Überflüssig – Wenn man in der eigenen Welt keinen Platz mehr findet

Johanna, warum bist du nicht in der Schule? seufzte Margarete, stellte die schweren Einkaufstaschen im Flur ab und lehnte sich müde an die Tapete.

Was für ein Tag! Als ob es im Büro nicht schon genug Stress gab und der Chef wieder gemeckert hatte, musste nun auch noch die jüngste Tochter ein neues Problem ausbrüten. Was hab ich verbrochen, dachte Margarete.

Mama, mir tut der Bauch weh, sagte Johanna leise und stand etwas gekrümmt im Türrahmen zum Kinderzimmer, die Arme schlaff herunterhängend.

Margarete verzog das Gesicht. Diese Haltung, die Johanna in letzter Zeit auffällig oft einnahm, nervte sie gewaltig. So schwer kann es doch nicht sein, gerade zu stehen! Emilie und Moritz, die älteren Geschwister, kriegten das immer hin. Emilie macht schließlich Ballett, da achtet die Lehrerin auf jede Bewegung und Haltung. Und Moritz bleibt mit Schwimmen und Karate sowieso fit. Aber Johanna immer schlaff wie Pudding. Immer ist irgendwas. Mal der Kopf, mal der Bauch, oder gleich beides. Zwar kam Johanna, seit Margarete sie einmal ausgeschimpft hatte, nicht mehr mit Ausreden aus der Schule heim. Aber heute war sie plötzlich früher da warum, wollte Margarete gar nicht wissen. Heute hat Simon Geburtstag, heute zählen nur die Vorbereitungen. Am Abend würde die ganze Verwandtschaft kommen, alles musste fertig sein.

Margarete schlüpfte aus den Stiefeln, ging in die Küche und vergaß Johanna sogleich. Die stand noch einen Moment im Flur, dann verschwand sie in ihr Zimmer. Mit dem alten, abgewetzten Teddy im Arm kauerte sie sich aufs Bett.

Johanna wusste, dass ihre Mutter gerade keinen Nerv für sie hatte und wollte sie weder stören noch nerven. Wozu auch? Die Tablette hatte sie gleich nach dem Heimkommen genommen; der Schmerz war nur noch ein kleiner, fieser Marder, der drinnen herumtobte, sich drehte und hin und wieder kratzte, aber nicht mehr zerreißend wie vorher mehr so, dass man bloß nicht vergisst, wer im Bauch das Sagen hat.

Teddy dem lange schon ein Knopf als Ersatzauge diente hatte wie immer seinen besonderen Blick drauf und arbeitete. Johanna wusste nicht, wie er das machte, aber mit ihm wurde es besser. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Nase und setzte sich an den Schreibtisch, den sie mit Emilie teilte. Beeilung war angesagt, bald würde die Schwester vom Training kommen und ihren Platz einfordern. Und nicht etwa neutral, sondern mit der vollen Wucht von Emilies Ordnungssinn, nach dem Margarete sich wieder die Schläfen massieren und stöhnen würde:

Bringt ihr mich noch ins Grab? Streitet euch endlich aus, aber lasst mich raus!

Natürlich würde niemand etwas von sich aus klären. Emilie zwickte Johanna schmerzhaft an den Arm, so dass Eltern es nicht mitbekamen, und zischte, wie eine wütende Schwänin am See im Sommer, wo Oma sie mal mitgenommen hatte:

Du bist dran!

Das war das Signal für Johanna, ins Kissen zu beißen und zu warten Und wenn später abends das Licht ausging und Margarete Gute Nacht sagte, versuchte Johanna, nicht aufzuschreien, wenn Emilie zur pädagogischen Besprechung ansetzte, nach der Johanna wieder ein paar Tage nur auf der Bank in der Sporthalle sitzen durfte, statt beim Sportunterricht mitzumachen, und seufzend schwieg, wenn die Mitschüler spotteten:

Schuster, schon wieder? Das hast du aber oft! Geh doch mal zum Arzt…

In Johannas Klasse mochte jeder den Sportunterricht; nur mit Attest oder … naja, wegen der besonderen Tage sie alle waren neunte Klasse, mit Biologiekursen bestens informiert, es war sowieso kein Geheimnis.

