Die armen Verwandten

Liebes Tagebuch,

heute ist wieder so ein Tag Aufräumtag bei Mama. Seit ich dreizehn bin, fahre ich einmal die Woche zu ihr nach Frankfurt und kümmere mich um die Wohnung, als wäre sie meine eigene. Damals, als Mama wieder angefangen hat zu promovieren und jede Minute am Schreibtisch brauchte, hat sie mir diese Verantwortung einfach übertragen. Ich kann mich gut daran erinnern, wie sie damals meinte, dass ein bisschen Haushaltsorganisation keinem Kind schade besonders nicht der jungen deutschen Frau von morgen. Ja, das war sie, immer mit einem Hang zum Perfektionismus.

Und wofür? Während meine Mitschülerinnen draußen im Park Seilhüpfen gespielt haben, bin ich durch unser Altbauviertel gehetzt, von der Musikschule zur Ballettstunde, habe Deutschaufsätze geschrieben und Akkorde auf dem Klavier geübt. Und jedes Mal, wenn ich dann doch mal krank wurde, was öfter passierte als Mama lieb war, empfand ich so etwas wie stille Freude. Dann konnte ich stundenlang mit Limonade und einem Buch im Bett liegen und endlich meinen heißgeliebten Tucholsky lesen, ohne dass Mama mir mit hochgezogenen Brauen erklärte: Katrin, Kultur ist mehr als Lesen! Egal, Hauptsache vielseitig gebildet!

Seit Mama mir die Wohnungspflichten übergeben hat, habe ich wenigstens ein bisschen Luft bekommen. Klar, manchmal blieb der Staubsauger mitten im Flur stehen, weil ich mit einer Goethe-Gedichtsammlung in der Hand auf dem halbfertigen Teppich versackt bin. Und natürlich hat Mama nach Feierabend regelmäßig so einen kleinen halben Nervenzusammenbruch bekommen, wenn sie über einen Putzeimer gestolpert ist: Katja, Verantwortung, mein Kind! Ich musste dann ganz schnell improvisieren und die Worte von Heine in meinem Kopf noch schnell abspeichern, bevor es weiterging.

Dazu gehörte übrigens auch, die unangemeldeten Gäste zu empfangen, die Mama immer sehr widerstrebend, aus familiärer Verpflichtung, dulden musste. Immer diese armen Verwandten! diesen Seufzer habe ich oft durch die Tür vernommen, wenn sie glaubte, ich höre es nicht.

Wenn je meine Tante Helga, die große Schwester von Mama, das gehört hätte! Sie war schon immer diejenige, die wusste, wie man für die Familie einsteht. Bei meinem sechzehnten Geburtstag Mama war, wie meistens, auf Dienstreise und hatte den Tag schlicht vergessen hat Helga mir offen die Familiengeschichte aufgetischt. Sie hat mir damals, als ich mit leuchtenden Augen eine kleine Feier ohne Erwachsene in meiner ersten eigenen Wohnung erwünschte, ein paar hundert Euro zugesteckt und mir das Versprechen abgenommen, dass ich keinen Unfug treiben würde. Du bist ja kein dämliches Gänschen, nicht wahr? Also kein Mist, Katrin! Und fall auf keinen Kerl herein! Die Jugend von heute nichts ist wie früher!

Natürlich hätte ich Helga niemals enttäuscht, schon allein, weil sie immer die einzige Erwachsene war, die mir wirklich vertraut hatte. Und als die Wohnung nach der kleinen Party blitzte wie am ersten Tag, hat Mama am nächsten Wochenende nur anerkennend genickt und wahrscheinlich damals schon beschlossen, dass ich das mit dem Putzen für immer übernehmen konnte. Zum Üben.

So wurde ich zur Hausmeisterin meines Zuhauses. Als Studentin, später als Ehefrau, bin ich weiterhin einmal wöchentlich zu Mama nach Frankfurt gefahren, Einkäufe machen und aufräumen. Die Wohnung, die einst meinem Vater und seinen Eltern gehörte, war viel zu groß für sie allein mit langen Fluren voller guter Bücher, in denen ich mich heute noch manchmal verlaufe.

Meine Oma väterlicherseits, eine Dame aus gutem akademischen Hause, hatte Mama mit viel Liebe erzogen, nachdem Mamas Mutter nach einer kurzen, komplizierten Liebe in einer ostdeutschen Kleinstadt ihre Mutterpflichten lieber ihren eigenen Eltern weitergereicht hatte. Oma hatte eine klare Meinung: Deine Familie bist du selbst, Katrin, alles andere ist Zugabe!

Vielleicht war gerade deshalb mein Verhältnis zu den vielen Tanten und Cousinen immer ein wenig distanziert, bis sich die Familienbande nach Papas Tod wieder enger zusammenzog. Plötzlich standen alle im Wohnzimmer: Tante Helga, Tante Vera aus Leipzig, Cousins, Nichten, Neuigkeiten, die bei Kaffee und Kirschkuchen ausgetauscht wurden, wie es sich für richtige Familienbesuche gehörte.

