Drei Jahre Baustelle ohne Gäste
Ich, Annette, stellte meine Teetasse auf das Fensterbrett und hörte, wie Johannes im Flur innehielt. Ich spürte es im Rücken, obwohl ich zum Fenster stand. Die Stille war so dicht, man konnte darin verschwinden.
Du hast die Tasse auf das Fensterbrett gestellt, sagte er endlich. Kein Vorwurf, nur Feststellung.
Ja, Johannes. Ich habe die Tasse dort abgestellt.
Das ist doch die lackierte Fläche. Heiße Tassen hinterlassen Spuren.
Ich weiß.
Warum dann?
Ich drehte mich um. Er war achtundvierzig, sah auch so aus nicht älter, nicht jünger. Stand im Türrahmen zur Küche, in seinem grauen Haus-T-Shirt, mit der Wasserwaage in der Hand. Die trug er immer herum, wenn er am Wochenende durch die Wohnung lief. Wie andere ihr Handy.
Weil ich sonst keinen Platz habe, erwiderte ich. Der Tisch ist mit Malerfolie belegt. Der zweite Stuhl steht kopfüber. Der Flur trocknet noch von der Grundierung. Ich trinke seit drei Jahren meinen Tee stehend am Fenster, Johannes.
Er sah auf die Tasse. Dann mich. Dann wieder auf die Tasse.
Ich lege eine Unterlage drunter.
Lass es, Johannes.
Aber dann bleibt ein Abdruck.
Soll er.
Er kniff die Augen zusammen. So schaute er immer, wenn er sich nicht sicher war, ob ich scherzte. Ich war mir selbst nicht mehr sicher.
Annette, also wirklich…
Es reicht, sagte ich leise, und das Wort fiel in die Stille wie ein Stein ins Wasser. Es reicht, Johannes.
Er verstand es nicht sofort. Fragte nach:
Was reicht?
Ich packe meine Sachen.
Die Pause zog sich. Draußen hupte ein Auto, dann war es wieder still. Johannes ließ langsam die Wasserwaage sinken.
Wegen dem Fensterbrett?
Nein. Nicht wegen dem Fensterbrett.
Ich trank meinen Tee aus und stellte die Tasse absichtlich wieder auf die lackierte Fläche. Fest, ohne Reue.
Ich war fünfundvierzig. Buchhalterin in einem kleinen Unternehmen. Ich las gerne abends im Bett, hatte einen winzigen Kaktus namens Felix auf der Arbeit und schon ewig keine Freundin mehr zu mir eingeladen. Schon sehr, sehr lange nicht. Drei Jahre, um genau zu sein.
Ich ging ins Schlafzimmer.
Drei Jahre zuvor, als wir die Zwei-Zimmer-Wohnung im fünften Stock eines Altbaus in einer ruhigen Seitenstraße in Hamburg gekauft hatten, war ich glücklich gewesen. Wirklich, spürbar glücklich. Ich erinnerte mich daran, wie wir zusammen in den kahlen Räumen mit den rissigen Tapeten und den alten Dielen standen. Und ich sah auf die gelben Linden draußen und dachte: Das ist es. Unser Zuhause.
Johannes war damals anders gewesen. Oder ich hatte das zumindest geglaubt. Er lief umher, maß mit dem Zollstock Wände aus, schrieb Notizen ins Heft. In seinen Augen brannte noch dieses Feuer, das ich immer an ihm geliebt hatte. Das Feuer eines Mannes, der weiß, was er will und es mit eigenen Händen machen kann.
Sieh mal, Annette, zeigte er mir Skizzen auf kariertem Papier. Hier wird die Küche zur Wohnküche, offen alles. Da kommen Regale direkt in die Wand, vom Boden bis zur Decke. Und hier machen wir punktuelle Beleuchtung, mit Dimmer.
Sieht toll aus, sagte ich. Und das stimmte.
Wir machen alles selbst, langsam, aber richtig. Einmal fürs Leben.
Dieses Einmal fürs Leben hätte ich ernster nehmen müssen. Hätte verstehen sollen, dass dahinter mehr steckt als Sparsamkeit.
Das erste halbe Jahr war wie ein Abenteuer. Wir wohnten direkt auf der Baustelle. Ich kochte auf der Elektroplatte, weil der Gasanschluss noch fehlte. Wir schliefen auf der Matratze, weil für das Bett kein Platz war. Wir aßen von Papptellern, weil es kein Spülbecken gab. Es war unbequem, etwas romantisch und durchaus auszuhalten. Damals.
