Die kleine Mascha

– Karla, warte doch, lass mich schnell deinen Schleier richten! Annemarie hielt ihre Tochter an und brachte mit sanften Bewegungen die leicht zerzauste Frisur wieder in Ordnung, rückte die Haarnadeln, die die zarte Spitze hielten. Wie lange hatten sie genau nach solch einem Schleier gesucht! Karla hatte sich gewünscht, dass er wie der ihrer Mutter aussieht und Annemarie lachte immer, denn erzählte sie ihrer Tochter, wo sie und ihre Freundin Hannelore damals den Schleier für Annemaries eigene Hochzeit herhatten, hätte Karla kaum geglaubt, was sie hörte.

Hannelore war ihre Freundin, so lange Annemarie sich erinnern konnte. Sie wohnten Tür an Tür, waren im Abstand von nur einem Monat geboren und waren wie Schicksalsgeschwister. Beide Einzelkinder, beide ohne Väter aufgewachsen. Annemaries Vater hatte die Familie verlassen, war der Arbeit wegen fortgegangen und hatte eine neue Frau gefunden, und Hannelores Vater war erfroren, als er spät von einem Besuch nach Hause wollte und es fast geschafft hätte. Keine der beiden hatte an ihre Väter bleibende Erinnerungen, sie wuchsen unter der Obhut ihrer Mütter auf, die zwar selten zärtlich waren, aber stets bemüht, ihren Töchtern ein besseres Leben zu ermöglichen.

Annemaries Mutter arbeitete nahezu rund um die Uhr, wie auch Hannelores, und die Mädchen wurden von Hannelores Urgroßmutter betreut. Die schönsten Tage waren jene, wenn beide gleichzeitig sich eine Erkältung einfingen und zu Hause bleiben durften anstatt in den Kindergarten zu gehen. Es war ein wahres Fest, Seite an Seite auf dem Sofa zu sitzen, warme Milch mit Honig zu trinken und den Märchen zu lauschen, die Oma Gertrud so gekonnt erzählte, dabei zu beobachten, wie sie stickte, häkelte oder feine Klöppelspitze fertigte. Annemarie faszinierte die Präzision der Finger, aus denen die zarteste, filigranste Schönheit entstand. Es war fast unheimlich, das hauchdünne Spitzengeflecht zu berühren, und stets traute sie sich nur ganz vorsichtig, als hielte sie den Atem an.

– Schön, nicht wahr? Oma Gertrud blinzelte und lächelte zufrieden.

– Sehr schön!

– Wenn ihr etwas größer seid, bring ich euch das bei. Das kann nützlich sein.

Dazukommen sollte es nicht mehr; sie zeigte ihnen nur das Allereinfachste, die ersten Schritte. Am Abend schlief sie friedlich ein, und am Morgen, als Hannelores Mutter sie wecken wollte, war sie schon gegangen. Annemarie und Hannelore kamen da gerade in die erste Klasse. Die Märchen, die Milch, die Spitze und das Gefühl einfacher Geborgenheit all das verschwand, denn die Mütter waren müde und ständig beschäftigt. Man musste zusehen, wie man über die Runden kam. Damals lebte kaum jemand einfach so, alle kämpften ums Überleben. Aber geblieben waren die Erinnerungen an Oma Gertrud und all die Dinge, die sie mit ihren Händen geschaffen hatte: die Tagesdecke, Tücher, Spitzenüberwürfe auf den Kissen, von denen es nach alter Manier viele geben musste. Sie lagen gestapelt auf den Betten, mit einer feinen Spitzenhülle bedeckt.

So ein Überwurf wurde zu Annemaries Hochzeitsschleier. Den eigentlichen Schleier, den sie gekauft hatte, ließ die Mutter kurz vor Eintreffen des Bräutigams auf die Erde fallen beim Aufheben stieß sie die Teetasse, die am Rand des Tisches stand, um, und der zarte Stoff war ruiniert.

– Was machen wir jetzt nur? Annemarie war den Tränen nahe, als Hannelore rasch nachhause lief und den feinen Spitzenüberwurf brachte, den Annemarie noch gar nicht kannte, obwohl sie jedes Werk von Oma Gertrud auswendig kannte.

– Wie schön!

– Natürlich, Oma hat den für meine Aussteuer gemacht. Mama hat ihn erst kürzlich auf dem Dachboden gefunden. Und schau, er ist genauso groß wie dein Schleier.

Hannelore setzte Annemarie den Überwurf auf, sicherte ihn mit Haarnadeln, und Annemarie seufzte leise:

– Herrje, ist das schön! Danke dir!

– Trockne deine Tränen wir müssen eh nochmal schminken, die Zeit läuft!

Keiner der Gäste ahnte, woher dieser Schleier kam. Alle waren begeistert und meinten, so eine hübsche Braut hätten sie noch nie gesehen. Diese Worte aber hört wohl jede Braut einmal auf ihrer Hochzeit.

Karla betrachtete oft die Hochzeitsfotos ihrer Mutter und sagte immer wieder:

– Ich will genauso hübsch sein! Mit demselben Schleier!

– Du wirst sogar noch hübscher! Annemarie küsste ihre Tochter.

– Nein, Mama, du bist die Hübscheste! Karla schmiegte das Gesicht in die Hände ihrer Mutter, den vertrauten, geliebten Duft einatmend. Mamas Hände rochen immer ein wenig nach Vanille, etwas nach Lavendel, weil Annemarie Lavendelsäckchen zwischen die Laken legte, und nach frischer Seife und jener besonderen Frische, die Karla nirgends sonst in der Welt je wiederfand nur an den Händen ihrer Mutter.

Den Schleier, den Karla nun trug, fanden sie in einem kleinen Laden, beinahe hatten sie sich schon damit abgefunden, doch einen gewöhnlichen zu nehmen oder ohne auszukommen.

– Mama… flüsterte Karla bewundernd, als die kleine, dunkelhaarige Ladenbesitzerin lächelte und nach einem kurzen Blick auf das Foto eine Kiste vom oberen Regal herunterholte.

– Sieh mal, Schatz, ist der nicht wunderschön?

– Er ist zwar nicht handgemacht, aber sehr hübsch! Ludwiga, die Ladenbesitzerin, warf einen prüfenden Blick auf Karla und Annemarie. Deine Tochter hattes nicht leicht, aber es wird gut werden. Wie heißt du? Karla? Hör mir zu, Karla: Mach weiter, geh deinen Weg, hör auf dein Herz! Es wird alles zum Guten. Hast du das verstanden?

Karla drückte den feinen Schleier an sich und nickte, gar nicht so sehr verwundert über diese seltsamen Worte.

Am nächsten Morgen erwachte sie lächelnd. In einer Woche schon war die Hochzeit! So viel war noch zu erledigen aber welch ein schönes Gefühl das war. Heute musste sie unbedingt noch in die Universität. Bis zur Facharztausbildung war es nicht mehr weit. Sie streckte sich, sprang aus dem Bett und wurde kurz vom goldenen Sonnenlicht geblendet, das den Raum durchflutete und am Rand des aufgebügelten Hochzeitskleides glitzerte, das Annemarie sorgsam zurecht gemacht hatte.

Karla frühstückte, gab ihrer Mutter einen Kuss und eilte hinaus.

– Ich versteh das nicht! Ich steh pünktlich auf, plane genug Zeit ein, aber am Ende komm ich doch immer zu spät!

Zehn Minuten an der Haltestelle wartend, lief Karla schließlich zu Fuß weiter über die Brücke. Der kleine Fluss ihrer Kindheit war mit Eis bedeckt, das aber bald weichen würde. Noch ein Monat, dann käme der Frühling und mit ihm das ersehnte Wärmegefühl. Karla fror immer leicht, obwohl sie an der Isar aufgewachsen war, wo man bei jeder Kälte draußen spielte und auf Thermometer kaum achtete.

Sie ging blinzelnd gegen die Sonne über die Brücke, als plötzlich am gegenüberliegenden Ufer etwas Dunkles im Eis auftauchte, gefolgt von einem schwachen Kinderruf:

– Hilfe…

Karla rannte zum Geländer. Im Wasser kämpfte ein Junge höchstens sieben Jahre alt unter der dünnen Eisdecke. Das Eis zerbrach unter seinen kleinen Händen, er fand keinen Halt. Nur einen Moment später stand Karla schon knietief im eiskalten Wasser, zog den Jungen an seiner Jacke heraus und schob ihn zum Ufer. Das Wasser reichte ihr bis zur Brust, und dem schmächtigen Jungen bis weit über den Kopf.

– Was hast du denn hier gemacht, du Unglücksrabe? Karla versuchte, den Jungen ans Ufer zu bringen, er aber drehte sich plötzlich angestrengt um.

– Hol ihn raus! Er ertrinkt!

– Wen? Karla blickte zurück und sah einen kleinen zitternden Welpen am Eisrand sitzen.

– Bist du ihm hinterher? Karla griff mit einer Hand den Welpen am Nacken, mit der anderen hielt sie den Jungen, zog beide zum Ufer gar nicht so einfach, ihre Kräfte schwanden bereits, die Beine fühlte sie kaum noch, da packte plötzlich eine kräftige Hand ihr Handgelenk.

– Das ist keine Zeit für ein Eisbad! Ein stämmiger, bärtiger Mann zog zuerst den Jungen, dann Karla ans Ufer. Von der Straße rannten weitere Leute, in der Ferne heulte eine Rettungswagensirene auf, als Karla endlich wieder durchatmete und sich zum Jungen hinunterbeugte.

– Lebst du? Tut dir was weh?

– Danke! Nein, nur kalt und nass.

Als Annemarie in der Klinik ankam, beruhigte sie sich erst, nachdem der Arzt ihr bestätigt hatte, dass mit Karla alles in Ordnung war. Sie schauten noch kurz zu Thomas so hieß der Junge und gingen dann nach Hause, wo Karla sich unter ihre Decke kuschelte und von ihrer Mutter eine Tasse heiße Milch bekam.

Die Hochzeit war laut und fröhlich. Karla strahlte vor Glück, während Annemarie ihre Tränen kaum zurückhalten konnte.

– Annemarie, warum weinst du denn? Hannelore, die mit ihrer Tochter gekommen war, nahm ihre Freundin in den Arm. Es gibt doch Grund zu feiern!

– Ich freue mich ja, das sind Freudentränen, Hannelore. Hast du etwa vergessen, wie du damals geweint hast, als Anna geheiratet hat?

– Habe ich tatsächlich vergessen! lachte Hannelore und blickte auf ihre Tochter, die sich mit vorsichtigen Schritten zum Tisch bewegte und den runden Babybauch schützte.

– Oma! Darf ich ein Bonbon nehmen? Und einen Ballon? Da sind so viele! rief ihre kleine Enkelin Margarete und schaukelte vor Aufregung am Rand des Tisches.

– Margarete! Benehm dich nicht so wild, das ist hier keine Spielwiese. Später, wenn alle sitzen, darfst du Bonbons, aber jetzt geh erstmal mit den anderen Kindern spielen.

– Komm, Hannelore, hier, nimm, Margarete! Annemarie holte eine Handvoll Bonbons aus einer Schale und schüttete sie dem Mädchen in die Hände. Aber nicht alle auf einmal essen, sonst tut der Bauch weh.

– Danke! Versprochen! Der kleine Wirbelwind Margarete war schon wieder auf und davon, während Annemarie sich Hannelore zuwandte.

– Ist das die kleine Adoptivtochter von Anna, von der du mir geschrieben hast?

– Genau die. Ach, Annemarie, was wir uns da eingebrockt haben… Wie das nun alles weitergehen soll, weiß ich selbst nicht.

– Was meinst du? Annemarie sah ihre Freundin an, wie sie nachdenklich die flinke Margarete betrachtete, die mit dem Bonbonteller die anderen Kinder bewirtete. Gibt es Probleme?

– Alles ist schwierig, Annemarie. Komm, wir setzen uns irgendwo ruhig ich erzähle dir, was los ist.

Anna, Hannelores Tochter, war fast fünf Jahre älter als Karla. Hannelore heiratete jung, war eine wundervolle Frau und fürsorgliche Mutter, aber auch streng. Es zahlte sich aus Anna schloss die Schule mit Auszeichnung ab und wurde Übersetzerin. Bei der Arbeit lernte sie ihren späteren Mann kennen, der nicht lange zögerte, sie zu bitten, ihm zu heiraten. Doch der Kinderwunsch blieb lange unerfüllt, mehrere Versuche endeten mit Trauer. Die Ärzte fanden keine Ursache. Schließlich meinte Annas Mann, sie sollten einen Schlussstrich ziehen, falls ihnen das Schicksal ein Kind verweigert. Anna tat, als wäre sie einverstanden, wollte aber auf anderen Wegen ihr Glück versuchen und überzeugte ihre Mutter, mit ihr verschiedene Kirchen und Klöster zu besuchen.

