Keine Hochzeit
Lena trat zögernd ins Zimmer und blieb am Türrahmen stehen. Vor ihr stand ihre Freundin Verena im Brautkleid und sah einfach umwerfend aus. Das Kleid betonte ihre schlanke Figur perfekt, in den Augen glomm ein leises, federleichtes Glück. Lena strahlte sofort:
Mein Gott, du siehst großartig aus! rief sie aus, ohne den Blick von ihrer Freundin abzuwenden, Ich freue mich so sehr für dich! Endlich konntest du die Vergangenheit hinter dir lassen und dein Herz für Neues öffnen, Niklas vergessen! Das schaffen die wenigsten!
Verena verzog das Gesicht, das Lächeln verschwand schlagartig. Mit schnellen Bewegungen begann sie, die Haken des Kleides an der Seite zu öffnen, vermied Lenas Blick.
Wenn ichs mal lieber wieder ausziehe, murmelte sie, während sie geschickte Finger über die kleinen Häkchen gleiten ließ. Es sind nur noch zwei Wochen bis zur Feier. Wenn jetzt etwas mit dem Kleid passiert, kriegt man kein neues in der Zeit.
Lena biss sich verlegen auf die Lippe. Sie wusste sofort, dass sie zu weit gegangen war. Wieso musste sie nur Niklas erwähnen? Gerade jetzt, wo Verena endlich einen tollen Mann gefunden hatte! Niklas hatte keine einzige Träne verdient, schon gar nicht nach all den Problemen, die er verursacht hatte.
Früher war Verena von ihm überzeugt gewesen, sie glaubte, er sei der Eine. Sie war sicher gewesen, dass ihre Beziehung für die Zukunft bestimmt war. Doch nach und nach zerfiel alles. Erst wurde Niklas distanziert, mied gemeinsame Treffen, dann begann er offen an ihr herumzukritisieren ihre Entscheidungen, Freunde, selbst ihre Träume. Er überredete sie, ein vielversprechendes Projekt im Büro aufzugeben, drängte sie, das Auslandspraktikum in der Schweiz abzusagen, ja, letztlich bestand er sogar darauf, dass sie den Job wechselte.
Verenas Familie war ratlos, sah, wie sie sich veränderte und sich selbst verlor, aber reden half nichts. Jede Diskussion endete in Streit Niklas hatte Verena überzeugt, dass die Eltern ihn ablehnten und ihre perfekte Liebe zerstören wollten. Der Konflikt wuchs und irgendwann brach Verena fast ganz den Kontakt zu den Eltern ab.
Dann, von einem Tag auf den anderen, verschwand er einfach. Keine Erklärung, nicht einmal ein Abschiedsbrief. Zurück blieb ein tiefer Schmerz und das Kind, das Verena trotz allem bekam.
Jetzt, als Lena zusah, wie ihre Freundin eilig das Brautkleid ablegte, fühlte sie ein stechendes Schuldgefühl. Sie hätte sich einfach über Verenas Glück freuen wollen, nicht alte Wunden aufreißen.
Der kleine Niklas, inzwischen vier Jahre alt, war ein neugieriger, lebendiger Junge voller Fragen. Ständig wollte er wissen, warum der Himmel blau sei, wohin die Wolken gehen oder bestaunte Marienkäfer beim Spazierengehen. Seine Erzieherinnen im Kindergarten lobten seine Auffassungsgabe: Niklas lernte schnell, konnte Gedichte auswendig und hörte aufmerksam jede Geschichte.
Die meiste Zeit verbrachte der Junge bei Oma und Opa Verenas Eltern. Voller Freude kümmerten sie sich um ihren Enkel, förderten ihn, meldeten ihn in einem englischen Kindergarten an, schickten ihn zum Kinderschwimmen und zur Kinderballettschule. Verena holte Niklas mehrmals die Woche, blieb jedoch nie länger als eine Stunde.