Dann begann sich etwas zu verändern. Langsam, wie ein Fundament sich verschiebt.
Johannes werkelte jedes Wochenende, manchmal auch an Werktagen, wenn er frei nehmen konnte. Als Bauleiter auf Großbaustellen kannte er sich mit Materialien und Techniken besser aus als so manche Handwerker. Das war gut, sogar bewundernswert. Das Problem war nicht das Wissen.
Das Problem war, dass er nicht aufhören konnte.
Am Anfang bemerkte ich das nicht. Das erste Mal wurde mir etwas mulmig, so nach acht Monaten, als ich mit meiner Freundin Lena im Café saß und sie fragte:
Und, bald fertig? Ich will endlich mal bei dir vorbei, du hast mir doch Rote-Bete-Salat versprochen.
Bald, antwortete ich. Johannes sagt, zu Weihnachten ist alles fertig.
Wir verbrachten Weihnachten im Renovierungsmodus. Niemand wurde eingeladen, weil im Wohnzimmer noch die Böcke und Gipskartonplatten lagen. Wir aßen Kartoffelsalat zu zweit in der fast fertigen Küche. Fast.
Johannes, lass uns nächstes Jahr ein richtiges Fest machen, wünschte ich mir mit dem Sektglas in der Hand.
Klar, sagte er. Wenn ich die Decke im Wohnzimmer fertig habe und Parkett verlege.
Die Wohnzimmerdecke war im März fertig. Doch dann musste die Wasserleitung im Bad neu gelegt werden der Handwerker hattes beim ersten Mal falsch gemacht, Johannes hielt das nicht aus. Dann der Balkon: Montageschaum hatte nachgegeben, es gab eine kleine Lücke zwischen Rahmen und Wand. Drei Millimeter. Johannes fands mit der Fühlerlehre.
Damals habe ich noch Witze darüber gemacht. Mein Mann kämpft gegen drei Millimeter. Die Mädels lachten. Ich auch. Es war ja auch komisch.
Im Mai verlegten wir das Parkett, konnten endlich die Fenster offen lassen. Ich half beim Schleppen der Dielen, beim Saugen, beim Bauen. Johannes arbeitete still und präzise wie ein Chirurg. Er prüfte jede Reihe mit Wasserwaage und Laser. Nahm mehrmals schon liegende Dielen wieder auf, weil der Spalt nicht stimmte.
Johannes, sieht doch kein Mensch, merkte ich einmal an.
Ich schon, sagte er.
Das war das erste Mal, dass mich seine Worte aufhielten. Kein Ärger, eher ein Anhalten. Ich stand mit dem Lappen und schaute auf seine geneigte Nackenpartie, ein eigenartiges Gefühl in mir. Als hätte ich etwas Wichtiges verstanden aber noch nicht ganz was.
Das Parkett war im Juni fertig. Wunderschön. Helles Eichenholz, perfekte Läufe. Ich fuhr mit der Hand über das Holz. Wunderschön, sagte ich ehrlich.
Kommt noch der Lack drüber, ein deutscher, richtig widerstandsfähig, meinte Johannes.
Wann?
Nächste Woche.
In der Woche entdeckte er, dass die Fußleiste in einer Ecke um einen halben Millimeter abstand. Der Lack musste warten.
Da, im Juni, traf ich mich mit Lena zu einem Eis. Sie fragte wieder:
Und, wie läufts? Wann gibts endlich ein Kaffeekränzchen bei dir?
Bald, sagte ich. Und schwieg.
Was ist los?
Nichts. Aber… weißt du, Lena, ich glaube, er wird nie fertig.
Ach, das ziehen die doch alle raus bis zum Geht-nicht-mehr.
Nein, verstehst du nicht. Er zieht es nicht raus. Es scheint, als wolle er gar nicht fertigwerden. Als wäre die Baustelle das Alibi für alles: Dass keine Freunde kommen. Dass die Möbel nie stehen. Dass wir nicht normal leben.
Lena schaute mich ernst an.
Hast dus ihm gesagt?
Ich versuche es. Er erklärt immer, dass nur noch ein bisschen, dann wird alles perfekt.
Möchtest du denn perfekt?
Ich war lange still.
Ich möchte einfach nur ein Zuhause, sagte ich.