– Ich weiß nicht mehr, an wen ich mich noch wenden soll vielleicht hilft das ja!

Hannelore konnte nicht nein sagen. In einem der Klöster kam die Äbtissin direkt auf Anna zu, die vor einer Madonna-Statue stand. Hannelore hörte nicht das ganze Gespräch, aber sah das Leuchten in Annas Augen.

– Was hat sie gesagt?

– Sie meinte, wenn Gott einem kein eigenes Kind schenkt, ist das eine Prüfung. Ich solle einem Waisenkind ein Zuhause geben, und dann würde das Glück schon kommen. Und wenn es kein leibliches Kind wird, dann eben ein angenommes.

– Aber Anna, das ist eine Riesen-Verantwortung! Ein Kind ist kein Spielzeug…

– Das weiß ich doch, Mama.

Hannelore umarmte ihre Tochter, glaubte dabei aber, dass Anna sich eigentlich nicht bewusst war, was das wirklich bedeutete.

Aber Anna hatte einen starken Willen. Und so kam Margarete ein aufgewecktes Baby, das Anna und ihren Mann sofort für sich gewann. Margarete war erst wenige Wochen im Kinderheim, ihre Eltern waren bei einem Unfall gestorben, die Großeltern wollten sie nicht aufnehmen. Gesundes Kind, immer eine Warteliste, hieß es, und Anna sagte sofort:

– Wir nehmen sie!

Margarete war lebhaft und wunderschön. Anna war stolz, Spazieren zu gehen, und wurde überall bewundert.

Doch die Vorhersage der Äbtissin erfüllte sich: Einige Jahre später wurde Anna tatsächlich schwanger. Das Glück schien perfekt, aber nach einer Weile wurde Anna immer ungeduldiger Margarete gegenüber. Die lebhafte, manchmal etwas überschwängliche Margarete wollte immer Nähe, aber Anna sehnte sich nach Ruhe. Einmal fuhr Anna sie in einem unbedachten Moment an, erschrak darüber selbst, doch es wiederholte sich immer häufiger, bis sie schließlich unter Tränen ihrer Mutter gestand, dass sie sich von Margarete entfernt fühlte.

– Mama, ich habs versucht, wirklich, aber ich schaff es nicht mehr! Sie ist nicht mein eigenes Kind…

– Anna, beruhige dich, du darfst dich nicht aufregen! Hannelore versuchte zu trösten, rief schließlich lieber den Notarzt, um kein Risiko einzugehen.

Wie sich später zeigte, war das die richtige Entscheidung. Anna verbrachte fast zwei Monate in der Klinik. Nach ihrer Entlassung sprachen sie offen mit ihrem Mann und der Mutter, und Anna sagte: Wenn ich Margarete keine Mutterliebe geben kann, sollten wir sie nicht bei uns behalten. Sie ist noch klein und findet vielleicht eine Familie, die sie lieben kann.

Ihr Mann war mit allem einverstanden, solange nur Annas und des ungeborenen Sohnes Gesundheit gewährleistet war. Hannelore war traurig, doch wagte kein weiteres Risiko angesichts Annas Zustand.

– So ist es nun mal, Annemarie. Margarete bleibt nicht mehr lange bei uns. Die Papiere sind schon in Bearbeitung.

– Ach, Hannelore… Sie war doch von klein auf Teil eurer Familie, für sie ist Anna ihre Mama… Das ist traurig, so etwas.

– Glaub mir, ich verstehe dich! Ich dachte sogar darüber nach, sie selbst aufzunehmen, aber… Ach, ich habe selbst genug Sorgen. Hoffentlich hilft die bevorstehende OP. Ein bisschen hoffen darf ich ja noch, sagen die Ärzte zumindest.

Sie saßen noch lange beisammen, stützten einander und verloren über ihr Gespräch und die festliche Stimmung völlig das Zeitgefühl. Annas Mann hatte die Familie schon längst heimgebracht, als eine glückstrahlende Karla, immer noch im Brautkleid, erschöpft aber glücklich zu Annemarie trat:

– Mama, wir fahren jetzt! Morgen früh geht unser Flug, wir sehen uns also nicht mehr.

Dann umarmte sie sie, auch Hannelore, und ging zu ihrem wartenden Mann.

– Hübsch wie eine Prinzessin! Ganz wie du, meine Liebe! Hannelore wischte sich die Tränen ab. Unsere Kinder sind so schnell groß geworden, nicht wahr, Annemarie?