Der Grund war schmerzhaft: Niklas ähnelte seinem Vater aufs Haar. Schwarze Locken, derselbe Blick, das verschmitzte Lächeln. Jedes Mal, wenn sie ihren Sohn ansah, war es, als hole sie die Vergangenheit wieder ein die Zeit, in der sie an das Glück ihrer kleinen Familie geglaubt hatte. Sie liebte den Jungen über alles und war stolz auf seine Fortschritte, aber mit jedem Moment der Nähe kam auch die schneidende Traurigkeit zurück. Es reichte, ihn in den Arm zu nehmen oder ihm in die Augen zu sehen sofort schossen ihr Tränen in die Augen. Dann drehte sie sich weg, tat, als müsste sie an der Kleidung zupfen oder in der Handtasche suchen, und weinte heimlich, sobald Niklas wegsah.
An einem Abend holte Verena ihren Sohn bei ihren Eltern ab. Der Junge saß am Teppich und war ganz vertieft ins Puzzle, die Stirn gerunzelt. Als er seine Mutter sah, sprang er lachend auf und zog sie zu seinem Platz.
Mama, schau mal! rief er stolz. Ich bin fast fertig. Da kommt ein Haus hin, und da da ist der Hund!
Verena kniete sich zu ihm, zwang sich zu einem Lächeln.
Wirklich schön, sagte sie und streichelte über sein Haar. Du bist super fleißig!
Der Junge hielt inne, blickte sie an:
Mama, wo ist eigentlich mein Papa? Im Kindergarten haben alle einen Papa, nur ich nicht
Verena erstarrte. Sie bemühte sich, ruhig zu bleiben.
Ich weiß es auch nicht, mein Schatz. Papa ist gerade sehr weit weg. Aber er denkt ganz sicher an dich.
Aber warum ruft er nicht an? runzelte Niklas die Stirn und grübelte. Ich möchte ihm doch erzählen, dass ich jetzt selbst Schleifen binden kann!
Er er ist einfach momentan sehr beschäftigt, brachte Verena hervor, ein Kloß stieg ihr in den Hals. Aber ich bin sicher, dass er sehr stolz auf dich ist.
Der Junge dachte nach, nickte dann und wandte sich wieder seinem Puzzle zu.
Gut. Dann baue ich das Haus fertig, damit Papa sieht, wie schlau ich bin!
Verena saß still neben ihm und schluckte die Tränen hinunter. Sie hätte ihn gerne getröstet, fand aber keine Worte. Stattdessen streichelte sie ihm leise über den Kopf, roch das Shampoo in seinen Haaren und versuchte, diesen Moment zu bewahren ihren glücklichen, vertrauten Sohn an ihrer Seite, trotz aller offenen Fragen.
Trotz allem konnte Verena Niklas nicht vergessen. Im Innersten suchte sie immer wieder nach Erklärungen für sein Verschwinden. Vielleicht war ihm etwas Schlimmes passiert? Vielleicht brauchte er Hilfe und konnte sich deshalb nicht melden? Solche Gedanken halfen ihr über schwierige Zeiten hinweg.
Freunde und Familie versuchten oft, sie zu ermutigen, in die Zukunft zu schauen. Ihre Mutter sagte vorsichtig, es sei nicht gut, nur im Gestern zu leben der Junge und sie selbst seien doch jetzt wichtiger. Freundinnen redeten Klartext: Er hat dich verlassen, Verena. Mach endlich einen Strich drunter! Aber Verena wehrte sich, erzählte von glücklichen Tagen, seinen Versprechen was meist dazu führte, dass sie sich verschloss und die anderen nur noch seufzend nachgaben.
Verena war aber keine passive Träumerin. Immer wieder checkte sie Social Media, kontaktierte Bekannte, fragte herum, ob jemand Niklas gesehen habe, postete Suchaufrufe ohne Erfolg. Sie konnte oder wollte den Gedanken nicht akzeptieren, dass Niklas aus freien Stücken gegangen war.
Doch dann, nach fünf schweren Jahren, trat jemand Neues in Verenas Leben, der es schaffte, ihre Mauern zu durchbrechen. Es war beinahe Zufall: Sie lernten sich an einem Geburtstag einer gemeinsamen Freundin in Hamburg kennen. Johannes fiel ihr gleich auf. Er war wie soll ich sagen? verlässlich. Echt. Ehrlich, freundlich, zuvorkommend Genau das, was sie gebraucht hatte.
Schon bei den ersten Treffen hatte Verena das Gefühl, bei Johannes sie selbst sein zu dürfen. Er verlangte keine ständige Fröhlichkeit von ihr, musste keine aufgesetzte Show erleben. Wenn sie müde war, bot er an, nach Hause zu gehen. Wollte sie schweigen, ließ er sie in Ruhe. Johannes war einfach bodenständig, solide und vor allem wirklich verliebt.
Sogar in Kleinigkeiten zeigte sich seine Zuneigung: er wusste, welchen Kaffee sie mochte, kannte die Namen ihrer Kolleginnen und zeigte echtes Interesse an ihrem Leben. Hausarbeit übernahm er ohne Worte und Verena nutzte all das gern aus.
Ganz besonders rührte sie, wie Johannes sich mit Niklas verstand. Beim ersten Treffen musterte der Junge den fremden Mann erst misstrauisch und klammerte sich an Mama. Doch Johannes kniete sich hin, war auf Augenhöhe und fragte nach Niklas Lieblingsserien. Eine halbe Stunde später bauten sie gemeinsam eine Ritterburg, und Niklas zeigte stolz sein Lieblingsspielzeug.
Mit der Zeit wurde Johannes ein regelmäßiger Gast im Haus der Großeltern, wo Niklas lebte, ging mit ihm in den Tierpark, brachte ihm Fahrradfahren bei und las abends Märchen vor. Eines Tages Verena kam nach einem langen Arbeitstag ins Wohnzimmer, sah die beiden beim Malen sagte Johannes ruhig: Ich würde gerne sein richtiger Vater werden. Wenn du zustimmst, würde ich Niklas sogar adoptieren.
Lena war ehrlich froh für ihre Freundin. Sie sah, wie sich Verenas Leben veränderte: Der Blick wacher, die Stirnfalten verschwinden, das Lächeln wurde wieder echt. Doch heute war ihr ein Fauxpas unterlaufen sie hatte Niklas, den Ex, erwähnt. Sie hoffte inständig, dass Verena sich davon nicht zu sehr herunterziehen ließ.
Verena wirkte jedoch gefasst.
Ich bin älter und klüger geworden, sagte sie mit leichtem Lächeln, das Kleid sorgfältig zusammenlegend. Ich weiß, meine Gefühle für Niklas gehören in die Vergangenheit. Manchmal bereue ich sogar, dass ich meinen Sohn genauso genannt habe. Ich wollte damals einfach auf niemanden hören Wie habt ihr mich nur ertragen?
Lena legte sanft die Hand auf ihre.
Möchtest du Niklas zu dir holen?
Ja, sagte Verena fest. Vor allem Johannes drängt darauf. Er hat sogar vorgeschlagen, Niklas einen neuen Namen zu geben das würde mir vieles erleichtern. Die Geburtsurkunde muss ohnehin geändert werden, wenn die Adoption durch ist.
Sie betrachtete den Regen am Fenster, die Tropfen, die gemächlich verliefen.
Früher hatte ich Angst, dass mich Niklas immer an die Vergangenheit erinnern wird. Heute sehe ich ein, wie falsch ich lag. Er ist mein Sohn, er verdient eine glückliche Kindheit mit zwei liebenden Eltern! Großeltern sind wichtig, aber sie können Mutter und Vater nicht ersetzen Johannes hat das sofort verstanden. Du solltest sehen, wie sehr er an Niklas hängt!
Gute Idee! rief Lena begeistert. Frag Niklas doch, wie er heißen möchte. So fällt ihm der Wechsel leichter.
Ich weiß es ehrlich gesagt noch nicht Aber zum Glück ist noch Zeit.
Tatsächlich verbarg Verena die Wahrheit. Sie liebte Niklas immer noch, diese Gefühle verschwanden nie. Doch brachten sie sie nicht weiter. Ihre Eltern schränkten die Kontakte mit dem Enkel inzwischen ein, weil sie sich bei den Besuchen häufig gehen ließ und Niklas verunsicherte. Freunde wollten von ihren Problemen nichts mehr hören und hielten sie hinter vorgehaltener Hand für instabil. Es war höchste Zeit, loszulassen und im Hier und Jetzt anzukommen.
