte Thomas.
Ihr lebt wirklich gut, sagte Miriam und blickte den gedeckten Tisch an. Anna ziehts immer durch.
Sie ziehts durch. Anna räumte Teller ab. Brachte Pfannkuchen, setzte Teewasser auf.
Setz dich mal, Anna! rief Miriam. Du rennst ja nur!
Anna setzte sich. Goss sich Tee ein. Legte einen Pfannkuchen auf den Teller.
Sag mal, wandte sich Thomas an Friedrich, stimmt es, dass ihr die Küche renovieren wollt?
Wir haben darüber gesprochen, antwortete Anna vorsichtig.
Mama sagte, du willst alles umbauen, sie ist dagegen.
Margarete lebt bei sich, ich hier. Zwei Küchen.
Macht Sinn, schulterzuckte Thomas.
Nicht ganz, warf Friedrich ein. Es ist doch ihr Elternhaus.
Anna sah auf.
Wessen Haus, Friedrich?
Na, das Elternhaus. Sie haben alles aufgebaut, kennen jede Ecke.
Wir leben seit zwanzig Jahren hier.
Ja und?
Schweigen senkte sich über den Tisch. Miriam blickte in ihre Tasse. Thomas griff zum Pfannkuchen.
Sehr gut, sagte er.
Niemand sprach das Thema je wieder an.
In dieser Nacht lag Anna wach, starrte die Decke an. Friedrich schlief ruhig, Anna lauschte seinem Atem und dachte an seine Worte. Es ist ihr Haus. Gehört nicht uns. Nicht dir. Nur ihr, fremd.
Zwanzig Jahre. Zwanzig Jahre lang kochte, buk, putzte, bügelte, wischte sie. Zwanzig Jahre duftete dieses Heim nach ihren Händen. Doch es war nie ihr Heim.
Am Morgen stand sie wie immer auf, machte Kaffee, bereitete Porridge zu.
So ging es noch zwei Wochen weiter.
Dann war wieder ein großes Essen das Jubiläum, fünfunddreißig Jahre.
Anna besprach die Menüfolge mit Margarete. Es sollte von allem etwas geben: Sülze, ein Hauptgericht, zwei Salate, unbedingt Piroggen, weil Hermann die liebte, und Torte. Anna schrieb mit. Fragte nach der Gästezahl. Margarete meinte: Vielleicht vierzehn, vielleicht fünfzehn, müsse noch klären.
Geklärt war es Freitagabend: siebzehn.
Anna zählte alles noch einmal zusammen. Ging samstags um vier Uhr los, um einzukaufen.
Die Sülze hatte sie schon Freitagabend angesetzt. Die Brühe stand abgekühlt auf dem Balkon. Fett abgeschöpft, Geschmack kontrolliert. Gut geliert, klar.
Dann der Teig für die Piroggen, ihr Lieblingspart: warm, lebendig, geschmeidig zwischen den Händen, nach Hefe duftend. Sie erinnerte sich, wie ihre Mutter immer sagte: Beim Teig musst du fühlen, wann er so weit ist. Ihre Mutter war seit acht Jahren tot.
Anna knetete, dachte an sie. An die Zeit, als ihre Mutter in Kittelschürze in der Küche stand, Mehl bis zu den Ellenbogen, dabei leise sang.
Bis zehn Uhr waren die Piroggen fertig, bis zwölf die Salate, um zwei war das Fleisch im Ofen. Sie lag gut in der Zeit.
Ab drei kamen die Gäste.
Anna begrüßte sie, nahm Jacken ab, bot Sesseln an, deckte auf. Prüfte das Hauptgericht, kümmerte sich um den Wasserkocher, antwortete auf Zurufe, rührte gleichzeitig die Sauce.
Anna, kannst du schon die Piroggen bringen? fragte sie sich selbst, denn sonst fragte niemand. Alle saßen am Tisch.
Sie brachte die Piroggen. Die Gäste jubelten.
Hausgemacht! staunte Frau Huber, eine alte Bekannte.
Ja, Anna hat sie gemacht, bestätigte Thomas.
Großartig, lobte Frau Huber und wandte sich gleich Margarete zu. Du hast eine tolle Schwiegertochter, ordentlich.
Sie macht das schon, antwortete Margarete.
Anna ging zurück.
Um vier brachte sie das Hauptgericht. Die große Platte, schwer, mit beiden Händen. Sie stemmte die Tür auf, trat dazu.
Na endlich! rief Margarete durch das Zimmer. Schon gedacht, du hast uns vergessen!
Ein paar Leute lachten, beiläufig.
Anna stellte das Gericht ab. Richtete sich auf.
Sieht klasse aus, meinte Hermann. Gute Arbeit.
Anna, kommt die Kartoffel extra? fragte Friedrich.
Gleich bringe ichs.
Wieder zurück auf dem Weg in die Küche hörte sie plötzlich die Stimmen im Esszimmer.
Frau Huber fragte Margarete. Nicht zu laut, aber gut hörbar in einer Gesprächspause:
Was hat Anna eigentlich gelernt?
Buchhalterin. Drei Tage in der Woche macht sie das noch. Sonst ihr Platz ist die Küche. Da gehört sie hin.
Ihr Platz ist die Küche. Da gehört sie hin.
Anna verharrte im Türrahmen. Mit dem Rücken zum Wohnzimmer, dem Gesicht zum Herd.
Frau Huber lachte kurz, wie ein Huster.
Irgendwer muss ja kochen.
Eben, ergänzte Margarete.
Anna stand noch einen Moment da, dann griff sie die Schüssel. Brachte Kartoffel auf den Tisch.
Danke, Anna, sagte jemand.
Sie nickte, setzte sich wie immer an den Rand, goss sich Wasser ein. Kein Wein. Wasser.
Aß schweigend. Antwortete, wenn sie gefragt wurde. Lächelte, wenn nötig. Räumte Teller ab. Schnitt die Torte.
Ihr Platz ist die Küche. Da gehört sie hin.
In der Nacht fand sie keinen Schlaf.
Sie drehte und wendete die Worte in Gedanken. Nicht wütend. Betrachtete sie von allen Seiten. Platz in der Küche. Siebenundzwanzig Jahre an diesem Platz. Fünf Uhr, vier Uhr, Hände im Mehl, im Teig, im heißen Wasser. Hände, die Essen für siebzehn servieren. Hände, die niemand sieht. Nur das Resultat zählt.
Wohin soll sie gehen? Dorthin, wo sie seit siebenundzwanzig Jahren ist.
Friedrich schlief. Sie sah ihn im Dunkel an. Sein vertrautes Gesicht. Das Gesicht eines Mannes, den sie besser kannte als er sich selbst. Sie wusste, dass er Hitze nicht abkonnte. Die rechte Schulter schmerzte ihn seit der alten Verletzung. Dass er keine Linsen mochte, aber aß, wenn es sein musste. Dass er eigentlich ein guter Mensch war. Nur: bemerkt hatte er sie nie. Nie wirklich.
Leise stand sie auf. Schlüpfte in den Bademantel. Ging in die Küche.
Machte das Licht an. Setzte Wasser auf.
Die Küche war sauber. Alles stand an seinem Platz. Von ihr. Auch heute wieder.
Sie goss sich Tee ein. Holte das Handy. Öffnete den Chat mit Sabine.
Schrieb: Schläfst du schon?
Nach fünf Minuten kam: Nein, lese ein Buch. Was ist los?
Anna schaute auf den Bildschirm. Schrieb: Nichts. Ich will einfach mal vorbei kommen. Geht das morgen?
Sabine antwortete sofort: Natürlich, immer. Ich freu mich.
Am nächsten Morgen stand Anna früh auf, kochte Kaffee. Machte Frühstück: Rührei, Toast, Tomaten. Richtete den Tisch. Friedrich kam, verschlafen wie immer.
Morgen.
Morgen, sagte sie ruhig.
Sie reichte ihm Kaffee, stellte ihn neben den Teller. Sah ihn an.
Friedrich, ich muss mit dir reden.
Hmm, er nahm die Gabel.
Ich möchte ein paar Tage wegfahren.
Wohin?
Zu Sabine. Ein paar Tage.
Er schaute hoch.
Warum?
Einfach, um Abstand zu haben.
Er schaute sie lange an. Dann zuckte er mit den Schultern.
Na dann. Und was esse ich?
Im Kühlschrank sind Frikadellen. Suppe von gestern. Im Eisfach sind Maultaschen.
Und danach?
Ihr werdet euch schon zurechtfinden.
Am Sonntag, nach dem Mittagessen, fuhr Anna los. Ein Koffer. Nicht groß.