Mama, Tante Vera hat vorhin angerufen, sage ich heute, während ich ihr eine Tasse Darjeeling serviere und die Fenster putze, sie bittet, mit ihrem Enkel Niklas für eine Woche bei uns unterzukommen. Er muss zur Untersuchung in die Frankfurter Uni-Klinik. Irgendwas mit seinem Rücken… Was soll ich ihr sagen? Mama zieht die Brille ab und verzieht das Gesicht: Vera? Wieder mal? Sollen sie sich ein Hotel nehmen! Bin ich denn der Knotenpunkt im Familiennetz?

Ich kann mir ein Schmunzeln kaum verkneifen. Mama, so fürsorglich sie sein kann, wenn es darauf ankommt, hält nichts von der großen Sippe. Die Gäste sind immer zu laut, zu viel Arbeit, zu wenig Dankbarkeit.

Als ich ihr vorsichtig sage, dass sie doch jetzt Zeit hat sie ist pensioniert, hat weder einen Job noch Enkel zu betreuen wird sie plötzlich hellhörig. Katja! Wie kannst du so sprechen? Ich erzähle ihr, wie ich letzte Woche Ariane, meine Tochter, mit zum Gynäkologen nehmen musste, weil Mama keine Zeit hatte und Tante Helga nur den Kopf schüttelte: Seit wann fehlt dir das Herz für deine Familie?

Sie wird richtig zickig. Helga kann sich ja erlauben, was sie will. Sie hat immer schon das Sagen gehabt

In solchen Momenten kann ich richtig beobachten, wie verschiedene Generationen in ein und derselben Familie aufeinanderprallen wie Mittelgebirgsschichten. Ich seufze und schildere Mama, dass ich Ariane gerade deshalb Wert auf Cousins, Tanten und neue Bekanntschaften legen lasse. Sie weiß, dass Niklas, Veras Enkel, ganz hervorragend Schach spielt und tolle Comics zeichnet. Die zwei schreiben sich sogar Briefe, die Ariane sorgfältig verwahrt. Für sie ist Familie etwas Lebendiges, Buntes nicht bloß eine Fußnote im Lebenslauf.

Mama stichelt: Sie hat ihn doch zweimal gesehen! Das ist keine Liebe das ist Kinderkram. Aber ich kontere: Und ab welcher Entfernung zählt Familie dann nicht mehr? Sobald jemand auszieht oder weiter als zwei Kilometer weg wohnt? Ist es das, was du mir zeigst, Mama?

Es folgt eine lange, lautlose Pause, in der Mama auf ihren Gegenüber blickt. Ich spüre ihre Unsicherheit. Im Flur stapeln sich Einkaufstaschen, aus dem Wohnzimmer klingt gedämpft das Ticken der alten Jugendstil-Uhr. Am liebsten würde ich sie wortlos umarmen, aber ich weiß, dass das im Moment keine Lösung wäre. Stattdessen nehme ich ihren Becher und die übrige Tasse mit ins Bad, bevor ich aufbreche.

Weißt du, Mama, sage ich in der Tür, du wolltest immer, dass ich nach Regeln lebe nach deinen. Aber Familie sind komische Leute Sie bleiben. Ob man es will oder nicht. Es lohnt sich, ihnen Platz zu machen und ihnen zuzuhören, selbst wenn sie nicht immer angenehm sind. Wir sind doch mehr als Wohnung, Erbe und Goethe-Zitate!

Mama bleibt still. Später am Abend, telefoniere ich mit Helga. Ich weiß, dass sie es liebt, Großeinkäufe für alle zu planen und Tante Vera in meiner Wohnung zu begrüßen. Wir lachen über Mamas Frankfurter Hoftheater, wie wir es nennen, und besprechen, wie wir Ariane und Niklas das schönste Wochenende ermöglichen können.

Als ich nachts nach Hause komme, blättere ich im Bett noch einmal die Familienfotos durch. Ariane schläft bereits. Ich frage mich, wer für sie einmal all die Geschichten bewahren wird, wenn ich selber alt bin. Vielleicht sie selbst? Oder vielleicht wird sie weitergeben, was ich zu lernen versucht habe: Familie sucht man sich nicht immer aus man bleibt trotzdem füreinander da.

Ich glaube, ich rufe morgen noch mal bei Mama an. Vielleicht müssen wir beide lernen, Erbsenzählerei mal beiseite zu lassen und einfach zu akzeptieren, dass Liebe manchmal über volle Wohnküchen und laute Sonntage nachmittags führt.

Schluss für heute. Mein Frankfurt schläft, nur vor meinem Fenster summt noch das Großstadtleben. Ich bin gespannt, was der nächste Familientrubel bringen wird.

Gute Nacht!

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Homy
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