Bei ihrer eigenen Hochzeit zum Beispiel.
Nur das war unendlich schwer.
Johannes war ein guter Mensch, keine Frage, aber Er war eben nicht Niklas. Verena war nicht wirklich verliebt. Sie nutzte nur seine Zuneigung aus.
Wenn Niklas doch zurückkäme Sie hätte alles für ein gemeinsames Leben mit ihm gegeben
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Es wird keine Hochzeit geben! rief Verena aufgeregt, ein Grinsen im Gesicht, fast tänzelnd. Wir gehen getrennte Wege wie Schiffe auf der Elbe!
Johannes schaute sie verständnislos an, versuchte ihre Worte zu begreifen. Nur noch eine Woche bis zum Fest alles war organisiert, Menü besprochen, Blumen bestellt, Gäste eingeladen. Und jetzt das?
Was heißt das, es wird keine geben? fragte er, halb hoffend, sie meine das nicht ernst. Verena, was soll das? Was ist passiert?
Aber Verena ging nicht auf ihn ein. Sie packte Sachen aus den Regalen in einen offenen Koffer, ihr Gesicht voller Glück und Spannung.
Niklas ist zurück! platzte sie heraus, ohne Johannes anzusehen. Ihre Stimme war von so echter Freude erfüllt, dass ihm das Herz schwer wurde. Er ist gestern angekommen, wir haben alles geklärt Zuerst konnte ich es selbst kaum glauben!
Sie hielt inne, sah ihn jetzt an in ihrem Blick keine Reue, nur noch Begeisterung und Ungeduld.
Ich danke dir für die letzten Monate, setzte sie mit etwas sanfterer Stimme fort. Es war friedlich und nett mit dir Du bist ein toller Mann, Johannes. Aber wahre Liebe verspürte ich nie für dich. Jetzt habe ich die Chance auf echtes Glück die kann und will ich nicht vergeben.
Johannes spürte eine eigenartige Kälte in Brust und Magen aufsteigen. Schon wieder Niklas. Immer wieder dieser Niklas, den Verena so sehr idealisierte, dass er sich in ihrer Nähe überflüssig fühlte. Er hatte es geahnt, aber gehofft, dass mit mehr Zeit ihre Gefühle schwächer würden.
Hast du überhaupt mit ihm gesprochen? brachte er heraus, seine Stimme klang gepresst. Was hat er gesagt? Wie rechtfertigt er sich diesmal?
Er hat sich nicht gerechtfertigt, sagte Verena fast schroff. Er hat zugegeben, einen Fehler gemacht zu haben, und nur an mich gedacht.
Sie wandte sich wieder zum Packen ab. Johannes stand unbeweglich inmitten des Zimmers, als läge er in einer anderen Welt.
Wir haben telefoniert, fuhr sie ruhig fort, suchte in einer Schublade nach etwas Wichtigem, seine Eltern haben auf dem Auslandsstudium bestanden, er konnte mich nicht einmal warnen. Kannst du dir das vorstellen? All die Jahre hat er nur an mich gedacht. Aber jetzt wird alles gut wir werden glücklich, für immer!
Sie erinnerte sich lebendig an das erste Telefonat nach Jahren. Niklas Stimme war zittrig, voller Aufregung:
Verena, ich weiß, das klingt alles furchtbar. Aber versteh bitte: Meine Eltern haben mich vor vollendete Tatsachen gestellt. Entweder das Studium in London oder sie enterben mich. Ich habe wirklich gekämpft Aber sie haben mir die EC-Karte gesperrt, meine Konten blockiert, sogar mein Handy konfisziert!
Und warum hast du nicht wenigstens einmal geschrieben? fragte Verena, bemüht, ihre Enttäuschung zu verbergen.
Ich konnte nicht. Was hätte ich dir sagen sollen? Dass ich ein Feigling bin und mich habe von den Eltern steuern lassen?
Während er das erklärte, spürte Verena, wie die alten Wunden abklangen. Plötzlich fühlte sich alles wieder warm an, jede Bitterkeit fiel mit dem Klang seiner Stimme ab. Sie hatte auf diesen Anruf gewartet immer und immer wieder.
Jetzt ist alles anders, hatte Niklas erklärt. Ich habe abgebrochen, bin zurück. Und gehe nie wieder weg.
Diese Worte klangen Verena im Kopf, als sie jetzt Johannes gegenüberstand.
Sie brach das Packen kurz ab, überflog mit prüfendem Blick das Zimmer, ob sie nichts vergessen hatte. Erst jetzt sah sie, wie blass Johannes geworden war. Sein Gesicht war fast weiß, der Blick ins Leere gerichtet.
Keine Sorge, sagte Verena nun etwas sanfter, aber bestimmt. Ich habe allen abgesagt, die Feier ist storniert, du wirst nicht mehr behelligt. Sicher, einige werden dir ihr Mitgefühl bekunden aber du bist stark, du schaffst das.
Sie zog den Koffer zu sich, richtete die Griffe und prüfte, ob sie ihn problemlos ziehen konnte. Dann sah sie Johannes an, in ihrem Blick keine Unsicherheit, kein Bedauern.
Und bitte ruf nicht an, schreib keine Nachrichten, keine Sprachnachrichten mehr. Meine Entscheidung steht fest, die ändert sich nicht mehr!
Sie nahm den Koffer, schwankte kurz wegen seines Gewichts, richtete sich dann wieder auf und ging entschlossen Richtung Tür, als hätte sie Angst, jeder Zögern könnte sie ins Wanken bringen.
Johannes blieb stehen, das Herz schwer, alles um ihn herum schrumpfte zusammen. Er atmete tief durch, riss sich zusammen. Schreien wollte er nicht, demütig wirken sowieso nicht. Er ballte die Fäuste, ließ wieder locker, zwang sich zu ruhiger Stimme:
Vielleicht gehst du zu schnell? fragte er und blickte sie direkt an.
Sie hielt an der Tür inne, den Griff des Koffers gepackt, schaute jedoch nicht zurück. Die Schultern steif, die Finger krampften sich um das Leder.
Was, wenn Niklas gar nicht zu dir zurück will? versuchte Johannes weiter. Wenn er euren Sohn nicht anerkennt? Oder will er dich überhaupt heiraten?
Verena fuhr herum. Ihr Gesicht war glühend vor Aufregung und Wut. Sie machte ein paar schnelle Schritte auf Johannes zu, fast als müsse sie ihm etwas beweisen.
Er will mit mir über alles sprechen! rief sie. Das reicht! Versuch erst gar nicht, ihn schlechtzureden Niklas ist anders!
Auf die letzten Worte zitterte ihre Stimme, aber sie fasste sich sofort und schob den Koffer wieder zur Tür.
Könntest mir ruhig helfen, murmelte sie, als sie mühsam das schwere Gepäck zog.
Johannes machte instinktiv einen Schritt, als wolle er helfen, hielt aber inne. Warum soll er auch einem Menschen helfen, der seine Liebe mit Füßen tritt? Verena war ohnehin schon weit weg, in Gedanken längst wieder bei Niklas. In ihren Augen war Zuversicht, fast Euphorie: Gleich beginnt ein neues Leben, voller Liebe! Sie sah sicher schon, wie Niklas sie glücklich empfängt
Aber die Realität war anders. Niklas, der sie zu einem ernsten Gespräch eingeladen hatte, dachte gar nicht an Heirat oder Liebesbekenntnisse. Er wollte einfach Klarheit schaffen, Abschied nehmen und hatte längst eine andere Frau.
Doch Verena klammerte sich an ihre Vorstellungen, nach all den Jahren wollte sie endlich glauben koste es, was es wolle.
Mit letzter Kraft schleppte sie den Koffer zur Haustür, hielt inne, als wollte sie noch etwas sagen. Doch sie schluckte, öffnete entschlossen die Tür und verschwand ohne sich noch einmal umzudrehen.
