Ein krankes Kind kann dein ganzes Leben aus der Bahn werfen…

Jonas, wie konnte es nur so weit kommen? Wir haben uns doch so auf ihn gefreut, flüsterte Friederike und schaute ihren Mann mit tränengefüllten Augen an.

Er verließ sie. Ihr geliebter Mann, ihr Fels in der Brandung, sagte ihr, dass er die Scheidung einreiche und zu einer anderen Frau ziehe. Vielleicht wäre es leichter zu ertragen gewesen, wenn er sie mit verletzenden Worten beschimpft und ihr mit finanzieller Not gedroht hätte. Aber Friederikes Herz schmerzte unendlich sein Blick war voller Verwirrung, Zweifel und Schuldgefühle.

Bitte, Friederike, lass es gut sein, antwortete Jonas heiser und wollte sich so schnell wie möglich verabschieden. Sie war nun fast schon seine Ex-Frau und dennoch…

Jonas hatte längst eine neue Liebe Lisa. Doch Friederike war ihm nie egal gewesen. Zu gut erinnerte er sich noch an die große Liebe, den Zauber und die Wärme ihrer Beziehung.

Bereits mit seiner Reisetasche stand Jonas an der Tür die restlichen Sachen hatte er schon zuvor abgeholt. Er hatte nicht vor, an diesem Tag noch irgendetwas zu besprechen, außer das Nötigste. Doch Friederikes tränenreiche Worte ließen sich nicht aufhalten.

Da begann es aus dem Kinderzimmer zu weinen, und Friederike eilte sofort zu ihrem Sohn. Jonas seufzte. Das war der Ursprung allen Übels: Paul, sein kleiner Junge, dem die Ärzte bei seiner Geburt eine infantile Cerebralparese diagnostizierten. Seitdem war das Leben von Jonas aus der Bahn geraten. Seit der Geburt dieses schreienden kleinen Wesens mit all seinen Problemen.

Mal fühlte Jonas Ablehnung dem Sohn gegenüber, der nun die gesamte Aufmerksamkeit seiner Mutter beanspruchte. Mal verirrte er sich in Selbstmitleid und Mitleid für Paulchen. Auch er hatte sich so sehr auf ein Kind gefreut wie Friederike. Was hatten sie nicht alles durchgemacht, bis es endlich mit der lang ersehnten Schwangerschaft klappte.

Während er an der Tür stand, erinnerte sich Jonas an die glücklichen Monate der Schwangerschaft, dann die Frühgeburt, die Komplikationen durch Fruchtwassermangel und Sauerstoffmangel. Die furchtbaren Tage auf der Intensivstation, angeschlossen an Geräte. Und dann die schlimme Nachricht: mögliche schwere Folgen für das Kind und für die Eltern.

Trotzdem hatten sie damals noch Hoffnung. Mit sechs Monaten dann die endgültige Diagnose: Cerebralparese. Verzögerte Entwicklung, hohe Muskelspannung in den Beinen. Da begann der tägliche Kampf.

“Ich will daran nicht mehr denken,” fuhr es Jonas durch den Kopf. “Ich will kein Leben mehr voller endloser Therapien, Massagen und Behandlungen.”

In dieser Zeit trat Lisa in sein Leben lebensfroh, charmant und immer bereit für Zärtlichkeit. Sie hatte Zeit für ihn, kümmerte sich nicht um kranke Kinder, sie war frei von Sorgen und herzlich. Ein Fluchtweg, ein Funken neuer Lebensfreude.

Seine Freunde und selbst Lisas Familie hatten Verständnis für seine Entscheidung zur Trennung.

Welcher Mann hält das schon aus? meinte Friederikes Mutter, die zwar aushalf, aber nur widerwillig. Mit ihren Enkeln von der älteren Tochter verbrachte sie viel lieber Zeit. Paul brachte einfach mehr Schwierigkeiten als Freude.

Eines Tages, gequält von Schuldgefühlen, vertraute Jonas seinem Freund Tobias an. Der versuchte, ihn zu beruhigen und gut zuzureden.

Tausende Männer gehen, das ist ganz normal, meinte Tobias, du schuldest ihr nichts. Sie ist eine gute Frau, aber…

Sie ist wirklich wundervoll, sagte Jonas mit Bitterkeit, sie war die beste Freundin, Frau und Mutter, die ich mir vorstellen kann. Aber… es ist einfach zu viel geworden.

Wenn Friederike sich entscheidet, dieses Kreuz zu tragen, musst du das nicht auch noch tun, sagte Tobias, das ist dein Leben. Ein krankes Kind wird dich auffressen, deine Tage, Monate, Jahre.

Ich halte das nicht aus, Jonas vergrub den Kopf in den Händen. Er konnte nicht sein weiteres Leben für kleine Fortschritte aufgeben. Nur die Frage, wie er mit der Schuld leben sollte, ließ ihn nicht los.

Geld regelt alles, schlug Tobias vor, geh anständig. Lass ihr die Wohnung, ein Auto, regle das mit dem Unterhalt. Du hast doch genug auf der Kante?

Meine Mutter hat mir nach dem Verkauf von Papas Schrebergarten was abgegeben, und mein Gehalt reicht auch, erklärte Jonas.

Dann geh, und zwar mit Stil, grinste Tobias, so dass dir keiner vorwerfen kann, du hättest eine Frau mit krankem Kind im Stich gelassen.

Jonas fand diesen Gedanken beruhigend. Er könnte wirklich neu anfangen.

Er tat alles Nachvollziehbare: überließ Friederike das Geld vom Verkauf, verzichtete auf Ansprüche am gemeinsam gekauften Eigentum, gab ihr das neue Auto und behielt selbst den alten Golf.

Wie gern hätte Jonas sich leicht gefühlt, endlich raus aus dieser drückenden Wohnung, frei von dunklen Gedanken. Doch Friederikes trauriges Schweigen machte es ihm schwer. Selbst jetzt hätte sie ihn am liebsten festgehalten.

Ich kann nicht mehr, sagte Jonas leise. Bitte, schicke mir keine Bilder oder Nachrichten über Paul. Ich will von “kleinen Erfolgen” nichts mehr hören.

Wäre Friederike ihm jetzt nachgelaufen, hätte er vielleicht gezögert. Doch als das Weinen aus dem Kinderzimmer erneut rief, verließ Jonas fluchtartig die Wohnung.

Draußen atmete er zum ersten Mal seit Monaten wieder frei. Endlich kein Geruch von Desinfektionsmittel, Medikamenten, keinem erdrückenden Gefühl.

Er wollte nicht mehr an Friederike und Paul denken. Er fühlte sich, als breche er mit der Vergangenheit entschieden und unwiderruflich.

Nachdem Jonas gegangen war, konnte Friederike kaum gegen das aufkommende Weinen an. Ein dicker Kloß im Hals, Übelkeit. Doch da rief ihr Sohn, und sofort war sie wieder ganz Mutter.

Da geschah das kleine Wunder: Paul, acht Monate alt, lächelte sie erstmals bewusst an.

Du lächelst! Paul, du lächelst! flüsterte Friederike berührt.

Zuvor hatte niemand eine bewusste Reaktion gesehen. Die Ärzte hatten Fortschritte bemerkt und gemeint, mit genügend Übung würde er mit zehn Monaten von allein lächeln und sich vielleicht drehen können. Jetzt war der Durchbruch da!

Mein Gott, was für ein Glück! Die Jungen Mutter nahm ihr Kind hoch und küsste seine Wangen, Hände, Nase.

In diesem Moment rief ihre Freundin Clara an. Sie war die Einzige, die stets an Friederike geglaubt hatte, und wusste vom bevorstehenden Auszug.

Ist er wirklich weg?

Ja, Clara. Er hat alles übergeben und…

Friederike konnte wieder einmal nicht anders und begann zu weinen. Sie erzählte, wie Jonas sich beeilt hatte und alles geregelt war.

Heul nicht, Liebes! Er hat dir die Wohnung gelassen, das Auto, etwas Geld. Tausende Frauen stehen nach einer Trennung mit leeren Händen da. Du hast eine solide Grundlage!

Er wollte sich nur freikaufen, verstehst du? Das tut so weh…

Clara lenkte behutsam ab und fragte nach Paul. Sofort hellte sich Friederikes Stimmung auf, und sie erzählte von Pauls erstem echten Lächeln.

So ein Grund zur Freude lässt doch den Kummer über einen Mann verblassen, rief Clara begeistert.

Du hast recht, Friederike musste sogar lachen. Sie liebte es, mit ihrer Freundin über die kleinen Siege zu reden Clara freute sich mit ihr. Und das bedeutete mehr als alles andere.

Du solltest dich etwas ablenken. Jonas hat dich finanziell ganz gut versorgt, gönn dir ruhig einen Friseurbesuch.

Aber wer bleibt solange bei Paul? Meine Mutter findet sicher wieder Ausreden, und meine Schwester bemitleidet mich nur. Sie sieht Paul und schaut dann gleich so erschrocken, das zieht mich runter.

Vergiss deine Familie, ich passe gern auf Paul auf ein bisschen Spazierenfahren oder Spielen, das kriege ich hin, versprach Clara.

Friederike lachte befreit auf. Was für ein Glück, Clara zu haben.

Nach der Scheidung besuchte Clara sie regelmäßig, half ihr, bespaßte Paul und ermöglichte Friederike auch mal kleine Fluchten zum Zahnarzt oder zur Massage.

So verging die Zeit: Niederlagen, Momente der Verzweiflung, aber auch kleine Fortschritte. Mit eineinhalb Jahren konnte Paul krabbeln, zeigte Interesse an bunten Bausteinen, versuchte kleine Türme zu bauen, auch wenn die Finger nicht immer wollten.

Als Paul zwei Jahre alt wurde, wollte Friederike ihm eine richtige Geburtstagsparty schenken. Sie schrieb Jonas eine freundliche Einladung, die auch Claras, die Schwester Anna und ihre Mutter erhielten.

Paul empfing die Gäste im festlichen Outfit, baute fleißig an seiner bunten Bausteinturm. Clara war voller Begeisterung:

Paul, du bist richtig klasse! Kompliment an deine Mutter und alles Gute zum Geburtstag!

Sofort setzte sie sich zu ihm auf den Teppich, half beim Bauen, schenkte neue Bauklötze Paul quietschte vor Freude.

Die anderen Gäste zeigten wenig Euphorie. Die Großmutter seufzte:

Ach, mein Junge… na, hoffentlich reicht das Geld, hab deiner Mama wieder was zugesteckt.

Danke, Mama, lächelte Friederike höflich. Die Enttäuschung war trotzdem da, denn Paul war so süß in seinem gestreiften Anzug warum konnte die Großmutter sich nicht mehr freuen?

Hat Jonas gratuliert? Kommt er vielleicht? fragte die Mutter nebenbei.

Er hat ein Grußbild geschickt und etwas überwiesen, aber kommt nicht.

Ist ja auch verständlich. Und die Mutter schaute bedeutungsvoll zu Paul und Clara.

Währenddessen kam Anna mit ihrem vierjährigen Sohn Tim. Die Großmutter stürzte gleich zu ihrem älteren Enkel, lobte die neue Jacke, küsste und half ihm beim Ausziehen.

Tim hat jetzt Schwimmen gelernt! prahlte Anna.

Toll gemacht, mein Schatz! rief die Großmutter und herzte den Jungen.

Nun meinte Anna entschieden:

Lass die Jungs nicht zusammenspielen. Ich versteh’ dich ja, aber Tim wird davon nur traurig.

Anna, du hast keine Ahnung, was Paul alles erreicht hat! Ihr wollt ja gar nicht hinhören. Und ihr gebt ihm nie die Chance, zu zeigen, was er kann.

Was kann er denn? verdrehte Anna die Augen Er kann sitzen, krabbeln, freut sich über Klötze und Türmchen… zwei Jahre alt!

Friederike wollte widersprechen, doch die Tränen stiegen ihr wieder in die Augen. Die Mutter redete ihr ins Gewissen: Kein Grund, mit den Fortschritten anzugeben. Interesse an Spielzeug sei kein wirklicher Fortschritt.

Mama, warum bist du so? flüsterte Friederike.

Schwesterherz, ich will dich nicht beleidigen, es tut mir nur leid um Paul. Aber keiner von uns will laufend von kleinen Erfolgen hören. Soll ich jetzt angeben, dass Tim selbst den Po abwischen kann?

Mutter und Schwester sprachen sich weiter das Leid von der Seele, bis Clara ins Zimmer kam. Sie hatte das Gespräch teils mitgehört.

Entschuldigung, habt ihr eigentlich vergessen, weswegen ihr eingeladen wurdet? Wird bei euch auf Geburtstagen auch böse über das Geburtstagskind hergezogen?

Du verstehst es nicht, begann die Mutter, aber Clara schnitt ihr das Wort ab.

In zwanzig Jahren braucht ihr selbst Unterstützung. Hoffentlich wird dann bei euch auch so schräg mitgefühlt.

Schweigen bei Mutter und Schwester sie verabschiedeten sich rasch.

Nimms uns nicht übel, drückte die Mutter Friederike zum Abschied.

Vielleicht solltest du auch bei den Freunden mal durchsortieren, warf Anna im Gehen Clara einen vielsagenden Blick zu.

Friederike war erleichtert, als sie endlich wieder allein mit Clara und Paul war. Dann brach sie doch in Tränen aus. Clara nahm sie fest in den Arm.

Sag mal, Friederike, hast du eigentlich schon mal von Hippotherapie gehört?

***

Anfangs war Friederike skeptisch, ob Reittherapie wirklich helfen könnte. Paul stand schließlich nicht mal frei ohne Stützen. Doch Clara konnte sie überreden, es wenigstens zu versuchen.

Wir können die Muskelspannung lockern, Balance und Koordination stärken, erklärte der erfahrene Therapeut Dr. Martin Schneider.

Und psychisch? Hat Paul keine Angst vor dem Pferd? fragte Friederike zögerlich.

Hippotherapie tut auch der Seele gut: Motivation, Selbstvertrauen, soziale Fähigkeiten das alles wird gefördert!

Nach einigen Untersuchungen und Tests gegen Allergien begann Paul mit den Therapiestunden.

Der freundliche Therapeut führte Paul sanft an das Therapiepferd Blümchen heran. Zögernd streichelte Paul das Tier, dann blitzten seine Augen auf.

Gefällt dir, oder? lachte Dr. Schneider und nahm Pauls Hand.

Das große Pferd beugte sich vorsichtig herunter. Als die warme Pferdeschnauze Pauls Hand berührte, lachte Paul auf voller Freude.

Ich kann’s kaum glauben, flüsterte Friederike unter Tränen.

Das ist erst der Anfang, lächelte Dr. Schneider. Warten Sies ab.

Bei jeder Sitzung spürte Friederike, wie Paul aufblühte, lachte, motivierter war. Nach fünf Terminen zeigten sich die ersten Verbesserungen. Jeder Fortschritt war eine kleine große Freude.

Es stimmt, Schritt für Schritt sammeln wir kleine Siege, sagte der Therapeut. Irgendwann wird daraus ein ganz großes Ziel!

Zum Abschlusskurs schenkte Dr. Schneider Paul ein kleines Plüschpferdchen. Paul lachte hellauf. Er lachte jetzt überhaupt immer häufiger und für Friederike gab es nichts Schöneres.

Sie haben viel erreicht, lobte Dr. Schneider die Mutter, aber es ist erst der Anfang. Wir festigen weiter seine Muskeln und arbeiten an Gleichgewicht…

Danke, von Herzen, schluchzte Friederike vor Rührung.

Paul wird sicher einmal laufen, versprach Dr. Schneider. Er bewunderte Friederikes Stärke und ihre Liebe zu ihrem Sohn zutiefst.

Ich glaube Ihnen, lächelte Friederike, den Tränen zum Trotz.

Der Therapeut drückte ihr freundlich die Hand, gab Paul das Plüschpferdchen und verabschiedete sich bis zur nächsten Therapie.

Und so lernte Friederike, dass das wahre Glück oft in kleinen Schritten liegt und dass es ein Zeichen von Mut und Bedeutung ist, Freude an den eigenen kleinen Wundern zu finden, auch wenn andere es nicht verstehen. Wer an sich und die Menschen, die er liebt, glaubt, kann mehr erreichen, als andere je erwarten würden.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: