Chefin
Geh doch selbst rein!
Spinnst du, Sandra? Sie frisst mich mit Haut und Haaren auf!
Frisst, kaut und spuckt dich wieder aus! Los, du hasts verbockt, also kümmer dich auch drum!
Frauke von Falkenberg klappte ihre Akte zu und spitzte die Ohren. Zumindest war wohl jetzt ihr Auftritt, sonst würden die beiden Sekretärinnen noch ewig vor ihrer Bürotür diskutieren, und Arbeit lag noch in Hülle und Fülle.
Sie streifte sich die Pumps von den Füßen, tippelte auf blanken Sohlen zur Tür, riss sie ein Stück weit auf und warf den beiden einen Raubtierblick zu:
Na, Mädels? Ist hier was los oder langweilt ihr euch bloß?
Beim Anblick der beiden erstarrten Gesichter konnte Frauke sich ein leises Prusten kaum verkneifen. Immer wieder das Gleiche: Wie Kaninchen vor der Schlange. Lena bekommt schon rote Flecken, Sandra starrt betreten zu Boden und sieht aus, als würde sie gleich die Taschentücher zücken. Bloß das jetzt nicht auch noch!
Lena, hol mir bitte den Bericht vom letzten Quartal. Ich will die Zahlen vergleichen. Und du, Sandra, komm kurz rein.
Frauke ließ Sandra die, wie es aussah, wirklich schon kurz vorm Wasserfall stand ins Büro gleiten, warf noch einen Befehl-durch-Blick in den Flur und schenkte Lena ein aufmunterndes Lächeln.
Geh schon. Das regelt sich.
Frauke, bitte schimpfe nicht so doll. Wir wollten zwei Gutachten noch beilegen. Da ist was schiefgelaufen Eigentlich bin ich Schuld!, flüsterte Lena und nestelte nervös am Gürtel ihres neuen Kleids.
Och, unsere Heldin! Ich habs gehört, Frauke grinste breit und zwinkerte Lena zu. Sehr schick übrigens! Endlich mal den Tipp zugelassen. Nur das Make-up fehlt noch und vielleicht neue Gläser.
Lena errötete, lächelte und nickte.
Ich war gestern mit Anke Kosmetik shoppen.
Mit Anke? Die lässt doch das ganze Monatsgehalt an der Kasse!
Fast. Sie meinte, das sei einmalig und danach brauche ich nur Nachschub.
Hat sie dir auch gezeigt, wie das alles geht? Davon seh ich jetzt noch nichts.
Eigentlich nicht. Ihr Kater ist krank geworden, da musste sie spontan in die Tierklinik. Wir waren also schnell weg. Heute gibts aber eine Einführung so mit Tutorial und allem.
Na prima. Und bring mir den Bericht mit. Und Lena!
Ich beeile mich!
Beeil dich lieber nicht zu sehr. Ich will jetzt ein bisschen schimpfen und das soll nur Sandra mitbekommen. Halte Wache am Flur.
Lena nickte und verschwand, Frauke atmete einmal kräftig durch und schloss die Bürotür. Na dann los.
Sandra! Taschentücher findest du gleich rechts. Die hübsche Box da. Komm erstmal wieder zu dir hier ist nicht dein Sofa daheim. Schniefen und Tränen gibts später, und sicher nicht in meinem Büro. Jetzt erklär mir erstmal, warum in deinen Unterlagen das reinste Chaos herrscht. Da blickt ja nicht mal der Leibhaftige durch!
Frauke, ich, wisperte Sandra und fingerte an einem Taschentuch herum.
Schon klar, du! Wer denn sonst? Wird das jetzt ein Drama oder erklärst du mir endlich, warum ich ständig Zeit damit vertrödeln muss, dich wieder einzufangen? Mir ist ja nie langweilig, aber Familienkummer und Arbeit trennt man lieber, verstanden?
Sandra zuckte zusammen und zerrte an ihrem Ärmel.
Frauke kniff die Augen zusammen Treffer. Diese jungen Leute, herrje! Sie umrundete den Tisch und ließ sich in ihren Stuhl plumpsen, schob mit dem Fuß die Pumps zu sich heran. Servus, Fußfesseln!
Frauke war schon immer eher klein geraten und hatte nach der Geburt ihrer Tochter Ilka auch dauerhaft mit einer Garderobe gekämpft, die plötzlich zwei Nummern zu groß war.
Bummel, Bummel, ich roll über die Welt!, grinste sie früher vorm Spiegel. Früher war ich ein Zentner im Wind, jetzt bin ich die Kugel selbst. Autorität ist was anderes!
Nachdem sie sich mit ihrer Freundin Ursula, einer gefragten Stilexpertin in München, beraten hatte, schlüpfte sie seufzend in High Heels.
Seit meinem Abi-Ball hab ich solche Mistdinger nicht mehr getragen. Zweimal im Jahr, zu Weihnachten vielleicht. Was hab ich verbrochen, dass ich das jetzt durchmachen muss?
Für dein gutes Karma!, krümmte sich Ursel vor Lachen, während Frauke einen Twist vorm Spiegel wagte. Jetzt stell dich nicht so an, Frauke! In einer Woche läufst du damit wie ein Hirsch durch den Wald. Musstens denn so hohe Absätze sein?
Nur dann sieht man meine Beine wenigstens ein bisschen. Sei still und nimm Maß! Ich brauche einen neuen Anzug. Einen pinken, Ursel!
Heiliger Bimbam! Wen willst du denn beeindrucken?
Alle, dies sehen. Strategische Farbwahl, meine Liebe das ist Gefühl!
Frauke wusste, wovon sie sprach. Immer, wenn sie wie ein Linienschiff in pink durch den Münchner Gerichtssaal schwebte, war erstmal Stille. Vom Staatsanwalt bis zum Angeklagten fiel man vom Glauben ab. Gelacht haben nur die, die Frauke von Falkenberg wirklich kannten. Ihre Fähigkeiten waren legendär. Diese putzige kleine Frau wurde im Prozess zum Raubtier, und wehe, einer unterschätzte sie, weil sie mit Glitzerhochkamm-Frisur und roten Heels aufkreuzte. Wer nimmt sowas schon ernst? Frauke wusste: Niemand. Und das nutze sie schamlos für sich besonders, wenn ein neuer Richter oder Staatsanwalt dabei war.
Frauen bleiben ein Mysterium!, dozierte sie gern ihren Assistenten. Merkts euch, Mädels! Und bevor jemand auf die falsche Idee kommt: Denkt an eure Würde und an meinen guten Ruf! Und ihr Jungs: Checkt lieber den Verstand als das Outfit einer Frau, verstanden? Gilt nicht nur im Gericht! Jetzt ran an die Arbeit!
Ihr Kanzlei-Team hielt Frauke immer gut auf Trab. Wie auch sonst? In München gibts Anwälte wie Sand am Rhein, pflegte sie zu sagen.
Wir müssen die Besten sein!, donnerte sie und blickte in ängstliche Azubigesichter.
So sehr sie den Leuten am Anfang Respekt einjagte, spätestens nach zwei Wochen verflog die Panik. Von den alten Hasen bekam kein Frischling je mit, wie es wirklich ablief und Frauke wusste längst von den Wett-Tipps, wie lange Neulinge bei ihr durchhalten würden. Man munkelte, sie selbst setzte hin und wieder mit.
Rede, wenn du in meinem Alter bist, dann sehen wir weiter!
Dass man sie Mutter Frauke nannte, wusste sie. Und sie wusste auch, dass all diese Jungen und Mädels, die bei ihr lernten und manchmal blieben, früher oder später ihre Konkurrenz würden. Macht ja nichts Freunde wie Gegner behält man am besten im Blick. Ihr Lieblingsbuch: Macchiavelli.
Mit dem Alter schummelte Frauke: Kein halbes Jahrhundert alt war sie, aber die Gerüchte über ihr Leben reichten für mindestens zehn Personen. Manche litten mit, andere hielten sie für nicht ganz normal, wieder andere staunten wie sie ihr Schicksal meisterte.
Ihr Lebensstart war ein Fall für sich. Als Kind fand man die dreijährige Frauke allein in einer verschlossenen Wohnung, ganze zwei Tage lang, kein Mucks. Ihre Mutter hatte nur kurz Brot holen wollen. Man fand sie erst eineinhalb Jahre später na ja, das, was von ihr übrig war. Der Täter bekam lebenslänglich. Doch geholfen hat das niemandem. Frauke rettete damals ein Hund genauer: Brösel, ein knallharter Straßenmischling, den Fraukes Mutter kurz vor ihrer Geburt von der Straße mitgenommen hatte. Warum? Keiner weiß es. Jedenfalls bellte und jaulte Brösel, bis der Nachbar nach der Nachtschicht kaum nüchtern die Tür eintrat, um der Mutter endlich Manieren beizubringen. Stattdessen fand er Frauke. Nach dem ersten Schock rief er die Polizei und nahm das blasse Kind einfach auf den Arm.
Armes Mädel! Jetzt bist du bei uns!
Mit Hilfe der Nachbarschaft wurde dann Fraukes Vater ausfindig gemacht und zur Rede gestellt.
Willst du wirklich, dass dein Kind ins Heim kommt?, rüttelte ihn der Nachbar auf.
Die Wahrheit war: Der Vater wusste von Frauke einfach nichts. Nach einem Streit hatte er sich überstürzt zur nächsten Ausgrabung abgesetzt und dann war ihm der Alltag wichtiger als Klärungen. Er war Genie als Archäologe aber privat eine absolute Niete, und so übergab er die Kindeserziehung seiner Mutter.
Oma Lore, eine bekannte Bildhauerin und künftig Fraukes Fels in der Brandung. Nach einem prüfenden Blick auf das dürre Kind mit den wachen Augen brummte sie:
Da schickt der Himmel mir ein Geschenk und ich darfs auspacken? Na warte!
Sie wusste, wos langgeht. Nach einer gründlichen Grundreinigung und Mehlsuppe für Kind und Hund verkündete sie:
Wenn du so schreist, dass die Nachbarn kommen, hast du Charakter! Wir machen was draus.
Und so gabs ein straffes Programm: Musikschule, Ballett, Museum kein Wochenende ohne Kultur. Den Kindergarten sparte Oma Lore sich, stattdessen bekam Frauke eine Nanny aus dem Haus nebenan.
Bring ihr jeden Tag frisches Obst mit Vitamin-Kur für unsere Zukunft!
Frauke machte artig den Knicks, Handy gabs eh noch nicht, und ab gings nach Lehrplan.
Für Außenstehende schräg, für Frauke aber der Himmel auf Erden nach dem Drama um die Mutter. Oma Lore liebte sie abgöttisch, das spürte Frauke irgendwann selbst, als sie Lore schon längst liebevoll als Mama Zwei titulierte.
Der Beruf stand dann sowieso fest. Mit zwölf erklärte Frauke, sie wolle Anwältin werden mit klarer Spezialisierung.
Aber bitte nichts Strafrecht, Fräulein.
Warum nicht, Oma?
Sonst sitzt du irgendwann im eigenen Trauma fest. Such dir was anderes!
Als Lore krank wurde, war Frauke im zweiten Studienjahr.
Lass mich, Kind, ich bin nicht aus Zucker, schimpfte Lore und bat ihre Enkeltochter, sich um ihr eigenes Leben zu kümmern, nicht um mein Gewese hier. Aber Frauke erbte den Dickschädel eine Pflegekraft kam ihr nicht ins Haus. Von wegen! Willst du mich abschieben? Ich kümmer mich, basta!
So wurden die nächsten Jahre ein Dauerlauf zwischen Studium, Job, Pflege und Erziehungsstress. Ihr Vater hatte ausgerechnet jetzt wieder geheiratet, Frau samt zwei Kindern im Schlepptau Kopf in den Wolken, aber keine Ahnung vom Familienleben. So packte Frauke die Kids, Maja und Ben, ein und organisierte in der Münchner Wohnung der Oma den Alltag.
Lore wurde wieder munter und entwickelte prompt Lehrpläne: Tagesabläufe, Förderunterricht, Ballett hier, Karate da. Die Zwillinge waren so fit, dass die Grundschullehrerin den ersten Jahrgang für sie als überflüssig erachtete. Frauke bat um etwas gemäßigteres Tempo zu clever ist auch nicht optimal, Oma.
Zur Überraschung niemandes blieb das Patchwork-Familiendrama bald an Frauke hängen, und als Vater und Stiefmutter nach Hamburg ziehen wollten, stellte Frauke klar: Ihr fahrt ruhig, aber die Kinder bleiben!
Das geht doch nicht , jammerte die Stiefmutter.
Frauke trat mit einer Liste voller Termine und Anweisungen auf Trainer, Schulbücher, Tanzoutfits, Instrumentalunterricht und dem abschließenden Fazit: Teuer, aber nötig. In Hamburg findet ihrs günstiger? Viel Glück!
Ergebnis: Die Kinder blieben. Frauke begleitete sie weiterhin durch die Schule, fuhr sie zweimal im Jahr zu den Eltern an die Ostsee, fütterte dort im Winter die Schwäne, watete im Sommer durchs seichte Wasser und verliebte sich.
Sie war gerade dabei, ihre eigene Kanzlei hochzuziehen, mit den Nerven am Anschlag, als sie in der Lübecker Bucht auf den unerschütterlichen Dr. Gregor Weber, Zahnarzt, traf. Die Begegnung? Klassisch. Während sie am Strand um eine Brezel mit einem frechen Schwan rang, hörte sie hinter sich einen Mann:
Ich hab selten einen derart charmanten Vogelfluch in Latein gehört. Unbedingt weiter so!
Nach kurzem Kräftemessen um Schal und Ehre, Kaffee und Kuchen am Ufer dann samt ihrer Kids und so nahm das Schicksal seinen Lauf.
Ein halbes Jahr später folgte Gregor ihr nach München, zwei Jahre darauf kam ihre Tochter Ilka zur Welt.
Dass Ilka ein besonderes Kind war, ahnten die beiden anfangs nicht. Die Anzeichen waren diskret, aber irgendwann kam die Diagnose wie eine Abrissbirne. Gregor seufzte:
Wen interessiert das schon? Ilka bleibt doch unser wunderbares Mädchen.
Frauke vergrub das Gesicht in den Locken der kleinen Schlafmaus und schwieg. Alles Nötige war längst gesagt.
Oma Lore lebte da schon nicht mehr. Gregors Mutter weigerte sich nach der Geburt, überhaupt einen Blick auf Ilka zu werfen.
So was gabs in unserer Familie noch nie!
Frauke hörte das Gespräch zufällig erklärte, dass Schwiegermutters Hilfe willkommen, ihre Anwesenheit aber unerwünscht sei. Gregor verstand.
Die Stiefmutter bot an, die Zwillinge zu sich zu holen. Frauke fragte die beiden:
Wo wollt ihr wohnen?
Die Antwort war klar. Maja und Ben blieben, halfen im Haushalt, liebten Ilka, entwickelten sich, ihre Stundenpläne schrieben sie inzwischen selbst und Frauke wusste: Sollte ihr was passieren, wäre Ilka nicht allein.
Wenn Frauke manchmal ihre Tochter ansah, fragte sie sich, wie ihr Leben gelaufen wäre, wenn Ilka gesund wäre. Doch anstatt zu verbittern, kümmerte sie sich um all die jungen Frauen, die in ihrer Kanzlei landeten. Ihre Spitznamen verdiente sie sich durch echte Fürsorge und unkonventionelle Methoden.
Auch jetzt spähte Frauke über ihre Brille, als Sandra versuchte, den blauen Fleck am Handgelenk zu verbergen. Kinder, Kinder.
Hat er schon das Märchen vom Stern geholt?
Sandra zuckte zusammen. Wen?
Na, deinen so liebevollen Freund! Fang jetzt bloß nicht an zu lügen sonst gibts die Kündigung ohne Abfindung!
Sandra schüttelte den Kopf.
Frauke seufzte. Liebst du ihn?
Sehr. Aber ich kann nicht mehr mit ihm zusammen sein.
Und warum nicht?
Weil man das nicht verzeihen darf.
Wie kommts?
Mein Vater hat meine Mutter geschlagen. Immer. Sie meinte, das sei meinetwegen sie müsse stark sein. Aber ich weiß doch, dass das Quatsch ist. So einer ändert sich nie.
War er früher auch schon so?
Sandra schüttelte den Kopf.
Woran lags dann?
Eine blöde Computerspielerei, so eine Onlinesucht. Als der Strom ausfiel, ist er ausgetickt, hat mich gepackt und angeschrien. Ich kannte ihn so überhaupt nicht.
Und dann?
Hat er sich entschuldigt, geheult, alles. Aber ich weiß: Niemals mehr. Ich will das nicht nochmal durchmachen
Sandra stockte.
Frauke kramte einen Zettel aus ihrem Timer und schob ihn Sandra zu. Hier. Da helfen sie dir. Ein guter Verein haben schon ganz andere Typen wieder rausgeholt.
Sandra las, sah Frauke zweifelnd an.
Vertrau mir. Die nehmen sich diskret deiner Sache an. Aber: Dein Freund muss es auch wollen. Kopf hoch!
Sandra nickte, wollte gehen, aber Frauke rief ihr nach:
Und, Sandra such dir erstmal eine andere Unterkunft, ja? Du brauchst hier keine Nervenkrise. Und dein Kind ja, ich weiß braucht eine entspannte Mama.
Woher wissen Sie ?
Frauke rollte mit den Augen. Frau Schwarte ist nicht auf den Kopf gefallen! Schluss jetzt. Bring deine Akten auf Vordermann. Wenn der Haussegen wieder ein bisschen gerader hängt, klappts dann vielleicht auch im Büro, okay?
Danke. Sie warum machen Sie das eigentlich?
Ich bin ganz eigennützig, meine Liebe. Wenn bei dir privat alles läuft, klappts hier im Laden auch. Sonst brauch ich dir doch keine Unterlagen mehr auf den Tisch legen! Alles klar?
Sandra lachte. Sie lügen doch!
Natürlich und das mit Anstand. Geh, ich muss arbeiten. Berichtest dann mal, wies weiterging.
Lena wartete im Flur, hielt den Quartalsbericht parat und hätte sich fast lautstark kaputt gelacht.
Sandra, auf meinem Tisch liegen Anmerkungen zur letzten Sache. Und Frau von Falkenberg, Herr Pötter ist da. In einer Stunde hätten Sie außerdem Gericht.
Ich weiß. Schicken Sie Pötter in zehn Minuten rein und ran an die Arbeit, Goldstücke. Und vergesst den armen Gaul nicht!
Was für ein Pferd?, rief Sandra.
Das, das nie im Büro war!, prustete Lena und drückte Frauke die Akte in die Hand.
Frauke schloss die Tür, wählte Gregors Nummer und fragte:
Wie gehts Ilka? Hat Ben schon angerufen? Und Maja? Alles gut? Schön. Und nein, ich bin noch nicht fertig. Bis später, mein Herz!
Sie rückte den Bilderrahmen mit dem Foto ihrer Tochter zurecht, zog die nächste Akte näher. Etwas Zeit war noch und die To-do-Liste seufzte leise.
Ein kurzer Blick auf das Foto von Lore, das nun neben Ilkas Bild stand. Frauke nickte vor sich hin:
Ich leb noch, Mama Lore. So, wie dus mir beigebracht hast. So gut ich kann. Danke dir! Danke Noch einmal ließ Frauke den Blick durchs Büro schweifen. Draußen im Flur hörte sie das aufgeregte Tippen der Tastaturen, ein Lachen Lena, die ihre Neugier nie lange zügeln konnte , und dahinter das gedämpfte Stimmengewirr der Kanzlei. Im Fenster spiegelte sich ihre Silhouette: ein pinkes Ungetüm mit goldenem Herzen, wie Lore immer sagte.
Sie lächelte. So viel Veränderung, so viele bittere und süße Momente lagen hinter ihr, und doch hatte jeder Tag noch Überraschungen parat. Von Oma Lore die Kraft, von den Kindern das Lachen gelernt, und von all den Frauen und Männern ringsum das Vertrauen geschenkt bekommen, das mehr zählte als jeder Prozesssieg. Manchmal brachte das Leben Hochglanz und Blüten, manchmal Falten und Schrammen, aber immer mit einem Schuss Hoffnung.
Vor dem Fenster rauschte der Sommerwind durch die Münchner Kastanien, irgendwo heulte eine Sirene auf, und auf Fraukes Schreibtisch blinkte das Telefon. Sie griff lässig danach, legte die Pumps auf den Boden neben sich und murmelte, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem:
Man wächst an seinen Aufgaben. Und manchmal über sich hinaus.
Dann nahm sie das nächste Anliegen entgegen. Bereit, auch heute wieder für ihre Leute zu kämpfen, zu schimpfen, zu lachen und wie jeden Tag aufs Neue Chefin, Kollegin und Mutter zu sein.
Draußen am Himmel segelte ein Falke über die Stadt, stolz und frei. Und Frauke von Falkenberg lehnte sich zurück, schloss einen Moment die Augen und wusste: Genau das hier das war ihr Leben. Und es war gut so.