Johanna versteckte die blauen Flecken (von Emilies Gesprächen), vertiefte sich in Schulbücher und wusste: Das Einzige, womit sie die Eltern erfreuen konnte, waren Noten. Aber nur die besten. Sie lernte gern. Nur die Gesundheit war manchmal im Weg. Darüber schwieg sie längst. Offen erzählte sie nur dann etwas, wenn sie gefragt wurde oder es um Entschuldigungen ging. Sie hatte früh begriffen: Klagen bringt nichts. Niemand wird helfen. Die Mutter lachte über ihre Beschwerden, der Vater hörte nie zu. Meist bekam sie zu hören:

In deinem Alter hat man keine Beschwerden! Warum bist nur du immer krank? Warum nie die anderen?

Früher hatte die kleine Johanna noch geweint, als Ältere nicht mehr. Sie holte einfach Tabletten aus der Hausapotheke, die Oma ihr nach dem Arztbesuch gezeigt hatte, und machte weiter. Mit elf wusste sie schon, wann Kopfschmerztabletten helfen, wann etwas anderes sein musste. Mit fünfzehn war sie darin Profi, fragte bei Mama nie mehr nach Rat.

Hätte sie jetzt die Hausaufgaben beginnen sollen, aber der Kopf war so schwer … Also saß sie nur da und blätterte in Heften, legte als letzte Biologie beiseite (die liebste), dann Geometrie.

Gerade büffelte sie einen neuen Lehrsatz, da flog die Tür mit lautem Knall auf und Emilie brüllte:

Du hockst noch hier?! Raus von meinem Tisch! Ich muss fürs Abi lernen!

Johanna fegte ihre Sachen vom Tisch, ehe Emilie mit ihrem Ordnungssinn zuschlagen konnte (was hieß: Johannas Notizbücher und Stifte landeten auf dem Boden).

Ich bin schon weg…

Siehst du! Und jetzt schau, dass ich dich lang nicht mehr sehe! Stas kommt gleich, du bist dann überflüssig!

Ich geh Mama helfen.

Mach was du willst! Emilie puderte sich vorm Spiegel. Die schicke rote Schminktasche war der Stolz aller Mädchen in ihrer Riege gewesen. Margarete sparte bei Emilie nie an Make-up wenn das Mädchen schminkt, dann nur mit Qualität.

An so was hatte Johanna nie zu denken gewagt.

Was gibts denn bei dir zu schminken, Gott bewahre? Margarete nahm Johannas Kinn, drehte sie im Licht. Sofort war zu sehen: Die Haut war schlimm, eigentlich wäre eine Kosmetikerin nötig oder wenigstens ein Pflegeset. Margarete seufzte, ließ ihre Tochter los. Emilie hatte nie solche Pickel. Ich selber hab reine Haut, brauch gar keine Pflege. Und du? Na, ich weiß ja nicht… Wasch dich öfter! Und Schminke tabu. Du bist viel zu jung für Jungs!

An Jungs dachte Johanna tatsächlich nie. Es war ihr sogar unangenehm, darüber zu grübeln. Wer würde schon sie, die Unscheinbare, mögen?! Oma sagte immer, das vergeht, die Pubertät geht vorüber, aber Johanna glaubte das nicht. Bei Mama und Emilie sah sie doch, was Schönheit bedeutete: und sie selbst dürr, pickelig, mit Brille, ohne jede Perspektive auf ein zufälliges So eine hübsche Tochter wächst dir da, Margarete!. Dieser Satz galt nur Emilie.

Johanna sah, wie alle nur Emilie anhimmelten, von der Verwandtschaft bis zur Nachbarin. Schlank, zart, Gesicht wie eine Porzellanpuppe, Emilie lächelte und war gleich umringt von Bewunderern. Wie man sich vorbildlich benahm, wusste sie von klein auf. Nur Johanna kannte ihre echte Schwester.

Wenn Emilie tobte, Johannas Bücher wild im Zimmer verteilte, wurde Johanna nicht wirklich wütend. Sie tat ihr nur leid… Natürlich hätte sie das nie zugegeben, sie wusste, was dann passieren würde. Also sammelte sie schweigend ihre Bücher und erinnerte sich an Omas Worte:

Über Schwache lachen ist Sünde. Und böse sein auf sie auch. Wer im Herzen arm ist, Lili, das ist eine große Not. Für ihn selbst, nicht für die anderen. So jemand begreift womöglich nie, was er alles versäumt hat im Leben vor lauter Zorn und Wut. Und das ist das Schlimmste: Irgendwann merkt er es doch, und das lässt ihn innerlich nie los, bis ans Lebensende.