An dem Abend präsentierte Johannes mir lachend 20 weiße Farbmuster auf dem Küchentisch: Hier, das ist wärmeres Weiß, das ist kühler, der hier etwas bläulich. Sieht man besonders bei Licht. Ich denke, dieser hier ist am besten.
Ich sah einfach nur weiß.
Johannes, sagte ich. Mir ist das egal.
Er sah mich an, als hätte ich Unsinn erzählt.
Wie egal? Wir leben doch bald hier.
Genau. Wir leben hier. Und echte Menschen unterscheiden kein Lichtweiß vom Eisweiß auf der Wand.
Doch. Sie merkens nur nicht.
Wie du meinst. Entscheide doch selbst.
Das tat er sowieso. Er entschied immer öfter allein. Erst fand ichs gut: Er weiß besser Bescheid. Aber dann wurde ich nie mehr gefragt. Ohne Absicht, nicht böse. Meine Meinung änderte ohnehin nichts. Sagt ich die Fliesen gefallen mir, erklärte er sofort technische Nachteile. Sagt ich lasst uns die Couch hierstellen, zeigte er eine 3D-Skizze, warum es den Raum stört. Wenn ich sagte mir gefällt es, sagte er es ist aber nicht richtig.
Also schwieg ich irgendwann. Wozu noch.
Im zweiten Oktober besuchte uns Johannes alter Freund Viktor aus Köln. Rief vorher an, wäre gern zum Übernachten geblieben. Ich freute mich wirklich. Kaufte extra ein, holte echtes Geschirr raus.
Johannes meinte, Viktor könne nicht bleiben, da im Schlafzimmer gerade Baustelle sei.
Im Schlafzimmer war nichts; normales Bett, Kleiderschrank. Ich wusste es. Welche Baustelle, Johannes?
Er schwieg kurz. Muss am Boden etwas machen. Viktor schläft dort nicht gut, riecht noch nach Lack.
Nach welchem Lack?
Annette, warum soll jemand die Wohnung im jetzigen Zustand sehen?
In welchem Zustand?
Unfertig.
Mir wurde schwindlig. Weil ich erkannte: Er schämte sich. Für seine eigene Wohnung, an der er so akribisch baute, weil sie nicht seinem Ideal entsprach. Dafür belog er sogar einen Freund.
Gut, sagte ich nur noch.
Viktor kam, trank Tee, aß mit Johannes im Restaurant, schlief im Hotel. Ich aß allein zuhause.
Diese Nacht schlief ich schlecht. Sah lange an die perfekte, makellose Decke im Schlafzimmer, an der seit zwei Jahren kein Gast mehr schlief.
Im zweiten Winter wurde meine Mutter krank. Nichts Ernstes, nur Grippe. Ich fuhr zweimal pro Woche quer durch die Stadt, blieb manchmal über Nacht. Johannes arbeitete in der Zeit ruhig weiter, lackierte den inneren Fensterrahmen am Balkon mit Spezialfarbe.
Eines Abends kam ich früher als sonst heim. Johannes saß im Flur auf dem Boden, mit einer Lupe, und begutachtete den Spalt zwischen Leiste und Wand.
Alles okay? fragte ich.
Hier ist ein Spalt, murmelte er.
Ich fragte nicht nach Maßen. Es war eh egal.
Hast du gegessen?
Pause.
Weiß nicht.
Seit heute Morgen?
Da hatte ich was.
Ich kochte Nudeln, briet ein Ei. Er kam, setzte sich, sah auf seinen Teller.
Danke.
Bitte.
Wir aßen schweigend. Draußen fiel Schnee. Auf dem Tisch lag ein Katalog für Schrankausstattung, den wir schon vor einem Jahr diskutiert hatten.
Johannes, sagte ich.
Hm?
Erzähl mir etwas. Nicht über Baustelle.
Er sah mich an, als hätte ich nach Ungarisch gefragt.
Was denn?
Irgendwas. Deinen Tag, was du denkst, was dich bewegt. Etwas Lustiges oder Trauriges. Irgendwas aber nicht Fugen und Material.
Er schaute mich lange an. Versuchte wirklich, sich zu erinnern oder etwas Nicht-Baustellen-mäßiges auszudenken. Vergeblich.
Ich weiß nicht. Wahrscheinlich nichts.