Johannes stand in der Stille, sah die zugefallene Tür an. Noch hing ihr Parfum in der Luft, und in seinen Ohren klangen ihre letzten Worte: Niklas ist anders!
Er setzte sich langsam auf einen Stuhl, spürte, wie die Erschöpfung plötzlich übermächtig wurde. Alles war zu schnell, zu endgültig passiert. Nun musste er lernen, damit zu leben ohne Verena, ohne Pläne, ohne Illusionen
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Niklas öffnete die Wohnungstür, erstaunt über den frühen Besuch. Vor ihm stand Verena mit zwei Koffern, ihr Gesicht überschlugen sich vor Freude, die Augen glänzten erwartungsvoll. Er erstarrte, brachte keinen Ton heraus. Nur ein Gedanke kreiste im Kopf: Wie sehr kann man sich irren?
Für ihn war das alles längst abgeschlossen. Als Verena mit Johannes zusammenkam, war Niklas endlich erleichtert gewesen er konnte zurück in seine Heimatstadt Hamburg, ein ruhiges Leben mit seiner Frau führen, ohne andauernd mit alten Geschichten konfrontiert zu werden. Er war innerlich beinahe dankbar, dass Verena einen anderen gefunden hatte das löste so viele Probleme.
Ja, er hatte angerufen, wollte ein anständiges Gespräch beenden, ein bisschen Höflichkeit. Doch daraus war offensichtlich mehr geworden
Jetzt stand sie vor seiner Tür mit Koffern, erwartete ganz klar mehr als nur ein Gespräch. Verwirrt trat Niklas einen Schritt zurück, um klar zu denken.
Niklas! rief Verena, kaum dass sie ihn sah, Alles ist entschieden. Ich bin jetzt hier, endlich werden wir zusammen glücklich!
Ihre Stimme war so sicher, als gäbe es keine Alternative. Sie wollte gerade eintreten, aber Niklas hob abwehrend die Hand.
Verena, warte begann er vorsichtig, Du weißt offenbar nicht alles.
Sie runzelte die Stirn, das Lächeln schwand.
Wie meinst du das? Wir wollten doch über alles sprechen!
Niklas atmete tief durch.
Ich bin verheiratet. Seit zwei Jahren. Und wir sind sehr glücklich.
Verena erstarrte, die Augen weit aufgerissen. Sie brachte zuerst kein Wort heraus, dann verzog sich ihr Gesicht Empörung, Schmerz und Verzweiflung mischten sich.
Was soll das heißen? flüsterte sie heiser. Das kann nicht sein Du hast doch angerufen, gesagt, alles würde anders!
Ich wollte mich verabschieden, antwortete Niklas leise. Erklären, dass für uns beide ein neuer Abschnitt beginnt. Offenbar hast du das falsch verstanden.
Verena stolperte einen Schritt zurück, die Hände zitterten. Mit geballten Fäusten versuchte sie, die Fassung zu bewahren, aber die Emotionen wogten auf.
Du hast mich all die Jahre belogen! schrie sie auf. Wie konntest du nur? Ich hab alles für dich aufgegeben!
Niklas wurde gereizt. Er wollte keinen Streit, keine Rechtfertigungen, aber Verena dachte nicht ans Aufgeben.
Ich habe dir nie etwas versprochen, entgegnete er hart. Es war deine eigene Idee, dass wir zusammen gehören. Ich wollte nur nicht verletzen, habe deshalb vorsichtig gesprochen. Aber jetzt ist das klar.
Verena schrie auf, schleuderte den Koffer zu Boden, Kleidung verteilte sich im Flur, aber das war ihr egal. Sie schrie, klagte, verlangte Erklärungen, immer lauter.
Niklas blieb nichts übrig, als sie freundlich, aber bestimmt aus dem Haus zu begleiten. Er schloss die Tür und hoffte, das Thema wäre nun erledigt. Doch Verena tobte, hämmerte gegen die Tür, brüllte nach ihm. Nachbarn lugten aus den Türen, einer murrte, ein anderer drohte mit der Polizei.
Nach einer Stunde, als sie immer lauter wurde und die Nachbarn wirklich kurz davor waren, die Polizei zu holen, verschwand sie endlich. Bevor sie endgültig ging, drehte sie sich zur Tür um, rief tränenüberströmt:
Ich komme wieder du wirst das noch bereuen!
