Regenbogen-Vögelchen

Das Regenvöglein.

Als Kind nannte man die lebhafte, aufgeweckte Annegret oft Sonnenschein. Ihr rötlich-blondes Haar funkelte wie frisches Kupfer, ihre Lache klang wie kleine Glocken im Frühling. Schon im Sandkasten hatte Annegret mehr Energie als ein ganzer Jahrgangsverband zusammen.

Geborgen zwischen fröhlichen Großeltern und fürsorglichen Eltern, war sie eine, um die sich alle gern kümmerten, und sie vergaß nie, Liebe zurückzugeben. Ihr Lächeln war wie warmer Kaiserschmarrnduftend, süß, und jeder wollte ein Stück davon probieren.

Auch mit der Zeit wurde sie nicht braver, sondern blieb quirlig, wie ein Eichhörnchen im Sonnenlicht. Unterricht? Ein Klacks. Haushalt? Ein Tanz auf dem Parkett. Aber launisch sein oder widersprechendas sah man an ihr selten.

“Unsere Annegret ist nicht das, was man eine makellose Schönheit nennen würde,” murmelte die Oma Elfriede eines Nachmittags hinterm Apfelstrudel, “aber sie glüht, dass man gar nicht wegschauen kann. Ihr Haar wie das frisch gemähte Sommerweizenfeld, und ihre Augen lachen wie Sterne.”

“Hauptsache, der Charakter ist Gold wert,” bestätigte Mutter Veronika aus der Küche. “Und je weniger sie sich mit Oberflächlichkeit abgibt, umso weniger Neider wird’s geben!”

“Neider wird’s trotzdem geben,” meinte Oma Elfriede, “genug Leute wollen von ihrem Feuer Naschen oder es mit Staub bedecken.”

Veronika schwiegaber sie dachte sich: Ihr Mädchen ist nicht nur zum Lachen und Lieben da, sondern wenn’s drauf ankommt, bleibt sie standhaft. Streit sucht sie nie, doch lässt sich auch nichts gefallen. Ihr Sinn für Gerechtigkeit wog mehr als zehn Lawinen und Würde wiegt bei ihr sowieso tonnenschwer.

Schulkameradinnen und Freunde streiften jedes Wochenende durch das winzige Reihenhaus in Lübeck, in dem Annegret wohnte. Manchmal stöhnte der Vater beim Einkaufen dieser vielen Brötchen, aber am Herzen wurde es den Eltern immer warm dabei.

Dann war es, als würde irgendeine seltsame Brise wehen: Plötzlich schlichen sich Jungs unter die Freundinnen und beäugten das Regenvöglein mit den Grübchen. Sie brachten Veilchen und rannten in Scharen mit Rosen zur Eisdiele, aber niemand erreichte ihr Herz. Sie lachte ihr kristallenes Lachen, kehrte den Angebern die kalte Schulter und war doch mit allen befreundetnur der Schlüssel zu ihrer Seele blieb verborgen.

Schließlich aber öffnete sich eine Türe. Nicht für irgendeinen, sondern für Pauleinen stillen, klugen, großgewachsenen Typ mit einer Stimme wie dunkler Kaffee und Händen, in denen sie sich verlor.

Annegret studierte Lehramt, vorzugsweise für Fremdsprachen, und traf Paul auf einer verschwommenen Studentenversammlung, in einer Halle wie aus Daunen und Rauch. Paul, der schon einen Master und einen sicheren Job bei einer Hamburger Versicherung hatte, trug Anzug, aber sein Blick schien durch Zeit und Raum zu gleiten.

“Wir sollten ‘du’ sagen,” murmelte Paul nach langer Debatte über Goethe und Brecht, “sonst holt uns noch die Oma Formalie ab!”

“Gern, Paul,” lächelte Annegret, und in ihrer Brust war ein Wind, den sie nie gespürt hatte. Immer schon schlagfertig, war sie nun ein winziges Stück verlegen und kniff sich heimlich in die Seite. Paul sah das.

“Warum zwickst du dich denn ins Huhn?” flüsterte er. Annegret lachte und Paul lachte mit, und alle Blicke auf sie tanzten wie Spatzen um eine Pfütze.

Sie erfuhr, dass Paul aus gutem Hause kam, Eltern mit Reihenhaus und Sparbuch; früher dachte Annegret, solche Typen wären unnahbar und lieblos. Aber Paul streichelte sie mit Worten und hörte ehrlich zu, anstatt nur zu reden.

“Ich muss gestehen, das gab’s noch nieich sehe dich morgens, und abends vermisse ich dich schon,” sagte Paul. “Bei mir ist’s ebenso,” kicherte Annegret, rot wie Joghurt mit Kirschen.