– Viel zu schnell… Annemarie nickte.

Karla und ihr Mann kamen erst in zwei Wochen zurück, nach sonnigen Flitterwochen. Der Alltag begann wieder, als fühlte es sich so an, als hätte die Zeit im Urlaub stillgestanden und eile nun umso mehr voran.

Bald merkte Karla, dass etwas nicht stimmte, und nach einer Woche ging sie zum Arzt ihre Welt änderte sich schlagartig, wurde zu einem einzigen Albtraum. Eine Reihe von Operationen folgte, und das Urteil, das ihr der Professor überbrachte, hörte sie mit erhobenem Kopf, weinte sich dann jedoch in den Schoß ihrer Mutter aus.

– Mama, warum?! Warum gerade ich?!

Das Eiswasser hatte ihre Spuren hinterlassen. Mutter konnte Karla nie mehr werden. Sie versank in ihrer Trauer, stieß auch ihren Mann von sich.

– Such dir eine andere, was willst du noch mit mir?

So ging es weiter, bis ihre Schwiegermutter zu ihnen kam, mit schmerzenden Knien die Stufen zu ihnen hochging und als der Sohn geschickt war Karla fest in den Arm nahm.

– Mädchen, ruf das Unglück nicht, wo keins ist. Er liebt dich sehr. Und ich, auch wenn ich mir so sehr ein Enkelkind wünsche, weiß, dass du für ihn das Wichtigste bist. Vergiss nicht, dass auch dein Mann eine Krankheit hatte, von der wir nicht wissen, ob er überhaupt Kinder bekommen kann ich hab dir das vor der Hochzeit gesagt. Und damals hast du gesagt: Er ist mir das Wichtigste. Warum raubst du ihm jetzt das Recht, es selbst zu wählen?

Karla konnte da nicht widersprechen, weinte sich endgültig bei ihrer Schwiegermutter aus und nannte sie das erste Mal “Mama”.

Langsam kehrte Ruhe ein. Karla lernte zu akzeptieren, was das Leben für sie vorgesehen hatte. Sie schloss ihr Studium ab und wurde Kardiologin, arbeitete in der Landesklinik für Kinderherzen. Wenn sie schon keine eigenen Kinder haben konnte, wollte sie wenigstens anderen helfen und das tat sie mit Hingabe. Die kleinen Patienten liebten Frau Doktor Karla, und die Mütter waren voller Dankbarkeit. Sie selbst verbrachte Abende mit dem Lesen von Fachartikeln, um ihre Kenntnisse ständig zu erweitern denn sie wusste, wie viel Verantwortung sie trug.

– Frau Dr. Mahler, ein schwieriger Fall! ihre Assistentin Veronika legte ihr eine Akte auf den Tisch.

– Was gibts, Veronika?

– Ein Mädchen, neun Jahre alt. Aus dem Kinderheim, aber offenbar eine komplizierte Geschichte. Sie war schon bei uns, jetzt sind wir das dritte Krankenhaus, bisher aber kann keiner so richtig helfen. Du musst sie dir selbst anschauen.

– Wo ist sie?

– Auf Zimmer sieben.

Karla lief durch den Flur, nickte Müttern und Kindern freundlich zu, blieb aber nicht stehen. Im Zimmer sieben spielten vier Kinder lachend zusammen. Eine Mutter verstand sofort, was zu tun war, sammelte die Kleinen ein und verließ diskret das Zimmer.

Ein Mädchen lag, dem Rücken zur Tür, auf dem Bett, malte mit dem Finger Muster in die graue Wand.

Karla rückte einen Stuhl heran.

– Hallo!

Das Mädchen blieb still, drehte sich dann langsam um.

– Ich bin Karla Mahler, deine behandelnde Ärztin. Wie heißt du?

– Margarete… Die Stimme war heiser, als hätte sie lange geweint oder geschrien.

– Sag, Margarete, wie gehts dir? Hast du Schmerzen?

– Nein. Mich fragt das jeder. Aber ich hab keine Schmerzen.

Karla sah, dass das Mädchen krank war, mehr als sie zeigte. Sie hatte schon viele Kinderheimbewohner betreut und wusste, wie zäh sie sein konnten es blieb ihnen nichts anderes übrig als zu kämpfen. Wo andere Kinder weinten und jammerten, ertrugen diese alles mit zusammengebissenen Zähnen.

