Leerer Platz
Du bist ein leerer Platz geworden, Hildegard. Verstehst du? Ein leerer. Platz.
Er sagte es tonlos, so sachlich wie eine Einkaufsliste. Er stand am Fenster, den Rücken ihr zugekehrt, und schaute in den Hof. Dort führte jemand einen kleinen Rauhaardackel Gassi. Der Dackel zerrte fröhlich an der Leine, wollte unbedingt zur Pfütze.
Hildegard Wagner saß auf dem Sofa mit einer Tasse Tee in den Händen. Der Tee war längst kalt, seit zwanzig Minuten, aber sie hielt die Tasse fest, weil sie nicht wusste, wohin mit den Händen.
Was meinst du? fragte sie leise.
Genau das. Hans drehte sich schließlich um. Sein Gesichtsausdruck war gelangweilt, beinahe müde, wie bei einem Menschen, der gezwungen wird, etwas Selbstverständliches zu erklären. Wenn ich dich anschaue, sehe ich nichts. Leere. Grau. Du gehst, du kochst, du schläfst. Du bist wie ein Möbelstück, Hildegard. Gutes, solides Möbel, aber eben Möbel.
Sie stellte die Tasse auf den Beistelltisch. Das Porzellan klirrte leise auf dem Holz.
Zehn Jahre, sagte sie.
Was zehn Jahre?
Wir haben zehn Jahre zusammengelebt.
Na und? Er zuckte mit den Schultern, ging durchs Zimmer und ließ sich gegenüber in den Sessel fallen. Zehn Jahre. Das ist lang genug, um zu merken, dass es keinen Sinn mehr macht. Ich will so nicht mehr leben. Ich will… Er hielt inne, suchte nach einem Wort. Ich will noch was fühlen. Aber du gibst mir nichts zu fühlen. Du inspirierst mich nicht. Du bist gar nicht da, obwohl du hier sitzt.
Hildegard spürte, wie etwas in ihr, ein sturer, kleiner Stab in der Brust, langsam nachgab.
Wohin soll ich denn gehen, Hans?
Das ist deine Sache. Er schlug die Beine übereinander. Die Wohnung ist eh auf meine Mutter angemeldet, das weißt du. Du bist hier formal niemand. Ich dränge dich nicht, aber reicht eine Woche? Du wirst schon was finden.
Eine Woche reicht, murmelte sie.
Sehr gut. Er nahm sein Handy vom Couchtisch und begann zu scrollen. Für ihn war das Gespräch erledigt.
Hildegard stand auf. Sie ging ins Schlafzimmer, schloss die Tür hinter sich. Legte sich aufs Bett, starrte an die Decke. Die war weiß, mit einem kleinen gelben Fleck in der Ecke, den sie vor zwei Jahren schon hatte überstreichen wollen. Sie hatte es nie gemacht.
Hinter der Wand dudelte leise der Fernseher. Hans hatte etwas zu tun gefunden.
Sie weinte nicht. Lag nur da und starrte an die fleckige Decke. In ihrer Brust war es ganz still, wie in einer Wohnung kurz nach Glasbruch.
***
Die Woche zog sich wie Nebel, seltsam zäh und unscharf. Hans war kaum noch da, kam spät nach Hause und verschwand früh. Sie redeten nicht mehr. Hildegard räumte ihre Sachen und das war demütigend einfach, denn es waren kaum Sachen wirklich ihre. Ein paar Kleider, ein Wintermantel, eine Kiste mit alten Fotos, Nähzeitschriften, die sie lange nicht mehr angesehen hatte.
Bei den Nähzeitschriften zögerte sie erst, ließ sie zurück. Dann holte sie sie doch wieder.
Sie rief ihre Tante von Mamas Seite, Tante Gisela, an. Sie hatte sie das letzte Mal auf der Beerdigung der Mutter gesehen, sieben Jahre war das her. Tante Gisela hörte zu, schwieg eine Weile und meinte dann:
Komm vorbei. Ich hab ein Zimmer, klein, aber es geht. Bleib, bis du was gefunden hast.
Tante Gisela lebte am nördlichen Rand von Hannover, wo der Bus nur stündlich fuhr und der Edeka der einzige Laden im Umkreis war. Hildegard mochte diese Gegend nie: Fünfgeschossige Plattenbauten, abblätternde Haustürvordächer, Pappeln, die im Frühling alles mit weißem Flaum überziehen.
Sie kommt an einem Freitagabend, mit zwei Taschen und einem Koffer.
Mein Gott, bist du dünn geworden! ruft Tante Gisela, als sie die Tür öffnet. Sie ist klein, rundlich, mit einem freundlichen, verlebten Gesicht und riecht irgendwie nach Brühe und Lavendel. Na los, komm rein. Hunger? Es gibt Eintopf.
Nein danke, Tante Gisela.
Ach, iss. Sie geht in die Küche.
Das Zimmer ist klein, mit einem schmalen Sofa, einem alten Schrank und einem Fenster zum Hinterhof. Die einst blauen Tapeten sind verwaschen bis zur Unkenntlichkeit. Auf dem Fensterbrett blühen drei Geraniumpflanzen in roten Plastiktöpfen und sehen prächtig aus.
Hildegard stellt ihre Taschen ab, setzt sich aufs Sofa. Die Federn quietschen.
Willst du Tee? ruft Tante Gisela aus der Küche.
Ja, bitte, antwortet sie.
Erst in dieser kleinen Kammer, zwischen Geranien und blassen Tapeten, fängt sie an zu weinen.
***
Dann kam diese lange, graue Zeit.
Morgens fiel ihr das Aufstehen schwer, weil sie keinen Grund sah. Sie lag wach, hörte Tante Gisela in der Küche klappern und draußen die Bremsen der wenigen Autos quietschen. Stand schließlich doch auf, wusch sich, trank Tee in der Küche und sah auf die Wand des Nachbarhauses.
Tante Gisela war klug. Sie stellte keine Fragen, gab keine Ratschläge. Sie füllte Hildegards Teller mit Eintopf, ließ sie ihren Fernseher benutzen, und abends schob sie manchmal ein Kartenspiel auf die Küchenplatte und fragte leise:
Eine Runde Mau-Mau?
Sie spielten, meist schweigend.
Geld hatte Hildegard kaum. Sie hob alles ab, was ihr kleiner Sparkassen-Kontostand hergab: knapp zweitausend Euro genug für eine, vielleicht anderthalb Monate, wenn sie sparte. Sie sparte.
Als Buchhalterin arbeitete sie zuletzt bei einer Bau GmbH am anderen Ende der Stadt diesen Job hatte sie noch. Drei Mal die Woche fuhr sie ins Büro, bearbeitete Rechnungen, bekam ihre 1300 Euro netto. Davon zahlte sie Tante Gisela ein Zimmergeld, auch wenn die es nur unter Protest annahm bis Hildegard ihr einfach einen Umschlag auf den Küchentisch legte und verschwand.
Abends wars am schlimmsten. Sie saß im dunklen Zimmer, ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Zehn Jahre nicht wenig. Zehn Jahre Frühstück, Grippe, Weihnachten, Nordseetage, Streit und Versöhnung. Und nun war sie für ihn ein leerer Platz, einfach Möbel. Vielleicht war sie das wirklich geworden. Oder er. Oder beide.
Oft scrollte sie durchs Handy, las alte Nachrichten mit Hans, Fotos aus Rügen vor drei Jahren. Sie lachten auf den Bildern, sie wusste nicht mehr, worüber.
Dann legte sie sich früh ins Bett, deckte sich bis über den Kopf zu.
Einmal rief Tante Gisela durch die Tür:
Schlaf schon?
Nein.
Ich hörs doch. Hunger?
Nein.
Dann ruhe weiter. Kurze Pause. Weißt du, ich hab meinen damals auch rausgeworfen. Dachte, ich sterb dran. Bin nicht gestorben.
Tür. Stille.
Hildegard lag da: Fast fünfzig, Hildegard. Von vorn anfangen. Als wäre das einfach.
***
Die Nähmaschine fand sie Anfang des zweiten Monats.
Tante Gisela bat sie, die Abseite im Flur auszuräumen fünfzehn Jahre war da keiner mehr dran gewesen, ein Museum des Westdeutschlands. Hildegard war froh: endlich was zu tun.
Sie fand alte Brigitte-Hefte, einen zerbrochenen Regenschirm, Schachteln mit Knöpfen, leere Parfümflacons, Postkarten von Weihnachten, verblichene Glückwünsche. Ganz hinten stieß sie auf etwas Schweres, in ein altes Betttuch gewickelt.
Sie packte aus.
Es war eine alte Nähmaschine. Schwarz, mit goldenen Ornamenten, etwas abgerieben, aber schön. Vorne stand Pfaff 230 in schwungvoller Schrift.
Tante Gisela! rief Hildegard.
Die Tante kam mit Küchentuch über der Schulter.
Ach du lieber Himmel, die Pfaff! Freude in der Stimme. Die gehörte meiner Schwester Elsbeth. Jahrzehnte her, keine Ahnung, ob sie noch läuft.
Darf ichs probieren?
Tante Gisela sah sie prüfend an.
Kannst du noch nähen?
Früher mal.
Dann los.
Hildegard zerrte die Maschine ins Zimmer, stellte sie ans Fenster. Sie wischte Staub ab, holte die eingetrockneten Fäden vom Greifer, suchte Zubehör in Elsbeths alten Schachteln: Garnrollen, Nadeln, Maßband, stumpfe Schere.
Sie fand sogar Öl und holte neues aus dem Fachgeschäft. Dann schmierte sie alles durch, säuberte die Greiferzahnung, kurbelte das Handrad. Erst schwergängig, dann immer leichter.
Sie saß bestimmt drei Stunden an der Maschine, fädelte den Faden, setzte die Spule ein.
Teste mit einem alten Stück Stoff. Drückte aufs Pedal.
Die Maschine näherte sich, surrte, schnurrte der Nähfuß stieß wie ein kleiner Webstuhl gegen den Stoff. Und Hildegard spürte ein komisches Gefühl, als würden eingeschlafene Finger wieder lebendig: schmerzend, aber erfrischend.
Sie stoppte, betrachtete die Naht. Gerade. Fast perfekt.
Etwas regte sich tief in ihrem Gedächtnis.
***
Mit achtzehn nähte sie ständig. Aus Mamas alten Kleidern machte sie Röcke, aus Flohmarktstoffen Blusen. Im Schneideratelier gegenüber der Berufsschule arbeitete Frau Renate, die alte Meisterin mit nadelgestochenen Händen. Hildegard stand dort oft, schaute zu, wie Zuschnitt und Nähte verliefen. Frau Renate erklärte gern sie merkte, dass das Mädchen nicht nur aus Langeweile, sondern aus Anteilnahme da war.
Dann kamen das Studium, Hans, die Hochzeit, der Alltag alles auf einmal. Die Nähmaschine aus dem ersten Gehalt verkaufte sie, als sie zusammenzogen. Hans fand, die nehme zu viel Platz. Hildegard gehorchte sie war verliebt und glaubte, nun zähle anderes.
Jahre verstrichen. Nähen geriet in Vergessenheit. Nur wenn sie im Schaufenster ein schönes Kleid sah oder in einer Zeitschrift, dachte sie manchmal: Das würde ich gern nähen. Und tat es nicht.
Jetzt saß sie in einer kleinen Kammer am Stadtrand mit der Pfaff und lauschte dem vibrierenden Surren der Nadel.
Sie ging am nächsten Tag auf den Wochenmarkt. Kein Kaufhaus, sondern wirklich Marktstände voller Stoffballen. Sie tastete Leinen, Baumwolle, Viskose. Blieb bei einem Stück blaugrauer Viskose stehen weich und matt.
Wie viel ham Sie denn davon? fragte sie die Händlerin.
Viereinhalb Meter.
Ich nehms ganz.
Die Händlerin schnitt ab und packte ein.
Was nähen Sie draus?
Ein Kleid, sagte Hildegard.
Sie wunderte sich selbst, wie selbstverständlich das klang.
***
Sie schnitt auf dem Boden zu: Stoff glatt, selbstgezeichnetes Schnittmuster nach Erinnerung und alten Heften als Vorlage. Der Entwurf war schlicht, gerade geschnitten mit Gürtel, Stehkragen, Dreiviertelarm. Keine Zaubertricks einfach eine gute Form.
Tante Gisela schaute ab und zu herein, brachte ihr kommentarlos eine Tasse Tee.
Schönes Blau, sagte sie einmal.
Beim ersten Schnitt zitterte Hildegard. In der Schublade fand sie neue, scharfe Stoffscheren, zum Glück. Nach dem ersten Schnitt verschwand die Angst.
Sie nähte drei Tage.
Nicht weil es lange dauerte, sondern weil sie sich Zeit ließ. Abends nach der Buchhaltung saß sie an der Pfaff und nähte konzentriert: erst Seitennähte, dann Reißverschluss, Kragen, dann die störrischen Ärmel, die zweimal nicht passten.
Wenns schwierig wurde, hielt sie inne, überlegte, trennte wieder auf und nähte neu. Die Pfaff schnurrte leise in diesen Stunden dachte sie nicht an Hans, sondern an Stoff, Naht, Kragenecke.
Am dritten Abend beendete sie die letzte Naht, bügelte alles, hängte das Kleid an einen Bügel.
Ein gutes Kleid.
Schlicht, blaugrau, mit zuverlässigen Linien, schön gerade weil nichts auffiel. Der Gürtel aus demselben Stoff betonte die Taille, der Stehkragen gab dezente Eleganz.
Sie probierte an.
Stellte sich im Flur vor den einzigen großen Spiegel der Wohnung. Der Spiegel hatte etwas angelaufene Ränder, aber zeigte ehrlich.
Hildegard stand lang und schaute auf ihr Spiegelbild. Vielleicht eine Minute. Oder mehr.
Aus dem Spiegel schaute sie eine Frau an. Kein Niemand, kein leerer Platz, kein Möbelstück. Nur eine Frau, fast fünfzig, mit dunklen Haaren streng zum Knoten gebunden, geradem Rücken und einem Blick, in dem etwas Zartes und Stolzes glomm.