Nach dem Gespräch lag ich lange wach. Dachte: Wann ist das passiert? Wann ist aus Johannes ein Funktionswesen geworden? War er es immer schon gewesen und ich habe es nicht gesehen? Nein. Ich erinnerte mich an einen anderen Johannes. An unsere Reisen nach Sylt, wie er mir die Sternbilder erklärte. Da war noch Leben.
Wo waren die Sternbilder geblieben?
Im dritten Jahr hörte ich auf, den Freundinnen von einem absehbaren Ende zu erzählen. Es wäre gelogen. Die Arbeiten hörten nie auf. Johannes fand immer neue Makel. Oder änderte die Meinung: Gekaufte Fliesen waren angeblich doch nicht haltbar, Wandfarbe zu gelblich, neue Türgriff quietschte im Winter. Jedes Manko war ein neuer Zyklus.
Ich kaufte mir eine kleine Nachttischlampe. Stoffschirm, ganz simpel. Stell sie auf das Nachtschränkchen. Als Johannes abends heimkam, fragte er: Wo hast du die her?
Gekauft.
Wir haben doch Spots geplant.
Ich will abends lesen.
Die Spots sind besser.
Wann denn?
Keine Antwort.
Eben. Spots dann, wenn sie mal kommen. Ich les jetzt.
Die Lampe blieb eine Woche. Dann stellte Johannes eine kleine Schreibtischleuchte aus der Kammer daneben besserer Lichtkegel. Meine Stofflampe wanderte in die Ecke, dann ins Regal, dann fand ich sie im Abstellraum zwischen Grundierungen.
Ich sagte nichts. Holte sie wieder ins Schlafzimmer.
Johannes stellte sie erneut weg.
Ich wieder zurück.
Er schwieg. Ich schwieg.
Die Lampe blieb. Das war ein kleiner Sieg und gleichzeitig eine kleine Tragödie. Denn in einer normalen Ehe wäre es bloß eine Lampe gewesen.
Im April schrieb ich an Lena, mitten am Tag:
Lena, magst du mal ein paar Tage wegfahren? In ein Kurhotel oder so? Ohne Männer?
Sie antwortete sofort: Unbedingt! Wann?
Wir fuhren kurzerhand im Mai für vier Tage in ein kleines Wellnesshotel am Ammersee. Ich nahm frei. Johannes war überrascht, aber sagte nichts. Er war gerade dabei, das Bad umzubauen und ging darin auf.
Dort im Hotel hatte ich ein kleines, schlichtes Zimmer, Holzmöbel, bunte Decke, ein Fensterchen, durch das Waldluft hereinwehte. Alles ein bisschen abgeschabt und nicht perfekt, überall kleine Kratzer und Macken und ich fühlte mich auf einmal zum ersten Mal seit Ewigkeiten wirklich gut. So gut, dass ich am ersten Abend ins Bett kroch, die Decke anschaute mit einem Haarriss am Lampensockel und anfing zu weinen.
Lena lag ein Zimmer weiter. Sie fragte nicht. Einfach da sein.
Ich lebe im Museum, flüsterte ich irgendwann. Ein schönes, perfektes, totes Museum.
Hast du es ihm gesagt?
Ja.
Und?
Er sagt immer, es wird bald besser. Noch ein bisschen.
Vielleicht mal zu zweit zur Therapie?
Macht er nicht. Johannes meint, das sei nur für Leute, die wirklich Probleme haben. Er hat ja bloß Baustelle.
Wir schwiegen, und es duftete nach Wald, und ich dachte: Genau das hat mir gefehlt. Der kleine Fensterschlitz. Der Wald. Der Riss in der Decke. Diese bunte Decke, einfach mal so ausgesucht, nicht wegen Lichteinfall oder Funktion. Leben.
Nach vier Tagen kam ich heim. Es roch nach Putz. Johannes empfing mich an der Tür, zeigte gleich die neue Nische im Bad: Jetzt ist alles symmetrisch. Vorher war die rechte Seite anderthalb Zentimeter breiter.
Ich schaute hin.
Ich sehe es.
Musste lange tüfteln, wie ich das hinbekomme, ohne die Fliesen zu zerschlagen.
Gut gemacht.
Ich ging ins Schlafzimmer, zog mich um, legte mich aufs Bett. Die Decke war makellos.
Im Juni hatten wir ein Gespräch, das ich nicht vergaß. Es war Sonntagabend. Johannes lackierte noch irgendwas im Abstellraum. Ich kochte Abendessen, rief:
Johannes! In zwanzig Minuten gibts Essen.
Ja, gleich.
Nach zwanzig Minuten erschien er nicht. Nach vierzig klopfte ich an die Tür.
Das Essen wird kalt.
Fünf Minuten.
Nach fünf Minuten kam er nicht.
Ich aß allein. Räumte ab, spülte. Um halb elf kam er endlich.
Mist, die Zeit vergessen.
Weiß ich.
Soll ichs dir wärmen?
Machs selbst.
Ich ging ins Schlafzimmer, nahm mein Buch. Johannes kam später. Ich fragte, ohne aufzublicken:
Johannes, bist du glücklich?
Lange Pause.
Doch denke schon.
Bist du sicher?
Annette, was ist das für eine Frage.
Nur so.
Er legte sich dazu. Schwieg. Dann: Wenn die Abstellkammer fertig ist, mache ich den Balkon. Da muss noch Laminat drunter. Dann ist die Wohnung komplett.
Ich klappte das Buch zu.
Merkst du, dass du eigentlich gerade auf meine Frage geantwortet hast?
Wie?
Ich wollte wissen, ob du glücklich bist. Du erzählst vom Balkon.
Keine Antwort.
Gute Nacht, Johannes.
Ich ließ das Licht noch lange an. Schaute in die Decke. Hörte seinen Atem, dachte an ein anderes Leben, in dem wir jetzt vielleicht über irgendetwas redeten. Über die neue Serie. Den Spruch meiner Mutter. Das Lieblingscafé, das das Menü geändert hat. Nur geredet.
In diesem Leben war da bloß Stille. Perfekt wie die Decke.
An das erinnerte ich mich am Morgen, als ich die Tasse aufs Fensterbrett stellte. Das Wort reicht hatte sich lange angestaut. Die Tasse hat es nur rausgelassen.
Ich packte ruhig und ohne Tränen. Nur mein eigenes: ein paar Bücher, Kosmetik, Kleidung, die Lampe mit Stoffschirm, Ausweis, Unterlagen, das Ladegerät. Und den kleinen Kaktus Felix, den ich letztes Jahr von der Arbeit mitgenommen hatte, weil keine einzige lebendige Pflanze in unserer Wohnung stand. Johannes hatte nie was gegen den Kaktus der hinterließ keine Spuren.
Johannes stand in der Tür und sah zu, wie ich Sachen einpackte.
Annette.
Was.
Kannst du reden?
Worüber?
Na du packst doch deine Sachen.
Ja.
Wegen der Tasse?
Johannes, bitte. Du weißt genau, warum.
Nein. Wirklich nicht.
Ich hielt inne, sah ihn an. Ohne Wasserwaage, einfach nur er und ratlos. Das war neu.
Johannes, wir leben hier drei Jahre.
Ja.
Wir hatten nie ein gemeinsames Abendessen mit Freunden. Nie. In drei Jahren.
Weil die Wohnung noch nicht
Weil sie nie fertig wird. Merkst du das nicht?
Stille.
Du findest immer etwas, das gemacht werden muss. So bist du eben. Das ist nicht schlimm. Aber ich kann hier so nicht leben. Ich bin müde von der Baustelle.
Bald
Nein. Nicht bald. Es geht nicht darum, noch ein bisschen auszuhalten. Es ist, als hätte ich drei Jahre lang als Gast in meinem eigenen Zuhause gelebt. Ich habe immer aufgepasst, nichts zu verkratzen. Habe Tassen untergelegt. Hab meine Lampe weggeräumt. Nie Freunde eingeladen, weil es dir peinlich war. Ich
Meine Stimme zitterte. Ich hielt kurz inne.
Ich will leben. Einfach leben. Mit Kratzern auf dem Parkett, mit Kaffeeflecken am Fensterbrett. Mit Gästen an Sonntagen. Mit deiner alten Jacke überm Stuhl. All das, was ein echtes Zuhause ausmacht. Wir haben keins.
Er schwieg lange. Dann leise:
Wohin gehst du?
Erst mal zu Mama.
Wie lange?
Weiß ich nicht.
Ich schloss die Tasche, nahm Felix, ging durch den Flur, zog meine Jacke an, schnürte die Turnschuhe, ohne noch mal auf das perfekte Parkett zu blicken.
Annette, rief er mir nach.
Ja?
Ich Ich wusste nicht, dass es so ist.
Wusstest du schon. Du hast nur nicht darüber nachgedacht.
Die Tür fiel leise ins Schloss. Ganz ordentlich. Wie immer hier.
Er blieb.
Johannes stand einen Moment still, ging dann ins Wohnzimmer, setzte sich auf das Sofa. Er hatte monatelang das richtige Polster ausgesucht. Dick, robust, fusselfrei. Er setzte sich und sah sich um.
Die Wohnung war makellos. Helle, warme Wände. Parkett, kein Spalt zu viel. Rundum perfekte Decke. Regale vom Boden bis zur Decke, ordentlich. Das Licht blendete nicht und warf keine harten Schatten. Balkon ohne Lücke, Fliesen im Bad Stoß an Stoß.
Er sah das alles und spürte etwas Merkwürdiges. Nicht Stolz. Eher ein mulmiges Gefühl, irgendwo zwischen Herz und Magen.
Im Regal standen noch ein paar ihrer Bücher. Er starrte auf die Buchrücken und fragte sich, wann er sie das letzte Mal einfach so hatte lesen sehen. Nicht heimlich, nicht als Rückzug einfach so. Lange her.
Er stand auf, ging in die Küche. Die Tasse stand auf dem Fensterbrett. Kein Abdruck. Der Tee längst kalt.
Er spülte sie ab, stellte sie zum Trocknen. Blieb stehen. Ging dann ins Schlafzimmer. Legte sich angezogen aufs Bett. Sah an die perfekte Decke.
Dort lag er eine Stunde. Vielleicht zwei. Zeit: bedeutungslos. Später ging er in den Abstellraum. Farbeimer, Pinsel, Werkzeug sauber geordnet. Er drehte einen alten Fliesenrest in der Hand, den er mal als Muster mit ins Büro genommen hatte. Legte ihn zurück.
Es gab nichts Überflüssiges im Abstellraum. Außer ihn.
Abends wärmte er etwas aus dem Kühlschrank, aß geschmacklos. Die Wohnung war still. Früher: immer Bewegung, leises Hämmern, Tapezieren, Geruch von Grundierung. Jetzt: absolute, perfekte Stille.
Er probierte den Fernseher verstand nach zwanzig Minuten kein einziges Wort vom Film schaltete aus.
Dann starrte er lange auf ihren Namen im Handy. Rief nicht an. Dachte nach.
Nicht darüber, wie er sie zurückholen könnte. Sondern über das, was sie gesagt hatte. Gäste. Lampe. Drei Jahre Gast in ihrer eigenen Wohnung. Gast das Wort ließ ihn nicht los.
Er dachte an Viktor. Wie er ihm vorlog, im Schlafzimmer werde gebaut. Warum? Er selbst wusste es nicht mal genau. Die Wohnung war längst bewohnbar. Aber nie so wie in seinem Kopf. Der ewige Abstand zum Ideal.
Er versprach sich die perfekte Wohnung. Doch Perfektion ist nie erreichbar. Das ist kein gestrichener Deckenabschluss, sondern ein Horizont je näher man kommt, desto weiter entfernt er sich.
Annette hatte das verstanden. Er nicht. Oder wollte nicht.
Er lief durch die Wohnung, schaltete überall das Licht an. Blieb vorm Regal stehen.
Alles geordnet. Bücher nach Größe. Deko klar platziert. Das war sein Prinzip: Jede Sache am richtigen Ort, alles durchdacht.
In der dritten Regalreihe stand ein kleines Glasherz. Orangefarben und etwas schief, wie handgemacht. Annette hatte es vor zwei Jahren auf dem Flohmarkt gekauft. Damals fragte er: Was soll das? Steht nur rum und staubt. Sie sagte: Es gefällt mir. Er schwieg, ließ es stehen. Ein kleiner, tolerierter Ausreißer.
Er nahm das Herz jetzt in die Hand. Es fühlte sich warm an. Oder bildete er sich das ein?
Drei Tage dachte er nach. Drei Tage tat er nichts, aß irgendwas, schlief schlecht. Bei der Arbeit machte er Fehler, musste etwas neu rechnen. Ein Kollege fragte: Alles gut bei dir, Johannes? Ja, alles okay.
Am vierten Tag schrieb er Annette.
Annette, hast du Zeit für ein Gespräch?
Sie antwortete eine Stunde später: Ja, kann ich.
Er griff zum Handy. Sie meldete sich beim zweiten Klingeln.
Hallo, sagte er.
Hallo.
Wie gehts dir?
Gut. Bei Mama ists schön.