Niklas schloss für einen Moment die Augen, fühlte sich vor Erschöpfung leer. Es war ihm klar, dass dies keine Ruhe bringen würde. Verena war stur was sie sich in den Kopf setzte, zog sie meistens durch.
Er ging ins Wohnzimmer, ließ sich aufs Sofa fallen und dachte nach. Er musste eine Entscheidung treffen länger konnte er nicht hierbleiben. Sie könnte jederzeit wieder auftauchen, Streit provozieren, die Nachbarn belästigen. Er zückte sein Handy und suchte auf dem Hamburger Wohnungsmarkt.
Die Wohnung muss schnell weg, am besten gleich ein anderer Stadtteil, dachte er
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Verena lief durch die Straßen, sah nichts, hörte nichts, Tränen stiegen ihr ins Gesicht, ihre Gedanken wirbelten, und sie war leer und erschöpft. In ihrer Vorstellung hatte Niklas sie mit offenen Armen empfangen, erklärt, dass alles gut werden würde. Doch die Realität war grausam kompromisslos.
Stundenlang irrte sie herum. Irgendwann führte sie ihr Weg automatisch zum Haus von Johannes. Sie blieb vor dem Eingang stehen, trocknete sich die Tränen, richtete das Haar, wollte wenigstens etwas gefasst aussehen. Tief Luft holend ging sie hoch, klingelte zaghaft.
Johannes öffnete nicht gleich. Als er schließlich in der Tür stand, war sein Gesicht kalt, zurückhaltend. Er lud sie nicht ein, blieb wortlos stehen.
Johannes, bitte, fing sie leise an. Ich weiß, ich habe mich schrecklich benommen. Es war dumm, es war verletzend. Aber ich ich möchte es wiedergutmachen.
Sie hielt kurz inne, suchte nach den richtigen Worten. Wieder glänzten Tränen in den Augen.
Ich werde nie wieder den Namen Niklas sagen, fuhr sie fort. Ich schwöre es. Es war ein Fehler, ich habe erkannt, dass ich nur mit dir wirklich glücklich sein kann. Gib mir eine Chance.
Sie meinte es ehrlich, in diesem Moment glaubte sie wirklich, alles könnte gut werden, wenn Johannes ihr verzieh.
Johannes schüttelte langsam den Kopf. Nicht noch einmal würde er auf das hereinfällen.
Verena, sagte er leise, du hast dich entschieden. Noch vor ein paar Stunden standest du hier mit Gepäck und hast erklärt, dass du zu ihm gehst. Das war deine Wahl.
Damals habe ich mich geirrt! rief sie. Ich habe nicht gewusst, was ich tue. Ich war voller Emotionen! Ich
Johannes seufzte, fuhr sich durch die Haare. Es war hart, aber er wusste: Er durfte seinen Gefühlen nicht mehr nachgeben.
Du bist nicht nur von mir gegangen du bist zu ihm. Du hast dich entschieden, und ich respektiere das. Und jetzt, wo alles schief gegangen ist, willst du zurückkommen?
Ja! rief sie, weil ich dich liebe. Nur dich!
Er zögerte einen Moment, dann lächelte er traurig und meinte fest:
Ich glaube nicht mehr an die Echtheit deiner Worte. Leb wohl.
Verena spürte, wie alles in ihr zu Boden fiel. Johannes betrachtete sie ruhig, nicht böse, nur klar und endgültig. Er glaubte ihr wirklich nicht mehr.
Bitte flüsterte sie, doch die Stimme versagte.
Tut mir leid, sagte Johannes, es ist besser so. Für uns beide.
Er schloss die Tür. Verena blieb einen Moment stumm, dann sackte sie auf die Stufe, vergrub das Gesicht in den Händen und weinte. Diesmal nicht vor Zorn oder Trotz sondern aus der bitteren Erkenntnis heraus, dass sie sowohl Niklas als auch Johannes verloren hatte und jetzt nicht mehr wusste, wie es weitergehen sollte.