Sabine begrüßte sie in der Tür. Mustete den Koffer. Sie fragte nichts. Umarmte Anna nur.
Komm, lass uns Tee machen, sagte sie.
Sie saßen bis Mitternacht in Sabis Küche. Klein, heimelig, mit Geranie am Fenster und altem Lampenschirm. Tee mit Melisse. Kekse. Sie redeten. Anna erzählte, manchmal verhaspelt, manchmal still.
Und weißt du, meinte Anna schließlich, ich bin nicht mal wütend. Einfach nur müde. Müde von dieser Unsichtbarkeit.
Ich weiß, sagte Sabine. Oh ja.
Was soll ich tun?
Weiß ich nicht. Aber erstmal: keinen Stress. Kein Schnell-zurück.
Anna nickte. Wärmte die Hände am Tee. Echte Wärme.
Drei Tage später rief Friedrich an.
Anna, wann kommst du nach Hause?
Weiß ich noch nicht.
Wie, weißt du nicht? Der Kühlschrank ist leer.
Geh einkaufen.
Stille.
Ich kann doch nicht kochen.
Eier braten kannst du?
Ja, das geht.
Na, dann mach Eier.
Sie legte auf. Stand einen Moment still. Dann lachte sie. Das erste Mal seit Wochen.
Am vierten Tag sagte Sabine:
Es gibt da was. Die Frau einer Freundin leitet eine Kochschule. Die suchen dringend eine Lehrkraft Backen und Hausmannskost. Zunächst befristet. Interesse?
Anna sah Sabine an.
Ich bin keine Lehrerin.
Du kannst besser kochen als jede Lehrerin. Und das weiß ich. Seit zwanzig Jahren.
Wahrscheinlich braucht man Zeugnisse.
Rede erstmal mit denen. Dann schau weiter.
Zwei Tage später saß Anna bei der Kochschule Köstlich & Kreativ Frau Weber, Mitte vierzig, energisch und klar.
Sabine meint, Sie können richtig kochen. Was genau können Sie?
Anna überlegte.
Deutsche Küche. Teige Hefe, Blätterteig, Kuchen. Fleischgerichte. Eingemachtes. Suppen. Etwas aus dem Mittelmeerraum.
Hefeteige selbst?
Immer. Keine Backmischung.
Frau Weber lächelte.
Gut. Machen wir eine Probestunde. Wenn es der Gruppe gefällt: Vertrag.
Probestunde am Freitag. Thema: Hausgemachtes Sauerteigbrot.
Anna schlief die Nacht davor kaum. Grübelte: dämliche Idee. Sie hat nie unterrichtet. Was wohl Friedrich sagt, oder Margarete.
Und dann fragte sie sich: Warum soll das wichtig sein?
Freitags stand sie vor acht Frauen unterschiedlichen Alters. Alle blickten neugierig.
Anna begrüßte alle. Griff zur Schüssel, schüttete Mehl hinein.
Wir fangen einfach an. Gutes Brot entsteht nicht durch Rezepte. Es beginnt in der Hand. Sie zeigte es. Dieser Moment, wenn der Teig sich löst, glatt wird das ist das Wichtigste. Keine Uhr der Welt ersetzt das Gefühl.
Sie redete, erklärte, knetete. Zeigte, wie man faltet, fühlte, warum Wasser warm oder kalt sein muss, warum Ruhe wichtig ist.
Eine junge Frau fragte:
Und wenns nicht klappt?
Dann klappts eben beim dritten Mal. Anna lächelte ruhig. Teig ist nicht nachtragend.
Die Gruppe lachte herzlich dieses Mal.
Frau Weber stand in der Tür und beobachtete.
Nach dem Kurs kam sie zu Anna.
Sie können das.
Dachte ich nie.
Genau deshalb. Wer zu viel nachdenkt, ist nicht lebendig genug. Sie sinds. Wollen wir anfangen?
Anna unterschrieb montags. Drei Kurse pro Woche. Stündlicher Lohn, gut. Besser als die Buchhaltung.
Sie rief in der Firma an. Beantragte Urlaub.
Dann rief sie Friedrich an.
Friedrich, ich habe einen Job gefunden. Ich unterrichte jetzt in einer Kochschule.
Was? Und wann kommst du nach Hause?
Weiß ich noch nicht.
Anna, das ist doch nicht dein Ernst?
Doch. Ist mein Ernst.
Pause.
Deine Mutter hat angerufen. Meinte, du bist gekränkt.
Bin ich nicht. Ich bin nur müde.
Wovon denn?
Pause. Sie suchte nach schlichten Worten.
Davon, dass ich nicht gesehen werde, Friedrich. Siebenundzwanzig Jahre lang war ich nicht da. Es gab immer Frikadellen, immer saubere Hemden, immer einen schön gedeckten Tisch. Aber mich selbst mich gibt es nicht.
Stille.
Anna…
Ich mache dir keine Vorwürfe. Ich sage nur, wie es ist.
Er wusste nicht, was sagen. Sie hörte es an seinem Schweigen.
Ich ruf später an, murmelte er irgendwann.
Ist gut.
Zwei weitere Wochen vergingen. Anna blieb bei Sabine. Kümmerte sich ums Kochen (nur, wenn sie Lust hatte). Sabine schätzte das. Sagte immer: Danke. Und meinte es.
Irgendwann meinte Sabine:
Du bist anders geworden.
Wie meinst du?
Gelassener. Kein Hetzen mehr.
Anna überlegte.
Vielleicht stimmt das.
In der Kochschule freuten sich die Gruppen nun auf sie. Die Kurse waren schnell voll. Frau Weber sagte, manche kämen nur, weil sie Annas Namen gehört hatten.
Sie haben etwas, das man nicht erklären kann, meinte sie. Die Leute spüren, dass Sie sich wirklich einbringen.
Anna brachte sich ein. Das konnte sie. Und endlich fiel es auf.
Friedrich besuchte sie nach der zweiten Woche. Sabine machte derweil Literaturdienst in der Bücherei. In Sabis kleiner Küche setzten sie sich zusammen.
Anna, komm heim.
Sie sah ihn an. Er war dünner geworden, wirkte müde.
Warum?
Na, weil du gehörst doch zu Hause, zur Familie. Ich bin allein.
Du bist seit drei Wochen allein. Ich war siebenundzwanzig Jahre lang allein.
Friedrich senkte den Blick.
Ich habe es nicht verstanden.
Ich weiß.
Und wars das jetzt? Verzeihst du mir?
Anna seufzte.
Ich habe dir nichts zu verzeihen. Ich bin nicht wütend. Ich habe mich verändert.
Und was heißt das?
Ich gehe nicht zurück zu vorher. Nicht aus Wut, sondern weil ich es nicht kann. Das ist wie ein Kleid, das zu eng ist. Es passt nicht mehr.
Er schwieg lange.
Was dann? Scheidung?
Keine Ahnung. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall wird es anders. Ich arbeite jetzt. Richtig. Und zu Hause werde ich kein Dienstmädchen mehr sein. Für niemanden.
Mama wollte dich nicht verletzen.
Es geht nicht um Kränkung, Friedrich. Es geht darum, was sie vor allen gesagt hat: Ihr Platz ist die Küche. Weißt du, was das bedeutet?
Er schaute sie an.
Du hast es gehört.
Seit siebenundzwanzig Jahren.
Stille.
Mama war nicht richtig, hauchte er. Das seh ich ein.
Danke.
Und ich wahrscheinlich auch. Ich hab dich nie gesehen.
Ja.
Jetzt sah er aus wie der Friedrich, den Anna mal geliebt hatte. Aufrichtig, ein wenig verloren.
Was soll ich tun? fragte er langsam.
Lern, Suppe zu kochen.
Fast lachte er.
Wirklich?
Wirklich. Zwiebel, Karotte, Kartoffel ich erklärs dir. Ich unterrichte ja jetzt.
Er sah sie lange an. Dann fragte er:
Kommst du zurück?
Anna dachte wirklich nach. Über die Wohnung in der Lindenstraße, den Ölgeruch am Morgen, über Friedrich, das halbe Leben mit ihm. Dass das Leben, so imperfekt, dennoch Leben ist, dass man es nicht einfach wegwirft.
Dass sie zweiundfünfzig war. Nicht achtzehn, nicht neunzig.
Vielleicht, sagte sie ruhig. Aber nicht jetzt. Ich brauch noch Zeit.
Wie viel?
So lange, wie ich brauch.
Er fuhr heim. Sie blieb am Fenster. Geranie auf dem Sims, draußen flog Oktoberlaub vorbei.
Sie stand auf, holte Mehl, Butter, Eier aus dem Kühlschrank. Machte Teig. Nur für sich.
Er wurde warm, geschmeidig in den Händen.
Sie knetete. Und dachte an nichts.
Einen Monat später bot Frau Weber ihr die feste Stelle an.
Wir brauchen Sie dauerhaft, nicht als Lückenbüßer. Drei Module die Woche, plus ein monatlicher Kurs. Hier sind die Bedingungen.
Anna las sie durch. Ein solides Gehalt. Kein Reichtum, aber Unabhängigkeit.
Ich nehme es an.
Sie unterschrieb, trat hinaus, atmete Herbstluft.
Sie rief Sabine an.
Ich habe die feste Stelle.
Anna! Sabine jubelte. Das wird gefeiert, ja?
Ja, ich mache was Leckeres.
Na klar!
Sie lachte.
Anna und Friedrich sprachen noch einige Male. Ruhig, ohne Streit. Er rief regelmäßig an, berichtete, was er kochte. Erst Rührei. Dann nach dem Borschtsch-Rezept. Sie erklärte es: Rote Bete nach dem Kochen dazugeben, so bleibt die Farbe.
Ist ein bisschen sauer geworden.
Zu viel Essig wahrscheinlich.
Zweimal einen Löffel, wie du gesagt hast.
Esslöffel oder Teelöffel?
Pause.
Sind die unterschiedlich?
Sie lachte, auch er lachte zum ersten Mal.
Im Oktober kam er wieder, brachte Chrysanthemen ihre Lieblingsblumen, die er sonst nie mitbrachte, weil: Sie war ja immer da. Jetzt jedoch hatte er sie ausgewählt.
Schön, sagte sie nur.
Ich wusste, sie gefallen dir.
Sie tranken Tee, sprachen über Alltagsthemen, Schule des Enkels, Thomas und Miriam, dass Hermann sich erhole.
Am Ende meinte Friedrich:
Mama möchte mit dir reden.
Anna schwieg.
Sie meint es ernst. Sie hat jetzt selbst gekocht. Zum ersten Mal seit Jahren. Kuchen gebacken, auch wenn er nichts geworden ist.
Das ist gut.
Sie hats bereut, was sie damals vor allen gesagt hat.
Gut, wenn sie es einsieht.
Sprichst du mit ihr?
Anna hob den Kopf.
Irgendwann. Noch nicht heute.
Ich versteh.
Er drängelte nicht. Das war neu. Früher drängelte er immer, wollte alles sofort klären. Jetzt konnte er warten.
Beim Gehen hielt er inne.
Anna.
Ja?
Du hast immer recht gehabt. Ich habs nicht gesehen. Es war falsch.
Sie sah ihn lange an.
Ich weiß.
Es tut mir leid.
Sie nickte. Sagte nicht, schon gut. Weil es nicht gut war. Aber vielleicht würde es besser werden. Irgendwann.
Ruf morgen an, schlug sie vor. Erzähl mir, wie der Borschtsch geworden ist.
Mach ich.
Tür zu.
Anna blieb noch, ging zurück in die Küche, stellte den Wasserkocher an, blickte in die abendliche Stadt hinaus. Die Laternen brannten, warm und golden.
Übermorgen hatte sie einen neuen Kurs. Thema: Mürbeteig. Der darf nicht in der Hand schmelzen. Eine Kleinigkeit, die viele falsch machen, weil sie hetzen. Sie würde es erklären. Sie konnte das jetzt.
Das Wasser kochte. Sie goss sich Tee ein, setzte sich ans Fenster.
Irgendwo da draußen spielte ihr Leben das alte und das neue, durcheinander. Sie wusste noch nicht, wo sie hingehörte. Ob sie zurück in die Lindenstraße wollte oder neue Wege würde finden.
Aber heute, an diesem Abend, trank sie Tee am Fenster von Sabine. Verdiente ihr eigenes Geld. Lehrte Menschen, den Teig zu fühlen.
Das reichte. Für den Moment.
Am nächsten Mittag rief Friedrich an.
Borschtsch, meldete er sich.
Und?
Er ist gelungen. Sogar die Farbe stimmt.
Also Rote Bete nicht verkochen lassen!
Hab ich am Ende zugegeben, wie du gesagt hast.
Gut gemacht.
Stille.
Anna, wie geht’s dir?
Gut, sagte sie. Und diesmal stimmte es.