Stille. Er hörte ihren Atem, wusste nicht, wie er anfangen sollte. Er war darin nie gut gewesen; sie schon.
Annette, ich habe in den letzten Tagen nachgedacht.
Das habe ich gemerkt.
Du weißt, was kommt?
Ungefähr.
Annette, ich glaube, ich habe etwas Wichtiges übersehen. Nein, nicht übersehen falsch gewählt.
Sie schwieg.
Du hast von Gästen gesprochen. Von der Lampe. Davon, dass du bei mir Gast warst. Ich habe das damals nicht verstanden. Oder wollte es nicht.
Warum sagst du das?
Weil ich möchte, dass du zurückkommst.
Lange Pause.
Johannes…
Ich verlange es nicht. Ich sage es nur ehrlich. Ich wünsche mir, dass du wiederkommst. Und dass wir es anders probieren. Ich weiß nicht, ob es klappt. Aber ich will es versuchen.
Lange schwieg sie. Er hörte, wie sie irgendetwas bei ihrer Mutter verschob. Vielleicht stellte sie gerade eine Tasse ab. Auf das Fensterbrett oder einen Tisch, egal.
Du weißt, dass ich versuche es nicht genug ist?
Ja, weiß ich.
Du verstehst hoffentlich, dass ich weder zurückkomme noch weitermache wie vorher.
Ich verstehe.
Ich glaube nicht wirklich, dass dus verstehst. Nicht böse gemeint, sei ehrlich. Du bist jetzt erschrocken und sagst das Richtige. Aber du kannst nicht einfach dich umstellen wie einen Nagel einschlagen.
Ich weiß, dass es nicht so funktioniert.
Was schlägst du also vor?
Pause.
Treffen wir uns erst mal. Reden. Ohne Handy.
Okay, sagte sie nach kurzem Zögern. Komm, wir treffen uns.
Sie trafen sich im Café, neutraler Boden. Ein ganz normales Café, leicht wacklige Stühle, Kreidetafel als Speisekarte. Annette kam in ihrer beigen Jacke, sah müde, aber ruhig aus.
Sie bestellten Kaffee. Johannes sah sie an und dachte: Schon lange nicht mehr einfach nur angeschaut, ohne innerlich Wandkanten abzuschätzen.
Wie gehts deiner Mutter?
Besser. Sie hat neue Blumen gekauft, zieht Setzlinge. Sie war froh, dass ich ein paar Tage da war.
Freut mich.
Kurzes Schweigen.
Johannes, begann sie, versteh bitte: Es geht nicht um die Baustelle. Es ist gut, Dinge ordentlich zu machen. Gut sogar. Aber du hast das Ziel verloren. Die Wohnung soll für das Leben da sein. Für dich ists zum Selbstzweck geworden.
Stimmt, murmelte er.
Glaubst du das einfach, oder verstehst du es?
Ich verstehe.
Woher weiß ichs?
Er hielt seine Tasse, stellte sie ab.
Gar nicht, gab er ehrlich zu. Ich weiß selbst nicht, ob ich mich wirklich ändere. Aber ich weiß, so gehts nicht weiter. Als du weg warst, war die Wohnung bloß noch eine schöne Hülle.
Annette sah ihn an.
Eine schöne Hülle, wiederholte sie fast flüsternd.
Ja.
Gut, dass du das erkannt hast.
Kommst du zurück?
Sie sah nach draußen. Es regnete, Passanten hasteten vorbei, bei einem Laden standen Töpfe mit roten Tulpen, etwas zerzaust vom Wind.
Ich versuche es, sagte sie leise. Aber unter Bedingungen.
Schieß los.
Erstens: Im nächsten Monat wird NICHTS renoviert. Kein einziger Nagel, kein Muster, kein Katalog. Wir leben einfach so.
Abgemacht.
Zweitens: Nächsten Sonntag laden wir Lena mit Uwe und Viktor ein, wenn er kann. Wir essen zusammen, in der Wohnung, so wie sie ist.
Er nickte.
Drittens: Wenn du wieder aus jeder Macke Drama machst, sage ich es sofort. Und du hörst mir zu.
Okay.
Du weißt, wie schwer das wird?
Ich weiß. Für mich besonders. Aber ich wills probieren.
Annette sah ihn direkt an, prüfend, als wolle sie hinter die Worte schauen. Dann sagte sie:
Na gut.
Nach Hause liefen sie zu Fuß, obwohl es noch leicht regnete. Sie gingen nebeneinander. Annette trug Felix im Manteltasche, Johannes ihre Tasche. Vor dem Haus blieb sie stehen, blickte hoch zum fünften Stock.
Schönes Haus, sagte sie.
Ja, stimmte er zu.
Sie fuhren mit dem Aufzug. Johannes öffnete die Tür. Annette trat ein, ging ins Wohnzimmer, stellte Felix aufs Fensterbrett. Ohne Untersetzer.
Johannes sah den Kaktus auf dem lackierten Brett.
Er sagte nichts.
Annette ging in die Küche, das Wasser lief, Teekocher klickte.
Johannes setzte sich auf die Couch, schaute ins Regal. Das Glasherz stand nicht exakt im Abstand, den er errechnet hatte, sondern schief.
Er ließ es stehen.
Am Sonntag riefen sie Lena an. Sie lachte am Telefon, ein erleichtertes Endlich!. Viktor konnte nicht, Uwe brachte Wein, Lena Kuchen, Annette kochte den Rindfleischeintopf, den sie versprochen hatte.
Der Tisch stand im Wohnzimmer. Johannes wollte erst die Teller ausrichten, hielt sich dann zurück.
Zu viert war es laut und gemütlich eng. Lena stieß ein Glas um, Rotwein auf die Tischdecke. Alle riefen erschrocken. Johannes spürte, wie er innerlich zusammenzuckte und warf einen Blick zu Annette.
Sie sah ihn an. Nicht ängstlich, nicht besorgt. Einfach so.
Er griff nach einer Serviette, tupfte das Rotweinfleck. Halb so wild, sagte er.
Lena atmete auf. Annette lächelte winzig.
Nach dem Essen saßen sie beisammen, redeten, lachten, tranken Tee. Erst nach Mitternacht verabschiedeten sich die Gäste. Annette spülte, Johannes trocknete. Sie schwiegen, aber das Schweigen war anders. Nicht wie früher.
Der Fleck geht vielleicht nicht raus, meinte er zur Tischdecke.
Egal, erwiderte sie.
Naja.
Sie sah ihn an, reichte ihm einen Teller.
Johannes, sagte sie.
Ja?
Das war schön heute.
Ja, das war es.
Sie räumten fertig auf, gingen ins Wohnzimmer. Die Tassen standen noch, der Rotweinfleck verblasste allmählich. Das Glasherz im Regal. Felix am Fenster.
Johannes sah alles an. Dachte daran, morgen den Fleck einzuweichen. Dachte auch daran, dass der Kaktus ohne Untersetzer einen Ring hinterlassen könnte. Dass eine Tasse schief stand.
Dann aber dachte er daran, dass Annette heute zwei Mal gelacht hatte einmal, als Lena von ihrem Meerschwein erzählte, das zweite Mal, als Uwe sich beim Toast versprochen hatte. Sie lachte wie früher. Wie damals.
Annette ging ins Schlafzimmer, blieb an der Tür stehen.
Kommst du?
Gleich.
Er sah noch mal ins Wohnzimmer. Den Fleck. Felix. Das Herz.
Licht aus.
Er legte sich zu ihr. Sie las schon. Ihre Lampe mit Stoffschirm auf dem Nachttisch, warmes Licht. Er schaute an die Decke.
Annette.
Ja?
Hörst du mich, wenn ich von Spalten und Millimetern rede?
Sie senkte das Buch, sah ihn an.
Ja.
Woran denkst du da?
Sie überlegte ehrlich.
Ich denke, dann bist du gerade ganz weit weg.
Ja, vielleicht, murmelte er.
Sie hob das Buch wieder.
Er lag da, wusste nicht, ob es klappen würde. Drei Jahre das steckt in allem, was sich verändert hat. Es ist wie ein Riss in einer Wand: man kann ihn zuspachteln, sieht ihn vielleicht fast nicht mehr, aber das Material, es bleibt verändert.
Daran dachte er, bis er einschlief. Kurz bevor das Bewusstsein verschwand, dachte er noch: Morgen früh stelle ich Felix wieder auf eine Unterlage. Sonst gibts einen Abdruck auf dem Lack.
Er öffnete die Augen.
Die Decke war noch immer makellos. Perfekt.
Neben ihm blätterte Annette leise um.
Er schloss die Augen wieder. Felix läuft nicht weg. Felix kann bis morgen warten.