Später stellte Paul sie seinen Eltern vor. Sein Vater war ständig unterwegs, aber Mutter Brigitte Herder (eine Dame mit Dutt und Strickweste) war sofort verzückt: “Ein Goldstück, so eine wie dich findet man nur einmal im Leben!”

“Sie ist mein Regenvöglein,” schwärmte Paul. “Wo Annegret auftaucht, wird die Welt bunt wie Berliner Ampeln!”

“Ist sie denn schon volljährig?” wollte Brigitte wissen. “Bald wird sie zwanzig,” bestätigte Paul.

“Dann warte doch nicht, bis der Nächste anklopft!” rief die Mutter und schob den Sohn zum Heiratsantrag.

Paul schluckte, aber tat wie geheißen, und Annegret sagte Ja, von zitternden Lippen, ohne zu zögern. Alle wünschten GlückOmas, Elternnur ein seltsames Schweigen herrschte am Esstisch.

“Möchtest du nicht noch warten, meine Kleine?” flüsterte Mutter Veronika. “Bald bist du zwanzig, hast schon Flügel. Ich war in deinem Alter auch schon Mutter. Trotzdem, irgendwas fühlt sich nicht rund an.”

Die Großmutter nickte nur und schwieg; sie spürte das heiße Herz ihrer Enkelin.

Bald schon war Annegret Ehefrau. Das Hochzeitsfest war leise, aber herzlich. Von den Geldgeschenken behielten sie das meiste für später.

“Im Sommer reisen wir,” kündigte Paul an. “Jetzt erstmal Alltag,” und Annegret strahlte.

Doch merkwürdige Dinge geschahen gleich am nächsten Tag. In Annagrets Traum verwandelten sich alle Lappen ins Meer, und Paul schwang einen Besen wie einen Dirigentenstab.

“Das Karottenstück liegt links, die Rote Bete rechts,” nörgelte Paul, während sie Suppe kochte. “Nach dem Kochen räume ich schon auf,” murmelte Annegret, aber Paul fegte, fluchte und sprach von Unordnung, als wäre das Esszimmer ein Tatort.

Morgens, während sie Kaffee in feine Porzellantassen goss, meckerte Paul über einen winzigen Fleck auf dem Tisch. Wenn Annegret das Bad verließ, wurde die Zahnpasta-Tube gerichtet. Nie sei da genug Ordnung, meckerte Paul zwischen zwei Marmeladenbroten. Seine Mutter hätte das nie gestattet!

Manchmal neckte Annegret: “Kauf uns doch einen Fensterputzroboter oder eine kleine Spülmaschine! Davon haben wir noch Euros von der Hochzeit.”

Paul staunte, schnaubte, und rief seine Mutter an, die prompt beim Tee erklärte, wie sie einst im Dorf auf dem Bauernhof alles mit der Hand gemacht hatte und im städtischen Altbau eine Putzfee wurde.

Annegret fühlte sich immer schwerer; das Lachen wurde weniger. Das Haus war blitzeblank, doch war ein Klo nicht exakt geputzt, begann das Kreuzverhör.

Sogar im Traum kam Paul’s Mutter mit einer bepelzten Lupe, suchte nach Staub, und Annegret schrumpfte, während sie in den Ecken wischte, die keine waren.

Eines Tages kam Mutter Veronika, während Paul auf Dienstreise war. Sie fand Annegret am Schrubben, das Haar aschfahl, die Wangen ohne Grübchen, und fragte: “Was ist mit deinen Augen, Sonnenschein? Warum funkeln sie nicht?”

Da erzählte ihr Annegret, Tränen zwischen Staubtüchern.

Der Vater, der sonst selten eine Meinung aufzwängte, beschloss, seine Tochter sofort aus dem Haus zu holen. Am nächsten Morgen wurde Annegret eingesammelt, Sachen gepackt, und der Abschied fiel seltsam leicht.

Sie rief Paul an und bestand auf die Scheidung. “Es tut mir leid, Paul. Ich kann nicht die perfekte Hausfrau sein und dabei glücklich bleiben.”

Monatelang versuchte Paul, Annegret zurückzugewinnen; versprach Technik, Geschirrspüler und Roboter. Nichts half: Annegret war fort, und mit jedem Frühling bekam sie mehr Farbe zurück.

Eines windigen Tages begegnete Paul ihr auf dem Bürgersteig in Altona. Sie lachteeine Melodie wie Glockenspiel und Morgensonne, die Wangen wieder mit Grübchen, das Haar golden. kurz, das Regenvöglein.

Paul lächelte traurig und verstand: Farben kann man nicht festhalten. Verloren hat er sein Regenvögleinganz ohne Schmutz, und doch für immer.

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Homy
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