Meine Tochter gebe ich nicht her. Eine ergreifende Geschichte

“Die Tochter gebe ich nicht her.”

Also nimmst du das Mädchen nicht?

Nein. Und ich rate dir auch davon ab, Bernd. Du weißt nicht, was es bedeutet, ein Säugling zu sein. Ich schon. Habe drei großgezogen, kaum aus den Windeln gekrochen

Ich gebe sie nicht her! Er schlug das kleine, facettierte Glas auf den Tisch.

Bernd hatte zu viel getrunken. Nun saß er im Haus seiner Schwester, mit abgewetztem Wachstuchtisch, die Faust um das Glas gekrampft.

Sei leise! Die Kinder schlafen! Habe ichs dir nicht gesagt? Aber du Eine Waise, dann gibts keine Schwiegermutter, ein Segen! Da hast du deinen Witz!, zischte Zenobia.

Was hat das damit zu tun?

Alles. Hättest du wenigstens eine Oma. Aber so

Bernd hatte Grund zu trinken. Und er tat es selten das zweite Mal seit Lidas Tod. Das erste Mal war bei der Beerdigung.

Seine Lida starb bei der Geburt. Wohl eher danach.

Die Hilfsschwester, die eine Tafel Schokolade bekam, klapperte mit abgetragenen Pantoffeln die Treppe hoch, kam bald zurück.

Ein Mädchen, Papa. Groß dreitausendachthundert.

Ein Mädchen? Bernd grinste unwillkürlich. Dabei hatte er sich einen Jungen gewünscht. Alle Männer wollen Söhne. Aber jetzt er strahlte. Und Lida? Wann darf ich sie sehen?

Die Schwester wurde plötzlich ärgerlich, zuckte die Schultern:

Was ich nicht weiß, das weiß ich nicht. Beckenendlage. Sie sagen, es blutet noch. Komm morgen.

Bernd nahm diese Blutung nicht ernst. Dachte, das gehöre so. Männer verstehen wenig von Geburten.

Er kam erst am nächsten Abend, nach der Arbeit.

Ging am Zaun entlang, unter vertrockneten Akazien mit braunen Schoten, unter nassen Ebereschen mit roten Beeren, unter Pappeln mit herbem Herbstgeruch. Lächelnd blickte er zu den Fenstern hoch.

Vielleicht war Lida schon auf, sah ihn kommen?

Die Tasche war leicht. Die Kollegen hatten geraten, was mitzubringen: frisches Brot, gekochte Eier, ein paar Äpfel, Weintrauben. Damals gab es kaum Einschränkungen für Stillende.

Er wartete lange im Flur, niemand erklärte etwas, er versteckte die schwarzgeölten Hände des Drehers in den Taschen.

Endlich kam die Ärztin.

Wir taten alles. Aber die Blutung war stark. Solche Komplikationen gibt es. Mein Beileid

Bernd hörte, ohne zu verstehen worum ging es?

Bleich wie Leinen sackte er auf die Bank. Man gab ihm Wasser, Tropfen. Er trank gehorsam, hob dann die Augen.

Ist sie tot?

Ja. Ihr Beileid.

Er nickte. Verstand jetzt. Es war ihm peinlich, dass so viele um ihn herumstanden. Er erhob sich, ging zur Tür.

Ich fahre Geben Sie ihr das. Er zeigte auf die Tasche. Ach! nahm sie wieder Ich fahre

Moment. Das Mädchen bleibt noch hier, keine Sorge. Die Leiche Ihrer Frau ist im Leichenhaus. Wann kommen Sie?

Das Mädchen? Ach ja Noch hatte er Frau und Kind nicht getrennt, er brachte eine Person hierher. Lebt sie?

Ja. Gesund. Mit dem Mädchen ist alles gut. Nur Nun, kümmern Sie sich um die Beerdigung, das Mädchen bleibt hier.

Beerdigung? Er war völlig verwirrt. Ach ja. Gut. Was muss ich tun?

Er begriff erst zu Hause. Der Schmerz kam schneidend, stach ins Herz, fraß am Kopf. Legte sich, sammelte neue Kraft, kam wieder.

Lida Lidachen Seine Lida Seine Seele wehrte sich. Nicht beschützt Nicht beschützt

Bernd wuchs in Barndorf auf, arbeitete in der LPG, heiratete spät es wollte nicht klappen.

Dann starb die Mutter, er blieb im Haus der Schwester. Unbehaglich. Die Schwester war schroff, mit müdem Blick, stets erschöpft von Familie und Hof.

Als ihn die Fabrik in Lichtenberg rief, ging er. Dort traf er Lida.

Jung, schüchtern, freundlich. Sie wuchs im Heim auf, lebte nun bei der Großmutter in der Stadt.

In ihr Haus zog auch Bernd. Die Alte war mürrisch, vom Leben gezeichnet, von der trunksüchtigen Tochter und ihren Zechkumpanen. Bernd gefiel ihr nicht.

Ihr Haus, eher ein Schuppen Anbau an ein anderes war baufällig. Zwei kleine Zimmer, fensterlose Küche mit alter, von Lida geschrubbter, doch rostiger Wanne, eine kleine Veranda.

Schlimmer: Das Haus war krank, befallen von einem gefräßigen Pilz oder Käfer.

Der Käfer fraß Böden, Wände. Stühle und Tische versanken. Egal, wie stark man heizte es blieb kalt. Bernd kämpfte, verlor.

Das Haus lag in einer stillen Sackgasse nahe dem Markt, wo nur Anwohner und Betrunkene vom Bierladen vorbeikamen.

Vielleicht trank deshalb Lidas Mutter? Vielleicht hasste Lida deshalb Alkohol?

Seit er Lida kannte, trank Bernd kaum. Sie weinte sonst.

Die Alte akzeptierte ihn, weil er fleißig war. Das Haus erwachte, die einst verlassene Enkelin blühte auf.

Am Ende trug Bernd die vierzig Kilo leichte Alte zur Wanne. Sie lag ein halbes Jahr, starb leise.

Nun war der Dreher Bernd Hartmann allein. Bald holte er sein Baby die Tochter. Sie war zwei Monate alt, konnte nicht länger im Krankenhaus bleiben.

Er bat die Schwester um Hilfe. Sie lehnte ab. Verständlich gerade zurück im Job, mit drei Buben leichter, und nun er. Er bot Geld, aber hundert Mark waren viel. Sie blieb hart.

Lida hatte mit ihm gelebt. War gar nicht so schüchtern. Erst nach zwei Jahren erzählte sie vom Heim.

Ich wurde am dritten Tag verprügelt, Bernd.

Von Jungs?

Nein. Die Erzieherin. Ich war lebhaft, alberte herum. Sie zerrte mich an den Haaren, führte mich in den Abstellraum lehrte mich Ruhe.

Lida, um Himmels willen! So geht das?

Ja. Nicht mit allen. Wer still war, blieb verschont. Die anderen wurden gebrochen. Seitdem fürchtete ich sie, war ein Mäuschen. Ich hasse Heime. Meine Kinder kommen nie dahin! Niemals!

Zenobia drängte: Gib sie ins Heim, dort ist die Pflege besser. Wenn sie größer ist, holst du sie Er dachte an Lidas Worte. Nein Lieber wuchs sie bei ihm auf.

Bernd bekam Urlaub. In einem Monat musste er entscheiden.

Die alte Schwester blickte mitleidig und ärgerlich.

Wohin mit den Händen? Schwarze! Das ist kein Werkstück, das ist ein Kind!

Kein Dreck. Geht nicht ab Ich bin Dreher.

Ohne saubere Hände kein Kind. Seife.

Seife half nicht, sie brachte eine Lösung, die Schwärze schäumte, die Hände wurden sauber.

Was sind das für Windeln? Weißt du überhaupt Kannst du wickeln? Baden? Hast du die Milchküche organisiert? Oh weh, weh, jammerte sie, wickelte ihm das Kind, erklärte Grundlagen. Such eine Frau, eine Oma. Du schaffst es nicht allein. Wie heißt sie?

Schon getan. Der Ausweis ist da. Lida wollte einen Jungen Alex. Also Alexandra. Alexandra Berndowna.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: