Verratenes Andenken an den Vater: Eine Geschichte von Loyalität und Verlust

Verraten das Andenken an den Vater.

Lang ists her, als ich an diese Zeit zurückdenke: Durch die engen Berliner Hinterhöfe trottete ich damals war ich schon eine alte Frau und brauchte für den Weg zur Bäckerei fast eine Stunde. Dabei waren es kaum fünf Minuten von meiner Wohnung in Charlottenburg aus. Doch an diesem besonderen Herbstabend lastete eine melancholische Schwere in der Luft, die mich nicht losließ. Ich hatte keinen Drang mehr, in meine Wohnung zurückzukehren. Dort wartete bloß ein kalter Wasserkocher, ein schon lange nicht mehr gewischter Fußboden und mein dicker Kater Fritz, der in den letzten Jahren mein einziger Gesprächspartner geworden war abgesehen vom Fernseher, der morgens anging und abends erst mit mir zur Ruhe kam. Die Stimmen der Moderatoren gaben wenigstens eine trügerische Hoffnung auf Gesellschaft.

Die Beine schmerzten, das Knie pochte unangenehm, das Wetter war trüb und nass, doch ich bog trotzdem in den Spielplatz ein. Alle Schaukeln und Bänke waren längst aufgeweicht vom Nieselregen. Trotzdem setzte ich mich an den Rand der Bank unter das rostige Pilzdach, zog die Hände tief in die Taschen meines längst abgewetzten Wollmantels den trug ich sicher schon sieben Jahre, aber ein neuer war nicht nötig.

Früher, zu Heinz Lebzeiten, war das Leben anders: lauter, voller, manchmal zu eng. In unserer kleinen Wohnung wuchsen schließlich zwei Kinder auf mein älterer Sohn Karl und meine jüngere Tochter Anneliese. Heinz ist nunmehr seit fünfzehn Jahren begraben, und die Kinder sind zu eigenen Wegen aufgebrochen. Sie, denen ich all meine Kraft geschenkt hatte, verließen das Nest und bauten sich ihr eigenes Leben fern von Berlin.

Karl zog mit Frau und seinen beiden Söhnen nach München, Anneliese heiratete einen erfolgreichen Informatiker und wohnte jetzt in Hamburg. Sie reisten viel, fuhren ständig in den Urlaub, und erinnerte an die Mutter meist nur zu Feiertagen, mit einer standardisierten Nachricht: Alles Gute zum Geburtstag, Mama, dicken Kuss! Dazu schickten sie Fotos der Enkelkinder, die mir beinahe fremd vorkamen sie kamen nie zu mir in den Sommerferien, waren stattdessen in Sprachcamps in Italien oder Spanien, lernten fleißig mit Nachhilfelehrern.

Ich seufzte, betrachtete eine dicke Krähe, die auf dem nassen Asphalt nach Futter suchte. Früher hatte ich geglaubt, die Kinder würden einmal Rückhalt im Alter geben Enkel um mich scharen, anrufen, mich besuchen. Die Realität war ernüchternder: Karl meldete sich, wenn überhaupt, einmal im Monat. Immer mit den gleichen Sätzen: Mama, wie gehts? Alles gut? Die Arbeit nimmt uns voll ein, die Kinder sind krank du weißt ja, wie das ist. Anneliese war der Meinung, eine kleine Überweisung auf mein Bankkonto, mal hier mal da fünfzig Euro, würde genügen ihre Pflicht war damit getan.

So vergingen die Tage im Ruhestand wie in einer Endlosschleife: Morgens aufstehen, Fernseher an, den Kater füttern, Porridge oder Rührei kochen, Fernsehen, Mittagessen, Fernseher, kleiner Spaziergang und wieder der Fernseher, dann Schlaf. Manchmal ertappte ich mich dabei, wie ich laut mit den Nachrichtenredakteuren stritt oder Kommentare abgab. Kater Fritz schaute mich dann mit diesem gelben, nachsichtigen Blick an, schnippte träge mit dem Schwanz und schlief weiter.

An jenem Abend wollte ich das Alleinsein zu Hause besonders wenig spüren. Die Wohnung war leer, stickig. Der Regen wurde stärker, dennoch blieb ich auf meinem Platz, zog das Tuch fester um den Kopf.

Liesl? hörte ich plötzlich von rechts. Elisabeth, sind Sie das?
Ich zuckte zusammen und hob langsam den Kopf. Neben mir stand ein hagerer Mann in altem, braunem Mantel und Schiebermütze unter dem Visor blitzten Silberhaare und zwei wachsame graue Augen. Sofort erkannte ich ihn: Herr Günther Weber, Nachbar aus dem Nebenhaus. Auch er war oft im Hof unterwegs, mit Stock bewaffnet, gegen das Alter. Ab und zu begegneten wir uns im Aufzug, wechselten ein paar belanglose Worte über das Wetter.

Günther? Was machen Sie hier im Nieselregen? Erkälten Sie sich doch!
Und Sie? Er grinste, zog eine Zeitung aus der Manteltasche und legte sie fürsorglich auf die feuchte Bank. Ich beobachte Sie schon Sie sitzen schon lange hier. Habe aus dem Fenster gesehen, wie Sie kamen. Wollte nach dem Rechten sehen, dachte, vielleicht fühlen Sie sich nicht wohl?

Alles gut, winkte ich ab, ich will bloß nicht nach Hause. Eine unendliche Sehnsucht bedrückt mich, Günther manchmal könnte ich heulen.

Das kenne ich, nickte er und zog eine schlichte Flachmannfalsche heraus, etwas Obstler? Medizin gegen Trübsinn. Ich trinke selten, aber manchmal reichen dreißig Grad, damit es wieder warm wird ums Herz.

Ich wollte zunächst ablehnen, aber was gab es zu verlieren? Niemand würde mich sehen oder verurteilen. Ich nahm einen kleinen Schluck, spürte das belebende Brennen, das Unruhe und Kälte vertrieb.

Danke, hauchte ich, als ich die Flasche zurück reichte. Sind Sie auch allein? Sie hatten doch eine Frau?

Hatte, seufzte Weber. Seit drei Jahren nicht mehr. Die Buben, einer in München, einer in Düsseldorf, eigene Familien, eigene Sorgen. Kommen nur selten, rufen sonntags an. So lebt man halt. Und Sie?
Die Kinder weit weg. Selten melden sie sich. Mein Heinz ist schon ewig tot.

Dann sind wir wohl ein Paar alter, einsamer Schuhe, schmunzelte Günther. Zwei Abendeinsamkeiten.

Wir schwiegen. Doch es lastete nicht, sondern tat fast gut. Als würden wir uns seit langen Jahren kennen, alles zwischen uns gesagt jetzt nur noch Sitznachbarn an einem dunklen Berliner Abend.

Ich beobachte Sie schon länger, Liesl, sagte Günther plötzlich verlegen. Sie sind immer so ordentlich, laufen allein um den Block. Ich wollte Sie immer ansprechen, aber heute, da wars wie ein Zeichen. Sie sitzen da wie eine Skulptur. Da musste ich einfach kommen.

Ich schaute erstaunt. Sie haben mich beobachtet? Warum?

Er zuckte die Schultern. Was bleibt einem alleinstehenden Alten schon? Ich geh ans Fenster, sehe Sie rausgehen. Immer die gleiche Zeit. Wenn Sie mal nicht kommen, mache ich mir Sorgen.

Mir wurde seltsam warm. Zu wissen, dass mich jemand sah, wartete, an mich dachte, das machte trotz allem leicht.

Und, vielleicht gehen wir künftig gemeinsam spazieren? schlug Günther vor. Zu zweit ists schöner, und sicherer obendrein.

Vor wem soll ich denn Angst haben etwa vor den Krähen? Er lachte und ich zum ersten Mal seit langer Zeit auch. Von mir aus, Günther!

Von da an änderte sich mein Alltag. Jeden Abend, sofern es nicht stürmte, trafen wir uns im Park hinter dem Haus. Günther, früher Ingenieur in Siemens-Werken, konnte herrlich erzählen von Maschinen, aber noch lieber von Geschichte, seiner Leidenschaft im Ruhestand. Ich, einst Steuerfachangestellte, kannte mich mit Historie nicht so aus, konnte aber gut zuhören und kluge Fragen stellen. Günther hörte aufmerksam meinen Geschichten über Karl und Anneliese zu, über Heinz, über das kleine Wochenendhaus in Brandenburg, das wir einst zu Spottpreisen verkauft hatten weil die Kinder es nicht wollten.

Oft wurde es spät und dunkel, wenn wir uns trennten. Mein Zuhause wurde wärmer: Jetzt kochte ich nicht mehr bloß für mich ein Stück Kuchen, ein Eintopf, manchmal sogar Frikadellen. Fritz, der Kater, genoss die Düfte und schmiegte sich häufiger an meine Beine.

Eines Tages blieb Günther über Nacht. Es war spät geworden, wir hatten den Tee vergessen, die Gespräche endeten erst nach Mitternacht. Ich sagte: Günther, bleib doch einfach! Das Sofa im Wohnzimmer ist ausklappbar.

Störe ich nicht? Er blickte hoffnungsvoll.
Ich winkte ab. Ach Quatsch, Platz ist da genug!

So wurde aus einmal die Woche schließlich Alltag. Er brachte seine Pantoffeln mit, dann die Zahnbürste und eines Tages sogar seinen kleinen Koffer. Morgens hörte ich ihn werkeln, war selig darüber. Den Fernseher brauchten wir kaum noch es gab sowieso mehr als genug zu besprechen. Selbst Fritz gewöhnte sich an ihn und schlief schließlich bei ihm in den Füßen.

Günther, sollen wir morgen Kohlrouladen machen? Ich hab so eine Lust auf Kohl!

Sehr gerne. Ich bring Hackfleisch mit, du kümmerst dich um die Graupen?

Im Zusammensein lag so viel Frieden, dass ich kaum glauben konnte, wie viel Glück man im Alter noch geschenkt bekommen konnte.

Nur eines ließ mir keine Ruhe: Die Kinder. Ich konnte ihnen von Günther nicht erzählen. Heinz, ihr Vater, war ihnen heilig, ein Held gerade Karl hielt stets an seinem Andenken fest und maß mich an ihm: Papa hätte das gemacht, Papa hätte jenes gesagt. Ich fürchtete ihren Vorwurf, ich hätte das Gedenken an Heinz verraten.

Günther spürte mein Zögern und ließ mir Zeit.
Deine Kinder, dein Bier, Liesl. Sag Bescheid, wann immer du so weit bist. Ich warte.

Doch dann kündigten Karl und Anneliese überraschend ihren Besuch an, zu meinem Geburtstag sogar, samt Familien für drei Tage. Erst war ich voller Vorfreude, dann überkam mich Panik: Wie würde ich ihnen begegnen? Wie sollte ich erklären, dass Günther inzwischen bei mir wohnte?

Günther… die Kinder kommen vorbei. Ich weiß nicht, wie sie reagieren. Vielleicht solltest du… vorläufig zurück in deine Wohnung? Ich spreche mit ihnen, bereite sie vor und dann stell ich euch vor. Sonst gibts nur Ärger.

Er sah mich traurig an, seine Stimme war leise: Willst du mich wirklich verstecken, Liesl? Bin ich dein heimlicher Liebhaber, den man vor erwachsenen Kindern verbergen muss?

Nein, das doch nicht! Ich brauche bloß einen Moment, um es ihnen zu erklären. Na gut, antwortete er nach einer Weile. Ich gehe. Aber bitte so will ich nicht leben auf Dauer. Am nächsten Tag war er weg.

Die Stille in der Wohnung war unerträglich.

Dann kam der Geburtstag. Karl mit Frau, zwei lebhaften Buben; Anneliese mit Mann und Tochter. Es wurde laut, bunt, durcheinander aber ich spürte eine innere Distanz. Am Abend, als Ruhe einzog, rief ich Karl und Anneliese in die Küche.

Kinder, ich muss euch etwas Wichtiges sagen: Ich lebe mit einem Mann zusammen. Mit Herrn Weber Günther. Es ist mir ernst.

Eisige Stille.

Du… lebst also mit einem Mann… hier… in der Wohnung von uns und Papa? Anneliese stemmte die Arme in die Hüfte.

Karl schnaubte: Typisch! In deinem Alter noch so etwas…! Du hast damit das Andenken an unseren Vater beleidigt. Er hat alles für dich und uns getan, und jetzt so ein… Kerl in seiner Wohnung!

Ich schluckte schwer. Kinder, ich liebe euch und ich liebe Günther. Ihr müsst akzeptieren, dass ich auch Bedürfnisse habe. Ich will nicht den Rest meines Lebens allein sein.

Doch von Verständnis keine Spur. Entweder wir, oder er!, sagte Karl schneidend. Anneliese nickte. Willst du die Familie, dann bleib allein. Sonst brauchst du uns nicht mehr erwarten.

Ich blieb zurück, Tränen liefen über das Tischtuch, das ich erst für ihren Besuch aufgelegt hatte.

Am nächsten Morgen schwiegen alle. Karl trank lustlos seinen Kaffee, Anneliese packte hektisch. Wir fahren. Das hier können wir nicht länger ertragen. Ohne Umarmung, keine versöhnenden Worte. Weg waren sie, samt Enkelkindern, samt Geschenken.

Den Rest des Tages saß ich regungslos vor dem dunklen Fernseher, Fritz schmuste umsonst mein Herz wollte nicht warm werden.

Schließlich griff ich zu Günthers Nummer. Mit heiserer Stimme sagte ich ihm ab: Du sollst nicht mehr kommen. Es geht nicht. Und was ist mit dir? fragte er leise. Liebst du sie mehr als dich selbst? Es sind meine Kinder, Günther. Es tut mir leid…

Zwei Monate vergingen. Wieder der alte Trott: Fernsehen, kochen für einen, Fritz. Die Kinder? Kurznachrichten, manchmal ein Schneebild der Enkelin. Niemand fragte, wie es mir wirklich ging.

Eines Tages begegnete ich im Fahrstuhl Frau Schulze. Neugierig fragte sie: Wo ist denn der Herr Weber geblieben? Hab ihn lange nicht gesehen ist der krank? Mir stockte der Atem, mein Herz setzte für einen Moment aus. Günther krank?

Sie nickte. Ja, blass, ganz mager. Sein Sohn war kurz da, kümmerte sich aber kaum.

Ich eilte nach Hause und noch am selben Abend rief ich Günther an. Er klang matt, ausgelaugt, aber als ich sagte, ich komme, widersprach er nicht. In seiner Wohnung weinte ich, als ich ihn sah so schmal, und doch mit diesem warmen Lächeln auf den Lippen.

Ich bleibe heute Nacht, Günther. Und morgen rufe ich Karl an soll ers wissen: Entweder nimmt er mich so, wie ich bin, oder eben nicht. Ich habe gewählt ich wähle mich!

Er versuchte noch abzuwinken, aber ich blieb standhaft. Ich habe diesen Kindern alles gegeben. Jetzt bin ich einmal dran. Mein Glück ist hier.

Ich kochte, machte Tee, blieb die Nacht. Am Morgen rief ich Karl an: Lieber Karl, ich lebe mit Günther zusammen. Wir lieben uns. Wenn euch das nicht passt, werde ich nicht länger darauf Rücksicht nehmen. Ich habe euch lieb, aber ich lasse mich nicht länger erpressen. Eine lange Pause folgte, dann legte ich auf. Es fühlte sich an wie eine Befreiung.

Eine Woche später schrieb Anneliese eine SMS: Mama, wenns dir damit besser geht komm zu Besuch, wann du willst, aber bitte sprich nicht mehr über Günther, ja? Das ist für uns nicht einfach.

Ich lachte still und steckte das Handy weg. Vollkommene Versöhnung war das nicht, aber ein Kompromiss. Das Wichtigste aber: Günther und Kater Fritz waren bei mir und neben dem leisen Surren des alten Fernsehers hatten wir endlich unser eigenes, warmes Gespräch gefunden.

Günther, wollen wir morgen Kohlrouladen machen? Ich hab schon einen schönen Weißkohl gekauft.

Sehr gerne, Liesl. Ich gehe für uns das Hack holen. Wieder blitzten seine Augen und ich wusste: Es war doch nie zu spät für ein wenig Glück im Alter.

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Homy
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