Das Kleid saß. Sehr gut sogar.
Hildegard! rief Tante Gisela aus der Küche. Zeig mal, wie es geworden ist!
Hildegard trat im Kleid in die Küche.
Tante Gisela drehte sich vom Herd weg, sah sie an. Einen Moment lang schwieg sie.
Siehst du, sagte sie dann, das ist ganz etwas anderes.
Sie wandte sich wieder dem Topf zu, aber Hildegard sah, wie sie dabei lächelte.
Zurück im Zimmer strich Hildegard über das Kleid. Der Stoff lag faltenlos, angenehm. Es drückte nichts, es spannte nichts.
In ihrem Inneren, diesem kleinen Stab, knackte es leise. Er richtete sich etwas auf.
***
Am Samstag ging sie im Kleid raus.
Einfach so spazieren. Tante Gisela schickte sie in die Apotheke, Tabletten holen. Hildegard nahm das Rezept, warf das Kleid und einen leichten Blazer über und trat hinaus.
Es war ein guter Tag. Anfang Oktober, die Luft war klar und trocken. Die Pappeln schon gelb.
Sie ging, und ihr kam es vor, als ginge sie anders als sonst. Nicht eilig, nicht blicklos. Sie sah: Eine Katze saß auf dem Fensterbrett und beobachtete die Welt mit philosophischer Ruhe. Eine alte Dame strickte auf der Bank ein blaues Etwas. Ein Kind zog die Mutter zur Pfütze, die Mutter hielt dagegen.
Die Apotheke lag einen Block weiter. Nebenan war ein kleines Café mit dem Schild Backstube Frischer Kaffee. Früher fiel es ihr nie auf. Oder sie hatte es nie bemerkt.
Sie bestellte sich einen Cappuccino und ein Croissant, weil sie Lust hatte.
Fünf Tische, mehr nicht. In der Ecke saß eine ältere Dame, elegant, mit markanten Perlenohrringen und kurzen weißen Haaren. Vor ihr eine Tasse, das Handy daneben. Sie strahlte diese stille Autorität reifer Frauen aus.
Hildegard setzte sich ans Fenster, schaute hinaus und trank Kaffee. Zehn Minuten vergingen.
Entschuldigen Sie, sagte die Dame, und sie schaute interessiert.
Ihr Kleid ist wunderschön. Verraten Sie mir, wo Sie das gekauft haben?
Hildegard stockte kurz.
Selbst genäht.
Die Frau rutschte näher.
Sie sind Schneiderin?
Nein. Ich kann halt nähen. Früher jetzt wieder.
Der Schnitt Die Dame musterte sie fachkundig. Er wirkt so schlicht, und doch stimmt alles. Man siehts an der Stofflage. Ich kenn mich ein wenig aus habe mal im Modehaus gearbeitet.
Danke, sagte Hildegard ratlos.
Brigitte Henning, stellte sich die Frau vor. Einfach Brigitte.
Hildegard.
Darf ich Sie etwas fragen, und falls ich zu direkt bin, sagen Sie einfach Nein. In drei Wochen werde ich fünfundsechzig, will zum Geburtstag gut aussehen, finde aber nirgends ein Kleid, das nicht entweder altbacken oder zu jugendlich ist. Genau so wie Ihres hätte ich gern. Bekommen Sie das hin?
Hildegard sah sie an. Brigitte schaute zurück ohne Druck, nur ehrlich.
Da bewegte sich etwas in Hildegard.
Ich machs, sagte sie.
***
Brigitte kam zwei Tage später. Sie brachte einen dunkelroten Kreppstoff aus dem Fachgeschäft mit.
Hildegard maß sie im kleinen Zimmer aus, notierte alles in ein Heft. Sie skizzierten Skizzen am Küchentisch, bis eines gefiel: leicht ausgestelltes Kleid, Dreiviertelarm, dezenter V-Ausschnitt.
Das bitte, sagte Brigitte. Genau das.
In zwei Wochen ist es fertig.
Was kostet es?
Hildegard zögerte.
Ich weiß es nicht.
Ich schon. So viel nimmt ein gutes Atelier. Sie nannte den Betrag. Das kriegen Sie.
Es war das Doppelte ihres Monatslohns in der Buchhaltung.
Einverstanden, sagte Hildegard nach kurzem Schweigen.
Als Brigitte gegangen war, kam Tante Gisela aus der Küche.
Gute Bezahlung.
Ja.
Du solltest bei der Näherei bleiben, Hildegard. Du kannst das.
Hildegard betrachtete sie.
Tante Gisela, warum helfen Sie mir überhaupt so? Wir kannten uns kaum.
Tante Gisela dachte nach.
Weil du Hannelores Tochter bist. Hannelore hat mir früher geholfen, jetzt halt ich dir die Tür offen. Schulden zahlen sich manchmal von selbst zurück.
Sie ging wieder zum Herd.
Hildegard blickte zum Fenster. Da, auf der grauen Mauer gegenüber, war plötzlich ein buntes Graffito: leuchtend blaue Blumen rankten sich empor. Sie hatte sie nie zuvor gesehen.
***
Das Kleid für Brigitte war eine neue Erfahrung. Nicht für sich, sondern für jemand anderen zu nähen das war Verantwortung, und das spürte Hildegard bei jeder Naht.
Kreppstoff verzeiht keine Fehler. Sie zögerte bei den ersten Schnitten, dann arbeitete sie sicher und ruhig. Nähte, fütterte, säumte von Hand, der Reißverschluss wurde mit der Hand eingenäht, damit sich nichts verzog.
Brigitte kam zur Anprobe. Als sie sich im Spiegel sah, wusste Hildegard gleich, dass es gelungen war.
Oh mein Gott! rief Brigitte. Sehen Sie mich an!
Sie drehte sich, tastete den Stoff, befühlte die Nähte.
Das bin ich und irgendwie doch anders.
Das sind Sie, sagt Hildegard, nur im richtigen Kleid.
Wenn es für einen geschneidert ist, spürt man das. Ich stehe hier drin, und will mich nicht mehr kleinmachen.
Ein paar Nadeln zur Korrektur, dann wollte Brigitte ihr die Kontaktdaten ihrer Freundin geben: Auch sie sucht ein Kleid. Und meine Schwiegertochter heiratet nächstes Jahr wieder. Braucht auch eins, nicht das typische.
Ich nehme es an, sagte Hildegard.
Brigitte nickte als ob sie das erwartet hätte.
***
Zwei Monate wurden zum Rausch. Nicht schlimm, nur ungewohnt wild im besten Sinne.
Schnell kamen weitere Kundinnen, Empfehlungen, neue Aufträge: ein Kostüm, eine Bluse, ein Abendkleid für die Tochter einer Nachbarin, die alles postete und damit wieder drei weitere Aufträge brachte.
Tante Giselas Kammer wurde zu eng. Überall lagen Stoffstapel. Die Pfaff surrte morgens, abends, manchmal nachts.
Tante Gisela beschwerte sich nie. Nur einmal, als der ganze Boden voller Stoff lag, seufzte sie:
Du brauchst doch Platz, Hildegard.
Ja, mach ich.
Sie suchte. Das Geld reichte durch ihre Schneiderei mehr als mit der Buchhaltung je. Sie schaute in der City: Das erste Atelier war schummrig, das zweite roch nach Keller. Das dritte passte: ein Raum im ersten Obergeschoss eines restaurierten Stadthauses, hohe Decken, große Fenster, Holzdielen. Teuer, aber hell.
Sie rechnete. Miete, professionelle Nähmaschine, Overlock, Zuschneidetisch. Das würde all ihr Erspartes und einen Kredit kosten.
Sie rief Brigitte an.
Ich brauche Rat.
Nehmen Sie das Atelier. Ich leih Ihnen das Geld, zinsfrei, zahlen Sie, wenn Sie können.
Das kann ich nicht annehmen!
Doch. Sie haben mir mein Festkleid geschenkt. Lassen Sie mich auch was zurückgeben. So was macht man so.
Und außerdem, lachte Brigitte, stehen schon vier Freundinnen bei Ihnen auf der Warteliste. Da ist ein gutes Atelier in meinem Interesse.
***
Im Dezember eröffnete Hildegard ihr Atelier.
Sie stellte die Pfaff auf einen eigenen Tisch am Fenster: Symbol, nicht mehr Arbeitsgerät. Die neue professionelle Maschine war schneller, exakter.
Das Atelier war ruhig, licht Zuschneidetisch, zwei Arbeitsplätze, Regal für Stoffe und Zubehör, ein großer Spiegel. An den Wänden hingen Skizzen ihrer Modelle. Tante Gisela kam, prüfte das Regal, betrachtete das Spiegelbild.
Sehr gut, brummte sie.
Tante Gisela, sagte Hildegard und hielt ihr einen Umschlag hin. Das ist die Miete für die Monate.
Lass mal, Hildegard
Nein, nehmen Sie. Ich habe gut gerechnet.
Tante Gisela nahm den Umschlag. Zögerte.
Ich brauch eh einen neuen Kühlschrank. Der alte brummt wie ein Traktor.
Wir kaufen einen.
Sie gingen ins Elektrofachgeschäft, probierten, fragten nach Gefrierfach. Es wurde ein silberner, großer Kühlschrank, Gisela glücklich wie selten.
***
Im Dezember explodierten die Aufträge: jede wollte etwas für Silvester, festlich oder elegant. Hildegard arbeitete bis spät, trank Tee und hörte dem surrenden Klang der Maschine zu.
Im Januar wurde es etwas ruhiger. Sie engagierte eine junge Hilfe Annegret, die schon sauber säumen konnte, aber noch lernen musste zu schneiden. Hildegard zeigte ihr alles, merkte, dass auch Erklären glücklich macht.
Den Job in der Bau GmbH kündigte sie. Die Chefs drängten, sie blieb bis Ende März.
Im März rief eine Unbekannte an: Ich nähe selbst und möchte bei Ihnen lernen. Brigitte hat Sie empfohlen.
Ich bin keine Lehrerin.
Aber Sie können es gut.
Kommen Sie mal vorbei.
Erste Einzelstunde. Dann eine kleine Gruppe. Es hatte Platz im Tagesplan.
Im Frühling zog Hildegard aus bei Tante Gisela. Sie mietete eine kleine Wohnung in der Nähe des Ateliers: hell, eine Küche mit Blick auf Birken hinterm Haus. Sie brachte ihre Sachen um, hängte Vorhänge auf, selbst genäht.
Am ersten Abend saß sie in der Küche, trank Tee, schaute in den Spätnachmittag. Ihre Wohnung, noch fremd, aber sie.
***
Die Begegnung mit Hans kam Ende Mai.
Sie war auf dem Heimweg vom Atelier, schwere Stofftasche, es roch nach Flieder, Licht fiel schräg durch junges Laub.
Da kam Hans ihr entgegen.
Sie erkannte ihn sofort, obwohl er merkwürdig verändert wirkte: dünner, sein Jackett saß nicht, der Gang war nicht mehr sicher.
Auch er sah sie. Stand stehen.
Sie ging weiter, aber als sie fast vorbei war, sagte er:
Hildegard.
Sie blieb stehen.
Hallo, Hans.
Er blickte sie an, verlegen, unsicher.
Du siehst gut aus.
Danke.
Stille. Er schaute zu Boden.
Wohin gehst du?
Nach Hause.
Wohnst du jetzt hier?
Ja.
Stille. Eine junge Mutter schob einen Kinderwagen vorbei.
Hildegard, ich Er rang mit den Worten. Kann ich mit dir reden? Nur kurz.
Sie schaute ihn an, das Gesicht müde, aber offen.
Komm, setz dich mit auf die Bank.
Sie setzten sich. Hans starrte auf seine Hände.
Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.
Sag einfach, was ist.
Sie ist weg, sagte er nach einer Pause. Die, für die ich also, sie ist seit einem halben Jahr weg. Meinte, ich sei langweilig, hätte keine Pläne. Er verzog das Gesicht. Komisch, nicht?
Schon.
Jetzt wohn ich wieder bei Mama. Die Firma ist pleite, alles irgendwie Er sah sie an. Alles ist kaputt. Ich glaub, ich hab einen Fehler gemacht. Einen Riesenfehler, Hildegard.
Sie schwieg, ließ ihn reden.
Ich habe dich nicht gewürdigt. Du warst da, hast alles getragen, warst echt. Ich war ich suchte was und wusste nicht mal was. Sagte zu dir “leerer Platz”. Das ist nicht zu entschuldigen. Aber ich wollte, dass du weißt, dass ich daran denke. Oft.
Hildegard betrachtete die Birken, das grüne Licht. Aus einer Wohnung roch es nach Bratkartoffeln.
Hans, du bist nicht schuld, dass du mich nicht mehr geliebt hast. Das passiert.
Er schwieg.
Du bist schuld daran, wie du es gesagt hast. Leerer Platz, Möbel, Räum dich weg. Das war grausam. Nicht weil du ein schlechter Mensch bist, sondern schlicht grausam, und ich habs lange nicht vergessen.
Ich weiß.
Aber es hat auch was Gutes gehabt.
Er schaute auf.
Du hast mich hinausgestoßen. Ich hatte schreckliche Angst. Zwei Taschen, zweitausend Euro, keine Ahnung, was tun. Ich lebte wie eine Waise bei Tante Gisela, weinte jede Nacht. Es war furchtbar.
Hildegard
Warte. Ich sage das nicht, um zu verletzen. Es ist einfach wahr. Dort fand ich eine alte Nähmaschine. Erinnerte mich, dass ich nähen konnte und darin mal Glück fand. Ich fing wieder an, zuerst für mich, dann für andere. Jetzt habe ich mein eigenes Atelier in der Stadtmitte, Hans. Kunden kommen, ich fühle mich lebendig.
Er schaute sie an, überrascht.
Ohne deinen Stoß wäre ich weiter da gesessen. Und hätte nie gewusst, wer ich bin. Ich sage nicht, dass das heroisch ist. Es ist so, wie es ist.
Und hast du mir vergeben?
Hildegard überlegte.
Ich bin nicht mehr böse. Zurückkehren will ich trotzdem nicht. Nicht aus Rache, sondern weil ich jetzt mein Leben habe. Mein eigenes, wirklich. Zum ersten Mal.
Er schwieg.
Wie gehts Tante Gisela?
Gut. Hab ihr einen Kühlschrank gekauft. Sonntags besuch ich sie, wir spielen Karten.
Ein echtes Lächeln huschte über sein Gesicht.
Du warst immer ein guter Mensch, Hildegard.
Du bist auch nicht schlecht, Hans. Wir haben nur nicht mehr gepasst. Schon lange nicht.
Sie stand auf, nahm die Stofftasche.
Musst du weg?
Ja. Ich hab morgen früh Kundin, sie kann nur um acht.
Tschüss.
Machs gut, Hans.
Das war die Wahrheit. Kein Gift, kein Triumph. Einfach Wahrheit. Sie wünschte ihm ehrlich Glück. Warum noch nachtragend sein?
Sie ging durch den Grünstreifen zu ihrem Haus. Spürte ein paar Schritte lang noch seinen Blick, dann war er fort.
Die Birke warf Streifen auf den Asphalt. Hildegard lief durch ihr Schattenmuster, die Tasche schwer darin ein Stück grüner Wollstoff und der neue Katalog für Knöpfe. Morgen um acht kam Frau Müller, die pensionierte Lehrerin, sie brauchte einen schlichten, würdigen Winterrock für Theater und Arzt.
Hildegard dachte an Schnittlinien und daran, wie sie den Bauch kaschiert und eine gute Silhouette findet. Sie dachte und gleichzeitig bemerkte sie: Der Flieder duftet abends stärker. Ein Junge sauste am Roller vorbei und sang ein Zeichentricklied. Aus den getragenen Fenstern roch es nach Ofenkartoffeln.
***
Im Atelier arbeitete sie abends nicht mehr: Nach sieben bleibt die Maschine aus. Sie holte nur noch das Kundinnenheft. Neben dem Zuschneidetisch stand die Pfaff, schwarz mit goldener Blume, ruhig.
Hildegard strich ihr über den Lack.
Danke, flüsterte sie.
Komisch, einer Nähmaschine zu danken. Aber wem sonst? Tante Gisela, Brigitte, Annegret, alle halfen ihr. Vielleicht wars auch nur ein Zusammenlauf glücklicher Umstände, die mit einer herben Gemeinheit begannen und bei Licht, Höhe und einer Werkstatt endeten.
Sie nahm das Heft, machte Licht aus, ging die Holztreppe hinunter.
Die Stadt lebte. Menschen lachten, Autos fuhren, Kinder riefen. Ein gewöhnlicher Frühsommerabend, nichts Besonderes.
Sie holte im Brotladen ein Baguette mit Kürbiskernen und ein Glas Lindenhonig vom Imker.
Guten Abend, sagte sie.
Abend! Die Verkäuferin lachen. Guter Honig diesmal, der erste richtige des Jahres. Probieren Sie ihn morgen.
Danke, werde ich.
Sie ging heim. Brot, Honig, Heft und Katalog in der Tasche. Am Leib trug sie ein neues Leinenkleid elfenbeinfarben, mit weitem Bindegürtel und breiten Ärmeln. Schön zu tragen.
Sie ging zehn Minuten bis zur Wohnung, dachte an Frau Müllers Rock, an neues Nähgarn, Annegret, die langsam selbst schneiden lernte.
Dann stellte sie das Denken ab.
Der Himmel über den Dächern war noch rosa. Schwalben huschten herum. Da draußen war das Leben, mit all seiner Absurdität und Ungeplantheit.
Das Glück der Frau nach der Scheidung, hätten Klatschblätter geschrieben. Als gäbe es dafür eine eigene Kategorie. Hildegard dachte nicht so. Sie dachte einfach: Ich gehe nach Hause. Morgen wird früh aufgestanden. Ich kann etwas, das ich mag. Es gibt Tante Gisela, Sonntagsbesuche, Kundinnen, die zufrieden sind, die Pfaff am Fenster, den Himmel mit Schwalben.
Es war genug.
Nicht märchenhaft viel, nicht tragisch wenig. Einfach genug. Vielleicht ist das, was Menschen meinen, wenn sie von zweiter Jugend sprechen, vom Neuanfang am Wendepunkt, von Selbstvertrauen in jedem Alter. Nicht an einem Tag, nicht auf Befehl. Ein Kleid, noch eines, dann das Atelier, dann die Wohnung, ein Frühsommerabend mit Brot und Honig.
Sie rief Tante Gisela an.
Bist du daheim, Gisela?
Natürlich. Glotze läuft. Was gibts?
Nichts. Einfach so.
Pause.
Kommst du am Sonntag?
Ja. Soll ich Apfelkuchen backen?
Nur wenns nicht zu viel Mühe ist, sagte Gisela. Apfelkuchen mag ich am liebsten.
Okay. Gibt Apfelkuchen.
Sie steckte das Handy weg, ging die Treppen hinauf in ihre Wohnung.
Es duftete nach Leinen gestern hatte sie noch am Küchentisch zugeschnitten, während es regnete. Die Stoffreste waren schon weg, aber der Geruch blieb. Angenehm.
Sie kochte Tee, schnitt Brot, öffnete den Honig. Der war klar, hellgolden, durchsichtig.
Draußen flogen die Schwalben seltener es wurde Abend.
Hildegard strich Honig aufs Brot, biss ab, dachte, dass die Bäckersfrau recht hatte: ein sehr guter Honig.
***
Der Morgen war sonnig.
Frau Müller kam Punkt acht, wie angekündigt. Sie war eine kleine, lebhafte Frau mit weißen Haaren und klarem Blick über dem Brillenrand.
Frau Wagner, sagte sie, ich hab ein Beispielbild mitgebracht so in der Art, nur schlichter.
Sie holte ein Foto heraus.
Hildegard sah sich Schnitt und Figur an. Interessant.
Setzen Sie sich. Ich erklär, wie wirs machen.
Frau Müller setzte sich aufs Stühlchen, legte die Hände in den Schoß.
Wissen Sie, sagte sie beim Umschauen, ein solcher Rock war lange mein Traum, aber in Läden gibts nur Falsches. Meine Nachbarin hat Sie empfohlen. Meinte, sie fühle sich wie neu seit Ihrem Kleid. Frau Müller schmunzelte. Das ist die beste Empfehlung, finde ich.
Finde ich auch.
Hildegard schlug das Maßbuch auf, griff zum Maßband.
Stellen Sie sich bitte kurz hierhin.
Frau Müller stand auf, straffte die Schultern, blickte ins Spiegelbild.
Wissen Sie, sagte sie leise, ich bin vier Jahre in Rente. Dachte, wozu noch Mühe geben mit dem Aussehen, aber dann warum eigentlich nicht? Man lebt doch noch lang. Warum nicht ordentlich?
Genau, sagte Hildegard.
Beim Ausmessen dachte sie an den Schnitt. Die Sonne fiel durchs große Fenster auf den Holzfußboden. In der Ecke stand die Pfaff mit Golddekor. Annegret würde um zehn kommen. Und um elf die nächste KundinHildegard maß sorgfältig Taille und Hüfte, notierte leise die Zahlen. Frau Müller blickte konzentriert an sich hinab, als warte sie, ob etwas vor ihren Augen schon anders werde.
Ich glaube, es wird mir stehen, sagte sie.
Es wird Ihnen passen, lächelte Hildegard. Das ist wichtiger.
Sie nickten sich zu, wie Verabredete, die mehr wissen als gesagt wird.
Als Frau Müller ging, blieb ein freundlicher Schwung im Raum. Hildegard räumte die Stoffmuster auf. Sie öffnete das Fenster, ließ neue Luft herein. Hinter der Scheibe zwitscherten Amseln so laut, dass sie lächeln musste.
Aus der Ferne schlug eine Turmuhr neun. Unten auf der Straße wehte der Duft von Flieder und frischem Brot herauf.
Hildegard trat ans Fenster. Ihr Blick folgte dem Sonnenstreifen, der über die Fensterbank lief und die Goldadern der Pfaff aufleuchten ließ, als wäre nicht nur Metall dort, sondern etwas Lebendiges.
Sie hielt inne, spürte einen Moment lang alles gleichzeitig: Die Hitze des Teekessels in der Küche, den kühlen Stoff unter ihren Fingern, Tante Giselas freundliches Gesicht, Brigitte lachend im roten Kleid. Ihre einsamen Abende und die langen, unsicheren Tage und jetzt: die Aussicht, Pläne, Freundlichkeit, all das Neue. All das Leben.
Sie schloss für einen Atemzug die Augen. Es gab keinen Grund zu zweifeln. Alles war offen. Alles begann, jeden Morgen wieder.
Und während die Stadt unter ihr aufwachte, spürte Hildegard mit tiefem Staunen, dass dort, wo mal ein leerer Platz gewesen war, nun etwas anderes stand. Nicht Möbel, nicht Lücke, sondern: Raum. Ein Platz für sie und das, was kommen sollte. Ein Platz, in dem sie selbst die Mitte war.
Sie drehte sich um, strich über die Nähmaschine und griff nach dem ersten Stück Stoff.
Dann begann sie zu schneiden.




