Weihnachtliches Gespräch
Es war einer jener besonderen, für die deutsche Seele so festlichen Weihenächte, die langsam zu Ende gingen. Der Tag war kurz, und über das kleine Dorf am Rand der Oberpfalz legte sich schon in der Dämmerung tiefe Stille. Sogar die Hunde, satt und träge von den Überbleibseln langer Festmahle, verzichteten auf ihr übliches Gezänk und das Bellen nach Vorübergehenden. Wer als Fremder in diese Gegend geraten wäre, hätte sich wohl gewundert über die vielen dunklen Fenster, gerade jetzt, wo überall Feiertagsruhe herrschte und jeder daheim die Fülle deutscher Gemütlichkeit genießen sollte. Doch außerhalb der Weihnachtsferien verirrte sich ohnehin selten jemand in das beschauliche Dorf am Ende eines langen Tales, und die wenigen Einheimischen auf der Straße eilten geradewegs zu den Häusern, in denen lebendiges Licht durch die Vorhänge drang Zeichen dafür, dass hier die in ländlichen deutschen Regionen so innig gefeierte Tradition des Weihnachtsessens lebte: Freunde und Familie versammeln sich zu Tisch, mit allerlei deftigen Spezialitäten und Leckerbissen, die den Appetit mehr als jeder Aperitif anregen.
Im großen Bauernhaus der Familie Brückner erreichte der fröhliche Trubel der letzten Vorbereitungen seinen Höhepunkt. Schließlich hatten sich die Gäste im Halbrund um den Tisch versammelt, ein erwartungsvolles Schweigen lag in der Luft nun, da die Hauswirtin die Liedzettel mit dem Weihnachtshymnus verteilen würde. Denn für fromme Menschen wie alle Anwesenden es waren gehörte dieses festliche Singen unbedingt dazu, diesem Fest erst sein ganzes Gewicht und jene beinahe kindliche Freude zu verleihen, das Gefühl der Nähe zum Wunderbaren, das an diesen Weihnachtstagen selbst die Alten noch spüren lässt.
Anne, die lebhafte, stets ein wenig nervöse Hausherrin so temperamentvoll wie viele kleiner gewachsene Frauen aus Bayern wandte sich aufgeregt ihrem Vetter, dem Vorsänger ihrer Kirche, zu:
Sebastian, fang bitte an!
Auch ihr Mann, Heinrich, gab Sebastian einen aufmunternden Stoß und nickte zustimmend.
Sebastian, ein Mann mit kantigem Kinn und nachdrücklichem Blick, dem man sofort seine widersprüchliche und unbeugsame Art ansah, räusperte sich in die Faust. Mit jugendlichem Schwung stimmte er an, seine warme Baritonstimme erfüllte den Raum:
Ach nein, Anne! Ich soll das nicht machen. Das ist Aufgabe des Hausherrn. Heinrich!
Warum? fragte einer der Gäste erstaunt. Du bist doch der Küster!
Und? Ich bin doch kein Geistlicher das macht der Hausherr. Er ist hier der Chef. So wars immer.
Heinrich warf sich, nach typisch bayerischer Art, scherzhaft dazwischen und winkte ab, aber schließlich nahm er das Heft selbst in die Hand. Die Gäste sangen mit, erst zaghaft, dann getragen von Sebastians kräftiger Stimme immer entschlossener, und die Gesänge verschmolzen zu einem Klang, als atmeten alle gemeinsam.
Maximilian, über einen Meter neunzig, ein junger und sympathischer Mann von neunundzwanzig, erst seit gut zwei Jahren getauft und noch nicht ganz in die katholische Welt eingetaucht, bemerkte mit Freude, wie gut auch seine Stimme im Chor klang. Singen, wenn niemand es bemerkte, das war schon immer seine heimliche Leidenschaft gewesen.
Anders als seine Frau Anneliese, eine einundzwanzigjährige, schlanke Blondine aus der Gegend, war Maximilian ein Zugezogener kannte kaum jemanden und betrachtete, wie ein Künstler, aufmerksam die Runde. Zu seiner Rechten hatte sich ein junges Ehepaar niedergelassen: ein hochgewachsener Rothaariger Martin, offenbar Sportlehrer an der Dorfschule und eine etwa siebenundzwanzigjährige, schmallippige Frau im sorgfältig gebundenen Tuch. Am Kopfende unterhielt Heinrich seine Gäste mit Anekdoten, unterstützt von Annas Freundin Elisabeth und deren Mann Nikolaus sowie dem kleinen, drahtigen Kirchenhelfer Peter, dessen Frau Irmgard kaum ein Wort sprach, sondern das Gespräch mit wachem Interesse verfolgte. Die Unterhaltungen waren lebhaft und voller herzhafter Scherze.
In Erwartung des Hauptgangs naschten die Gäste Käse, Schinken, Würste, Salate kunstvoll angerichtet auf großen Platten. Für einen Augenblick verstummte die Gesellschaft. Dann durchbrach die bisher stille Frau von Sebastian, Luise eine hübsche, braunäugige Frau von etwa dreißig Jahren ihre Zurückhaltung und sprach zögerlich:
Zur Weihnachtszeit habe ich immer dieses seltsame Gefühl, als wäre das Jenseitige ganz nah. Der Schnee fällt, es ist warm und irgendwie still… fast geheimnisvoll, findet ihr nicht?
Ach, du hast als Kind zu viele Märchenfilme geschaut so was wie die alten Weihnachtsabend-Geschichten, meinte Verena gelassen. Sie kam aus dem Nachbardorf zu Besuch; niemand führte lange Diskussionen mit ihr, akzeptierte höflich das Gesagte, da ihr unbedingter Ton wenig Lust auf tiefere Nähe hervorrief und der merkwürdige Ausdruck ihres Lächelns wenig einladend war weder anstößig, noch anschlussfähig.
Mag sein… Vielleicht lags auch daran, dass wir als Mädchen an der Uni so gerne…, Luise senkte den Blick, …in der Weihnacht orakelten. Natürlich Sünde, aber für mich war das ein kleiner Spaß.
Na – du bist mir eine!, rief Anne, Kirche und Tradition immer voll Eifer, erstaunt aus.
Ach, Anne, reg dich nicht auf, sagte Heinrich liebevoll zu seiner Frau, und diese schwieg, obwohl sie offensichtlich noch erwidern wollte.
Da brachte die Tochter des Hauses, auch Anne genannt und vom Wesen wie vom Aussehen her ihrer Mutter ähnlich, den Braten hinein.
Und weiter, Luise? fragte Elisabeth, nachdem das Staunen über das Festessen etwas abgeebbt war.
Mir ist dann immer so nach Weihnachtsgeschichten zum Lesen. Die sind oft gleichzeitig leicht unheimlich und voller Güte etwas Geheimnisvolles, Märchenhaftes, aber ganz nah am Leben.
Mir gehts genauso!, pflichtete Anneliese fröhlich bei, letztes Jahr las ich Storms Weihnachtsmärchen toll. Am Ende, da geht es um eine Hand, die eine Tür öffnet unglaublich spannend. Den Titel weiß ich nicht mehr. Ich war den Tränen nah.
Anne verharrte mit dem Messer in der Luft über dem Schweinsbraten.
Marie, was schweigst du die ganze Zeit? rief sie jetzt.
Alle Augen wandten sich zu Maximilians stiller Nachbarin: Marie, die wenig bekannte Schwiegertochter von Elisabeth und Nikolaus, wohnte für gewöhnlich in München und war selten im Dorf.
Marie ist inzwischen Juristin, hat aber zuerst, Anne legte die Unterlippe vor, den Kopf schief, Germanistik studiert.
Und sie hat mit Auszeichnung abgeschlossen!, rief Elisabeth voller Stolz.
Marie, die zunächst gar nicht aufgefallen war, wandte sich gelassen an die Gruppe: Storm? Ein tiefer Autor. Gehört nicht zu den Allergrößten, weil er nicht so überbordend schrieb wie Mann oder so tiefgründig wie Dostojewski aber in seinen Werken liegt viel von jener Kraft, sie wirken seelisch, nicht philosophisch.
Oho! Sebastian zog beeindruckt die Augenbrauen hoch; doch da er aus temperament nur wenig Geduld für Unbekanntes hatte, brachte er das Gespräch rasch zurück: Marie, wie heißt denn diese besondere Weihnachtsgeschichte?
Die Geschichte?, wiederholte Marie.
Als sie Sebastian antworten wollte, fiel Maximilian erstmals auf, wie schön sie war zwar von der Seite, ihre Auge war kaum zu sehen, aber
Ihr Gesicht spiegelte einen bewegten Innenraum wider, kleine Falten in der hohen Stirn erschienen und verstrichen, ebenso wie die lebhaften, dunklen Augen. Anneliese, die Maximilians Blick bemerkt hatte, lächelte beiläufig, fast wissend: Sie kannte Marie bereits länger und wusste, dass deren Reiz erst im lebendigen Dialog sichtbar wurde.
Storm hat einige Weihnachtsmärchen geschrieben, das mit der Hand gehört dazu. Aber mir fiel letztens Kupfers Der wunderbare Arzt wieder in die Hände viele halten es für seine menschlichste Geschichte, manche gar für die beste.
Wirklich?, warf Sebastian, die Gabel erhoben, ein. Und was ist mit dem Wanderer?!
Marie lächelte mild und sagte: Da verwechselst du die Autoren, ich spreche jetzt von Kupfer.
Oh! Klar, nickte Sebastian.
Marie fuhr fort: Kurz gefasst: Zwei Jungs schauen sehnsüchtig in die hellen Fenster, wo die Leute Silvester feiern. Zuhause aber ist es eiskalt, das Baby weint ungestillt, die Schwester fiebert, die Mutter ist erschöpft, der Vater arbeitslos und mittellos alles von Krankheit und Armut überschattet. Schließlich irrt der verzweifelte Vater nachts auf der Suche nach Hilfe durch die kalten Straßen. Er denkt schon an das Schlimmste, doch dann setzt sich ein alter Herr zu ihm, fragt nach, und der Vater kippt sein Herz aus: Alle feiern, aber bei ihnen ist Not. Der Fremde hört zu, begleitet ihn nach Hause, behandelt selbstlos die kranke Tochter, spendet Essen und gibt einen kleinen Geldbetrag. Dann verschwindet er, die Familie kann nicht mal seinen Namen erfragen. Erst als sie ein Medikament einlösen, steht dort: nach Rezept Dr. Sauerbruch. Und bald darauf beginnt sich das Leben der Familie zum Guten zu wenden der Vater findet Arbeit, die Mutter wird gesund, die Kinder gedeihen.
Marie hob das Glas und lächelte:
Eine echte Geschichte, wie Kupfer im Vorwort schrieb: kein Märchen.
Heinrich zuckte die Schultern:
Starke Erzählung aber das Wunder? Ein Arzt hilft, die Familie hat Glück, aber sonst?
Marie schüttelte sanft den Kopf:
Nein, Heinrich! Überlegt mal ist es nicht ein Wunder, wenn ein Mensch, der sich von aller Hoffnung verlassen fühlt, in tiefster Not erhört wird? Nicht immer braucht ein Wunder Blitze und Donner manchmal reicht es, gesehen zu werden.
Alle schwiegen, während eine sanfte Unruhe vom Tisch ausging. Auch Pfarrer Michael, ein kräftiger überfünfzigjähriger Mann mit ruhigem, braunem Blick, der just zur Tür hereinkam, bemerkte das und setzte sich:
Was besprecht ihr da, wenn ich fragen darf? lächelte er.
Nikolaus, äußerlich fast wie ein Schauspieler aus alten UFA-Filmen, antwortete mit ruhiger Stimme:
Marie erzählte die Geschichte vom wunderbaren Arzt.
Pfarrer Michael sah Marie erwartungsvoll an.
Und?, fragte er freundlich.
Naja, das Wunder ist, dass in einem Moment absoluter Verzweiflung Hilfe kommt. Keine Engel, keine Erscheinung ein ganz normaler Mensch, aber für die Betroffenen ein Engel.
Heinrich blieb dabei:
Aber ein Wunder ist doch etwas Übernatürliches, oder?
Pfarrer Michael schmunzelte und hob den Finger: Vielleicht erwarten wir immer Zeichen und Wunder, so wie Thomas, der die Wunden sehen wollte. Aber ist nicht jedes Lebewesen ein Wunder? Erwarten wir nicht oft zu viel? Für den Glaubenden reicht manchmal ein kleines Zeichen.
Peter, der Kirchenhelfer, mischte sich ein:
Wunder geschehen immer wieder gerade in unseren Dörfern widerfährt vielen das Unerklärliche.
Es entstand ein lebendiger Austausch über eigene kleine Wunder im Alltag: von der Heilwirkung geweihten Wassers, von duftenden Marienikonen und anderen Begebenheiten, die für manche reine Zufälligkeit, für andere Zeichen von oben waren.
Nach dem Essen brachte Pfarrer Michael schließlich seine eigene Geschichte zum Besten. Maximilian, durch seine rege Fantasie bekannt, schloss die Augen und sah die Ereignisse in seinen Gedanken lebendig werden
*
Es war damals, zur Zeit der jungen Weimarer Republik. In einem großen Dorf im Allgäu arbeitete der ältere Herr Meier als Kirchendiener. Kaum jemand erinnerte sich, dass er als Junge im Kirchenchor die kräftigste Stimme besessen hatte nach einer Kriegsverletzung im Hals blieb ihm nur eine raue, leise Stimme.
Das Leben war nicht leicht der Krieg hatte viele junge Männer nicht zurückkehren lassen, andere versteckten sich in den umliegenden Wäldern, um dem Einzug in die neue Armee zu entgehen. Das Dorf hielt irgendwie durch, klagte wenig, so wie es die bodenständige bayerische Art war: Irgendwo anders sei es sicher noch schlimmer, meinten sie. Die Bedrohung durch wechselnde politische Macht, Hunger und Unruhe war allgegenwärtig.
Trotzdem konnte Herr Meier sich an Ostern freuen, wenn im Gotteshaus alle zusammenkamen. An diesem Tag, so erzählte Pfarrer Michael, war die Kirche voll, und Herr Meier als Kirchendiener empfing die Gäste am Eingang.
Mitten in die Feierlichkeit drangen plötzlich Soldaten, ein junger Offizier in Lederjacke voran. Sie befehdeten den Gottesdienst, warfen mit Drohungen um sich ein Beispiel damaliger politischer Willkür. Im ersten Moment war das Entsetzen groß, doch dann so berichtete Pfarrer Michael trat Herr Meier, sonst ein stiller Mann, vor den Chor, räusperte sich kurz und begann leise zu singen. Erst erstaunt, gesellten sich eine nach dem anderen die Stimmen dazu, bis schließlich der gesamte Chor kraftvoll einstimmte.
Die Drohgebärden der Soldaten prallten wie an einer unsichtbaren Wand ab. Bewegt von diesem unerschütterlichen Glauben, verließen die Eindringlinge die Kirche, ohne weiter zu stören. Und so endete die Geschichte dieses Kirchlein wurde während der ganzen Diktatur nie geschlossen, obwohl überall anders Kapellen und Kirchen schlossen.
Ist das nicht ein Wunder?, fragte Pfarrer Michael, der leise Triumph klang in seiner Stimme.
Heinrich dachte nach, seine Lippen wölbten sich nachdenklich vor, wie es eben ist, wenn über ein Wunder gesprochen wird, das man plötzlich am eigenen Herzensgrund erkennt
So wurde an jenem alten Weihnachtstag im kleinen Oberpfälzer Dorf gesprochen, gesungen, gegessen und von Wundern erzählt große und kleine, sichtbare und tief in den Herzen verborgen. Wie gut, dass es sie damals wie heute gibt.