Doch vor ihr lag nun ein kleines altes Mütterchen. Als sich Margarete zu ihr wandte, erschrak Karla über den Schmerz in diesen Kinderaugen.

– Margarete, lass uns einen Deal machen. Ich will, dass du gesund und fröhlich bist. Wenn du es zulässt, helfen wir dir dabei.

– Ich verstehe. Aber ich bin gesund. Und glücklich… Gibt es das überhaupt?

– Glück? Natürlich! Zweifelt du daran?

– Ich weiß, dass es das nicht gibt. Margarete wandte ihren Blick ab. Soll ich aufstehen?

– Nein, bleib ruhig liegen, ich höre dich auch so ab.

Karla beugte sich zu ihr und plötzlich stieg ihr ein Duft entgegen… war das der vertraute, heimelige Geruch, wie ihn einst nur ihre Mutter hatte? Sie schnupperte unauffällig ja, genau dieser Duft kam von Margarete. Wie seltsam! Sie untersuchte das Mädchen und streichelte dabei sanft durchs Haar sofort zuckte Margarete zusammen, zog sich instinktiv unter Berührung zurück. Karla wusste noch nicht, dass dies jenes Mädchen war, das ihr damals auf der Hochzeit ein Bonbon mit den Worten anbietet hatte: Die musst du, Frau Braut, unbedingt essen, ich habe sie extra ausgesucht!

Was sie an diesem gebrochenen, scheuen Kind so tief angerührt hatte, wusste Karla damals selbst nicht recht. Warum nur wollte sie dieses Kind das so viele vor ihr gesehen hatte nicht mehr loslassen, es beschützen vor jeder Ungerechtigkeit dieser seltsamen und hart gewordenen Welt? Sie hätte keine Antwort sagen können, außer vielleicht:

– Sie ist meine, Mama… schluchzte sie auf Annemaries Frage, als diese nachhakte, weil ihre Tochter wie ein aufgescheuchtes Tier zwischen Entscheidung und Zweifel schwankte.

– Wenn sie deine ist, was gibts da zu überlegen? Annemarie umarmte ihre Tochter. Weißt du noch, was Ludwiga sagte? Los, mach einfach…

Ludwiga, die Ladenbesitzerin, war zur Freundin geworden, als Annemarie dort das Brautkleid zurückbrachte, und blieb dann erstmalig zum Kaffee und merkte, wie leicht und wohltuend ihr das Gespräch mit dieser weisen Frau war.

Margaritas Geschichte erfuhr Karla erst bei der Adoption. Sie rief Annemarie an und sagte:

– Mama, Hannelore ist deine Freundin, aber Anna und ihren Mann will ich nie wieder sehen. Feiertage, Treffen bitte dann ohne uns.

Annemarie verstand das sofort und kappte die Verbindung, als Anna beleidigt war, weil sie nicht zum Geburtstag ihres Sohnes kam.

– Das ist auch besser so! meinte Annemarie nur nüchtern.

Die nächsten Jahre waren für alle schwer.

Margarete, in der sich Angst und Misstrauen festgefressen hatten, gewöhnte sich nur langsam ein. Karla sah, wie sehr sich das Mädchen nach Nähe sehnte, aber immer Angst hatte, jemanden zu nahe zu lassen. Ihre Beziehung war ein seltsamer Tanz ein Schritt nach vorn, dann wieder zurück. War es ihr zu viel, fuhr Karla zu Ludwiga, die dann mit ihrem Kaffeesatz orakelte:

– Alles wird gut, zweifel nicht!

Und Karla glaubte ihr, weil sie so sehr daran glauben wollte wie an nichts je zuvor.

Und dann, als Margarete fünfzehn wurde und das erste Mal in ihrem Leben das Meer sah, von dem sie immer geträumt hatte, lachte sie los, drehte sich um und rief:

– Mama, Mama! Das Meer! Es ist so schön! Noch viel schöner, als ich dachte!

Karla, die so lange auf dieses sehnsüchtig gewünschte Wort gewartet hatte, weinte hemmungslos und die Menschen auf der Promenade blieben stehen, gaben ihr Wasser, schauten sie verwundert an: Eine Frau, die ein schlankes, hochgewachsenes Mädchen fest umarmte, es mit Küssen überschüttete und immer wieder flüsterte:

– Du bist mein, mein Liebling, du bist mein…

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Homy
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