So behielt Johanna Omas Worte. Nur Oma Anna, mütterlicherseits, liebte sie und hielt sie nicht für überflüssig.

Selbst Moritz, mit dem Johanna halbwegs auskam, beachtete sie lieber selten. Auch Emilie ließ er meist links liegen außer, seitdem in ihrer Freundesgruppe hübsche Mädchen auftauchten.

Überflüssig … Das Wort hatte Johanna erstmals mit fünf gehört, mitten in einer lauten Nacht, als ihre Eltern zankten und sie sich an ihren damals neuen Teddy klammerte.

Ich hab dir doch gesagt, wir brauchen kein drittes Kind! Aber du hast dich durchgesetzt, obwohl meine Mutter Lösungen hatte sie hätte sogar alles organisiert.

Organisiert?! Sie denkt immer nur an sich! Was wär denn, wenn mir was passiert wäre? Wohin dann mit den Kindern? Meine Mama ist alt, deiner würde ich nicht mal ein Kaninchen anvertrauen. Drei Tage und das Tier ist verhungert!

Lass das! Meine Mutter hat mich großgezogen und mir ist nichts passiert! Sie war bloß gegen noch ein Kind zwei reichen doch, Junge und Mädchen!

Für mich ja, aber du weißt noch, wer Zelturlaub wollte! Na, und jetzt haben wir eben noch eins. Und wohin mit ihr, jetzt wo sie da ist?

Nirgendwo hin … der Vater stapfte durch den Raum, und Johanna zog sich das Bettzeug über den Kopf. Damals wohnten sie noch zu viert mit Oma in zwei engen Zimmern, sie hatte ihr Bett im Schlafzimmer der Eltern, weil drüben kein Platz war. Du hast ja recht… Unsinn, das Ganze.

Was? Johanna?

Nein, streiten. Wegen dem, was schon da ist.

Die Eltern flüsterten noch lange, ehe Mama das Licht löschte und Johanna grübelte.

Wenn sie wirklich so unerwünscht war, sollte sie gehen? Dann wären alle glücklicher, und auch Oma Irmgard, die Johanna nie mochte und fürchtete, würde nicht mehr schimpfen…

Wohin gehen, fragte sich Johanna nicht. Es gab nur eine, die sie liebte: Oma Anna. Sie wohnte weit weg, aber einmal war Johanna mit dem Zug hin gefahren. Also musste sie nur rausfinden, wie man zum Bahnhof kommt.

Am Sonntag, als kein Kindergarten war, stand sie früh auf, schlich in den Flur, wo ihre kleine Tasche mit dem Lieblingsbuch und den neuen Strümpfen an der Garderobe bereitlag, zog die Gummistiefel und Regenjacke wie für eine lange Wanderung an, Teddy auf dem Arm.

Sieh mich nicht so an, Teddy! Draußen ist es nass, und bei Oma auf dem Land auch ist ja Herbst! Hoffentlich merkt niemand was…

Johanna hatte schon fast die Straßenbahnhaltestelle erreicht, als Nachbarin Frau Berg sie abfing.

Wo willst du denn hin, Johannalein? Wo ist deine Mama?

Zu Hause.

Mit Papa?

Nein, ich alleine.

Allein? Wohin denn?

Zu Oma!

Alleine? Warum denn?

Weil ich überflüssig bin. Aber bei Oma bin ich das nicht. Auf Wiedersehen.

Johanna nickte höflich wie Mama es beigebracht hatte und lief weiter. Frau Berg, erst starr, lief ihr nach.

Johannalein, wie willst du denn zu Oma fahren?

Mit dem Zug!

Kind, da darfst du nicht alleine mitfahren.

Johanna blieb stehen, sah sie ernst an.

Warum?

Da braucht man einen Ausweis, Mamas oder Papas Pass und deine Geburtsurkunde. Ohne darf man nicht fahren.

Wie im Bus?

Ja, aber im Bus gehts noch ohne, im Zug brauchst du alles. Hast dus dabei?

Johanna schüttelte den Kopf.

Nein…

Dann müssen wir das holen. Komm, wir gehen dann holst du alles. Ist das gut?

Johanna nahm vertrauensvoll die Hand der Nachbarin und sagte zu Teddy:

Wir kommen gleich wieder, dann fahren wir weiter. Geduld! Nicht mehr lang.

Dass Johanna weg war, merkten die Eltern erst, als Frau Berg mit ihr vor der Tür stand. Margarete, in der Küche am Pfannkuchen backen, rief nach Simon:

Simon! Schau mal schnell!

Das Gespräch war kurz, Wirkliches gab Johanna nicht von sich. Unter Vaters Blick schlich sie ins Kinderzimmer zur verschlafenen Emilie.

Was hast du denn diesmal ausgefressen?

Jenen Sonntag verbrachte Johanna in der Ecke. Der Vater hatte sie hingestellt und streng verboten, sich zu rühren, bis er es erlaubte. Emilie streckte ihr die Zunge raus, kicherte, überlegte kurz und brachte dann Teddy.

Hier! Hör auf zu heulen! Papa ist schnell wieder ruhig, du kennst ihn doch. Hättest halt vorher nachdenken sollen!

Das hatte Johanna ihr Leben lang gehört. Dass sie den Kopf nie zu benutzen wusste, ärgerte sie bis heute.

Oma Anna lachte meist:

Kleine Johanna, manche leben eben mit Herz, nicht mit Kopf. Ist nicht immer praktisch, aber wenn Gott es einem gibt?

Warum ist das unpraktisch?

Herzensmenschen die können lieb, weich, aber auch neidisch und wütend sein. Um das zu bändigen, brauchts oft den Kopf. Damit man weiß, was richtig ist.

Hab ich denn ein gutes Herz?

Du? Ein goldenes, Kind. Deshalb hab ich manchmal Angst um dich.

Warum?

Ich will nicht, dass dir weh getan wird.

Diese Worte blieben Johanna besonders im Gedächtnis. Jedes Mal, wenn sie etwas Schlimmes erlebte, fiel ihr Omas Gespräch ein. Dann tat alles halb so weh.

Nach diesem gescheiterten Weggang versuchte Johanna nie mehr etwas zu ändern. Emilie und Moritz erklärten ihr ruhig, Kinder seien Besitz der Eltern, sie könne gar nichts machen, bevor sie volljährig wäre. Also wartete Johanna auf ihren achtzehnten Geburtstag und bereitete sich eifrig vor. Sie wählte ihren Beruf aus, bestand darauf, Veterinärmedizin zu studieren.

Tierärztin? Du? Was für ein Unsinn! empörte sich Margarete.

Warum Unsinn, Mama?

Das ist doch kein Beruf! Schau Emilie an, sie wird Wirtschaftlerin, verdient gut, hat Perspektive. Und du?

Bitte, lass mich machen, was ich will.

Ach, mach doch! Ein Unglückskind, bis heute nie auf mich gehört!

Johanna hörte sich den Monolog an, jubelte insgeheim: Ihr Weg begann sich zu erfüllen. Für Nachhilfe bezahlen die Eltern nicht.

Wenn du wie Emilie nachdenken würdest, würden wir helfen. So eben nicht. Selber machen, Johanna. Dein Leben.

Es klingelte Zeit für Protokoll-Halbstunde am Geburtstagstisch.

Johannalein! Bist du abgemagert! Wirst du nicht gefüttert? Und dunkle Ringe unter den Augen! Margarete, musst mit ihr zum Arzt! Mir gefällt das nicht!

Oma Irmgard, wie immer elegant, zog die Handschuhe aus und machte Margarete Vorwürfe:

Und Emilie? Ist sie nicht daheim? Drei Mal hab ich sie angerufen, nie meldet sie sich! Na gut, Moritz weggezogen, hat sein Leben. Von wem kann ich da Hilfe erwarten?

Oma, ich kann Dienstag zu dir und helfen, unterbrach Johanna, ihre Mutter im Blick.

Nein, ich will, dass Emilie das macht!

Ich hab keine Zeit, trällerte Emilie, kam aus dem Zimmer, gab Oma einen Kuss, warf Johanna einen Blick zu. Rück mal!

Emchen, aber…

Oma, du denkst immer an dich! Ich hab Prüfungen, Privatleben! Ich kann nicht immer da sein! Wenn ich Zeit hab, komm ich.

Na schön.

Irmgards Gesicht schmolz zu einem Lächeln, als Emilie bei erneutem Klingeln Stas umarmte.

Meine Damen, mein Verlobter Stanislaus!

Johanna ging leise in die Küche, wusste, dass sich nun keiner mehr für sie interessierte, half Mutter, hörte den Gesprächen zu und wurde immer trauriger.

Ja, Emilie ein Glückskind! Alles läuft, Schönheit, Verstand, Karriere und jetzt Hochzeit. Dass Johanna nicht so durchs Leben rutscht…

Stell dir vor, Tierärztin will sie werden! Warum nicht Ärztin? Menschen heilen, das wäre wenigstens ein Beruf.

Johanna war Kummer gewohnt, dass man sie wie Möbel besprach. Ihr Einwand wäre ohnehin niemandem wichtig gewesen.

Emilie rollte mit den Augen, wechselte das Thema:

Hättet ihr unsere Ringe sehen sollen! Ein Traum, gell Stas? Einzigartig!

Johanna dankte still und verschwand unbemerkt aus der Küche; alles war getan. Essen wollte sie ohnehin nicht. Der Schmerz kam wieder, sie nahm erneut Tabletten und ging ins Bett. Sie merkte kaum, wie die Gäste gingen und Emilie später das Zimmer aufräumte.

Am nächsten Morgen war etwas anders: das Zimmer, das sie sich mit Emilie geteilt hatte, gehörte nun ihr. Emilie zog zu ihrem Verlobten.

Deine Sachen lass ich in Ruhe, sagte Johanna beim Kofferpacken.

Besser ists! Emilie hielt inne, kramte in der Schminktasche, nahm einen neuen Lippenstift, Mascara und Tiegelchen raus. Hier, nimm! Lerne mal, das zu benutzen. Sonst kann man dich ja nicht anschauen. Du bist jetzt alt genug.

Johanna wollte sagen, dass sie längst eigenständig sei, schwieg aber. Sie streichelte die Geschenkfläschchen und murmelte:

Danke…

Die nächsten Jahre verbrachte Johanna so, wie sie es vorgehabt hatte. Schule, Studium, mehr nicht.

Emilie bekam zwei Kinder, zog alle Aufmerksamkeit auf sich. Das kam Johanna entgegen. Niemand beachtete sie, endlich hatte sie Platz für ihre eigenen Pläne.

Als sie mit Diplom verkündete, sie wolle nicht in der Stadt bleiben, sondern aufs Land zu Oma ziehen, nahmen das die Eltern überraschend gelassen.

Aufs Dorf? Johanna, du bist und bleibst sonderbar! Aber geh ruhig. Doch denk dran wenn du zurückkommst und umdenken willst, wird es schwer, solltest du je wieder dazugehören.

Das war ihr längst egal. Sie verabschiedete sich von Nichten und Neffen, die ihre stille, zarte Tante liebten, und zog zu Oma Anna.

Hier wartete man auf sie sie war endlich nicht mehr überflüssig…

Anna umarmte sie herzlich, sorgte sich aber um das Landleben:

Johannchen! Denk daran, du bist ein Stadtkind. Hier ist alles anders.

Oma, du jagst mich nicht fort?

Um Himmels willen, Kind!

Dann lass mich entscheiden, wo ich bleiben mag. Mir ist hier so wohl … als wäre hier mein Ort.

Johanna gewöhnte sich schnell ein, wurde im Umland eine gefragte Tierärztin. Die Menschen und Tiere lagen ihr, sie hatte schnell Kontakt zu Einheimischen.

Deine Enkelin hats drauf, Anna. Ist sie denn schon vergeben?

Johanna lachte über die neugierigen Leute, bis sie Viktor begegnete. Er war knapp zehn Jahre älter, betrieb einen großen Hof und hatte einen kleinen Sohn aus erster Ehe, der kurz nach der Geburt seine Frau verloren hatte. Viktors Mutter war früh gestorben, Familie gab es sonst keine.

Hochzeit? Johanna, hast du dir das gut überlegt? Margarete schaute hilfesuchend zu Simon. Was ist das für eine Partie? Ein Witwer mit Kind … Es braucht mehr als deinen Verstand dafür! Warum bist du nie wie Emilie oder Moritz? Die machen alles richtig, und du … Ach, Johanna!

Es roch nach Baldrian in der Küche, aber Johanna blieb ruhig. Sie wusste genau, dass Emilie und Moritz trotz aller Außenwirkung ihre Probleme hatten. Aber das den Eltern zu sagen, war sinnlos.

Leben musste jeder für sein Herz. Und Johannas Herz war jetzt woanders.

Der alte Bus holperte durch die Straßen, brachte sie heim.

Frau Dr. Johanna Schuster, alles Gute!

Danke, Herr Weber! Sie fahren mich ja direkt ans Gartentor!

Gute Leute muss man achten. Stimmts, dass Sie den Viktor heiraten?

Stimmt!

Der ist ein ordentlicher Kerl! Gute Wahl. Ihr werdet sicher eine schöne Familie.

Was heißt schön, Herr Weber? Johanna blieb an der obersten Stufe stehen.

Das ist, wenn man sich achtet, gebraucht wird, sich zu Hause fühlt.

Wo man sich liebt?

Kann man so sagen. Früher hieß das anders: Man hatte Herz füreinander. Das ist mehr als Mitleid. Es heißt: Keiner bleibt mit seinem Kummer allein. Wos weh tut, hilft man; auch trösten zählt. Wo sich einer freut, freut man sich mit ehrlich, mit ganzem Herzen. Das ist alles.

Klingt kompliziert … und doch so einfach, sagte Johanna gedankenverloren, verbeugte sich. Danke für die Lehre!

Nichts zu danken! Wirds eine Hochzeit mit Einladung?

Natürlich! Kommen Sie mit Ihrer Frau? Ich würde gern reden sie versteht so viel besser als ich.

Sicher wir sehen uns! Johanna winkte Oma zu, sprang vom Trittbrett. Ich habe jetzt viel, was ich teilen und fragen mag …

Zwei Jahre später käme Margarete, prüfend durch Johannas großes Haus gehend, würde einen Blick ins Zimmer von Anna werfen, wo die alte Dame nach einem Schlaganfall wohnte, schaukelt das Kinderbett mit Johannas Baby und sagt unzufrieden:

Johanna! Dein alter Teddy ist völlig abgewetzt! Warum liegt der beim Kind?

Johanna, den Teddy zärtlich zurechtrückend, lächelt:

Er ist alt, aber treu. Und weißt du, Mama meine Tochter schläft nur mit ihm ein. Es reicht, wenn er bei ihr ist.

Merkwürdig. Aber irgendwie wundert mich bei dir nichts mehr. Was für eine Mutter …

Mama …

Was?

Ich war, wie du sagtest: sonderbar, schüchtern, unsichtbar. Überflüssig…

Johanna schaut die Mutter bedeutungsvoll an, und zum ersten Mal weicht Margarete dem Blick aus, errötet.

Jetzt bin ich ganz anders, verstehst du? sagt Johanna, beschreibt sich über das Kinderbett.

Margarete nickt langsam, zusehen, wie sie das Baby hält.

Der kleine fünfjährige Junge flitzt aus der Küche, einen heißen Quarkstrudel balancierend, und lehnt sich an Johannas Knie:

Mama! Krieg ich noch ein Bonbon?

Nimm die Schale aus der Küche und frag die anderen Kinder, ob sie auch dürfen. Frag aber Tante Emilie erst, ob es vor dem Mittagessen okay ist, ja?

Margarete schüttelt den Kopf, als sie dem Jungen nachblickt; Johanna begegnet ihrem Blick und lächelt stolz.

Herr Weber hatte recht: Man muss die Menschen, die einem Familie sind, annehmen, wie sie sind. Man kann sie nicht ändern, aber manchmal verändern sie sich selbst. Und wenn man jemanden liebt, ist ein kleiner Wandel bei ihm schöner als ein ganzer geschenkter Kosmos.

Mama, nimmst du sie mal? Ich muss mich um den Braten kümmern …

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Homy
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